Mit ‘Wer wird Millionär?’ getaggte Artikel

Jauchbuch Kapitaschwatzmus


Montag, 31. Oktober 2011, 20:19 Uhr. Autor:

Wir haben uns bisher zum Thema ‚Günther Jauch als Talkshow-Moderator‘ zurückgehalten, nachdem wir im Buch „Glotze fatal“ die äußerst suspekten psychologischen und metaphorischen Techniken seines Quiz-Dauerbrenners „Wer wird Millionär?“ beleuchteten – und deshalb von vornherein wenig Vertrauen darin hatten, dass hier eine Niveausteigerung politischen Journalismus im Ersatzparlament der sonntagabendlichen Sendung stattfinden würde.

Nach den ersten Sendungen haben sich nicht alle Befürchtungen bestätigt, aber zumal beim Auftritt der Kanzlerin Angela Merkel waren auch andere Kritiker mit ihrem Lob am Ende (Schwiegersohn trifft “Mutti”).

Am 31.10.2011 lud „Günther Jauch“ seine Gäste zum Thema „Die Banken an die Leine! – Wie bekommen wir die Finanzmärkte in den Griff?“ Fundamentalkritik ist von Seiten eines Moderators nicht zu erwarten, der als Medienunternehmer Millionenbeträge bewegt. Dass er in dieser Sendung die Chuzpe besaß, sogar wiederholt nachzufragen, wenn es um die Luftbuchungen von spekulativen Nahrungsmittelpreisen ging, ist vor diesem Hintergrund fast schon beachtlich. Es gehe dabei, so Jauch, z. B. um „die zehnfache Summe des überhaupt vorhandenen Maises“ – das habe er sich „sagen lassen“. Bei einem Minutenverdienst von 4500 Euro kann man sich allerdings auch in seinem Fall fragen, ob da einer eine Meise hat … So referiert weiter der „stern“ vom 14.07.2010 die „Bild“-Zeitung:

Er und seine 2000 gegründete Produktionsfirma sollten 10,5 Millionen Euro pro Staffel mit 39 Sendungen erhalten, meldet die Zeitung. Das seien 41 Prozent mehr, als bisher bei Vorgängerin Will angefallen seien.

Derartige Meldungen sind jedoch kein Grund für Sympathie-Einbußen. Die Wiedergabe solcher Informationen durch die „Bild“ scheint vielmehr zu jenem Märchen-Programm zu gehören, das in anderen Sendungen den unerschwinglichen Luxus zum Schauwert macht; hier ist es der Moderator, der mit überhöhten Gehaltsforderungen keine Empörung beim Gebührenzahler, sondern scheinbar noch Bewunderung erregt. Leider kommt dies auch Nicht-Fans überteuert zu stehen.

Doch zurück zum Thema der Sendung: die fortgesetzte Finanzkrise. Ein Skandalon der aktuellen Berichterstattung, das sich hier wiederholt, ist die gespielte Ahnungslosigkeit derer, die es besser wissen sollten. Wenn ein Spitzen-Moderator sich erst „sagen lassen“ müsste, was seit vielen Jahren die Finanzbranche bestimmt, in der er auch persönlich seine Anlageberater agieren lassen dürfte, wäre dies ein geistiges Armutszeugnis. Vermutlich verwendet er aber eine solche Formulierung auch deshalb, weil er sich mit weniger informierten Zuschauern solidarisieren will, die ihn nicht als überheblichen Spezialisten wahrnehmen sollen. Dies ist leider aber auch ein Grund, warum es hier und an vergleichbarer Stelle unnötig unpräzise und verwirrend bleibt. Und es fragt sich, ob dies nicht Absicht ist.

