Mit ‘Statistik’ getaggte Artikel

Das letzte Fiction-Frequenzband


Samstag, 26. November 2011, 21:38 Uhr. Autor:

Das Verhältnis von Bild und Wirklichkeit ist hier ja eine Art Langzeit-Unterrubrik. Dieser Tage gibt es dafür etwas reichlicher Stoff auf der Ebene von Nachrichtenmeldungen. Am gröbsten wohl die Ernüchterung, dass der „Sesamstraßen“-Komponist Fernando Rivas wegen Besitz und Herstellung von Kinderpornografie angeklagt ist („Welt Online“, 24.11.2011). Da hilft auf Rezipientenseite nur noch, dass Musik als reine Form recht mittelbar zurückzuführen ist auf das, was sich im Kopf des Erfinders so abgespielt hat.

Wenn die Welt schon nicht so funktioniert, wie man sich das vorstellt – ändert man eben das Programm. „meedia.de“ meldet am 25.11.2011 über den Sat1-Geschäftsführer: „Kosack erhöht die Fiction-Frequenz“. Hierbei lernen wir auch, dass es in diesem Sender eine Funktion mit dem Titel „Senior Vice President Deutsche Fiction“ gibt. So wird nun richtig durchregiert, auch wenn von der Muttersprache nur noch das Adjektiv übrigbleibt.

Was haben wir noch? Richtig: Heute tickert „Spiegel Online“, dass Katharina Saalfrank als RTL-„Supernanny“ den Dienst quittiert, und zwar wegen der „‚Entwicklung des medialen Markts‘ hin zu ‚gescripteter‘, also inszenierter, Realität“. Bei aller Skandalisierung und allem Voyeurismus war dies noch eines der Formate, in denen man mit gutem Willen eine Popularisierung pädagogischen und psychologischen Wissens hat sehen können, ohne die bestimmte Zielgruppen in den von ihnen gewählten TV-Programmen nur noch dem Sinn- und Orientierungsverlust überlassen worden wären. Aber wir sehen: Da wird ständig optimiert und nochmal nachgezogen. Wäre doch gelacht.

Dass der Zerfall familiärer Strukturen auch auf dem Bildschirm und in seinen Fiktionen nichts ganz Neues ist, zeigt ein Artikel wie „10 Dysfunctional TV Families We’d Like to Adopt“. Als Zeichen der Zeit dürfte die Kurzfassung einer Serie wie „United States of Tara“ (USA 2009-11) angesehen werden können, die die ARD im März bis Mai 2011 nur den Nachteulen zumuten wollte. In der deutschen Info findet sich keine Satzfolge, die den Inhalt so unnachahmlich verdichtet wie diese:

A woman struggles to find a balance between her dissociative identity disorder and raising a dysfunctional family.

Hier ist die von Steven Spielberg produzierte Serienwelt erklärtermaßen jenseits der ‚Normalitätsgrenze‘ angesiedelt. In der Entscheidung über eine solche Bewertung bestand am 09.11.2011 in der ARD gerade die Ambivalenz, wenn Carola Weber (Anja Kling) in „Es ist nicht vorbei“ (D 2011, R: Franziska Meletzky) ihrem sozialen Umfeld beweisen muss, dass der Vorgesetzte ihres Mannes (Tobias Oertel), Prof. Limberg (Ulrich Noethen), ein Arzt ist, der sie während ihrer Inhaftierung zu DDR-Zeiten unter Drogen gesetzt hat. Gegen Limbergs Reputation kommt sie zunächst nur schwer an und steht als verwirrte Lügnerin da, bis sich doch noch die Wahrheit herausstellt.

Es liegt hier nun einmal wieder die Handlungskonstellation vor, die in der Filmgeschichte von Filmen wie „Gaslight“ (USA 1944, R: George Cukor) bis „Soylent Green“ (USA 1973, R: Richard Fleischer) reiflich durchgespielt ist: Held oder Heldin haben etwas gesehen oder wissen etwas, das niemand glauben will, obwohl es stimmt. Die Paradoxie im Verhältnis von Realität und Film besteht darin, dass der Unverstandene im erfundenen Plot meist der Sympathieträger ist, während im Falle sog. „Verschwörungstheorien“ die Massenmedien bisher die Sprachregelung der Paranoia und verzerrten Realitätswahrnehmung vorgeben.

Daraus ergeben sich immer wieder komische Effekte – so auch in „Es ist nicht vorbei“. Als Zuschauer sind wir auf der Seite von Carola, der „paranoide Wahnvorstellungen“ unterstellt werden. Als größter Hohn wirkt es schon auf der realistischen Handlungsebene, dass Prof. Limberg eine Habilitationsschrift mit dem Titel „Multiple Persönlichkeiten und ihre Reintegration in den Alltag“ verfasst hat. Für Drehbuchautoren (hier: Kristin Derfler / Clemens Murath) ist dies ein in-joke, da sie in viele Fällen selbst an den mehr als multiplen Persönlichkeiten arbeiten, die im Sortiment der Massenmedien die Zuschauerpsyche künstlich erweitern: Für den ausufernden Mediengebrauch im Alltag kreieren sie die eskapistischen Fantasien und realitätsfernen Identifikationsfiguren.

Was in Maßen den Horizont erweitert, führt in unserer Gegenwart möglicherweise zu vollkommen weltfremden, aber als ‚normal‘ angesehenen Denk- und Verhaltensmustern: Etwa entspricht die über Jahrzehnte angestiegene Instabilität von Paarbeziehungen den Verhaltensmustern, die Prominente und Filmfiguren vorleben. Die Traumwelten von yellow press und Attraktionskino scheitern bei ihrer Übertragung in die Realität: Privatverschuldung etwa steigt aufgrund von Luxus-Konsum, mit dem man versucht, den fernen Vorbildern nachzueifern. Solange Banken mit Krediten das Unmögliche vorläufig und möglichst früh möglich machen, merken es die Betroffenen erst, wenn es zu spät ist. Und erst, wenn den im Kapitalismus generell Träumenden klar wird, wieviel von ihrem Kapital fiktiv ist, erfolgt wieder die Besinnung: In der Wirtschaftskrise 2008 ließen sich etwa in Spanien 13,5 % weniger Ehepaare scheiden als im Vorjahr. Wäre ihre Entscheidung sonst richtig gewesen?

