Doppelmörder Marcel H. als Spiegel der Mediengesellschaft

Wenige Zeilen eines „Welt“-Artikels von heute resümieren eine erkrankte Psyche, die schließlich 2017 im nordrhein-westfälischen Herne zum Mörder an einem Kind und einem jungen Erwachsenen wurde.

H. war internetsüchtig, spielte stundenlang vor dem Computer und erzählte auch, dass er sich in Foren gern als jemand anders ausgab. H. stammt aus einem schwierigen Elternhaus und wird in der Schule zum gehänselten Versager. Er häufte Hunderte von Fehlstunden an, verfiel dem Internet, beschäftigte sich mit abartigen Themen. […]
Den Tests zufolge ist er mit sich und seinem Handeln zufrieden. Nach ihren Erkenntnissen erfüllt er die Kategorie „sprachgewandter Blender mit oberflächlichem Charme“. […]
H. will lieber allein bleiben, er findet gezeichnete Mädchen im Manga-Comicstil erotischer als reale Sexdarstellungen.

Die Mediengewalt-Debatte zu Computerspielen habe ich zuletzt hier noch mit ein paar Beispielen angerissen. Betrachtet man den vorliegenden Fall, wird nach so einigen Amokläufen v. a. in den USA, aber auch schon in deutschen Städten wie Erfurt oder Winnenden abermals deutlich, dass gerade der Egoshooter definitiv seine Kollateralschäden aufweist (wie auch im aktuellen Fall gegeben).

Freilich ist eine Welt, in der nicht getötet wird und zum eigenen Überleben getötet werden muss, derzeit nicht vorstellbar. Am Täter von Herne werden dabei jedoch in diesen Worten des Reporters Kristian Frigelj tiefgreifende psychische Veränderungen sichtbar, vor denen in Varianten kein Bildschirm-Arbeiter und Nerd ganz gefeit ist. Wir lesen von Sucht, von Anonymisierung und Rollenwechsel ohne klare Rahmendefinitionen (etwa eines herkömmlichen Spiels), inneren Konflikten und Unzufriedenheiten und einzelnen Kriterien des Psychopathischen, zu denen das Blendertum gehört, sowie sexuelle Orientierung auf gänzlich fiktive Comic-Gestalten.

Auch in ganz abgeschwächten Formen kann es sich dabei um größere, d. h. statistisch häufiger auftretende Probleme handeln, als sich das heute zuständige Fachwissenschaften bisher eingestehen. Ich habe schon nicht verstanden, warum Peter Winterhoff-Spurk in „Kalte Herzen“ (2005) als Beispiel für medieninduzierten „histrionischen Charakter“ zu historisch weit zurückliegenden Beispielen wie Leni Riefenstahl greift, wo doch unsere Gegenwart voll solcher Beispiele ist (und der Fall Riefenstahl in ästhetischer Hinsicht kaum je tiefgreifender besprochen wurde als in meinem Buch „Filmbild und Körperwelt“ zu dem Film „Das blaue Licht“ – wenn noch woanders, bitte gern kommentieren).

Das, was man sogar bei Leni Riefenstahl herauslesen kann, wenn man es denn nur wollte, sind subtilere Argumente zu Bildwirkung und filmischer Form, die hier lediglich in drastischer Steigerung auftreten: Sich zu verlieren an virtuelle Welten, keinen menschlichen Umgang lernen, noch die Grenze eines Tötungsaktes willkürlich überschreiten, als seien es Mausklicks.

Die größte Relevanz haben diese Mentalitäten gar nicht in solchen vereinzelten Taten, von denen einstweilen strittig bleibt, inwiefern sie überhaupt signifikant sind gegenüber früheren Lust- und Serienmorden, deren Täter in anderen Umständen geprägt wurden. (Das Thema Serienmord bleibt leider aktuell und kommt wohl ernsthaft erst mit anonymen Großstadtwelten und motorisiert zu überbrückenden Weiten auf, nun auch verstärkt durch Datennetze.) In Spurenelementen dürfte unser Alltag mittlerweile voll sein vom „Ich klick dich weg“ zum „Isch mach disch platt“. Am Ende bleiben auf der sozialen Ebene dann die übrig, die übrig bleiben.

Bei den aller-, allermeisten, die in Ansätzen jene Entwicklungen durchmachen, die bei Marcel H. zur letzten Konsequenz gelangten, wird nie etwas Spektakuläres passieren. Auch das, was es an Psychopathischem schon recht offensichtlich gibt, fällt in sozialen Verbünden nicht auf, zu deren Voraussetzung es gemacht wird. (Das ist an dieser Stelle dann nicht ausführlicher zu erklären.)

Das Hauptthema in medienkritischer Sicht ist, dass Vorstufen des einsamen Werdegangs von H. vor seinem Computer-Bildschirm zumal bei männlichen Heranwachsenden mittlerweile eher die Regel sein dürfte. Kritischer Diskurs über Computerspiele ist zumindest in der breiteren Öffentlichkeit nach meinem Eindruck nahezu abgeschaltet.

Wir haben in Marcel H. mit einem Resultat von Medien-Sozialisation zu tun, das in dieser Krassheit sonst nur noch in der Tötungsbereitschaft sog. ‚religiös geprägter‘ Raufbolde, Waffennarren und Selbstmörder deutlich auftritt – auch dort ja angestachelt von filmischen Inszenierungen. Für Jugendliche in Deutschland – sichtbar adressiert nicht zuletzt an arabischstämmige männliche Vertreter – werden daneben nur halb verdeckte Varianten des Gewalt-Aufrufs etwa durch Gangsta-Rapper verbreitet.

Das vorstehende Video wird gerade vom „Volkslehrer“ Nikolai N. verbreitet. Etwa der „Tagesspiegel“ sieht bei ihm in erster Linie „Verschwörungstheorie“ und ‚Extremismus‘ am Werk. Bei Rap-Musik bleibt die kombinierte Suche mit dem Wortstamm „extremis-“ komplett ergebnislos. Hoffen wir, dass in diesem Fall die Realität, die systematisch verschwiegen wird, ausnahmsweise einmal die Richtigen einholt.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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