Mit ‘Süddeutsche Zeitung’ getaggte Artikel

Verdummende Neuigkeiten


Montag, 5. Dezember 2011, 21:45 Uhr. Autor:

Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet am 30.11.2011 über eine Studie u. a. zum Publikum des US-amerikanischen Nachrichtensenders „Fox News“, die hier nicht unerwähnt bleiben darf:

Eine Studie der Fairleigh Dickinson University im Bundesstaat New Jersey besagt, in aller Kürze: Wer Fox News schaut, weiß weniger, als jemand, der gar keine Nachrichten sieht.

Jauchbuch Kapitaschwatzmus


Montag, 31. Oktober 2011, 20:19 Uhr. Autor:

Wir haben uns bisher zum Thema ‚Günther Jauch als Talkshow-Moderator‘ zurückgehalten, nachdem wir im Buch „Glotze fatal“ die äußerst suspekten psychologischen und metaphorischen Techniken seines Quiz-Dauerbrenners „Wer wird Millionär?“ beleuchteten – und deshalb von vornherein wenig Vertrauen darin hatten, dass hier eine Niveausteigerung politischen Journalismus im Ersatzparlament der sonntagabendlichen Sendung stattfinden würde.

Nach den ersten Sendungen haben sich nicht alle Befürchtungen bestätigt, aber zumal beim Auftritt der Kanzlerin Angela Merkel waren auch andere Kritiker mit ihrem Lob am Ende (Schwiegersohn trifft “Mutti”).

Am 31.10.2011 lud „Günther Jauch“ seine Gäste zum Thema „Die Banken an die Leine! – Wie bekommen wir die Finanzmärkte in den Griff?“ Fundamentalkritik ist von Seiten eines Moderators nicht zu erwarten, der als Medienunternehmer Millionenbeträge bewegt. Dass er in dieser Sendung die Chuzpe besaß, sogar wiederholt nachzufragen, wenn es um die Luftbuchungen von spekulativen Nahrungsmittelpreisen ging, ist vor diesem Hintergrund fast schon beachtlich. Es gehe dabei, so Jauch, z. B. um „die zehnfache Summe des überhaupt vorhandenen Maises“ – das habe er sich „sagen lassen“. Bei einem Minutenverdienst von 4500 Euro kann man sich allerdings auch in seinem Fall fragen, ob da einer eine Meise hat … So referiert weiter der „stern“ vom 14.07.2010 die „Bild“-Zeitung:

Er und seine 2000 gegründete Produktionsfirma sollten 10,5 Millionen Euro pro Staffel mit 39 Sendungen erhalten, meldet die Zeitung. Das seien 41 Prozent mehr, als bisher bei Vorgängerin Will angefallen seien.

Derartige Meldungen sind jedoch kein Grund für Sympathie-Einbußen. Die Wiedergabe solcher Informationen durch die „Bild“ scheint vielmehr zu jenem Märchen-Programm zu gehören, das in anderen Sendungen den unerschwinglichen Luxus zum Schauwert macht; hier ist es der Moderator, der mit überhöhten Gehaltsforderungen keine Empörung beim Gebührenzahler, sondern scheinbar noch Bewunderung erregt. Leider kommt dies auch Nicht-Fans überteuert zu stehen.

Doch zurück zum Thema der Sendung: die fortgesetzte Finanzkrise. Ein Skandalon der aktuellen Berichterstattung, das sich hier wiederholt, ist die gespielte Ahnungslosigkeit derer, die es besser wissen sollten. Wenn ein Spitzen-Moderator sich erst „sagen lassen“ müsste, was seit vielen Jahren die Finanzbranche bestimmt, in der er auch persönlich seine Anlageberater agieren lassen dürfte, wäre dies ein geistiges Armutszeugnis. Vermutlich verwendet er aber eine solche Formulierung auch deshalb, weil er sich mit weniger informierten Zuschauern solidarisieren will, die ihn nicht als überheblichen Spezialisten wahrnehmen sollen. Dies ist leider aber auch ein Grund, warum es hier und an vergleichbarer Stelle unnötig unpräzise und verwirrend bleibt. Und es fragt sich, ob dies nicht Absicht ist.

In diesem Kontext alberne Suggestionen wie ‚Ich habe das gerade erst erfahren müssen, das ist ja unglaublich!‘ sind durchaus erwähnenswert, weil sie zum Gesamtprogramm jener Kaste gehört, in der Jauch lebt. Eine ihrer wesentlichen Taktiken besteht darin, unverhältnismäßige Gewinne zu machen und sich dann aus der Verantwortung zu stehlen. So konnte es Sahra Wagenknecht (Die Linke) in dieser Talkshow auch nur in den von ihr seit langem vertretenen Kernsätzen vorbringen.

Dabei hat Wagenknecht etwa in „Wahnsinn mit Methode“ (2008) eine präzise Schilderung über 250 Buchseiten geliefert, was heute jeder CDU-Abgeordnete als Wahnsinn bezeichnet – nachdem Karl-Theodor zu Guttenberg für diese Partei 2009 noch mit dem Wahlslogan „Wirtschaft mit Vernunft“ werben durfte. Nun hat er sich in die USA zu denjenigen zurückgezogen, die aller Wahrscheinlichkeit nach zu den Drahtziehern der Krisen gehören (siehe diesen Beitrag von Jürgen Elsässer).