In „Es ist nicht vorbei“ drängen weitere Symptome der Gegenwart an die Oberfläche einer Fabel, die DDR-Vergangenheit aufarbeiten soll. Während die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen 2010 verbucht, dass 1,4 Mio. Menschen medikamentensüchtig sind, ist die Verabreichung von solchen Mittelchen durch einen Arzt in diesem Film anhaltend unbewiesen, was sich zu der Verschreibungspraxis der Gegenwart ironisch verhält:

Jochen: „Und ob er dir tatsächlich Psychopharmaka gespritzt hat, um ’ne Unterschrift von dir zu erzwingen – das kannst du ihm nicht beweisen!“
Carola: „Und deshalb ist es jetzt in Ordnung, ja, dass mir zwei Finger fehlen und er einfach so weitermacht, als wär nichts passiert!“

Unter Medikamenteneinfluss hat sich die Filmfigur an einer Kreissäge in der Gefängniswerkstatt zwei Finger abgetrennt und dadurch ihre Karriere als Pianistin ruiniert. Das ist ein fürwahr sehr seltenes Fallbeispiel. Und ebensowenig, wie sich das Hauptabendprogramm für Tablettensucht interessiert (die Pharma-Lobby, die auch Werbespots bezahlt, könnte es stören), weckt es nachhaltig das Bewusstsein für die katastrophale demografische Entwicklung über ein paar Talkshow-Momente hinaus.

Ein millionenfaches Lebensproblem von Frauen im Alter der Hauptdarstellerin Anja Kling (* 1970) ist jene Kinderlosigkeit, die Deutsche von manch anderen Volksgruppen unterscheidet:

Quelle: Rainer Münz / Ralf Ulrich: Bevölkerungsprojektionen nach Nationalitäten für Deutschland

Doch dies ist ebenfalls kein Thema, mit dem man sich am Ende des Arbeitstages so gerne beschäftigen möchte. Die Kinderlosigkeit der weiblichen Hauptfigur resultiert in diesem Fall aus den Machenschaften des DDR-Regimes und soll durch eine Adoption korrigiert werden. Filme zur Hauptsendezeit widmen sich generell aber eher dem weltgeschichtlich vielleicht ein einziges Mal realisierten Drama, dass eine Klavierspielerin im DDR-Gefängnis zwei Finger verliert, als der Frage, ob eine Volksgemeinschaft nun genetisch entsorgt werden soll oder nicht. Und dies ist leider keine rechtslastige völkische Polemik, sondern eine Frage, ob man statistische Daten in einen Taschenrechner eingeben kann oder nicht. Und fragen Sie einmal einen Türken, ob es ihm egal ist, ob das türkische Volk ausstirbt. Bei all den vielen Interessen, die sie sonst haben, fällt auch deutschen TV-Moderatoren so etwas nicht ein. Für sie besteht die Konsequenz in einer reflexiven und diskursiven Verkrampfung, die man sich nur am DDR-Justizopfer zur besten Sendezeit vorzuführen getraut. Carola: „Ich kann nicht darüber reden. Dann kommt alles wieder zurück.“

Als Konzession an die Gewohnheit von Fernsehmachern, Fiktionen wie Dokumentationen mit etwas Hoffnungsvollem abschließen zu wollen, wo erst Problembewusstsein das Nachdenken in Gang setzen müsste, ist hier noch anzumerken, dass es der Fiktion gelang, am Abend von „Es ist nicht vorbei“ von 5,58 Mio. Zuschauern beim Fernsehfilm 5,01 Mio. zur anschließenden Dokumentation von Kristin Derfler zu locken.

Jauchbuch Kapitaschwatzmus


Montag, 31. Oktober 2011, 20:19 Uhr. Autor:

Wir haben uns bisher zum Thema ‚Günther Jauch als Talkshow-Moderator‘ zurückgehalten, nachdem wir im Buch „Glotze fatal“ die äußerst suspekten psychologischen und metaphorischen Techniken seines Quiz-Dauerbrenners „Wer wird Millionär?“ beleuchteten – und deshalb von vornherein wenig Vertrauen darin hatten, dass hier eine Niveausteigerung politischen Journalismus im Ersatzparlament der sonntagabendlichen Sendung stattfinden würde.

Nach den ersten Sendungen haben sich nicht alle Befürchtungen bestätigt, aber zumal beim Auftritt der Kanzlerin Angela Merkel waren auch andere Kritiker mit ihrem Lob am Ende (Schwiegersohn trifft “Mutti”).

Am 31.10.2011 lud „Günther Jauch“ seine Gäste zum Thema „Die Banken an die Leine! – Wie bekommen wir die Finanzmärkte in den Griff?“ Fundamentalkritik ist von Seiten eines Moderators nicht zu erwarten, der als Medienunternehmer Millionenbeträge bewegt. Dass er in dieser Sendung die Chuzpe besaß, sogar wiederholt nachzufragen, wenn es um die Luftbuchungen von spekulativen Nahrungsmittelpreisen ging, ist vor diesem Hintergrund fast schon beachtlich. Es gehe dabei, so Jauch, z. B. um „die zehnfache Summe des überhaupt vorhandenen Maises“ – das habe er sich „sagen lassen“. Bei einem Minutenverdienst von 4500 Euro kann man sich allerdings auch in seinem Fall fragen, ob da einer eine Meise hat … So referiert weiter der „stern“ vom 14.07.2010 die „Bild“-Zeitung:

Er und seine 2000 gegründete Produktionsfirma sollten 10,5 Millionen Euro pro Staffel mit 39 Sendungen erhalten, meldet die Zeitung. Das seien 41 Prozent mehr, als bisher bei Vorgängerin Will angefallen seien.

