Aufklärung, Irrationales, Seele – Antwort an Ingo Bading

Nach einem längeren Mail-Disput hat Ingo Bading auf seinem Blog „Gesellschaftlicher Aufbruch – jetzt!“ einen Text veröffentlicht, der seine Thesen zu bestimmten Aspekten verdichtet („Die kalte Ratio und die vernunftmäßige Aufklärung können moderne Gesellschaften allein nicht retten – aber was dann?“). Ausgangspunkt ist für ihn hier, dass es nicht ausreiche, ausgehend von rationalen Kriterien die Gegenwart zu kritisieren. Ingo Bading geht es auch um Begriffe wie „Gotterkenntnis“, „Volksschöpfung“ und „Seele“.

Abgesehen von ein paar persönlichen Erklärungen, woraus meine Motivationen und Erfahrungen herkommen, hätte ich lieber den ganzen Mailwechsel veröffentlicht. Es ist jedoch mindestens genug Text für eine Broschüre. So gehe ich hier v. a. auf Aspekte ein, die Ingo Bading in seinem Blog-Beitrag anspricht. Ich würde, ehrlich gesagt, lieber über Sachfragen diskutieren. Wir hätten noch eine Riesenmenge abzuarbeiten, was etwa Nationalsozialismus und Okkultismus oder primäre Inhalte der Debattenkultur im Internet, „Verschwörungstheorie“ etc. betrifft. Stattdessen soll es Ingo gemäß erstmal wieder um philosophische Grundbegriffe gehen. Nun denn. – Ich verwende hier einmal die direkte Anrede, weil ich mich auf Zitate des Blog-Beitrags beziehe.

Mathilde Ludendorff - Ihr Werk und Wirken

Ein Hauptproblem hatte ich schon in unserem vorangegangenen Dialog mit abstrakten Begriffen, die Du aufbringst. Hier sind es zu Beginn „seelisches Erleben“, „sittliche Reife“ oder „geschlossene Persönlichkeit“. Das sind drei psychologische Begriffe, die allgemein und auch in der Wissenschaft verwendet werden. Hinzu kommen drei Adjektive, in denen zunächst schon mehr Interpretationsbedarf vorliegt. In der Philosophie füllt etwa das Leib-Seele-Problem ganze Bibliotheken. Du beziehst Dich namentlich auf Arbeiten von Mathilde Ludendorff, von der ich nur „Induciertes Irresein durch Occultlehren“ und kleinere Schriften kenne. (Hier können wir also nur auf der Ebene allgemeiner Begriffe weitersprechen.) „Sitte“ ist heute eher ein juristischer Begriff. Wann eine Persönlichkeit „geschlossen“ ist, würde in verschiedenen Betrachtungsweisen wie die „Seele“ eben sehr unterschiedlich definiert.

Eine solche Vorüberlegung wirst Du auch dem im Blog-Artikel Gesagten gemäß vielleicht schon als überzogene „Kultur der Kritik“ auffassen, die einer verfälschten, desorientierenden, manipulierten Weltanschauung entspringe. Ich finde, hier generalisierst Du bereits unzulässig. Immer wieder suggerierst Du irgendeine (vielleicht in umfangreichen, kaum konkret zitierten Schriften für Dich nachvollziehbare) Überlegenheit bestimmter Begriffe und ihrer Definition, wie Du sie innerlich voraussetzt. Da mag es für Ludendorff-Leser irgendeinen Konsens geben; neben diesen (wenigen hundert oder tausend?) Lesern in Deutschland gibt es vielfältige andere Verständnisse oder Alltagsbegriffe dazu. – Es ist eine zirkuläre Problematik, wenn Du einseitig schlichte Begriffe setzt und ihre Höherwertigkeit einfach behauptest. Das wird auch nicht dadurch ausgeglichen, dass Du im Folgenden um diese Begriffe herum ein Szenario schilderst, das Zuordnungen zu richtig/falsch, gut/böse macht.

Ich finde vieles richtig, was Du sagst betreffs Ablenkung und Manipulation durch Popkultur oder Krimis. Hier wie anderswo könnte ich Dir immer wieder sagen, wo Du Dutzende oder Hunderte Seiten von mir zu solchen Aspekten lesen kannst. Hier wie anderswo muss ich Dir leider den Vorwurf machen, dass Du etwas entweder nicht kennst, von vornherein ablehnst und nicht wahrnimmst, stattdessen aber, als hättest Du Dich schon auf eine gewisse Bandbreite des Begriffs bezogen oder irgendetwas von meinen detaillierten Medienkritiken, Inhaltsanalysen u. v. m. bewusst aufgenommen, schon die Probleme nach ihrer globalen Benennung wieder für eigentlich irrelevant erklärst, um dann zu verabsolutierten allgemeinen Begriffen etwa nach Mathilde Ludendorff zurückzukommen, von der Du behauptest:

Ersetzen kann diesen Stand niemand.