Und damit wären wir wieder beim Skandalon: Sahra Wagenknecht informierte ihre Wähler schon seit Jahren über jene systemischen Bedingungen, die nun alle beklagen. Und das „Schwarzbuch Kapitalismus“ von Robert Kurz, 1999 erschienen, erreichte Bestseller-Auflagen. Darin finden sich Aussagen wie folgende:

Die globale Schuldenkrise auf allen Ebenen kann vorerst „weggesteckt“ und weiter umgeschuldet werden, weil sie von der größten spekulativen Blase aller Zeiten an den Aktienmärkten überlagert wird. Das ist die zweite Phase der Krise seit Mitte der 80er Jahre, die bis heute anhält. [...]
Weil das Sicherheitsventil der Dollar-Goldkonvertibilität längst vorher entfernt wurde und die neoliberale „Deregulierung“ auch der Finanzmärkte die letzten Hemmungen beseitigt hat, kann die Blase so unglaublich groß und über so lange Zeit hinweg aufgeblasen werden. Umso verheerender muß allerdings der Knall sein, mit dem sie irgendwann platzen wird.
(S. 852/855)

Statt überhaupt nur darauf hinzuweisen, dass sich derzeit die schwärzesten Kapitalismuskritiken wie jene von Kurz und Wagenknecht bestätigen, die in Varianten auch schon früher als 1999 formuliert wurden, arbeitet eine Sendung wie „Günther Jauch“ an jenem falschen Bewusstsein, seit 2008 träten plötzlich Krisensituationen auf, denen man nun mit Maßnahmen im Rahmen der bestehenden Ordnung begegnen könne.

Die Voraussage sei an dieser Stelle gewagt – und sie beruht, siehe Kurz, Wagenknecht und andere – nicht auf meinem eigenen Prophetentum: Das Gejammer, Gekeife und Kontroll-Gerede auf der politischen Szene wird noch eine Weile weitergehen; die ‚Krise‘ beenden oder nachhaltig mildern wird es nicht.

Was die bisher existierende Ordnung – und vielleicht selbst Politiker, wenn sie ihre eigene Rolle nicht durchschauen – sich nicht eingestehen will, ist ihr vorläufiges Scheitern und prinzipiell voraussehbares Ende. Dies lässt sich relativ einfach begründen: Deutschlands Staatsverschuldung beträgt derzeit 2 Billionen Euro. Nach Griechenland stehen schon die nächsten Kandidaten bereit, die EU-Rettungsschirme und Zahlungen besser gestellter EU-Mitglieder in noch zu bestimmender Höhe erhalten müssen, damit der Euro als Währung erhalten werden kann. Dass Zusagen über nennenswerte Einsparungen bei den Hochverschuldeten eingehalten werden, ist sehr fraglich; es wäre historisch neu. Und die deutsche Bevölkerung altert und schrumpft, wie dieser Tage in der aktuellen offiziellen Bevölkerungsprognose vorausgesagt wird:

Die Zahl der Gestorbenen übersteigt die Zahl der Geborenen immer mehr. Das dadurch rasant wachsende Geburtendefizit kann nicht von der Nettozuwanderung kompensiert werden. Die Bevölkerungszahl in Deutschland, die bereits seit 2003 rückläufig ist, wird demzufolge weiter abnehmen. Bei der Fortsetzung der aktuellen demografischen Entwicklung wird die Einwohnerzahl von circa 82 Millionen am Ende des Jahres 2008 auf etwa 65 (Untergrenze der „mittleren“ Bevölkerung) beziehungsweise 70 Millionen (Obergrenze der „mittleren“ Bevölkerung) im Jahr 2060 abnehmen.
Das Altern der heute stark besetzten mittleren Jahrgänge führt zu gravierenden Verschiebungen in der Altersstruktur. Im Ausgangsjahr 2008 bestand die Bevölkerung zu 19% aus Kindern und jungen Menschen unter 20 Jahren, zu 61% aus 20- bis unter 65-Jährigen und zu 20% aus 65-Jährigen und Älteren. Im Jahr 2060 wird bereits jeder Dritte (34%) mindestens 65 Lebensjahre durchlebt haben und es werden doppelt so viele 70-Jährige leben, wie Kinder geboren werden.

Man kann also eine Diskussion wie jene bei „Günther Jauch“ stark unterkomplex nennen: Voraussetzung eines Gesprächs darüber, wie mit der Finanzbranche zu verfahren sei, sind auch und gerade solche Rahmendaten. Weil sie vor derzeit unlösbare Probleme stellen, werden sie einfach nicht besprochen – zugunsten eines faulen Friedens, der irgendwann in Elend und Chaos führen wird, wenn mit Werbe- und Gebührengeldern verwöhnte Seichtgewichte wie Jauch am Ruder bleiben.

Ob die Konstruktion der Europäischen Union anderen Maßgaben folgte als den Interessen derjenigen, die an ihr Teil haben, muss an anderer Stelle erörtert werden. Jedenfalls funktionieren bisher ihre Stabilitäts- und Kontrollmechanismen nicht, und diejenigen, die davon profitieren, werden mit aller Kraft daran arbeiten, dass dies auch so bleibt. Selbst die IWF-Direktorin Christine Lagarde bekundet in „Inside Job“ (USA 2010, R: Charles Ferguson), dass sie erst 2008 den Ernst der Lage auf den Finanzmärkten erkannt habe. Wenn sie also nicht schlecht informiert ist, wessen Interessen vertritt sie dann? Oder in wessen Interesse ist es, dass Menschen an der Macht sind, die etwa als Finanzminister (Lagarde, ähnlich Wolfgang Schäuble) systemische Risiken erklärtermaßen Jahrzehnte nach kritischen Wirtschaftstheoretikern (Kurz) realisieren?