Derartige Meldungen sind jedoch kein Grund für Sympathie-Einbußen. Die Wiedergabe solcher Informationen durch die „Bild“ scheint vielmehr zu jenem Märchen-Programm zu gehören, das in anderen Sendungen den unerschwinglichen Luxus zum Schauwert macht; hier ist es der Moderator, der mit überhöhten Gehaltsforderungen keine Empörung beim Gebührenzahler, sondern scheinbar noch Bewunderung erregt. Leider kommt dies auch Nicht-Fans überteuert zu stehen.

Doch zurück zum Thema der Sendung: die fortgesetzte Finanzkrise. Ein Skandalon der aktuellen Berichterstattung, das sich hier wiederholt, ist die gespielte Ahnungslosigkeit derer, die es besser wissen sollten. Wenn ein Spitzen-Moderator sich erst „sagen lassen“ müsste, was seit vielen Jahren die Finanzbranche bestimmt, in der er auch persönlich seine Anlageberater agieren lassen dürfte, wäre dies ein geistiges Armutszeugnis. Vermutlich verwendet er aber eine solche Formulierung auch deshalb, weil er sich mit weniger informierten Zuschauern solidarisieren will, die ihn nicht als überheblichen Spezialisten wahrnehmen sollen. Dies ist leider aber auch ein Grund, warum es hier und an vergleichbarer Stelle unnötig unpräzise und verwirrend bleibt. Und es fragt sich, ob dies nicht Absicht ist.

In diesem Kontext alberne Suggestionen wie ‚Ich habe das gerade erst erfahren müssen, das ist ja unglaublich!‘ sind durchaus erwähnenswert, weil sie zum Gesamtprogramm jener Kaste gehört, in der Jauch lebt. Eine ihrer wesentlichen Taktiken besteht darin, unverhältnismäßige Gewinne zu machen und sich dann aus der Verantwortung zu stehlen. So konnte es Sahra Wagenknecht (Die Linke) in dieser Talkshow auch nur in den von ihr seit langem vertretenen Kernsätzen vorbringen.

Dabei hat Wagenknecht etwa in „Wahnsinn mit Methode“ (2008) eine präzise Schilderung über 250 Buchseiten geliefert, was heute jeder CDU-Abgeordnete als Wahnsinn bezeichnet – nachdem Karl-Theodor zu Guttenberg für diese Partei 2009 noch mit dem Wahlslogan „Wirtschaft mit Vernunft“ werben durfte. Nun hat er sich in die USA zu denjenigen zurückgezogen, die aller Wahrscheinlichkeit nach zu den Drahtziehern der Krisen gehören (siehe diesen Beitrag von Jürgen Elsässer).

Und damit wären wir wieder beim Skandalon: Sahra Wagenknecht informierte ihre Wähler schon seit Jahren über jene systemischen Bedingungen, die nun alle beklagen. Und das „Schwarzbuch Kapitalismus“ von Robert Kurz, 1999 erschienen, erreichte Bestseller-Auflagen. Darin finden sich Aussagen wie folgende:

Die globale Schuldenkrise auf allen Ebenen kann vorerst „weggesteckt“ und weiter umgeschuldet werden, weil sie von der größten spekulativen Blase aller Zeiten an den Aktienmärkten überlagert wird. Das ist die zweite Phase der Krise seit Mitte der 80er Jahre, die bis heute anhält. [...]
Weil das Sicherheitsventil der Dollar-Goldkonvertibilität längst vorher entfernt wurde und die neoliberale „Deregulierung“ auch der Finanzmärkte die letzten Hemmungen beseitigt hat, kann die Blase so unglaublich groß und über so lange Zeit hinweg aufgeblasen werden. Umso verheerender muß allerdings der Knall sein, mit dem sie irgendwann platzen wird.
(S. 852/855)

Statt überhaupt nur darauf hinzuweisen, dass sich derzeit die schwärzesten Kapitalismuskritiken wie jene von Kurz und Wagenknecht bestätigen, die in Varianten auch schon früher als 1999 formuliert wurden, arbeitet eine Sendung wie „Günther Jauch“ an jenem falschen Bewusstsein, seit 2008 träten plötzlich Krisensituationen auf, denen man nun mit Maßnahmen im Rahmen der bestehenden Ordnung begegnen könne.

Die Voraussage sei an dieser Stelle gewagt – und sie beruht, siehe Kurz, Wagenknecht und andere – nicht auf meinem eigenen Prophetentum: Das Gejammer, Gekeife und Kontroll-Gerede auf der politischen Szene wird noch eine Weile weitergehen; die ‚Krise‘ beenden oder nachhaltig mildern wird es nicht.

