Mit ‘Super RTL’ getaggte Artikel

Ein Super-(RTL-)Vormittag


Freitag, 22. April 2011, 20:40 Uhr. Autor:

Die Osterferien haben begonnen, aber am Kinderprogramm von Super RTL ändert dies nur wenig. Weit entfernt ohnehin seit Jahren die Grundsatzfrage, warum es TV-Vollprogramme für Kinder braucht. Ein Blick auf die Seite „www.tvprogramme.net“ zeigt z. B. im Archiv für Donnerstag, den 19.04.1984, dass das Vormittagsprogramm von ARD und ZDF um 9.25 h mit einer „Sendung mit der Maus“ begann, die bis 10 h dauerte. Es folgten mit Nachrichten, einem wiederholten Fußball-Länderspiel, „Umschau“ und „Kinohitparade“ bis mittags Erwachsenenprogramme. An anderen Tagen gab es statt „Maus“ die „Sesamstraße“, freitags begann das Programm erst um 10 h.

Es dürften dann eher Schichtarbeiter gewesen sein, die, wie am 18.04.1984, ab 10.23 h bis mittags „WISO“, „Die Montagsmaler“, „Prager Notizen“ und „Report“ sahen. In der Gegenwart sind jedoch auch und gerade Kinder abkommandiert, schon ab frühmorgens den Programmen zu folgen. Der öffentlich-rechtliche Ki.Ka öffnet seine Schleusen ab 6 h mit einem erheblich erweiterten Sortiment, zu dem nach wie vor die „Sesamstraße“ gehört.

Super RTL scheint sogar noch von einem tageszeitlich früheren Einstieg in die Glotzerei auszugehen. Seine aktuellen Mediadaten geben u. a. Marktanteile bei 3-13jährigen Zuschauern für den Zeitraum von „3-3 Uhr“ an (21,3 % für Super RTL, 16,3 % Ki.Ka). Für die „Daytime“ von 6-20.15 h sind es dann 23,8 % Super RTL, 20,6 % Ki.Ka.

Florian Rötzer reicht am 21.04.2011 auf „Telepolis.de“ Informationen zu einer neuen australischen Studie durch, die gesundheitsschädliche Wirkungen von Medienkonsum bei Kindern beschreibt – aufgrund ihrer Bewegungslosigkeit vor Bildschirmen und daraus folgenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Was schon für jeden intuitiv selbstverständlich ist, dessen Kindheit sich vor 1990 abspielte, wird durch solche wissenschaftlichen Erhebungen bestätigt. Für Medienpolitik scheint es jedoch nicht handlungsleitend zu sein. Denn die Folge würde schlicht heißen: Wir brauchen keine so breite und zeitlich flächendeckende Angebotspalette für Medienkonsumenten, die sich noch in körperlicher und geistiger Entwicklung befinden, nicht selbstständig über ihren Konsum entscheiden können und sollten.

Die medienwirtschaftliche Realität bei Super RTL ist jedoch eine ganz andere. Schaut man sich einmal die Stellenausschreibungen an, die hier den Gegenstand von Tätigkeiten durchschimmern lassen, wird klar: Mit Pädagogik hat man wenig bis gar nichts zu tun, obwohl man mit Millionen von Kindern umgeht. Zentral sind Betriebswirtschaftslehre, Marketing und der Umgang mit der Microsoft-Präsentationssoftware „PowerPoint“, um Zuschauerzahlen, Zielgruppen und Geschäftsentwicklung zu beobachten, zu analysieren und Neulingen in der Branche den Eindruck zu vermitteln, diese Geschäftspraxis sei eine ‚Normalität‘.

Wie es sich auch an anderen Kulturentwicklungen ablesen lässt, geht es in der Mehrzahl von Tätigkeiten, aus denen letztendlich „Kultur“ entsteht, nicht mehr um Inhalte (die letztendlich aber das einzige sind, was im Hirn von Konsumenten ankommt) und ihr Für und Wider, sondern um Vermarktung und Oberflächen-Design. So die Aufgabenfelder von Super-RTL-Praktikanten:

Sales & Marketing
• Merchandising – Marketing-Team (aktuell vakant)
• Merchandising – Sales-Team (aktuell vakant)
• Merchandising – Handelsmarketing (ab Mitte Juli)
• Merchandising – Artwork Approval (ab Mitte August)
• Marketing & Brand Management (ab Mitte August)
• Eventmarketing (ab September)
• Merchandising – Musik (ab Mitte September)
Neue Medien
• Online Redaktion elementgirls.de (ab August)
• Online-Clubs/Paid Content (ab August)
Programm
• Programmplanung (ab August)

Dass Bewegungsarmut bei TV-Kids ein Problem ist, weiß man jedoch vermutlich auch in diesem Sender. Und so findet sich im Vormittagsprogramm des 21.04.2011 um 7 h morgens für ganze 10 Minuten ein an das Prinzip von Fitness-Videos angelehntes Format, in dem die kleinen Zuschauer durch gleichaltrige Mitwirkende in der filmischen Darbietung zum „Schwabbelquallentanz“ aufgefordert werden (6.50-7 h, „Tamusiland mit Detlev Jöcker“).

Dieser Spuk ist schnell wieder vorbei. Doch halt: Vor 6 h, dem eigentlichen Programmbeginn, wird Fitness großgeschrieben. Den Block von Dauerwerbesendungen zwischen 5 und 6 h teilen sich zu je einer halben Stunde DJ Ötzi mit einer CD-Kollektion und der „AbDoer Twist“, ein Trimm-Dich-Gerät. Letzterer verspricht laut Off-Kommentar „biometrische Synergieeffekte“ bei der körperlichen Ertüchtigung – für die man hier mal wieder nicht vor die eigene Haustür gehen muss, weil man sich sonst vielleicht noch zu weit vom Fernseher wegbewegt. Werbetext: „In nur ein paar Minuten pro Tag erleben Sie ein spannendes und aufregendes Training für den ganzen Körper – während Sie fernsehen können. […] Gleichzeitig trainieren Sie mit der neuen Twist-Technik auch Ihre Beine, die Waden, den Po und die Oberschenkel – alles bequem im Sitzen.“

Auch dies werden sich Kinder, die gewöhnt werden, Super RTL einzuschalten, hier und da anschauen. Um 6 h heißt es dann endlich: „Benjamin Blümchen“. Die Folge am 21.04.2011 hat gar einen ökologischen Touch und bringt einen Bürgermeister auf den rechten Weg, der mit seinem Auto illegal durch einen Wald gefahren ist, beinah ein Rehkitz überfahren hat und das Biotop auch noch mit einer neu zu bauenden Straße zerstören will. Am Ende wird alles gut und die elefantöse Hauptfigur Hilfsförster auf Lebenszeit.

Dies ist ein Beispiel, das auf der inhaltlichen Ebene sicher als Pro-Argument für die Kindertauglichkeit des Programms ins Feld geführt werden könnte.

Schaut man sich die formale und gestalterische Ebene einmal an (auf dieser Website hier und hier an anderen Angeboten dieses Senders schon geschehen), relativiert sich diese Einschätzung jedoch. Erwähnenswert für „Benjamin Blümchen“ sind etwa die Bedrohungs- und Todesmomente. Für diese wäre in der Medienpädagogik genauer zu reflektieren, inwiefern sie sich von grausamen Aspekten etwa der Märchenkultur unterscheiden.

Hier soll zunächst festgehalten sein: Es ist der Inhalt, in dem sich beides Letztgenannte trifft (und der hier im Sinne von Warnungen vor gefährlichem Autoverkehr modernisiert wird). Es ist die Form, in der sich ein erzähltes Märchen vom TV-Film unterscheidet. Und es ist diese Form, die Super RTL von Programmen wie der „Sendung mit der Maus“ (WDR) unterscheidet, deren Begründer Armin Maiwald auch am Ki.Ka-Programm bemängelt, es sei „alles nur schrill und schreiend bunt, das nähert sich immer mehr dem Privatfernsehen an“ (netzzeitung.de, 10.11.2009).