In einer wissenschaftlichen Debatte kann man so nicht argumentieren. Das Grundproblem, von dem wir hier, wie schon angedeutet, ausgehen, ist die Nicht-Rezeption der Ludendorff-Theorien außerhalb eines sehr kleinen Kreises. Als Leser muss man Dir erstmal glauben, dass diese Schriften maßgeblich sind. Und Du stehst damit wohl gegen fast alle Fachwissenschaftler, soweit dies öffentlich erkennbar ist. Du blockierst Dir eigentlich schon jeden Gesprächszugang mit einem schon hoch gebildeten Mainstream der Gesellschaft. Die Kommunikation muss eigentlich notwendig scheitern. Du sagst: ‚Ludendorffs sind maßgeblich vor allen anderen‘. Wissenschaftliche Autoren haben zu all diesen Fragen eines stets demonstriert: Dass sie eine Mathilde Ludendorff in keinen Literaturkanon aufgenommen haben. Begriffe des Seelischen etwa stellst Du so als freistehende Monumente in die Landschaft. Ich kann lapidar zunächst nur eine Lexikon-Definition der Seele anfügen, der „vielfältige Bedeutungen, je nach den unterschiedlichen mythischen, religiösen, philosophischen oder psychologischen Traditionen und Lehren“ zufallen. Wir können das hier wirklich nicht im Seminar-Stil aufarbeiten – und es können recht beliebig viele Seminare sein. Es resultiert daraus praktisch:

  • Du musst eine Ebene der Verständigung finden, in der nicht allein Du bestimmst, was mit einem Begriff wie „Seele“ überhaupt gemeint ist.
  • Normative Setzungen gelten philosophisch als höchst problematisch. Für die Fachwissenschaft ist der Dialog eigentlich hier schon unterbrochen. Er würde umfangreiche Exegesen mit Zitaten Deinerseits, wie auch Deine Bezugnahme auf bestehende, massenhaft verbreitete, partiell konsensuelle Begriffsinhalte erfordern, damit das, was Du hinter den reduzierten Begriffen sagen willst, Gestalt gewinnt. – Zur „objektiven Begründbarkeit normativer Sätze“: „Während Ansätze wie die von Platon, Aristoteles über Kant bis Habermas von dieser Möglichkeit ausgehen, bestreiten dies neben anderen die empirisch-analytisch arbeitenden Schulen (z. B. logischer Empirismus).“ (Wikipedia)
  • Anschließendes Problem ist eine praktische Umsetzung, Kommunikation eines veränderten Begriffs an die vielen und deren Aneignung des Begriffs.

Zu Letzterem wünschst Du herauszufinden,

wo der Bereich ist, aus dem heraus eine Erneuerung einer Gesellschaft allein bewerkstelligt werden kann.

Ja, wo laufen sie denn, wo laufen sie denn hin? – Unabhängig von Presse und Wissenschaft haben sich im Internet neue Wissenskulturen herausgebildet. Du bist ihrer schon wieder ein wenig überdrüssig, weil Du selbst viel darin beigetragen hast, aber offensichtlich wieder zu anderen Schlüssen kommst – nicht Einzelphänomene überhaupt erstmal wechselseitig diskutieren, nachdem sie oft völlig übergangen wurden (nicht zuletzt alles, was als TV-Programm große Teile des Zeitbudgets von Menschen beansprucht, in Deutschland derzeit durchschnittlich fast 170 Arbeitstage von 8 Std. innerhalb eines Jahres). Aber warum sich an solchen Kinkerlitzchen aufhalten, wie?

Kritisieren und „entzaubern“ können inzwischen Tausende von Autoren in der alternativen Öffentlichkeit. Und sie bewirken: Nichts.

Darin noch eine Behauptung bar jeden Belegs. Denke bitte nochmal darüber nach – ich glaube, hier schreibst Du Quatsch. Es ist gut, wenn viele sich aktiv an der Wahrnehmung und Interpretation beteiligen. Das ist für mich die lebendige und kreative Seite des Netzes. Täglich bringt das neue elementare, vielschichtige, bizarre Erweiterungen unseres Weltwissens. Und auch, wenn vieles Strohfeuer ist oder an praktischen Grenzen scheitert – ein paar Fortschritte würde ich doch nicht leugnen wollen. Du siehst, wie umständlich man dazu argumentieren und erklären muss, wenn Du einfach mal eine Behauptung aufstellst, die … auf wenig bis nichts gründet.

Da behauptest Du noch sowas:

Noch niemals hat irgend jemand behauptet, dass ein Krimi – in schriftlicher oder filmischer Form – etwas kulturell Wertvolles darstellen würde.

Was soll ich da erwidern? Sherlock Holmes, Poe, „Der Name der Rose“, „The Manchurian Candidate“, die Großstadt-Bilder von Chandler und Hammett, Einzelwerke von Dürrenmatt oder Walser, soziologische Studien von Maj Sjöwall / Per Wahlöö – alles vollkommen wertlos? Wer so argumentiert und sich gleichzeitig auf allerlei hehre Begriffe bezieht, kann selbst auch nur kenntnis- und respektlos genannt werden. Das ist schon gravierend, Ingo. Ich erwähnte den Dunning-Kruger-Effekt – von Dir natürlich keine Stellungnahme, während ich mich bemühe, viele Punkte einzeln abzuarbeiten. Vieles, was Du nicht verstehst, machst Du demjenigen, dessen Position und Inhalte Du aus diversen Gründen erst gar nicht wahrnimmst, zu einem einseitigen pauschalen Vorwurf.

Gleichzeitig bin ich allgemein sogar eher auf Deiner Seite! – Glaubst Du aber, ich hätte über all die Jahre irgendjemand gefunden, mit dem ich über die Krimi-Schwemme der letzten 10-20 Jahre hätte sprechen können – und meinetwegen nur auf dem abstrakten Niveau? Das geht aber auch nicht ohne irgendwelche Detailkenntnisse, da der Begriff sich doch auf nichts Überprüfbares bezieht – eine Voraussetzung für Wissenschaftlichkeit, wie ich irrerweise dazu erwähnen zu müssen scheine.

Ich habe u. a. die – einzige mir bekannte – Fundamentalkritik von Pathologie-Serien in „Glotze fatal“ (2010) geliefert. Kennst Du die? Ich glaube doch, nicht. Wenn Du sagst, man dürfe darüber erst gar nicht reflektieren, sondern solle nicht „die Aufmerksamkeit seiner Leserschaft auf Wertloses [hinlenken], anstatt sie gleich auf Wertvolles, Wertbehaftetes“ zu verpflichten, dann hast Du jedes gleichberechtigte Gespräch schon unterbunden. Das ist diskursive Gewalt und prinzipiell zurückzuweisen.

