Mit ‘Thilo Sarrazin’ getaggte Artikel

Probleme mit unlösbaren Problemen


Sonntag, 10. Oktober 2010, 23:31 Uhr. Autor:

Horst Seehofer erreicht am 09.10.2010 mit Äußerungen in der Debatte über Integration ein großes Medienecho. In der „tagesschau“ um 20 h wird ein Interview mit dem „Focus“ zitiert. Auf deren Website ist das Statement im Original zu lesen:

„Es ist doch klar, dass sich Zuwanderer aus anderen Kulturkreisen wie aus der Türkei und arabischen Ländern insgesamt schwerer tun. Daraus ziehe ich auf jeden Fall den Schluss, dass wir keine zusätzliche Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen brauchen.“

Hier wie bei anderen Themen besteht die mediale Öffentlichkeit aus einem konfusen bric à brac, in dem Partialwahrheiten, Fehlinformationen und Trugschlüsse das Publikum dazu anleiten, das Problem letztendlich als ‚irgendwie sehr kompliziert‘ zu empfinden, um dann zum nächsten Thema überzugehen – vorzugsweise zu ‚was Einfacherem‘. Letzteres ist an diesem Abend: „Das Supertalent“ (RTL, 7,82 Mio. Zuschauer), „Melodien der Berge“ (ARD, 3,59 Mio.) oder „Die große TV Total Stock Car Crash Challenge“ (Pro7, 2,14 Mio.).

„Reformstau“ nennt man mit einem – derzeit seltener verwendeten – Wort das Resultat aus dieser Ökonomie der Kommunikation. Im Fall des bayerischen CSU-Ministerpräsidenten Seehofer kann man mehrere Faktoren studieren. Zunächst betreibt er Klientelpolitik, indem er Zuwanderung ablehnt. Dies als Populismus zu geißeln, ist gewiss naheliegend und deshalb beinahe überflüssig.

Nur mit diesem Begriff lässt sich als Verhalten eines politischen Individuums notdürftig erklären, was auf der Sachebene zur Psychopathologie tendiert. Es handelt sich – in einer der drei Definitionen von „Wahn“ durch Karl Jaspers –, um

Unkorrigierbarkeit (Unbeeinflussbarkeit durch Erfahrungen und zwingende Schlüsse)

Es gilt schlicht festzuhalten, dass man CSU-Vorsitzender sein, dabei jedoch nicht einmal eine „Google“-Recherche mit Stichworten wie „migration osteuropa prognose“ durchführen kann (oder Mitarbeiter damit beauftragt) – und im Anschluss daran, ‚wahnhaft‘ nach Schulbuch, davon ‚unbeeinflusste‘ Äußerungen tätigt. Bei der genannten „Google“-Suche findet man auf der zweiten Ergebnisseite z. B. Veröffentlichungen der FDP-nahen „Friedrich Naumann Stiftung“. In einem Beitrag von Gérard Bökenkamp heißt es:

Das Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung erklärte in seinem Dezember-Newsletter aus dem Jahr 2009: „Im Unterschied zur Situation in kinderreichen Ländern wie Frankreich oder Schweden stellt in Deutschland die Zuwanderung deshalb die einzige Möglichkeit dar, den Bevölkerungsrückgang der Zukunft wenn auch nicht aufzuhalten, so wenigstens abzumildern.“ Das Institut fügt allerdings später hinzu, es sei „offen, aus welchen Herkunftsländern diese kommen sollen und wie diese Menschen in Deutschland zu halten wären.“

Diese Einschätzung scheint mir repräsentativ für das zu sein, was sonst zum Thema in fundierten Publikationen zu finden ist. (Ich gab weitere Hinweise schon in Beiträgen zur Sarrazin-Debatte.) Die Kenntnisnahme von Statistiken und Prognosen lautet dann recht unisono:

Unter den jetzigen Bedingungen ist es also eher unwahrscheinlich, dass der Bedarf an Facharbeitern und Hochqualifizierten durch Zuzug von außen gedeckt werden kann, da andere Staaten wie die USA und Großbritannien sich als attraktivere Zielländer für Hochqualifizierte darstellen.

Horst Seehofer geht demnach aller Voraussicht nach fehl in der Annahme, „dass wir keine zusätzliche Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen brauchen“. Dies führt dazu, sich gar nicht erst fragen zu müssen, woher die benötigten Teilnehmer am Sozialsystem denn kommen sollen und ob sie den Fachkräftemangel auch nur annähernd ausgleichen könnten. Der logische Mechanismus dieses Debattenbeitrags ist demnach eine doppelte Verleugnung von Tatsachen mit dem Ausweichen auf eine z. Zt. illusionäre und sehr unwahrscheinliche Zukunftsoption – nicht gerade ein Rezept für ‚Realpolitik‘.

Seehofers verbales Verhalten, das alleine die „tagesschau“ zur besten Sendezeit unkommentiert als dessen parteipolitische Eigenwerbung an 4,8 Mio. Zuschauer übermittelt, wirkt vor dem Hintergrund von relevanten Sachinformationen nicht nur klinisch wahnhaft, sondern auch wirtschaftlich kontraproduktiv. Denn der unsachliche Umgang mit Migranten und deren Zurückweisung in zukünftiger Perspektive dürfte einen Effekt verstärken, den ebenfalls Bökenkamp erwähnt:

Der Vorsitzende des Sachverständigenrats für Integration und Migration Klaus Jürgen Bade beklagt, dass auch immer mehr junge, gut ausgebildete Deutsch-Türken in die Türkei ziehen. Bade sieht einen wesentlichen Grund für die Entwicklung darin, dass viele junge Türken in Deutschland kein Heimatgefühl entwickelten. Es bestehe deshalb die Gefahr, dass die Tüchtigen Deutschland verließen, während die Chancenlosen blieben, weil es nirgendwo ein vergleichbares Sozialsystem gebe.

An einem solchen Argument lässt sich erkennen, dass gerade eine Diskussion über Bildungserfolge von Migranten, wie von Sarrazin angestrengt, dringend erforderlich ist. Trittbrettfahrer dieses Diskurses, die ihn auf eine Zurückweisung von Zuwanderung verkürzen, schaden nach aktueller Lage der Dinge dem Gemeinwesen, wenn sie keine anderen Alternativen aufzeigen und an ihrer Realisierung mitwirken.

Die Informationen der FDP-nahen Naumann-Stiftung bestärken also nicht Seehofer, sondern in puncto Bildung Cem Özdemir von den „Grünen“:

Doch an der Bildungsungerechtigkeit hat sich fast zehn Jahre nach der ersten PISA-Studie immer noch nicht viel geändert. Die soziale Lage in manchen Milieus und Situation in problematischen Stadtteilen sind ein Auftrag an die Politik, endlich unser Bildungssystem, radikal zu stärken – und zwar angefangen bei den Kleinsten bis hin zu den Hochschulen. Wenn wir das nicht tun, wird dieses Land an die Wand fahren.

