Theater-Rache mit Lydia Dykier, nächster Akt

Seit ein paar Tagen zögere ich, einen weiteren Eintrag zu Lydia Dykier und ihrem YouTube-Aktivismus mit EIS TV RADAKTION zu machen. Sie arbeitet ihre persönliche Geschichte im Umfeld der Berliner Volksbühne vor der Kamera auf. Sie geht dabei auch über Grenzen der Beleidigung und der Persönlichkeitsrechte. Darin kann ich sie nicht unterstützen, da wir genug vom Scheitern terroristischer Logik wissen. Und dass sie sich explizit auf Ulrike Meinhof beruft, ist für mich kein Pluspunkt.

Die Verzweiflung kann ich gleichwohl verstehen, auch wenn meine eigenen Erfahrungen über die letzten 25-30 Jahre mit kreativer Arbeit, Gruppen- und Zweier-Kooperationen nicht völlig deckungsgleich sind. Mich hatte angesprochen, dass Lydia etwa mehrfach aus Gesprächen mit Rainer Werner Fassbinder zitierte, an dessen Vita und Publikationen ich selbst seit den 1990er Jahren schon etwas in dieser Hinsicht hatte lernen können, bevor ich Ende 1995 die Filmzeitschrift “Schnitt” mitgründete. Bei mir ging es nach diesen zwei schönen und intensiven Jahren weiter mit journalistischen, satirisch-literarischen Projekten, bis ich um 2002 herum entschied, nicht die Chance eines Bewerbungsgesprächs für ein Kombi-Praktikum bei taz, Scholz & Friends und noch irgendwo (“Creative Village”) zu ergreifen, sondern meine gewachsenen theoretisch-wissenschaftlichen Interessen in einer jahrelangen einsamen Dissertation zu vertiefen. Schon währenddessen entstanden weitere teils unveröffentlichte neben den insg. sieben veröffentlichten Büchern (dazu noch über 1.000 Blog-Artikel und über 80 YouTube-Videos neben etlichen aus Urheberrechtsgründen nicht publizierten). Die meisten meiner aufwändig erstellten Vorträge hörten nur kleine private Runden.

Wie man hier erkennt – und ich will erstmal keine Romane schreiben, die abermals niemand liest –, gibt es Berührungspunkte zu dem, was Lydia schildert. Ich denke, was ihr widerfährt, ist teilweise ein historisches Schicksal der Künstler und Genies. In welcher Biografie haben wir dies denn nicht gelesen? Es gibt Ausnahmen, aber es ist wohl eher die Regel.

Was uns Lydia schildert, ist bei allen Wutausbrüchen mehr Realismus einer Kulturszene, als es mir sonst irgendwo je öffentlich begegnet wäre. Dabei ist jedes private Gespräch über die Zustände in Institutionen geprägt von Phänomenen des Karrierismus, des Mobbings und Ideenklaus, der Installierung einer Mischung von rich kids und Abhängigen an den Fleischtöpfen, nicht zuletzt begleitet von allerlei eher selten publizierten Tragödien (wenn die Welt nicht ohnehin eine ist, wie Leser spätestens in der Moderne, aber Gnostiker aller Zeiten doch bekanntlich wissen).

Hier eines der aktuellen Videos, in dem Lydia sehr ruhig (im letzten Drittel leider in der Live-Übertragung gestört und zerhackt) reflektiert und zusammenfasst:

Wie gesagt, ich finde die öffentliche Ansprache an Weggefährten nicht unproblematisch – weder als generelles Prinzip noch in der konkreten Umsetzung, die bei ihr ins Unflätige kippen kann. In der Zuspitzung von Lebenssituationen zumal im “Corona-Lockdown” habe ich dafür aber auf der anderen Seite ein gewisses Verständnis. Allerlei mir persönlich Bekannte oder öffentliche Personen, die ich teilweise persönlich anspreche oder anschreibe, ohne irgendeine noch menschliche Reaktion zu gewärtigen, würden sich ihren eigenen allüberall formulierten Ansprüchen (“Demokratie”, “herrschaftsfreier Diskurs”, “Transparenz”, “soziale und Leistungs-Gerechtigkeit”, “ehrlicher Wettbewerb”, “wissenschaftliche Exzellenz”, “Kritik”, “Geschichtsbewusstsein”) zufolge durchaus einer solchen Ansprache aussetzen müssen. Norbert Bolz als Renegat der Medienwissenschaft ist der einzige Etablierte, der es klar ausspricht, dass diese Verhaltensmuster in Deutschland deutliche Entsprechungen im Dritten Reich haben, auch wenn solche Vergleiche immer zu differenzieren sind. In Deutschland herrschen mittlerweile (nach einer immer unbeschwerteren Nachkriegs- und Post-68er-Zeit) leider allerlei Strukturen, die lebendige Kultur und Diskurs nachhaltig verhindern. Das psychosoziale Leid gärt massenhaft, aber meist nur im Verborgenen, und aus unterschiedlichen Gründen (in Medien und Institutionen durch teils brüchige und selbstwidersprüchliche linksliberale Ideologien und die fast alles Lebendige, Schöpferische und Voranstürmende abwürgenden “etablierten Formate”). Und ein paar YouTube-Videos vor wenigen Hundert Zuschauern (wie auch ich sie meist gemacht habe) und die aus echten oder falschen Gründen schnell gesperrt werden können, werden leider keine kritischen Massen mobilisieren.