Im Mail-Wechsel hatte ich darauf angesprochen, dass hier ein 700seitiges Manuskript über die Krimi-Serien „Derrick“ und „Der Kommissar“ von Autor Herbert Reinecker liegt. Es ist weitgehend fertig, aber es gibt historische Anschlussfragen, die äußerst schwerwiegend sind und schnell an Straftatbestände der Volksverhetzung heranführen. Die bisherige Bereitschaft von Verantwortlichen und Spezialisten, hierzu in einen konstruktiven Dialog über die erfolgreichsten TV-Serien in Deutschland zu treten, ist leider gleich Null. (Was stets ein freundliches Angebot ist, wenn ich es so bemerke. Es ist aber faktisch bisher nicht anders.)

Dein Wissen von einem solchen Projekt ist ebensowenig gegeben. Wer von „Sitte“ redet, sollte neben einer Kunst der Gesprächsführung schon allein einen einfachen Respekt vor anderen Meinungen walten lassen. Nichts dergleichen in Deinem Vorgehen. Es will dem anderen keinen anderen als den von Dir gewiesenen Weg lassen. Ich weiß nicht, ob Du Dir bewusst bist, wie man das vor dem Hintergrund eines breiten Spektrums philosophischer und psychologischer Begriffe lesen kann und sogar muss. Natürlich ist es ein Marshall B. Rosenberg, den man dazu zitieren kann mit dem Gegenbegriff „gewaltfreier Kommunikation“. Unter den Abschnitt „Lebensentfremdende Kommunikation“ fallen „Formen der Kommunikation, die Verbindungen zwischen Menschen blockieren und zu psychischer oder physischer Gewalt beitragen können“, so an erster Stelle:

Das (moralische) Urteilen über den Kommunikationspartner. Dazu gehört das Zuschreiben von Eigenschaften an die Person (z. B. „gut/böse“, „gerecht/ungerecht“, „gesund/krank“), auch wenn es implizit als Vermischung von Beobachtung und Bewertung geschieht.

In unserem Austausch führt mich die Wahrnehmung Deiner Argumente immer wieder an diese problematische Grenze, die es 1) erst erlaubt, über die Bedingungen unserer Begegnung eine Übereinkunft zu erzielen; 2) darauf folgend äußerst umfangreiche Klärungen nach sich ziehen würde, relativ beliebig an Einzelthemen. Deren Erarbeitung erst erlaubt dann abstrakte Begriffsbildungen. Nicht letztere sind deshalb ja unnötig oder irgendwie verfehlt. Aber sie können nicht so reduziert vorausgesetzt, sondern müssen eben erarbeitet werden. Das ist Teil vieler Milliarden kommunikativer Interaktionen von Menschen.

Eingeworfen: Wir sehen schon an unserem Sprachgebrauch, aus was für unterschiedlichen Denktraditionen wir herkommen. Ich verwende bevorzugt Termini wie „Kommunikation“, würde etwa von „Bedeutungsproduktion“ sprechen, wo Du meist schon eine allgemein anerkannte überlegene Bedeutung voraussetzt. Selbst, wenn Du Studiengänge als irreführend bewerten willst, in denen die weitgehende Willkür von Zeichenbedeutungen in der Einführungsveranstaltung vorkommt – auch das müsstest Du durch eine strukturierte umfassende Kritik und Analyse erst herleiten. Du bemerkst hoffentlich, dass ich laufend Links in den Text einbaue oder auf eigene, teils sehr umfangreiche Arbeiten verweise. Leider nehmen für mich über die Jahre die Situationen zu, in denen jemand relativ inhaltsleer oder bruchstückhaft über etwas redet, was er besser wüsste, wenn er meine Texte gelesen hätte. Das erwarte ich nicht prinzipiell. Aber wenn’s genau um das Thema geht – bemühe ich mich, zumindest beispielhaft die Positionen des anderen zu kennen und nicht zu starke, schon gar nicht abwertende Aussagen zu machen, wenn ich nicht halbwegs Gewissheit habe, dass der andere es nicht schon anderweitig erklärt und beantwortet hat.

Ich hoffe auch, dass es im Lauf dieses meines Argumentationsgangs deutlich wird, dass all dies notwendige Klärungen und Voraussetzungen sind, die Du als Gesprächspartner hier wiederholt nicht einlöst. Dies folgt, soweit ich sehen kann, zumindest einer allgemein verständlichen Sprachverwendung und genügt sehr transparenten logischen, rationalen Kriterien. – Es macht deshalb misstrauisch, wenn Du einerseits willkürliche Setzungen und Überhöhungen bestimmter, wenig explizierter Begriffe und Referenzautoren vornimmst und dabei den Kommunikationsmodus einseitig auf ‚alternativlos‘ stellst, damit also den Kriterien von Transparenz, Logik und Rationalität widersprichst, um dann innerhalb einer neuerlichen normativen Setzung auch eine solche Rationalisierung von Gesprächsgrundlagen zur gegenseitigen Verständigung als null und nichtig zu dekretieren:

Weil der Mensch überall dort, wo er zutiefst Mensch ist, eben nicht die Ratio in den Vordergrund stellt.

Du kannst meinetwegen einen Staatshaushalt aus dem Gefühl heraus verabschieden. Man kann mit einem solchen Satz auch Handlungsweisen rechtfertigen, die vom sinnlosen Besäufnis bis zur fahrlässigen Tötung reichen. Ich nehme an, das sind nicht die „zutiefst“ menschlichen Situationen, die Du hier anrufen willst. Aber reden wir hier über Liebe? Reden wir über Barmherzigkeit? Beides sind sicherlich nicht die Hauptthemen von Philosophie, erst recht nicht politischer Philosophie, um die es eher geht, wenn wir wesentlich über Rationalität und „Seele“ im Spannungsfeld von herrschendem System und Aufklärung sprechen.

