Verkehrsbericht 20./21.07.2010

Gegen Ende der Tour de France blicken am 20.07.2010 die ZDF-Moderatoren zurück in die Geschichte mit der Festellung: „war ja ’ne reine Werbeveranstaltung von Beginn an – für ’ne Autozeitschrift kurioserweise“, „L’Auto“ habe die geheißen.

Das war zukunftsweisend. So liest man etwa in einem Paper von Christine Locher auf der Website des ADFC Bremen:

In den fünfziger Jahren standen noch drei Kinder einem Auto gegenüber – inzwischen kommen bereits fast vier Autos auf ein Kind und dieser Trend scheint sich fortzusetzen. Dieses Kräfteverhältnis in den deutschen Straßenräumen prägt auch das Verhalten von Autofahrern und Kindern und es hat Einfluss auf die Stadtentwicklung, die einem hohen Druck von ruhendem und fließendem Kfz-Verkehr begegnen muss.

Die umweltverträgliche Fortbewegung mit dem Fahrrad ist zunehmend dem Automobil gewichen:

Wo früher das zu Fuß gehen noch üblich und die Chauffeur-Dienste der Eltern eher unüblich waren, ändert sich das Mobilitätsverhalten der Kinder Anfang der 90er Jahre.

Im Laufe der Jahre ist dabei die Berichterstattung über die Tour de France ebenso ausgebaut worden wie jene über andere Sportarten – und die Autobahnen.

Solange es noch Rohöl gibt, ziehen also die Helikopter – mit etwa 50 l Spritverbrauch pro Stunde – über der malerischen französischen Landschaft ihre Kreise. Die ZDF-Moderatoren plaudern am 20.07. währenddessen darüber, dass in den früheren Jahren der Tour ja nicht überall Kameras das Geschehen dokumentiert hätten; man habe sich vielmehr mit der mündlichen und schriftlichen Überlieferung begnügen müssen. Weiter reicht der Gedankengang hier nicht – man könnte ja Zuschauer aus dem Halbschlaf wecken, etwas von der Absurdität des eigenen Tuns erkennen – oder gar Zweifel daran bekommen, in einer Kultur zu leben, die den Verbrauch letzter fossiler Ressourcen mit solcher sprachlicher Begleitmusik und alle Jahre wiederkehrenden meditativen Flugträumen versieht.

Während verschrobene Politiker mit Abwrackprämien u. a. den Blechhochdruck einer ächzenden Lebensweise aufrechtzuerhalten versuchen, wurden 2009 auch schon einmal weniger Fahrräder verkauft als im Vorjahr, wie ein „Focus“-Bericht wissen will.

Gut läuft hingegen die Werbemaschinerie für umweltfreundliche Produkte, von denen es noch fraglich ist, inwieweit es sie überhaupt geben wird: Fußballer Lukas Podolski fühlt sich sichtlich wohl dabei, in einem dieser Tage vielfach gesendeten Spot für „SolarWorld“ den Stecker in ein Plug-in-Auto zu stöpseln – dies bisher nur ein Traum, der die regenerierbare Energiequelle mit dem von vielen so geliebten Fortbewegungsmittel synergetisch assoziieren soll. Bei autoservicepraxis.de steht hingegen lapidar:

Bis 2025 dürften weltweit gerade einmal 15 Millionen Elektroautos auf den Straßen unterwegs sein, heißt es in der Studie der Unternehmensberatung Oliver Wyman. Dies wären gerade einmal 1,5 Prozent des dann vorhandenen Fahrzeugbestandes.

Und wofür man Strom vielleicht notwendiger braucht, wenn er nicht mehr aus fossilen Brennstoffen erzeugt wird, ist damit auch noch nicht beantwortet. (Die gedankliche Schleife etwa zur begrenzten Praktikabilität von Batterien, die für Elektroautos benötigt werden, hatten wir hier schonmal.)

Während im „SolarWorld“-Spot also noch das Gutfühl-Gekicke eines der wenigen Hochbezahlten herrscht, tragen sich informierte Politiker und Industrielle eher mit unausgeräumten ernsten Bedenken. Der im vorletzten Blog-Eintrag erwähnte Matthew Simmons etwa – der damit auch privatwirtschaftliche Interessen verbindet – hält Vorträge, deren Bildschirmpräsentationen zwar nach alternativen Energiequellen wie Wasserkraft suchen, aber auch apokalyptische Möglichkeiten beschwören. So in „At Risk: The Sustainability of Oil and Gas“ (bei Ladeproblemen hier zu finden):

So Far, We Have No Solution
[…]
■ If world’s use of energy begins to outstrip supply, shortages will quickly lead to “run on the energy bank”.
■ This can quickly morph into social chaos and war.