An dieser Stelle können zunächst weder Fragen der Staatsfinanzen noch der demografischen Entwicklung im Detail erläutert werden. In der Gesamttendenz sprechen sie wohl gegen Hoffnungen, dass hier im Vergleich zur jüngeren Vergangenheit deutliche Erhöhungen von staatlichen Ausgaben möglich sind, was auch diese bildungspolitische Devise in ihrer Machbarkeit zweifelhaft werden lässt. Eine selten ausgesprochene Konsequenz lautet: Zur Erziehung von für die jeweilige Gesellschaft schließlich ‚produktiven‘ Kindern unfähige Eltern, ob Migranten oder nicht, können nicht großflächig und auf Dauer durch das Bildungssystem substituiert werden (Diskussionspunkte: Bildungsniveau, Freizeitverhalten, Wertevorstellungen, Geschlechterrollen, Aufgabenteilung). Bei den letztgenannten Punkten trifft das (Privat‑)Fernsehen aufgrund seiner Diskursmacht von mittlerweile 70% Marktanteil eine eminente Verantwortung. Die Rolle der Medienkritik wie auch sog. staatlicher „Medienwächter“ in der Entwicklung der vergangenen drei Jahrzehnte scheint sich diesbezüglich als beschämend und weitgehend korrupt herauszustellen. Frage, auch an Cem Özdemir: Wie könnte man ein „Bildungssystem“ unter Beibehaltung der jetzigen Kultur des Privatfernsehens „radikal […] stärken“? Würden RTL & Co. lehrreiche Dokumentationen senden, wären sie nicht mehr sie selbst. Würden Kinder entgegen ihrer Gewohnheit Hausarbeiten machen und dabei den Fernseher abstellen, bräuchte man nicht von frühmorgens an ein TV-Programm, das auf sie ausgerichtet ist.

Dem Bundesministerium für Bildung und Forschung gelingt in seinem Referat der OECD-Veröffentlichung „Bildung auf einen Blick“ (2006) eine im Zusammenhang der Bevölkerungsentwicklung symptomatische pseudo-argumentationslogische Maßnahme. Zu Anfang des Papiers geht es um „die Entwicklung der Schüler- und Schülerinnenzahl im Primar- und Sekundarbereich I“ 2005-2015:

Für Deutschland ist mit einer Verringerung um 14 % zu rechnen. Dies ist weit mehr als im OECD-Schnitt erwartet wird (‑6 %). Noch deutlich höhere Rückgänge werden jedoch insbesondere für Polen (‑19 %), die Slowakische Republik (‑21 %) und Korea (-29 %) prognostiziert.

Das steht auf S. 2. Auf S. 7 ist man jedoch schon wieder guter Hoffnung, indem man offenkundig in von Wunschdenken geleitete Ankündigungsrhetorik verfällt:

Eine hoch entwickelte Dienstleistungsgesellschaft, deren Wachstum zunehmend von der Ressource Wissen abhängt, ist auf einen wachsenden Anteil hoch qualifizierter Fachleute angewiesen. Hohe Studienanfängerquoten und eine hohe Bildungsbeteiligung im Tertiärbereich tragen dazu bei, die Entwicklung und den Erhalt einer hoch qualifizierten (Erwerbs‑)Bevölkerung sicherzustellen.

Es gibt also in Deutschland, wie auch in anderen Ländern, aus denen potenziell Zuwanderung zu erwarten wäre, zurückgehende Schülerzahlen aufgrund des demografischen Wandels. Die später anschließende Formulierung eines erwünschten „wachsenden Anteils hoch qualifizierter Fachleute“ kaschiert, dass es nicht nur um einen „Anteil“, sondern auch um eine absolute Zahl im Verhältnis zu voraussehbaren Kohorten von Leistungsnehmern wie Arbeitslosen, Aufstockern und – mit rapide zunehmendem Anteil v. a. – Rentnern geht.

Die Verhackstückung von stundenlangen Nonsens-Darbietungen als RTL-„Supertalent“ – am selben Samstagabend wie Seehofers Zitat von wenigen Sekunden in den Nachrichten gesendet – kann man als die triviale Kehrseite solcher folgenschwerer Verkennungen sehen: Wo einmal die Grenze des Sinnverlustes und der Verleugnung von Wirklichkeit überschritten ist, brechen sich im höher gebildeten Segment ebenso sprachliche Kosmetik ohne nachweisbaren – und vermutlich schwindenden – Bezug („Ressource Wissen“) wie auch eine Unterhaltungskultur Bahn, in der ein Publikum von jahrelang herangezüchteten Idioten nach dem vermeintlich noch größeren Idioten schreit – und ihn von Dieter Bohlen und Redaktion geboten bekommt.

Seehofer müsste, wenn es nicht um Zuwanderer „aus anderen Kulturkreisen“ ginge, an Länder wie Polen oder die Slowakei denken. Doch von deren demografischer Entwicklung weiß er angeblich nichts, ebensowenig wie von derjenigen anderer osteuropäischer Länder, wie das „Migazin“ am 16.12.2009 berichtet:

Die neuen Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes spekulieren auf das Jahr 2014, von dem an für die 2007 beigetretenen EU-Mitgliedsstaaten Bulgarien und Rumänien die Freizügigkeit auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt gilt. Die Zuwanderung aus diesen Ländern wäre ab diesem Zeitpunkt nicht mehr reglementiert und die Grenzen wären somit offen. Mehrere Hunderttausend sind bei der aktuellen Entwicklung aber nicht zu erwarten. Denn die auswanderungswilligen Rumänen und Bulgaren sind bereits in den vergangenen Jahren in Länder wie Großbritannien, Irland und Spanien gezogen, die ihren Arbeitsmarkt für die neuen Mitgliedsstaaten frühzeitig geöffnet haben.

Und weiter hier:

Im Jahr 2030 werden in Rumänien rund 1,1 Millionen weniger Erwerbsfähige leben, was einen Verlust von rund acht Prozent gegenüber dem Jahr 2008 bedeutet. Bulgarien wird bis 2030 bereits 16 Prozent seines Arbeitskräftepotenzials verloren haben. Der demografische Wandel in Europa wird den Wettstreit um Arbeitskräfte zunehmend verschärfen – insbesondere um die qualifizierten.

Für Bayern gibt das Statistische Landesamt Prognosen ab, die eher nach der im „Migazin“ angesprochenen ‚Spekulation‘ klingen, einen vorübergehenden möglichen Trend aufzeigen und zudem eines der wohlhabenderen und damit auch für Zuwanderung attraktiveren Bundesländer beschreiben:

Ab 2011 wird auf Grund der vollständigen Arbeitnehmerfreizügigkeit nach der EU-Osterweiterung ein Anstieg der Zuwanderung erwartet, der sich vorübergehend auch auf die Bevölkerungszahl auswirkt. Voraussichtlich im Jahr 2022 wird die bayerische Bevölkerung mit rund 12,75 Millionen Personen ihr maximales Niveau erreichen und danach wieder abnehmen.

Wovor Politiker zurückscheuen und was sie beizeiten ins krasse Gegenteil verkehren, sind Problemlagen, deren Ursachen kaum oder gar nicht bekämpft werden können. Fatal ist, dass es hierzu keinen ausreichenden journalistischen Widerpart gibt, der – wie gezeigt – inhaltlich sinnlose, falsche und manipulative Verlautbarungen in ihrem Kontext verorten würde. (Andere Parteipolitiker äußern sich wiederum nur in Sentenzen, die Seehofers Aussage ins Gegenteil verkehren und ihn zugunsten anderer Ideologien diskreditieren, wie etwa hier in einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ von Daniel Brössler nachzulesen.) Das, was zu sagen und zu tun wäre, kollidiert in der gegenwärtigen Kultur mit falsch verstandener political correctness sowie zerstörerischen ökonomischen und politischen Einzelinteressen, die z. B. Rechte und Pflichten von Migranten oder die Ursachen von Kinderlosigkeit und Bildungsarmut betreffen.

Hochgejubeltes Zerreden


Dienstag, 21. September 2010, 19:34 Uhr. Autor:

Auch wenn Debatte und Berichterstattung im Fall Thilo Sarrazin sich nachgerade zum Exzess entwickeln, scheinen mir folgenden Einzelheiten noch erwähnenswert:

Die TV-Zeitschrift „Gong“, zur WAZ-Mediengruppe gehörig, sieht den Diskussionsverlauf in der ARD-Talkshow „Hart aber fair“ am 01.09.2010 gänzlich anders als ich hier in einem der vorigen Blog-Einträge.

