Argumentationsakrobat Asmussen

Das mittlerweilige Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB) Jörg Asmussen (SPD) tritt seit seinem letzten Karriereschritt ein wenig öfter öffentlich auf, als hier in einem früheren Artikel besprochen. So sprang auf „Spiegel Online“ (28.01.2013) die Überschrift „Notenbanker Asmussen: ‚Die Zinsen in Deutschland werden steigen‘“ ins Auge.

Ich muss hier keine ausführliche Diskussion dieses Interviewtextes mehr durchführen, da die Kommentare der Leser auf der „Spiegel“-Seite sich schon recht ausführlich daran abarbeiten. Beruhigenderweise gibt es unter ihnen zahlreiche, die die Aberwitzigkeit der Rhetorik und (pseudo)logischen Fabrikationen erkennen. Schon die Überschrift ist charakteristisch für die hütchenspielerische Verheißungsrhetorik, die mittlerweile politischer Standard ist: Hauptsache, wirtschaftlich Aktive sowie das Wahlvolk glauben noch einmal wieder für ein Weilchen, dass ‚alles gut gehe‘ oder gar ‚wieder in Ordnung komme‘. Systemische Zwangsläufigkeiten, reale Widersprüche und Unlösbarkeiten existieren in dieser sprachlichen Verbrämung nicht. In der Wirklichkeit begegnen sie jedoch sehr häufig und werden parallel dazu auch berichtet. Das ändert aber nichts daran, dass Akteure wie Asmussen sich weiterhin relativ ungehindert als Traumtänzer betätigen dürfen.

Mein Video zum GesichterWissen-Themenheft „Finanzkrise“ behandelt als eines der im Heft besprochenen Beispiele auch Asmussen:

Als unbeteiligte Beobachter können wir zunächst nur auf einer solchen Ebene ahnen, wie die Auswahl von Polit-Darstellern vonstattengeht. Das reale Resultat zeigt sich dann zunächst im öffentlichen Diskurs – in einem solchen Interview, von dem jeder halbwegs bewusste und klar denkende Mensch sagt, dass er es für absoluten Irrwitz hält, obwohl der Interviewte an höchster Stelle für Wohl und Wehe eines ganzen Wirtschaftsraums verantwortlich ist (von mir auch hier zur Double-Ästhetik von Asmussen diskutiert). Die noch entscheidenderen realen Resultate sind freilich all die Verwerfungen im Wirtschaftsleben und die Verluste, die derzeit Menschen in anderen Euro-Ländern (Deutschland wohl nur zunächst noch ausgenommen) von den Transaktionen einer gierigen und selbstsüchtigen Finanzelite zu spüren bekommen. Ein Presseorgan wie „Der Spiegel“ hat, abseits aller Zweifel an seiner machttechnischen Funktion, auch gar keine andere Wahl, als solch zwielichtigen Schergen einmal mehr das Wort zu erteilen.

Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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