In der szenischen Auflösung finden sich in der Folge „Benjamin Blümchen als Förster“ (B: Ulli Herzog / Klaus P. Weigand, Storyboard: Christian Puille) gleich drei Szenen, in denen in identischem Ablauf eine Figur tödlich bedroht und knapp gerettet wird. Ein kleiner Pandabär wird beinahe von abgeladenen Baumstämmen erschlagen. Ein Rehkitz wird fast von einem Auto überfahren, wobei die Abfolge der Einstellungen den Zuschauer ‚überfährt‘, also heranpreschenden Wagenkühler und zurückweichendes Heck zeigt; später stürzt das Kitz in einen Abgrund und wird durch einen Felsvorsprung vor dem Tod bewahrt. In den ersten beiden Beispielen wird die Gefahr durch schnelle, heftige Bewegung indiziert; stets ist die Aktion von schreckerfüllten Gesichtsausdrücken der Figuren begleitet:

Screenshot: Super RTL, 21.04.2011

Von den meisten Darstellungsformen in den Sendungen von Super RTL ist zu sagen, dass sich ihre Schnittfrequenz von Erwachsenenprogrammen kaum unterscheidet. Für einen kindlichen Blick (und zumal demjenigen von Zuschauern, die noch jünger als ca. 6 Jahre alt sind) dürfte dies oft überfordernd wirken. Schnelle Schnitte, schnelle Bewegungen im Bild, schnelle Kamerabewegungen – all dies kulminiert dann noch einmal in den zwischengeschalteten Werbeblöcken, in denen die filmästhetische Adrenalinschleuder kein Halten mehr kennt.

Ob „Chuggington – Die Loks sind los“, wo man schon im Vorspann von einem Eisenbahnzug überrollt wird, …

Screenshot: Super RTL, 21.04.2011

… oder in der Disney-Produktion „Geheimagent Oso“ – …

Screenshot: Super RTL, 21.04.2011

… immer wieder sausen Objekte und Figuren auf das (im Trickfilm virtuelle) Kameraobjektiv zu, die Verbindung von Szenen wird mit hektischen seitlichen Reißschwenks in Farbschlieren inszeniert, oder die Szenerien wechseln in Sekundenschnelle und surrealistisch-psychedelischer Manier von einem Raum in den nächsten (Pseudo-)Raum. Wo Kinder erst einmal lernen müssen, Bewegungen einzuschätzen und mit ihrem Körper adäquat zu reagieren, werden ihnen hier die Bildelemente blitzschnell ‚um die Ohren gehauen‘. Der Effekt dürfte in sensomotorischer Abstumpfung bestehen, mit der solcherart konditionierte Wahrnehmungsapparat reagieren muss, um den visuellen Stress zu reduzieren.

In der Serie „Cosmo und Wanda – Wenn Elfen helfen“ kommt es verstärkt zu körperlichen Beeinträchtigungen der Figuren und anderen spektakulär-gewalttätigen Ereignissen wie Explosionen. Und die Figuren werden in vielen nahen Einstellungsgrößen zeichnerisch auf die Wirkung von aufgerissenen Augen und Gebiss getrimmt:

Screenshot: Super RTL, 21.04.2011

Die Gestalter von Bildwelten für die Kleinsten hantieren hier auf inflationäre Weise mit elementaren fazialen Signalen, über die etwa die biologische Verhaltenstheorie Auskunft gibt. So Irineäus Eibl-Eibesfeldt in „Liebe und Hass“ (1970):

Weitere Drohbewegungen, die wir mit den Menschenaffen teilen, sind das Aufstampfen mit den Füßen bei Ärger und das Zeigen der Eckzähne bei Wut.
(Eibl-Eibesfeldt, Irenäus [1987]: Liebe und Hass. Zur Naturgeschichte elementarer Verhaltensweisen. München, 13. Aufl. [OA.: 1970], S. 28f.)

Otto König schreibt in „Urmotiv Auge“ (1975) von

dem aggressiv getönten Ausdruckswert des scharfen Iris-Sklera-Kontrastes […].
(König, Otto [1975]: Urmotiv Auge. Neuentdeckte Grundzüge menschlichen Verhaltens. München, S. 80)

Die Gedächtnislosigkeit unserer Kultur gegenüber solchen Beobachtungen und Erkenntnissen lässt denjenigen, die mit ihnen fahrlässig umgehen, freie Bahn. Im medialen Mainstream wird etwa 08.05.1989 im „Spiegel“ noch als Titelgeschichte diskutiert – und bis heute hier im Online-Archiv veröffentlicht –, dass die „Droge Fernsehen“ „süchtige Kinder“ hervorbringe. Da heißt es dann – schon zu diesem Zeitpunkt realitätsnah –:

Der wahre Kinderfernseh-Alltag ist eben häufig kein herziger “Weg der Poesie”, den der ZDF-Mann Schächter so blumig beschwört. Leichen pflastern diesen Weg, in all den gewaltgeladenen TV-Trugbildern wie “Ein Colt für alle Fälle”, “Der Fahnder” oder “Matlock”, über die in den Klassen- und Kinderzimmern aufgeregt getuschelt wird. […]
In der Sehzeit mit höchster Kinderbeteiligung – zwischen 18 und 20 Uhr – dienen auch im öffentlich-rechtlichen deutschen Angebot die Kinder nur als wohlfeiles Quoten-Futter im Kampf um die 1,6 Milliarden Mark, die jährlich in die TV-Werbung fließen und immer härter umkämpft werden.

Die Frage bleibt in Bezug auf Wirkungsästhetik, was hier exakt was bewirkt. Ist es Aufstachelung oder Kompensation? Eibl-Eibesfeldt spricht beides an, merkt aber – wohlgemerkt schon 1970, fernab der heutigen TV-Programme – an:

Man kann Aggressionen auch abreagieren, indem an einen Film aggressiven Inhalts betrachtet; offenbar identifiziert man sich mit dem Geschehen. Das große Angebot von Filmen mit aggressivem Inhalt durch Kino und Fernsehen zeigt, daß hier ein Bedürfnis – ein Markt – vorliegt. […]
Das Ansehen aggressiver Filme aktiviert Aggressionen, und nicht immer sind die Filme so aufgebaut, daß diese Aggressionen des Betrachters auch wieder abgegbaut werden. Das hohe Angebot an Gewalt, Brutalität und Sadismus, das in den Massenmedien in Erscheinung tritt, ist daher höchst bedenklich.
(S. 92)

Die kulturellen Begleitumstände, die Eibl-Eibesfeldt hierzu benennt, haben sich in meiner Schilderung der Dialektik von extremer Bewegungsillusion, Bewegungslosigkeit der Zuschauer und (Pseudo-)Fitness-Angeboten, die selbst wieder Fernsehen und räumliche Isolation implizieren, auch 2011 für das Super-RTL-Programm in hohem Maße bestätigt:

Wir leben […] in einer Zoo-Situation als Gefangene in den Käfigen unserer Städte. Die Naturentfremdung wird als Entbehrung erlebt, wie die Massenflucht aus den Städten an Wochenenden beweist. Diese Frustrationen tragen erheblich zur Steigerung der menschlichen Aggressivität bei. Auch das Kleinkind ist im zivilisatorisch veränderten Familienmilieu diesen Belastungen ausgesetzt.
(S. 262)

Besonders heftig und schnell schlägt das bei Super RTL etwa im Werbespot auf das gelenkte Interesse der kleinsten Konsumenten um. Slogan: „Rüste dich für den Kampf – mit dem neuen Bakugan Battle Gear“.

Vergleichbare Komponenten wie die zuvor an Programminhalten beschriebenen findet man bei Super RTL auch in der – wie „Cosmo und Wanda“ kanadischen – Zeichentrick-Serie „Die Superschurken-Liga“, die zudem in Setting und Farbgebung eine düstere Gothic-Ästhetik pflegt. Und wie andere erwähnte Serien gibt es davon vormittäglich nicht nur eine Ration, sondern gleich mehrere: 2 x 10 Min. „Chuggington“, 4 x 30 Min. „Cosmo und Wanda“, 4 x 25 Min. „Die Superschurken-Liga“.

Verhackstückte Sensomotorik, grelle Farb- und Formspiele, Gewalt- und Todesszenen, radikale zeitliche Ausdehnung der Sendestrecken sind der Status quo dieser massenmedialen Bildkultur. In der breiteren Öffentlichkeit zeichnen sich dazu bisher keine nennenswerten Reaktionen ab, die den hier aufgezeigten Aspekten, wenn sie denn einmal konsensfähig als problematisch und schädlich erkannt wären, etwas entgegenzusetzen hätten.