Gong, Nr. 37, 10.09.2010

So heißt es in dem Artikel (Autorenkürzel: „CD“) u. a.:

Tatsächlich entlarvte vor allem ARD-Mann Plasberg Sarrazin eindrucksvoll als Scharlatan, der sich seine Thesen nach Gutdünken zusammenreimt. Mit simpelsten Recherchen zerfledderte Plasbergs Mannschaft zentrale Aussagen des Buchs. Und eine Wissenschaftlerin, auf deren Arbeit sich Sarrazin stützt, erklärt, dieser habe „Grundlegendes nicht verstanden“. Sarrazin stottert, stammelt, reagiert trotzig.

Letzteres hat man so gesehen. Der Rest dieser Passage aus dem „Gong“ liest sich eher wie eine PR-Meldung des WDR bzw. der ARD zu ihrer erfolgreichen Talkshow, die in diesem Fall selbst mit verkürzten und tendenziösen bis polemischen Beiträgen – im Einklang mit den auf den Autor Sarrazin angesetzten anderen Talkgästen – das Thema eher zerredete denn konstruktiv diskutierte. (Näheres dazu von meiner Seite in dem erwähnten Blog-Eintrag.)

Wer also den „Gong“ liest – ob er die Sendung selbst gesehen hat oder nicht –, erhält einen ganz konträren Eindruck. Von mir zuvor nicht erwähnt, lässt sich etwa auch die im „Gong“ nicht namentlich erwähnte „Wissenschaftlerin“, Elsbeth Stern, in ihrer Abgrenzung zu Sarrazin hinterfragen. Schon die in „Hart aber fair“ eingeholte Interview-Äußerung laviert und betont lediglich, dass Intelligenz nicht schlicht vererbt werde und die Intelligenzforschung einen komplexeren Zugang zum Phänomen habe. Es wirkt so, als wolle sie sich für die extreme politische Positionierung Sarrazins nicht vereinnahmen lassen, was prinzipiell verständlich ist. Aber auch das Nachhören eines ergänzenden und ausführlicheren Interviews im Deutschlandfunk verschafft dem Hörer keine Klarheit darüber, was sie selbst einer allgemeinen Aussage, dass, statistisch gesehen, 50-80% der Anlagen zu kognitiver Intelligenz vererblich seien, entgegenzuhalten hat. (Und dies ist dann in der Tat relevant für die Beurteilung der Zukunftschancen einer Gesellschaft, die Zuwanderer evtl. zunehmend aus Armutsregionen mit langwährend niedrigem Bildungsstand zu erwarten hat, aber dringend auf hochqualifizierte Arbeitnehmer zur Ausgleichung ihres Geburtenrückgangs angewiesen ist – siehe auch meinen vorhergehenden Beitrag.)

Diesen Eindruck von der Sachlage bestätigen andere Bildungsforscher, Heiner Rindermann und Detlef Rost, in einem Beitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vom 07.09.2010:

Sarrazins Thesen sind, was die psychologischen Aspekte betrifft, im Großen und Ganzen mit dem Kenntnisstand der modernen psychologischen Forschung vereinbar. Hier und da ließe sich sicher eine abweichende Gewichtung vornehmen. Massive Fehlinterpretationen haben wir aber nicht gefunden.

Die Überschrift des „Gong“-Artikels, „Heimliche Handlanger“, sagt also allem Anschein nach mehr aus über das Verhältnis der TV-Zeitschrift zur ARD, auch wenn sie – etwas schief, denn „heimlich“ ist dies nicht, nur vermutlich ungewollt – auf die notwendigerweise entstehende Publicity für Sarrazin durch seine Kritiker hinweisen soll.

Ist der Abstieg „realistisch“?


Dienstag, 21. September 2010, 18:38 Uhr. Autor:

Im WebTV der „Neuen Zürcher Zeitung“ äußert sich heute Prof. Klaus F. Zimmermann vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zur wachsenden Notwendigkeit von Zuwanderung für den deutschen Arbeitsmarkt. Zimmermann spricht von einer ab ca. 2015 notwendigen Zahl von 500.000 hochqualifizierten Zuwanderern jährlich.

Screenshot: NZZ Online, 21.09.2010

Zitat aus dem Interview:

Na, zunächst einmal war es sicherlich ein ‚Halt mal, es ist wichtig, über was wir hier reden‘ – sicherlich ein Weckruf. Auf der anderen Seite ist die Zahl sehr realistisch, denn wir haben in Deutschland im Augenblick Abwanderung. Wir rechnen eigentlich immer mit 200.000 Zuwanderern netto ohnehin.

Was die Interviewerin Zoé Baches nicht nachfragt, ist die Wortbedeutung von „realistisch“: „Realistisch“ ist nicht, dass es 500.000 Zuwanderer geben wird, sondern dass es so viele – wohlgemerkt hochqualifizierte – Zuwanderer geben müsste. Ob sich der Konjunktiv mit einem solchen verkürzten Sprachgebrauch verträgt, ist fraglich.

Hierin liegt ein Kern der Notwendigkeit der Debatte, und es kann daran gezeigt werden, warum Thilo Sarrazins Motto „Deutschland schafft sich ab“ bei allen diskussionswürdigen Beigaben seiner Argumentation nach heutigem Wissensstand wohl leider zutrifft. Wo solche Notwendigkeiten und Unausweichlichkeiten deutlich werden, ist der Spielraum für political correctness nur noch begrenzt – auch das ist „realistisch“.

Die Bedeutung des Wortes „realistisch“ bei Zimmermann bewegt sich – wesentlichen öffentlich zugänglichen Informationen zufolge, wie hier zu zeigen ist – zwischen Absichtserklärung und eher unrealistischem Wunschdenken.

Blickt man etwa einmal auf die Zahlen des Bundesamtes für Statistik für 2008, so enthält die Pressemitteilung Nr. 276 vom 23.07.2009 Folgendes: 682.000 Zuwanderer, 738.000 Fortzüge. Beispielhaft im Detail:

Die deutschen Zuwanderer kamen vor allem aus Polen (12.100), den USA (10.500), der Schweiz (8.200) und Spanien (7.900). Hauptherkunftsländer der ausländischen Zuwanderer waren Polen (119.200), Rumänien (47.000), die Türkei (26.200), Ungarn (25.100) und Bulgarien (23.600).

Was lässt sich auf dieser Grundlage in Kombination mit anderen Informationen für die Zukunft folgern? Klaus F. Zimmermann selbst wird am 03.08.2010 vom „Bonner General-Anzeiger“ befragt und schlägt hierbei eine ganz andere Tonlage an:

GA: Was halten Sie vom Vorschlag, qualifizierten Zuwanderern eine Art Begrüßungsgeld zu zahlen?
Zimmermann: Ein sommerlicher PR-Gag. Schon jetzt kommen Fachkräfte nur dann nach Deutschland, wenn ihr Arbeitgeber erhebliche Lohnaufschläge zahlt. Deutschland hat keinen Ruf als Zuwanderungsland, und hat sich zum Beispiel Richtung Osteuropa regelrecht abgeschottet. Nicht-europäische Spezialisten gehen eher nach San Francisco oder London. Deutschland muss also viel mehr unternehmen als ein Begrüßungsgeld zu zahlen, um die weltweit umworbenen Fachkräfte zu bekommen. [...]
GA: Heißt das: Diese Gesellschaft muss sich damit abfinden, dass es eine wachsende Gruppe Geringqualifizierter und deshalb Arbeitsloser gibt?
Zimmermann: Diese Gruppe wächst, das ist richtig. Zum Beispiel deshalb, weil Menschen mit Migrationshintergrund bei gleicher Qualifikation schlechtere Chancen haben als einheimische Bewerber.