In diesem Kontext alberne Suggestionen wie ‚Ich habe das gerade erst erfahren müssen, das ist ja unglaublich!‘ sind durchaus erwähnenswert, weil sie zum Gesamtprogramm jener Kaste gehört, in der Jauch lebt. Eine ihrer wesentlichen Taktiken besteht darin, unverhältnismäßige Gewinne zu machen und sich dann aus der Verantwortung zu stehlen. So konnte es Sahra Wagenknecht (Die Linke) in dieser Talkshow auch nur in den von ihr seit langem vertretenen Kernsätzen vorbringen.

Dabei hat Wagenknecht etwa in „Wahnsinn mit Methode“ (2008) eine präzise Schilderung über 250 Buchseiten geliefert, was heute jeder CDU-Abgeordnete als Wahnsinn bezeichnet – nachdem Karl-Theodor zu Guttenberg für diese Partei 2009 noch mit dem Wahlslogan „Wirtschaft mit Vernunft“ werben durfte. Nun hat er sich in die USA zu denjenigen zurückgezogen, die aller Wahrscheinlichkeit nach zu den Drahtziehern der Krisen gehören (siehe diesen Beitrag von Jürgen Elsässer).

Und damit wären wir wieder beim Skandalon: Sahra Wagenknecht informierte ihre Wähler schon seit Jahren über jene systemischen Bedingungen, die nun alle beklagen. Und das „Schwarzbuch Kapitalismus“ von Robert Kurz, 1999 erschienen, erreichte Bestseller-Auflagen. Darin finden sich Aussagen wie folgende:

Die globale Schuldenkrise auf allen Ebenen kann vorerst „weggesteckt“ und weiter umgeschuldet werden, weil sie von der größten spekulativen Blase aller Zeiten an den Aktienmärkten überlagert wird. Das ist die zweite Phase der Krise seit Mitte der 80er Jahre, die bis heute anhält. [...]
Weil das Sicherheitsventil der Dollar-Goldkonvertibilität längst vorher entfernt wurde und die neoliberale „Deregulierung“ auch der Finanzmärkte die letzten Hemmungen beseitigt hat, kann die Blase so unglaublich groß und über so lange Zeit hinweg aufgeblasen werden. Umso verheerender muß allerdings der Knall sein, mit dem sie irgendwann platzen wird.
(S. 852/855)

Statt überhaupt nur darauf hinzuweisen, dass sich derzeit die schwärzesten Kapitalismuskritiken wie jene von Kurz und Wagenknecht bestätigen, die in Varianten auch schon früher als 1999 formuliert wurden, arbeitet eine Sendung wie „Günther Jauch“ an jenem falschen Bewusstsein, seit 2008 träten plötzlich Krisensituationen auf, denen man nun mit Maßnahmen im Rahmen der bestehenden Ordnung begegnen könne.

Die Voraussage sei an dieser Stelle gewagt – und sie beruht, siehe Kurz, Wagenknecht und andere – nicht auf meinem eigenen Prophetentum: Das Gejammer, Gekeife und Kontroll-Gerede auf der politischen Szene wird noch eine Weile weitergehen; die ‚Krise‘ beenden oder nachhaltig mildern wird es nicht.

Was die bisher existierende Ordnung – und vielleicht selbst Politiker, wenn sie ihre eigene Rolle nicht durchschauen – sich nicht eingestehen will, ist ihr vorläufiges Scheitern und prinzipiell voraussehbares Ende. Dies lässt sich relativ einfach begründen: Deutschlands Staatsverschuldung beträgt derzeit 2 Billionen Euro. Nach Griechenland stehen schon die nächsten Kandidaten bereit, die EU-Rettungsschirme und Zahlungen besser gestellter EU-Mitglieder in noch zu bestimmender Höhe erhalten müssen, damit der Euro als Währung erhalten werden kann. Dass Zusagen über nennenswerte Einsparungen bei den Hochverschuldeten eingehalten werden, ist sehr fraglich; es wäre historisch neu. Und die deutsche Bevölkerung altert und schrumpft, wie dieser Tage in der aktuellen offiziellen Bevölkerungsprognose vorausgesagt wird:

Die Zahl der Gestorbenen übersteigt die Zahl der Geborenen immer mehr. Das dadurch rasant wachsende Geburtendefizit kann nicht von der Nettozuwanderung kompensiert werden. Die Bevölkerungszahl in Deutschland, die bereits seit 2003 rückläufig ist, wird demzufolge weiter abnehmen. Bei der Fortsetzung der aktuellen demografischen Entwicklung wird die Einwohnerzahl von circa 82 Millionen am Ende des Jahres 2008 auf etwa 65 (Untergrenze der „mittleren“ Bevölkerung) beziehungsweise 70 Millionen (Obergrenze der „mittleren“ Bevölkerung) im Jahr 2060 abnehmen.
Das Altern der heute stark besetzten mittleren Jahrgänge führt zu gravierenden Verschiebungen in der Altersstruktur. Im Ausgangsjahr 2008 bestand die Bevölkerung zu 19% aus Kindern und jungen Menschen unter 20 Jahren, zu 61% aus 20- bis unter 65-Jährigen und zu 20% aus 65-Jährigen und Älteren. Im Jahr 2060 wird bereits jeder Dritte (34%) mindestens 65 Lebensjahre durchlebt haben und es werden doppelt so viele 70-Jährige leben, wie Kinder geboren werden.

Man kann also eine Diskussion wie jene bei „Günther Jauch“ stark unterkomplex nennen: Voraussetzung eines Gesprächs darüber, wie mit der Finanzbranche zu verfahren sei, sind auch und gerade solche Rahmendaten. Weil sie vor derzeit unlösbare Probleme stellen, werden sie einfach nicht besprochen – zugunsten eines faulen Friedens, der irgendwann in Elend und Chaos führen wird, wenn mit Werbe- und Gebührengeldern verwöhnte Seichtgewichte wie Jauch am Ruder bleiben.

Ob die Konstruktion der Europäischen Union anderen Maßgaben folgte als den Interessen derjenigen, die an ihr Teil haben, muss an anderer Stelle erörtert werden. Jedenfalls funktionieren bisher ihre Stabilitäts- und Kontrollmechanismen nicht, und diejenigen, die davon profitieren, werden mit aller Kraft daran arbeiten, dass dies auch so bleibt. Selbst die IWF-Direktorin Christine Lagarde bekundet in „Inside Job“ (USA 2010, R: Charles Ferguson), dass sie erst 2008 den Ernst der Lage auf den Finanzmärkten erkannt habe. Wenn sie also nicht schlecht informiert ist, wessen Interessen vertritt sie dann? Oder in wessen Interesse ist es, dass Menschen an der Macht sind, die etwa als Finanzminister (Lagarde, ähnlich Wolfgang Schäuble) systemische Risiken erklärtermaßen Jahrzehnte nach kritischen Wirtschaftstheoretikern (Kurz) realisieren?

Screenshot: ARD, 30.10.2011

Bei „Günther Jauch“ sollte „Ex-Investmentbanker“ Wieslaw Jurczenko u. a. mit einer Flipchart-Zeichnung die Einsicht in die Praktiken des „Credit Default Swaps“ erhellen. In der erwähnten Dokumentation „Inside Job“ gelingt dies mit Grafiken sehr anschaulich. Bei Jauch und Jurczenko entsteht nur eine wirre Strichzeichnung, die den Zusammenhang der Versicherung von Kreditausfällen (erste Abstraktionsstufe) zu den vielfältigen weiteren Formen der Kreditumschichtung und -verbriefung erst gar nicht plausibel macht; es gebe sie halt, und Jurzcenko rät, diesen unübersichtlichen Handel einfach zu verbieten.

