Mit ‘Talkshow’ getaggte Artikel

Jauchbuch Kapitaschwatzmus


Montag, 31. Oktober 2011, 20:19 Uhr. Autor:

Wir haben uns bisher zum Thema ‚Günther Jauch als Talkshow-Moderator‘ zurückgehalten, nachdem wir im Buch „Glotze fatal“ die äußerst suspekten psychologischen und metaphorischen Techniken seines Quiz-Dauerbrenners „Wer wird Millionär?“ beleuchteten – und deshalb von vornherein wenig Vertrauen darin hatten, dass hier eine Niveausteigerung politischen Journalismus im Ersatzparlament der sonntagabendlichen Sendung stattfinden würde.

Nach den ersten Sendungen haben sich nicht alle Befürchtungen bestätigt, aber zumal beim Auftritt der Kanzlerin Angela Merkel waren auch andere Kritiker mit ihrem Lob am Ende (Schwiegersohn trifft “Mutti”).

Am 31.10.2011 lud „Günther Jauch“ seine Gäste zum Thema „Die Banken an die Leine! – Wie bekommen wir die Finanzmärkte in den Griff?“ Fundamentalkritik ist von Seiten eines Moderators nicht zu erwarten, der als Medienunternehmer Millionenbeträge bewegt. Dass er in dieser Sendung die Chuzpe besaß, sogar wiederholt nachzufragen, wenn es um die Luftbuchungen von spekulativen Nahrungsmittelpreisen ging, ist vor diesem Hintergrund fast schon beachtlich. Es gehe dabei, so Jauch, z. B. um „die zehnfache Summe des überhaupt vorhandenen Maises“ – das habe er sich „sagen lassen“. Bei einem Minutenverdienst von 4500 Euro kann man sich allerdings auch in seinem Fall fragen, ob da einer eine Meise hat … So referiert weiter der „stern“ vom 14.07.2010 die „Bild“-Zeitung:

Er und seine 2000 gegründete Produktionsfirma sollten 10,5 Millionen Euro pro Staffel mit 39 Sendungen erhalten, meldet die Zeitung. Das seien 41 Prozent mehr, als bisher bei Vorgängerin Will angefallen seien.

Derartige Meldungen sind jedoch kein Grund für Sympathie-Einbußen. Die Wiedergabe solcher Informationen durch die „Bild“ scheint vielmehr zu jenem Märchen-Programm zu gehören, das in anderen Sendungen den unerschwinglichen Luxus zum Schauwert macht; hier ist es der Moderator, der mit überhöhten Gehaltsforderungen keine Empörung beim Gebührenzahler, sondern scheinbar noch Bewunderung erregt. Leider kommt dies auch Nicht-Fans überteuert zu stehen.

Doch zurück zum Thema der Sendung: die fortgesetzte Finanzkrise. Ein Skandalon der aktuellen Berichterstattung, das sich hier wiederholt, ist die gespielte Ahnungslosigkeit derer, die es besser wissen sollten. Wenn ein Spitzen-Moderator sich erst „sagen lassen“ müsste, was seit vielen Jahren die Finanzbranche bestimmt, in der er auch persönlich seine Anlageberater agieren lassen dürfte, wäre dies ein geistiges Armutszeugnis. Vermutlich verwendet er aber eine solche Formulierung auch deshalb, weil er sich mit weniger informierten Zuschauern solidarisieren will, die ihn nicht als überheblichen Spezialisten wahrnehmen sollen. Dies ist leider aber auch ein Grund, warum es hier und an vergleichbarer Stelle unnötig unpräzise und verwirrend bleibt. Und es fragt sich, ob dies nicht Absicht ist.

In diesem Kontext alberne Suggestionen wie ‚Ich habe das gerade erst erfahren müssen, das ist ja unglaublich!‘ sind durchaus erwähnenswert, weil sie zum Gesamtprogramm jener Kaste gehört, in der Jauch lebt. Eine ihrer wesentlichen Taktiken besteht darin, unverhältnismäßige Gewinne zu machen und sich dann aus der Verantwortung zu stehlen. So konnte es Sahra Wagenknecht (Die Linke) in dieser Talkshow auch nur in den von ihr seit langem vertretenen Kernsätzen vorbringen.

Dabei hat Wagenknecht etwa in „Wahnsinn mit Methode“ (2008) eine präzise Schilderung über 250 Buchseiten geliefert, was heute jeder CDU-Abgeordnete als Wahnsinn bezeichnet – nachdem Karl-Theodor zu Guttenberg für diese Partei 2009 noch mit dem Wahlslogan „Wirtschaft mit Vernunft“ werben durfte. Nun hat er sich in die USA zu denjenigen zurückgezogen, die aller Wahrscheinlichkeit nach zu den Drahtziehern der Krisen gehören (siehe diesen Beitrag von Jürgen Elsässer).

Und damit wären wir wieder beim Skandalon: Sahra Wagenknecht informierte ihre Wähler schon seit Jahren über jene systemischen Bedingungen, die nun alle beklagen. Und das „Schwarzbuch Kapitalismus“ von Robert Kurz, 1999 erschienen, erreichte Bestseller-Auflagen. Darin finden sich Aussagen wie folgende:

Die globale Schuldenkrise auf allen Ebenen kann vorerst „weggesteckt“ und weiter umgeschuldet werden, weil sie von der größten spekulativen Blase aller Zeiten an den Aktienmärkten überlagert wird. Das ist die zweite Phase der Krise seit Mitte der 80er Jahre, die bis heute anhält. [...]
Weil das Sicherheitsventil der Dollar-Goldkonvertibilität längst vorher entfernt wurde und die neoliberale „Deregulierung“ auch der Finanzmärkte die letzten Hemmungen beseitigt hat, kann die Blase so unglaublich groß und über so lange Zeit hinweg aufgeblasen werden. Umso verheerender muß allerdings der Knall sein, mit dem sie irgendwann platzen wird.
(S. 852/855)

Statt überhaupt nur darauf hinzuweisen, dass sich derzeit die schwärzesten Kapitalismuskritiken wie jene von Kurz und Wagenknecht bestätigen, die in Varianten auch schon früher als 1999 formuliert wurden, arbeitet eine Sendung wie „Günther Jauch“ an jenem falschen Bewusstsein, seit 2008 träten plötzlich Krisensituationen auf, denen man nun mit Maßnahmen im Rahmen der bestehenden Ordnung begegnen könne.

Die Voraussage sei an dieser Stelle gewagt – und sie beruht, siehe Kurz, Wagenknecht und andere – nicht auf meinem eigenen Prophetentum: Das Gejammer, Gekeife und Kontroll-Gerede auf der politischen Szene wird noch eine Weile weitergehen; die ‚Krise‘ beenden oder nachhaltig mildern wird es nicht.

Was die bisher existierende Ordnung – und vielleicht selbst Politiker, wenn sie ihre eigene Rolle nicht durchschauen – sich nicht eingestehen will, ist ihr vorläufiges Scheitern und prinzipiell voraussehbares Ende. Dies lässt sich relativ einfach begründen: Deutschlands Staatsverschuldung beträgt derzeit 2 Billionen Euro. Nach Griechenland stehen schon die nächsten Kandidaten bereit, die EU-Rettungsschirme und Zahlungen besser gestellter EU-Mitglieder in noch zu bestimmender Höhe erhalten müssen, damit der Euro als Währung erhalten werden kann. Dass Zusagen über nennenswerte Einsparungen bei den Hochverschuldeten eingehalten werden, ist sehr fraglich; es wäre historisch neu. Und die deutsche Bevölkerung altert und schrumpft, wie dieser Tage in der aktuellen offiziellen Bevölkerungsprognose vorausgesagt wird:

Die Zahl der Gestorbenen übersteigt die Zahl der Geborenen immer mehr. Das dadurch rasant wachsende Geburtendefizit kann nicht von der Nettozuwanderung kompensiert werden. Die Bevölkerungszahl in Deutschland, die bereits seit 2003 rückläufig ist, wird demzufolge weiter abnehmen. Bei der Fortsetzung der aktuellen demografischen Entwicklung wird die Einwohnerzahl von circa 82 Millionen am Ende des Jahres 2008 auf etwa 65 (Untergrenze der „mittleren“ Bevölkerung) beziehungsweise 70 Millionen (Obergrenze der „mittleren“ Bevölkerung) im Jahr 2060 abnehmen.
Das Altern der heute stark besetzten mittleren Jahrgänge führt zu gravierenden Verschiebungen in der Altersstruktur. Im Ausgangsjahr 2008 bestand die Bevölkerung zu 19% aus Kindern und jungen Menschen unter 20 Jahren, zu 61% aus 20- bis unter 65-Jährigen und zu 20% aus 65-Jährigen und Älteren. Im Jahr 2060 wird bereits jeder Dritte (34%) mindestens 65 Lebensjahre durchlebt haben und es werden doppelt so viele 70-Jährige leben, wie Kinder geboren werden.