Screenshot: ARD, 30.10.2011

Bei „Günther Jauch“ sollte „Ex-Investmentbanker“ Wieslaw Jurczenko u. a. mit einer Flipchart-Zeichnung die Einsicht in die Praktiken des „Credit Default Swaps“ erhellen. In der erwähnten Dokumentation „Inside Job“ gelingt dies mit Grafiken sehr anschaulich. Bei Jauch und Jurczenko entsteht nur eine wirre Strichzeichnung, die den Zusammenhang der Versicherung von Kreditausfällen (erste Abstraktionsstufe) zu den vielfältigen weiteren Formen der Kreditumschichtung und -verbriefung erst gar nicht plausibel macht; es gebe sie halt, und Jurzcenko rät, diesen unübersichtlichen Handel einfach zu verbieten.

Das wird aller Voraussicht nach zunächst nur sehr eingeschränkt geschehen und wirkungsarm bleiben. Doch noch einmal zurück zum Thema demografische Entwicklung: Der Anspruch, mit immer weniger Menschen, und darunter immer mehr hilfsbedürftigen Älteren die Schulden einer größeren Zahl von Leistungsnehmern sowie Besser- bis Großverdienenden der vergangenen 2-3 Jahrzehnte bezahlen zu wollen, sollte von Finanzpolitikern erst einmal in einer Modellrechnung begründet werden. Gelingt dies nicht, ist ein Schuldenschnitt für Deutschland unausweichlich. Die Frage ist dann nur noch, wessen Barvermögen auf dem Kontoauszug gelöscht wird.

Michael Grandt rechnet, wie in seinem Buch „Der Staatsbankrott kommt“ (2010), hier im Interview vor, dass die benötigten Summen für einen Schuldenabbau nur mit einem Wirtschaftswachstum zu erreichen wäre, das derzeit für Deutschland vollkommen illusorisch ist, …

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… Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson erklärt im „Handelsblatt“ (11.05.2010):

Griechenland wird irgendwann pleitegehen. Portugal und Spanien könnten sich anstecken. Europa kann nicht alle diese Staaten retten. Es sieht also düster aus für den Euro. […]
Wenn man durch Wachstum nicht aus diesem Dilemma herauskommen kann, gibt es nur drei Möglichkeiten: entweder Inflation oder eine Staatspleite oder ein Bail-out.

… und auch „Die Welt“ vom 29.10.2011 erkennt:

Ein weiterer gravierender Fehler der EZB war es, den Glauben an den schuldenfinanzierten Wohlfahrtsstaat aufrechtzuerhalten. Eine Absage an den Wohlfahrtsstaat ist eine Aufgabe, die die Politiker per Definition nicht übernehmen können. [...]
Das bedeutet für Deutschland drastische Ausgabenschnitte und die Zurückführung des Wohlfahrtsstaates und des öffentlichen Dienstes auf ein zivilisiertes Niveau. Diese schmerzhafte Debatte wird nicht geführt, sondern nur, wie man mit mehr Geld mehr „hebelt“.

Statt uns mit Tinnef abzugeben, sollten wir also dringend ausgehend von solchen Aussagen Debatten führen. Das dauert allerdings länger als 60 Minuten, und deshalb werden wir auch im Zeitbudget von TV-Konsumenten einiges aussortieren müssen, wenn wir nicht gemeinsam untergehen wollen.

Wir werden sehen, ob während der oder im Anschluss an diese notwendigen Transformationen auch die Bläh-Diskurse von TV-Serien, der schlecht geklonten Buchkultur und der aktuellen Kulturwissenschaften auf den Prüfstand kommen, die strukturell aus den erwähnten korrumpierten Wirtschaftsweisen abgeleitet sind. Das zeigt etwa die Beschäftigung mit Filmen von Billy Wilder, der immerhin schon 1981 seinen Dienst quittierte. „Nobody’s perfect“, die letzte Dialogzeile aus „Some Like It Hot“ (USA 1959), könnte wortspielerisch auch das Motto der herrschenden Finanz-Institutionen sein: Niemand will’s gewesen sein, und von den Momenten, in denen wir die entscheidenden Fehler hätte vermeiden können, sprechen wir, wie stets der Film, nurmehr in der Vergangenheitsform. Wer sich unsichtbar macht, wer anderen leere Zeichen als Wert und Vergangenheit als Gegenwart vorgaukelt, dem sollten wir unsere Dienstbarkeit entziehen.

Literaturkritik im logischen Orbit


Sonntag, 6. März 2011, 18:56 Uhr. Autor:

„Wir sind untergehende Egomanen im fin de siècle. Darüber spreche ich nach dem Film von Matthias Krag mit dem Literaturkritiker Ijoma Mangold.“

So die Anmoderation von Tina Mendelsohn in „Kulturzeit“ (3sat) am 03.03.2011 zu Bericht und Kritikergespräch über den Roman „Chronic City“ von Jonathan Lethem (hier derzeit noch anzusehen).

Was in dem Gespräch mit Mangold folgt, ist ein weiterer Höhepunkt des Simulationsgeschwurbels, das, 1976 von Jean Baudrillard lanciert, verstärkt seit den 1990er Jahren den Feuilleton-Jargon mitbestimmt.

Mangold: „Das heißt, alles ist so ein wenig verrückt, es ist nicht ganz genau die Wirklichkeit, und damit spielt der Roman die ganze Zeit. Wir wissen nie, woran wir sind. Das große Thema ist: Wirklichkeit und Fiktion, Virtualität und Realität, darin verirren sich die Figuren. Die suchen alle nach dem Wirklichen und finden aber eigentlich immer nur mediale Abbilder.“

Wurde, ebenfalls in den 1990ern, gar ein „politisches Feuilleton“ ausgerufen, kehrt hier der Gestus der Berichterstattung, verstärkt im Umfeld der literarischen und sonstigen Fiktionen, schnurstracks zu einem l’art pour l’art zurück, das das fin de siècle vor 1900 bestimmte. Und eigentlich befinden wir uns ja an einem début du siècle – man weiß nicht, wie da im Mainzer Sendezentrum gezählt wird.