Das wird aller Voraussicht nach zunächst nur sehr eingeschränkt geschehen und wirkungsarm bleiben. Doch noch einmal zurück zum Thema demografische Entwicklung: Der Anspruch, mit immer weniger Menschen, und darunter immer mehr hilfsbedürftigen Älteren die Schulden einer größeren Zahl von Leistungsnehmern sowie Besser- bis Großverdienenden der vergangenen 2-3 Jahrzehnte bezahlen zu wollen, sollte von Finanzpolitikern erst einmal in einer Modellrechnung begründet werden. Gelingt dies nicht, ist ein Schuldenschnitt für Deutschland unausweichlich. Die Frage ist dann nur noch, wessen Barvermögen auf dem Kontoauszug gelöscht wird.

Michael Grandt rechnet, wie in seinem Buch „Der Staatsbankrott kommt“ (2010), hier im Interview vor, dass die benötigten Summen für einen Schuldenabbau nur mit einem Wirtschaftswachstum zu erreichen wäre, das derzeit für Deutschland vollkommen illusorisch ist, …

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… Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson erklärt im „Handelsblatt“ (11.05.2010):

Griechenland wird irgendwann pleitegehen. Portugal und Spanien könnten sich anstecken. Europa kann nicht alle diese Staaten retten. Es sieht also düster aus für den Euro. […]
Wenn man durch Wachstum nicht aus diesem Dilemma herauskommen kann, gibt es nur drei Möglichkeiten: entweder Inflation oder eine Staatspleite oder ein Bail-out.

… und auch „Die Welt“ vom 29.10.2011 erkennt:

Ein weiterer gravierender Fehler der EZB war es, den Glauben an den schuldenfinanzierten Wohlfahrtsstaat aufrechtzuerhalten. Eine Absage an den Wohlfahrtsstaat ist eine Aufgabe, die die Politiker per Definition nicht übernehmen können. [...]
Das bedeutet für Deutschland drastische Ausgabenschnitte und die Zurückführung des Wohlfahrtsstaates und des öffentlichen Dienstes auf ein zivilisiertes Niveau. Diese schmerzhafte Debatte wird nicht geführt, sondern nur, wie man mit mehr Geld mehr „hebelt“.

Statt uns mit Tinnef abzugeben, sollten wir also dringend ausgehend von solchen Aussagen Debatten führen. Das dauert allerdings länger als 60 Minuten, und deshalb werden wir auch im Zeitbudget von TV-Konsumenten einiges aussortieren müssen, wenn wir nicht gemeinsam untergehen wollen.

Wir werden sehen, ob während der oder im Anschluss an diese notwendigen Transformationen auch die Bläh-Diskurse von TV-Serien, der schlecht geklonten Buchkultur und der aktuellen Kulturwissenschaften auf den Prüfstand kommen, die strukturell aus den erwähnten korrumpierten Wirtschaftsweisen abgeleitet sind. Das zeigt etwa die Beschäftigung mit Filmen von Billy Wilder, der immerhin schon 1981 seinen Dienst quittierte. „Nobody’s perfect“, die letzte Dialogzeile aus „Some Like It Hot“ (USA 1959), könnte wortspielerisch auch das Motto der herrschenden Finanz-Institutionen sein: Niemand will’s gewesen sein, und von den Momenten, in denen wir die entscheidenden Fehler hätte vermeiden können, sprechen wir, wie stets der Film, nurmehr in der Vergangenheitsform. Wer sich unsichtbar macht, wer anderen leere Zeichen als Wert und Vergangenheit als Gegenwart vorgaukelt, dem sollten wir unsere Dienstbarkeit entziehen.

„Schlag den Raab“ in Zahlen


Freitag, 24. Dezember 2010, 4:11 Uhr. Autor:

In einem gerade mal angefangenen Blog namens „Just 336647“ findet sich hier eine knappe, aber interessante Aufstellung zur Zeitökonomie der Show, wie ich sie auch im zweiten Video zu „Glotze fatal“ in Kombination mit anderen zeitfressenden TV-Formaten wie „Wer wird Millionär?“ (RTL) und der Serie „24“ (RTL2) herauszupräparieren versuche:

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Mit Dank an B. für die „Just 336647“-URL

Günther Jauch würde fragen: Wer wird Leser?