Von Seiten der Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) sind etwa Pressemeldungen zu lesen wie jene vom 13.07.2010, in der die Berufung eines „Bundesjugendkuratoriums“ mit der Forderung verbunden wird, „die Herausforderungen der frühkindlichen Bildung zu meistern“. Wer meint, TV-Programme wie Super RTL seien in solche Zielvorstellungen integrierbar, sollte sich mit den zuvor angesprochenen wahrnehmungspsychologischen und inhaltsästhetischen Fragen nachhaltig beschäftigen.

Ob sich die auf praktischer Seite Verantwortlichen einer notwendigerweise unbequemen öffentlichen Diskussion stellen würden, dürfte fraglich sein. Dies wäre allerdings der notwendige Anfang, auch deshalb, weil eine visuelle Inszenierung und ihre wahrnehmungspsychologische Wirkung auf bestimmte Altergruppen derzeit keine juristischen Vorgaben und Einschränkungen möglich macht, mit denen im Fall einer Verweigerung des Gesprächs und der effektiven Selbstkontrolle zu operieren wäre.

Dynastien 2 – Albrecht / von der Leyen dies- und jenseits des Bildschirms


Sonntag, 28. November 2010, 6:27 Uhr. Autor:

Familienpolitik, die etwas taugte, wäre auch Medienpolitik. Ist eine solche aber von der amtierenden Ministerin für Arbeit und Soziales und früheren Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) zu erwarten? Die politische Wirklichkeit gibt schon die Antwort. In dieser Wirklichkeit nicht unmittelbar ersichtlich sind Tatsachen, die möglicherweise zu einer solchen Situation ursächlich beitragen (dazu gleich mehr.)

Im Video-Teaser zum Buch „Glotze fatal“ sehen und hören wir die Ministerin in der Talkshow „Beckmann“ (ARD) für alle sozial benachteiligten Kinder ein „warmes Mittachessen“ einfordern. An anderer Stelle – wie nicht nur in einem offiziell präsentierten Interview vom 23.08.2010 – kommt dazu noch die Vorstellung von „Spocht“ als idealer Freizeitbetätigung.

Das sind für sich genommen keine falschen Ansätze. Sie betreffen aber nicht alle Faktoren nachteiliger Entwicklungen der Umstände von Erziehung und Familienleben. Dazu gehört prominent Fernsehen in bestimmter Form und zeitlich ausgedehnter Verabreichung.

Vom „Familienmitglied Fernseher“ ist in solchen Zusammenhängen gern die Rede. So der Vergleich in einem älteren Bericht (18.06.1996) von der Universität zu Köln, der die Arbeit von Prof. Dr. Bettina Hurrelmann (Arbeitsstelle für Leseforschung und Kinder- und Jugendmedien, ALEKI) betrifft:

Kleinere Familien mit ein oder zwei Kindern kommen am besten mit dem Fernsehen zurecht. Alleinerziehende und kinderreiche Familien haben dagegen groessere Probleme mit diesem Medium. Haeufig wissen die Eltern nicht ueber das Sehverhalten ihrer Kinder Bescheid. […]
Eine Hilfe erhoffen sie sich von speziellen Programmempfehlungen fuer Kinder, von speziellen Kinderkanaelen und von einer verbesserten Kinderprogrammkritik.

Ist derlei in den 14 seitdem vergangenen Jahren eingetreten?

Spezialisierte TV-Angebote für Kinder haben sicher an Zahl zugenommen. Aber hat dadurch der TV-Konsum ab- oder zugenommen? Und wie ist die Qualität der Inhalte solcher Sender zu bewerten?

Darüber könnte man ausführliche Gutachten erstellen, die nicht erstellt werden, weil sie niemand bezahlt. Damit wären wir beim ökonomischen Interesse am Medienkonsumenten Kind. Laut Umfragen beträgt die TV-Konsumdauer in Deutschland im Alter von 3-13 Jahren derzeit im Durchschnitt 91 Min. täglich – bei starken regionalen Schwankungen. In einer amerikanischen Studie wird für diesen ‚Markt‘ in einer Meldung vom 27.10.2009 eine konkretere Antwort zur Frage nach Veränderungen in den letzten Jahren gegeben:

Die TV-Nutzung von Kindern ist innerhalb der vergangenen sechs Jahre auf einen neuen Rekordhöchststand geklettert. Wie ein aktueller Bericht des US-Marktforschungsunternehmens Nielsen http://www.nielsen.com zeigt, verbringen Kinder im Alter zwischen zwei und fünf Jahren heute im Durchschnitt mehr als 32 Stunden pro Woche vor dem Fernsehbildschirm. Bei der Altersgruppe der Sechs- bis Elfjährigen liegt der entsprechende Wert bei über 28 Stunden.
Ausschlaggebend für die hohe TV-Nutzungsdauer von Kindern seien vor allem eine deutliche Ausweitung der entsprechenden Programmangebote, der Siegeszug neuer Technologien wie etwa Video-on-Demand-Diensten, digitaler Videorekorder und die zunehmende Verbreitung von Videospielkonsolen.

