Historiker ignorieren Wirtschaftsgeschichte und Personen-Netzwerke im Fall #Hitler

Besser informierte Leser kommt es wie ein Betäubungsgas an, was aus vielen Berichten zum Nationalsozialismus hervorwabert. Die Tageszeitung „Die Welt“ könnte angesichts der Zahl ihrer Hitler-Berichte eine eigene Rubrik einrichten. Doch trotz der Nachhaltigkeit will sich nicht so viel Neues einstellen – und was es wirklich Neues gibt, wird lieber nicht berichtet.

Stattdessen wird etablierte Forschung beworben, die leider an relativ beliebigen Punkten der Oberfläche hängenbleibt. „Welt“-Autor Sven Felix Kellerhoff formuliert heute die Überschrift: „Adolf Hitler spielte den Politiker nur“. Der Anlauftext suggeriert Geschäftigkeit: „Nach der Edition von ‚Mein Kampf‘ kommt jetzt die Detailforschung in Gang.“ Gab es zuvor etwa in 70 Jahren noch keine „Detailforschung“?

Ob das, wovon Kellerhoff anschließend berichtet, als solche zu bezeichnen ist, dürfte auch strittig sein; ebenso, ob die Neuedition von „Mein Kampf“ damit substanziell zu tun hat. Es handelt sich vielmehr um Andreas Wirschings abstrahierend-soziopsychologische Betrachtung von Hitlers Verhalten: „Hitlers Authentizität. Eine funktionalistische Deutung“ in den aktuellen „Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte“.

„Tatsächlich bestand das Geheimnis des Hitlerschen Erfolgs, seines Aufstieges und seiner politischen Glaubwürdigkeit in einem Rollenspiel.“ Es gab unabhängig von ihm eine Bühne für völkisch-antisemitische, radikal populistische Vorurteile, und auf ihr gab Hitler dem Publikum, wonach es gierte.
Das hat für die Deutung der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert weitreichende Folgen. Denn der Aufstieg des „Führers“ als politischer Agitator seit August 1919 war nicht wirklich politisch: „Vielmehr lässt er sich als bloße Funktion des biografischen Erfolges deuten, den Hitler eher zufällig und erstmals in seinem Leben erfuhr.“

Da finden wir also zunächst die wahnsinnig tiefschürfende Einsicht, dass Politiker, die Erfolg haben wollen, mit dem Zeitgeist gehen müssen und daran zumindest teilweise auch ihre persönlichen Ansichten ausrichten. Dann folgt sensationalistische Rhetorik „weitreichender Folgen“ – eben als werde etwas Neues berichtet. Wenn Hitlers „Aufstieg […] nicht wirklich politisch“ gewesen sein soll, ist erstmal die Frage, was „politisch“ denn überhaupt sei. Nicht politisch ist demzufolge am Beschriebenen auch nur, dass Hitler kein Überzeugungstäter gewesen sein soll. Das impliziert im Übrigen die absurde These, heutige Spitzenpolitiker hätten nicht nach Kindheit und Jugend oder während ihrer Karriere auch schon einmal Ansichten gewechselt und populistisch argumentiert. „Politisch“ wäre dieser Aussage nach eigentlich nur ein Mensch, der bei immer gleichlautenden Ansichten ohne jedwede Anpassung an seine Umwelt ein Projekt der Veränderung dieses sozialen Umfeldes anstrebt. Mit anderen Worten: Diese Aussage kann eigentlich als Nonsens betrachtet werden. Wir nennen es Qualitätsjournalismus.

Hitlers Aufstieg als „bloße Funktion des biografischen Erfolges […], den Hitler eher zufällig und erstmals in seinem Leben erfuhr“, ist eine Kombination aus Tautologie und einem schwammigen Begriff (während der Text zuvor „Mein Kampf“ als „[s]chwammig, weitschweifig und widersprüchlich“ bezeichnet – de facto eine Selbstbeschreibung wie auch der reißerische Hinweis, Hitler habe „dem Publikum“ gegeben, „wonach es gierte“ – heute sind es larmoyante autoaggressive Halbwahrheiten). Was anderes ist ein Aufstieg stets als ein „biografischer Erfolg“ der betreffenden Person – und nicht etwa dessen „Funktion“? Und was wäre ein „biografischer Erfolg“ neben einem oder über einen „Aufstieg“ hinaus in diesem Kontext? Dass Hitler einmal im Wirtshaus beim Skat gewann, was sich aber nicht direkt auf seinen sozialen und politischen Aufstieg auswirkte?

