„Spiegel“-#FakeNews bejubelt geringe (Bekämpfung von) #Kriminalität

Nachdem nicht gerade blonde und blauäugige Gruppen-Vergewaltiger in Schweden mit einem Live-Streaming auf Facebook neue Standards für Halal-TV-Unterhaltung setzten (siehe „Bild“, 24.01.2017), liest sich die neueste „Spiegel“-Posse zum Thema Ausländer-Kriminalität umso gleitcremiger. Matthias Bartschs Heft-Beitrag „Wahrheit oder Zahl“ heißt im Internet „Ausländerkriminalität – Falsche Wahrheiten“ (23.01.2017) und erfordert Bezahlung, wenn man ihn dort lesen möchte. Treffender banal hätte man die Überschrift nicht wählen können – und drückt zumindest so gesehen eine Wahrheit aus, auf die man im laufenden Text wohl eher vergeblich hofft.

Die einzige Besonderheit von Bartschs Beitrag ist, dass er die neue Studie des ehemaligen Leiters der Kripo Duisburg, Rolf Rainer Jaeger, bespricht. Wie erwartbar, will der Polizei-Gewerkschaftler eher auf Probleme hinweisen, mit denen seine Kollegen umzugehen haben. Im „Spiegel“-Büro aber, so wird gleich deutlich, ist die einzige No-Go-Area das Suchfeld auf dem Computer-Monitor. Stattdessen feiert der Qualitätsjournalist die wichtigsten Denkfehler und Halbwahrheiten noch einmal ab, die beim transatlantischen Dinner zwecks der Buntheit Andersgläubiger vertrauensvoll geklärt wurden. Die wesentlichen Argumente habe ich wohl jeweils schon mindestens dreimal im Blog besprochen. Dazu gehört, dass das Thema durch Verwendung der Zahlen Tatverdächtiger statt Verurteilter zerredet wird (ein unausweichliches Dilemma bei den jeweils aktuellsten Zahlen); dass Kriminalitätsraten von Zuwanderern teilweise überhöht wirkten, weil sie z. B. Passdelikte einschließen (deren gesetztliches Verbot das Neusprech also offensichtlich gleich abschaffen will, ohne sich dazu zu erklären); sowie der logische Zirkelschluss: ‚Weil Migranten nicht krimineller sind als sozial gleichgestellte Einheimische, besteht kein Problem mit der Kriminalität von Migranten.‘ Richtig ist: Werden sozial schwache Zuwanderer ins Land geholt, statt für eigenen Nachwuchs zu sorgen, steigt der Anteil der sozial Unterprivilegierten und damit voraussichtlich auch die Kriminalität. (Bitte: auch bei mindestens doppelt so hohen problematischen Anteilen an Kriminalitäts- und Bildungsmangel-Statistiken tut man natürlich eher Mehrheiten von unterschiedlichsten Zuwanderern Unrecht, wenn man jedem von ihnen entsprechendes Verhalten unterstellt. Zu derartigen Differenzierungen ist aber der Mainstream in anderer Richtung bisher eher seltener fähig.)

Wer bei der ersten Aussage stehenbleibt, stellt also nur eine Hälfte des Sachverhaltes dar – dies ist weiter oben mit „Halbwahrheit“ gemeint. Und ausgerechnet zur Begründung eines solchen unabgeschlossenen Gedankengangs zitiert Bartsch dann die Anonymen Akademiker herbei, während der Polizist angeblich an Realitätsverlust leide:

Kriminologen, die sich der Sache wissenschaftlich nähern, winken dagegen ab […].

Der Schluss des Artikels ist dann perfide „Spiegel“-Psychologie, die an ausgeklügelte Taktiken des Informationskrieges (hier: gegen die eigenen Leser) erinnert: Erst wird bestätigt, dass so manche Intensivtäter etwa in Clans Passdeutsche sind. Dann heißt es, deren Kriminalitätsrate sei ja gesunken. Es ist der inszenierte Erlösungsmoment für den linksgrünen Alt-„Spiegel“-Abonnenten: 1) haben superschlaue Wissenschaftler bestätigt, dass der Polizist ein Quasi-Nazi und der nordafrikanische Intensivtäter ein Opfer des globalen Kapitalismus sei. (Nach vollendeter Weltrevolution ist eine riesige Party mit Kampf-Lesben und ISIS-Aussteigern geplant.) 2) hat der ausschließlich liebe Refugee nicht etwa unter mehreren Identitäten Leistungen erschlichten, …

Die Braunschweiger Sonderkommission Zentrale Ermittlungen ermittelt in mehr als 300 Fällen von Sozialbetrug durch Asylbewerber. Vorwiegend männliche, meist schwarzafrikanische Asylbewerber haben sich in der Landesaufnahmebehörde Braunschweig mehrfach registrieren lassen und so in unterschiedlichen Kommunen parallel Zuwendungen erhalten.
(„Hamburger Abendlblatt“, 01.01.2017)

… sondern im sanften Licht der bevorstehenden multikulturellen Idylle fühlten sich zum Wohlgefallen des Hamburger Nachrichtenmagazins auch die dauerhaft Perspektivlosen nicht mehr bemüßigt, garstige Taten zu begehen – in Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die große Denker wie Claus Leggewie ihnen etwa in der bekanntermaßen stark expandierenden deutschen Landwirtschaft versprechen.

