Wie verziehe ich meine Kinder?

Sie werden sagen: Als vernünftiger Mensch schaut man nicht um 8 Uhr morgens fern. Das tue ich auch nicht, schon gar nicht sonntags um 8 – heute aber doch. Da gerät man in der ARD dann ins sog. Kinderfernsehen „Check Eins“, in diesem Fall in eine Wiederholung der 2002er Serien-Produktion „Wie erziehe ich meine Eltern?“

Schon der Sendungstitel ruft eine These aus dem soziologischen Klassiker „Die einsame Masse“ (1956) von David Riesman in Erinnerung. Kapitelüberschrift: „Von der Erziehung der Kinder zur ‚Erziehung der Väter‘“.

Im Grunde illustriert der Plot dieser Serie von Autorin Sibylle Durian also einen sozialen Wandel, den Riesman schildert: von der autoritären Erziehung hin zu Kindern als ‚gleichberechtigten Partnern‘, mit denen alles ausdiskutiert wird. Ungut kann es natürlich werden, wenn Autorität in der Erziehung vollkommen verloren geht und Kinder zu Tyrannen werden, wie die Bestseller von Michael Winterhoff es in unseren Jahren konstatieren.

Wenn man es so sieht, hat eine solche Serie also durchaus ihren Anteil an einer solchen Entwicklung.

Aus meiner Sicht ist es aber noch schlimmer: Durians Drehbuch kombiniert die vorwitzigen Kinder mit allerlei Mind-Control-Spirenzchen und Modernisierungsverlusten, die in tirilierendem Tonfall (dramaturgisch, inszenatorisch und schauspielerisch durchaus gekonnt) dargebracht sind.

Leitmotiv in der Folge „Schau mir in die Augen, Papa!“ ist die Hypnose, mit der Felix Wolkenfuß (Maximilian Seidel) seinen – natürlich – geschiedenen Vater dazu bringen will, ohne Bewusstsein die neuerliche 6 in der Klassenarbeit per Unterschrift zu bestätigen. Mit subliminal wirkenden, gesprochenen und auf Toncassette aufgezeichneten Beschwörungen will Johanna „Johnny“ Freytag (Sina Tkotsch) ihre – natürlich – geschiedene Mutter dazu bringen, ihr Inline-Skates zu kaufen. Doch die Suggestion schlägt fehl, und die Mutter kauft ihr ein Handy, mit dem sie online gehen kann.

Wie hier schon zuvor an anderen Inhalten des Kinderprogramms von „Super RTL“ bemerkt, bestätigt sich einmal mehr die Anleitung der jungen Zuschauer zu kostspieligen Konsumangeboten. Konsumistischen Terror könnte man dies mit einem Autor wie Ulrich Enderwitz („Konsum, Terror und Gesellschaftskritik“, 2005) nennen. Solch eine Inszenierung erhöht sicher den Druck, den Kinder auf ihre Eltern bei Kaufentscheidungen ausüben. Das mag selbstverständlich klingen. Was unsere Gesellschaft sich nach wie vor nicht beantwortet hat, ist die Frage: Ist das wirklich gut und wünschenswert?

In Aussparung solcher gesellschaftlicher Debatten (für die es derzeit kaum einen Ort gibt) machen Autoren wie Sibylle Durian gleich Nägel mit Köpfen bzw. Handys mit Online-Taste. Auf dass die nächste Generation ordentlich programmiert werde.

Mit gutem Willen könnte man dies noch als eine Annäherung an kindliche Lebenswelt verstehen, die sich ohnehin bereits so gestaltet. Das gilt aber für andere Beigaben des Drehbuchs wohl nicht in gleicher Weise.

Johnny (Darstellerin Tkotsch ist zu diesem Zeitpunkt 12 Jahre alt) schlägt als erste Alternative zur Manipulation von Felix’ Vater vor, ihm Whisky einzuflößen, um ihn „high“ zu machen. Ist es kindgemäß, solche Schlüsselworte bereits hier zu implementieren?

Etwas anderes als rücksichtsloses bis schädigendes Verhalten und anschließende kostenintensive Therapie gibt es in unserer Kultur wohl nur noch selten. Deshalb ist Vaterfigur Karl Wolkenfuß (Heinrich Schafmeister) denn auch gleich Psychologe. In seiner Praxis sieht man – im Bild hinter den Kindern – das Schlüsselwort „Alkohol“ auf einem Plakat.

