Mit ‘Reinhold Beckmann’ getaggte Artikel

Sozialporno und Elegie – Fernsehen vor und nach dem Leben


Samstag, 4. Juni 2011, 0:52 Uhr. Autor:

Der Abend des 30.05.2011 versammelt zwei Beispiele, wie im Programmschema von TV-Sendern mit existenziellen Themen umgegangen wird. In diesem Fall sind es die ungleichen Wettbewerber RTL2 und ARD, die am Beginn sowie am Ende des Lebens ansetzen.

RTL2 veranstaltet derzeit wöchentlich montags um 20.15 h ein Reality-Doku-Format: „Die Teenie-Mütter“. Dieses Konzept verspricht also von vornherein das gewünschte Skandal-Potenzial. Junge Mütter! Prekäre Einkommenssituation! Konfliktgeladene Beziehungen! Anpassungsschwierigkeiten im jungen Erwachsenenleben! In einem der reichsten Länder der Erde sind das zwar alles keine wirklichen Probleme, doch das Vergrößerungsglas der Reality-Dramaturgie macht garantiert aus jedem Behördengang einen möglichst großen Elefanten.

Hier wie in anderen Beispielen aus dem mittlerweile langjährigen Trend zum „Reality-“ bzw. „Scripted-Reality-TV“ liegt das Problem wesentlich in zwei Faktoren: Eignung zur Bebilderung und, z. T. damit verbunden, Bereitschaft zum Abgebildetwerden.

Vor der Kamera tauchen junge Frauen sowie meistens ihre Mütter auf, die sich durch den Besuch des Kamerateams ein paar Dollars verdienen möchten. Das schränkt den Kreis der abgebildeten Personen auf Personen ein, die dringend ein paar Dollars brauchen. Dies ist der erste Rückkopplungseffekt: Die gezeigte „Reality“ fokussiert sich Pi mal Daumen auf eine Gruppe, die für die Zielgruppe des Senders konstitutiv ist. Menschen mit vergleichbarer Einkommenssituation, aber geringerer Bereitschaft, sich im TV öffentlich bloßstellen zu lassen, tauchen nicht auf; ebensowenig also auch Umgangsweisen mit der Lebenssituation ‚Junge Mutter‘, die mit anderen Lebensentwürfen einhergehen.

In der Folge am 30.05.2011 hat dies erwartungsgemäß die Auswirkung, dass beide „Teenie-Mütter“ keinen Partner an ihrer Seite haben. Der eine hat bei einem einzigen Wiedersehen nach drei Jahren mit derselben jungen Frau erneut ein Kind gezeugt und sich anschließend erneut aus dem Staub gemacht. Das erste Kind der beiden lebt bei einer Pflegefamilie; dieses Neugeborene will die Mutter nun selbst aufziehen – ohne den Vater. Bei der zweiten Kandidatin hat sich der Erzeuger zwar nach dem Geburtstermin erkundigt, doch aufgrund der ihm peinlichen Anwesenheit von Mutter und „Patenonkel“ bei der Geburt bleibt er selbst dieser fern.

Der Off-Kommentar dichtet der zweiten Kandidatin dann noch eine Verliebtheit in den „Patenonkel“ an – was sie selbst in Interview-Passagen nicht bestätigt. So wird hier eine Innenperspektive der Person eingenommen, die definitiv Intimitätsgrenzen überschreitet und dabei ein Spannungsmoment züchtet: Wird er doch noch mehr als ein Patenonkel? Das Peinliche bis Geschmacklose ist, dass hier Millionen unbeteiligter Zuschauer über eine private Situation aus Sicht der Frau angeblich schon mehr wissen als der betroffene männliche Part. Wir werden aufgrund eines solchen Wissens virtuell zur ‚besten Freundin‘ und zugleich ans Fremdschämen gewöhnt.

Der Rückkopplungseffekt dürfte eine Problemverstärkung nach sich ziehen: Schwangerschaften erscheinen grundsätzlich als Problem – und sollten vermieden werden, wenn man nicht dieselben Situationen erleben möchte wie die „Teenie-Mütter“.