Die gesundheitlichen und psychologischen Konsequenzen werden immer wieder thematisiert – und selten in vorteilhafter Weise. Eine der neuesten Meldungen der amerikanischen Fachzeitschrift „Pediatrics“ vom 11.10.2010 wird von der „Rheinischen Post“ resümiert:

Bei erhöhter Bildschirmnutzung treten bei Zehn- und Elfjährigen demnach häufiger psychologische Probleme auf, darunter emotionale Störungen, Probleme im Umgang mit Gleichaltrigen und Hyperaktivität. Auf Sport und andere körperliche Aktivitäten als Ausgleich für stundenlange Computerspiele oder Fernsehkonsum könne man nach diesen Ergebnissen nicht mehr bauen, resümieren die Wissenschaftler […].

Ursula von der Leyen wird aber, sofern sie weiter Wähler findet, in ihrer Traumwelt verharren dürfen, in der an Mittachessen und Spocht die Welt genesen mag.

Die Neugier von Klatschjournalisten sollte sich vielleicht einmal darauf richten, in welchem Verhältnis sie zu ihrem Bruder steht. Dieser heißt Hans-Holger Albrecht und kann eine beträchtliche Karriere als TV-Manager vorweisen. Derzeit prangt er prominent auf der Startseite des schwedisch-europäischen Medienkonzerns „Modern Times Group“ (MTG):

Screenshot: www.mtg.se, 28.11.2010

1991-96 war Albrecht für die luxemburgische CLT-Gruppe tätig – und dabei u. a. zuständig für den Start von „Super RTL“ in Deutschland.

„Super RTL“ ist nun – u. a. als Abspielstation von Produktionen der „Walt Disney Company“ – einer der wichtigsten Lieferanten von Kinderfernsehen in Deutschland. Es ist deshalb interessant, dass die Marktetablierung dieses Senders zu Beginn der 1990er Jahre und die gegenwärtige Familienpolitik der Bundesregierung von Geschwistern aus der Familie des ehemaligen CDU-Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Ernst Albrecht (*1930), bestimmt wurden und werden.

Man ist versucht, von der Leyens weitgehende Nicht-Erwähnung von TV-Konsum als Faktor der von ihr sonst angeblich bekämpften psychosozialen Entwicklungen mit dem Titel einer Buchveröffentlichung ihres Vaters von 1976 zu beschreiben: „Der Staat – Idee und Wirklichkeit“.

Hans-Holger wird – neben einem gut dokumentierten Skandälchen von 2005 – in der Connection zu seiner Schwester Ursula von der Leyen auch Interessensvertretung für MTG in Sachen Online-Glücksspiel nachgesagt. So weist die Website „boocompany.com“ am 23.04.2009 auf eine mögliche Motivation von der Leyens hin, gegen die Sperrung von Glücksspielseiten im Zuge ihres eigenen Feldzugs gegen Kinderpornografie zu intervenieren:

In den letzten Jahren ist das Unternehmen nach diversen Umstrukturierungen verstärkt in einem neuen Bereich tätig geworden, dem Online-Glücksspiel. MTG erwarb Beteiligungen unter anderem an Bet24.com, einem maltesischen Online-Glücksspielanbieter, der seine Seriösität auf seiner Webseite mit Hinweis auf MTG als Mehrheitseigner unterstreicht[.]

Das ist also ein familiäres Geschäftsumfeld, mit dem sich bei CDU-Wählern kräftig punkten lässt – vor allem, wenn man nicht darüber berichtet.

