Sail away auf einem Meer aus Lügen

Als Programmtip aus dem Archiv der letzten Tage (gefunden via www.videogold.de) sei hier die „Panorama“-Reportage „Das Lügenfernsehen“ von Anja Reschke empfohlen:

Auf meedia.de klärt Stefan Winterbauer am 08.07.2011 hinwiederum darüber auf, dass auch der Umgang des NDR-Magazins von bestimmten Interessen – nun eben jenen, das Privatfernsehen bloßzustellen – geleitet sei. Winterbauer sieht hier „eher überschaubare Enthüllungen“.

An dieser Schraube können wir genüßlich noch etwas weiterdrehen: Herrn Winterbauers Beitrag nämlich wirkt schon eher so, als wollte man bei meedia.de die Bewusstseinsbildung beim breiteren Publikum, wenn sie denn einmal befördert wird, durch etwas lässiges Wissen-wir-doch-alles-schon ausbremsen. (Auf demselben Portal geht das manchmal auch nach dem Prinzip So-schlecht-ist-es-doch-auch-nicht, wie hier in meinem Kommentar bemerkt.)

Was Winterbauer als Enthüllung „eher überschaubar“ findet, ist in Reschkes Bericht nach Tests mit Zuschauern jedoch statistisch etwa der Hälfte der Konsumenten unbekannt – das erwähnt er seinerseits wieder nicht. Und wenn Top-Politiker schon nichts über die Realität der Massenmedien gewusst haben wollen (s. u.), warum dann nicht über sie berichten? Wenn dann nicht falsch berichtet wird, erübrigt sich doch Kritik an dieser Stelle, wenn sie nicht aus anderen Gründen bezahlt wird – und auch dann erübrigt sie sich für alle, die nicht selbst daran verdienen.

Winterbauers Enthüllungen über die enthüllende Anja Reschke sind, wie er selbst zu ihr bemerkt, denn recht überschaubar. Falschdarstellungen gibt es gegenüber der allgegenwärtigen Lügenästhetik bei RTL oder Pro7 jedenfalls keine. Anja Reschke hat einen früheren Bericht überarbeitet und dabei ein veraltetes Thema (Fälschungen des TV-Journalisten Michael Born) und ein Interview mit einem Produzenten herausgenommen, der auch für den NDR liefert. Ändern tut das an der Aussage und dem Realitätsgehalt dieser Reportage wohl nichts.

Dann mokiert sich Winterbauer, der Bericht sei „angereichert mit Interviews von alten Männern (der frühere Postminister Christian Schwarz-Schilling und der medienpolitische Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion Wolfgang Börnsen)“, deren „Antworten […] man sich denken“ könne. Gegen die Auswahl dieser Personen spricht nun gar nichts – historisch Verantwortlicher für die medienpolitische Umsetzung des „Kabelfernsehens“ und aktueller Medienbeauftragter. Wo sieht Stefan Winterbauer da die Alternative – vorher seitens des NDR Bill Kaulitz zum medienpolitischen Sprecher der Union machen, um dann nicht „alte Männer“ interviewen zu müssen?

Das Interessante beim Ansehen ist, dass die Art und Weise, wie etwa Schwarz-Schilling – obwohl vom Prinzip ‚Private‘ nach wie vor überzeugt – sich über seine eigene Hinterlassenschaft an einem Beispiel aus „Mitten im Leben“ (RTL) echauffiert, selbst schon wieder scripted wirkt. (Es ist exakt derselbe Effekt, der bei der Konfrontation des Wirtschaftsministers a. D. Wolfgang Clement, SPD, eintrat, als ihn Markus Breitscheidel mit der Realität von Leih- und Zeitarbeit vertraut machte – so hat man sich das nicht vorgestellt, aber nachhaltig politisch umgesetzt. Hier auf „YouTube“ zu sehen.) Börnsen begann angeblich, nach dem Interview mit Reschke mahnende Briefe an Ministerpräsidenten zu schreiben, weil er nun gelernt hatte, was Scripted Reality ist. Da ist man in der Medienpolitik also schwer auf Draht.

Ich finde, die Reportage funktioniert schon ganz gut, und der „Zynismus pur“, den auch Winterbauer bemerkt, ist nachdrücklich dokumentiert. Die psychosoziale Wildwest-Mentalität, die sich da hinter so mancher halbstudierter, aber bestens bezahlter Hornbrille verbirgt, wird uns weiterhin zu schaffen machen. Und so lustig sind CDU-Comedians, die ihnen den Weg bereiten, dann auch nicht, dass sich das Spiel dafür lohnte.

(Das Buch „Glotze fatal“ enthält einige Fallbeispiele aus der Scripted-Reality-Praxis, so auch aus „Mitten im Leben“.)

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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