Du hast metaphysische Begriffe der „Seele“ oder eben das allgemein „Metaphysische“ einseitig zum Non plus ultra erklärt (normative Setzung).

Weil wir ohne Wurzeln im Metaphysischen ständig weiter manipuliert werden und manipulierbar bleiben.

Ein Grund für Dissens ist nach meiner Einschätzung, dass Du den Eindruck gewinnen kannst, ich würde Dir einen Bezug zum Metaphysischen meinerseits streitig machen wollen. Das will ich keineswegs, denn es wäre das, was Du auf diese Weise umgekehrt tust und was ich hier wiederum kritisieren muss – kritisieren muss, weil es zu meiner Ethik gehört (sicherlich eher im Sinne des oben genannten logischen Empirismus oder des Konstruktivismus), in einer solchen Sachdebatte die für alle sicht- und überprüfbaren relevanten Wesentlichkeiten erstmal ins Gespräch zu bringen. Und in einer Situation, in der wir auf unsere je eigene Weise nicht zuletzt Kulturkritik üben, bestimmte Verfallssymptome feststellen und analysieren, beziehst Du Dich allein auf Mathilde Ludendorff, die Du in einer Mail mir mal mit ihrer These vom Fernsehen als „Seelenmord“ vorstelltest (Ludendorff, Mathilde: Außer Atomtod droht der Seelentod. In: Der Quell, Folge 15, 9.8.1958, S. 687–690). Das ist ja aller Ehren wert – aber wie falsch die Jubelarie, als seien Ludendorffs die allein seligmachenden Geistesgrößen und als hätte weder vorher noch nachher irgendjemand etwas substanziell Anderes dazu publiziert. In diesem Fall ist es eindeutig: Du maßt Dir in solchen Fällen auf beliebigen Feldern eine Sachkenntnis an, die jeweils ein Fachstudium oder mehr erfordert, und das geht schnell schief.

Du könntest sonst etwa einen Autor wie Albert Hellwig kennen, der mit „Kind und Kino“ schon 1914 eine umfangreiche statistische Auswertung vorgelegt hat, wie viele Tötungsakte etwa ein Kind zu Gesicht bekommt, wenn es ins Kino mitgenommen wird. Ich stimme Dir doch sofort zu, dass solch ein Thema permanent auf die Agenda gehört. Statt sich aber darauf zu einigen und von verschiedenen Wissenstraditionen zu profitieren, versuchst Du ganz wesentlich ein Autorenpaar immer wieder in den Vordergrund zu stellen. Zu diesem Thema wäre der 1958er Aufsatz ein weiterer wichtiger Beitrag, vollkommen klar. Unwissenschaftlich, wenn das nicht gekannt und gelesen wird. Aber nicht alleinig relevant, nicht prinzipiell und immer überlegen gegenüber allem anderen.

Zu den neuesten Beiträgen mit wahrhaft kritischem Zugang gehören auch solche in meinem Blog – 26 an der Zahl in der Kategorie „Jugendschutz“. Bemerkst Du, dass dies die wohl einzige laufende Beobachtung ist, die den Forschungsinteressen von Hellwig und Ludendorff über Kinder und Medien exakt entspricht, sie an vollkommen neuen Gegenständen bestätigt und wohl begründet thematisch in die Diskussion zurückbringt?

Die Heiligen-Verehrung schließt auch solche allgemein anerkannten Größen wie Goethe und Schiller ein. Diesen Satz hättest Du ruhig verlinken können zu meinem Blog:

Goethe findet man auf einem dieser Blogs einmal erwähnt in dem Tenor, dass man sich auf Goethe und Fußball einigen könne als Minimalkonsens einer Gesellschaft.

Ich erwähne das nur beispielhaft, weil es auf mich bezogen ist, auch in diesem Fall nochmal: Du setzt oft nur ein einziges Verständnis (das noch nicht mal anhand des zu Lesenden jeder korrekt zuordnet) voraus, dem allein Dein Gegenüber zu entsprechen habe. Das schreibst Du allen Ernstes einem Autor, der alleine zum Thema Fußball in seinem Blog eine so ungewöhnliche und vielschichtige Einzelkritik geliefert hat, der auch in „Glotze fatal“ auf provokante Art neue Lesarten für Fußball-Berichterstattung ausführlichst entwickelt hat (wie auch in den Videos zu Delling und Netzer hier und hier).

Hier verstehst Du einen Satz miss, der in einem ganz anderen Zusammenhang nur schlaglichtartig zeigen soll, dass es E- und U-Kultur gibt, dass auf dieser Ebene „Goethe“ und „Fußball“ Kollektivsymbole (Jürgen Link) sind. Das ist Zeichentheorie und Kultursoziologie, wie sie in Deinen Ausführungen nirgendwo vorkommt, aber deshalb noch keine illegitime Beschreibungsweise.

Deshalb halte ich auch Deine Mahnung betrf. Schillers Theater-Konzeption für etwas fehlgeleitet:

Dabei war ihm das „Theater als moralische Anstalt“ unglaublich wichtig. Die moderne „Kultur der Kritik“ ist doch eigentlich nur Kultur- und Kunstphilosophie entkleidet jedes Metaphysik-Bezuges, indem – zum Beispiel – gesagt wird: alle Medien und alle transportierten Inhalte sind gleichwertig. Sind sie nicht! 🙂 Oh Gott, sie sind nicht gleichwertig! Hallo! Sie sind es nicht!!!
Vor 1945 wusste das jeder Mensch, der sich nur ein bisschen mit Kultur beschäftigt hat (und er hat das bestimmt nicht in Hitler- oder Goebbels-Reden gelernt).

