filmdenken fragt sich zur Maximalforderung – #Krise

Krisen-Phänomene in Deutschland sind mittlerweile allumfassend – neben der aktuellen Flüchtlings-Krise heißen sie an erster Stelle Überalterung, Staatsverschuldung, ökologische und kulturelle Thematiken. In der Video-Reihe „filmdenken fragt sich“ fasse ich deshalb ein paar zentrale Argumente zusammen, die in folgenden Videos – wie thematisch vielfach im Blog – weiter ausgeführt werden.

Eine Grundlagen-Arbeit zu all diesen Themen habe ich auch schon im „Krisen-Abriss“ vorgelegt. Die Situation ist nach meiner Einschätzung seitdem jedoch leider immer schlimmer geworden. Eine politische Willensbildung kann in Medien, die Realitäten fortgesetzt verunklären und verschweigen, kaum noch realistisch stattfinden, obwohl der Bürger als Wähler gefordert ist, adäquate Entscheidungen zu treffen.

Der Fortbestand (oder erst Ausbau) von Demokratie setzt eine Bewusstwerdung in diesen Themenfeldern voraus. Ich merke es zwischendurch an: Dies ist keine um Realismus bemühte Reaktion auf Systeme, die in immer größere Schieflagen geraten. Es ist nicht realistisch, an einen Veränderungswillen dieser Art zu glauben. Im Leben viel zu vieler Menschen bilden die hier nur angetippten Fehlentwicklungen, Täuschungen und Schädlichkeiten eine wesentliche Grundlage in Beruf und Lebensgestaltung. Keiner kann sich dem vollends entziehen, zumal, wenn es um wirtschaftliches Überleben in bestehenden Strukturen geht oder für Kinder eine existenzielle Sorge besteht, aus der sich Unausweichlichkeiten ergeben. Aber das Falscheste wäre, diese Fehlentwicklungen nicht zur Sprache zu bringen.

Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

2 Antworten

  1. Peter Hallonen sagt:

    Ich will nur kurz einen Punkt ansprechen, den ich in der Kombination der verschiedenen Krisen für ebenso essenziell wie bedrohlich halte: das Timing. Zur Zeit stellt es sich für mich so dar, dass wir erst die Flüchtlingskrise haben und dann den lange vorhergesagten Zusammenbruch des Wirtschafts- und Finanzsystems. Die aus letzterer erwachsenden Verteilungskämpfe multiplizieren sich durch diese zeitliche Abfolge natürlich, denn zu den aus jeder Wirtschaftskrise resultierenden zusätzlichen inländischen Arbeitslosen kommen dann noch arbeitslose Flüchtlinge hinzu. Insofern wäre es vielleicht glücklicher gewesen, hätten wir im Herbst 2008 eine noch tiefere Finanzkrise gehabt, denn zu diesem Zeitpunkt gab es erstaunlicherweise fast gar keine Zuwanderung über das Asylsystem nach Deutschland. So aber erscheint eine „prekäre Stabilisierung“ eher noch als ein optimistisches Szenario – es sei denn, der Crash fiele aus. Das realistische wäre dann eine Globalisierung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse von Irak, Syrien und Afghanistan. Auch dort sind die Bedingungen prekär, aber stabil wohl nur in einer sehr weitgefassten Begriffsdefinition. Wahnsinnig hieran finde ich: Schon vor zwei Monaten war die Situation in den drei genannten Ländern des Nahen Ostens mit miserabel sehr gut beschrieben, durch die jüngste Intensivierung der Kämpfe in Syrien nach Beginn der russischen Luftschläge und die Eroberung von Kundus durch die Taliban soll der dortigen Bevölkerung aber wohl jede Hoffnung genommen werden, in ihrem Heimatland auf absehbare Zeit irgendeine Form von Existenz haben zu können.

    Anders ausgedrückt: Welche Zukunftsdebatten sollen eigentlich die Iraker, Syrer und Afghanen führen oder ist dort eh schon alles verloren? Wer eine Antwort darauf hat, weiß im schlimmsten Fall auch, worüber Deutschland diskutieren sollte. Zu einem positiveren Szenario komme ich nur über “Perception Management”. Afghanistan, Irak und Syrien sind nicht die Welt – viel schlimmer in Sachen Flüchtlingen wäre es, würden Iran und Pakistan mit ihrer ungleich größeren Bevölkerung im Chaos versinken oder gar die nahe an Europa gelegene Türkei –, und die Opferzahlen des syrischen Bürgerkriegs sind verschwindend gering im Vergleich zu verschiedenen Kriegen des 20. Jahrhunderts. Wenn es denn bei diesen Krisenherden bleibt und im Besonderen der Israel-Palästina- und der Israel-Iran-Konflikt mit ihrer Flächenbrand-Wirkung eingefroren bleiben. Syrien wird erst seit 2011 vergewaltigt, der Irak (Erster Golfkrieg in den 1980ern, westliche Sanktionen in den 1990ern und Irak-Krieg ab 2003) und Afghanistan (Invasion durch die Sowjetunion in den 1980ern, Taliban-Herrschaft in den 1990ern und Krieg seit 2001) allerdings seit gut 30 Jahren. Das muss bald ein Ende haben, insofern man nur wenig historische Beispiele eines Volkes – vielleicht mit Ausnahme der Russen – findet, das ein längeres Martyrium durchmacht. Auch Deutschlands Martyrium in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte jedenfalls bei kurzen Erholungsphasen eine ähnliche Dauer mit den Eckdaten 1914ff. (Erster Weltkrieg), 1919ff. (Hyperinflation), 1929ff. (Wirtschaftkrise/Depression) und 1939ff. (Zweiter Weltkrieg, Hungerwinter 1946/47, dann ab 1949 Aufschwung und Stabilität – wenn man die 1968er-Studentenrevolten ausklommert, bis heute).

    Ansonsten vermute ich, dass bei einem Zusammentreffen von schwerer Wirtschafts- und Flüchtlingskrise sich die Themen Ökologie und Kultur von selbst erledigen. Für beides wird man keine Zeit haben bzw. die Veränderungen ergeben sich automatisch, insofern eine stark geschrumpfte Wirtschaft weniger Ressourcen verbraucht (Gegenargument hierzu: nur eine wachsende Wirtschaft kann in ökologischen Umbau investieren) und die hedonistische Kultur im Falle einer nicht mehr gegebenen materiellen Sicherheit quasi über Nacht endet (Gegenargument hierzu: eine solchermaßen veränderte Gesellschaft braucht noch mehr Unterhaltung und Ablenkung).

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