Was die bisher existierende Ordnung – und vielleicht selbst Politiker, wenn sie ihre eigene Rolle nicht durchschauen – sich nicht eingestehen will, ist ihr vorläufiges Scheitern und prinzipiell voraussehbares Ende. Dies lässt sich relativ einfach begründen: Deutschlands Staatsverschuldung beträgt derzeit 2 Billionen Euro. Nach Griechenland stehen schon die nächsten Kandidaten bereit, die EU-Rettungsschirme und Zahlungen besser gestellter EU-Mitglieder in noch zu bestimmender Höhe erhalten müssen, damit der Euro als Währung erhalten werden kann. Dass Zusagen über nennenswerte Einsparungen bei den Hochverschuldeten eingehalten werden, ist sehr fraglich; es wäre historisch neu. Und die deutsche Bevölkerung altert und schrumpft, wie dieser Tage in der aktuellen offiziellen Bevölkerungsprognose vorausgesagt wird:

Die Zahl der Gestorbenen übersteigt die Zahl der Geborenen immer mehr. Das dadurch rasant wachsende Geburtendefizit kann nicht von der Nettozuwanderung kompensiert werden. Die Bevölkerungszahl in Deutschland, die bereits seit 2003 rückläufig ist, wird demzufolge weiter abnehmen. Bei der Fortsetzung der aktuellen demografischen Entwicklung wird die Einwohnerzahl von circa 82 Millionen am Ende des Jahres 2008 auf etwa 65 (Untergrenze der „mittleren“ Bevölkerung) beziehungsweise 70 Millionen (Obergrenze der „mittleren“ Bevölkerung) im Jahr 2060 abnehmen.
Das Altern der heute stark besetzten mittleren Jahrgänge führt zu gravierenden Verschiebungen in der Altersstruktur. Im Ausgangsjahr 2008 bestand die Bevölkerung zu 19% aus Kindern und jungen Menschen unter 20 Jahren, zu 61% aus 20- bis unter 65-Jährigen und zu 20% aus 65-Jährigen und Älteren. Im Jahr 2060 wird bereits jeder Dritte (34%) mindestens 65 Lebensjahre durchlebt haben und es werden doppelt so viele 70-Jährige leben, wie Kinder geboren werden.

Man kann also eine Diskussion wie jene bei „Günther Jauch“ stark unterkomplex nennen: Voraussetzung eines Gesprächs darüber, wie mit der Finanzbranche zu verfahren sei, sind auch und gerade solche Rahmendaten. Weil sie vor derzeit unlösbare Probleme stellen, werden sie einfach nicht besprochen – zugunsten eines faulen Friedens, der irgendwann in Elend und Chaos führen wird, wenn mit Werbe- und Gebührengeldern verwöhnte Seichtgewichte wie Jauch am Ruder bleiben.

Ob die Konstruktion der Europäischen Union anderen Maßgaben folgte als den Interessen derjenigen, die an ihr Teil haben, muss an anderer Stelle erörtert werden. Jedenfalls funktionieren bisher ihre Stabilitäts- und Kontrollmechanismen nicht, und diejenigen, die davon profitieren, werden mit aller Kraft daran arbeiten, dass dies auch so bleibt. Selbst die IWF-Direktorin Christine Lagarde bekundet in „Inside Job“ (USA 2010, R: Charles Ferguson), dass sie erst 2008 den Ernst der Lage auf den Finanzmärkten erkannt habe. Wenn sie also nicht schlecht informiert ist, wessen Interessen vertritt sie dann? Oder in wessen Interesse ist es, dass Menschen an der Macht sind, die etwa als Finanzminister (Lagarde, ähnlich Wolfgang Schäuble) systemische Risiken erklärtermaßen Jahrzehnte nach kritischen Wirtschaftstheoretikern (Kurz) realisieren?

Screenshot: ARD, 30.10.2011

Bei „Günther Jauch“ sollte „Ex-Investmentbanker“ Wieslaw Jurczenko u. a. mit einer Flipchart-Zeichnung die Einsicht in die Praktiken des „Credit Default Swaps“ erhellen. In der erwähnten Dokumentation „Inside Job“ gelingt dies mit Grafiken sehr anschaulich. Bei Jauch und Jurczenko entsteht nur eine wirre Strichzeichnung, die den Zusammenhang der Versicherung von Kreditausfällen (erste Abstraktionsstufe) zu den vielfältigen weiteren Formen der Kreditumschichtung und -verbriefung erst gar nicht plausibel macht; es gebe sie halt, und Jurzcenko rät, diesen unübersichtlichen Handel einfach zu verbieten.

Das wird aller Voraussicht nach zunächst nur sehr eingeschränkt geschehen und wirkungsarm bleiben. Doch noch einmal zurück zum Thema demografische Entwicklung: Der Anspruch, mit immer weniger Menschen, und darunter immer mehr hilfsbedürftigen Älteren die Schulden einer größeren Zahl von Leistungsnehmern sowie Besser- bis Großverdienenden der vergangenen 2-3 Jahrzehnte bezahlen zu wollen, sollte von Finanzpolitikern erst einmal in einer Modellrechnung begründet werden. Gelingt dies nicht, ist ein Schuldenschnitt für Deutschland unausweichlich. Die Frage ist dann nur noch, wessen Barvermögen auf dem Kontoauszug gelöscht wird.

Michael Grandt rechnet, wie in seinem Buch „Der Staatsbankrott kommt“ (2010), hier im Interview vor, dass die benötigten Summen für einen Schuldenabbau nur mit einem Wirtschaftswachstum zu erreichen wäre, das derzeit für Deutschland vollkommen illusorisch ist, …

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… Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson erklärt im „Handelsblatt“ (11.05.2010):

Griechenland wird irgendwann pleitegehen. Portugal und Spanien könnten sich anstecken. Europa kann nicht alle diese Staaten retten. Es sieht also düster aus für den Euro. […]
Wenn man durch Wachstum nicht aus diesem Dilemma herauskommen kann, gibt es nur drei Möglichkeiten: entweder Inflation oder eine Staatspleite oder ein Bail-out.

… und auch „Die Welt“ vom 29.10.2011 erkennt:

Ein weiterer gravierender Fehler der EZB war es, den Glauben an den schuldenfinanzierten Wohlfahrtsstaat aufrechtzuerhalten. Eine Absage an den Wohlfahrtsstaat ist eine Aufgabe, die die Politiker per Definition nicht übernehmen können. [...]
Das bedeutet für Deutschland drastische Ausgabenschnitte und die Zurückführung des Wohlfahrtsstaates und des öffentlichen Dienstes auf ein zivilisiertes Niveau. Diese schmerzhafte Debatte wird nicht geführt, sondern nur, wie man mit mehr Geld mehr „hebelt“.