In der ARD folgt um 22.45 h dann eine Ausgabe der Talkshow „Beckmann“. Hier wird dem seit Jahren prominenten Thema ‚Sterbehilfe‘ nachgegangen. Eine betroffene Tochter hat mit ihrem Anwalt vor dem Bundesverfassungsgericht nach Zermürbungen einen späten Sieg errungen. Ein Mediziner spricht sich aus eigener Erfahrung ebf. gegen überzogene Gerätemedizin aus. Ex-„Tagesschau“-Sprecher Wilhelm Wieben stellt eine Initiative gegen Einsamkeit im Alter vor.

Das Thema wird in einer zunehmend überalternden Gesellschaft in der Tat immer virulenter. Fernsehsendungen der Genres Doku und Talk breiten gern jene elegische Stimmung aus, die diese Fragestellung umgibt: ausweglose Situationen, schwere Gewissenskonflikte, tiefe Emotionen, letzte Treuebeweise, Jenseitshoffnung.

Zu beiden Themen, ‚Junge Mütter‘ wie auch Sterbehilfe, wären ganz andere Perspektiven möglich. Sie würden freilich nicht der allgemeinen Tendenz ‚Emotionalisierung‘ zuträglich sein. Sie würden anders fragen: Wer? Warum? Wie? Nicht: Jetzt, wo nichts mehr zu ändern ist, geht’s doch irgendwie noch?

Neben manchen Denkfaulheiten sowie quoten- und deshalb werberelevanten Skandal- und Heulsusen-Rezepturen besteht ein Grund dafür, nicht so vorzugehen, in den voraussichtlichen Antworten auf solche Fragen. Könnte man da in kulturellen Bedingungen für bestimmte Verhaltensweisen wie Vaterflucht möglicherweise Ideologien wiedererkennen, die das TV-Programm selbst gedeihen lässt? Wer seine Jugend über mit Charlie Sheen und vergleichbaren Ulknudeln zugeschnürt wird, ist auf solch eine Nachricht nicht eben gut vorbereitet, sondern wartet auf den nächsten Lacher vom Tonband. Wenn der nicht auftritt, kann man schonmal irritiert sein.

Quälende Agonien im Pflegemilieu haben wohl in vielen Fällen mit Möglichkeiten der Pharmazie und Gerätemedizin zu tun. Laut Peter Sawicki, Chef des „Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen“, ist dem so:

Wir geben viel Geld für die Diagnostik aus, für die neuesten Geräte und für Medikamente. Der Mensch scheint weniger wichtig. Bei der Pflege zum Beispiel sind wir sehr sparsam. Wir bezahlen eher die Pillen als die Menschen. Übrigens: Auch die Patientenverbände sind sehr fixiert auf Medikamente und Geräte.

(Hier oder hier mehr zum Thema.)

Werden wir bald einmal einen Reinhold Beckmann sehen, der Vertretern von Chemie-Industrie und Medizintechnik gegenübersitzt und gewohnt pulsschonend fragt: „Könnte es denn sein, dass Sie da doch so ein bisschen aus dem Blick verloren haben, was Leben eigentlich ist? Und entschuldigen Sie, dass ich das so direkt frage: Ist da nicht auch in den letzten Jahrzehnten von Ihnen ein gaaanz klein wenig Einfluss auf die Gesundheitspolitik und die Ärzteschaft genommen worden, um Ihre Gewinne zu erhöhen?“ – Nein, das wird man hier wohl nicht hören. In anderen Talkshows oder Dokumentationen wäre dies möglich und kommt vereinzelt vor. An der Gesamttendenz ändert es offenbar nichts. Denn allemal beliebter sind neben „Beckmann“ noch TV-Serien wie die ARD-Produktion „In aller Freundschaft“, die selbst Skandale wegen Schleichwerbung für die Pharma-Industrie hervorbrachte. Und Entwicklungen, die menschliche Beziehungen zersetzen, Leiden produzieren und auf Kosten des Einzelnen und der Sozialhaushalte kommerziell ausbeuten, schreiten weiter voran.

Die demografische Entwicklung – eigentlich das vordringlichste Thema neben Ökologie und Staatsverschuldung – gibt für Programm-Macher nichts mit Teenie-Müttern und Koma-Patienten Vergleichbares her: Die Betroffenen wollen nicht selbst reden, und andere dürfen aus Gründen des Persönlichkeitsrechts auch nicht drüber quatschen. Also wird geschwiegen – kurzfristig angenehmer für die meisten und gewinnträchtiger für Einzelne ist es allemal.

