Pocher pocheri curentur

Oliver Pocher erzielt am Spätabend des 27.08.2010 mit dem Auftakt der 2. Staffel seiner Late-Night-Show die beste Quote seit April 2010 – das sind historische Dimensionen. „Quotenmeter.de“ analysiert:

Das Format, in dem gestern unter anderem Cindy von Marzahn zu Gast war, kam ab 23.15 Uhr auf 0,85 Millionen Zuschauer ab drei Jahren (5,9 %), 0,60 Millionen waren davon im werberelevanten Alter.

Das Beharren auf der Fiktion einer „werberelevanten“ Gruppe bringt immerhin eine halbe Zeile. Wieviele Zuschauer ab 3 ab 23.15 h fernsehen, überlasse ich ebenso Ihrer hoffentlich blühenden Fantasie wie die Frage, wie verdient der verhältnismäßige Quotenerfolg ist – ich habe diese Sendung nämlich nicht gesehen.

Der Zufall lässt erst um 0.24 h eine intensiv-blaue Disco-Dunstwolke auf meinem Bildschirm aufwallen – Teil der Bühnenshow Pochers, die hier in einer Aufzeichnung von 2007 unter dem Titel der entsprechenden DVD-Edition als „It’s my life – Aus dem Leben eines B-Promis“ zu sehen ist.

Was dann folgt, lässt sich festhalten als eine Momentaufnahme der Beziehung von Performer und Publikum, von der sich in den nächsten Monaten als Quote der „Oliver Pocher Show“ deutlicher zeigen wird, wie haltbar sie noch ist.

Das Programm – wie in einer halben Stunde mit Werbeblock gesehen – besteht aus sehr klein portionierten Imitationen von Bühnen-Acts wie Michael Jackson oder Bon Jovi, bei denen außer einer hier und da gespielten Ungeschicklichkeit keine nennenswerte Veränderung des Originals zu erkennen ist. Das vorwiegend junge Publikum scheint aber schon auf einen erhöhten Lautstärkepegel plus Lichtorgel prinzipiell mit Johlattacken zu antworten.

Den Rest versucht Pocher mit den von ihm gewohnten selbstherrlichen Impromptus aus Mediensozialisation und verfrühtem Ruhm zu bestreiten. Hier bestätigt sich der Eindruck homöopathischen Schwachsinns, der das Gift mit einem Quantum desselben bekämpft, auch wenn dies nicht zur expliziten Selbstdarstellung gehört – similia similibus curentur, quod est demonstrandum.

Diese Lesart wird z. B. dadurch bestärkt, dass der Comedian sich halb unterschwellig schon selbst als Opfer jener Kultur geriert, in der er reüssiert: „Aber ich hatte wirklich ’ne sehr, sehr schöne Kindheit. Ich hab da vor allem Fernseh gekuckt. Ja – jetzt nicht viel, aber ich sag mal so 12, 13, 14 Stunden am Tag. Da war ich ruuuhich …“ In diesem Fall bemerkt das Publikum auch, dass es sich eigentlich nicht um einen Gag handelt. Die Ahnung, dass das Thema im Ganzen betrachtet recht ernstzunehmen wäre – das Stillstellen vor dem Bildschirm hat ja vermutlich auf der anderen Seite bei Kindern auch Verhaltensstörungen wie Hyperaktivität zur Folge – beschleicht die Zuschauer vielleicht für eine halbe Sekunde.

Dann verabreicht Pocher als dramaturgische Beruhigungspille wieder offensichtlichere Anlässe, sich wohlig zu kringeln, indem er TV-nostalgisch auf Titelmelodien von Kinderserien anspricht und das Publikum animiert, ihm ihre Favoriten aus der Kinderzeit zuzurufen.

Ein weiterer Möchtegern-Sketch ist zuvor die Parodie der Lernmethoden an Waldorf-Schulen. Pocher summt verträumt und spielt mit wogenden Armen einen Baum etc. Derlei ist schon seit Jahrzehnten ein gern genommenes Sujet kommonsensualer Komik und erfährt hier erwartungsgemäß keine rühmliche Neudefinition. Bemerkenswert daran ist, dass zu Pochers Lebenslauf der Besuch einer Waldorf-Schule zählt.