„[J]eder Mensch“? Woher willst Du das denn wissen? Es ist sicherlich auch einseitig, zur Kaiserzeit und Weimarer Republik immer nur an Militarismus, Obrigkeitsstaat, Gewaltbereitschaft und -herrschaft, tobende Massen zu denken. Aber sicher war der allgemeine Bildungsstand eher geringer einzuschätzen. Menschen lebten in deutlich ärmeren Verhältnissen in Deutschland. Wer las dort Bücher? Wer konnte sich den Theaterbesuch leisten und wollte dies überhaupt? Es gab natürlich in den 1920ern noch mehr Theater als Massenvergnügen (der Begriff kommt bei Dir gar nicht vor – das ist Kultur aber ja nicht unwesentlich). Das Kino galt als „Theater der armen Leute“. Du sprichst im Text noch an:

Die Lebensreformbewegung der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts bemühte sich vielfältig um „Kunst fürs Volk“, auch die Arbeiterbewegung tat das, auch die Nazis taten das, viele Verlage taten das, bspw. Reclam, Diederichs. Die Namen sind im Grunde Legion. Und so lange ist das alles auch noch gar nicht her. Interessant allerdings, dass man an alles das heute erst wieder erinnern muss.

Gut, dann war das über 20-30 Jahre eine Tendenz dahin. Wolltest Du das deutsche Kino 1933-45 als besonders hervorzuhebende Kulturepoche darstellen, hast Du, denke ich mit 100 % der aktiven Filmwissenschaftler ein Problem. Ich sehe da Finessen jenseits der offiziellen Doktrin. Aber eher bei Regisseuren wie Karl Lamprecht oder Detlef Sierck, in vertrackterer Weise noch bei Veit Harlan. Und es gab jede Menge Tinnef, oder? Und was ist in der Zeit an bedeutender Literatur entstanden? Was gehört vor 1930 zu einem ‚wertvollen Kanon‘?

Wie will man heute Qualitätskriterien anwenden und wer bestimmt sie? Du sprichst hier mit jemand, der sich seit 25 Jahren mit sowas beschäftigt. Ganz verkürzt sage ich mal: Es gibt einerseits eine absolute Vielfalt der Interessen vom Kunstkino bis zum Horror und Trash. Es gibt andererseits ein starkes Theoriedefizit, was überhaupt Inhalte betrifft. Filmwissenschaft wurde in der Medienwissenschaft eher zurückgebaut, während die Produktion von Spielfilmen aller Art eher ansteigt. Das führt möglicherweise zu neuen Formen der Unbewusstheit über die Konstruktion der eigenen kulturellen Erfahrungswelt. Manche nennen es Unübersichtlichkeit. Fast überall ist von Pluralität, Differenz und Hybridität die Rede – meist exakte Gegenteile von dem, was Du aufrufst.

Neben meiner eigenen Fundamentalkritik räume ich in vielerlei Formulierungen doch immer wieder ein, dass wir heute auf einem verhältnismäßig hohen Niveau klagen – einfach in der guten Absicht, es nicht sinken zu lassen, sondern eher zu erhöhen, wenn es geht. – In Letzterem sind wir uns ja offensichtlich zumindest einig. Die Differenzen beginnen bei der Frage, wie man dies bewerkstelligt und welche Voraussetzungen es dafür gibt, die nicht einfach diskursiv übergangen werden können.

Und, mit Verlaub, einiges von dem, was Du hier sagst, wie Du Geistesgrößen wie Schiller anrufst, wirkt etwas komisch im Kontrast zu einer Öffentlichkeit, in der leider auch die Roheit und Ungezogenheit größerer Bevölkerungsgruppen im Internet sichtbar wird. Wolltest Du all Deinen erstrebten Ideale von Sittlichkeit etc. (und seien es nur Rücksicht und Höflichkeit) in der Wirklichkeit zu größerem Recht verhelfen, so geht es um das, was Du doch eigentlich auch aus der Erziehung kennst: mühsame wie achtsame, täglich wiederholte Ansprache und Nachprüfung, erneute Ansprache von Menschen, denen Umgangsformen und Wissen fehlen. Bevor wir über „Volksseele“ sprechen und diese gar zu neuer Blüte aufsteigen sehen (wollen) – ist da nicht noch eine Menge zu tun, vom alltäglichen Umgang bis zu komplexen Verständigungsprozessen, in der Politik, im freieren Spiel der Kunst?

Dazu versuche ich bescheidene Beiträge zu leisten. Ich bin Dir insofern auch dankbar, wenn Du mir Anlass gibst, nach all den Jahren der Arbeit meinerseits darauf hinweisen zu können, was ich anbiete und wo es bisher – wie keine Seltenheit – zur weitgehenden Verschleppung, wenn nicht systematischen Unterdrückung freien und alternativen Wissens gekommen ist. Deine Reaktion ist eine besondere, mit gewissen Übereinstimmungen, aber auch anderen und neuen Problematiken, wie dass das ausführlichere Argument für ungültig oder gar nicht existent erklärt wird, wo es von Deiner Seite noch gar nicht wahrgenommen wurde.