Die wie zitiert stärkste Gruppe von Zuwanderern aus Polen ist für die nähere Zukunft nicht in gleichem Maß anzunehmen – weil neben einem steigenden Wohlstandsniveau (und damit geringerer Motivation für Emigration) hier ebenfalls ein Bevölkerungsrückgang eintreten wird, wie Rainer Münz in einem Dossier prognostiziert:

Andere Länder, die niedrigere Kinderzahlen haben, stehen ohne massive Zuwanderung vor einem sehr starken Rückgang ihrer Bevölkerung im Erwerbsalter. In Deutschland wäre bis 2025 mit einem Rückgang um -6.0 Millionen oder -10.7 Prozent und bis 2050 um -15.7 Millionen oder -28.2 Prozent zu rechnen. Im benachbarten Polen würde der Rückgang ohne Zuwanderung bis 2025 rund -2.3 Millionen (-8.6 Prozent) und bis 2050 ca. -7.7
Millionen (-29.1 Prozent) ausmachen.

Von welchen möglichen Herkunftsländern – so müsste man Zimmermann fragen – geht er denn stattdessen aus? Was er gegenüber der NZZ nicht erwähnt, hat er dem „General-Anzeiger“ schon gesagt: dass die Leistungsträger „eher nach San Francisco oder London“ gingen. Mit solchen Aussichten argumentiert schon seit längerem Gunnar Heinsohn, so in seinem „Kursbuch“-Beitrag „Finis Germaniae?“ von 2005:

Die deutsche Bevölkerungsprognose für 2050 läge ohne 140.000 Einwanderer und ihre hier erwarteten Kinder jährlich bei weniger als 50 und nicht bei 67 Millionen. Dass die Hälfte der Jugend von der Auswanderung träumt, ist dabei nicht einmal berücksichtigt. Warum werden die Neudeutschen überwiegend zu Allah beten? Die – ohnehin schnell absinkenden – Begabungsreserven aus dem ehemals britischen Imperium (Bangladesh, Burma, Indien, Pakistan, Sri Lanka etc.) wollen in die knapp 28 Millionen Quadratkilometer der Anglo-Welt (AUS, CDN, IRL, NZ, USA, UK). Sie sehen wenig Anlass, in die hiesigen 350.000 km2 zu streben, wo sie selbst für den unwahrscheinlichen Fall liebevoller Aufnahme zusätzlich zum bereits gesprochenen Englisch auch noch Deutsch lernen müssten. Für jedes Talent von dort, für das man in Deutschland tatsächlich Verwendung hätte, gibt es auch bei den Anglos beste Perspektiven. Der nachbarliche slawische Raum hat viele seiner Mobilsten in den letzten 15 Jahren bereits abgegeben. 15-20 Millionen sind nach Westen gegangen und haben dafür gesorgt, dass die osteuropäischen Bevölkerungen nicht nur stagnieren, sondern längst schrumpfen. Die Bundesrepublik hat nicht einmal 750.000 dieser Besten an sich ziehen können. Wie man schon 1997 bei den Hongkong-Chinesen geschlafen hat – Kanada holt sich eine Million –, behält man aus Osteuropa oft gerade diejenigen, die ohnehin lieber in der Illegalität verbleiben. Die slawischen Territorien außerhalb der EU leiden längst unter Implosionssymptomen. Energieversorgungen und Transportsysteme brechen zusammen, Unterhaltungsleistungen sinken oder kommen gar nicht erst zur Auszahlung.

Wie schon hier diskutiert und zitiert, erwähnt Sarrazin neben der Türkei Nordafrika als mögliche Herkunft größerer Zahlen zukünftiger Zuwanderer, was das Bundesamt für Statistik bestätigt. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sieht dies in seinem Forschungsbericht „Vor den Toren Europas?“ (2010) jedoch anders:

Die Analysen für Deutschland haben ergeben, dass das Migrationspotenzial und die tatsächliche Zuwanderung von Afrika nach Deutschland auf geringem Niveau (20.000 – 35.000 pro Jahr) verbleiben dürften. Der Bestand an Personen mit afrikanischem Migrationshintergrund in Deutschland wächst vor allem aus natürlicher Bevölkerungsbewegung und nur in geringem Maße durch Zuwanderung (Wanderungssaldo rund 5.000).

Dass Funktionsträger wie Sarrazin und Zimmermann mit provokanten oder versöhnlichen Thesen die Diskussion befördern, ist prinzipiell zu begrüßen. Konfrontiert man ihre eigenen Aussagen oder den Umgang im massenmedialen Diskurs jedoch mit solchen Quellen in Textform, wird immer wieder deutlich: Die komplexe Problemlage lässt sich weder in Kurzinterviews noch in ausführlicheren Talkshows adäquat widerspiegeln. Die Gefahr ist groß, dass mit rhetorischen Mitteln notwendige nachhaltige Einsichten verbaut oder durch Interessenspolitik Tatsachen und valide Prognose in ihrer Glaubwürdigkeit demontiert werden.

Zimmermann wählt im NZZ-Interview und anderen Äußerungen dieser Tage den Zugang des „Packen wir’s an“. In einem Interview mit „Pro Firma“ von 2004 klang es hingegen abschließend so:

Die Bundesregierung hat schon mutige Reformen eingeleitet, etwa auf dem Arbeitsmarkt, bei der Krankenversicherung oder der Zuwanderung. […] Das bedeutet auch, dass wir zunächst einmal in der internationalen Wettbewerbsposition weiter zurückfallen werden.

Das Problem des Zugewinns von Arbeitskräften zur Erhaltung der Sozialsysteme scheint aufgrund der hier zusammengetragenen Informationen derzeit schlichtweg unlösbar zu sein. (Eine Lösung wären deutlich mehr Geburten, was jedoch nicht anzunehmen ist – es sei denn, es würde eine weitreichende Diskussion und Bewusstseinsbildung daraus, die eine Vielzahl von Konsequenzen in Lebensumständen, Organisationsformen, Wertvorstellungen und nicht zuletzt Medienangeboten – ihrer Gestaltung und auch Beschränkung – hätten.)

Die Vorstellung, die Jüngere und noch Erwerbstätige sich auf Grundlage solcher Datenlagen für ihre Zukunft machen können, benennt Zimmermann der NZZ gegenüber u. a. mit einer Anhebung des Rentenalters auf 75 Jahre. Dies steht im Einklang mit Veröffentlichungen der UNO aus dem Jahr 2000:

Die neuen Herausforderungen, die durch eine schrumpfende und alternde Bevölkerung entstehen, werden objektive, eingehende und umfassende Neubewertungen zahlreicher überkommener Maßnahmen und Programme im wirtschaftlichen, sozialen und politischen Bereich erfordern. Solche Neubewertungen bedürfen einer langfristigen Perspektive. Zu den kritischen Fragen, die angegangen werden müssen, gehören: a) das geeignete Ruhestandsalter, b) Höhe und Art der Renten- und Krankenversicherungsleistungen für die ältere Generation, c) die Zahl der Erwerbstätigen, d) die Höhe der Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge zur Deckung der Renten- und Krankenversicherungsleistungen für die wachsende Zahl älterer Menschen und e) Maßnahmen und Programme im Zusammenhang mit der internationalen Wanderung, insbesondere der Bestandserhaltungsmigration, und der Eingliederung einer großen Zahl neuer Einwanderer und ihrer Nachkommen.

