Warum man Cross Border Leasing besser lesen als gucken kann

Die Berichterstattung und Meta-Berichterstattung muss so hartnäckig bleiben wie das Problem selbst: Finanzwirtschaft ist in diesen Zeiten eine stark ausdifferenzierte, sich schon in ihrer eigenen Sprache immunisierende gesellschaftliche Funktionseinheit, die nichtsdestotrotz jeden betrifft, der Geld verwendet und an Sozialsystemen partizipiert. Und neben anderen strukturellen Zusammenhängen hat das, was im Strohfeuer von Zeter und Mordio in „Finanzkrisen“ Zeilengeld hergibt und dann wieder im Orkus verschwindet, einen solchen Zusammenhang mit dem Mediensystem und also der fatalen Seite des Fernsehens.

Schön deutlich macht dies ein Interview mit dem Publizisten Werner Rügemer im Online-Magazin „Harte Zeit“. Die Ungeheuerlichkeiten, die hier verhandelt werden, tauchen in zu geringem Maß in „Massenmedien“ bzw. solchen, die die „Masse“ wirklich erreichen können, auf. Und dies verhält sich so, weil erstens die Sachverhalte eine Komplexität erreichen, die Günther Jauchs Frisur übersteigt, und zweitens … Ja – was?

Vielleicht zunächst ein Beispiel aus dem interessanten „Harte Zeit“-Interview mit Werner Rügemer. Es betrifft ein Finanzierungsmodell, durch das u. a. deutsche Kommunen wichtige Infrastrukturen veräußern und auf lange Sicht zurückmieten:

Cross Border Leasing ist ein “strukturiertes Finanzprodukt”, das zur Gruppe der Asset Backed Securities gehört.

Wir erinnern uns daran, dass dies auch in einem verhältnismäßig bekannten Film wie Erwin Wagenhofers „Let’s Make Money“ (A 2008) thematisiert wird. Aber der wird ja nicht so oft wiederholt wie „Two and a Half Men“.

Rügemer dröselt im Interview auf, welche Personenkreise an diesen zweifelhaften Geschäften nennenswert verdienen – ein Spiel jenseits der Öffentlichkeit. Und dass dem so ist, hat mit der gegenwärtigen Ausrichtung der journalistischen Gewerbes zu tun:

Dutzende Städte in Deutschland und Westeuropa haben solche Transaktionen gemacht. Erst nach langen Recherchen kam ich dahinter, um was es eigentlich ging. Alle Medien wie der Spiegel, die Süddeutsche Zeitung und die öffentlich-rechtlichen Sender, also auch diejenigen, die als “kritisch” gelten und ungleich mehr Recherchemöglichkeiten haben als ich, glaubten jahrelang den Erklärungen der Stadtverwaltungen.

Rügemer nennt auch konkret verantwortliche Akteure auf dem Finanzmarkt, die an der Durchführung von „Cross Border Leasing“ beteiligt sind. Dass mit einer Bank und einem Autohersteller potente Werbekunden involviert sind, stützt das Argument zur Mitverantwortung von Medien:

Arrangeure waren in Deutschland übrigens vor allem die Deutsche Bank, Daimler Chrysler Financial Services und die australischen Banken Macqarie und Babcock & Brown. Und wir stoßen bei Cross Border Leasing auf weitere typische Merkmale neoliberaler Finanzpraktiken. Da ist erstens die Desinformation der Öffentlichkeit, verbunden mit absoluter, strafbewehrter Geheimhaltung.

Solche Praktiken führen in der Nachbetrachtung durch die Gesellschaft, in der sie stattfinden, dann zu vorläufigen Resümees wie jenem, das die „Wikipedia“ zum Stichwort aufführt:

Die mit den Fragen des Cross-Border-Leasing zusammenhängenden strafrechtlichen Fragen sind bis heute ungeklärt. Untersucht werden die bisherigen Konstruktionen in erster Linie unter dem Gesichtspunkt der Untreue (§ 266 StGB), begangen durch die staatlichen und kommunalen Entscheidungsträger, die die Verantwortung für die geschlossenen Verträge tragen.

Wir wünschen also dem Publikum für die Beibehaltung der Loyalität etablierter Presseorgane zu diesen Verhaltensweisen noch recht viel Freude – oder man fragt sich doch noch einmal, wieso es Rundfunkstaatsverträge mit solchen Formulierungen gibt:

Berichterstattung und Informationssendungen haben den anerkannten journalistischen Grundsätzen, auch beim Einsatz virtueller Elemente, zu entsprechen. Sie müssen unabhängig und sachlich sein. Nachrichten sind vor ihrer Verbreitung mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf Wahrheit und Herkunft zu prüfen.

Dies trifft jedenfalls, wie man sieht, allzu oft bei näherem Hinsehen (und mehr Vorkenntnissen zum gegebenen Thema, als der Sendeplatz erlaubt) sowie im Verhältnis von Berichterstattung und der Nachhaltigkeit und Wichtigkeit von Ereignissen nicht zu.

Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

1 Antwort

  1. Erich sagt:

    Toller Beitrag. Würde gern mehr Beitraege zu der Thematik sehen. Freu mich auf die naechsten Posts.

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