Weiterempfehlen: Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • Twitter
  • LinkedIn
  • XING
  • Google Bookmarks
  • Y!GG
  • MisterWong
  • del.icio.us
  • Digg
  • Reddit
  • Technorati

Verwandte Artikel

Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de – Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

ANZEIGE
                        

7 Responses

  1. Grundsätzlich Zustimmung. Es sollte aber darauf hingewiesen werden, dass schon seit vielen Jahrzehnten an einer Erkenntnistheorie des nichtrationalen Bereiches gearbeitet wird, an einer Biologie des Wahren, Guten und Schönen und an der Erforschung dessen, wie das menschliche Erleben des Wahren, Guten und Schönen evoluiert ist, wie zum Beispiel Altruismus evoluiert ist, wie unsere Schönheitspräferenzen auf mannigfaltigen Gebieten evoluiert sind und wie schließlich auch unser rationaler Erkenntnisapparat (für die Erkenntnis des Wahren auf dem Gebiet des Rationalen) evoluiert ist.

    Auf dieser Basis ist durchaus ein naturwissenschaftsnaher Konsens zu formulieren, der über die individuelle (nichtrationale) Erfahrung des Einzelnen hinausgeht.

    Der Schluss vom Sein zum Sollen gilt ja klassischerweise als der „naturalistische Fehlschluss“. Wobei sich jene, die vor ihm am lautesten warnen, sich ihm am ehesten – und zwar oft in umgekehrter Richtung hin – schuldig machen. Etwa wenn sie sagen: Menschliche Rassen im biologischen Sinne „darf“ es nicht geben, *denn* das führt zu einer unmoralischen Moral (sozusagen), bringt zwangsläufig Abwertung, „Diskriminierung“ mit sich („Lewontin’s Fehlschluss“). Schon das ist natürlich per se ein naturalistischer Fehlschluss.

    Um Fehlschlüsse zu vermeiden, muss sorgsam argumentiert werden. Das ist eben der Unterschied zwischen Natur- und Geisteswissenschaft. Auf den Dichter und Poeten kann keinesfalls verzichtet werden. Das ja genau ist meine Rede. Nur gibt es hier eminente qualitative Unterschiede, die in einer Wissenschaft wie der „Medienwissenschaft“ meines Erachtens gar zu sehr aus dem Blick geraten.

    Nämlich der Unterschied zwischen Kultur und Massenunterhaltung, um mal ein konkreteren qualitativen Unterschied herauszugreifen.

    Gott muss nicht „kreiert“ werden, es muss nur erkannt werden, dass Nietzsches „Gott ist tot“ nur dem Nietzsche’schen Pathos geschuldet war und der Tatsache, dass in der Naturwissenschaft zu Nietzsches Zeiten noch kein klar umgrenzter Bereich des Nichtrationalen vom Rationalen abgrenzbar war. SEIT dies der Fall ist (also seit Einstein, Heisenberg, Manfred Eigen, Fred Hoyle usw.) ist Nietzsche’s Formel längst wieder als jener famose Pathos erkenn- und durchschaubar, der er war. Nicht „Gott ist tot“, nur der monotheistische, außerweltliche, sprich von Theologen seit dem 18. Jahrhundert in Abgrenzung von der Naturwissenschaft getötete Gott ist tot.

    Als die Theologen Gott ins außerweltliche abschoben, um gegenüber der Naturwissenschaft ein „Alleinstellungsmerkmal“ zu behalten, da töteten sie Gott. Denn Gott – also das Werterleben des Menschen – ist und kann ja nur innerweltlich sein.

    • Solchen Positionen wird in der gegenwärtigen Kulturwissenschaft (wenn überhaupt explizit) mit Begriffen des Biologismus und der Normativität der Kampf angesagt. Es stehen im Vordergrund eher relativistische, kulturalistische Perspektiven (https://de.wikipedia.org/wiki/Kulturalismus). Ein Kernpunkt dürfte sein, dass normative Begriffe leicht der herrschenden „Political Correctness“ widersprechen. Die von Dir, Ingo, in den Vordergrund gestellten traditionellen Begriffe werden dann höchstens noch auf anderen Sprachebenen (demnach indirekt, metaphorisch, in Anspielungen) verhandelt (wozu ich wenig Meta-Betrachtungen kenne). Ganz wesentlich geht es um Kultur als energetischen, dynamischen, von Handlung getragenen wechselseitigen Prozess und nicht um einen, der primär und diskursiv eindeutig von objektivierbaren Begriffen ausgeht.
      „In dieser Sichtweise ist Kommunikation die wesentliche Handlung, in der Gemeinschaft entsteht und ständig erneuert wird.“
      https://de.wikipedia.org/wiki/Kommunikation_(Handlungstheorie)
      Es resultieren daraus vielerlei theoretische Probleme (im Sinne denkbarer Forschungsfragen), von denen aber fraglich ist, wieviel Zeit zu ihrer Besprechung noch bleibt, zumal nachdem sie vielfach marginalisiert und tabuisiert wurden (wodurch, darf man ebf. fragen).

      • Ebend. Und hier wäre eben kritisch herauszuarbeiten, warum in einer Wissenschaft wie der Medienwissenschaft die notwendigen und vielfältigen Brückenschläge zur Naturwissenschaft so lange auf sich warten lassen. Niklas Luhmann zum Beispiel hat sich auch an der Komplexitätstheorie der modernen Physik orientiert, allerdings oft nur in „analoger“ Weise. Es gilt einfach zu erkennen, dass der Mensch als Nutzer von Medien ein in der Evolution entstandener aus diesem evolutiven Werdeprozeß heraus zu erklärender Mensch ist. In einer Wissenschaft wie der Psychologie ist das längst weithin verinnerlicht worden. Auch die Medienwissenschaft wird sich ihrer Naturalisierung auf die Dauer nicht entziehen können und zu einer Evolutionären Medienwissenschaft werden. Erste Ansätze gibt es ja schon. Würzburger Medienpsychologen haben vor zwei Jahren ja schon eine evolutionäre Fachtagung organisiert:

