Die, äh, Bildung (kein Zahlenspiel)

An der „tagesschau“ selbst liegt’s nicht: Sie vermeldet am 27.06.2011 „Nachwuchsmangel“ in der „Wirtschaft“ (und meint damit wohlgemerkt die Arbeitswelt). Es seien 40.000 Ausbildungsplätze unbesetzt. Der Off-Kommentar von Daniel Satra referiert, „rund 20 % der Schulabgänger seien gar nicht ausbildungsfähig“.

Das Thema ist alles andere als neu. Wir hatten es letztes Jahr schon hier, hier und hier. Seitens der politischen Szene i. w. S. ist man jedoch scheinbar der Weisheit: Was sich lange nicht ändert, obwohl es schlecht ist, wird vielleicht doch endlich gut. (Vorausgesetzt, man hofft überhaupt, dass es gut werde.)

Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) setzt in der „tagesschau“ neue Maßstäbe in Pragmatismus, wenn sie dazu rät, Schulabsolventen auszubilden, „deren Schulzeugnis vielleicht nicht gut ist.“ Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des „Deutschen Industrie- und Handelskammertages“, hingegen reagiert mit einer Mischung aus Kostenersparnis und Realismus:
„Am Ende brauchen wir, das muss man einfach sagen, bessere Schulen. Wir müssen uns einfach als Gesellschaft da mehr ins Zeug schmeißen. Und das gilt für die Eltern wie für die Schulen wie für die Kindergärten.“

Wansleben liegt damit voll im Trend, wenn man solcher Meldung vom 16.06.2010 glaubt:

Nach Hessen und Schleswig-Holstein setzt jetzt offensichtlich auch Niedersachsen den Rotstift beim Bildungsetat an.

Also, Eltern zugehört. Eltern? Hallo, Eltern …!

Ja, wo sind sie denn? Mal sehen, wo sie sich in der Altersstruktur der „tagesschau“-Zuschauer verstecken könnten. Martin Gartzke, NDR-Sprecher, macht in einer Pressemeldung vom 01.03.2011 die „Klarstellung: ‚Tagesschau‘ unverändert auf Erfolgskurs“. Aber auch „vielleicht nicht gute“ Noten in Mathematik sollten nicht daran hindern, im zweistelligen Bereich zu kalkulieren:

Im Monat Januar 2011 erreichte die Tagesschau um 20 Uhr pro Ausgabe sogar 10,35 Millionen Menschen, im Februar 2011 waren es mit 9,98 Millionen fast ebensoviel.
Bei den 20- bis 59-Jährigen fällt der Abstand noch deutlicher aus. Die Tagesschau erreichte im Februar 2011 in dieser Altersgruppe einen Schnitt von 3,73 Millionen Zuschauern […].

Von den „20- bis 59-Jährigen“ dürfte ein gewisser Anteil sich als „Eltern“ mit Kindern, für deren Berufsbildung Grundlagen geschaffen werden sollen, angesprochen fühlen. Nimmt man dafür einmal das Kindesalter von 0-15 an, gibt es laut „Bundesamt für Statistik“ 2009 von diesen 11.022.600. Für 2007 wird die Zahl der minderjährigen Kinder pro Familie mit durchschnittlich 1,64 angegeben. Daraus resultiert eine ungefähre Zahl von 6,8 Mio. Familien mit Kindern dieser Altersgruppe, dementsprechend 13,6 Mio. Elternteile (selbst kinderlose Erziehende sind hier nicht mitgerechnet). Die Zahl der Menschen von 25-65 Jahre lag 2009 bei 44,6 Mio. Von diesen sind also 30,5 % Eltern mit ‚Kindern vor der Ausbildung‘.

Setzen wir der Rechenbarkeit halber die „20- bis 59-Jährigen“ der „tagesschau“-Zuschauerstatistik mit den 25-65jährigen aus der Gesamtbevölkerung gleich, so würde dieser Anteil bei 3,73 Mio. Zuschauern dieser Altersgruppe 1,14 Mio. zusehende Eltern bedeuten. Von den Eltern wären dies dann wiederum 8,4 %.