Das eigentlich Schwerwiegende an der Art dieses Berichts und seinem Gegenstand, einem wissenschaftlichen Aufsatz, ist die Suggestion gegenüber Lesern, es werde hier echte Forschung betrieben und eine differenziertere Einsicht vermittelt. Dabei handelt es sich lediglich um eine begrifflich-abstrakte Formulierung von etwas, was wir längst wissen und was tausendfach allgemein benannt wurde: dass Hitler durch die NSDAP „erstmals in seinem Leben“ Erfolg beschieden war.

Für echte Historiker schließen sich daran notwendigerweise Fragen an. Und der neuralgische Punkt im Zitat ist die Behauptung, Hitler sei „eher zufällig“ zum Polit-Star geworden. Worauf gründet eine solche Aussage? – Antwort: Es ist keine Wissenschaft, sondern die willkürliche Behauptung von Historiker Andreas Wirsching, die vom Fachjournalisten Sven Felix Kellerhoff marktschreierisch als Leistung propagiert wird.

Wer sich die Umstände von Hitlers Aufstieg ansieht, bemerkt, dass sie als eines jedenfalls nicht bezeichnet werden kann: als „eher zufällig“. Wer reale Erfahrungen in solchen Belangen hat, weiß, dass politischer Erfolg von Personen-Netzwerken und Interessensgruppen sowie – und letztlich an erster Stelle – von Finanzierung (der Organisation, der Werbung etc.) abhängig ist. Dazu sind bisher zum Fall Hitler nur Teile der komplexen sozialen Realität erforscht. Eine Reihe älterer und neuerer Hinweise zu weiteren Implikationen werden von Kellerhoff & Co. eigentlich gar nicht erwähnt. Es muss ihm – wie ja nicht selten – vom Leserkommentar durch „kehraus“ nachgetragen werden:

Es gab damals in Deutschland genau zwei Fabriken zur Herstellung von Tetraethylblei, das die IG Farben mit Standard Oil-Lizenz produzierte.
Waren diese Produktionsstandorte der Standard Oil, der US Air Force oder RAF etwa nicht bekannt?
Ohne dieses Antiklopfmittel flog damals kein Flugzeug.
Soviel dazu, wieviele Bomben es benötigt hätte, um den Krieg zu entscheiden.

In meinem Buch „Saturn Hitler“ werden in Text und Anhang „Internationale Machtkartelle zur Zeit Hitlers“ soziale Beziehungen rekonstruiert, die in den meisten Fällen sogar verstreut in der allgemein akzeptierten Literatur erwähnt werden. Schon naheliegende Fragen, wer aufgrund welcher sonstigen Beziehungen welche Interessen gehabt haben könnte, wessen eigentliche Agenda nicht unbedingt ausgesprochen wurde, aber an den realen Ereignissen und Effekten doch sehr fundiert abgeleitet werden kann – solche detektivisch notwendigen Fragen werden von etablierten Historikern weitgehend ignoriert. Meist schreiben sie lediglich ab, was schon existiert. Gerne gesehen sind Ausflüchte ins Begrifflich-Abstrakte, eine Sprache, die Laien einschüchtert und von kritischer Nachfrage abhält. Nur mit Wissenschaft und Erkenntnis hat dies wenig zu tun, eher schon mit Zitierkartellen, Beschäftigungstherapie und Postenklüngel.

Es sind dies selbst eher Merkmale von Verschwörungstätigkeit, von Manipulation und (Selbst‑)Betrug. Deshalb ist es tatsächlich „kein Zufall“, dass die abfällige Beschreibung von Hitlers Argumentationsweise am unmittelbarsten auf diese Art der Berichterstattung selbst zutrifft (wie oben gezeigt).

Ein Schema der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte von Adolf Hitlers Aufstieg (abseits weit verbreiteter Fakten) sieht etwa so aus:

adolf-hitler-netzwerk

Selbst zum inneren Kreis um Hitler innerhalb eines solchen Netzwerkes machen Geschichtswissenschaften bisher nur bruchstückhafte Aussagen. Alles, was darüber hinausgeht, findet in ihnen nicht wirklich statt. Es führt jedoch erst zu den wirklichen kausalen Zusammenhängen, relevanten Machtstrukturen und Steuerungstechniken.

Das gezeigte Schema ist ein Standbild aus Trailer und Gesprächsvideo zu „Saturn Hitler“, in denen schon einiges mehr zu meiner Version der Ereignisse zu entnehmen ist. Dieser Beitrag hier verbindet sich auch mit der Bitte, solche Informationen bei Zustimmung weiterzuverbreiten. Auch Kommentare dazu, warum die hier aufgezeigten Darstellungen Hitlers Sinn machen und erwünscht sein sollen, würden mich sehr interessieren.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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