Die Kultur des Kinderfernsehens, die von der Leyens Bruder zu etablieren half, sollten Sie sich selbst einmal für eine gewisse Dauer ansehen. Ein Blick auf Einstellungen aus dem Nachmittagsprogramm vom 25.11.2010 lässt schon deutliche Gesamttendenzen erkennen: Häufig wiederkehrend etwa ist die Verwendung von technischen Geräten, insbesondere Mobiltelefonen – eine Erklärung für die Manie junger Menschen im Umgang mit hochpreisigen und nicht immer nutzbringenden Kommunikationstechnologien und anderen Wegwerfprodukten (neben der Werbung, wie hier zu sehen, oft in den primären Programminhalten):

 

Screenshots: Super RTL, 25.11.2010

Auch über grundsätzlichere wahrnehmungspsychologische Implikationen der Bildgestaltung solcher Kinderprogramme gälte es zu reflektieren. Alles glotzt, greint und schreit in vielen der Formate (wie hier schon einmal angemerkt):

Screenshots: Super RTL, 25.11.2010

Es bleibt also abzuwarten, ob sich Arbeits- und Sozialministerin von der Leyen jemals nachhaltig über Medienkonsum von Kindern äußern wird – oder ihren Bruder einen guten Mann sein lässt. (Auch von ihrer Amstnachfolgerin als Familienministerin, Kristina Schröder, war hierzu noch nichts zu hören.) Vereinzelte pädagogisch wertvolle Äußerungen von der Leyens – wie in einem „Spiegel“-Bericht vom 23.12.2005 (also zur rührseligen Weihnachtszeit) zitiert – sind dabei nicht zielführend. In der Abwesenheit einer Gesamtstrategie dokumentieren sie im Gegenteil politisches Versagen.

Quotenschwund vorprogrammiert


Freitag, 2. Juli 2010, 14:19 Uhr. Autor:

Am 30.06.2010 fand sich im Programm der ARD ein gutes Beispiel für unsere kleine Reihe „Falsch gesendet“. Ein Blick auf die Einschaltquoten zeigt, wie exakt ein Thema der Öffentlichkeit weitgehend entzogen werden kann, wenn man es nach einer Zeitgrenze am Spätabend programmiert:


Die Programmangebote bis zum Hauptabend mit einem ausführlichen „Brennpunkt“ und „Hart aber fair“ kreisten wesentlich um die Wahl des Bundespräsidenten. Hier war die Berichterstattung notwendigerweise auf Stimmungslagen und Einzelstimmen angewiesen. Die divergierenden Ansichten waren im vorhinein klar, auch die Möglichkeit, dass sich das Wahlprozedere durch knappen Ausgang hinzog. Statt Zuschauer komprimiert über etwas zu informieren, dessen Verlauf diese zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht mehr verändern konnten, ging auch hier die Tendenz zu einer Zeitdehnung und dem rein situativen Reagieren auf Ereignisse, um irgendwie ‚dabeizusein‘ und ein Endergebnis langwierig abzuwarten – ein allgemeiner Trend, der oft konzise Arten der Reportage verdrängt und sonst v. a. für Nachrichtensender charakteristisch ist.

An den Rand eines solchen Sendeschemas gedrängt folgte in der ARD am 30.06.2010 dann die Dokumentation „Die jüdische Lobby – Spurensuche in Amerika“ von Uri Schneider. Wie auch immer man diese beurteilt – „The American Israel Public Affairs Committee“ (AIPAC), über die im deutschen Fernsehen selten berichtet wird, stand zugunsten einer neu gegründeten, eher linksgerichteten Lobby-Organisation zurück –, sie behandelt ein prinzipiell wichtiges Thema.

Der Absturz der Quote ist hier besonders auffällig: Von 3,17 Mio. Zuschauern der aktuellen Talksendung mit Frank Plasberg blieben nach 23.25 h nur noch 850.000 übrig.

Auf anderen Sendern war man schon früher zu ganz anderen Themen übergegangen. Super RTL erfreute mit Michael Jacksons „Moonwalker“ und „Diana – Ihre letzten Tage“. Ab 23.45 h war man auf Das Vierte schon bei „Heiße Girls“ angekommen.

Für das Weltgeschehen galt deshalb auch an diesem Abend ein Ausspruch der Hauptfigur aus „Hollow Man – Unsichtbare Gefahr“ (kabel eins, 20.15 h): „Who will know?“