Die beiden letzten inhaltlichen Aspekte und die reflexhaften Lachsalven des Publikums rufen den für die Pocher-Welt charakteristischen bittersten Beigeschmack hervor. Was in ihnen verhandelt wird, gehört kulturell zu den schlimmsten Nebeneffekten einer Wohlstands- und Technikkultur. Man muss nicht lange suchen, um solche Diagnosen nachzulesen – etwa hier bei dem Professor für Zoologie, Ökologie, Naturschutz und Umweltbildung Herbert Zucchi:

Heute verbringen Kinder einen erheblichen Teil ihrer Zeit in der Wohnung, überwiegend in ihren Kinderzimmern. Dort ist Platz sparendes, leises, körperloses Spielen gefordert. Der Körper mit all seinen Sinnen als Mittel kindlicher Welterfassung und unmittelbarer Erfahrung wird zunehmend aus dem Lebensalltag verdrängt. Vorgefertigtes Spielzeug im Überfluss, in immer neuen Varianten angeboten und schnell vom nächsten abgelöst, drängt sich auf penetrante Weise in das Leben unserer Kinder – vielfach deklariert als ‘pädagogisch wertvoll’. Diese Überfrachtung mit Materiellem – Pokemons und Digimons mögen stellvertretend dafür stehen – schränkt die Phantasie und Kreativität der Kinder ein. Weiterhin unterliegt die Welt der Kinderzimmer einer immer stärkeren Mediatisierung: Medien wie Fernseher, Video, Computer, Walkman, CD- und Kassettenrecorder entführen Kinder in eine Kunstwelt, sie leben ein ‘Leben aus zweiter Hand’. Die Wirkung des eigenen Handelns wird vorwiegend durch die Betätigung von Tasten, Hebeln und Knöpfen erfahren. Diese „Medienkindheit“, wie Textor (1996) sie nennt, führt zu einer Überflutung mit optischen und akustischen Reizen, andere Sinnesbereiche werden kaum stimuliert, was einen Verlust an unmittelbaren körperlich-sinnlichen Erfahrungen mit sich bringt. Dabei geht es übrigens nicht um die generelle Verteufelung dieser Medien, sondern um die Kritik an deren immer dominierender werdenden Rolle.

Es ist eine Zerstörung von existenziellen, unmittelbaren und gesunden Erfahrungen, für die eine zunehmend von privatwirtschaftlichen Ausbeutungsinteressen bestimmte Sozialisation von Kindern und Jugendlichen steht. Oliver Pocher, den ein ‚gebildetes‘ Feuilleton nie gemocht, aber ebensowenig je gründlicher analysiert hat, um den Umgang mit dem Erwerbsmodell, für das er steht, tatsächlich zu verändern, ist ein Symptom dieser Zerstörung – von Geschmack, von Umgangsformen, von Wahrnehmungs- sowie Urteilsfähigkeit und selbst von Satire. Was gezielte Grenzüberschreitung sein müsste, ist bei ihm stets stereotype Ausfälligkeit. Wo gelungene Komik eine Wesentlichkeit auf anderer Ebene reflektiert, gibt es bei ihm nur semiprofessionelles Nachäffen. Der Vermarktungsmechanismus besteht u. a. darin, dass seine Zielgruppe ein jüngeres Publikum ist, das ihn dadurch als einen der ihren erkennen und konsumieren soll. Bisher ist ihm dies immer wieder gelungen.

Dabei ist ihm nicht vorzuwerfen, dass er um Zuneigung buhlte. Die unlaunigste Behandlung beim Streunen durch die ersten Sitzreihen des Saalpublikums erfahren Mädchen mit einem selbstgemalten Plakat, auf dem u. a. der Slogan „Olli 4ever – Du bist der Beste“ zu lesen ist. Eine Mutter und ihre zwei Töchter (15 und 12 Jahre alt) überrumpelt Pocher mit anzüglichen Anspielungen. Ebenso verhackstückt wird ein Pärchen in den 30ern, dessen männlichen Part der Moderator erst in eine peinliche Situation bringt, dann aber gar nicht zu Wort kommen lässt und dessen weibliche Hälfte er noch von der Bühne herab als promiskuitives Luder karikiert. Die aus den beiden unfreiwilligen, anonymen und dabei zahlenden Gratis-Akteuren herausgelockte romantische Erinnerung an ihr Kennenlernen auf einer Kirmes wird von Pocher öffentlich zur schnöden Beliebigkeit einer Sexbekanntschaft zertrampelt.

Wenn dies etwas belegt, dann weniger eine Könnerschaft des Possenreißers denn eine mindere Wertigkeit der von ihm geprägten TV-Trends. So sehen es wohl konservative Betrachter. Und ebenso wie die Waldorf-Pädagogik steht zu Pochers Praxis seine Herkunft aus dem Milieu der Zeugen Jehovas im krassen Widerspruch. Wenn Waldorf-Lehrer oder religiöse Puritaner zeigen wollten, wie man es nicht machen sollte, wäre der Name dieses Programms Oliver Pocher.

Man wird also in näherer Zukunft mitverfolgen können, ob dieses homöopathische Prinzip halber Fertigkeit und dreister Egozentrik als Kur derselben taugt. Sat1 sei Dank.

Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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