In solchen Zeilen verbirgt sich allerhand Sprengstoff, der Politikern selbst bei zaghaften Umsetzungsversuchen in der – tendenziell hysterischen – öffentlichen Debatte sogleich um die Ohren fliegt. Und selbst nach der Realisierung der einen oder anderen Vorgabe muss sich dann erst erweisen, ob sich der gewünschte Effekt denn tatsächlich einstellt – oder ob sie neue, vielleicht größere Probleme mit sich bringt.

Sarrazins Feinde – Hart aber verirrt


Samstag, 4. September 2010, 1:43 Uhr. Autor:

Im letzten Eintrag ging es um die Thesen von Thilo Sarrazin und deren Diskussion bei „Beckmann“. Ebenfalls in der ARD folgte zwei Tage später am 01.09.2010 „Hart aber fair“ mit Sarrazin. Ich hatte mich schon im Vorhinein nach dem Ergebnis des „Faktenchecks“ gefragt, den die „Hart aber fair“-Redaktion auf ihrer Website veröffentlicht. Dazu einige ergänzende Beobachtungen.

Wie immer werden dort Aussagen der Diskutanten von zwei Experten kommentiert – hier Claudia Diehl (CD) und Ines Michalowski (IM). Ich beschränke mich auf ihre Kommentare zu Sarrazin (TS).

Dieser beklagt, bei Zuwanderern aus islamisch geprägten Ländern „verstärkten sich zum Teil sogar noch nach drei Generationen die Integrationsprobleme“. CD weist auf Ergebnisse hin, denen zufolge „der soziale Hintergrund der Kinder entscheidend“ sei. Kernargument gegen TSs These ist hier:

Da zur dritten Einwanderer-Generation fast nur Nachkommen der gering qualifizierten Gastarbeiter gehören, zur ersten Generation aber auch jüngst zugewanderte höher qualifizierte Zuwanderer etwa aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, steht die dritte Generation bei diesen Vergleichen manchmal etwas schlechter da als die erste.

Versucht man, sich selbst noch einmal Informationen zum Thema zu ergooglen, findet man nicht leicht ausführliche Statistiken, aber etwa aus der „Zeit“ vom 18.01.2010 dies:

Die Schulleistungen vieler Einwandererkinder sind in den vergangenen Jahren zwar besser geworden, aber noch immer viel zu schlecht, vor allem die der türkischen, nur 14 Prozent von ihnen machen Abitur, ein Drittel verlässt die Schule ohne Abschluss.

Andere Quellen, die auch die „Wikipedia“ zum Thema angibt, klingen entsprechend:

Laut Studie haben 30 Prozent der Türken und Türkischstämmigen keinen Schulabschluss und nur 14 Prozent das Abitur. Auch hätten Menschen mit türkischem Migrationshintergrund den geringsten Erfolg aller Migranten im Erwerbsleben: Sie seien häufig erwerbslos, die Hausfrauenquote sei hoch, und viele seien abhängig von Sozialleistungen.

(Die Zeit, 27.01.2009)

Fast jeder zweite Türke im erwerbsfähigen Alter in Berlin ist nach Angaben des Landesarbeitsamtes arbeitslos.

(Der Tagesspiegel, 26.03.2001)

Möglicherweise sind es eben nicht nur dumpfe Ressentiments, die zur tendenziellen Sympathie für Sarrazin führen, sondern auch die Erinnerungen an anderweitige Berichterstattungen mit solchem Inhalt – über deren Gehalt man im Einzelnen natürlich immer noch einmal diskutieren kann.

IM merkt daraufhin an, es erfrage

der Mikrozensus nicht die Religionszugehörigkeit, sondern das Herkunftsland, so dass automatisch alle Personen aus einem muslimisch geprägten Land als Muslime gelten und hier unterschiedliche Länder wie etwa Bosnien, die Türkei, Indonesien, Marokko etc. zusammengefasst werden.

Ist das hier wesentlich? Eine Tabelle des Statistischen Bundesamts weist nach, dass die Zahl von Türken unter den Personen „mit Migrationshintergrund im engeren Sinne“ 2,5 Mio. betrage. Jene derer aus Bosnien beträgt gerade 275.000, Indonesien und Marokko werden nicht aufgeführt.

Dann heißt es noch bei IM:

Die Herleitung eines einfachen Kausalzusammenhangs zwischen Religionszugehörigkeit und Bildungserfolg ist darüber hinaus auch deshalb fraglich, weil neben dem Erfolgsbeispiel der Schüler mit vietnamesischen [sic] Migrationshintergrund auch Fälle wie die der Schüler mit italienischem Migrationshintergrund, die in den letzten Jahrzehnten eine teils miserable Bildungsintegration aufwiesen, gut dokumentiert sind.

In diesen Beschwichtigungsbemühungen wird wohl noch eher ein weiteres Statistiker-Heim angezündet. Nach IMs einleitender Einräumung, TS habe „zunächst einmal Recht, dass verschiedene Zuwanderergruppen unterschiedliche Integrationserfolge etwa im Bereich Bildung erzielen“, folgen also wie zitiert zwei Gegenargumente, die eigentlich keine sind: Statt Aussagen zu den nach Möglichkeit in Zahlen auszudrückenden Aspekten zu machen – ein publizistisch gefährliches Geschäft und obendrein mühsam –, werden ein nicht signifikanter Vergleich (Türken/Bosnier u. a.) sowie ein solcher angeführt, der nichts mit Muslimen zu tun hat, sondern gar noch ein anderes Negativbeispiel anführt. Die Logik besteht also darin, von der eigentlichen Frage abzulenken, in der Erwähnung eines weiteren Problems (hier eben nicht bezogen auf Religionszugehörigkeit, sondern auf Migrationsstatus) aber wiederum keinerlei eigenen Kommentar zum angesprochenen Problem als solchem abzugeben.

Zu dem von Sarrazin behaupteten „Zusammenhang zwischen dem kulturellen Hintergrund von Muslimen und weniger guten Integrationserfolgen“ bemerkt CD:

Nein, die in den USA lebenden muslimischen Einwanderer sind anders als viele in Europa lebende Muslime überwiegend als Höherqualifizierte zugewandert und spielen in der dortigen Integrationsdebatte nahezu keine Rolle.

Das mag sein und schwächt die Haltbarkeit der im Hinblick auf political correctness äußerst unglücklichen, aber deshalb umso publicityträchtigeren Festlegung TSs auf den simplen Konnex von ‚Islam = wirtschaftlicher Niedergang der deutschen Volkswirtschaft‘. Über die Situation in Deutschland sagt dies wenig und wird von zuvor zitierten Angaben aus anderen Presseorganen tendenziell widerlegt. Es geht nun einmal darum, wie die Situation welcher Migrantengruppen in Deutschland einzuschätzen und zu begründen ist – wenn es einem z. B. nicht egal ist, dass jemand Sozialleistungen in Anspruch nimmt, die andere erarbeiten, obwohl dies vielleicht nicht sein müsste.

IM reagiert mit dem Hinweis auf die „Zuwanderer“ in Westeuropa 1950-70

aus vorrangig muslimischen Ländern. Deren Integrationserfolge liegen heute im Hinblick auf Bildungs- oder Arbeitsmarktbeteiligung unter dem jeweiligen Landesdurchschnitt. Deutschland ist hier kein Einzelfall. Dass der Grund hierfür jedoch nicht in der Religion und Kultur der Zuwanderer liegt, sondern in der ursprünglichen Auswahl unqualifizierter Arbeiter und der Tatsache, dass europäische Bildungssysteme nur schwer die intergenerationelle Fortschreibung der Bildungserfolge schwächerer sozialer Schichten durchbrechen, zeigt das Beispiel der USA […].