Und der Reigen der konsumistischen Trivialkultur geht weiter: Bei der Suche nach einem lebenden Autor weiß Johnny im Gespräch mit Felix dann „Stephen King“ aufzubieten, dessen „Friedhof der Kuscheltiere“ (1983) sie als „total coolen Schocker“ bezeichnet. Auch scheint das Mädchen bereits libidinös interessiert, alldieweil sie einen Mitschüler einen „total süßen Typ“ nennt. Für ihre Mutter insinuiert sie an anderer Stelle „’n Date mit ’nem Kerl“. (Darstellerin Sina Tkotsch ist mittlerweile erwachsen und bei Produktionen wie „Groupies bleiben nicht zum Frühstück“, 2010, oder „Blutsschwestern – Jung, magisch, tödlich“, 2013, angekommen.) Die Interaktion des Psychologen mit seinem Sohn Felix wird etwa so geschildert, dass er ihn zu einem „Männerabend“ animieren will, für das er „eins von diesen widerwärtigen Ballerspielen“ besorgt hat. Die Kinder wollen aber – wohin sonst – lieber ins Kino gehen.

Ich spare mir hier erstmal Vergleiche dieser Produktion mit anderen fantasievolleren und weniger ätzenden Beispielen aus der goldenen Vergangenheit der Kindererziehung und Pädagogik.

Es sollte aber vielleicht deutlich geworden sein, dass es eigentlich nicht meine Aufgabe ist, hier unentgeltlich für ein winziges (aber hochwillkommenes) Publikum mich an solchen Fragwürdigkeiten abzuarbeiten. Würden Institutionen der Medienaufsicht und -pädagogik hierzulande funktionieren, bliebe dem Nachwuchs derlei erspart. Stattdessen läuft es – oft wohl, während Eltern noch schlafen – unbeirrt in der Wiederholungsschleife des gebührenfinanzierten Programms. Gibt es hier niemanden, dem das missfällt? Niemanden, der sich aufgefordert fühlt, statt der nächsten Fan-Seite für Schauspieler ein Blog gegen zu viel und inhaltlich falsch ausgerichtetes Kinderfernsehen zu schreiben?

Und während in meiner Kindheit Fernsehen stark rationiert wurde, Peter Lustigs berühmtes „Aber jetzt – abschalten!“ zu hören war und das Programm ohnehin auf kürzere Sendestrecken begrenzt war, heißt es hier rücksichtslos als Schrifteinblendung: „Bleibt dran, noch eine Folge“. „Check eins“ läuft am Wochenende von 5.30 bis 11.00 Uhr. Am gestrigen Samstag folgte dann um 11.03 Uhr der Spielfilm „Plötzlich Opa“ (2006) – eine Erfahrung, die immer weniger Menschen in Industriegesellschaften machen. Aber wozu gibt es schließlich Fernsehen – bis die Rentenkasse keinen Kredit mehr bekommt …

Fragen Sie sich doch bitte selbst noch einmal, ob so etwas gut tut und ob man nicht etwas dagegen tun sollte. Und was Sie selbst dazu beitragen können – wenn Sie nicht schlicht selbst Eltern sind, die sich mit anderen Eltern gegen eine solche Gehirnwäsche ihrer Kinder zur Wehr setzen könnten.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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1 Response

  1. Uwe F. sagt:

    Danke, der Artikel spricht mir aus der Seele. Nachdem ich heute die Folge 29 von “Wie erziehe ich meine Eltern” (Staffel 3) gesehen habe. Welche Drehbuchautoren lassen sich solchen geistigen Schwachsinn einfallen? Die Väter werden als hirnlose, hormongetriebene Typen dargestellt, die der jungen Haushälterin auf Brüste und Arsch starren. Zweideutige Sätze wie “Apetitthäppchen” fallen, während auf das Dekolleté gestiert wird. Die Haushälterin hüpft in knapper Kleidung über den Bildschirm. Super Vorbildfunktion für Kinder. Vorallem tolles Männerbild wird suggeriert. Scheinbar ist unsere Gesellschaft schon so sexualisiert und abgestumpft, dass das als normal gilt. Traurig, sowas für Kinder zu produzieren!

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