Slavoj Žižek über #Flüchtlingskrise, #Islam und #Multikulturalismus

Manche Systeme sind ebenso wie manche (oder die meisten) Menschen nicht lernfähig ohne schmerzhafte Erfahrungen. Von der Wiederkehr des Realen ist in postmoderner Philosophie reichlich bramarbasiert worden. Die Flüchtlingskrise ist solch eine Wiederkehr, oder besser der Eintritt eines Realen. Ihre Ankunft ist ja nur insofern eine Wiederkehr, als manche politischen und wirtschaftlichen Fernbeziehungen sich zu einem Bumerang entwickeln. (Wobei es sich dabei eher um Kriegstreiberei in einem ohnehin kriegerischen Umfeld handelt, was Länder des Nahen Ostens betrifft.)

In dem Ausschnitt eines größeren Vortrags äußert sich der slowenische Philosoph Slavoj Žižek dazu. Natürlich fordert den politischen Kommentator die aktuelle Situation neuerlich heraus, daran seine Begriffe zu erproben:

Ich kann hier aus Zeitgründen nicht alles auseinanderpflücken, was ich daran bemerke. Es wäre eher ein ganzes Forschungsprojekt vonnöten, um Žižek aufzuarbeiten – da wäre vielleicht eine ganze Schneise der Verwüstung zu dokumentieren. Ich habe einige seiner psychoanalytischen und kulturpsychologischen Argumente immer wieder erhellend und zutreffend gefunden. Aber vielleicht ist das nur der Köder. Vieles vom Rest ist Verwirrung.

Und vielleicht zeigt sich dies in der unmittelbaren Gegenwart nun noch deutlicher als bisher. Denn etwas, wovon Žižek zuvor immer wieder theoretisch gesprochen hat, tritt in der Realität auf. Doch es ist immer noch ein Unterschied, ob man darüber wiederum theoretisiert oder ob man an der praktisch-politischen Realität teilnimmt, willentlich oder unausweichlich, und/oder dazu konkret argumentiert.

Was Žižek seinen Zuhörern hinwirft, sind eigentlich nur Bruchstücke, die teilweise relevant sind und dabei vieles vom Gesamtbild aussparen. Es ist irgendwann schon philosophisch unredlich, von Wirklichkeiten zu sprechen, diese aber ausschließlich seinem eigenen Begriffsraster anzupassen. Dazu gehört bei Žižek, dass er vielerlei historische Entwicklungen und etwa geopolitische Großstrategien nicht argumentativ einbezieht. Seine Ausführungen und Beispiele in politischer Hinsicht führen immer wieder auf einige wenige philosophische Grundansichten zurück – die manchmal die Sache treffen, manchmal aber wohl auch nicht.

Es geht meistens darum, über den Universalismus von Menschenrechten zu räsonnieren. Was bedeutet es, dass Menschenrechte gelten, in einer globalisierten Welt? In welcher Beziehung steht dies zum Selbstverständnis westlicher reicher Gesellschaften und den Folgen ihres eigenen wirtschaftlichen Treibens? Wie verlaufen die Debatten im Hinblick auf die Inanspruchnahme universeller Rechte und die rigiden Ideologien, ob des Links- und Rechtsextremismus oder der fundamentalistischen Religionen?

Lösungen anzubieten, ist hierbei sicher nicht die primäre Aufgabe des Philosophen. Aber in existenzieller Situation sich nicht den existenziellen Fragen und Begriffen zu stellen, ist unredlich. Unredlich ist es hier, weil in der ganz aktuellen Situation Gegensätze und Zwangsläufigkeiten sehr viel sichtbarer werden, die v. a. eine linksgerichtete Debatte bisher aussparte – und es immer noch tut, wo es irgend geht.

Wie will ein Žižek die rechthaberischen und tödlichen Konflikte erklären, die aus den sich bekriegenden Varianten des Sunnismus und der Schia resultieren? Wie modellierte er eine Politik westlicher Geheimdienste, die diese Konflikte allem Anschein nach noch gezielt anheizt? Wie erklärt er, dass ein Börsenzocker wie George Soros auf seine alten Tage zum Menschenfreund wurde und Europa zur Aufnahme möglichst vieler Flüchlinge drängt? Zionismus etwa ist hier ein Begriff, der ohne weitere Ausführung wie beliebig neben anderen Weltanschauungen steht, die irgendwie vertreten werden und auf ihre Weise radikal sind.

Außerhalb dieses Videos finde ich etwa solche Aussagen („Funkhaus Europa“, 15.12.2015):

Andererseits spielt sich der gewalttätigste Kampf unter den Muslimen selbst, zwischen den Sunniten und den Schiiten, ab. Die Türkei spielt hier ein doppeltes Spiel. Offiziell hat sich das Land dem Krieg gegen den Terror angeschlossen, aber eigentlich toleriert es den IS. Und darüber hinaus benutzt die Türkei den Krieg gegen den Terror, um Militärdruck auf die Kurden auszuüben. Die Kurden bleiben dann die einzigen, die wirklich den IS bekämpfen.

Meine Position hier ist eine andere als die übliche linksliberale, die lautet: Wir sollten nicht mit Terror gegen den Terror ankämpfen, Krieg ist keine Lösung… Die Frage ist für mich vielmehr: Meinen wir wirklich den Krieg gegen den Terror? Nein, tun wir nicht. Das ist eine Maske für andere schmutzige Kompromisse.