Montag, 25. Oktober 2010, 3:05 Uhr. Autor:

Über öffentliche Resonanz freut man sich, wenn man veröffentlicht. Und schlechte Kritiken sind auch Werbungen. Die Rezension zum Buch „Glotze fatal“ aus der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ (15.10.2010, S. 21) kann man wohl als ‚gemischt‘ in ihrer Bewertung einstufen. Ein Adjektiv wie „minutiös“ schmeichelt, ein Begriff wie „Generalkritik“ trifft den Punkt. Die abschließende Diagnose von „totaler Humorlosigkeit“ finde ich als Autor des Buches sehr amüsant und kann damit gut leben.

Der gesamte Zeitungstext umfasst 30 Zeilen und ist mit „rg“ gezeichnet, was wohl dem Medienredakteur der Zeitung, Ronald Gläser, zuzuordnen ist. (Das Impressum enthält keine Kürzel. Die gehören da wirklich nicht hin.)

In der Kürze liegt die Unvollständigkeit, und als rezensierter Autor hat man nicht darüber zu entscheiden, wie umfangreich man besprochen wird, das versteht sich. An dieser Stelle nur der Hinweis: Der Autor der Rezension wird ausgerechnet da pointiert, wo er den kritisierten Text scheinbar nicht zur Gänze gelesen hat. Den im Buch enthaltenen Hinweis auf den Widerspruch von Günther Jauchs Millionengehältern zur Abspeisung der meisten anderen Beteiligten mit niedrigen Salären (einschließlich teurer Anrufspiele für Zuschauer sowie des ausbeuterischen Gesamtkonzepts von RTL, also dem Bertelsmann-Konzern) bedenkt der Autor etwa mit der Frage: „Wer hätte das gedacht?“ Dass Jauch, wie Gläser meine Argumentation referiert, „Zeit schindet“, ist kein wesentliches Argument im Buch, sondern im vierten Video zum Buch auf YouTube. Und was in dem Kapitel, das, so die Suggestion des Rezensenten, sich eigentlich jeder ‚denken‘ könne, auf 28 von 33 Seiten beschrieben wird, erwähnt er gar nicht – weil er es nicht gelesen hat?

Die Besprechung der RTL-Sendung „Wer wird Millionär?“ mit Günther Jauch im Buch „Glotze fatal“ stellt wesentlich darauf ab, aus zufällig ausgewählten Sendungen alle eingeblendeten Fragen und Antworten einer literarischen Interpretation auszusetzen – und dazu vereinzelt die Moderation und sonstige Ereignisse der jeweiligen Sendung ergänzend hinzuzuziehen.

Was dabei herauskommt, ist ein bizarres Abbild von Bedeutungsebenen, die oft politisch unkorrekt wirken und v. a. die (meist medienunerfahrenen) Kandidaten in ein sehr unvorteilhaftes Licht rücken. Zweifelhaft wird dabei etwa, dass die immer gleiche Berichterstattung zur Sendung in anderen Medien von einem „Zufallsgenerator“ spricht, der hier die Fragen auswähle. Leser können sich mit Hilfe des Buchtextes von „Glotze fatal“ ihr eigenes – vielleicht ein neues und anderes – Bild von der Sache machen, wie sie auf dem Bildschirm zu sehen ist.