Man kann also eine Diskussion wie jene bei „Günther Jauch“ stark unterkomplex nennen: Voraussetzung eines Gesprächs darüber, wie mit der Finanzbranche zu verfahren sei, sind auch und gerade solche Rahmendaten. Weil sie vor derzeit unlösbare Probleme stellen, werden sie einfach nicht besprochen – zugunsten eines faulen Friedens, der irgendwann in Elend und Chaos führen wird, wenn mit Werbe- und Gebührengeldern verwöhnte Seichtgewichte wie Jauch am Ruder bleiben.

Ob die Konstruktion der Europäischen Union anderen Maßgaben folgte als den Interessen derjenigen, die an ihr Teil haben, muss an anderer Stelle erörtert werden. Jedenfalls funktionieren bisher ihre Stabilitäts- und Kontrollmechanismen nicht, und diejenigen, die davon profitieren, werden mit aller Kraft daran arbeiten, dass dies auch so bleibt. Selbst die IWF-Direktorin Christine Lagarde bekundet in „Inside Job“ (USA 2010, R: Charles Ferguson), dass sie erst 2008 den Ernst der Lage auf den Finanzmärkten erkannt habe. Wenn sie also nicht schlecht informiert ist, wessen Interessen vertritt sie dann? Oder in wessen Interesse ist es, dass Menschen an der Macht sind, die etwa als Finanzminister (Lagarde, ähnlich Wolfgang Schäuble) systemische Risiken erklärtermaßen Jahrzehnte nach kritischen Wirtschaftstheoretikern (Kurz) realisieren?

Screenshot: ARD, 30.10.2011

Bei „Günther Jauch“ sollte „Ex-Investmentbanker“ Wieslaw Jurczenko u. a. mit einer Flipchart-Zeichnung die Einsicht in die Praktiken des „Credit Default Swaps“ erhellen. In der erwähnten Dokumentation „Inside Job“ gelingt dies mit Grafiken sehr anschaulich. Bei Jauch und Jurczenko entsteht nur eine wirre Strichzeichnung, die den Zusammenhang der Versicherung von Kreditausfällen (erste Abstraktionsstufe) zu den vielfältigen weiteren Formen der Kreditumschichtung und -verbriefung erst gar nicht plausibel macht; es gebe sie halt, und Jurzcenko rät, diesen unübersichtlichen Handel einfach zu verbieten.

Das wird aller Voraussicht nach zunächst nur sehr eingeschränkt geschehen und wirkungsarm bleiben. Doch noch einmal zurück zum Thema demografische Entwicklung: Der Anspruch, mit immer weniger Menschen, und darunter immer mehr hilfsbedürftigen Älteren die Schulden einer größeren Zahl von Leistungsnehmern sowie Besser- bis Großverdienenden der vergangenen 2-3 Jahrzehnte bezahlen zu wollen, sollte von Finanzpolitikern erst einmal in einer Modellrechnung begründet werden. Gelingt dies nicht, ist ein Schuldenschnitt für Deutschland unausweichlich. Die Frage ist dann nur noch, wessen Barvermögen auf dem Kontoauszug gelöscht wird.

Michael Grandt rechnet, wie in seinem Buch „Der Staatsbankrott kommt“ (2010), hier im Interview vor, dass die benötigten Summen für einen Schuldenabbau nur mit einem Wirtschaftswachstum zu erreichen wäre, das derzeit für Deutschland vollkommen illusorisch ist, …

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… Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson erklärt im „Handelsblatt“ (11.05.2010):

Griechenland wird irgendwann pleitegehen. Portugal und Spanien könnten sich anstecken. Europa kann nicht alle diese Staaten retten. Es sieht also düster aus für den Euro. […]
Wenn man durch Wachstum nicht aus diesem Dilemma herauskommen kann, gibt es nur drei Möglichkeiten: entweder Inflation oder eine Staatspleite oder ein Bail-out.

… und auch „Die Welt“ vom 29.10.2011 erkennt:

Ein weiterer gravierender Fehler der EZB war es, den Glauben an den schuldenfinanzierten Wohlfahrtsstaat aufrechtzuerhalten. Eine Absage an den Wohlfahrtsstaat ist eine Aufgabe, die die Politiker per Definition nicht übernehmen können. [...]
Das bedeutet für Deutschland drastische Ausgabenschnitte und die Zurückführung des Wohlfahrtsstaates und des öffentlichen Dienstes auf ein zivilisiertes Niveau. Diese schmerzhafte Debatte wird nicht geführt, sondern nur, wie man mit mehr Geld mehr „hebelt“.

Statt uns mit Tinnef abzugeben, sollten wir also dringend ausgehend von solchen Aussagen Debatten führen. Das dauert allerdings länger als 60 Minuten, und deshalb werden wir auch im Zeitbudget von TV-Konsumenten einiges aussortieren müssen, wenn wir nicht gemeinsam untergehen wollen.

Wir werden sehen, ob während der oder im Anschluss an diese notwendigen Transformationen auch die Bläh-Diskurse von TV-Serien, der schlecht geklonten Buchkultur und der aktuellen Kulturwissenschaften auf den Prüfstand kommen, die strukturell aus den erwähnten korrumpierten Wirtschaftsweisen abgeleitet sind. Das zeigt etwa die Beschäftigung mit Filmen von Billy Wilder, der immerhin schon 1981 seinen Dienst quittierte. „Nobody’s perfect“, die letzte Dialogzeile aus „Some Like It Hot“ (USA 1959), könnte wortspielerisch auch das Motto der herrschenden Finanz-Institutionen sein: Niemand will’s gewesen sein, und von den Momenten, in denen wir die entscheidenden Fehler hätte vermeiden können, sprechen wir, wie stets der Film, nurmehr in der Vergangenheitsform. Wer sich unsichtbar macht, wer anderen leere Zeichen als Wert und Vergangenheit als Gegenwart vorgaukelt, dem sollten wir unsere Dienstbarkeit entziehen.

Wie Atomenergie Sprache wird


Dienstag, 29. März 2011, 15:24 Uhr. Autor:

Das Buch-und-Blog-Motto „Wie TV-Unterhaltung Leben zerstört“ verblasst in diesen Tagen vor der Atom-Katastrophe im japanischen Fukushima und dem Bürgerkrieg in Libyen. Eine Ursache der ersteren ist freilich ein zentrales Argument dieses Projekts: Wo Informationssysteme nicht (mehr) differenziert und transparent funktionieren, wächst die Selbstgefährdung von Gesellschaft und Individuum durch uninformiertes Handeln, zumal, wenn mit komplizierten und folgenreichen Techniken hantiert wird.

Was diesen Fall betrifft, würde also eine Betrachtung der Reflexion über Atomenergie in den Massenmedien nottun. Realer Effekt war in den letzten Jahrzehnten (nicht nur in Deutschland), dass eine lobbyorientierte Meinungsbildung vonstatten ging. Wo politische Magazine der Öffentlich-Rechtlichen mit einer meist eher linksorientierten Agenda in Berichten zu Störfällen und Entsorgungsproblemen grünliche Politik förderten, müssen wohl v. a. die im Politikbereich publikumswirksameren Talkmaster für die Zukunft überprüfen, inwiefern sie mit den rhetorischen Strategien von Vertretern der Atomindustrie und ihren parlamentarischen Befürwortern umgehen. Die strukturelle Gewalt, die in gebetsmühlenartigen Vereinseitigungen und aufmerksamkeitssteuernden Wiederholungen gut trainierter Sprechmaschinen liegt, hat wohl noch kaum eine angemessene kulturtheoretische und publizistische Betrachtung erfahren. (Versuche in dieser Richtung auf „filmdenken.de“ finden sich auf allgemeiner Ebene zum Thema Ökologie etwa hier aus dem Jahr 2006, hier von 2008, zu einer Ausgabe von „Maybritt Illner“ mit dem Atom-Thema hier von 2008.)

Und das symbolische Spiel mit den nachhaltigen Wirklichkeiten nimmt seinen Fortgang, wenn etwa am 27.03.2011 in der „Berliner Runde“ des ZDF zu den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg der FDP-Generalsekretär Christian Lindner „eine Wahl, die stark unter dem Eindruck der apokalyptischen Bilder aus Japan stand“, vermerkt – Apokalypse, Bilder, aber keine Kerntechnik. Und sein CSU-Amtskollege Alexander Dobrindt erinnert sich an „die Ereignisse, die man in Japan gesehen hat“, als hätte es auch die letzte Kirschblüte sein können.

Die CDU/CSU schafft es ja seit Jahrzehnten, durch eine Differenzierung derselben Partei in „D“ und „S“ in solchen „Elefantenrunden“ unter sechs Teilnehmern gleich mit zwei Personen aufzuwarten – dem Proporz von Redeanteil zu Wahlergebnis nach, als würden die Stimmen in Bayern doppelt gezählt. Solche Magie ist bei CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe allerdings nicht mehr auf der verbalen Ebene zu verbuchen, wenn er auf die wache Nachfrage von Moderator Elmar Theveßen, ob die CDU ihre langwährende Atompolitik nun plötzlich auf grün umzustellen gedenke, antwortet: „Ich finde es unangemessen, auf Japan danach zu rea… äh, fragen, was wir mit den Grünen ähäh … wie wir uns gegenüber den Grünen positionieren. Die Frage ist: Wie positionieren wir unter dem Eindruck der äh … Ereignisse in Japan unsere Energiepolitik?“

Die den CDSUlern allem Anschein nach von einem Pro-Atom-Rhetorik-Coach empfohlene Neutralisierung zum „Ereignis“ wird in den nächsten Interviews aber vermutlich noch flüssiger herüberkommen.