An dieser Stelle zeigt sich dann auch, dass das inhaltliche Angebot des „Spiegels“ in einem solchen Fall definitiv nicht enthält: eigenständiges Denken und kritischen Geist. Was vermittelt wird, ist, wie gezeigt, Wiederholung bekannter halbgarer Argumente und Bestätigung hoffnungsgetragenen linken Meinungs-Mainstreams, garniert mit einer neuen statistischen Zahl gesunkener Kriminalitätsraten.

Ein Journalist, der diese Bezeichung verdient, hätte eine Frage entwickelt, für die Antworten bereits schnell im Netz zu finden sind. Man sieht so, wie das Mindset von „Spiegel“-Lesern designt werden soll: in einem unabgeschlossenen Gedankengang verharrend.

Was man fragen und zumindest vorläufig auch schon beantworten kann, ist: Kann es auch damit zu tun haben, dass wg. Personalnot – nicht zuletzt akut wg. Flüchtlingskrise – weniger ermittelt und überhaupt bemerkt wird?

Was Günther Jauch für seine Quiz-Sendungen spöttisch im selben „Spiegel“ (20.03.2009) „zusammenhangloses Faktenwissen“ nannte, greift leider immer mehr auch auf Journalismus und Wissenschaft über. Denn unverbunden liegen zumindest Fragmente eines dazugehörigen Weltbildes ebf. im Archiv der Zeitschrift. So „Der Spiegel“ (25.08.2015):

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) beklagt den Abbau von bundesweit 16.000 Stellen in den vergangenen 15 Jahren. Die markigen Worte der Politik seien „leere Worthülsen“, sagte GdP-Vize Jörg Radek der „Welt“. Die Polizei sei „am Limit ihrer Einsatzfähigkeit“.

Ebenso Willi Russ, Zweiter Vorsitzender und Fachvorstand Tarifpolitik (dbb Beamtenbund und Tarifunion) in der „Rheinischen Post“ (09.01.2016):

Der öffentliche Dienst arbeitet am Rande der Überlastung. Manche Polizisten haben 1000 Überstunden. Wann wollen sie die je abbauen? Dennoch machen die Behörden einen guten Job – obwohl überall Ressourcen fehlen: Personal, Immobilien, Geld. […]
Schon vor der Flüchtlingskrise war klar, dass der öffentliche Dienst 180.000 Mitarbeiter zu wenig hat. Schließlich geht ein Drittel der jetzt Aktiven in den nächsten zehn Jahren in den Ruhestand. Mit Anschwellen des Flüchtlingsstroms hat sich die Lücke vergrößert – nun dürften weit über 200.000 Mitarbeiter fehlen.

Dass bei zumindest vorübergehend enorm gestiegenem Handlungsbedarf innerhalb ordnungspolitischer – sprich: auch polizeilicher – Maßnahmen im Rahmen der Flüchtlingskrise und ohnehin bestehendem Personalmangel andere Ermittlungen zurückgestellt werden müssen, bestätigen einige, wenn auch nicht so zahlreiche Berichte. Die „Osnabrücker Zeitung“ (04.02.2016):

Niedersachsens Polizei will den Aufwand bei der Verfolgung einfacherer Delikte zurückfahren. Darauf haben sich Landespolizeipräsidium und Polizeibehörden angesichts der Mehrbelastungen durch die Flüchtlingskrise verständigt, wie ein internes Papier zeigt, das unserer Redaktion vorliegt.

Das einzige valide und dabei neuere Gegenargument, das ich bei Bartsch sehe, betrifft die Einschließung nicht hier ansässiger nicht-deutscher Täter in eine Statistik, die ausländische Straftäter mit einheimischen vergleicht. Sogleich wird es aber tendenziös, wenn man die stark frequentierte Hauptstadt Berlin dafür als Paradebeispiel anführt, nicht aber ebenso erwähnt, dass dies entsprechend an anderen Orten nicht so sehr ins Gewicht fällt. Und dass die Tatsache, dass es nicht wenige Straftaten von ‚Durchreisenden‘ (oder dauerhaft illegal sich aufhaltenden?) gibt, stattfindende Straftaten für Betroffene nicht angenehmer und politisch wünschbarer macht.