Auch hier gilt: Disqualifizierung nicht des Hinweises auf hartnäckige Probleme bei der Integration, sondern der Begründung mit Religionszugehörigkeit, dabei aber rhetorische Ablenkung mit dem Hinweis auf die USA. Und was ist in den USA anders? IM gibt die halbe Antwort:

Deren Einwanderungspolitik sowie Arbeitsmarkt- und Wohlfahrtsstaatstruktur hat Migranten vollkommen andere Anreizmechanismen vermittelt. In den USA zählen Muslime in viel stärkerem Maß zu den gesellschaftlichen Eliten als bisher in Deutschland.

Die notwendige Ergänzung muss man sich woanders suchen, z. B. bei der „Heinrich Böll Stiftung“, die den „Grünen“ nahesteht. (Deren Spitzenpolitikerin Renate Künast äußerte sich nicht nur in der auf „Glotze fatal“ beschriebenen „Beckmann“-Sendung sehr angewidert über TS.) In einem Artikel vom 16.02.2010 heißt es auf der Website der Stiftung:

Obwohl die Wohlfahrtsgewinne durch die Zuwanderung von qualifizierten Arbeitskräften hoch sind, verzichten die meisten Einwanderungsländer in der OECD bislang auf eine gezielte Steuerung der Zuwanderung. […]

Klassische Einwanderungsländer wie Australien, Kanada und die USA steuern einen Teil der Zuwanderung nach wirtschaftlichen Kriterien. Die Steuerung der Zuwanderung hat in diesen Ländern eine lange Tradition, die bis in die 1960er Jahre zurückreicht. Idealtypisch können dabei zwei Politikansätze unterschieden werden: angebots- und nachfrageorientierte Systeme der Steuerung (vgl. z.B. Chaloff/Lemaître 2009). […]

Nach dem ersten Ölpreisschock von 1973 wurde die Gastarbeiteranwerbung durch eine restriktive Zuwanderungspolitik ersetzt, die durch einen Anwerbestopp und Rückkehrprämien versuchte den deutschen Arbeitsmarkt gegen ausländische Arbeitskräfte zu schützen.

Familienzusammenführung und humanitäre Migration wurden deshalb, neben dem Zuzug von Aussiedlern, zu den wichtigsten Kanälen der Zuwanderung in Deutschland. Im Ergebnis hat diese Politik zu starken Schwankungen der Zuwanderung mit dem Konjunkturzyklus, vor allem aber zu einer Verfestigung der Qualifikationsstruktur der ausländischen Bevölkerung in Deutschland geführt. Die Netzwerkbildung von MigrantInnen verstärkt diesen Trend. Das Qualifikationsniveau der ausländischen Bevölkerung in Deutschland ist deshalb heute deutlich geringer als im Durchschnitt der OECD Staaten (Brücker/Ringer 2008).

Kann es also sein, dass dieser positive Vergleich hinkt, weil die „klassischen Einwanderungsländer“ bessere Erfolge mit einer gezielten Auswahl der Einwanderer verbinden? Man wird sehen, welche Politiker auf welche Weise hierfür in Deutschland über die Kriterien streiten – wenn man sich denn dazu entschließt, was die Stiftung der „Grünen“ offensichtlich empfiehlt.

Nun noch zur Diskussion der Aussage TSs, „der Anteil der muslimischen Frauen im gebärfähigen Alter habe sich in sehr kurzer Zeit verdreifacht.“

CD erläutert verschiedene Berechnungsmodelle. Je nach Zeitraum sei dies „durchaus möglich“. „In jüngerer Zeit sinken die Zuzugszahlen aus der Türkei allerdings deutlich“, und die zweite Generation passe sich „in ihrem Geburtenverhalten den Einheimischen“ an. Letzteres bestätigt IM und erwähnt dann „eine Studie des Max-Planck-Instituts für Demografische Forschung“, die ergeben habe, „dass türkischstämmige Frauen der ersten und zweiten Generation eher ein drittes Kind bekommen als Frauen, die aus dem ehemaligen Jugoslawien, Griechenland, Italien oder Spanien stammen.“ Dann gibt sie zu bedenken:

Mit Blick auf Thilo Sarrazins Bevölkerungshochrechnungen für die nächsten 120 Jahre und die Prognose eines starken Anstiegs des Anteils von Personen mit Migrationshintergrund stellt sich jedoch eine viel grundlegendere Frage: Werden die Urgroßenkel der in den 1950er und 1960er Jahren eingewanderten Gastarbeiter in 20, 50 oder 100 Jahren überhaupt noch als Personen “mit Migrationshintergrund” wahrgenommen?

Die Frage ist, ob das die Frage ist. CD und IM suggerieren u. a., dass es im Prognosezeitraum von Jahrzehnten immer mehr Migrantinnen gebe, die in zweiter oder dritter Generation in Deutschland leben, während solche in erster Generation an Zahl abnähmen. Die demografische Entwicklung aber besagt doch wohl, dass unter Beibehaltung der derzeitigen Geburtenraten (und von immer noch steigendem durchschnittlichem Lebensalter) kontinuierlich und eher mehr Zuwanderung als bisher erforderlich ist, um auch nur halbwegs soziale Sicherungssysteme aufrechtzuerhalten – wenn dann die Zuwanderer dieselbe Produktivität entfalten wie die bisherige und derzeitige Bevölkerung.

Zu den Quantitäten prognostiziert das Statistische Bundesamt Folgendes:

Grundsätzlich sind auch höhere Wanderungssalden denkbar, wenn es zum Beispiel mit der Einführung der Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt und dem spürbar werdenden Rückgang der jungen Menschen in Deutschland sowie der fortschreitenden Integration zu einer veränderten Einstellung zur Zuwanderung kommen sollte.

Die Gesamtzahl der per Saldo zugewanderten Personen würde sich im Zeitraum von 2006 bis 2050 bei einem Wanderungssaldo von 100 000 auf 4,4 Millionen beziehungsweise bei einem Wanderungssaldo von 200 000 auf 8,6 Millionen Menschen belaufen.

Überflüssig zu erwähnen, dass eine über mehrere Generationen in Deutschland heimische Bevölkerung bei einem möglicherweise und wahrscheinlich gleichbleibenden Durchschnitt von 1,4 Kindern pro Frau kontinuierlich absinkt.

Zu der Herkunft der künftigen Zuwanderer erwähnt das Bundesamt an der zuletzt zitierten Stelle:

Zu den Regionen, die bisher keine umfangreiche Zuwanderung nach Deutschland aufweisen, in denen aber die demografische Entwicklung zu hohem Abwanderungspotenzial führen kann, gehört Nordafrika.

Zum Bevölkerungsdruck in den näher gelegenen Nationen des europäischen Raums findet sich auch bei der – was politischen Extremismus in diesen Fragen betrifft eher unverdächtigen – SPD-nahen „Friedrich Ebert Stiftung“ noch etwas:

Von entscheidender Bedeutung für das Wanderungsgeschehen in Europa wird die Entwicklung in der Türkei sein. Das starke Bevölkerungswachstum der vergangenen Jahrzehnte (1960: 28 Millionen Einwohner, 2005: 73 Millionen) wird noch einige Jahrzehnte anhalten, wenn auch in abgeschwächter Form. Im Jahr 2050 wird das Land zwischen 90 und 100 Millionen Einwohner haben, und die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter wird bis dahin wahrscheinlich um 16 Millionen Menschen zunehmen.