Statt uns mit Tinnef abzugeben, sollten wir also dringend ausgehend von solchen Aussagen Debatten führen. Das dauert allerdings länger als 60 Minuten, und deshalb werden wir auch im Zeitbudget von TV-Konsumenten einiges aussortieren müssen, wenn wir nicht gemeinsam untergehen wollen.

Wir werden sehen, ob während der oder im Anschluss an diese notwendigen Transformationen auch die Bläh-Diskurse von TV-Serien, der schlecht geklonten Buchkultur und der aktuellen Kulturwissenschaften auf den Prüfstand kommen, die strukturell aus den erwähnten korrumpierten Wirtschaftsweisen abgeleitet sind. Das zeigt etwa die Beschäftigung mit Filmen von Billy Wilder, der immerhin schon 1981 seinen Dienst quittierte. „Nobody’s perfect“, die letzte Dialogzeile aus „Some Like It Hot“ (USA 1959), könnte wortspielerisch auch das Motto der herrschenden Finanz-Institutionen sein: Niemand will’s gewesen sein, und von den Momenten, in denen wir die entscheidenden Fehler hätte vermeiden können, sprechen wir, wie stets der Film, nurmehr in der Vergangenheitsform. Wer sich unsichtbar macht, wer anderen leere Zeichen als Wert und Vergangenheit als Gegenwart vorgaukelt, dem sollten wir unsere Dienstbarkeit entziehen.

Morbide Kapriolen – Link-Hinweise 2


Mittwoch, 29. Dezember 2010, 2:29 Uhr. Autor:

Die fortschreitende Lexikografisierung der Filmhistorie bringt auch die dichte Ballung morbider Themen auf der Leinwand zu Tage. Ein spezialisiertes Projekt zu diesem Thema ist „cinemorgue.com“, wo eine recht große Zahl von Schauspielern nach Namen verzeichnet sind – sowie mit Szenen, in denen sie als Filmfigur ableben.

Bemerkenswert ist bei der Durchsicht, dass die allermeisten der gelisteten Schauspieler nicht zur A-Prominenz zählen. Und während Marilyn Monroe keinen Eintrag besitzt, ist ein Robert Mitchum recht ausführlich vertreten. Auch das Rollenfach hat selbstredend einen Einfluss auf die fiktive Lebenserwartung.

In der Links-Rubrik verweist „cinemorgue.com“ noch auf eine andere Seite, „moviedeaths.com“, die mehr Ordnungskriterien verwendet (Schauspieler, die am häufigsten gemordet haben oder gestorben sind etc.), aber mit derzeit 930 Einträgen noch ausbaufähig ist. Die Rangliste der Filme mit den meisten Toten führt deshalb ausgerechnet „Monty Python and the Holy Grail“ (GB 1975) mit gerade einmal 10 Opfern an.

Da hat bei RTL2 das Abendprogramm des 28.12.2010 schon mehr zu bieten. Um 22.05 h und in einer nächtlichen Wiederholung wird „Rambo 2“ (USA 1985) gegeben. Zu der beschaulichen Filmreihe um den Muskelmanen Sylvester Stallone hat der Politikwissenschaftler John Mueller (Ohio State University) eine Statistik verfertigt, die in Gänze hier abzurufen ist. In der Auflistung der Toten ergibt sich folgendes Diagramm:

Die Aussage, dass, je mehr Fortsetzungen eines Films wie „Rambo“ gedreht werden, die Zahl der Todesopfer innerhalb der Filmhandlung umso höher liegt, ist also – als Minimalkonsens für Filmwissenschaftler und andere gefährdete Tierarten sowie im Gegensatz zu sonstigen Schwierigkeiten der Interpretation – bewiesen.

Sarrazins Feinde – Hart aber verirrt


Samstag, 4. September 2010, 1:43 Uhr. Autor:

Im letzten Eintrag ging es um die Thesen von Thilo Sarrazin und deren Diskussion bei „Beckmann“. Ebenfalls in der ARD folgte zwei Tage später am 01.09.2010 „Hart aber fair“ mit Sarrazin. Ich hatte mich schon im Vorhinein nach dem Ergebnis des „Faktenchecks“ gefragt, den die „Hart aber fair“-Redaktion auf ihrer Website veröffentlicht. Dazu einige ergänzende Beobachtungen.

Wie immer werden dort Aussagen der Diskutanten von zwei Experten kommentiert – hier Claudia Diehl (CD) und Ines Michalowski (IM). Ich beschränke mich auf ihre Kommentare zu Sarrazin (TS).

Dieser beklagt, bei Zuwanderern aus islamisch geprägten Ländern „verstärkten sich zum Teil sogar noch nach drei Generationen die Integrationsprobleme“. CD weist auf Ergebnisse hin, denen zufolge „der soziale Hintergrund der Kinder entscheidend“ sei. Kernargument gegen TSs These ist hier:

Da zur dritten Einwanderer-Generation fast nur Nachkommen der gering qualifizierten Gastarbeiter gehören, zur ersten Generation aber auch jüngst zugewanderte höher qualifizierte Zuwanderer etwa aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, steht die dritte Generation bei diesen Vergleichen manchmal etwas schlechter da als die erste.

Versucht man, sich selbst noch einmal Informationen zum Thema zu ergooglen, findet man nicht leicht ausführliche Statistiken, aber etwa aus der „Zeit“ vom 18.01.2010 dies:

Die Schulleistungen vieler Einwandererkinder sind in den vergangenen Jahren zwar besser geworden, aber noch immer viel zu schlecht, vor allem die der türkischen, nur 14 Prozent von ihnen machen Abitur, ein Drittel verlässt die Schule ohne Abschluss.