Auf anderen Sendern ist man schon einen Schritt weiter in der sachdienlichen Behandlung von Zuschauerhirnen. Die TV-Zeitschrift „Gong“ befragt in ihrer Ausgabe 11 vom 11.03.2011 den Sat1-Moderator Ulrich Meyer („Akte 20.11“) zur neuen Talkshow „Eins gegen Eins“ mit Claus Strunz auf seinem eigenen Sender. Hier soll sehr kritisch nachgefragt werden. Der „Gong“ gibt Meyers Prognose für ein solches Format in indirekter Rede wieder: „Dem Publikum von SAT.1 und Co. fehle heute dazu die nötige Konzentrationsfähigkeit.“

Nach den Ursache einer solchen Entwicklung wäre dann in der Tat zu fragen, wenn dies „heute“ so ist – also vorher nicht?

Ein Grund könnte in mangelnder Förderung solcher Interessen und Wahrnehmungsfähigkeiten liegen. Und statt sich dem zu widmen und gegenüber schädlichen Entwicklungen eine Zero-Tolerance-Haltung einzunehmen, ist der öffentliche Umgang mit äußerst zeitintensiven und inhaltlich besonders weltfremden Formaten, die sich an die Stelle sinnstiftenderer Inhalte und Gespräche gesetzt haben, immer wieder von Inkonsequenzen und schändlichen Kompromissen bestimmt.

Während andere Weltregionen in Kriegen und atomar verseuchten Umwelten versinken, nehmen am 26.03.2011 ca. 250.000 Menschen bundesweit an Anti-Atom-Demonstrationen teil. Aber die Speerspitze der Jüngeren, für die „Deutschland sucht den Superstar“ vermutlich einen höheren Stellenwert einnimmt, zählt am 27.03.2011 allein in Oberhausen auch 20.000 Besucher bei einer Autogrammstunde, wobei es wegen Überfüllung bei 60 von ihnen zu Ohnmachten und Knochenbrüchen kommt.

Hier wirft man nun laut „welt.de“ der Stadt Oberhausen „Komplettversagen“ vor. Die Symptomatik solchen und anderen „Nachher ist man immer schlauers“ in Unterhaltung und Ernst wurde von „Glotze fatal“ z. B. anhand der Duisburger „Love Parade“ am 24.07.2010 beleuchtet.

Wir warten dann auf die nächsten Ereignisse, die wir sehen.

Größter anzunehmender Unsinn


Freitag, 18. März 2011, 2:13 Uhr. Autor:

Es war zu erwarten und ist wohl besser als Tatenlosigkeit: An der japanischen Küste ist eine Hölle auf Erden entstanden, und nicht nur in Deutschland diskutiert man, wie seit Jahrzehnten, über Pro und Contra Atom sowie die Laufzeiten von Kraftwerken – wie es scheint, nun eben mit einem neuen, sehr gewichtigen Argument.

Für Sprachlosigkeit, die der Anblick menschlicher Tragödie hervorrufen kann, haben Politiker erfahrungsgemäß keine Zeit. Gehandelt muss werden, und wenn schon so viel falsch gehandelt wurde, muss man umso schneller und vehementer gegensteuern.

So weit, so angeblich pragmatisch. Und Atompolitik zählt zu jenen Geschäftsfeldern, auf denen der fait accompli zur strategischen Grundausrüstung gehört. Wenn es eine Gegenwehr geben kann und soll, muss sie die Gunst der Stunde nutzen. Wir verstehen.

Sieht man von diskussionswürdigen pragmatischen Vorteilen und existierenden Sachzwängen einmal ab – und das muss eine Politik können, die nicht ausschließlich reagiert – hätte sie sich gerade bei einer lebensbedrohenden Technologie zunächst einige Prinzipien zu vergegenwärtigen, an denen sie ihr Tun ausrichtet – und zwar so verbindlich, wie unerbittlich in diesem Fall die physikalischen Tatsachen sind.

Demnach wäre die Abstandnahme von potenziell unbeherrschbaren Techniken und ihren Folgen eigentlich notwendiger Schluss selbst noch aus einer Definition des Pragmatismus:

Dem Pragmatismus zufolge sind es die praktischen Konsequenzen und Wirkungen einer lebensweltlichen Handlung, welche bestimmen, was die Bedeutung oder die Wahrheit von Begriffen, Aussagen und Meinungen ausmacht.

Das hätte schon 1986 nach dem Unfall in Tschernobyl andere Konsequenzen haben können. Aber das war für Westeuropa und den Rest der Welt noch verhältnismäßig weit weg. Fukushima, der neue Ortsname mit katastrophalem Beiklang, ist noch weiter weg. Wir werden sehen, ob dies etwas ändert.

Auf Seiten der Konservativen und Liberalen in deutschen Parlamenten ist man jedenfalls mit einer vergleichsweise glimpflichen Schadensbegrenzung beschäftigt, während man in Fukushima versucht, unter offenem Himmel Atombrennstäbe mit Wasserausgießungen zu kühlen, auf dass keine Kernschmelze eintrete:

Screenshot: www.tagesschau.de, 18.03.2011

Schauen wir uns einmal ein Beispiel für politische Rhetorik an, das Josef Göppel (CSU, Obmann im Umweltausschuss) in der „phoenix Runde“ (15.03.2011) gibt, um als Atom-Skeptiker in den Reihen der Union für seine Partei Schadensbegrenzung zu betreiben:

„Ich will das mal offen darstellen, was da in den Köpfen vieler Unionsabgeordneter geschehen ist. Japan, ein bewundertes Land, äh, mit hoher Technologie und hoher Sicherheit – und dort ist das passiert, was man für unmöglich erklärt hatte. Und deswegen tritt bei vielen jetzt eine Neubewertung des sogenannten ‚Restrisikos‘ ein. Wir haben bisher ein bestimmtes Restrisiko in Kauf genommen auch bei der Behauptung: ‚Unsere Kernkraftwerke sind sicher.‘ Und jetzt ist es einfach so, dass dieses Restrisiko, das man noch in Kauf zu nehmen bereit ist, deutlich kleiner geworden ist. Und das ist die neue Situation: Im Grunde ist es eine Sorge, dass wir bisher zuviel Restrisiko in Kauf genommen haben, äh, denn wenn rechnerisch alle 10.000 Jahre ein Unfall passiert, aber ich lebe in dem Jahr, wo er passiert, dann hilft mir die ganze Mathematik nichts.“

Es scheint also einer Strahlenverseuchung ganzer Landstriche zu bedürfen, damit CDU-Politiker eine Frage stellen, die jeder vernünftige Mensch sich spätestens als junger Jugendlicher stellt, wenn er sich darüber klar wird, ob er jemals ein Flugzeug in Anspruch nehmen möchte oder doch lieber nicht.

Das klingt so naiv, dass es auf Bundesebene wohl eher Komödie sein dürfte. Aber es scheint ja einen Markt dafür zu geben. Es ist derzeit nicht ganz selten bei relativ erfolgreichen Politikern, dass sie derart slow like honey argumentieren. Es ist eine Mischung aus ‚Menschen da abholen, wo sie stehen‘ und ‚Hoffen wir, dass sie den Anfang des Gedankens schon vergessen haben, wenn ich fertig bin‘.

Eine scheinbar nebensächliche Wortfolge wie „jetzt ist es einfach so“ scheint mir symptomatisch zu sein für einen ganzen Politikstil. Göppel beruft sich in der Phoenix-Diskussion nicht nur mehrfach auf Kanzlerin Angela Merkel, sondern fördert auch subliminal in einer solchen Wortwahl deren verbale Taktik. Was man in politischer Diplomatie rundheraus abstreiten würde, versucht man in rhetorischer Manipulation zu suggerieren: ‚Wir wissen eben, wie es ist, meine Damen und Herren.‘ Man hat diese Wortfolge von Merkel im Ohr und findet sie auch gleich in Textform, wenn man sucht, etwa in einer Rede Merkels an Helmut Schmidt, die die „Bild“-Zeitung archiviert hat:

Für mich ist es einfach so: Helmut Schmidt und ich – wir sind beide Hamburger.

Merkel begründet ihre Aussage dann damit, dass sie dort geboren sei – wenn auch schon nach sechs Wochen umgezogen. Aber es bleibt einfach so – vielleicht nicht nur in diesem Fall. Bis man seine Meinung ändert oder ändern muss oder na ja Sie wissen schon Schwamm drüber alles nicht so genau nehmen ich muss auch meine Miete bezahlen wollen Sie im Winter frieren?

Gehen wir noch einmal zurück zu der Frage nach Grundsatzdiskussionen versus Pragmatik. Der Koalitionspartner FDP holt sich sein epistemologisches Dope sogar von Universitätsprofessoren wie dem Statistiker Walter Krämer (Technische Universität Dortmund) – bevor man bei Kabarettist Vince Ebert nochmal mehr ablachen darf.