À propos „sustainability“: Nachhaltig ist die Berichterstattung über den „Peak Oil“ und mögliche Folgen nur sehr eingeschränkt zu nennen – erst recht das, was – in solchen Fragen ausnahmsweise ultra-skeptische – Verbraucher glauben wollen. Wesentlich nachhaltiger ist dagegen nicht nur die Radsportberichterstattung, sondern auch ein Kuriosum wie „Die Ludolfs – 4 Brüder auf’m Schrottplatz“, die bei derzeit 88 Folgen seit 2006 auf DMAX zu sehen sind.

Hier hüpfen vier große Kinder zwischen Schrottteilen und fahrenden Autos hin und her, jubeln und jauchzen. In der Folge am 21.07.2010 wird, wie so oft, ein Rennen veranstaltet – in diesem Fall u. a. mit einem Porsche, der dabei durch Wasserfontänen schleudert:

Screenshot: DMAX, 21.07.2010

In einem Bild trifft hier zusammen, was in der Welt der seltener werdenden Erwachsenen zwei Faktoren eines derzeit eher wahrscheinlichen Untergangs industrieller Zivilisation, wie wir sie aus den letzten Jahrzehnten kennen, sind. Im erwähnten vorhergehenden Blog-Eintrag zitiere ich den BP-Chefvolkswirt Christof Rühl zu Rohöl mit den Worten: „Die Ressource selber ist nicht begrenzt“ – worauf in der dort diskutierten ARD-Dokumentation u. a. sein Hinweis auf Vorkommen von Ölsänden und schiefer folgt.

Jeder, der diesen Debatten folgt, weiß, dass hiermit keine Lösungen des Öl-Dilemmas gegeben sind: Neben hohen Methan-Ausgasungen ist auch der hohe Aufwand an Energie und Wasser für eine solche Ölgewinnung selbst für die Umwelt fatal.

Dementsprechend Bernd Schröder am 01.05.2008 in „Telepolis“ zur kanadischen Ölsand-Förderung:

Keins der Unternehmen hat bisher Anstrengungen unternommen, um die Wasserentnahme aus dem Athabasca River zu reduzieren. Die Ölsand-Tagebaue dürfen im Jahr 359 Millionen Kubikmeter aus dem Athabasca River abzweigen – mehr als das Doppelte des städtischen Wasserbedarfs von Calgary. […]
Von der Provinzregierung in Auftrag gegebene Studien weisen gesundheitliche Bedenken von der Hand. Die Einwohner von Fort Chipewyan berichteten jedoch von öligem Schaum auf ihrem Trinkwasser – sie wollen ein Moratorium des weiteren Ausbaus der Ölsand-Förderung.
Die Syncrude-Anlage am Mildred Lake gilt als größter einzelner Treibhausgas-Emittent Kanadas. [… D]as prognostizierte Wachstum im Ölsand-Geschäft droht die im Rahmen des Kioto-Protokolls eingegangenen Verpflichtungen des Landes zu bloßer Makulatur verkommen zu lassen.

Simmons zeigt in einem anderen aktuellen Vortrag, „Solving The Peak Oil Dilemma And The Water Crisis“, den angesprochenen Zusammenhang von Wasser und Energiegewinnung noch deutlicher auf:

Creating Electricity Is America’s Largest Water Use
[…]
■ If our energy supplies are feeble and in decline …
■ If our potable water is shaky, too …
■ How will the world survive through 2025?
■ It will be a struggle, unless we invent a new energy source that can scale and is technically viable.

Dies ist vorerst wohl der Stand der Dinge. Die Gunst des Publikums liegt bisher bei Angeboten wie den Übertragungen von Fahrradrennen aus Sicht von Motorradbeifahrern und Helikoptern, Fußballern in derealisierenden Hoffnungs-Werbespots bis hin zu den skurrilen Abseitigkeiten der Ludolf-Sippe. Die Frage ist, ob notwendige Verhaltensänderungen so jemals Realität werden können. Die dem vorausgehende Diskussion, welches Verhalten aus welchen Gründen von wem wie geändert werden müsste, wäre vergleichsweise mühsam. Wenn sie so unausweichlich ist, wie die große Mehrzahl der Experten gegenwärtig aussagen, kann denen, die diese Lage ignorieren oder verschleiern helfen, nicht das Feld überlassen werden.

Die andere Lösung lautet, abzuwarten, bis sich das existierende System von selbst erledigt. Doch das kann ebenfalls – wie die Absicht und der Beitrag zur Veränderung – gefährlich für jeden Einzelnen werden.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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