In Lydias konkretem Fall hat dies auch mit der äußeren Form zu tun, die neben ausufernder Zeitökonomie und fehlender Strukturierung für eine halbwegs schnelle Wahrnehmung durch Unbeteiligte leider auch die erwähnten Grenzüberschreitungen beinhalten. So lässt es sich an zwei weiteren Livestreams der letzten Stunden mitverfolgen:

Was Lydia, sich selbst einschließend, schonungslos vorführt, ist ein Realismus privater Verhältnisse, wie sie in Medien totgeschwiegen werden. Sie begleiten meine Generation – nicht zuletzt im sich ändernden Geschlechterverhältnis – nun schon seit Jahrzehnten. Weil es nicht erzählt wird und offensichtlich werden soll (stattdessen Konfektion in Kino und Fernsehen sowie, wenn vielleicht noch Kunst, die ihren Namen verdient, dann am äußersten Rande), steigt der Druck im Kessel, an erster Stelle in Berlin.

Deshalb ist das, was wir hier sehen, Teil eines von der Bühne ausgewichenen Theaters, wie es sonst einstweilen nicht mehr stattfinden darf. Das, was Lydia selbst als Alternative auf ihrem YouTube-Channel aus ihren früheren Projekten dokumentiert, hat mich selbst in Beispielen nicht vollkommen überzeugt – u. a. ist mir die Vorbildwirkung von Christoph Schlingensief und Jonathan Meese zu vordergründig. Das geht anders, und Lydia könnte es nach meiner Einschätzung auch anders. Davon ist in den guten Momenten etwas zu ersehen und zu erspüren.

Im bisherigen Austausch mit ihr habe ich Lydia deutlich gesagt, dass für mich Kritikwürdiges an ihrem Vorgehen zugleich Resultat eines ungenügenden Erziehungs- und Bildungswesens ist. Was in ihrer Person auf das “System” zurückschlägt, ist nach meiner derzeitigen Einschätzung wenigstens teilweise dessen eigenes Scheitern an Erziehung und menschlicher Beziehung. Gründe dafür sind vielgestaltig und führen in ihrer für mich zielführenden Analyse nicht selten zu “politisch unkorrekten” Schlussfolgerungen, deren Sanktionierung heute eine weitere systemische Bedingung darstellt – was aktiv und als Agenda-Setting konzertiert herbeigeführt wurde, und zwar von Akteuren, die bis heute gut sichtbar sind. Ginge es uns um menschliche Beziehungen, würde dies ausgetragen werden müssen. Geschieht dies nicht, werden der Streit und das Leid nicht enden.

Und das gilt für vieles andere über jenes Theater hinaus, zu dessen Teil Lydia hier ihr Leben macht. Es ist auch unser Leben und das derjenigen, die es leugnen.

(Text unter Einfluss von gerösteten Arabica-Bohnen verfasst)

Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

2 Antworten

  1. Anonymous sagt:

    Weiß jemand wie es ihr geht?

  2. Hagen Bach sagt:

    Inszenierung eines angekündigten Todes ?

    Erinnere mich gerade an die Besetzung der Volksbühne.

    Ich war zufällig bei einer Diskussion/Versammlung/Vollversammlung/plenum
    Plenum
    anwesend
    viele Leute
    100
    200
    chaotisch
    egomanisch
    gebrülle
    ohne substanz
    ohne fahrplan
    ohne MENSCHEn
    reine abfolge von robotik
    alle worte die im raum hallten waren schabda,
    die revolutionäre waren wortreich sprachlos
    in einer ecke gab es einen Yoga workshop
    sehr eso
    sher junge, nur junge, aufgeregtes gesülze
    programmatisches gestochere im nichts

    große erleichterung als ich nach ca. 20 min wieder an der frischen luft war . . .

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