So unbeschwert ist man jedenfalls noch am 21.01.2011 auf einem sogenannten „Freiheitskongress“ der Friedrich-Naumann-Stiftung in Berlin unter dem Motto: „Hysterie als Standortnachteil: Hat die Zukunft eine Zukunft?“

Screenshot: www.liberale.de, 18.03.2011

Wie man hier in den samt und sonders dokumentierten Vorträgen und Präsentationen nachfühlen kann, darf etwa Walter Krämer mit seinen leicht verdaulichen Dönekes in diesem Umfeld kräftig punkten. Mit statistisch irgendwie vorauszusehenden Meteoriteneinschlägen oder gar dem Ledersofa, von dem eine Ansteckung mit BSE befürchtet wird, ließen sich liberale Politiker von Professor Tiefsinn einmal mehr davon überzeugen, dass die anderen eben bloß die neurotischen Zauderer seien. Dass man aus Walter Krämers Buchtitel „Wie lügt man mit Statistik?“ (erstmals 1991) bei einer Partei wie der FDP eine echte Pointe machen könnte, ist beim „Freiheitskongress“ natürlich nicht opportun. Wenn im September 2009 noch 14,6 % der Wähler glauben, die FDP solle bundesweit regieren, im März 2011 aber nur noch 5-6,5 %, müssen die Anreize für Journalisten, die Partei bis 2013 wieder hochzujubeln, wohl schon jetzt gründlich vorbereitet werden.

Bis dahin ist auch noch genug Zeit, die Atompolitik der Regierungskoalition neu zu justieren – betroffene Minen hier, argumentatives Herumgeeiere da, passt schon. Dann „ist es einfach so, dass dieses Restrisiko, das man noch in Kauf zu nehmen bereit ist, deutlich kleiner geworden ist.“ Von jetzt auf gleich. Ganz im Sinne der Kanzlerin, die auf „REGIERUNGonline“ am 08.11.2010 im „Focus“-Interview verkündet:

Die Menschen prüfen gründlich, ob eine Entscheidung nachhaltig ist oder nicht. Dazu muss ich als Bundeskanzlerin nicht das kurzfristig Populäre tun, sondern das langfristig Richtige und Notwendige. Genauso verstehe ich zum Beispiel unser Energiekonzept: Wir verpflichten uns nicht nur, das Zeitalter der erneuerbaren Energien konsequent herbeizuführen, sondern berücksichtigen dabei auch, dass uns eine moderate Verlängerung der AKW-Laufzeiten bei diesem Ziel hilft. Damit können wir Energie bezählbar [sic] halten und unsere Klimaschutzziele besser erreichen.

Fußnoten zu zu Guttenberg


Montag, 21. Februar 2011, 2:34 Uhr. Autor:

Die „Anne Will“-Sendung (ARD) am 20.02.2011 beschäftigt sich mit der Malaise des CDU-Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg durch die Aufdeckung von Plagiaten in seiner Doktorarbeit. Der Verlauf der Diskussion ist ein recht starkes Beispiel für das Prinzip ‚Zerreden‘. Alle zuvor in der Presse – schon auf dem Level von Schlagzeilen und Vorlauftexten – aufgetauchten Argumente werden hier noch einmal auf die Diskutanten verteilt vorgetragen, aber kaum vorangebracht.

Hans-Ulrich Jörges vom „stern“ vertritt am prononciertesten die Rücktrittsforderung und versucht an einer Stelle die logische Herleitung, was über zu Guttenberg aufgrund der bereits bekannten Tatsachen zu sagen ist: Entweder, er hat selbst seine Prüfungskommission mutwillig getäuscht, oder er hat seine schriftliche Arbeit von anderen verfertigen lassen. Karl Lauterbach (SPD) ergänzt später – ein wesentliches Argument, das hier aber fast untergeht –, dass nun einmal das minimale Abändern von Zitaten eine Täuschungsabsicht fast zwingend nahelegt. (Im Guttenplag Wiki kann man die Zitate im Einzelnen vergleichen.) Demgegenüber lautet die Erklärung zu Guttenbergs vom 18.02.2011 (hier in der Aufzeichnung des ZDF):

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„Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat, und den Vorwurf weise ich mit allen [sic] Nachdruck von mir. […] Es wurde […] zu keinem Zeitpunkt bewusst getäuscht oder bewusst die Urheberschaft nicht kenntlich gemacht.“

(Diese Aussage wird auch bei „Anne Will“ eingespielt.)

Politik à la zu Guttenberg ist Politik der postsatirischen Ära: Der Minister muss schon über sich selbst lachen …

Screenshot: ZDF, 18.02.2011

Sein im Kasus gefreejazztes „mit allen Nachdruck“ hebt noch einmal durch formale Fehlerhaftigkeit das Thema der Übernahme anderer Veröffentlichungen hervor, während die Aussage auf der Sachebene in der Zurückweisung einer solchen besteht.

Der mittlerweile bekannteste Fall der Plagiierung ist der Beginn des Vorworts der Dissertation. Sie ist eine nur in einzelnen Worten abgeänderte Übernahme aus Barbara Zehnpfennigs Artikel „Das Experiment einer großräumigen Republik“ aus der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (27.11.1997).

Aus dieser Tatsache ergeben sich wiederum zwei Interpretationsmöglichkeiten. Wenn zu Guttenberg auf bezahlte Ghostwriter zurückgegriffen hat, bereiteten diese seine Entlarvung als Betrüger schon vor, indem sie den Kauf eines Doktortitels mit dem sprechenden Namen „Zehnpfennig“ als Autorin eines prominenten ungekennzeichneten Zitats codierten.

Die zweite Interpretation lässt sich noch einmal differenzieren. Der Aufsatztitel von Zehnpfennig spricht von einer „großräumigen Republik“. Es liegt nahe, diesen Begriff mit der geopolitischen Agenda zu verbinden, die zu Guttenberg – durch jahrelange Lobby-Arbeit karrieretechnisch vorbereitet – vertritt: der auch mit militärischen Mitteln ausgeweitete Einflussbereich westlich geprägter Lebenskultur und politischer Macht. Friederike Beck arbeitet in „Das Guttenberg-Dossier“ auf „zeitgeist-online.de“ diesen Hintergrund auf und findet es etwa im Zusammenhang von zu Guttenbergs Teilnahme am „Young Leaders Programm des American Council on Germany“

krass, dass deutsche Funktionseliten (Merkel, Guttenberg etc.) in den USA oder in US-Machtmanagementgremien in Deutschland, die jeder demokratischen Kontrolle entzogen sind, für zukünftige entsprechende Politik programmiert wurden.

Die „Atlantikbrücke“ als ein weiteres Organ der Vereinheitlichung europäischer und US-amerikanischer Interessen veranstaltet ebenfalls ein „Young Leaders“-Programm. Und sie verleiht u. a. einen Preis zu Ehren von Vernon A. Walters. Noch einmal Friederike Beck:

In seiner 50-jährigen Tätigkeit im Dienste des US-Imperiums erwies sich Walters als konsequenter Vertreter der „Strategie der Spannung“, die Militärputsche (z. B. in Südamerika), Absetzung legal gewählter Präsidenten (z.  B. Iran), Kriege (z.  B. Vietnam) und Bürgerkriege (z.  B. Angola) bzw. vielfältige Kombinationen hiervon nach sich zog.

Was ist dagegen schon eine gefälschte wissenschaftliche Abschlussarbeit? Monika Hohlmeier (CSU) stellt in einer branchenüblichen Mischung aus Heimeligkeit und Zynismus bei „Anne Will“ in den letzten Minuten zu Recht fest, dieser Fehltritt ihres Parteifreundes könne den Verteidigungsminister gar noch „menschlicher“ erscheinen lassen:

„Nur eines ist ganz sicher: Dass der Karl-Theodor zu Guttenberg derzeit eigentlich durch so einen Stahlhagel durchgeht, der sicherlich auch für ihn sehr schwierig ist. Aber ich glaub, dass er den auch schafft und dass er das ihn letztendlich nur menschlicher macht.“

(So etwas kommt heraus, wenn man korrekt zitiert …)

Wenn zu Guttenberg also nicht das Opfer einer Intrige seiner Ghostwriter ist, dann bleibt die wahrscheinlichste Variante, dass dieser Skandal ein Fake unter seiner eigenen Federführung ist. (Ansonsten wäre er offensichtlich so dumm und unvorsichtig, dass man ihn ebenso des Amtes entheben müsste.) Seine Teilhabe an mehreren „US-Machtmanagementgremien“ (Beck) und deren expansiver, z. T. mit militärischen Mitteln gestützter Politik entspricht dem allgemeinen Sinn der Überschrift des plagiierten Aufsatzes – „Das Experiment einer großräumigen Republik“. Eben dies ist es ja, was in der Verschwörungstheorie im Bezug auf Institutionen wie den „Council on Foreign Relations“, die „Bilderberger“ oder die „Atlantikbrücke“ dieser Tage explizit als „Neue Weltordnung“ adressiert wird, die letztendlich auf eine Weltregierung hinziele. Der Skandal um ungekennzeichnete Zitate u. a. des Mottos der „großräumigen Republik“ macht zu Guttenberg zum publizistischen Jesus eines vermeintlichen verfahrenstechnischen Fehltritts; für Insider, die wesentlich mehr verantworten als eine gefälschte Dissertation, signalisiert es vielleicht: Ich gehöre zu Euch. Ich bin ein großräumiger Republikaner auf „Blitzbesuch in Afghanistan“.