Etwas enttäuschend ist auch, dass in einer Zeitung wie der „Jungen Freiheit“, die als eine der wenigen etwa konsequent den Zerfall von familiären Lebensweisen (oder auch nur biologischer Fortpflanzung überhaupt) in der herrschenden Kultur beklagt, nicht mit einem Wort bemerkt wird, dass „Glotze fatal“ an vielen Beispielen beschreibt, wie eine Gehirnwäsche durch Fernsehprogramme an einem weit verbreiteten Bewusstsein arbeitet, das lebensfeindliche Werte verinnerlicht und zu länger währenden Beziehungen immer seltener fähig ist. (Ich wäre dankbar für Hinweise darauf, wo dies sonst schon geschehen wäre – in den TV-‚kritischen‘ Büchern von Michael Jürgs oder Alexander Kissler wohl nicht in systematischer und exakter Weise. Dies mag vielleicht auch deshalb nicht verwundern, da sie in Verlagen des Bertelsmann-Konzerns verlegt werden und den Markt für Medienkritik bestenfalls mit ‚professionell‘ wirkender Oberflächlichkeit bestimmen.)

Durch eine journalistische Praxis, die derlei nicht nachhaltig beschreibt und auf relevante Kritiken an anderer Stelle nicht aufmerksam hinweist, wird sich auch in Zukunft nichts an RTL und Vergleichbarem ändern. Die Folgen dieser Sorglosigkeit tragen leider auch viele, die sie nicht zu verantworten haben – und leider haben Bücher, die dies zu beschreiben versuchen, in den Worten Ronald Gläsers „sehr wenig Unterhaltungswert“. In der Betrachtung von Medienwirkungen (wie Einsamkeit, Depression, Verschuldung, Gesundheits- und Umweltschäden) wird’s für Rezensenten vermutlich erst so richtig lustig, wie? Grüße in die Hauptstadt!

Zum freien Willen gezwungen


Mittwoch, 15. September 2010, 3:15 Uhr. Autor:

Eins der klassischen Argumente in Debatten über Medienkritik ist die Freiwilligkeit von Medienkonsum oder sonstigem Zuspruch in diese Richtung. Nur für ‚zu Erziehende‘ wird da tendenziell eine Ausnahme gemacht. Alle anderen dürfen ‚frei entscheiden‘.

So weiß es eine Zuschauerin des RTL-„Dschungelcamps“ im Forum von „derwesten.de“ (25.01.2009): „Man schaut sich das doch freiwillig an.“ Und so lautet die Einschätzung zu RTL2-„Big Brother“-Teilnehmern auf „erdbeerlounge.de“ (07.07.2009): „die machen es doch freiwillig, also finde ich es nicht so schlimm.“ Dementsprechend zu Kandidaten von „Rach – der Restauranttester“ (RTL) im Forum von „cinefacts.de“: „Die machen doch freiwillig mit.“ (23.09.2008) Aus heutiger Sicht mit neuen Augen gelesen die Wortmeldung von „No Angels“-Sängerin Nadja Benaissa vom 31.10.2001 in der „Berliner Zeitung“: „Wir machen das doch freiwillig. Wir lieben unseren Beruf.“

Aber ja, mit der Freiheit ist das so eine Sache. Diese philosophische Einsicht ergriff nach Locke, Voltaire, Kant und Mill auch die Drehbuchautoren für bewegte Bilder. Eine Realisierung dieser Erleuchtung beobachten wir am 07.09.2010 in der RTL-Daily-Soap „Unter uns“. Das heißt, sie kommt in einer der drehbuchtypischen Metaphern daher (Folge 3921, Autoren: Florian Wimmer, Dana Pilath, Christoph Schulz, Andreas Schäffer).

Die derzeitige gesellschaftliche Konstellation lautet: Medienmacht – ohnmächtige Kritik – „freiwillige Zuschauer“. Die Vergangenheit war: Medienmacht – kritische Kritik – Hoffnung auf den mündigen Verbraucher – Enttäuschung dieser Hoffnung – wirtschaftliche Liberalisierung des Medienmarktes, weitgehendes laissez faire seitens der Politik und der Aufsichtsgremien. („Das hattenwer doch schon alles!“, s. u.)