Andere Quellen, die auch die „Wikipedia“ zum Thema angibt, klingen entsprechend:

Laut Studie haben 30 Prozent der Türken und Türkischstämmigen keinen Schulabschluss und nur 14 Prozent das Abitur. Auch hätten Menschen mit türkischem Migrationshintergrund den geringsten Erfolg aller Migranten im Erwerbsleben: Sie seien häufig erwerbslos, die Hausfrauenquote sei hoch, und viele seien abhängig von Sozialleistungen.

(Die Zeit, 27.01.2009)

Fast jeder zweite Türke im erwerbsfähigen Alter in Berlin ist nach Angaben des Landesarbeitsamtes arbeitslos.

(Der Tagesspiegel, 26.03.2001)

Möglicherweise sind es eben nicht nur dumpfe Ressentiments, die zur tendenziellen Sympathie für Sarrazin führen, sondern auch die Erinnerungen an anderweitige Berichterstattungen mit solchem Inhalt – über deren Gehalt man im Einzelnen natürlich immer noch einmal diskutieren kann.

IM merkt daraufhin an, es erfrage

der Mikrozensus nicht die Religionszugehörigkeit, sondern das Herkunftsland, so dass automatisch alle Personen aus einem muslimisch geprägten Land als Muslime gelten und hier unterschiedliche Länder wie etwa Bosnien, die Türkei, Indonesien, Marokko etc. zusammengefasst werden.

Ist das hier wesentlich? Eine Tabelle des Statistischen Bundesamts weist nach, dass die Zahl von Türken unter den Personen „mit Migrationshintergrund im engeren Sinne“ 2,5 Mio. betrage. Jene derer aus Bosnien beträgt gerade 275.000, Indonesien und Marokko werden nicht aufgeführt.

Dann heißt es noch bei IM:

Die Herleitung eines einfachen Kausalzusammenhangs zwischen Religionszugehörigkeit und Bildungserfolg ist darüber hinaus auch deshalb fraglich, weil neben dem Erfolgsbeispiel der Schüler mit vietnamesischen [sic] Migrationshintergrund auch Fälle wie die der Schüler mit italienischem Migrationshintergrund, die in den letzten Jahrzehnten eine teils miserable Bildungsintegration aufwiesen, gut dokumentiert sind.

In diesen Beschwichtigungsbemühungen wird wohl noch eher ein weiteres Statistiker-Heim angezündet. Nach IMs einleitender Einräumung, TS habe „zunächst einmal Recht, dass verschiedene Zuwanderergruppen unterschiedliche Integrationserfolge etwa im Bereich Bildung erzielen“, folgen also wie zitiert zwei Gegenargumente, die eigentlich keine sind: Statt Aussagen zu den nach Möglichkeit in Zahlen auszudrückenden Aspekten zu machen – ein publizistisch gefährliches Geschäft und obendrein mühsam –, werden ein nicht signifikanter Vergleich (Türken/Bosnier u. a.) sowie ein solcher angeführt, der nichts mit Muslimen zu tun hat, sondern gar noch ein anderes Negativbeispiel anführt. Die Logik besteht also darin, von der eigentlichen Frage abzulenken, in der Erwähnung eines weiteren Problems (hier eben nicht bezogen auf Religionszugehörigkeit, sondern auf Migrationsstatus) aber wiederum keinerlei eigenen Kommentar zum angesprochenen Problem als solchem abzugeben.

Zu dem von Sarrazin behaupteten „Zusammenhang zwischen dem kulturellen Hintergrund von Muslimen und weniger guten Integrationserfolgen“ bemerkt CD:

Nein, die in den USA lebenden muslimischen Einwanderer sind anders als viele in Europa lebende Muslime überwiegend als Höherqualifizierte zugewandert und spielen in der dortigen Integrationsdebatte nahezu keine Rolle.

Das mag sein und schwächt die Haltbarkeit der im Hinblick auf political correctness äußerst unglücklichen, aber deshalb umso publicityträchtigeren Festlegung TSs auf den simplen Konnex von ‚Islam = wirtschaftlicher Niedergang der deutschen Volkswirtschaft‘. Über die Situation in Deutschland sagt dies wenig und wird von zuvor zitierten Angaben aus anderen Presseorganen tendenziell widerlegt. Es geht nun einmal darum, wie die Situation welcher Migrantengruppen in Deutschland einzuschätzen und zu begründen ist – wenn es einem z. B. nicht egal ist, dass jemand Sozialleistungen in Anspruch nimmt, die andere erarbeiten, obwohl dies vielleicht nicht sein müsste.

IM reagiert mit dem Hinweis auf die „Zuwanderer“ in Westeuropa 1950-70

aus vorrangig muslimischen Ländern. Deren Integrationserfolge liegen heute im Hinblick auf Bildungs- oder Arbeitsmarktbeteiligung unter dem jeweiligen Landesdurchschnitt. Deutschland ist hier kein Einzelfall. Dass der Grund hierfür jedoch nicht in der Religion und Kultur der Zuwanderer liegt, sondern in der ursprünglichen Auswahl unqualifizierter Arbeiter und der Tatsache, dass europäische Bildungssysteme nur schwer die intergenerationelle Fortschreibung der Bildungserfolge schwächerer sozialer Schichten durchbrechen, zeigt das Beispiel der USA […].

Auch hier gilt: Disqualifizierung nicht des Hinweises auf hartnäckige Probleme bei der Integration, sondern der Begründung mit Religionszugehörigkeit, dabei aber rhetorische Ablenkung mit dem Hinweis auf die USA. Und was ist in den USA anders? IM gibt die halbe Antwort:

Deren Einwanderungspolitik sowie Arbeitsmarkt- und Wohlfahrtsstaatstruktur hat Migranten vollkommen andere Anreizmechanismen vermittelt. In den USA zählen Muslime in viel stärkerem Maß zu den gesellschaftlichen Eliten als bisher in Deutschland.