Dass man sich mit Besonderheiten von „Fußnoten“ bei den zu Guttenbergs schon etwas länger beschäftigt, ‚belegt‘ schon eine Buchveröffentlichung des Großvaters Karl-Theodor zu Guttenberg von 1971. Wenn also der Enkel mit so etwas Probleme bekommt, könnte dies in der Familie statt einer Schande auch eher ein in-joke sein:

Dass die plagiierte Barbara Zehnpfennig sich in zwei Buchveröffentlichungen von 2006 und 2011 mit Adolf Hitlers „Mein Kampf“ beschäftigt, dürfte die Verschwörungstheoretiker auf der Anspielungsebene ebenfalls bestätigen.

Und dazu passt, dass bei „Anne Will“ zwar von Diskutanten wie Hohlmeier und Alice Schwarzer vordergründig beklagt wird, dass es doch – gerade im konkreten Zusammenhang des Verteidigungsressorts – wichtigere Themen gebe als zu Guttenbergs Plagiat. Im charakteristischen Selbstwiderspruch solcher televisueller Debattenkultur erfüllt aber auch diese Sendung einen Zweck ganz bestimmt: die Blockierung von Informationswegen, die auch für anderes verwendet werden könnten.

Mit Dank an M. B. für den Hinweis auf zu Guttenbergs Buch „Fußnoten“.

Elisabeth Noelle-Neumanns Prophezeiung zur Fernsehkultur


Freitag, 4. Februar 2011, 18:45 Uhr. Autor:

In einem Buchbeitrag von 1988, „Das Fernsehen und die Zukunft der Lesekultur“, verbindet die Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann (1916-2010) wahrnehmungspsychologische Thesen aus älteren und neueren Veröffentlichungen. Der Gegensatz von kognitiven Fähigkeiten, die das Lesen fördert, und der Ästhetik des Fernsehens wird hier deutlich.

Einige ausführliche Zitate können zeigen, welches Wissen in einer solchen Veröffentlichung vom Ende der 1980er Jahre enthalten ist, und wie sie sich zur medialen und politischen Gegenwart verhalten.

Zunächst geht es um Forschungen zu Wahrnehmung und Informationsverarbeitung im Vergleich von lesenden und nicht-lesenden Testpersonen sowie darum, inwiefern Informationsangebote bestimmte gesellschaftliche Gruppen erreichen – oder eben nicht:

Schon in den 40er und 50er Jahren hatten Kommunikationsforscher, die die Wirkung von Aufklärungskampagnen untersuchten, irritiert gefunden, daß diese Kampagnen ihre Adressaten nicht erreichten. Vor allem diejenigen, die schon Bescheid wußten, vergrößerten während der Kampagnen ihr Wissen, diejenigen, denen jedes Wissen fehlte, bemerkten die Kampagnen kaum. Wissen weckt Interesse, Interesse erleichtert Lernen, so vergrößert sich das Wissen, es ist ein Wechselspiel, und unvermeidlich wird dabei die Kluft zwischen den Aktiven, die zulernen, und den Passiven, die nicht zulernen, immer breiter. Für dieses Phänomen wurde der Ausdruck vom wachsenden Informationsabstand, vom ‚increasing knowledge gap‘ geprägt. Zu beobachten war diese Scherenbewegung in der modernen Welt überall, in den Industrieländern ebenso wie in den Entwicklungsländern, denen man mit Informationsprogrammen helfen wollte.
(S. 229)

Neuropsychologisch präziser geht es dann um die Rolle der beiden Hemisphären des menschlichen Gehirns in diesem Kontext:

Viele Befunde der Kommunikationsforschung der letzten Jahrzehnte kommen erst jetzt mit diesem neuen Wissenszweig ihrer Aufklärung näher: so wahrscheinlich die eingangs erwähnte Beobachtung, daß Zeitungsleser Fernsehnachrichten besser aus der Erinnerung wiedergeben können als Viel-Fernseher, die wenig Zeitung lesen; die passive Erinnerung an Fernseheindrücke, also das Wiedererkennen von Bildeindrücken ist gut entwickelt, die Bildereindrücke haften. Aber ohne eine ständig eingeübte Entschlüsselung von Worten und noch eine Stufe weiter von Schriftzeichen ist es offenbar schwerer, sie aktiv ohne Gedächtnisstütze auf einen Willensimpuls hin zu reproduzieren; dies gelingt eher, wenn die linke Hemisphäre, die auch die ‚lexikalische Hemisphäre‘ genannt wird, stärker beteiligt und geübt ist, es ist also eine Sache des ‚retrieval‘.
(S. 239)

Was dann über die Ästhetik der Repräsentation von Ereignissen durch das Fernsehen folgt, ist ein elementares Argument, um über seine gesamtgesellschaftliche und psychologische Wirkung zu reflektieren:

Das Fernsehen bringt ein ausschnitthaftes Bild des Geschehens, und zwar in einem, wie amerikanische Untersuchungen zeigen (Lang, Lang, 1953), beträchtlichen Dramatisierungseffekt, der in der Natur dieses Mediums liegt. Diese pointierten Bilderkürzel, die das Fernsehen als Realität vermittelt, fügen sich erst durch synthetische Leistungen des Zuschauers – er interpretiert, er fügt die Informationen in einen Rahmen ein, er relativiert – zu einem realistischen Bild zusammen. Für denjenigen jedoch, der diese gedankliche Organisation nicht leistet, weil er nicht liest, ergibt sich tendenziell ein zusammenhangloses Bild des Geschehens. Es passiert zwar viel, viel Streit, aber gerade dieser Eindruck schieb sich vor ein Verständnis der politischen Materie. Ohne Kontrakt mit Gedrucktem fördern die Darbietungen des Fernsehens ein falsches Bild von Politik (Noelle-Neumann, Schmidtchen, 1968, S. 56-58).
(S. 242)

Der „Streit“ bezieht sich auf Inhalte politischer Berichterstattung. Fast jede aktuelle Talkshow gibt hierüber beredt – oder eben beschreiend – Auskunft. Themen werden aufgebauscht und zerredet, Teilnehmer reden durcheinander und zerstören gedankliche Zusammenhänge, wenn man sie in zu großer Zahl für die zur Verfügung stehende Spanne von Sendeminuten aufeinanderhetzt.

Die in den nächsten Monaten bevorstehende Praxis etwa der ARD bedeutet vor dem Hintergrund der besonnenen Erwägungen einer Noelle-Neumann eine paradoxe Intervention, die allerdings ihre heilende Wirkung erst erweisen müsste – noch sind wir damit von „Reframing“ und „Alternativverhalten“ relativ weit entfernt. „Der Spiegel“ bemerkt am 05.12.2010 zur Programmplanung ab dem Herbst 2011, dass dann allein auf diesem Sender fünf wöchentliche Talkshows mit den Moderatoren Reinhold Beckmann, Günther Jauch, Sandra Maischberger, Frank Plasberg und Anne Will auf dem Programm stehen.

Für Noelle-Neumann ergibt sich die Schlussfolgerung:

Die Hemisphären-Forschung erweckt die Hoffnung, daß man eine solche Wirkung von viel Fernsehen in Zukunft erklären kann. Vom jetzigen Wissens- und Beobachtungsstand aus würden wir vermuten: Das Fernsehen trainiert nicht die Fähigkeit, der Darstellung von längeren Zusammenhängen zu folgen. Es preßt seine Mitteilungen in knappste Zeit, es erzeugt damit eine unterschwellige Ungeduld gegenüber Mitteilungen, die mehr Zeit beanspruchen. Das Fernsehen nutzt seinen Vorteil, durch rasch wechselnde Bilder anzuregen, zu beleben, Interesse zu wecken, zu unterhalten. Es entwickelt nicht die rationale Gliederung, die logische Verknüpfung, um Mitteilungen verstandesmäßig zu verarbeiten. Informiert zu sein, besteht ja nicht aus punktuellen Kenntnissen. Verstehen heißt, im wesentlichen die Zusammenhänge zwischen Fakten und Argumenten in Gedanken nachvollziehen zu können. Dabei spielt eine besonders große Rolle der direkte Zusammenhang, das heißt, daß man in der Lage ist, nicht nur Zusammenhänge zwischen einem und einem anderen Faktor zu erkennen, sondern Zusammenhänge, die in mehreren Schritten verlaufen: A beeinflußt B, und B beeinflußt C, so hängen dann A und C zusammen. Ebenso können Wechselwirkungen fast nicht durch das Fernsehen dargestellt werden.
(S. 245)

Die Aussicht, die so im Jahr 1988 gegeben wird, sollte an der Gegenwart überprüft werden:

Die Aufgabe heißt jetzt, die Beziehungen zwischen Lesen und Fernsehen zu erforschen und die Methoden zu erkunden, wie zu verhindern ist, daß sich Fernsehen ohne Lesen ausbreitet. Es würde in einer Gesellschaft von Fernsehzuschauern, die nicht zugleich Leser sind, im gesamten politischen Bereich, in allen Bereichen, in denen Menschen auf Informationen außerhalb ihrer Erfahrung angewiesen sind, die Manipulierbarkeit erleichtert. Und würden wegen Mangels an Übung und Verwöhnung durch Fernsehen die Barrieren, ein Buch zu lesen, höher werden, dann würden die Ich-Erfahrung und Phantasie veröden.
(S. 251)

Auch Elisabeth Noelle-Neumann nahm gelegentlich an Talkshows der ARD teil. Vielleicht ist es nicht nur Zufall, dass der Pianist Lang Lang (s. o.) in derselben Sendung von „Reinhold Beckmann“ am 18.12.2006 zu Gast war, als die langjährige Leiterin des Allensbach-Instituts, eines think tank nicht nur für die CDU und Noelle-Neumanns persönlichen Freund Helmut Kohl, sich in dieser Sendung ausgerechnet einer Ägyptenreise erinnerte, der sie ihren neuen Glauben an Wiedergeburt verdanke. Ihre Schilderung lässt sich abermals als paradoxe Intervention lesen, mit der sie scheinbar mit Veränderungen des Zeiterlebens Frieden schließt, die sie – in umgekehrter Logik für das Zeitempfinden von TV-Zuschauern – in ihrem zitierten Text als medienästhetische Struktur qualifiziert, die „unterschwellige Ungeduld gegenüber Mitteilungen [erzeugt], die mehr Zeit beanspruchen“ (s. o.):

„Ich hatte plötzlich das Gefühl, und das war das Entscheidende: Es gibt keine Zeit. Die Zeit ist einfach im Boden verschwunden. Herrlich.“

Als wie „herrlich“ die Dame die realgeschichtlichen Entwicklungen in ihrem Land, die sie dem Wortlaut ihrer schriftlichen Veröffentlichungen doch in Richtung Bildungsförderung und Aufklärung zu lenken versuchte, ansah, werden wir nun nicht mehr erfahren. Dass ihrer Meinung zufolge eine Zunahme von audiovisueller Prägung „die Manipulierbarkeit erleichtert“, führt in Kombination mit anderen Quellen zu dem Schluss, dass Manipulierbarkeit und Manipulation zugenommen haben. So die Ergebnisse der Studie „Leseverhalten in Deutschland im neuen Jahrtausend“ im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung von der Stiftung Lesen von 2001:

Die Buchlektüre ist bei den Bundesbürgern in den letzten Jahren im Schnitt zurückgegangen, und es gibt mehr Nichtleser. Vor allem bei den 14- bis 19-Jährigen ist ein Rückgang erkennbar: Haben 1992 noch 83% bis zu einmal pro Woche ein Buch gelesen, so sind es heute nur noch 71%. Bei den 20- bis 29-Jährigen sind es 44% gegenüber 58% in 1992.

Vielleicht ist es nicht unsymptomatisch, dass Noelle-Neumanns hochaktuelle, aber in der (massenmedialen wie wissenschaftlichen) Öffentlichkeit kaum präsente Aufsatzveröffentlichung mir in jenen Tagen begegnet, in denen – jedenfalls nach Auffassung von Slavoj Žižek in einem Artikel des „Guardian“ vom 01.02.2011 – „[i]n the best secular democratic tradition, people simply revolted against an oppressive regime“.

Für das von Žižek beschriebene Ägypten wie für das hiesige Land steht der Erfolg solcher emanzipatorischer Bewegungen in ganz unterschiedlicher Weise und divergierenden historischen Phasen kontinuierlich auf der Probe.

Zitate, sofern nicht anders verlinkt, aus
Noelle-Neumann, Elisabeth (1988): Das Fernsehen und die Zukunft der Lesekultur. In: Fröhlich, Werner D. / Zitzlsperger, Rolf / Franzmann, Bodo (Hg.) (1988): Die verstellte Welt. Beiträge zur Medienökologie. M. e. Einf. v. Neil Postman u. e. Nachw. v. Hilmar Hoffmann. Frankfurt a. M., S. 222-254

Hochgejubeltes Zerreden


Dienstag, 21. September 2010, 19:34 Uhr. Autor:

Auch wenn Debatte und Berichterstattung im Fall Thilo Sarrazin sich nachgerade zum Exzess entwickeln, scheinen mir folgenden Einzelheiten noch erwähnenswert:

Die TV-Zeitschrift „Gong“, zur WAZ-Mediengruppe gehörig, sieht den Diskussionsverlauf in der ARD-Talkshow „Hart aber fair“ am 01.09.2010 gänzlich anders als ich hier in einem der vorigen Blog-Einträge.

Gong, Nr. 37, 10.09.2010

So heißt es in dem Artikel (Autorenkürzel: „CD“) u. a.:

Tatsächlich entlarvte vor allem ARD-Mann Plasberg Sarrazin eindrucksvoll als Scharlatan, der sich seine Thesen nach Gutdünken zusammenreimt. Mit simpelsten Recherchen zerfledderte Plasbergs Mannschaft zentrale Aussagen des Buchs. Und eine Wissenschaftlerin, auf deren Arbeit sich Sarrazin stützt, erklärt, dieser habe „Grundlegendes nicht verstanden“. Sarrazin stottert, stammelt, reagiert trotzig.

Letzteres hat man so gesehen. Der Rest dieser Passage aus dem „Gong“ liest sich eher wie eine PR-Meldung des WDR bzw. der ARD zu ihrer erfolgreichen Talkshow, die in diesem Fall selbst mit verkürzten und tendenziösen bis polemischen Beiträgen – im Einklang mit den auf den Autor Sarrazin angesetzten anderen Talkgästen – das Thema eher zerredete denn konstruktiv diskutierte. (Näheres dazu von meiner Seite in dem erwähnten Blog-Eintrag.)

Wer also den „Gong“ liest – ob er die Sendung selbst gesehen hat oder nicht –, erhält einen ganz konträren Eindruck. Von mir zuvor nicht erwähnt, lässt sich etwa auch die im „Gong“ nicht namentlich erwähnte „Wissenschaftlerin“, Elsbeth Stern, in ihrer Abgrenzung zu Sarrazin hinterfragen. Schon die in „Hart aber fair“ eingeholte Interview-Äußerung laviert und betont lediglich, dass Intelligenz nicht schlicht vererbt werde und die Intelligenzforschung einen komplexeren Zugang zum Phänomen habe. Es wirkt so, als wolle sie sich für die extreme politische Positionierung Sarrazins nicht vereinnahmen lassen, was prinzipiell verständlich ist. Aber auch das Nachhören eines ergänzenden und ausführlicheren Interviews im Deutschlandfunk verschafft dem Hörer keine Klarheit darüber, was sie selbst einer allgemeinen Aussage, dass, statistisch gesehen, 50-80% der Anlagen zu kognitiver Intelligenz vererblich seien, entgegenzuhalten hat. (Und dies ist dann in der Tat relevant für die Beurteilung der Zukunftschancen einer Gesellschaft, die Zuwanderer evtl. zunehmend aus Armutsregionen mit langwährend niedrigem Bildungsstand zu erwarten hat, aber dringend auf hochqualifizierte Arbeitnehmer zur Ausgleichung ihres Geburtenrückgangs angewiesen ist – siehe auch meinen vorhergehenden Beitrag.)

Diesen Eindruck von der Sachlage bestätigen andere Bildungsforscher, Heiner Rindermann und Detlef Rost, in einem Beitrag für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vom 07.09.2010:

Sarrazins Thesen sind, was die psychologischen Aspekte betrifft, im Großen und Ganzen mit dem Kenntnisstand der modernen psychologischen Forschung vereinbar. Hier und da ließe sich sicher eine abweichende Gewichtung vornehmen. Massive Fehlinterpretationen haben wir aber nicht gefunden.

Die Überschrift des „Gong“-Artikels, „Heimliche Handlanger“, sagt also allem Anschein nach mehr aus über das Verhältnis der TV-Zeitschrift zur ARD, auch wenn sie – etwas schief, denn „heimlich“ ist dies nicht, nur vermutlich ungewollt – auf die notwendigerweise entstehende Publicity für Sarrazin durch seine Kritiker hinweisen soll.

Sarrazins Feinde – Hart aber verirrt


Samstag, 4. September 2010, 1:43 Uhr. Autor:

Im letzten Eintrag ging es um die Thesen von Thilo Sarrazin und deren Diskussion bei „Beckmann“. Ebenfalls in der ARD folgte zwei Tage später am 01.09.2010 „Hart aber fair“ mit Sarrazin. Ich hatte mich schon im Vorhinein nach dem Ergebnis des „Faktenchecks“ gefragt, den die „Hart aber fair“-Redaktion auf ihrer Website veröffentlicht. Dazu einige ergänzende Beobachtungen.

Wie immer werden dort Aussagen der Diskutanten von zwei Experten kommentiert – hier Claudia Diehl (CD) und Ines Michalowski (IM). Ich beschränke mich auf ihre Kommentare zu Sarrazin (TS).