Kritiker Mangold scheint also zu kapitulieren vor verschwimmenden Realitätsbegriffen. Eigentlich könnte es helfen, einmal die Sprachformen auseinanderzunehmen, die im Diskurs zum Begriff der „Simulation“ führten und eine neue Unübersichtlichkeit der Kategorien erst nach sich zog. (Auf „filmdenken“ geschah dies z. B. im April 2004 im Text „Die 1000 Lügen des Kinos“ .)

Aber nein – das gar nicht mal so virtuelle Zeilengeld verleitet offensichtlich dazu, an denselben Maschen noch einmal und wiederum weiterzustricken. Dazu gehört auch, rhetorisch eine bloße Oberfläche der Kritikfähigkeit zu bedienen, die sich über etwas empört, dessen Teil man auf diese Weise unweigerlich selbst ist:

Mangold: „Das ganze Kunstsystem wird da wirklich auch entlarvt. Das Kunstsystem selber ist Teil, wie Sie sagen, einer Marketingmaßnahme, aber auch Teil einer zunehmenden Virtualisierung der Wirklichkeit. Die Künstler spielen sich auf zu großen exzentrischen Gestalten. Sie spielen auch oft – wie z. B. dieser Rockkritiker – mit der Rolle, ähm, des Verschwörungstheoretikers, der mit ’ner leichten Paranoia versucht, alles zu entlarven. Aber wenn man alles entlarven will, dann erscheint plötzlich alles nur noch Paranoia [sic]. Und deswegen können wir auch da nie genau wissen: Ist die Kunst etwas, woran wir uns halten können, oder selber nur Teil dieser …“

Screenshot: 3sat, 03.03.2011

„… ganzen Inszenierungswelten?“

Auch der Abschluss des kurzen Dialogs per Videoschaltung, der an eine aktuelle Kontextualisierung der Selbstsicht unseres mediatisierten Weltzugangs, von Lethems Roman und den aktuellen Revolten in islamisch geprägten Staaten wie Libyen anschließt, verfällt noch einmal in die reflexiv verkürzte Resignation vor schlichten Begriffen:

Mangold: „Aber es bleibt uns nichts anderes übrig. Wir leben eben auch in dieser modernen, in dieser hochmodernen Welt, wo wir manchmal nicht mehr wissen, was die handfeste Wirklichkeit ist. Das ist unser Leid, aber das ist unsere Gegenwart.“
Mendelsohn: „Ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch, Herr Mangold. Vielen Dank.“

In der verallgemeinerten Reflexion des Mediensystems (wie im nun Folgenden: wiederum durch Medienmacher selbst) klingt dies meist ganz anders. Hans Leyendecker, Leitender Politischer Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“, hält etwa am 18.05.2004 an der Universität Erfurt den Vortrag „Ethik der journalistischen Berichterstattung“. Darin heißt es im archivierten Vortragstext:

Ein Journalismus kommt hoch, der die Wirklichkeit nicht abbildet, sondern inszeniert. Es geht nicht um die Beschreibung langfristiger Veränderungen unserer Gesellschaft, nicht um das sorgfältige Beobachten, Verstehen und Erklären von Zusammenhängen. Stattdessen geht es immer mehr um Effekte, um Schnelligkeit.

Der von Leyendecker besprochene Einfluss des Privatfernsehens macht sich auch in der Häppchenkultur eines nicht uninteressanten Formats wie „Kulturzeit“ bemerkbar. Die rituell als „Gespräch“ bezeichneten Kurzinterviews enden nicht selten in der hier dokumentierten – mehr oder minder unfreiwilligen – Komik einer von klischierten Etiketten, habitualisierter Larmoyanz und selbstgewissem Zynismus bestimmten Atmosphäre.

Eine Aussage Mendelsohns bleibt etwas nebulös. „[D]iese Geschichte“, die sie hier erwähnt, wird in Bericht und Interview nicht definiert:

Mendelsohn: „Und alles ist Marketing. Und das macht die Sache natürlich auch sehr bitter. Also, da gibt es diesen Bürgermeister, aber man muss auch sagen: Alle Künstler sind Kollaborateure dieses Marketings, ähäh – New York, weinend wegen dieser Geschichte, alles ististist … ist sozusagen gut für’s Geschäft.“

Gemeint mit „dieser Geschichte“ ist wohl die Katastrophe des 11. Septembers 2001. Es mutet merkwürdig an, am Tag eines solchen Interviews in dem schon 2003 erschienenen Buch „Fakten, Fälschungen und die unterdrückten Beweise des 11.9.“ von Mathias Bröckers und Andreas Hauß Sätze zu lesen wie:

Im Klartext: Es gibt keinen handfesten Beweis, dass die 19 Männer, die als Täter behauptet werden, wirklich in die Flugzeuge eingestiegen sind und sie entführt haben. Damit ist das gesamte Szenario des 11. Septembers, wie es die US-Regierung und der Posaunenchor der Medien seit diesem Tag verkünden, von nachprüfbaren Fakten nicht gedeckt.

Wenn es nach Mangold „unser Leid“ ist, dass „wir manchmal nicht mehr wissen, was die handfeste Wirklichkeit ist“, besteht die Aufgabe von Journalismus vielleicht nicht nur in der verbalen Wiederholung einer solchen Befindlichkeit. Dazu gehört auch, darüber zu diskutieren, welcher Umweg über 495 Buchseiten (so der Umfang von Lethems New-York-Roman) den Leser einem Bewusstsein von ‚Realität‘ näher bringt – wenn er es denn wünscht.