Und während die cultural studies noch über „Kodieren / Dekodieren“ nachsinnen und Norbert Bolz sich in die couch-potato einfühlt …

Das heißt, auch wenn wir heute mit allen Wassern der Medien gewaschen sind und jeder weiß, wie diese Bilder produziert werden: Wir sind innerlich immer auch bereit zu glauben, dass es wirklich so ist, wie es gezeigt wird […].

… um dann bildungsbürgerlich-verschwörerisch, aber auch etwas gemütlich zum Fernsehen hinzuzufügen …

es ist jedenfalls kein Medium der Hochkultur, der Differenziertheit und einer wirklich subtilen Orientierung in der Welt.

… so schwingt die RTL-Script-Abteilung unermüdlich die Sense auf dem Silbenfeld, um noch einmal – nach und möglicherweise vor noch vielen Malen – in eine symbolisch verschobene Erzählung zu transferieren, was eben dieser schlummernde, aber doch ungelöste kulturelle Konflikt ist. Im Dialog wird die sexuell begierige Eva Weigel zu einer Allegorie jener Medienindustrie, in der etwa Noam Chomsky eine privilegierte Gruppe identifiziert:

die Elitemedien, die manchmal auch als die trendbestimmenden Medien bezeichnet werden, weil sie über die größten Mittel verfügen und den thematischen Rahmen abstecken, an den alle anderen sich halten müssen.

Auf RTL, dem mächtigsten TV-Sender derzeit, wird man so etwas natürlich nicht hören – wir leben schließlich in einer Demokratie, in der jeder tun kann, was er möchte. Hier wird man wesentlich subtiler informiert über Machtverhältnisse, und damit es nicht so übersichtlich wird, sind in das Drehbuch noch allerlei Figuren eingestreut, die mal Till, mal Ute heißen und die dem Hirn noch etwas Arbeit und Futter geben, damit es sich nicht an den immergleichen Machtverhältnissen – oder sogar noch dem eigenen Ausgebeutetwerden – am Feierabend abarbeiten muss. Der Dialog:

Ute Weigel (Isabell Hertel): „Jaa, wir wissen alle, dass du Anwältin bist, dass du immer im Recht bist, und dass du dir nimmst, was du willst.“ – Eva Weigel (Claudelle Deckert): „Wenn das eine Anspielung auf Till sein soll, darf ich dich daran erinnern, dass er sich freiwillig auf mich eingelassen hat?“ – Ute: „Ach, komm, Eva, dieses Thema hamwa doch schon durch, das weißt du genau. Ich rede von dem Schwachsinn, den du hier die ganze Zeit abziehst. Willst du eigentlich das ganze Haus gegen dich aufbringen? … Egal – ist sowieso schon passiert!“ – Eva: „Das ist einfach deine Rolle, oder? – Die Obermoralistin der Schillerallee. Als wärst du so perfekt!“ – Ute: „Das hab ich nie behauptet. Ich find’s einfach nur unglaublich, wie du mit andern Menschen umgehst.“ – Eva: „Das hattenwer doch schon alles!“ – Ute: „Umso schlimmer! Und du überbietest dich täglich!“ – Eva: „Tobias … ist ein erwachsener Mann, der sehr gut in der Lage ist, eigene Entscheidungen zu treffen – oder willste mir jetzt auch noch unterstellen, ich hätte ihn zum Sex gezwungen?“ – Ute: „Von euch beiden bist ja wohl eindeutig du die Erwachsene! So sollte es zumindest sein. Und es geht mir auch gar nicht um Tobias, sondern um alle Menschen, denen du gerade ziemlich wehtust: Nicki, Irene und Till!“

Nun, da ist es also „unglaublich, wie du mit andern Menschen umgehst.“ Gibt es das nicht ebenso in der Realität? Na klar – wenn auch nicht auf RTL, sondern bei Noam Chomsky, wenn er über den Erfinder der „Public Relations“, Edward Bernays, und sein Buch „Propaganda“ (1925) referiert:

Dieses Buch ist das grundlegende Werk der Public-Relations-Industrie, und Bernays ist so etwas wie ihr Prophet. Er war ein authentischer Liberaler im Stil Roosevelts oder der Kennedys. Er koordinierte unter anderem die PR-Anstrengungen zugunsten des von den USA unterstützten Putsches, durch den 1954 die demokratisch gewählte Regierung Guatemalas gestürzt wurde.