Obenauf tummeln sich DINKs – Double Income No Kids. Sie saugen sich erfolgreich an den offenen Stellen im Kreislauf der Emotionen und des Kapitals fest und pumpen ihre Speicher voll. Vom Programmangebot mit schwangeren Hartzerinnen bis zum Melotainment mit Herz-Lungen-Maschine geht da immer noch Einiges. Auf der Kinoleinwand gedeihen derweil die Tumore prächtig (in Cannes unlängst hier oder hier); das nächste Wachkoma-Drama (nach dem Klassiker zuletzt hier, hier oder hier) kommt bestimmt. Christiane Peitz weiß im „Tagesspiegel“ (12.05.2011), ebenfalls vom Filmfestival in Cannes, zu berichten:

Jugend ohne Zukunft: Kaum dass ihr Leben so richtig beginnt, sind die Protagonisten all dieser Filme vom Tod umfangen. Skelette klappern, Geister spuken; kein Zufall, dass in gleich zwei Filmen Halloween gefeiert wird.

Da bleibt das TV-Programm ganz konsequent. Denn vom Leben dazwischen, davon wollen einige zu sehr profitieren, als dass davon erzählt werden dürfte. Gelebt wird. Irgendwie. Noch.

Elisabeth Noelle-Neumanns Prophezeiung zur Fernsehkultur


Freitag, 4. Februar 2011, 18:45 Uhr. Autor:

In einem Buchbeitrag von 1988, „Das Fernsehen und die Zukunft der Lesekultur“, verbindet die Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann (1916-2010) wahrnehmungspsychologische Thesen aus älteren und neueren Veröffentlichungen. Der Gegensatz von kognitiven Fähigkeiten, die das Lesen fördert, und der Ästhetik des Fernsehens wird hier deutlich.

Einige ausführliche Zitate können zeigen, welches Wissen in einer solchen Veröffentlichung vom Ende der 1980er Jahre enthalten ist, und wie sie sich zur medialen und politischen Gegenwart verhalten.

Zunächst geht es um Forschungen zu Wahrnehmung und Informationsverarbeitung im Vergleich von lesenden und nicht-lesenden Testpersonen sowie darum, inwiefern Informationsangebote bestimmte gesellschaftliche Gruppen erreichen – oder eben nicht:

Schon in den 40er und 50er Jahren hatten Kommunikationsforscher, die die Wirkung von Aufklärungskampagnen untersuchten, irritiert gefunden, daß diese Kampagnen ihre Adressaten nicht erreichten. Vor allem diejenigen, die schon Bescheid wußten, vergrößerten während der Kampagnen ihr Wissen, diejenigen, denen jedes Wissen fehlte, bemerkten die Kampagnen kaum. Wissen weckt Interesse, Interesse erleichtert Lernen, so vergrößert sich das Wissen, es ist ein Wechselspiel, und unvermeidlich wird dabei die Kluft zwischen den Aktiven, die zulernen, und den Passiven, die nicht zulernen, immer breiter. Für dieses Phänomen wurde der Ausdruck vom wachsenden Informationsabstand, vom ‚increasing knowledge gap‘ geprägt. Zu beobachten war diese Scherenbewegung in der modernen Welt überall, in den Industrieländern ebenso wie in den Entwicklungsländern, denen man mit Informationsprogrammen helfen wollte.
(S. 229)

Neuropsychologisch präziser geht es dann um die Rolle der beiden Hemisphären des menschlichen Gehirns in diesem Kontext:

Viele Befunde der Kommunikationsforschung der letzten Jahrzehnte kommen erst jetzt mit diesem neuen Wissenszweig ihrer Aufklärung näher: so wahrscheinlich die eingangs erwähnte Beobachtung, daß Zeitungsleser Fernsehnachrichten besser aus der Erinnerung wiedergeben können als Viel-Fernseher, die wenig Zeitung lesen; die passive Erinnerung an Fernseheindrücke, also das Wiedererkennen von Bildeindrücken ist gut entwickelt, die Bildereindrücke haften. Aber ohne eine ständig eingeübte Entschlüsselung von Worten und noch eine Stufe weiter von Schriftzeichen ist es offenbar schwerer, sie aktiv ohne Gedächtnisstütze auf einen Willensimpuls hin zu reproduzieren; dies gelingt eher, wenn die linke Hemisphäre, die auch die ‚lexikalische Hemisphäre‘ genannt wird, stärker beteiligt und geübt ist, es ist also eine Sache des ‚retrieval‘.
(S. 239)