Die „Kulturzeit“-Berichterstattung verbleibt im Wesentlichen auf der Ebene eines „Marketings“, über das sie selbst das Klagelied anstimmt. Im Marketing erster Ordnung, der Verlagsinformation zu Lethems Buch bei Klett-Cotta, erfolgt eine entsprechende Bestandsaufnahme:

Mit seinem großen Gesellschaftsroman über die eisige Welt des Geldes und des schönen Scheins, der Dinnerpartys und der Charity-Events zeichnet Jonathan Lethem das eindrucksvolle Porträt eines dekadenten Manhattans, dessen Einwohner gefangen sind in Medienmanipulationen und politischen Betrügereien.

Und wie hieß es 2004 in einer Meldung zu Leyendeckers zitiertem Vortrag?

Nächster Termin in der Reihe: 25.5.2004, 18.00 Uhr, Michaeliskirche, “Stehen Ökonomik und Ethik im Widerspruch?”

Probleme mit unlösbaren Problemen


Sonntag, 10. Oktober 2010, 23:31 Uhr. Autor:

Horst Seehofer erreicht am 09.10.2010 mit Äußerungen in der Debatte über Integration ein großes Medienecho. In der „tagesschau“ um 20 h wird ein Interview mit dem „Focus“ zitiert. Auf deren Website ist das Statement im Original zu lesen:

„Es ist doch klar, dass sich Zuwanderer aus anderen Kulturkreisen wie aus der Türkei und arabischen Ländern insgesamt schwerer tun. Daraus ziehe ich auf jeden Fall den Schluss, dass wir keine zusätzliche Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen brauchen.“

Hier wie bei anderen Themen besteht die mediale Öffentlichkeit aus einem konfusen bric à brac, in dem Partialwahrheiten, Fehlinformationen und Trugschlüsse das Publikum dazu anleiten, das Problem letztendlich als ‚irgendwie sehr kompliziert‘ zu empfinden, um dann zum nächsten Thema überzugehen – vorzugsweise zu ‚was Einfacherem‘. Letzteres ist an diesem Abend: „Das Supertalent“ (RTL, 7,82 Mio. Zuschauer), „Melodien der Berge“ (ARD, 3,59 Mio.) oder „Die große TV Total Stock Car Crash Challenge“ (Pro7, 2,14 Mio.).

„Reformstau“ nennt man mit einem – derzeit seltener verwendeten – Wort das Resultat aus dieser Ökonomie der Kommunikation. Im Fall des bayerischen CSU-Ministerpräsidenten Seehofer kann man mehrere Faktoren studieren. Zunächst betreibt er Klientelpolitik, indem er Zuwanderung ablehnt. Dies als Populismus zu geißeln, ist gewiss naheliegend und deshalb beinahe überflüssig.

Nur mit diesem Begriff lässt sich als Verhalten eines politischen Individuums notdürftig erklären, was auf der Sachebene zur Psychopathologie tendiert. Es handelt sich – in einer der drei Definitionen von „Wahn“ durch Karl Jaspers –, um

Unkorrigierbarkeit (Unbeeinflussbarkeit durch Erfahrungen und zwingende Schlüsse)

Es gilt schlicht festzuhalten, dass man CSU-Vorsitzender sein, dabei jedoch nicht einmal eine „Google“-Recherche mit Stichworten wie „migration osteuropa prognose“ durchführen kann (oder Mitarbeiter damit beauftragt) – und im Anschluss daran, ‚wahnhaft‘ nach Schulbuch, davon ‚unbeeinflusste‘ Äußerungen tätigt. Bei der genannten „Google“-Suche findet man auf der zweiten Ergebnisseite z. B. Veröffentlichungen der FDP-nahen „Friedrich Naumann Stiftung“. In einem Beitrag von Gérard Bökenkamp heißt es:

Das Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung erklärte in seinem Dezember-Newsletter aus dem Jahr 2009: „Im Unterschied zur Situation in kinderreichen Ländern wie Frankreich oder Schweden stellt in Deutschland die Zuwanderung deshalb die einzige Möglichkeit dar, den Bevölkerungsrückgang der Zukunft wenn auch nicht aufzuhalten, so wenigstens abzumildern.“ Das Institut fügt allerdings später hinzu, es sei „offen, aus welchen Herkunftsländern diese kommen sollen und wie diese Menschen in Deutschland zu halten wären.“

Diese Einschätzung scheint mir repräsentativ für das zu sein, was sonst zum Thema in fundierten Publikationen zu finden ist. (Ich gab weitere Hinweise schon in Beiträgen zur Sarrazin-Debatte.) Die Kenntnisnahme von Statistiken und Prognosen lautet dann recht unisono:

Unter den jetzigen Bedingungen ist es also eher unwahrscheinlich, dass der Bedarf an Facharbeitern und Hochqualifizierten durch Zuzug von außen gedeckt werden kann, da andere Staaten wie die USA und Großbritannien sich als attraktivere Zielländer für Hochqualifizierte darstellen.

Horst Seehofer geht demnach aller Voraussicht nach fehl in der Annahme, „dass wir keine zusätzliche Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen brauchen“. Dies führt dazu, sich gar nicht erst fragen zu müssen, woher die benötigten Teilnehmer am Sozialsystem denn kommen sollen und ob sie den Fachkräftemangel auch nur annähernd ausgleichen könnten. Der logische Mechanismus dieses Debattenbeitrags ist demnach eine doppelte Verleugnung von Tatsachen mit dem Ausweichen auf eine z. Zt. illusionäre und sehr unwahrscheinliche Zukunftsoption – nicht gerade ein Rezept für ‚Realpolitik‘.