Das sagt noch nicht wirklich etwas darüber, ob das Problem von Deutschland als Zuwanderungsland die Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten sind. Der Philosoph darf sich rhetorisch über „schmutzige Kompromisse“ erheben – die einer wie er ja angeblich dann nie machen zu müssen scheint – und verheißt den Zuhörern kurzzeitig irgendeine luzide Offenbarung dessen, was eigentlich hinter der „Maske“ steckt. Nur folgt diese Offenbarung leider nicht mehr. Das von Žižek Geäußerte besagt ebenso wenig darüber, was dem vorausgegangen ist, dass ‚die Türkei den IS‘ unterstützt. Dies und manches andere ist bei ihm eine für sich betrachtet wenig informierte, kurzsichtige Perspektive. Wie wir sehen, ist es das, was als philosophische Prominenz in unseren Medien größte Aufmerksamkeit und institutionelle Förderung erfährt. Kein Schaf im Auditorium blökt auch nur einmal.

Da wären womöglich viele Begriffe vonnöten, die bei Žižek gar nicht auftauchen, oder er würde sich wie immer in Kaskaden von abstrakten Ableitungen und neuen Beispielen zurückziehen. Doch was dort auf der weltpolitischen Szenen auftritt, sind nicht nur Ideen, die sich abstrakt manifestieren und jenseits irgendeiner Existenzialität verhandelbar wären. Es sind Menschen, die gewalttätig werden, die heimatlos geworden sind, die unsagbar schwergängige und für ihre Umwelt gefährliche Überzeugungen mit sich herumtragen. Und es gibt Machteliten, die abseits aller Öffentlichkeiten über Kriege entscheiden.

Es folgen dann noch träumerische Ausführungen wie:

Was Europa betrifft, habe ich mehr Angst vor Rechtspopulisten. Sie sind die wirkliche Bedrohung. Auch wenn eine oder zwei Millionen Muslime nach Europa kommen: Wenn Europa seinem emanzipatorischen Kern treu bleibt, seiner Liebe für die Freiheit, die persönlichen Rechte, den sozialen Staat, dann würden uns Terrorangriffe nur mobilisieren, uns noch selbstbewusster machen. Davor habe ich keine Angst.

Sicherlich gehört es zu kriegswichtigen Taktiken, Debatten darüber im Nebulösen verharren zu lassen. Dass das für Deutschland eine irgendwie tragbare Alternative wäre, könnte sich schon innerhalb weniger Jahre als Trugschluss herausstellen.

Wovon redet der Mann? Derzeit wird geschätzt, dass weltweit ca. 60 Mio. Menschen auf der Flucht sind. Das sollen in den nächsten Jahrzehnten noch sehr viele mehr werden. Wir stehen vor bisher völlig ungelösten Abstimmungsproblemen innerhalb Europas, während die Flüchtlingswelle ungebremst anbrandet. Währenddessen genehmigt Genosse Žižek gemächlich, sagen wir mal, „zwei Millionen Muslime“. Im Video sagt er immerhin ehrlicherweise, dass er schon seine eigene Familie nicht gut in seiner Wohnung ertragen könnte.

Auch deshalb wäre die Tatsache, dass Žižek unablässig den Buchmarkt beschickt und den intelligenten Nachwuchs beschäftigt, eine, die in der öffentlichen Debatte nicht ganz vernachlässigt werden könnte und dürfte. Außer dem Prädikat „Theorieclown“ oder geflissentlicher Ignoranz habe ich dazu bisher wenig bemerkt. Aber die Presse ist in der Philosophie-Rubrik damit reichlich beschäftigt und lässt alles mögliche andere einfach links oder rechts liegen. Einstweilen rollt der Streitwagen weiter, auf den Schlachtfeldern Syriens oder im Zeitbudget der transzendental unbehausten, nach Orientierung suchenden Leser einer vorerst noch existierenden westlichen Kultur.

Das Internet, so Žižek im Vortrag, checke er nicht regelmäßig, außer wenn Freunde ihn darauf aufmerksam machten. Das kann hier einiges erklären. Besser wird es dadurch nicht.

Žižek ist Psychoanalytiker. Sein Publikum sollte achtgeben, dass es nicht sein Patient ist, ohne es zu merken.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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1 Response

  1. jakopin sagt:

    Die Philosophen sollen in den schweren Zeiten- auch von Regierungen!!- zu Rate gezogen werden, die sollen uns erklären was da passiert wenn wir selbst ratlos sind.
    Ich werde es begrüssen wenn Herr Hermsdorf ( vielleicht selbst Theorieclown?!) die Situation analysieren würde und Lösungen anbieten würde- nicht nur destruktiv Herrn Zizek kritisieren würde.
    Was bedeutet -in einer Demokratie leben?
    Man darf seine Gedanken formulieren und überlegt sagen!- („Die sind ALLE willkommen!“-analysieren Sie mal diesen Satz; Sie war nicht befugt eigene Meinung zu sagen!)
    Welche Gedanken sollen überlegter sein als die des Philosophen?
    Und wo sind die lösungen für die Verdummung der Nation?
    Ich denke die Nation-wo jetzt auch die integrierenden Flüchtlinge gehören-braucht ganz viel Aufklärung!
    Bitte, Philosophen helft uns!

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