Sind #Chemtrails ein Army Mental Test?

Die einzige explizite Morddrohung, die ich jemals erhielt, fand auf Facebook für das Teilen eines kritischen Videos über die Chemtrails-Verschwörungstheorie statt. Deshalb ist meine Bereitschaft, zu dieser Debatte beizutragen, etwas eingeschränkt. Das gilt auch in anderer Richtung: Wenn mich bisher auch nichts sachlich überzeugen konnte (wie bei anderen Themen), dass es systematische Ausbringungen von Zusatzstoffen in Kondensstreifen, zumal durch Linienmaschinen, gibt, bleibt beim Blick gen Himmel öfter ein erneuter Zweifel.

Worauf ich hier zunächst hinweisen will, ist, dass, wenn man nach Klassifizierungen von Wolkenarten sucht, man etwa diesen “scinexx”-Beitrag vom 27.03.2017 findet. Darin wird der Wolkenatlas der “World Meteorological Organisation” (WMO) vorgestellt. Klickt man aber auf den dort zweifach angebrachten Link zur Adresse https://www.wmocloudatlas.org/, … ist dies hier zu sehen:

Haben wir dazu schon einen Aufruhr in der Szene der Chemtrails-Verschwörungstheoretiker gesehen? – Nach meinem Eindruck nicht. Bei allen, mit denen ich bisher sprach, herrschte schließlich auch absolute Funkstille nach Fragen wie:

  • Sind sichtbare bizarre Wolkenbilder nicht ebenso zu finden in früheren Abbildungen bis hin zu Gemälden? (Eine gute Quelle für am Himmel zerlaufende Kondensstreifen ist die von “contrailscience.com”: “Contrail photos through history”. Man muss kein Englisch können, um diese Fotos zu betrachten, und ich habe keinen Anlass zu der Annahme, dass sie damals gestellt wurden, um heute einen falschen Eindruck zu erwecken oder dass sie anderweitig gefälscht sind.
  • Wie erklären Vertreter der Chemtrails-Thesen das Verhalten von angeblich die Atmosphäre verändernden Stoffen in den Wind-Bewegungen auf unterschiedlicher Höhe – d. h. von sog. “Luftpaketen”, die ihre räumliche Position nun einmal weiträumig verändern?
  • Wo findet sich auch nur eine überprüfbare naturwissenschaftliche Untersuchung zu angeblichen Giftstoffen aus Chemtrails, die in Atmosphäre und sonstiger Umwelt nachweisbar wären? (Der hier gleich zitierte Werner Altnickel verbreitet etwa Link-Hinweise zu einer offiziellen bayerischen Luft-Untersuchung und behauptet einfach überhöhte Schadstoffwerte, wo an benannten Stellen weitgehend eine Schadstoff-Belastung durch Autoverkehr zu erwarten ist, wie etwa am Augsburger Königsplatz. Ein auf Anhieb nicht erklärbarer Ausreißer ist die eher natürliche Umgebung in Lindau/Bodensee. Laut dem PDF von Altnickel ist dies “der Beweis, auf den die Szene so lange gewartet hat”.)

Zu Letzterem reicht es mir nicht aus, wenn die Verwendung von “Polymeren” behauptet wird, die dann angeblich besondere Arten von zusammenhängenden ‘Teppichen’ in großer Höhe ermöglichen sollen o. Ä. So ebendieser wohl bekannteste Warner vor Chemtrails, Werner Altnickel, auf seiner Website “chemtrail.de”:

Wenn die Aus­sage des Polymer-Chemikers Michael Castle stimmt, dass es »um die stra­te­gi­sche Zer­stö­rung jeg­li­cher Natur­grund­lage« geht, und die­ses der Mensch­heit bewusst wird und sie end­lich auf­wacht, dann haben die destruk­ti­ven Kräfte ihre Macht ver­lo­ren.

Es wirkt verdächtig auf mich, dass es neben einer durchaus vorhandenen massenmedialen Berichterstattung über die schändliche Umweltverseuchung durch Menschen mit Kunststoffen (künstlichen Polymeren eben) keine Panik in größeren mir bekannten Facebook-Gruppen zu geben scheint, die jener über angebliche Chemtrails vergleichbar wäre.

Facebook-Gruppen wie “Werner Altnickel – Globale Vergiftung durch Chemtrails & HAARP” sind sehr aktiv – aber wo finden sich hier wirklich belastbare Quellen zu solchen Fragen? Alles, was ich bisher gesehen habe, sind entweder dramatisierte Fotos von Kondensstreifen, die durch steigenden Luftverkehr und ggf. veränderte Treibstoffe und Turbinen zahlreicher und etwas langlebiger geworden sind, oder einzelne Beispiele für verdächtige Umweltphänomene, zu denen abermals keinerlei naturwissenschaftliche Expertise erkennbar wird – nur Angst und Behauptungen, die auch von Desinformations-Agenten stammen können, wenn Menschen nicht schlicht von ihrer eigenen Angst und Ahnungslosigkeit ein Schnippchen geschlagen wird.

Sollte Letzteres der Fall sein, so haben wir vor uns eines der bestürzendsten Zeugnisse dafür, wie Menschen jeden kritischen Hinweis übergehen, sich in Fehlinterpretationen hineinsteigern und in masochistischer Angstlust verweilen.

Mich erinnert dies daran, dass in früheren Zeiten etwa durch jenes US-Militär, dem hier teilweise die Schuld für Wetter-Manipulationen gegeben wird und das in einem legendären ZDF-Wetterbericht von Gunther Tiersch (14.01.2009) tatsächlich mit Wolken aus “Militärmaschinen” in Verbindung gebracht wurde …

… ganz offen Tests der Wahrnehmungs- und Denkfähigkeit von Menschen durchgeführt wurden. “Army Mental Tests” nannte man dies. Claus Pias gibt in seiner Dissertation “Computer Spiel Welten” (2002) darüber medienhistorisch und -theoretisch Auskunft. (Hier der Volltext gratis als PDF. Historische Beispiele für Testmaterialien und -auswertungen kann man sich auf “archive.org” ansehen.)

Es wäre also möglich, dass das endlose Abfotografieren ggf. unbedeutender Himmelsphänomene und ihre sprachliche Beschwörung als ‘giftig’ und Resultat einer globalen Verschwörung zu einem ganz anderen Ergebnis führen, als die mehr oder minder professionellen Aufklärer dies heute absehen. Das Thema muss schließlich aber einmal auf eine neue Ebene des Verständnisses und der Verständigung gehoben werden. Das würde entweder irgendeinen belastbaren chemischen Nachweis bedeuten – oder die Erkenntnis, dass nicht jeder sich für Naturbeobachtungen und deren wissenschaftliche Bearbeitung eignet.

Sollte wiederum Letzteres der Fall sein, steht auch in Frage, wie der Wildwuchs solcher Debatten in sozialen Netzwerken des Internets zu beurteilen ist – verursacht er doch eine Menge Zeitaufwand und – hier noch immer aus meiner Perspektive ohne Zugriff auf verlässliche Labor-Prüfungen: ggf. – unnötige Angst.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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