Zettls böser Traum

Das Bild des gestrandeten Kreuzfahrtschiffs „Costa Concordia“ zeigt in diesen Tagen ein gescheitertes nautisches Manöver mit Todesfolge für bisher elf Passagiere. Der Hergang der Ereignisse ruft bei Beobachtern unbeantwortete Fragen hervor, so bei Fabian Reinbold im „Spiegel“ (18.01.2012):

Das Verhalten des Kapitäns der “Costa Concordia” wird immer rätselhafter. Stand Francesco Schettino in der Unglücksnacht einfach unter Schock – oder unter Drogen?

Der „Focus“ weiß in einem Artikel vom 17.01.2012, der Kapitän habe

eigenmächtig die gefährliche Route viel zu nahe an der Küste gewählt haben, um seinem von der Insel stammenden Oberkellner Antonello Tievoli die Möglichkeit zu geben, Giglio zu grüßen.

Hier ist es also eine deplatzierte heimatverbundene Geste gegenüber der Insel Giglio, die der Auslöser gewesen sein soll. In einem weiteren Artikel vom selben Tag heißt es außerdem:

„Was mich am meisten schockt, ist, dass der Kapitän fast den ganzen Abend mit einer wunderschönen Frau in den Armen an der Bar saß und getrunken hat“, sagte die Passagierin der Zeitung.

Hier deutet sich eine Moral der Geschicht’ an: Sie entspräche einem klassischen Kanon der Frau als Verführerin, die den Helden vom rechten Weg abbringt, eine Art mediterraner Loreley.

Im Blog „Schall und Rauch“ fragt Autor Freeman „Ist die Costa Concordia ein Omen für die EU?“ (18.01.2012) und erinnert an das Datum Freitag, 13. Januar, an dem das Unglück geschah. Dies lässt ihn eine aktive Täterschaft des Kapitäns erwägen, die in symbolischer Kombination mit einem abergläubisch besetzten Datum stünde:

Wusste er Bescheid und war das sein Auftrag?
Fragen über Fragen. Ich glaube ja nicht an diese mystische Interpretation, aber die Parallelen sind schon sehr interessant.

Wir werden sehen, ob diese mysteriöse „wunderschöne Frau“ noch einmal irgendwo in den Berichten auftaucht, ob sie demzufolge vernommen wurde und ob man nachforscht, welche Rolle sie in dieser Tragödie gespielt hat. Ob es vielleicht in ihrem Fall einen „Auftrag“ gegeben haben kann.

Treffend wohl auch für die erotische Eskapade des Kapitäns der „Costa Concordia“ lautet die Überschrift eines Interviews im gedruckten „Spiegel“ (Nr. 3 / 2012): „Macht und Sex, darum geht’s“. Regisseur Helmut Dietl wird zu seinem neuen Film „Zettl“ befragt. Die „Spiegel“-Website warb am 17.01. für die Print-Ausgabe im direkten Umfeld der Unglücksnachricht für das Interview zum Filmstart:

Screenshot: Spiegel, 17.01.2012

So fällt zunächst nicht auf, was bemerkt werden kann, wenn Dietl en face und nicht, wie hier, im Profil, zu sehen ist: eine Schema-Ähnlichkeit zwischen Kapitän und Regisseur. Der eine hat gerade ein Schiff mit mehrfacher Todesfolge versenkt, der andere bringt einen neuen Film in die Kinos.

Ausschnitt/Screenshot: Der Spiegel, 16.01.2011 / Focus, 17.01.2012

In „Zettl“ geht es – so die Überschrift in der Web-Annonce – um „Die Amigo-Republik“. Der Film ist eine Satire auf Machtgier in der deutschen Hauptstadt.

Dietl und sein Co-Autor Benjamin von Stuckrad-Barre kümmern sich also um genau jene Klientel, die im Zentrum von Verschwörungstheorien steht, und der „Amigo“-Begriff wird ja für eine hemdsärmelige Variante geheimer Netzwerke und von Korruption verwendet.

Das Schiff, das dort vor der italienischen Insel havarierte, trägt den Namen einer Göttin, die die Tugend der Eintracht verkörpert. Diese ist natürlich stark verletzt mit einem Stoff, der in Zeiten des Guttenbergens und der Wulffiaden dem Vertrauen in die Mächtigen unseres Staates noch den letzten Rest geben will, wie auch die Einleitung zum Dietl-Interview bemerkt:

[…] eine hysterische Welt ohne Moral und Skrupel, in der Politik und Medien miteinander mauscheln und in der nichts so uninteressant ist wie die Frage, welche Politik eigentlich die richtige ist.
Der Zeitpunkt für solch einen Film könnte kaum besser sein.

Die etablierten Medienöffentlichkeiten wundern sich also fortgesetzt über das scheinbar Unerklärliche (tödliches Risiko wegen eines Grußes?) oder den aussagekräftigen vermeintlichen Zufall (dieser Film gerade jetzt?). Ob die Verbindung vom Satiriker zum schippernden Unglücksraben wirklich nur rein mystischer Art ist, werden wir vorerst nicht erfahren. Aber sie macht Sinn.

Update 1, 19.01.2012: “Concordia”-Schiffsführer – Mysteriöse Frau beim Kapitän auf der Brücke (Der Spiegel)

Update 2, 19.01.2012: Blondine sollte letzte Ansage an Passagiere machen. Rätsel um die Blondine Domnica Cemortan und Kapitän Schettino: Sie reiste wohl als blinde Passagierin mit. Schettino spricht von einer geheimnisvollen Moldawierin. (Die Welt)

Update 3, 20.01.2012: Unglücksschiff war Filmkulisse für Jean-Luc Godards „Film Socialisme“

Update 4, 01.02.2012: Domnica Cemortan im Interview:

Update 4, 02.02.2012: „Costa Concordia“-Katastrophe – Affäre des Kapitäns: „Ja, ich liebe Schettino“ („Bild“)

Update 5, 07.03.2012: Argumente für eine okkulte Codierung der „Costa Concordia“-Katastrophe durch die Illuminati als Video:

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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