Solche Zahlen scheinen für viele Kontexte des öffentlich-rechtlichen Fernsehens – von den 70% Privatsendern ganz zu schweigen – den Rahmen zu sprengen. Selbst die schriftlichen Zusatzinformationen auf der Website von „Hart aber fair“ begnügen sich mit der geschilderten recht unübersichtlichen und fragmentarischen Umgangsweise mit Thilo Sarrazins Hauptaussagen und Argumenten (wenn sie in der Debatte jenseits des Buches denn noch nennenswert Erwähnung finden). Die „taz“ bezeichnet den Autor mittlerweile als „SPD-Krawallschachtel“. Was sind dann aber Expertinnen wie Claudia Diehl und Ines Michalowski – beide wohlsituierte Soziologinnen des deutschen und internationalen Universitätsbetriebs unter einem Label wie „Migration, Integration, Transnationalisierung“? Bieten Sie hier tatsächlich Alternativen zu Erklärungsmodellen und Aussichten, die sich hinter einigen kaum inhaltsbezogenen Schlagworten aus der Sarrazin-Debatte verbergen? Welche Erfahrungen haben sie selbst konkret mit Integrationsproblemen gemacht und wie stehen diese im Verhältnis zu jenen des ehemaligen Berliner Finanzsenators, den sie kritisieren?

Die vorausgehende Sammlung von Zitaten und Kommentaren gibt Ihnen hoffentlich eine ergänzende Grundlage, um sich einzelne dieser Fragen selbst zu beantworten.

In der Hektik einer 75-Min.-Sendung werden vermeintlich sachliche Einwände gegen eine Warnung vor der ‚Abschaffung‘ einer Kultur wie der ‚deutschen‘ noch abstruser als die schon erwähnten auf der Website. Und hierfür gibt sich das Statistische Bundesamt her. Auf Bitten der Redaktion von „Hart aber fair“ führte sie Berechnungen mit einem „ähnlichen Berechnungsmodell“ wie jenem in Sarrazins Buch durch, das über einen Zeitraum von 120 Jahren und vier Generationen ab heute schließlich 71,5% Migranten aus „Nah- und Mittelost, Afrika“ und 28,5% mit Vermerk „kein oder anderer Migrationshintergrund“ voraussieht.

Das Bundesamt nimmt nun zum Vergleich Daten von 1890 und vergleicht sie mit 2010. Die Quote von ‚Migranten‘ wäre recht korrekt prognostizierbar gewesen: 8,2% statt real 8,8%. Die Gesamtzahl von Einwohnern hätte aber – so die spöttelnde Konsequenz – 253 Mio. gegenüber real ca. 82 Mio. betragen. Nun zitiert „Hart aber fair“ das Bundesamt mit den Gründen dafür, warum diese Prognose nicht eingetroffen wäre, wenn man sie 1890 gestellt hätte:

zwei Weltkriege, die Antibabypille und das Wegbrechen der traditionellen Familie

Screenshot: ARD, 01.09.2010

Allen Ernstes werden also drei wesentliche Gründe für eine immer prekärer werdende demografische Lage als suggestives Pseudo-Gegenargument aufgefahren. Und der Vergleich entbehrt – im Gegensatz zu einer sturen Fortschreibung von existierenden Trends – nun jeder Logik, nicht nur der Vorhersehbarkeit: Er führt das potenzielle Auftreten von unbekannten Einflussfaktoren auf, als sei dies prinzipiell anzunehmen.

Würde man nun – wofür zumindest einige Argumente zu finden wären – davon ausgehen, dass es in Europa in näherer Zukunft keinen verheerenden Krieg gibt, weiterhin Verhütungsmittel benutzt werden und das traditionelle Familienmodell keine Renaissance erfährt – dann müsste man zumindest andere Einflussfaktoren benennen. Dies wäre allerdings im Gegensatz zu einem nachvollziehbaren Zahlenspiel eine Spekulation mit noch unsichereren Parametern.

Die gesamte Diskussion in „Hart aber fair“ kaprizierte sich tendenziell auf einige skandalöse Elemente aus der Presse-Kampagne zu Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“. Die beschriebene redaktionelle Intervention und die Online-Nachbearbeitung erwecken zudem den Eindruck einer – leider nicht seltenen – Psychotechnik der Info-Verwirrung. Die Uni-Expertinnen Claudia Diehl und Ines Michalowski bringen wohl manchen Leser spätestens mit Ausdrücken wie „intergenerationelle Fortschreibung der Bildungserfolge“ zum Ausstieg aus der Phantomenergie. Die gezeigten Ablenkungsmanöver, Halb- und Fehlinformationen der Beiträge sind, wenn ich richtig interpretiere, ein Beispiel mehr für die tieferliegenden Gründe einer Krise, wie sie nach Auskunft der zuständigen Stellen eine ist: systematische Sabotage des Wissens einer Gesellschaft über sich selbst.

Also sprach Sarrazin


Dienstag, 31. August 2010, 11:52 Uhr. Autor:

Die Resonanz des gestern erschienenen Buchs „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin ist beispiellos: Es ist ein Thema in den Hauptnachrichten und in allen Zeitungen. Am Abend des 30.08.2010, am Tag der Buchpräsentation, sitzt der Autor in der ARD-Talkshow „Beckmann“ und stellt sich der Kritik von drei weiteren Gästen.

Zunächst – und dies wird von Sarrazin selbst angesprochen – muss die Diskussion daran leiden, dass selbst die Empfänger von Vorabexemplaren Mühe gehabt haben dürften, gut 400 Seiten rechtzeitig und gründlich zu lesen. Die Hektik des Betriebs widerspricht der Situation, um die es geht: Migrationspolitik von Jahrzehnten, Jahrzehnte währende Perspektiven einer komplexen Problemlage. Die journalistische Praxis – auch wenn sie ‚nun mal so ist‘ – gehörte eigentlich selbst in Frage gestellt: Warum wartet man nicht eine Woche ab, bis das, wovon die Rede ist, von Diskutanten und dem Publikum erst einmal zur Kenntnis zu nehmen ist?

Der Verlauf der Diskussion ist – wie in TV-Kritiken hier oder hier bemerkt – recht wirr. Sarrazin selbst wirkt von den zahlreichen Anwürfen des Rassismus in latente Panik versetzt. Die z. T. nur ergänzend in Interviews – wie in der „Welt am Sonntag“ – von ihm geäußerten inkriminierten Thesen will ich nicht noch einmal abarbeiten. Sie wirken in der Tat verkürzt bis fragwürdig; als PR-Motor funktionieren sie perfekt. Dass sie den Buchtext im Ganzen repräsentieren, ist wohl nicht der Fall.

Es würde einige Mühe kosten, die zahlreichen angerissenen und wieder fallengelassenen Themen der „Beckmann“-Sendung nachzuzeichnen. Das gehört in der Tendenz zum Charakter von Talkshows, erreicht hier aber bedenkliche Intensität. Sarrazins eigene Dikussionsbeiträge sind nicht sehr souverän, aber vom Druck der Kritiker-Phalanx arg malträtiert. Von Sprachkompetenz bei Migranten ist hier und da die Rede; der Autor selbst zerfasert z. T. in mehreren Wiederholungen des Wortes „also“ in einem Satz und gebraucht dieses so häufig wie kein anderes. (Man kann sich aber auch bei manchen hochrangigen Interessensvertretern von Migrantengruppen, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben, bezüglich ihres Sprachgebrauchs Gedanken machen. Zumindest deutet dieser darauf hin, dass man zu wenig miteinander spricht …)

Ich möchte wesentlich darauf eingehen, dass der Widerstand gegen ein Problembewusstsein, das Sarrazin allem Anschein nach befördern will, etwa von den Diskussionsteilnehmern Renate Künast und Ranga Yogeshwar mit einer selbst pauschalen Polemik gegen „Zahlen“ attackiert wird.

Auch das ist ein Problem der TV-Diskussion generell: Zahlen werden behauptet und durcheinandergeworfen; wenig kann überprüft werden, rein rhetorische Tricks wirken überzeugender als unpopuläre und schwierige Sachlagen. (Man wird sehen, was in der kommenden ARD-Sendung „Hart aber fair“ am morgigen Dienstag mit anschließendem „Faktencheck“ herauskommt.)