Die notwendige Ergänzung muss man sich woanders suchen, z. B. bei der „Heinrich Böll Stiftung“, die den „Grünen“ nahesteht. (Deren Spitzenpolitikerin Renate Künast äußerte sich nicht nur in der auf „Glotze fatal“ beschriebenen „Beckmann“-Sendung sehr angewidert über TS.) In einem Artikel vom 16.02.2010 heißt es auf der Website der Stiftung:

Obwohl die Wohlfahrtsgewinne durch die Zuwanderung von qualifizierten Arbeitskräften hoch sind, verzichten die meisten Einwanderungsländer in der OECD bislang auf eine gezielte Steuerung der Zuwanderung. […]

Klassische Einwanderungsländer wie Australien, Kanada und die USA steuern einen Teil der Zuwanderung nach wirtschaftlichen Kriterien. Die Steuerung der Zuwanderung hat in diesen Ländern eine lange Tradition, die bis in die 1960er Jahre zurückreicht. Idealtypisch können dabei zwei Politikansätze unterschieden werden: angebots- und nachfrageorientierte Systeme der Steuerung (vgl. z.B. Chaloff/Lemaître 2009). […]

Nach dem ersten Ölpreisschock von 1973 wurde die Gastarbeiteranwerbung durch eine restriktive Zuwanderungspolitik ersetzt, die durch einen Anwerbestopp und Rückkehrprämien versuchte den deutschen Arbeitsmarkt gegen ausländische Arbeitskräfte zu schützen.

Familienzusammenführung und humanitäre Migration wurden deshalb, neben dem Zuzug von Aussiedlern, zu den wichtigsten Kanälen der Zuwanderung in Deutschland. Im Ergebnis hat diese Politik zu starken Schwankungen der Zuwanderung mit dem Konjunkturzyklus, vor allem aber zu einer Verfestigung der Qualifikationsstruktur der ausländischen Bevölkerung in Deutschland geführt. Die Netzwerkbildung von MigrantInnen verstärkt diesen Trend. Das Qualifikationsniveau der ausländischen Bevölkerung in Deutschland ist deshalb heute deutlich geringer als im Durchschnitt der OECD Staaten (Brücker/Ringer 2008).

Kann es also sein, dass dieser positive Vergleich hinkt, weil die „klassischen Einwanderungsländer“ bessere Erfolge mit einer gezielten Auswahl der Einwanderer verbinden? Man wird sehen, welche Politiker auf welche Weise hierfür in Deutschland über die Kriterien streiten – wenn man sich denn dazu entschließt, was die Stiftung der „Grünen“ offensichtlich empfiehlt.

Nun noch zur Diskussion der Aussage TSs, „der Anteil der muslimischen Frauen im gebärfähigen Alter habe sich in sehr kurzer Zeit verdreifacht.“

CD erläutert verschiedene Berechnungsmodelle. Je nach Zeitraum sei dies „durchaus möglich“. „In jüngerer Zeit sinken die Zuzugszahlen aus der Türkei allerdings deutlich“, und die zweite Generation passe sich „in ihrem Geburtenverhalten den Einheimischen“ an. Letzteres bestätigt IM und erwähnt dann „eine Studie des Max-Planck-Instituts für Demografische Forschung“, die ergeben habe, „dass türkischstämmige Frauen der ersten und zweiten Generation eher ein drittes Kind bekommen als Frauen, die aus dem ehemaligen Jugoslawien, Griechenland, Italien oder Spanien stammen.“ Dann gibt sie zu bedenken:

Mit Blick auf Thilo Sarrazins Bevölkerungshochrechnungen für die nächsten 120 Jahre und die Prognose eines starken Anstiegs des Anteils von Personen mit Migrationshintergrund stellt sich jedoch eine viel grundlegendere Frage: Werden die Urgroßenkel der in den 1950er und 1960er Jahren eingewanderten Gastarbeiter in 20, 50 oder 100 Jahren überhaupt noch als Personen “mit Migrationshintergrund” wahrgenommen?

Die Frage ist, ob das die Frage ist. CD und IM suggerieren u. a., dass es im Prognosezeitraum von Jahrzehnten immer mehr Migrantinnen gebe, die in zweiter oder dritter Generation in Deutschland leben, während solche in erster Generation an Zahl abnähmen. Die demografische Entwicklung aber besagt doch wohl, dass unter Beibehaltung der derzeitigen Geburtenraten (und von immer noch steigendem durchschnittlichem Lebensalter) kontinuierlich und eher mehr Zuwanderung als bisher erforderlich ist, um auch nur halbwegs soziale Sicherungssysteme aufrechtzuerhalten – wenn dann die Zuwanderer dieselbe Produktivität entfalten wie die bisherige und derzeitige Bevölkerung.

Zu den Quantitäten prognostiziert das Statistische Bundesamt Folgendes:

Grundsätzlich sind auch höhere Wanderungssalden denkbar, wenn es zum Beispiel mit der Einführung der Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt und dem spürbar werdenden Rückgang der jungen Menschen in Deutschland sowie der fortschreitenden Integration zu einer veränderten Einstellung zur Zuwanderung kommen sollte.

Die Gesamtzahl der per Saldo zugewanderten Personen würde sich im Zeitraum von 2006 bis 2050 bei einem Wanderungssaldo von 100 000 auf 4,4 Millionen beziehungsweise bei einem Wanderungssaldo von 200 000 auf 8,6 Millionen Menschen belaufen.

Überflüssig zu erwähnen, dass eine über mehrere Generationen in Deutschland heimische Bevölkerung bei einem möglicherweise und wahrscheinlich gleichbleibenden Durchschnitt von 1,4 Kindern pro Frau kontinuierlich absinkt.

Zu der Herkunft der künftigen Zuwanderer erwähnt das Bundesamt an der zuletzt zitierten Stelle:

Zu den Regionen, die bisher keine umfangreiche Zuwanderung nach Deutschland aufweisen, in denen aber die demografische Entwicklung zu hohem Abwanderungspotenzial führen kann, gehört Nordafrika.