Seehofers verbales Verhalten, das alleine die „tagesschau“ zur besten Sendezeit unkommentiert als dessen parteipolitische Eigenwerbung an 4,8 Mio. Zuschauer übermittelt, wirkt vor dem Hintergrund von relevanten Sachinformationen nicht nur klinisch wahnhaft, sondern auch wirtschaftlich kontraproduktiv. Denn der unsachliche Umgang mit Migranten und deren Zurückweisung in zukünftiger Perspektive dürfte einen Effekt verstärken, den ebenfalls Bökenkamp erwähnt:

Der Vorsitzende des Sachverständigenrats für Integration und Migration Klaus Jürgen Bade beklagt, dass auch immer mehr junge, gut ausgebildete Deutsch-Türken in die Türkei ziehen. Bade sieht einen wesentlichen Grund für die Entwicklung darin, dass viele junge Türken in Deutschland kein Heimatgefühl entwickelten. Es bestehe deshalb die Gefahr, dass die Tüchtigen Deutschland verließen, während die Chancenlosen blieben, weil es nirgendwo ein vergleichbares Sozialsystem gebe.

An einem solchen Argument lässt sich erkennen, dass gerade eine Diskussion über Bildungserfolge von Migranten, wie von Sarrazin angestrengt, dringend erforderlich ist. Trittbrettfahrer dieses Diskurses, die ihn auf eine Zurückweisung von Zuwanderung verkürzen, schaden nach aktueller Lage der Dinge dem Gemeinwesen, wenn sie keine anderen Alternativen aufzeigen und an ihrer Realisierung mitwirken.

Die Informationen der FDP-nahen Naumann-Stiftung bestärken also nicht Seehofer, sondern in puncto Bildung Cem Özdemir von den „Grünen“:

Doch an der Bildungsungerechtigkeit hat sich fast zehn Jahre nach der ersten PISA-Studie immer noch nicht viel geändert. Die soziale Lage in manchen Milieus und Situation in problematischen Stadtteilen sind ein Auftrag an die Politik, endlich unser Bildungssystem, radikal zu stärken – und zwar angefangen bei den Kleinsten bis hin zu den Hochschulen. Wenn wir das nicht tun, wird dieses Land an die Wand fahren.

An dieser Stelle können zunächst weder Fragen der Staatsfinanzen noch der demografischen Entwicklung im Detail erläutert werden. In der Gesamttendenz sprechen sie wohl gegen Hoffnungen, dass hier im Vergleich zur jüngeren Vergangenheit deutliche Erhöhungen von staatlichen Ausgaben möglich sind, was auch diese bildungspolitische Devise in ihrer Machbarkeit zweifelhaft werden lässt. Eine selten ausgesprochene Konsequenz lautet: Zur Erziehung von für die jeweilige Gesellschaft schließlich ‚produktiven‘ Kindern unfähige Eltern, ob Migranten oder nicht, können nicht großflächig und auf Dauer durch das Bildungssystem substituiert werden (Diskussionspunkte: Bildungsniveau, Freizeitverhalten, Wertevorstellungen, Geschlechterrollen, Aufgabenteilung). Bei den letztgenannten Punkten trifft das (Privat‑)Fernsehen aufgrund seiner Diskursmacht von mittlerweile 70% Marktanteil eine eminente Verantwortung. Die Rolle der Medienkritik wie auch sog. staatlicher „Medienwächter“ in der Entwicklung der vergangenen drei Jahrzehnte scheint sich diesbezüglich als beschämend und weitgehend korrupt herauszustellen. Frage, auch an Cem Özdemir: Wie könnte man ein „Bildungssystem“ unter Beibehaltung der jetzigen Kultur des Privatfernsehens „radikal […] stärken“? Würden RTL & Co. lehrreiche Dokumentationen senden, wären sie nicht mehr sie selbst. Würden Kinder entgegen ihrer Gewohnheit Hausarbeiten machen und dabei den Fernseher abstellen, bräuchte man nicht von frühmorgens an ein TV-Programm, das auf sie ausgerichtet ist.

Dem Bundesministerium für Bildung und Forschung gelingt in seinem Referat der OECD-Veröffentlichung „Bildung auf einen Blick“ (2006) eine im Zusammenhang der Bevölkerungsentwicklung symptomatische pseudo-argumentationslogische Maßnahme. Zu Anfang des Papiers geht es um „die Entwicklung der Schüler- und Schülerinnenzahl im Primar- und Sekundarbereich I“ 2005-2015:

Für Deutschland ist mit einer Verringerung um 14 % zu rechnen. Dies ist weit mehr als im OECD-Schnitt erwartet wird (‑6 %). Noch deutlich höhere Rückgänge werden jedoch insbesondere für Polen (‑19 %), die Slowakische Republik (‑21 %) und Korea (-29 %) prognostiziert.

Das steht auf S. 2. Auf S. 7 ist man jedoch schon wieder guter Hoffnung, indem man offenkundig in von Wunschdenken geleitete Ankündigungsrhetorik verfällt:

Eine hoch entwickelte Dienstleistungsgesellschaft, deren Wachstum zunehmend von der Ressource Wissen abhängt, ist auf einen wachsenden Anteil hoch qualifizierter Fachleute angewiesen. Hohe Studienanfängerquoten und eine hohe Bildungsbeteiligung im Tertiärbereich tragen dazu bei, die Entwicklung und den Erhalt einer hoch qualifizierten (Erwerbs‑)Bevölkerung sicherzustellen.