Wenn wir also von Kommunikationssystemen sprechen, müssten wir uns fragen, über welche Wege jene ca. 91,6 % der erziehenden Eltern, die eine solche „tagesschau“-Nachricht nicht sehen, sonst von dem Problem erfahren. Dabei können wir hier nicht mutmaßen, inwiefern ihr soziales Umfeld in Beruf und Privatleben dazu beiträgt. Aber auch die Themen von realen Gesprächen sind ja zu einem bedeutenden Teil davon abhängig, worüber in Massenmedien berichtet wird.

Nun ja, es gäbe da noch das Internet. Über die Zahl derer, die Kinder von 0-15 Jahren haben und „Telepolis“ lesen, spekulieren wir hier einmal nicht. Dort könnten sie heute lesen:

Da bis zu 76% der Studenten mit Migrationshintergrund nach ihrem Studium Deutschland ebenfalls verlassen wollen oder dies zumindest in Betracht ziehen (bei den Deutschen sind es 60%), scheint es fraglich, ob die Anwerbeversuche von Bundesregierung und Industrie für ausländische Fachkräfte hier nicht ins Leere greifen.

Da können wir uns also wenigstens bei denen, die schon und noch hier sind, bis zum Studienabschluss in der Möglichkeit wiegen, dass sie dableiben. Oder wir laben uns an jener von der „Zeit“ (17.11.2010) kolportierten frohen Botschaft Kristina Schröders, „dass trotz der Krise 2009, die viele Menschen verunsichert hat, die Geburtenrate nicht drastisch abgesackt ist“, aber unverändert niedrig bleibt, sowie dass „die Pflege alter Menschen durch ihre erwachsenen Kinder ‚zu einem großen familienpolitischen Thema der Zukunft‘“ werde. Ich will Spaß!

Aber Spaß haben wir ja eigentlich schon. Denn in der „tagesschau“ verkündet Klaus Hupfeld, Geschäftsführer des „Backrings Nord“, stellvertretend für die Arbeitgeber: „Die geburtenschwachen Jahrgänge kommen jetzt.“

Der nächste Tag bringt in der „tagesschau“ dann nochmal von der Leyen im pinken Jackett. Sprecher Marc Bator kündigt den Bericht von ihren Bemühungen darum an, „wie mehr Bedürftige erreicht werden können“ – diesmal mit dem „Bildungspaket“ für Kinder von Hartz-IV-Empfängern. Off-Kommentar von Bettina Scharkus: „Nicht einmal für jedes dritte bedürftige Kind wurde bisher ein Antrag gestellt.“ Von der Leyen spricht dann von einer „wissenschaftlichen Studie“, die über die Gründe für dieses Desinteresse bei den Bedürftigsten Auskunft geben soll. Und sie sieht offenbar noch mehr Einsparpotenzial, indem Sozialarbeiter bei einem Extra-Besuch Hartz-IV-Empfänger daran erinnern sollen, das „Bildungspaket“ für ihre Kinder auch tatsächlich zu beantragen. Damit steht sie natürlich in vollem Einklang mit dem Grundsatzprogramm ihrer Partei:

Die CDU vertraut auf die Fähigkeit der Menschen, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln. Politik soll diese Eigenverantwortung und damit das Prinzip der Subsidiarität im gesellschaftlichen und politischen Leben fördern.

Fazit: Soviel Konsequenz, soviel differenziertes und zukunftsweisendes Wissen um den Aufbau der Welt war nie. Endlich haben Politiker erkannt, wie die Wahrnehmung ihrer Schützlinge funktioniert. Mutig stellen sie sich der Herausforderung, auch unbequeme Themen anzusprechen. Da könnte man dann endlich einmal richtig sparen – an weiteren Ideen à la „Bauer sucht Wiederholungstantieme“ oder „Mutter, der Mann mit ‚Brisant‘ ist da“.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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