Was dann über die Ästhetik der Repräsentation von Ereignissen durch das Fernsehen folgt, ist ein elementares Argument, um über seine gesamtgesellschaftliche und psychologische Wirkung zu reflektieren:

Das Fernsehen bringt ein ausschnitthaftes Bild des Geschehens, und zwar in einem, wie amerikanische Untersuchungen zeigen (Lang, Lang, 1953), beträchtlichen Dramatisierungseffekt, der in der Natur dieses Mediums liegt. Diese pointierten Bilderkürzel, die das Fernsehen als Realität vermittelt, fügen sich erst durch synthetische Leistungen des Zuschauers – er interpretiert, er fügt die Informationen in einen Rahmen ein, er relativiert – zu einem realistischen Bild zusammen. Für denjenigen jedoch, der diese gedankliche Organisation nicht leistet, weil er nicht liest, ergibt sich tendenziell ein zusammenhangloses Bild des Geschehens. Es passiert zwar viel, viel Streit, aber gerade dieser Eindruck schieb sich vor ein Verständnis der politischen Materie. Ohne Kontrakt mit Gedrucktem fördern die Darbietungen des Fernsehens ein falsches Bild von Politik (Noelle-Neumann, Schmidtchen, 1968, S. 56-58).
(S. 242)

Der „Streit“ bezieht sich auf Inhalte politischer Berichterstattung. Fast jede aktuelle Talkshow gibt hierüber beredt – oder eben beschreiend – Auskunft. Themen werden aufgebauscht und zerredet, Teilnehmer reden durcheinander und zerstören gedankliche Zusammenhänge, wenn man sie in zu großer Zahl für die zur Verfügung stehende Spanne von Sendeminuten aufeinanderhetzt.

Die in den nächsten Monaten bevorstehende Praxis etwa der ARD bedeutet vor dem Hintergrund der besonnenen Erwägungen einer Noelle-Neumann eine paradoxe Intervention, die allerdings ihre heilende Wirkung erst erweisen müsste – noch sind wir damit von „Reframing“ und „Alternativverhalten“ relativ weit entfernt. „Der Spiegel“ bemerkt am 05.12.2010 zur Programmplanung ab dem Herbst 2011, dass dann allein auf diesem Sender fünf wöchentliche Talkshows mit den Moderatoren Reinhold Beckmann, Günther Jauch, Sandra Maischberger, Frank Plasberg und Anne Will auf dem Programm stehen.

Für Noelle-Neumann ergibt sich die Schlussfolgerung:

Die Hemisphären-Forschung erweckt die Hoffnung, daß man eine solche Wirkung von viel Fernsehen in Zukunft erklären kann. Vom jetzigen Wissens- und Beobachtungsstand aus würden wir vermuten: Das Fernsehen trainiert nicht die Fähigkeit, der Darstellung von längeren Zusammenhängen zu folgen. Es preßt seine Mitteilungen in knappste Zeit, es erzeugt damit eine unterschwellige Ungeduld gegenüber Mitteilungen, die mehr Zeit beanspruchen. Das Fernsehen nutzt seinen Vorteil, durch rasch wechselnde Bilder anzuregen, zu beleben, Interesse zu wecken, zu unterhalten. Es entwickelt nicht die rationale Gliederung, die logische Verknüpfung, um Mitteilungen verstandesmäßig zu verarbeiten. Informiert zu sein, besteht ja nicht aus punktuellen Kenntnissen. Verstehen heißt, im wesentlichen die Zusammenhänge zwischen Fakten und Argumenten in Gedanken nachvollziehen zu können. Dabei spielt eine besonders große Rolle der direkte Zusammenhang, das heißt, daß man in der Lage ist, nicht nur Zusammenhänge zwischen einem und einem anderen Faktor zu erkennen, sondern Zusammenhänge, die in mehreren Schritten verlaufen: A beeinflußt B, und B beeinflußt C, so hängen dann A und C zusammen. Ebenso können Wechselwirkungen fast nicht durch das Fernsehen dargestellt werden.
(S. 245)

Die Aussicht, die so im Jahr 1988 gegeben wird, sollte an der Gegenwart überprüft werden:

Die Aufgabe heißt jetzt, die Beziehungen zwischen Lesen und Fernsehen zu erforschen und die Methoden zu erkunden, wie zu verhindern ist, daß sich Fernsehen ohne Lesen ausbreitet. Es würde in einer Gesellschaft von Fernsehzuschauern, die nicht zugleich Leser sind, im gesamten politischen Bereich, in allen Bereichen, in denen Menschen auf Informationen außerhalb ihrer Erfahrung angewiesen sind, die Manipulierbarkeit erleichtert. Und würden wegen Mangels an Übung und Verwöhnung durch Fernsehen die Barrieren, ein Buch zu lesen, höher werden, dann würden die Ich-Erfahrung und Phantasie veröden.
(S. 251)

Auch Elisabeth Noelle-Neumann nahm gelegentlich an Talkshows der ARD teil. Vielleicht ist es nicht nur Zufall, dass der Pianist Lang Lang (s. o.) in derselben Sendung von „Reinhold Beckmann“ am 18.12.2006 zu Gast war, als die langjährige Leiterin des Allensbach-Instituts, eines think tank nicht nur für die CDU und Noelle-Neumanns persönlichen Freund Helmut Kohl, sich in dieser Sendung ausgerechnet einer Ägyptenreise erinnerte, der sie ihren neuen Glauben an Wiedergeburt verdanke. Ihre Schilderung lässt sich abermals als paradoxe Intervention lesen, mit der sie scheinbar mit Veränderungen des Zeiterlebens Frieden schließt, die sie – in umgekehrter Logik für das Zeitempfinden von TV-Zuschauern – in ihrem zitierten Text als medienästhetische Struktur qualifiziert, die „unterschwellige Ungeduld gegenüber Mitteilungen [erzeugt], die mehr Zeit beanspruchen“ (s. o.):

„Ich hatte plötzlich das Gefühl, und das war das Entscheidende: Es gibt keine Zeit. Die Zeit ist einfach im Boden verschwunden. Herrlich.“

Als wie „herrlich“ die Dame die realgeschichtlichen Entwicklungen in ihrem Land, die sie dem Wortlaut ihrer schriftlichen Veröffentlichungen doch in Richtung Bildungsförderung und Aufklärung zu lenken versuchte, ansah, werden wir nun nicht mehr erfahren. Dass ihrer Meinung zufolge eine Zunahme von audiovisueller Prägung „die Manipulierbarkeit erleichtert“, führt in Kombination mit anderen Quellen zu dem Schluss, dass Manipulierbarkeit und Manipulation zugenommen haben. So die Ergebnisse der Studie „Leseverhalten in Deutschland im neuen Jahrtausend“ im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung von der Stiftung Lesen von 2001:

Die Buchlektüre ist bei den Bundesbürgern in den letzten Jahren im Schnitt zurückgegangen, und es gibt mehr Nichtleser. Vor allem bei den 14- bis 19-Jährigen ist ein Rückgang erkennbar: Haben 1992 noch 83% bis zu einmal pro Woche ein Buch gelesen, so sind es heute nur noch 71%. Bei den 20- bis 29-Jährigen sind es 44% gegenüber 58% in 1992.

Vielleicht ist es nicht unsymptomatisch, dass Noelle-Neumanns hochaktuelle, aber in der (massenmedialen wie wissenschaftlichen) Öffentlichkeit kaum präsente Aufsatzveröffentlichung mir in jenen Tagen begegnet, in denen – jedenfalls nach Auffassung von Slavoj Žižek in einem Artikel des „Guardian“ vom 01.02.2011 – „[i]n the best secular democratic tradition, people simply revolted against an oppressive regime“.

Für das von Žižek beschriebene Ägypten wie für das hiesige Land steht der Erfolg solcher emanzipatorischer Bewegungen in ganz unterschiedlicher Weise und divergierenden historischen Phasen kontinuierlich auf der Probe.

Zitate, sofern nicht anders verlinkt, aus
Noelle-Neumann, Elisabeth (1988): Das Fernsehen und die Zukunft der Lesekultur. In: Fröhlich, Werner D. / Zitzlsperger, Rolf / Franzmann, Bodo (Hg.) (1988): Die verstellte Welt. Beiträge zur Medienökologie. M. e. Einf. v. Neil Postman u. e. Nachw. v. Hilmar Hoffmann. Frankfurt a. M., S. 222-254

Dynastien 2 – Albrecht / von der Leyen dies- und jenseits des Bildschirms


Sonntag, 28. November 2010, 6:27 Uhr. Autor:

Familienpolitik, die etwas taugte, wäre auch Medienpolitik. Ist eine solche aber von der amtierenden Ministerin für Arbeit und Soziales und früheren Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) zu erwarten? Die politische Wirklichkeit gibt schon die Antwort. In dieser Wirklichkeit nicht unmittelbar ersichtlich sind Tatsachen, die möglicherweise zu einer solchen Situation ursächlich beitragen (dazu gleich mehr.)