Dieser beklagt, bei Zuwanderern aus islamisch geprägten Ländern „verstärkten sich zum Teil sogar noch nach drei Generationen die Integrationsprobleme“. CD weist auf Ergebnisse hin, denen zufolge „der soziale Hintergrund der Kinder entscheidend“ sei. Kernargument gegen TSs These ist hier:

Da zur dritten Einwanderer-Generation fast nur Nachkommen der gering qualifizierten Gastarbeiter gehören, zur ersten Generation aber auch jüngst zugewanderte höher qualifizierte Zuwanderer etwa aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, steht die dritte Generation bei diesen Vergleichen manchmal etwas schlechter da als die erste.

Versucht man, sich selbst noch einmal Informationen zum Thema zu ergooglen, findet man nicht leicht ausführliche Statistiken, aber etwa aus der „Zeit“ vom 18.01.2010 dies:

Die Schulleistungen vieler Einwandererkinder sind in den vergangenen Jahren zwar besser geworden, aber noch immer viel zu schlecht, vor allem die der türkischen, nur 14 Prozent von ihnen machen Abitur, ein Drittel verlässt die Schule ohne Abschluss.

Andere Quellen, die auch die „Wikipedia“ zum Thema angibt, klingen entsprechend:

Laut Studie haben 30 Prozent der Türken und Türkischstämmigen keinen Schulabschluss und nur 14 Prozent das Abitur. Auch hätten Menschen mit türkischem Migrationshintergrund den geringsten Erfolg aller Migranten im Erwerbsleben: Sie seien häufig erwerbslos, die Hausfrauenquote sei hoch, und viele seien abhängig von Sozialleistungen.

(Die Zeit, 27.01.2009)

Fast jeder zweite Türke im erwerbsfähigen Alter in Berlin ist nach Angaben des Landesarbeitsamtes arbeitslos.

(Der Tagesspiegel, 26.03.2001)

Möglicherweise sind es eben nicht nur dumpfe Ressentiments, die zur tendenziellen Sympathie für Sarrazin führen, sondern auch die Erinnerungen an anderweitige Berichterstattungen mit solchem Inhalt – über deren Gehalt man im Einzelnen natürlich immer noch einmal diskutieren kann.

IM merkt daraufhin an, es erfrage

der Mikrozensus nicht die Religionszugehörigkeit, sondern das Herkunftsland, so dass automatisch alle Personen aus einem muslimisch geprägten Land als Muslime gelten und hier unterschiedliche Länder wie etwa Bosnien, die Türkei, Indonesien, Marokko etc. zusammengefasst werden.

Ist das hier wesentlich? Eine Tabelle des Statistischen Bundesamts weist nach, dass die Zahl von Türken unter den Personen „mit Migrationshintergrund im engeren Sinne“ 2,5 Mio. betrage. Jene derer aus Bosnien beträgt gerade 275.000, Indonesien und Marokko werden nicht aufgeführt.

Dann heißt es noch bei IM:

Die Herleitung eines einfachen Kausalzusammenhangs zwischen Religionszugehörigkeit und Bildungserfolg ist darüber hinaus auch deshalb fraglich, weil neben dem Erfolgsbeispiel der Schüler mit vietnamesischen [sic] Migrationshintergrund auch Fälle wie die der Schüler mit italienischem Migrationshintergrund, die in den letzten Jahrzehnten eine teils miserable Bildungsintegration aufwiesen, gut dokumentiert sind.

In diesen Beschwichtigungsbemühungen wird wohl noch eher ein weiteres Statistiker-Heim angezündet. Nach IMs einleitender Einräumung, TS habe „zunächst einmal Recht, dass verschiedene Zuwanderergruppen unterschiedliche Integrationserfolge etwa im Bereich Bildung erzielen“, folgen also wie zitiert zwei Gegenargumente, die eigentlich keine sind: Statt Aussagen zu den nach Möglichkeit in Zahlen auszudrückenden Aspekten zu machen – ein publizistisch gefährliches Geschäft und obendrein mühsam –, werden ein nicht signifikanter Vergleich (Türken/Bosnier u. a.) sowie ein solcher angeführt, der nichts mit Muslimen zu tun hat, sondern gar noch ein anderes Negativbeispiel anführt. Die Logik besteht also darin, von der eigentlichen Frage abzulenken, in der Erwähnung eines weiteren Problems (hier eben nicht bezogen auf Religionszugehörigkeit, sondern auf Migrationsstatus) aber wiederum keinerlei eigenen Kommentar zum angesprochenen Problem als solchem abzugeben.

Zu dem von Sarrazin behaupteten „Zusammenhang zwischen dem kulturellen Hintergrund von Muslimen und weniger guten Integrationserfolgen“ bemerkt CD:

Nein, die in den USA lebenden muslimischen Einwanderer sind anders als viele in Europa lebende Muslime überwiegend als Höherqualifizierte zugewandert und spielen in der dortigen Integrationsdebatte nahezu keine Rolle.

Das mag sein und schwächt die Haltbarkeit der im Hinblick auf political correctness äußerst unglücklichen, aber deshalb umso publicityträchtigeren Festlegung TSs auf den simplen Konnex von ‚Islam = wirtschaftlicher Niedergang der deutschen Volkswirtschaft‘. Über die Situation in Deutschland sagt dies wenig und wird von zuvor zitierten Angaben aus anderen Presseorganen tendenziell widerlegt. Es geht nun einmal darum, wie die Situation welcher Migrantengruppen in Deutschland einzuschätzen und zu begründen ist – wenn es einem z. B. nicht egal ist, dass jemand Sozialleistungen in Anspruch nimmt, die andere erarbeiten, obwohl dies vielleicht nicht sein müsste.

IM reagiert mit dem Hinweis auf die „Zuwanderer“ in Westeuropa 1950-70

aus vorrangig muslimischen Ländern. Deren Integrationserfolge liegen heute im Hinblick auf Bildungs- oder Arbeitsmarktbeteiligung unter dem jeweiligen Landesdurchschnitt. Deutschland ist hier kein Einzelfall. Dass der Grund hierfür jedoch nicht in der Religion und Kultur der Zuwanderer liegt, sondern in der ursprünglichen Auswahl unqualifizierter Arbeiter und der Tatsache, dass europäische Bildungssysteme nur schwer die intergenerationelle Fortschreibung der Bildungserfolge schwächerer sozialer Schichten durchbrechen, zeigt das Beispiel der USA […].

Auch hier gilt: Disqualifizierung nicht des Hinweises auf hartnäckige Probleme bei der Integration, sondern der Begründung mit Religionszugehörigkeit, dabei aber rhetorische Ablenkung mit dem Hinweis auf die USA. Und was ist in den USA anders? IM gibt die halbe Antwort:

Deren Einwanderungspolitik sowie Arbeitsmarkt- und Wohlfahrtsstaatstruktur hat Migranten vollkommen andere Anreizmechanismen vermittelt. In den USA zählen Muslime in viel stärkerem Maß zu den gesellschaftlichen Eliten als bisher in Deutschland.

Die notwendige Ergänzung muss man sich woanders suchen, z. B. bei der „Heinrich Böll Stiftung“, die den „Grünen“ nahesteht. (Deren Spitzenpolitikerin Renate Künast äußerte sich nicht nur in der auf „Glotze fatal“ beschriebenen „Beckmann“-Sendung sehr angewidert über TS.) In einem Artikel vom 16.02.2010 heißt es auf der Website der Stiftung:

Obwohl die Wohlfahrtsgewinne durch die Zuwanderung von qualifizierten Arbeitskräften hoch sind, verzichten die meisten Einwanderungsländer in der OECD bislang auf eine gezielte Steuerung der Zuwanderung. […]

Klassische Einwanderungsländer wie Australien, Kanada und die USA steuern einen Teil der Zuwanderung nach wirtschaftlichen Kriterien. Die Steuerung der Zuwanderung hat in diesen Ländern eine lange Tradition, die bis in die 1960er Jahre zurückreicht. Idealtypisch können dabei zwei Politikansätze unterschieden werden: angebots- und nachfrageorientierte Systeme der Steuerung (vgl. z.B. Chaloff/Lemaître 2009). […]

Nach dem ersten Ölpreisschock von 1973 wurde die Gastarbeiteranwerbung durch eine restriktive Zuwanderungspolitik ersetzt, die durch einen Anwerbestopp und Rückkehrprämien versuchte den deutschen Arbeitsmarkt gegen ausländische Arbeitskräfte zu schützen.

Familienzusammenführung und humanitäre Migration wurden deshalb, neben dem Zuzug von Aussiedlern, zu den wichtigsten Kanälen der Zuwanderung in Deutschland. Im Ergebnis hat diese Politik zu starken Schwankungen der Zuwanderung mit dem Konjunkturzyklus, vor allem aber zu einer Verfestigung der Qualifikationsstruktur der ausländischen Bevölkerung in Deutschland geführt. Die Netzwerkbildung von MigrantInnen verstärkt diesen Trend. Das Qualifikationsniveau der ausländischen Bevölkerung in Deutschland ist deshalb heute deutlich geringer als im Durchschnitt der OECD Staaten (Brücker/Ringer 2008).

Kann es also sein, dass dieser positive Vergleich hinkt, weil die „klassischen Einwanderungsländer“ bessere Erfolge mit einer gezielten Auswahl der Einwanderer verbinden? Man wird sehen, welche Politiker auf welche Weise hierfür in Deutschland über die Kriterien streiten – wenn man sich denn dazu entschließt, was die Stiftung der „Grünen“ offensichtlich empfiehlt.