        http://www.mp.uni-wuerzburg.de/tagungen/mve_tagung_2015/

  2. GM sagt:

    Es muss eine Zweiteilung des Problems erfolgen. Die wissenschaftlich zu behandelnden Themen/Vorkommnisse müssen nach rationalen und wissenschaftlichen Methoden durchgeführt werden. Daraus wird jedoch niemals eine ethisch zu begründende Handlungsanweisung für uns werden. Das hat weder Konrad Lorenz, Rupert Riedel noch Ernst Popper geschafft. Nur der Seher, Dichter Poet kann dem Menschen einen Sinn geben und in der Kunst eine übergeordnete Wahrheit aussprechen. Ohne diese dichterische Formfindung können keine daraus entspringenden ethischen Maßstäbe in die Welt gebracht werden. Daher kann die Wissenschaft wie sie heute besteht keinen neuen „Gott“ kreieren. Habermas hat das ja bereits erkannt und die „Fahnen vor der Religion gestrichen“.
    Als Beispiel möchte ich den Gedanken anführen, der von einer grundsätzlich anderen Haltung den Tieren und Pflanzen gegenüber ausgeht. Ich bezeichne die mit uns zusammen entstandenen Tiere und Pflanzen als den Schildwall (Schutz) gegenüber der Dunkelheit und Leere des Weltalls. Die Wärme, Vielfalt und Lebendigkeit der Tiere und Pflanzen und unser gemeinsames Unterworfensein unter das unerfindliche Gesetz von Leben und Tod, Glück und Schmerz machen sie zu unseren engsten Gefährten im Kosmos. Gefährten. Dieser Gedanke schließt die Manipulation der Gene unserer Gefährten aus. Wir würdigen diese Wesenheiten sonst zu von uns manipulierten Dingen herab. Die heutige Wissenschaft versagt in dem Verhältnis den Wesenheiten gegenüber und beruft sich auf „wissenschaftliche Freiheit“ und „Neutralität“. Habermas und Weizäcker haben versagt und gezeigt, dass die Wissenschaft unfähig ist ein wahres Bild der Welt und der Befindlichkeit des Menschen auszusprechen.

    Stefan George

    Horch was die dumpfe erde spricht:
    Du frei wie vogel oder fisch –
    Worin du hängst, dass weisst du nicht.

    Vielleicht entdeckt ein spätrer mund:
    Du sassest mit an unsem tisch
    Du zehrtes mit von unserem pfund.

    Dir kam ein schön und neu gesicht
    Doch zeit ward alt, heut lebt kein mann
    Ob er je kommt das weisst du nicht

    Der dies gesicht noch sehen kann.

  3. Der Wandel geschieht meines Erachtens unter anderem – wenn nicht sogar: vor allem – durch einen möglichst dichten Brückenschlag zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, dadurch dass auf der „Einheit des Wissens“ (E. O. Wilson) bestanden wird. Diese Forderung ergibt sich eigentlich von selbst, zumal seit den letzten Jahren und Jahrzehnten.

    Aber es wirken immer nochmassive Lobbyinteressen darauf hin, diesen Brückenschlag als möglichst wirkungslos verpuffen zu lassen.

    So gibt es meines Erachtens viele Leute, die den Gedanken der Interdisziplinarität nur deshalb groß auf ihre Fahnen geschrieben haben, um ihn um so leichter zerreden und wirkungslos machen zu können. Wohl allein aus diesem Zweck heraus hat z.B. Jürgen Habermas an jenem Max Planck-Institut mitgearbeitet, das eigentlich genau jenem von mir genannten Brückenschlag dienen sollte (1971 bis 1981 gemeinsam mit Carl Friedrich von Weizsäcker am „Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt“ in Starnberg). Mir ist nicht bekannt geworden, dass Jürgen Habermas in jenem Jahrzehnt das interdisziplinäre Gespräch zwischen Geistes- und Naturwissenschaft wirklich nachhaltig gefördert hätte. Im Gegenteil. Noch im neuen Jahrtausend war das ja für ihn ein „Novum“ (etwa als es um die Frage der Freiheit des Willens ging und als hier plötzlich naturwissenschaftliche Argumente in eine bis dahin weitgehend geisteswissenschaftliche Debatte sprichwörtlich „hereinbrachen“, so dass auch ein Habermas sich ihnen nicht mehr verschließen konnte).

    Genauso wie hier hat er auch auf anderen Gebieten als „Kommunikationstheoretiker“ Kommunikation VERHINDERT (durch unterschwellige oder offen ausgesprochen Denk- und Sprachtabus) anstatt sie zu fördern. Ebenso durch Hinterzimmerpolitik in der Wissenschaft wie sie bekannt wurde im Zusammenhang mit dem berüchtigten Historikerstreit des Jahres 1985 seligen Angedenkens.

    Und in ähnlichem Sinne vertrat ein Steven Jay Gould allzu deutlich ähnlich gelagerte Lobbyinteressen als er von den angeblich „getrennten Magisteria“ redete.

    Dieser von mir genannte Brückenschlag ergibt sich also einerseits aus der Natur der Sache selbst. Die Psychologie selbst ist heute ein weitgehend naturwissenschaftliches arbeitendes Fachgebiet geworden. Das war sie vor 3 Jahrzehnten noch gar nicht. Und so auch die von Ihnen angesprochene Kinderpsychologie.

    Kevin MacDonald hat in „Kultur der Kritik“ aufgezeigt, wie durch pseudowissenschaftliche Ideologien und mit welchen sonstigen Methoden und von welchen Menschen der Brückenschlag seit hundert Jahren hinausgezögert wird. Er hat dabei natürlich noch nicht die Jesuiten im Auge gehabt, deren gruppenevolutionäre Strategien diesbezüglich ähnlich untersucht werden könnten.