Es gibt also in Deutschland, wie auch in anderen Ländern, aus denen potenziell Zuwanderung zu erwarten wäre, zurückgehende Schülerzahlen aufgrund des demografischen Wandels. Die später anschließende Formulierung eines erwünschten „wachsenden Anteils hoch qualifizierter Fachleute“ kaschiert, dass es nicht nur um einen „Anteil“, sondern auch um eine absolute Zahl im Verhältnis zu voraussehbaren Kohorten von Leistungsnehmern wie Arbeitslosen, Aufstockern und – mit rapide zunehmendem Anteil v. a. – Rentnern geht.

Die Verhackstückung von stundenlangen Nonsens-Darbietungen als RTL-„Supertalent“ – am selben Samstagabend wie Seehofers Zitat von wenigen Sekunden in den Nachrichten gesendet – kann man als die triviale Kehrseite solcher folgenschwerer Verkennungen sehen: Wo einmal die Grenze des Sinnverlustes und der Verleugnung von Wirklichkeit überschritten ist, brechen sich im höher gebildeten Segment ebenso sprachliche Kosmetik ohne nachweisbaren – und vermutlich schwindenden – Bezug („Ressource Wissen“) wie auch eine Unterhaltungskultur Bahn, in der ein Publikum von jahrelang herangezüchteten Idioten nach dem vermeintlich noch größeren Idioten schreit – und ihn von Dieter Bohlen und Redaktion geboten bekommt.

Seehofer müsste, wenn es nicht um Zuwanderer „aus anderen Kulturkreisen“ ginge, an Länder wie Polen oder die Slowakei denken. Doch von deren demografischer Entwicklung weiß er angeblich nichts, ebensowenig wie von derjenigen anderer osteuropäischer Länder, wie das „Migazin“ am 16.12.2009 berichtet:

Die neuen Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes spekulieren auf das Jahr 2014, von dem an für die 2007 beigetretenen EU-Mitgliedsstaaten Bulgarien und Rumänien die Freizügigkeit auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt gilt. Die Zuwanderung aus diesen Ländern wäre ab diesem Zeitpunkt nicht mehr reglementiert und die Grenzen wären somit offen. Mehrere Hunderttausend sind bei der aktuellen Entwicklung aber nicht zu erwarten. Denn die auswanderungswilligen Rumänen und Bulgaren sind bereits in den vergangenen Jahren in Länder wie Großbritannien, Irland und Spanien gezogen, die ihren Arbeitsmarkt für die neuen Mitgliedsstaaten frühzeitig geöffnet haben.

Und weiter hier:

Im Jahr 2030 werden in Rumänien rund 1,1 Millionen weniger Erwerbsfähige leben, was einen Verlust von rund acht Prozent gegenüber dem Jahr 2008 bedeutet. Bulgarien wird bis 2030 bereits 16 Prozent seines Arbeitskräftepotenzials verloren haben. Der demografische Wandel in Europa wird den Wettstreit um Arbeitskräfte zunehmend verschärfen – insbesondere um die qualifizierten.

Für Bayern gibt das Statistische Landesamt Prognosen ab, die eher nach der im „Migazin“ angesprochenen ‚Spekulation‘ klingen, einen vorübergehenden möglichen Trend aufzeigen und zudem eines der wohlhabenderen und damit auch für Zuwanderung attraktiveren Bundesländer beschreiben:

Ab 2011 wird auf Grund der vollständigen Arbeitnehmerfreizügigkeit nach der EU-Osterweiterung ein Anstieg der Zuwanderung erwartet, der sich vorübergehend auch auf die Bevölkerungszahl auswirkt. Voraussichtlich im Jahr 2022 wird die bayerische Bevölkerung mit rund 12,75 Millionen Personen ihr maximales Niveau erreichen und danach wieder abnehmen.

Wovor Politiker zurückscheuen und was sie beizeiten ins krasse Gegenteil verkehren, sind Problemlagen, deren Ursachen kaum oder gar nicht bekämpft werden können. Fatal ist, dass es hierzu keinen ausreichenden journalistischen Widerpart gibt, der – wie gezeigt – inhaltlich sinnlose, falsche und manipulative Verlautbarungen in ihrem Kontext verorten würde. (Andere Parteipolitiker äußern sich wiederum nur in Sentenzen, die Seehofers Aussage ins Gegenteil verkehren und ihn zugunsten anderer Ideologien diskreditieren, wie etwa hier in einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ von Daniel Brössler nachzulesen.) Das, was zu sagen und zu tun wäre, kollidiert in der gegenwärtigen Kultur mit falsch verstandener political correctness sowie zerstörerischen ökonomischen und politischen Einzelinteressen, die z. B. Rechte und Pflichten von Migranten oder die Ursachen von Kinderlosigkeit und Bildungsarmut betreffen.

Gefälschtes Zeitbewusstsein


Sonntag, 19. September 2010, 17:52 Uhr. Autor:

In der „Welt“ verkündet Anette Kiefer als Kritik zur gestrigen Ausgabe von „Schlag den Raab“: „ ‚Schlag den Raab‘ verplemperte zu viel Zeit“.

Die Autorin stellt dann einen Katalog ihrer Kritikpunkte auf, die scheinbar dazu gedacht sind, das Konzept der Sendung nachzubessern. Einerseits lobt sie:

Raabs Spiele sind schlau ausgedacht. Sein Team schafft es immer wieder, die Klassiker aus der Mottenkiste zu holen und zu richtig spannenden Zweikämpfen zu machen.