Nun noch zur Diskussion der Aussage TSs, „der Anteil der muslimischen Frauen im gebärfähigen Alter habe sich in sehr kurzer Zeit verdreifacht.“

CD erläutert verschiedene Berechnungsmodelle. Je nach Zeitraum sei dies „durchaus möglich“. „In jüngerer Zeit sinken die Zuzugszahlen aus der Türkei allerdings deutlich“, und die zweite Generation passe sich „in ihrem Geburtenverhalten den Einheimischen“ an. Letzteres bestätigt IM und erwähnt dann „eine Studie des Max-Planck-Instituts für Demografische Forschung“, die ergeben habe, „dass türkischstämmige Frauen der ersten und zweiten Generation eher ein drittes Kind bekommen als Frauen, die aus dem ehemaligen Jugoslawien, Griechenland, Italien oder Spanien stammen.“ Dann gibt sie zu bedenken:

Mit Blick auf Thilo Sarrazins Bevölkerungshochrechnungen für die nächsten 120 Jahre und die Prognose eines starken Anstiegs des Anteils von Personen mit Migrationshintergrund stellt sich jedoch eine viel grundlegendere Frage: Werden die Urgroßenkel der in den 1950er und 1960er Jahren eingewanderten Gastarbeiter in 20, 50 oder 100 Jahren überhaupt noch als Personen “mit Migrationshintergrund” wahrgenommen?

Die Frage ist, ob das die Frage ist. CD und IM suggerieren u. a., dass es im Prognosezeitraum von Jahrzehnten immer mehr Migrantinnen gebe, die in zweiter oder dritter Generation in Deutschland leben, während solche in erster Generation an Zahl abnähmen. Die demografische Entwicklung aber besagt doch wohl, dass unter Beibehaltung der derzeitigen Geburtenraten (und von immer noch steigendem durchschnittlichem Lebensalter) kontinuierlich und eher mehr Zuwanderung als bisher erforderlich ist, um auch nur halbwegs soziale Sicherungssysteme aufrechtzuerhalten – wenn dann die Zuwanderer dieselbe Produktivität entfalten wie die bisherige und derzeitige Bevölkerung.

Zu den Quantitäten prognostiziert das Statistische Bundesamt Folgendes:

Grundsätzlich sind auch höhere Wanderungssalden denkbar, wenn es zum Beispiel mit der Einführung der Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt und dem spürbar werdenden Rückgang der jungen Menschen in Deutschland sowie der fortschreitenden Integration zu einer veränderten Einstellung zur Zuwanderung kommen sollte.

Die Gesamtzahl der per Saldo zugewanderten Personen würde sich im Zeitraum von 2006 bis 2050 bei einem Wanderungssaldo von 100 000 auf 4,4 Millionen beziehungsweise bei einem Wanderungssaldo von 200 000 auf 8,6 Millionen Menschen belaufen.

Überflüssig zu erwähnen, dass eine über mehrere Generationen in Deutschland heimische Bevölkerung bei einem möglicherweise und wahrscheinlich gleichbleibenden Durchschnitt von 1,4 Kindern pro Frau kontinuierlich absinkt.

Zu der Herkunft der künftigen Zuwanderer erwähnt das Bundesamt an der zuletzt zitierten Stelle:

Zu den Regionen, die bisher keine umfangreiche Zuwanderung nach Deutschland aufweisen, in denen aber die demografische Entwicklung zu hohem Abwanderungspotenzial führen kann, gehört Nordafrika.

Zum Bevölkerungsdruck in den näher gelegenen Nationen des europäischen Raums findet sich auch bei der – was politischen Extremismus in diesen Fragen betrifft eher unverdächtigen – SPD-nahen „Friedrich Ebert Stiftung“ noch etwas:

Von entscheidender Bedeutung für das Wanderungsgeschehen in Europa wird die Entwicklung in der Türkei sein. Das starke Bevölkerungswachstum der vergangenen Jahrzehnte (1960: 28 Millionen Einwohner, 2005: 73 Millionen) wird noch einige Jahrzehnte anhalten, wenn auch in abgeschwächter Form. Im Jahr 2050 wird das Land zwischen 90 und 100 Millionen Einwohner haben, und die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter wird bis dahin wahrscheinlich um 16 Millionen Menschen zunehmen.

Solche Zahlen scheinen für viele Kontexte des öffentlich-rechtlichen Fernsehens – von den 70% Privatsendern ganz zu schweigen – den Rahmen zu sprengen. Selbst die schriftlichen Zusatzinformationen auf der Website von „Hart aber fair“ begnügen sich mit der geschilderten recht unübersichtlichen und fragmentarischen Umgangsweise mit Thilo Sarrazins Hauptaussagen und Argumenten (wenn sie in der Debatte jenseits des Buches denn noch nennenswert Erwähnung finden). Die „taz“ bezeichnet den Autor mittlerweile als „SPD-Krawallschachtel“. Was sind dann aber Expertinnen wie Claudia Diehl und Ines Michalowski – beide wohlsituierte Soziologinnen des deutschen und internationalen Universitätsbetriebs unter einem Label wie „Migration, Integration, Transnationalisierung“? Bieten Sie hier tatsächlich Alternativen zu Erklärungsmodellen und Aussichten, die sich hinter einigen kaum inhaltsbezogenen Schlagworten aus der Sarrazin-Debatte verbergen? Welche Erfahrungen haben sie selbst konkret mit Integrationsproblemen gemacht und wie stehen diese im Verhältnis zu jenen des ehemaligen Berliner Finanzsenators, den sie kritisieren?

Die vorausgehende Sammlung von Zitaten und Kommentaren gibt Ihnen hoffentlich eine ergänzende Grundlage, um sich einzelne dieser Fragen selbst zu beantworten.

In der Hektik einer 75-Min.-Sendung werden vermeintlich sachliche Einwände gegen eine Warnung vor der ‚Abschaffung‘ einer Kultur wie der ‚deutschen‘ noch abstruser als die schon erwähnten auf der Website. Und hierfür gibt sich das Statistische Bundesamt her. Auf Bitten der Redaktion von „Hart aber fair“ führte sie Berechnungen mit einem „ähnlichen Berechnungsmodell“ wie jenem in Sarrazins Buch durch, das über einen Zeitraum von 120 Jahren und vier Generationen ab heute schließlich 71,5% Migranten aus „Nah- und Mittelost, Afrika“ und 28,5% mit Vermerk „kein oder anderer Migrationshintergrund“ voraussieht.

Das Bundesamt nimmt nun zum Vergleich Daten von 1890 und vergleicht sie mit 2010. Die Quote von ‚Migranten‘ wäre recht korrekt prognostizierbar gewesen: 8,2% statt real 8,8%. Die Gesamtzahl von Einwohnern hätte aber – so die spöttelnde Konsequenz – 253 Mio. gegenüber real ca. 82 Mio. betragen. Nun zitiert „Hart aber fair“ das Bundesamt mit den Gründen dafür, warum diese Prognose nicht eingetroffen wäre, wenn man sie 1890 gestellt hätte:

zwei Weltkriege, die Antibabypille und das Wegbrechen der traditionellen Familie

Screenshot: ARD, 01.09.2010

Allen Ernstes werden also drei wesentliche Gründe für eine immer prekärer werdende demografische Lage als suggestives Pseudo-Gegenargument aufgefahren. Und der Vergleich entbehrt – im Gegensatz zu einer sturen Fortschreibung von existierenden Trends – nun jeder Logik, nicht nur der Vorhersehbarkeit: Er führt das potenzielle Auftreten von unbekannten Einflussfaktoren auf, als sei dies prinzipiell anzunehmen.

Würde man nun – wofür zumindest einige Argumente zu finden wären – davon ausgehen, dass es in Europa in näherer Zukunft keinen verheerenden Krieg gibt, weiterhin Verhütungsmittel benutzt werden und das traditionelle Familienmodell keine Renaissance erfährt – dann müsste man zumindest andere Einflussfaktoren benennen. Dies wäre allerdings im Gegensatz zu einem nachvollziehbaren Zahlenspiel eine Spekulation mit noch unsichereren Parametern.

Die gesamte Diskussion in „Hart aber fair“ kaprizierte sich tendenziell auf einige skandalöse Elemente aus der Presse-Kampagne zu Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“. Die beschriebene redaktionelle Intervention und die Online-Nachbearbeitung erwecken zudem den Eindruck einer – leider nicht seltenen – Psychotechnik der Info-Verwirrung. Die Uni-Expertinnen Claudia Diehl und Ines Michalowski bringen wohl manchen Leser spätestens mit Ausdrücken wie „intergenerationelle Fortschreibung der Bildungserfolge“ zum Ausstieg aus der Phantomenergie. Die gezeigten Ablenkungsmanöver, Halb- und Fehlinformationen der Beiträge sind, wenn ich richtig interpretiere, ein Beispiel mehr für die tieferliegenden Gründe einer Krise, wie sie nach Auskunft der zuständigen Stellen eine ist: systematische Sabotage des Wissens einer Gesellschaft über sich selbst.