Sozialporno und Elegie – Fernsehen vor und nach dem Leben

Der Abend des 30.05.2011 versammelt zwei Beispiele, wie im Programmschema von TV-Sendern mit existenziellen Themen umgegangen wird. In diesem Fall sind es die ungleichen Wettbewerber RTL2 und ARD, die am Beginn sowie am Ende des Lebens ansetzen.

RTL2 veranstaltet derzeit wöchentlich montags um 20.15 h ein Reality-Doku-Format: „Die Teenie-Mütter“. Dieses Konzept verspricht also von vornherein das gewünschte Skandal-Potenzial. Junge Mütter! Prekäre Einkommenssituation! Konfliktgeladene Beziehungen! Anpassungsschwierigkeiten im jungen Erwachsenenleben! In einem der reichsten Länder der Erde sind das zwar alles keine wirklichen Probleme, doch das Vergrößerungsglas der Reality-Dramaturgie macht garantiert aus jedem Behördengang einen möglichst großen Elefanten.

Hier wie in anderen Beispielen aus dem mittlerweile langjährigen Trend zum „Reality-“ bzw. „Scripted-Reality-TV“ liegt das Problem wesentlich in zwei Faktoren: Eignung zur Bebilderung und, z. T. damit verbunden, Bereitschaft zum Abgebildetwerden.

Vor der Kamera tauchen junge Frauen sowie meistens ihre Mütter auf, die sich durch den Besuch des Kamerateams ein paar Dollars verdienen möchten. Das schränkt den Kreis der abgebildeten Personen auf Personen ein, die dringend ein paar Dollars brauchen. Dies ist der erste Rückkopplungseffekt: Die gezeigte „Reality“ fokussiert sich Pi mal Daumen auf eine Gruppe, die für die Zielgruppe des Senders konstitutiv ist. Menschen mit vergleichbarer Einkommenssituation, aber geringerer Bereitschaft, sich im TV öffentlich bloßstellen zu lassen, tauchen nicht auf; ebensowenig also auch Umgangsweisen mit der Lebenssituation ‚Junge Mutter‘, die mit anderen Lebensentwürfen einhergehen.

In der Folge am 30.05.2011 hat dies erwartungsgemäß die Auswirkung, dass beide „Teenie-Mütter“ keinen Partner an ihrer Seite haben. Der eine hat bei einem einzigen Wiedersehen nach drei Jahren mit derselben jungen Frau erneut ein Kind gezeugt und sich anschließend erneut aus dem Staub gemacht. Das erste Kind der beiden lebt bei einer Pflegefamilie; dieses Neugeborene will die Mutter nun selbst aufziehen – ohne den Vater. Bei der zweiten Kandidatin hat sich der Erzeuger zwar nach dem Geburtstermin erkundigt, doch aufgrund der ihm peinlichen Anwesenheit von Mutter und „Patenonkel“ bei der Geburt bleibt er selbst dieser fern.

Der Off-Kommentar dichtet der zweiten Kandidatin dann noch eine Verliebtheit in den „Patenonkel“ an – was sie selbst in Interview-Passagen nicht bestätigt. So wird hier eine Innenperspektive der Person eingenommen, die definitiv Intimitätsgrenzen überschreitet und dabei ein Spannungsmoment züchtet: Wird er doch noch mehr als ein Patenonkel? Das Peinliche bis Geschmacklose ist, dass hier Millionen unbeteiligter Zuschauer über eine private Situation aus Sicht der Frau angeblich schon mehr wissen als der betroffene männliche Part. Wir werden aufgrund eines solchen Wissens virtuell zur ‚besten Freundin‘ und zugleich ans Fremdschämen gewöhnt.

Der Rückkopplungseffekt dürfte eine Problemverstärkung nach sich ziehen: Schwangerschaften erscheinen grundsätzlich als Problem – und sollten vermieden werden, wenn man nicht dieselben Situationen erleben möchte wie die „Teenie-Mütter“.

In der ARD folgt um 22.45 h dann eine Ausgabe der Talkshow „Beckmann“. Hier wird dem seit Jahren prominenten Thema ‚Sterbehilfe‘ nachgegangen. Eine betroffene Tochter hat mit ihrem Anwalt vor dem Bundesverfassungsgericht nach Zermürbungen einen späten Sieg errungen. Ein Mediziner spricht sich aus eigener Erfahrung ebf. gegen überzogene Gerätemedizin aus. Ex-„Tagesschau“-Sprecher Wilhelm Wieben stellt eine Initiative gegen Einsamkeit im Alter vor.

Das Thema wird in einer zunehmend überalternden Gesellschaft in der Tat immer virulenter. Fernsehsendungen der Genres Doku und Talk breiten gern jene elegische Stimmung aus, die diese Fragestellung umgibt: ausweglose Situationen, schwere Gewissenskonflikte, tiefe Emotionen, letzte Treuebeweise, Jenseitshoffnung.

