Rekordgefühle aus chemisch-medialer Retorte

Der ZDF-Kommentator streut am 30.08.2010 während der Berichterstattung zur Leichtathletik-WM in Barcelona ein paar sachdienliche Hinweise ein, wie die Höchstleistungen vor der Kamera mindestens streckenweise zu interpretieren sind. Beim Halbfinale 1500m der Frauen heißt es zu der Russin Anna Alminova zur Vorstellung vor dem Lauf: „Immer wieder auch Gerede über erstaunliche Leistungssprünge in Russland … und Doping-Sperren. Das bleibt gerade den 1500-Meter-Läuferinnen nicht erspart. Da sitzen ja gegenwärtig noch einige eine Doping-Sperre ab. […] Und auch sie ist ins Gerede gekommen – Anna Alminova, drei Monate gesperrt für ein Aufputschmittel, Pseudoephedrin. Die Sperre lief aus rechtzeitig vor den Europameisterschaften schon im Juli und dann hat sie mal richtig rangeklotzt, viele gute Resultate erzielt, Leistungssprünge gemacht …“

Dramaturgie also: ein Quentchen kritischer Journalismus, dann wieder eine Dosis Pseudo-Euphorin (oder wie man das nennt). Die „Leistungssprünge“ werden im folgenden Zitat sehr deutlich mit dem Verdacht der unlauteren Manipulation versehen; in der vorherigen Formulierung sind sie hingegen kurzzeitig ein kleiner booster für den Bewusstseinsfilm von Zuschauern, die den Glauben an die Leistung im Sport nicht ganz verlieren sollen.

Im weiteren Verlauf des Geschehens wiederholt der Reporter seine verbale Marketing-Artistik beginnend mit der Bemerkung, es bekämen „Deutschlands 1500-Meter-Läuferinnen zuletzt kein Bein auf die Erde, aber man weiß nicht, ob man sich darüber wirklich ärgern sollte, wenn man die Leistungen, die Leistungssprünge der Russinnen sich anschaut, dann muss man sagen: Es ist schon ein bisschen anrüchig, was in dieser Szene passiert. Aber das soll’s auch gewesen sein über die Doping-Hintergründe in dieser Disziplin, denn Alminova setzt sich an die Spitze und kontrolliert das Rennen von vorn.“

Der letzte Satz ist als logische Konstruktion nicht zu verstehen, denn dass die Dame so ‚gut‘ abschneidet, zieht den Sinn der ganzen Veranstaltung nunmal in sportrechtlichen Zweifel – gerade deshalb könnte es das nicht „gewesen sein“ mit den diesbetreffenden „Hintergründen“. Aber man muss anscheinend immer positiv denken – nicht nur bei der Dopingprobe.

Der Co-Moderator übernimmt und kann sich eines pharmakologischen Exkurses ebenfalls nicht ganz enthalten. Die Französin Hinz Dehiba gibt dafür den Anlass: „auch sie schon markiert mit Doping, irgendwann mal am Flughaften Charles de Gaulle ihr Mann mit ’ner Tasche voll Wachstumshormonen mit der üblichen Aussage, dass er’s für sich selbst braucht.“

Hauptsache, uns geht die Sendezeit nicht aus.

Auf arte kümmert man sich am selben Abend zur zivilen Sendezeit 21.50 h um die Zukunft der Manipulation sportlicher Fähigkeiten: „Gendoping – Die Mutanten greifen an“ (R: Beat Glogger). Hier wird klar, dass die Zukunft des Sports die Zukunft neuer – nun genetischer – Methoden der künstlichen Körpermodifikation sein wird. Matthias Kamber, Antidoping (Schweiz): „Die Geschichte zeigt, dass alle Mittel, die eine Leistungssteigerung erbracht haben, die medizinisch gebraucht wurden, um eine Krankheit zu heilen, dann eher früher als später im Sport missbraucht wurden.“

Diese Doku ist vom 31.07.-06.08.2010 auf arte+7 im Netz zu sehen. Abrufe am 03.08.: 5343. Die Quoten der Leichtathletik-EM 2010 werden mit 3-4 Mio. – etwa hier und hier – als schwach angesehen.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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