Was Sarrazin an statistischen Tendenzen erwähnt – und was von seinem Buch vorab vermittelt wurde – scheint jedoch selten im Einzelnen Gegenstand substanzieller Kritik zu sein. Yogeshwar beruft sich scheinsouverän auf seine eigene naturwissenschaftliche Ausbildung, um deren empirische Basis als Ausgangspunkt für politische Debatten in Zweifel zu ziehen.

Sein einziges Sachargument – das in solchen Debatten immer wieder auftaucht – entbehrt aber selbst definitiv der Grundlage: Wirft Sarrazin Integrationsprobleme bei Menschen aus islamisch geprägten Kulturen als statistisch verifizierbares Problem auf, führt Yogeshwar einmal mehr Kanada als Gegenbeispiel an. Hier seien über zwei, drei Generationen schnellere Integrationsprozesse zu beobachten. Deshalb seien mangelnde Integrationsanstrengungen in Deutschland schuld an schlechteren Schulleistungen und höherer Arbeitslosigkeit etwa von Türken.

Die Bundeszentrale für politische Bildung informiert zur Situation von Migranten in Kanada:

2. Die beiden zahlenmäßig, kulturell und politisch dominanten Gruppen des ethnischen Mosaiks sind die Anglo- und Frankokanadier. Da sie das Gebiet des heutigen Kanadas kolonisiert und den modernen kanadischen Staat gegründet haben, nennen sie sich die “Gründernationen”. Vor einem Jahrhundert stellten sie noch 90 Prozent der Bevölkerung, seither geht ihr Anteil kontinuierlich zurück. 2001 stammte noch ein gutes Drittel der Kanadier aus rein britischen, französischen oder “kanadischen” Familien, der größere Teil (54 Prozent) kommt inzwischen aus gemischten Familien.

3. Die dritte große Gruppe – die europäischen Minderheiten – wurde in zwei großen Wellen ins Land geholt: die erste an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, um bei der Besiedlung des Westens zu helfen, und die zweite kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Einwanderer wegen der boomenden Nachkriegswirtschaft gebraucht wurden. Ein knappes Drittel der Kanadier – einschließlich derjenigen aus gemischten Familien – gehört dazu; die größte Gruppe stellen die Deutschkanadier (2,7 Millionen), gefolgt von den Italienern, Ukrainern, Holländern, Polen und Norwegern.

4. Die so genannten “sichtbaren Minderheiten” (fast drei Millionen Asiaten sowie ca. eine Million Schwarze, Lateinamerikaner und Araber im Jahr 2001) haben sich erst in den vergangenen drei Jahrzehnten zu einem zahlenmäßig gewichtigen Segment entwickelt.

Eine solche Abwehr von kritischen Fragen mit Falschdarstellungen durch den WDR-Journalisten Yogeshwar dürfte mittelfristig kaum von Erfolg gekrönt sein.

Was in der „Beckmann“-Sendung fehlt – und auch dies ein strukturelles Problem von Behandlungen solcher Themen in 60-90 Min., für die die Medienlandschaft in der Masse kaum Alternativen bietet – ist u. a. eine Verknüpfung mit anderen Aspekten. Die demografische Entwicklung in Deutschland etwa findet am Abend des 30.08.2010 keine Erwähnung, obwohl sie ein Kernargument im Zusammenhang wäre: Wenn Integration ein Mechanismus in einer kontinuierlichen Entwicklung sein soll, hätte eine Kultur, in die ‚integriert‘ werden soll, selbst eine gewisse Stabilität aufzuweisen.

Dem ist aber – eins der unumstößlichen statischen Fakten – bei einer recht kontinuierlich bis perspektivisch dramatisch rückgängigen ‚einheimischen‘ Bevölkerung nicht so. „Der Spiegel“ trägt hier etwa hier einige der neueren Daten zusammen und bemerkt:

Die steigende Lebenserwartung konnte den Bevölkerungsschwund kaum bremsen. Im vergangenen Jahr verringerte sich die Zahl der Sterbefälle nur geringfügig um 0,2 Prozent auf 842.000. Die Differenz fiel also negativ aus: 2009 gab es rund 190.000 mehr Todesfälle als Geburten. Im Jahr davor war dieses Saldo mit 168.000 noch deutlich kleiner ausgefallen. […]

Als ein Hauptgrund für die Kinderarmut auf dem Kontinent gilt die immer längere Ausbildung junger Erwachsender – so sehen das zumindest die Experten des Max- Planck-Instituts für demografische Forschung. Deshalb schöben viele Paare ihren Kinderwunsch auf; viele setzten ihn dann nicht mehr um.

Positiv wirkten sich nach Ansicht der Wissenschaftler Einwanderer aus, sie bekämen mehr Kinder als die angestammte Bevölkerung Europas: In acht ausgewählten Ländern (Niederlande, Großbritannien, Portugal, Österreich, Italien, Frankreich, Spanien, Deutschland) hätten die Zuwanderinnen die Geburtenziffern zwischen 1997 und 2006 um drei bis acht Prozent gesteigert.

Entscheidende Probleme solcher Debatten sind die mangelnde Nachhaltigkeit, Differenziertheit und Kontextualisierung; übrig bleiben allzu oft nur die skandalträchtigen und dabei angreifbaren Spitzen.

Wenn bei „Beckmann“ dann ausgerechnet der Streetworker Thomas Sonnenburg, zeitweise TV-präsent mit „Die Ausreißer – Der Weg zurück“ auf dem Krawallsender RTL, als Kronzeuge für bessere Alternativen der Integration auftritt, ist dies eine weitere Kuriosität. Konkret v. a. deshalb, weil er als Beispiel ausführlicher nur vorschlägt, Migrantenkindern mit Integrationsproblemen die Selbstverwirklichung mit selbst komponierten und getexteten Rap-Songs zu ermöglichen.

Jeder kritische Fernsehzuschauer kennt derlei aus entsprechenden Magazinberichten nur zu gut. Glaubwürdig oder sinnvoll als Hilfe für Schulerfolg und Vorbereitung auf die Arbeitswelt ist dies wohl nur sehr bedingt bis gar nicht. Es wirkt eher wie eine hilflose Kapitulation vor gescheiterten Biografien und greift dabei zu Inhalten, die selbst zur Ursache für die Probleme gehören: Die Prägung vieler Jugendlicher durch nichtswürdige Medieninhalte wie die kriminalitäts- und drogengesättigte Rapkultur. Und dabei wäre man bei der Fernseh- und Medienkultur als Wirkfaktor angekommen – die ebenfalls nicht ausreichend in solche Debatten einbezogen wird, weil einige gesellschaftliche Gruppen finanziell und machtpolitisch von ihrer derzeitigen Funktionsweise allzu gut profitieren. Die Langzeitwirkungen und Folgekosten werden deshalb nur ungern kalkuliert.

Was – dies sei vorläufig als Ergänzung angemerkt – ein ebenfalls wiederkehrender Fehler der gesellschaftlichen Praxis und der begleitenden Debatte sein dürfte, ist ein falsches Verständnis von Pädagogik und Leistung. Ein Slogan wie „Fördern statt fordern“ ist den Diskussionsteilnehmern bei „Beckmann“ offensichtlich recht einseitig in Fleisch und Blut übergegangen. Was vielfach auf der Strecke bleibt, ist eine Gleichbehandlung aller gesellschaftlichen Teilnehmer im Hinblick darauf, was von ihnen erwartet werden kann – nicht nur, was sie selbst fordern dürfen.