Freundin/Feindin

Obwohl die meisten Lebensverhältnisse von den abstraktesten Beziehungen bestimmt sind, beschäftigen sich die im TV-Programm vorherrschenden Serien meist mit Zwischenmenschlichem. Allerdings stellt sich die Frage, ob die hier ausgetragenen Konflikte wiederum für private Situationen und (Liebes-)Beziehungen auch nur halbwegs realistisch sind. Dramatische Zuspitzung gehört zu Theater wie Spielfilm – das wollte noch niemand bestreiten. Die täglich auf diversen Kanälen in diversen Serien, Soap Operas oder Telenovelas rotierenden Rhetoriken von Misstrauen, Lüge, Betrug, Intrige und Verschwörung eröffnen für ein bürgerliches Publikum jedoch einen Vorstellungsraum, der in seiner kriminellen Energie und Perfidie auch als überhöhter Wirklichkeitsentwurf nicht einleuchten muss.

Was hier sprachlich verhandelt wird, hat so wenig mit irgendeiner Realität zu tun, die sich im Lebensumfeld von TV-Zuschauern abspielt, dass man geneigt ist, andere Ursachen für solche Geschichten und Aussagen zu suchen.

Eine kurze Szene aus „Hanna – Folge deinem Herzen“ (ZDF, 16.06.2010, Folge 314), die am Schluss dieser Episode zu sehen ist, führt Derartiges mit ein paar Worten vor:

Natürlich kommen Lüge und Missgunst in vielen alltäglichen Beziehungen, auch unter Freunden, vor. Eine Szene wie diese, die TV-Produktionsfirmen zu Tausenden (in Zahlen: 1000en) in die Wohnzimmer hinaussenden, bauscht jedoch die Situation zweier Menschen zunächst einmal auf: „beste Freundin“ wird von der betroffenen Serienfigur Alexandra Franck (Sophie Lutz) selbst in „schlimmste Feindin“ korrigiert. Sie nimmt eine Übersetzung in den Klartext vor: Ihre Freundin Hanna Sommer (Luise Bähr), die Hauptfigur der Serie, hat sich in ihr getäuscht.

Und natürlich kann etwa eine heimliche Beziehung mit dem Partner des anderen als ‚schlimmste Feindschaft‘ empfunden werden. Das Unheil aber, das solche Inszenierungen heraufbeschwören, wirkt ungeheuerlicher. Akzentuiert von düsteren Streichertönen werden die beiden Frauenfiguren fast zu Allegorien von etwas Größerem – als seien sie etwa zwei Staaten, die sich hier einen verheerenden Krieg erklärten.

Und noch etwas anderes kann man sich dabei denken: Die von der Medienpsychologie seit den 1950er Jahren als „parasoziale Beziehung“ beschriebene Art und Weise, wie Menschen zu inszenierten Figuren in Funk, Film und Fernsehen tendenziell vertrauensvolle und pseudo-persönliche Beziehungen aufbauen, weist auf die mögliche Kehrseite solcher Inszenierungen hin: die „beste Freundin“ ist vielleicht nur gespielt und ‚in Wirklichkeit‘ die „schlimmste Feindin“, z. B. dem Hirn zynischer TV-Macher entsprungen, die kalkuliert eine sich nach Vertrautheit und Zuneigung sehnende Zuschauerpsyche an ihr Produkt binden wollen, oder ein geldgeiler Schauspieler, der weiß, mit welcher Art von Rollen ihm ‚die Herzen zufliegen‘, obwohl er die Inhalte der Produkte, die er produzieren und verbreiten hilft, verachtet.

Über solchen Abgründen spielen die Bedeutungen der meisten Spielfilme – nicht nur im Fernsehen.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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