Andererseits befindet sie dann:

Aber: Dafür braucht die Show unterm Strich einfach gigantisch viel Zeit. Vor Mitternacht steht nie ein Sieger fest, diesmal wurde es sogar 1.33 Uhr und damit so spät wie selten.

Und sie zählt Faktoren auf, die zur Zeitdehnung beitragen: die Kandidatenauswahl, die Musik-Acts, die (Eigen-)Werbung.

Mir kommt das so vor, als würde man für Automatik-Waffen nachträglich Vorrichtungen empfehlen, die die Geschwindigkeit der Geschosse reduzieren sollen. Die ‚Philosophie‘ dieser Sendung ist die Suspendierung des Zeitempfindens.

(In dem ab 1. Oktober erhältlichen Buch zu „Glotze fatal“ gibt es dazu das Kapitel „Organisierter Zeittotschlag“. Als Veranschaulichung und Nachweis am Material sind ergänzend Teil 2/5-A und Teil 2/5-B der Videos zu „Glotze fatal“ auf „YouTube“ abrufbar.)

Die Rezension von Anette Kiefer ist repräsentativ für eine unentschiedene bis selbstwidersprüchliche Haltung, die TV-Anbietern wie Raab gegenüber ihren Produkten zu etablieren gelungen ist: Er vermischt das stark Abzulehnende mit dem Irgendwie-doch-ganz-Amüsanten, oft Nostalgischen und/oder Regressiven. Wie Liebende, die im geliebten Objekt nur das sehen, was sie darin sehen wollen, klammern sich solche KritikerInnen an das Angenehme und blenden das wahrhaft Kritikwürdige aus.

Logisch und psychologisch wie marketingtechnisch trickreich ist dabei, dass sie dennoch in einem vermeintlichen Modus der ‚Kritik‘ operieren. Kiefer erkennt ja mit deutlichen Worten, dass „gigantisch viel Zeit“ verloren geht. Statt dies aber zum Hauptargument zu machen, doktert sie an Symptomen herum, als könnte sie damit die Krankheit heilen. Statt zu fragen, warum man auch nur eine Minute bei „Memory und Gummiband-Flitschen“ zusehen soll, statt es selbst zu spielen zu erleben oder ansonsten etwas anderes Freudebringendes und schon deshalb Sinvoll(er)es zu tun, wird hierfür – dies ist mindestens nolens volens Marketing und keine unabhängige Reflexion – nach einer Art Effizienzsteigerung gerufen.

Die so nicht formulierte Konsequenz der Argumentation lautet deshalb implizit: ‚Zeitverplempern‘ ja, aber vielleicht doch nicht genau so. Die Alternative ‚Abschalten‘ ist als eine Art Tabu gesetzt, über das scheinbar nicht gesprochen werden darf. Psychologisch deutet dies auf eine Erkenntnis hin, die schließlich im Unbewussten – im Artikel im Unausgesprochenen – verbleibt: Ich lebe im Falschen, aber ich verdränge und helfe anderen, – den Lesern, denen es genauso geht – dabei, zu verdrängen, dass es so ist.

Der Rest von Klartext in dieser Eingabe Anette Kiefers ist dann der Exkurs, in dem sie als Wahrnehmungsalternative die Abwesenheit des Zuschauers skizziert:

Wer samstagabends ausgeht, schaut „Schlag den Raab“ schon beim Aufbrezeln und kann locker wieder einsteigen, wenn er frühmorgens nach einigen Stunden Kino und Kneipe wieder zu Hause aufläuft. Konzentrierte Hochspannung ist anders.

Wären es dann dreieinhalb statt fünfeinhalb Stunden dieser Sendung plötzlich ‚tatsächlich‘ wert, angesehen zu werden?

Dies ist die Struktur eines solcherart unreflektierten Wissens, wie Pressetexte es wiedergeben und produzieren – ein Beispiel für institutionalisiertes falsches Bewusstsein aus dem Pressehaus Springer.

Zur Resonanz in der übrigen Medienandschaft:

Franziska Seng von der „Süddeutschen Zeitung“ schwebt in einer Kiefer vergleichbaren Ambivalenz und redet neckisch u. a. die Taktik kaschierter Werbung schön:

Latent macht sich trotzdem eine gewisse Unzufriedenheit breit. […] Freilich kann man auch als Zuschauer aktiv werden, um aufkeimenden Verdruss zu unterdrücken. Mit dem lustigen Spiel “Finde das Produkt” zum Beispiel. Seit einigen Sendungen macht uns nach Werbepausen ein kleines eingeblendetes P dezent darauf aufmerksam, dass die Sendung “unterstützt durch Produktplatzierungen” ist, zusätzlich zu den üblichen Produktwerbungen bei den Gewinnspielen. […]
Endlos in die Länge zieht sich das Spiel “Bücher tragen” […].
Spannung kommt nochmal zum Schluss auf […].
Es war wohl die bislang längste SDR-Show – leider in weiten Strecken aber auch die fadeste.

„Der Spiegel“ wandelt nur eine Agenturmeldung ab, jubelt etwas mit („Hochkonzentriert und extrem cool nahm der 29-jährige Linkshänder in seinem roten Trainingsanzug Maß auf den Korb“) und resümiert die Quoten. Auf Letzteres bleibt die Erwähnung in „meedia.de“ unter der Überschrift „‚Schlag den Raab meldet sich stark zurück“ gänzlich beschränkt. „Bild“ ist leicht zu begeistern und zitiert, statt selbst zu argumentieren, gleich den Showmaster selbst: „Stefan Raab: ‚Spannender geht’s ja kaum. […]‘

So gestaltet sich vorwiegend Medienjournalismus in diesen Tagen.