Glaskugel für die Bundespolitik

Die Ko-Etablierung von Karl-Theodor zu Guttenbergs Physiognomie durch das massenmwirksame RTL-Programm mit Dieter Bohlen (wie hier bemerkt) bestätigt sich im Layout von „Spiegel Online“ am 08.01.2012: In der rechten Spalte an prominenter Stelle wird zunächst Bohlen wegen seiner neuen Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“, dann zu Guttenberg wegen der rasch auf seine Flucht in die USA folgende neuerliche Andeutung einer bundespolitischen Funktion für die CSU platziert:

Screenshot: Spiegel Online, 08.01.2012

Am selben Datum präsentiert „Welt Online“ als eine der Top-Nachrichten, dass SPD-Chef Sigmar Gabriel der CDU-Bundeskanzlerin Angela Merkel angeboten habe, gemeinsam einen überparteilichen Kandidaten als Nachfolger für den angeschlagenen Budnespräsidenten Christian Wulff zu suchen. Die Bildredaktion der Website wählt dafür ein Foto, das Merkel und Gabriel gemeinsam zeigt:

Screenshot: Welt Online, 08.01.2012

Durch ihre Handgeste verweist die Kanzlerin auf ihren Nebenmann. Und sieht man sich das Binnenschema der beiden genauer an, ahnt man, dass wir hier eventuell die Doppelspitze einer großen Koalition sehen, die spätestens nach der Bundestagswahl 2013 die Regierung übernehmen wird.

Es bestätigt sich an solchen Beispielen, was Oliver Nachtwey in der „taz“ (08.01.2012) zu Slavoj Žižeks Diagnose der politischen Gegenwart referiert:

Vor ein paar Jahren hat er geschrieben, das Paradox des Individuums im liberalen Kapitalismus sei, dass uns suggeriert werde, wir hätten immer und überall die Wahl.
Doch letztendlich stünde nichts Substanzielles zur Entscheidung, wir könnten nur für Cola oder Pepsi votieren. Das gelte auch für die Demokratie, die ihrem Wesen nach heute eine „konstitutionelle Demokratie“ sei: Der Bürger habe zwar formell die freie Wahl, aber seine Funktion bestehe nur noch darin, das zu unterzeichnen, was ihm von den politischen Eliten – als Sachzwang – unterbreitet wird. Zizek ist deshalb ein Gegner der liberalen Demokratie, nicht weil sie demokratisch ist, sondern weil Demokratie nur simuliert werde.

Der Grund, warum Žižek in allen Gazetten herauf und herunter, wie leider auch hier, mit immer denselben Beispiele aus seiner Argumentation zum „Elvis der Kulturtheorie“ erklärt wird, dürfte leider auch darin bestehen, dass er sich mit konkreten Ausführung dazu, worin diese Wahl- und Alternativlosigkeit in ihrer ganzen Bandbreite besteht, zurückhält.

Update 02.02.2012: Jakob Augstein schreibt heute im „Spiegel“:

„Die SPD war in Klausur. Sitzungsthema: die Bundestagswahl im kommenden Jahr. Als die Genossen fertig geredet hatten, hat Sigmar Gabriel gesagt: „Es geht nicht um einen Wahlkampf gegen Kanzlerin Merkel.“ Nur zur Erinnerung: Der Mann ist Parteichef der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.

Update 10.03.2012: Laut „abendblatt.de“ (20.01.2012) kehrt zu Guttenberg auch 2013 noch nicht in die Bundespolitik zurück.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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