Zum Bevölkerungsdruck in den näher gelegenen Nationen des europäischen Raums findet sich auch bei der – was politischen Extremismus in diesen Fragen betrifft eher unverdächtigen – SPD-nahen „Friedrich Ebert Stiftung“ noch etwas:

Von entscheidender Bedeutung für das Wanderungsgeschehen in Europa wird die Entwicklung in der Türkei sein. Das starke Bevölkerungswachstum der vergangenen Jahrzehnte (1960: 28 Millionen Einwohner, 2005: 73 Millionen) wird noch einige Jahrzehnte anhalten, wenn auch in abgeschwächter Form. Im Jahr 2050 wird das Land zwischen 90 und 100 Millionen Einwohner haben, und die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter wird bis dahin wahrscheinlich um 16 Millionen Menschen zunehmen.

Solche Zahlen scheinen für viele Kontexte des öffentlich-rechtlichen Fernsehens – von den 70% Privatsendern ganz zu schweigen – den Rahmen zu sprengen. Selbst die schriftlichen Zusatzinformationen auf der Website von „Hart aber fair“ begnügen sich mit der geschilderten recht unübersichtlichen und fragmentarischen Umgangsweise mit Thilo Sarrazins Hauptaussagen und Argumenten (wenn sie in der Debatte jenseits des Buches denn noch nennenswert Erwähnung finden). Die „taz“ bezeichnet den Autor mittlerweile als „SPD-Krawallschachtel“. Was sind dann aber Expertinnen wie Claudia Diehl und Ines Michalowski – beide wohlsituierte Soziologinnen des deutschen und internationalen Universitätsbetriebs unter einem Label wie „Migration, Integration, Transnationalisierung“? Bieten Sie hier tatsächlich Alternativen zu Erklärungsmodellen und Aussichten, die sich hinter einigen kaum inhaltsbezogenen Schlagworten aus der Sarrazin-Debatte verbergen? Welche Erfahrungen haben sie selbst konkret mit Integrationsproblemen gemacht und wie stehen diese im Verhältnis zu jenen des ehemaligen Berliner Finanzsenators, den sie kritisieren?

Die vorausgehende Sammlung von Zitaten und Kommentaren gibt Ihnen hoffentlich eine ergänzende Grundlage, um sich einzelne dieser Fragen selbst zu beantworten.

In der Hektik einer 75-Min.-Sendung werden vermeintlich sachliche Einwände gegen eine Warnung vor der ‚Abschaffung‘ einer Kultur wie der ‚deutschen‘ noch abstruser als die schon erwähnten auf der Website. Und hierfür gibt sich das Statistische Bundesamt her. Auf Bitten der Redaktion von „Hart aber fair“ führte sie Berechnungen mit einem „ähnlichen Berechnungsmodell“ wie jenem in Sarrazins Buch durch, das über einen Zeitraum von 120 Jahren und vier Generationen ab heute schließlich 71,5% Migranten aus „Nah- und Mittelost, Afrika“ und 28,5% mit Vermerk „kein oder anderer Migrationshintergrund“ voraussieht.

Das Bundesamt nimmt nun zum Vergleich Daten von 1890 und vergleicht sie mit 2010. Die Quote von ‚Migranten‘ wäre recht korrekt prognostizierbar gewesen: 8,2% statt real 8,8%. Die Gesamtzahl von Einwohnern hätte aber – so die spöttelnde Konsequenz – 253 Mio. gegenüber real ca. 82 Mio. betragen. Nun zitiert „Hart aber fair“ das Bundesamt mit den Gründen dafür, warum diese Prognose nicht eingetroffen wäre, wenn man sie 1890 gestellt hätte:

zwei Weltkriege, die Antibabypille und das Wegbrechen der traditionellen Familie

Screenshot: ARD, 01.09.2010

Allen Ernstes werden also drei wesentliche Gründe für eine immer prekärer werdende demografische Lage als suggestives Pseudo-Gegenargument aufgefahren. Und der Vergleich entbehrt – im Gegensatz zu einer sturen Fortschreibung von existierenden Trends – nun jeder Logik, nicht nur der Vorhersehbarkeit: Er führt das potenzielle Auftreten von unbekannten Einflussfaktoren auf, als sei dies prinzipiell anzunehmen.

Würde man nun – wofür zumindest einige Argumente zu finden wären – davon ausgehen, dass es in Europa in näherer Zukunft keinen verheerenden Krieg gibt, weiterhin Verhütungsmittel benutzt werden und das traditionelle Familienmodell keine Renaissance erfährt – dann müsste man zumindest andere Einflussfaktoren benennen. Dies wäre allerdings im Gegensatz zu einem nachvollziehbaren Zahlenspiel eine Spekulation mit noch unsichereren Parametern.

Die gesamte Diskussion in „Hart aber fair“ kaprizierte sich tendenziell auf einige skandalöse Elemente aus der Presse-Kampagne zu Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“. Die beschriebene redaktionelle Intervention und die Online-Nachbearbeitung erwecken zudem den Eindruck einer – leider nicht seltenen – Psychotechnik der Info-Verwirrung. Die Uni-Expertinnen Claudia Diehl und Ines Michalowski bringen wohl manchen Leser spätestens mit Ausdrücken wie „intergenerationelle Fortschreibung der Bildungserfolge“ zum Ausstieg aus der Phantomenergie. Die gezeigten Ablenkungsmanöver, Halb- und Fehlinformationen der Beiträge sind, wenn ich richtig interpretiere, ein Beispiel mehr für die tieferliegenden Gründe einer Krise, wie sie nach Auskunft der zuständigen Stellen eine ist: systematische Sabotage des Wissens einer Gesellschaft über sich selbst.