Auftakt-Rhetorik des Bundespräsidenten Gauck

Zur Vorstellung des neuen Bundespräsidenten Joachim Gauck hatte die „tagesschau“ von heute ein kleines Porträt vorbereitet. Zentraler Bestandteil war folgende Aussage:

Wir beschwören lieber die Mängel, als dass wir uns konzentrieren auf unsere Möglichkeiten. Und ich will Letzteres verstärken. Und daher kommt es dazu, dass ich häufiger über die Chancen von Freiheit spreche. Und einige, ja, einige denken dann, ich meine die Freiheit der Pubertierenden: ‚Ich darf alles. Ich hin das Zentrum der Welt, und ich bin der Größte.‘ Und diese Freiheit – nein, die mag ich nicht.

Ich hatte vor kurzem schon einmal die Frage gestellt, was hinter den Begriffen „Freiheit“ und „Verantwortung“ als Gaucks Leitthemen wohl stecken könnte. Dieses zum Auftakt seiner Amtszeit gesendete Zitat lässt uns darüber weiter im Unklaren.

Wen meint er wohl mit jenen „Pubertierenden“? Meint er Politikerkollegen, die mittlerweile in sehr jungen Jahren reihenweise hohe Staatsämter bekleiden? (Leistungsbilanzen werden hierfür erst in näherer Zukunft zu ziehen sein.) Meint er die Finanzwirtschaft, von der wir aus den USA schon 2011 wieder hören, ihre Banker-Boni seien „höher als je zuvor“? Oder Wohlhabende generell, die laut einer jüngst veröffentlichten Studie umso gieriger seien, je reicher sie sind? Spricht er von der Medienkonzentration, über die uns die „Bundeszentrale für politische Bildung“ aufklärt:

Die verschiedenen Formen der Medienverflechtung sowie das Entstehen ausdifferenzierter Medienkonzerne führen zu einer Störung des freien Spiels der Kräfte am Markt.

Sorgt sich Gauck gar um ein Persönlichkeitsbild, das durch die Einführung des Privatfernsehens in Deutschland seit den 1980er Jahren an Macht gewinnt und etwa in Wettbewerben wie „Deutschland sucht den Superstar“ gipfelt, der nun auch für Kandidaten ab vier Lebensjahren abgehalten wird? Gauck las sicher schon zumindest einmal den „Wikipedia“-Eintrag zur „Histrionischen Persönlichkeitsstörung“, in dem es heißt:

Das Störungsbild ist gekennzeichnet durch eine übertriebene Emotionalität und ein übermäßiges Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Bestätigung, Anerkennung und Lob. Fallschilderungen beschreiben die oberflächlich anmutende Präsentation von Gefühlen im Kontakt, verbunden mit unerwarteten und spontanen Wechseln, die für Gesprächspartner nur schwer nachvollziehbar sind und zudem mit einer geringen Frustrationstoleranz, ausgerichtet auf unmittelbare Bedürfnisbefriedigung, einhergehen.

Besteht hier vielleicht ein struktureller und kausaler Zusammenhang von Medieninhalten und psychischen Krankheitsbildern, wie etwa der Medienwissenschaftler Peter Winterhoff-Spurk es seit Jahren als „histrionischen Sozialcharakter“ zur Diskussion stellt?

Will sich Gauck gar mit den tonangebenden Autofahrern anlegen, deren Sozialverhalten nach einem aktuellen Bericht des „Tagesspiegels“ (29.02.2012) sich so beschreiben lasse?

Gemeinsam ist ihnen die Selbstüberschätzung (Ich habe alles im Griff!) und die augenblicksbezogene Gefahrenvergessenheit: gestresst oder aufgeputscht ins Auto steigen, diesen Stress durch regelwidriges Verhalten noch erhöhen und das dann Abreagieren nennen.

Gaucks Sprachgebrauch changiert zwischen dem, was in der Fachliteratur zur Sprache der Politik unter der Überschrift „Der Hang zur Abstraktion“ beschrieben wird …

Die Sprache der Politik muss immer sehr verschiedenen Ansprüchen gleichzeitig genügen.

… und lässt den auch schon einmal zum „Wortbürger“ gekürten Gauck auf diese Weise sicher auch in der protestantischen Tradition gründeln, die Martin Luther die schöne Formulierung dankt:

Nicht der sinn den worten, sondern die wort dem sinn dienen und folgen sollen.

Bundespräsident Gauck sieht also aufregenden Jahren der Diskussion von Kreditverbriefungen, Monopolbildungen, Casting-Psychosen und Ampelschaltungen entgegen. Oder er belässt es bei der Abstraktion. Nicht nur vielleicht ist das bequemer. Bis hierhin ging es ja noch gut. Und auch, was „Möglichkeiten“ sind, erwarten wir mit Spannung.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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