Ja, „unglaublich“, aber lange her. Und im Nachrichtenkommentar zur Gegenwart hält man sich dann lieber zurück. Die Zuschauer verstehen die repressive Rhetorik schon, auch wenn sie sich in „Unter uns“ streng im metaphorischen Schuhschrank, äh, Areal bewegt, wenn Eva die neue Ehefrau ihres Ex-Mannes Till ermahnt:

„Nur, weil du hier wohnst, geht dich das überhaupt gar nichts an, was ich in meinem Schuhschrank mache!“

Und da hat Michelle „Micki“ Fink (Joy Lee Juana Abiola) so Recht, das Zwischenmenschliche zu betonen: „… wenn man miteinander redet und wenn man bereit ist, sich auf ’ne Beziehung einzulassen.“ So gilt es auch für internationale Beziehungen, wenn mal wieder irgendwo eine Demokratie stürzt. Jedenfalls manchmal. Vielleicht. Zumindest mussten auf RTL am 13.09.2010 in „Wer wird Millionär?“ die Kandidaten, um ins Spiel zu kommen, die Silben von GUA-TE-MA-LA richtig sortieren. Aller Anfang ist schwer.

Dafür haben wir Zeit, denn über diesen Dings, äh, Staatsstreich in Guatemala sind wir schon bestens informiert:

Es war die erste Aktion dieser Art in Zentralamerika. Etwa ein Prozent der hierzu vorhandenen und bisher unter Verschluss gehaltenen Akten ist mittlerweile öffentlich zugänglich.
Die Aktion ging unter anderem auf das Drängen des US-Lebensmittelkonzerns United Fruit Company zurück, der ausgedehnten Grundbesitz in Guatemala besaß und durch die von Arbenz geplante Landreform seine Interessen gefährdet sah. Der damalige CIA-Direktor Allen Welsh Dulles war als Rechtsanwalt und Lobbyist für das Unternehmen tätig.
Die CIA bildete eine Ad-hoc-„Befreiungsarmee“ von ungefähr 400 Kämpfern in Nicaragua aus und versorgte sie mit Waffen.

Da ist es eben erstmal wichtig, dass Informationen überhaupt ihren Empfänger erreichen. Daran orientiert sich die filmische Inszenierung in Serien wie „Unter uns“ entsprechend dem Werbeumfeld u. a. für Unterhaltungselektronik sehr gewissenhaft:

Screenshot: RTL, 07.09.2010

Nachricht angekommen? … Puuh.

Und dann wäre da noch die ‚Unterstellung‘, man sei „zum Sex gezwungen“ worden. Diese Vorstellung passt eben besser ins Programmschema, wenn es um Figuren geht, die man wiederum dabei zeigen kann. Der Zuschauer wird es innerhalb der nächsten paar Minuten auf seine Weise: indem der Werbeblock das Model für das Erfrischungsgetränk „deit“ hautnah ins Bild rückt:

Screenshots: RTL, 07.09.2010

Darauf stürzen dann die Werbungen für Parfüm, Süßwaren, fast food, Fertiggerichte, Waschmittel, Betriebskrankenkasse und Waschmittel übereinander. Und wenn mit der Deutung der Dialoge eh schon alles klar ist, weiß der Arzneimittel-Spot: „Wir von Dolormin verstehen Schmerzen und behandeln sie gezielt.“