Zu beiden Themen, ‚Junge Mütter‘ wie auch Sterbehilfe, wären ganz andere Perspektiven möglich. Sie würden freilich nicht der allgemeinen Tendenz ‚Emotionalisierung‘ zuträglich sein. Sie würden anders fragen: Wer? Warum? Wie? Nicht: Jetzt, wo nichts mehr zu ändern ist, geht’s doch irgendwie noch?

Neben manchen Denkfaulheiten sowie quoten- und deshalb werberelevanten Skandal- und Heulsusen-Rezepturen besteht ein Grund dafür, nicht so vorzugehen, in den voraussichtlichen Antworten auf solche Fragen. Könnte man da in kulturellen Bedingungen für bestimmte Verhaltensweisen wie Vaterflucht möglicherweise Ideologien wiedererkennen, die das TV-Programm selbst gedeihen lässt? Wer seine Jugend über mit Charlie Sheen und vergleichbaren Ulknudeln zugeschnürt wird, ist auf solch eine Nachricht nicht eben gut vorbereitet, sondern wartet auf den nächsten Lacher vom Tonband. Wenn der nicht auftritt, kann man schonmal irritiert sein.

Quälende Agonien im Pflegemilieu haben wohl in vielen Fällen mit Möglichkeiten der Pharmazie und Gerätemedizin zu tun. Laut Peter Sawicki, Chef des „Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen“, ist dem so:

Wir geben viel Geld für die Diagnostik aus, für die neuesten Geräte und für Medikamente. Der Mensch scheint weniger wichtig. Bei der Pflege zum Beispiel sind wir sehr sparsam. Wir bezahlen eher die Pillen als die Menschen. Übrigens: Auch die Patientenverbände sind sehr fixiert auf Medikamente und Geräte.

(Hier oder hier mehr zum Thema.)

Werden wir bald einmal einen Reinhold Beckmann sehen, der Vertretern von Chemie-Industrie und Medizintechnik gegenübersitzt und gewohnt pulsschonend fragt: „Könnte es denn sein, dass Sie da doch so ein bisschen aus dem Blick verloren haben, was Leben eigentlich ist? Und entschuldigen Sie, dass ich das so direkt frage: Ist da nicht auch in den letzten Jahrzehnten von Ihnen ein gaaanz klein wenig Einfluss auf die Gesundheitspolitik und die Ärzteschaft genommen worden, um Ihre Gewinne zu erhöhen?“ – Nein, das wird man hier wohl nicht hören. In anderen Talkshows oder Dokumentationen wäre dies möglich und kommt vereinzelt vor. An der Gesamttendenz ändert es offenbar nichts. Denn allemal beliebter sind neben „Beckmann“ noch TV-Serien wie die ARD-Produktion „In aller Freundschaft“, die selbst Skandale wegen Schleichwerbung für die Pharma-Industrie hervorbrachte. Und Entwicklungen, die menschliche Beziehungen zersetzen, Leiden produzieren und auf Kosten des Einzelnen und der Sozialhaushalte kommerziell ausbeuten, schreiten weiter voran.

Die demografische Entwicklung – eigentlich das vordringlichste Thema neben Ökologie und Staatsverschuldung – gibt für Programm-Macher nichts mit Teenie-Müttern und Koma-Patienten Vergleichbares her: Die Betroffenen wollen nicht selbst reden, und andere dürfen aus Gründen des Persönlichkeitsrechts auch nicht drüber quatschen. Also wird geschwiegen – kurzfristig angenehmer für die meisten und gewinnträchtiger für Einzelne ist es allemal.

Obenauf tummeln sich DINKs – Double Income No Kids. Sie saugen sich erfolgreich an den offenen Stellen im Kreislauf der Emotionen und des Kapitals fest und pumpen ihre Speicher voll. Vom Programmangebot mit schwangeren Hartzerinnen bis zum Melotainment mit Herz-Lungen-Maschine geht da immer noch Einiges. Auf der Kinoleinwand gedeihen derweil die Tumore prächtig (in Cannes unlängst hier oder hier); das nächste Wachkoma-Drama (nach dem Klassiker zuletzt hier, hier oder hier) kommt bestimmt. Christiane Peitz weiß im „Tagesspiegel“ (12.05.2011), ebenfalls vom Filmfestival in Cannes, zu berichten:

Jugend ohne Zukunft: Kaum dass ihr Leben so richtig beginnt, sind die Protagonisten all dieser Filme vom Tod umfangen. Skelette klappern, Geister spuken; kein Zufall, dass in gleich zwei Filmen Halloween gefeiert wird.

Da bleibt das TV-Programm ganz konsequent. Denn vom Leben dazwischen, davon wollen einige zu sehr profitieren, als dass davon erzählt werden dürfte. Gelebt wird. Irgendwie. Noch.

Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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