Der Irrsinn unserer Zeiten besteht immer mehr in von Journalisten selbst produzierten Denkfehlern und Scheinwahrheiten. Und im Vergleich zu anderen existenziellen Themen ist dies noch ein überschaubarer Zusammenhang. Oder leuchtet irgendetwas daran nicht ein? – Mal sehen, ob die eifrigen Sucher nach angeblich neuartigen „Fake News“ dazu irgendetwas zu sagen haben – oder ob sie das Gesetz des Schweigens jener Mafia wahren, der sie angehören.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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4 Responses

  1. Tettenborn sagt:

    Selten ein so durchdachtes Spiegel-Bild gesehen… Allerdings stimmt mit der Pyramide einiges nicht, denn Deutschland ist zwar wirtschaftlich sehr stark, aber im Rahmen der gegenwärtigen Weltordnung politisch und militärisch ganz unten in der Nahrungskette. Die Nato ist ja eine Hundeleine, an der man Deutschland führt, wie eine amerikanische Zeitung 1990 schrieb. Da nun Trump die Nato für überholt erklärt hat, bedeutet dies, daß wir von der Leine gelassen werden. In welche Richtungen dann die einzelnen Billardkugeln rollen werden, kann ich nicht sagen. Das müßten die Physiker errechnen mit ihren Vektor-Simulationen. So wie ich das sehe, wird diese unsichtbare Hand, die den Billardstock führt, jedenfalls allerhand in Unordnung bringen, und Deutschland wäre der unmittelbare Betroffene. Putin scheint auf diesem Bild eher eine ruhige Kugel zu schieben. – Übrigens ist die Neue Weltordnung zwar seit dem 18. Jh. wiederholt postuliert, aber bis heute nur partiell und in bestimmten Teilen der Welt umgesetzt worden. Insofern dürfte dies Jahr ein weiterer Etappensieg anstehen. Jacob Burckhardt hat mal seine Verwunderung darüber zum Ausdruck gebracht, daß seit 1789 alle politischen Systeme nur provisorisch seien. Ich nehme an, das war auch so beabsichtigt. Dies Jahr oder nächstes wird vermutlich das bisher Erreichte nach 72 oder 73 Jahren umgestoßen, um dann mehr oder weniger gewaltsam in eine noch größere, vermutlich noch autoritärere Herrschaftsform überführt zu werden. Meine Vemutung: Kommunismus. Die „Zeit“ wirbt jetzt schon für Karl Marx, dabei hat der doch erst nächstes Jahr seinen runden Geburtstag.

  2. l2012ucas sagt:

    „Die Wahrheit ist im Anmarsch und nichts wird sie aufhalten. […] Wenn man die Wahrheit verschließt und in den Boden vergräbt, dann wird sie nur wachsen und so viel explosive Kraft ansammeln, dass sie an dem Tag, an dem sie durchbricht, alles, was ihr im Wege steht, fortfegt.“

    Émile Zola

    Interessant ist auch das Cover des aktuellen Spiegels, das den Anstoss eines Billiardspiels zeigt und mit „Die Neue Weltordnung“ betitelt ist. Vor nicht allzu langer Zeit ein Begriff, den man in vielen Journalistenkreise abfällig als „verschwörungstheoretisch“ bezeichnete. Umgedreht ergibt das Bild eine pyramidale Struktur. Setzt man dem Ganzen jetzt den Schlussstein auf, oder wird die Machtstruktur zerschlagen (allen voran Deutschland und Westeuropa). Ist das nicht wieder ein reißerisches populistisches Titelbild a la „Stoppt Putin jetzt“. Des Weiteren kommt Russland wieder sehr schlecht weg, nur Putin wird auf der schwarzen Kugel mit roten Hintergrund gezeigt, während z.B. Saudi Arabien ganz selbstverständlich in Nationalfarbe und – flagge dargestellt ist.

    http://www.turi2.de/wp-content/uploads/2017/01/600px_SP_04_17_Digitaltitel_RGB.jpg

    • Die „Neue Weltordnung“ ist mir dabei auch aufgefallen. Es ist hier aber ja eine Umwidmung, die bezeichnenderweise den mittlerweile verschwörungstheoretischen Begriff, den James P. Warburg oder auch die Bushs lanciert haben, nun als angebliches Ziel Trumps angibt. Mehr Verwirrung zwischen Historie und neueren Tendenzen in ihrer Bezeichnung geht quasi nicht. Oder es soll uns halt sagen, dass Trump Beteiligter ein und desselben Spiels sei. Dann wäre der indirekt ausgesagte Inhalt exakt das, was im selben Blatt in der offenen Benennung „Verschwörungstheorie“ genannt wird.

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