    Da hier also außerwissenschaftliche Motive massiv auf den wissenschaftlichen Diskurs und den wissenschaftsnahen Diskurs in der Öffentlichkeit Einfluss nehmen, muss es auch POLITISCHE Willensbildung dahingehend geben, dass dieser Brückenschlag und Diskurs endlich sachgemäße Aufmerksamkeit und Förderung erhält. Genau dies sollte in vollstem Umfang im Interesse einer Partei wie der AfD sein. Auch solcher politischen Vorfeldorganisationen wie des Instituts für Staatspolitik in Schnellroda. Und genau in DIESEM Umfeld wird genau DIESER Diskurs fast genauso tabuisiert wie sonst in der Öffentlichkeit.

    Nachtigall, ick hör dir trapsen, kann ich dazu nur sagen.

    Hier kann man nur gegenwirken, indem man sich selbst die Bedeutung dieses Brückenschlages klar macht, indem man erkennt, dass man sich oft selbst wie viel zu viele Mitmenschen Jahrzehnte lang diesbezüglich hat manipulieren lassen und indem man sich nun im gegenteiligen Sinne stark macht.

    – – – Ich weise hier auch deshalb darauf hin, weil ich in meinem Blogartikel, auf den Daniel hier reagiert, noch nicht klar gemacht hatte, in welchem Bereich man heutzutage am sinnvollsten und am schärfsten umrissen von einer „nichtrationalen Seite“ der Wirklichkeit sprechen kann. Nämlich im Bereich der Naturwissenschaft. Relativitätstheorie, Quantentheorie, Komplexitätstheorie haben uns schon seit Jahrzehnten gesagt, dass es in der Natur klar umrissene nichtrationale Aspekte gibt, für die wir innerhalb unserer Ratio keine geeigneten Erkenntniswerkzeuge mehr haben, da unsere Ratio ein Ergebnis des evolutionären Prozesses hier auf der Erde ist und wir keine Werkzeuge zum Erkennen dieser Dinge brauchten, um hier auf dieser Erde zu überleben („Evolutionäre Erkenntnistheorie“).

    So wie Nicolai Hartmann, Konrad Lorenz an einer Erkenntnistheorie des naturwissenschaftlichen Erkennens gearbeitet haben, so muss nun auch eine Erkenntnistheorie für die nichtrationalen Aspekte der Wirklichkeit und unseres Erlebens gearbeitet werden. Erkenntniskategorien und Seinskategorien müssen aufeinander passen auch bezüglich der nichtrationalen Aspekte der Wirklichkeit. Hier hat die Philosophie des 20. Jahrhunderts (M. Ludendorff u.a.) schon mancherlei Vorarbeit geleistet.

  4. GM sagt:

    „Zu den neuesten Beiträgen mit wahrhaft kritischem Zugang gehören auch solche in meinem Blog – 26 an der Zahl in der Kategorie „Jugendschutz“. Bemerkst Du, dass dies die wohl einzige laufende Beobachtung ist, die den Forschungsinteressen von Hellwig und Ludendorff über Kinder und Medien exakt entspricht, sie an vollkommen neuen Gegenständen bestätigt und wohl begründet thematisch in die Diskussion zurückbringt?“

    Hier möchte ich Ihnen gerne zustimmen und es ist dies ein Grund warum ich Ihre Beiträge schätze. Mein Unbehagen gegenüber der weitgehend kritiklosen Hinnahme der Flut an fragwürdigen ( oft eigentlich zerstörerischen) Inhalten denen Kinder und Jugendliche ausgesetzt werden ist erheblich. Kaum irgendwo, außer bei Ihnen, wird das ernsthaft hinterfragt oder kompetent besprochen. Mir persönlich fehlt das Fachwissen und die Zeit bei diesen wichtigen Diskussionen mitzuwirken. Ich kann hier nur auf Erfahrungen zurückgreifen die sich im Laufe der Jahre auf anderen Wissensgebieten, im praktischen Leben und während der Suche nach ethischen Maßstäben angesammelt haben.
    In Ihrem Beitrag zeigen sie exemplarisch wie ein rationaler Diskurs geführt werden sollte.
    Sie mahnen in Ihrem Artikel eine wissenschaftsgemäße Argumentationskultur an. Eigentlich richtig und nachvollziehbar – dachte ich einmal. Ich veröffentliche seit Jahren selbst in den alternativen Medien. Es ist zu bedenken, dass wir unbezahlt arbeiten. Eine wissenschaftliche Diskussion in den von Ihnen angesprochenen Themengebieten setzt einen erheblichen Zeitaufwand voraus. Nichteinmal die staatlich bezahlten Hochschulen sind dazu in der Lage. Es ist eine erhebliche Leistung selber und aus eigenem Antrieb an diese schwierigen und eben auch aufregenden Themen heranzugehen.
    Zu den Hochschulen und sonstigen staatlichen Einrichtungen ist meine Meinung differenziert. Diese Einrichtungen handhaben schwierige Themen oft nach unwissenschaftlichen Maßstäben. Es stehen Kriterien wie die berufliche Laufbahn, die Zugehörigkeit zu Netzwerken, Geld, Machtausübung, Geltungssucht und Neid im Vordergrund. Ich kann in meinem eng begrenzten Blickwinkel eines wissenschaftlichen Fachbereichs gleich mehrere haarsträubende Ergebnisse dieser Art von „Wissenschaft „ anführen und genauestens nachweisen. Ich vermute doch sehr stark, dass es in anderen Fachgebieten nicht anders ist. Woher ein Sinneswandel innerhalb der wissenschaftlichen Netzwerke etc. herkommen könnte ist mir unklar. Hier steht ein Wandel der Wissenschaften selber an. Wie soll der aussehen?

Kommentar verfassen