Im Video-Teaser zum Buch „Glotze fatal“ sehen und hören wir die Ministerin in der Talkshow „Beckmann“ (ARD) für alle sozial benachteiligten Kinder ein „warmes Mittachessen“ einfordern. An anderer Stelle – wie nicht nur in einem offiziell präsentierten Interview vom 23.08.2010 – kommt dazu noch die Vorstellung von „Spocht“ als idealer Freizeitbetätigung.

Das sind für sich genommen keine falschen Ansätze. Sie betreffen aber nicht alle Faktoren nachteiliger Entwicklungen der Umstände von Erziehung und Familienleben. Dazu gehört prominent Fernsehen in bestimmter Form und zeitlich ausgedehnter Verabreichung.

Vom „Familienmitglied Fernseher“ ist in solchen Zusammenhängen gern die Rede. So der Vergleich in einem älteren Bericht (18.06.1996) von der Universität zu Köln, der die Arbeit von Prof. Dr. Bettina Hurrelmann (Arbeitsstelle für Leseforschung und Kinder- und Jugendmedien, ALEKI) betrifft:

Kleinere Familien mit ein oder zwei Kindern kommen am besten mit dem Fernsehen zurecht. Alleinerziehende und kinderreiche Familien haben dagegen groessere Probleme mit diesem Medium. Haeufig wissen die Eltern nicht ueber das Sehverhalten ihrer Kinder Bescheid. […]
Eine Hilfe erhoffen sie sich von speziellen Programmempfehlungen fuer Kinder, von speziellen Kinderkanaelen und von einer verbesserten Kinderprogrammkritik.

Ist derlei in den 14 seitdem vergangenen Jahren eingetreten?

Spezialisierte TV-Angebote für Kinder haben sicher an Zahl zugenommen. Aber hat dadurch der TV-Konsum ab- oder zugenommen? Und wie ist die Qualität der Inhalte solcher Sender zu bewerten?

Darüber könnte man ausführliche Gutachten erstellen, die nicht erstellt werden, weil sie niemand bezahlt. Damit wären wir beim ökonomischen Interesse am Medienkonsumenten Kind. Laut Umfragen beträgt die TV-Konsumdauer in Deutschland im Alter von 3-13 Jahren derzeit im Durchschnitt 91 Min. täglich – bei starken regionalen Schwankungen. In einer amerikanischen Studie wird für diesen ‚Markt‘ in einer Meldung vom 27.10.2009 eine konkretere Antwort zur Frage nach Veränderungen in den letzten Jahren gegeben:

Die TV-Nutzung von Kindern ist innerhalb der vergangenen sechs Jahre auf einen neuen Rekordhöchststand geklettert. Wie ein aktueller Bericht des US-Marktforschungsunternehmens Nielsen http://www.nielsen.com zeigt, verbringen Kinder im Alter zwischen zwei und fünf Jahren heute im Durchschnitt mehr als 32 Stunden pro Woche vor dem Fernsehbildschirm. Bei der Altersgruppe der Sechs- bis Elfjährigen liegt der entsprechende Wert bei über 28 Stunden.
Ausschlaggebend für die hohe TV-Nutzungsdauer von Kindern seien vor allem eine deutliche Ausweitung der entsprechenden Programmangebote, der Siegeszug neuer Technologien wie etwa Video-on-Demand-Diensten, digitaler Videorekorder und die zunehmende Verbreitung von Videospielkonsolen.

Die gesundheitlichen und psychologischen Konsequenzen werden immer wieder thematisiert – und selten in vorteilhafter Weise. Eine der neuesten Meldungen der amerikanischen Fachzeitschrift „Pediatrics“ vom 11.10.2010 wird von der „Rheinischen Post“ resümiert:

Bei erhöhter Bildschirmnutzung treten bei Zehn- und Elfjährigen demnach häufiger psychologische Probleme auf, darunter emotionale Störungen, Probleme im Umgang mit Gleichaltrigen und Hyperaktivität. Auf Sport und andere körperliche Aktivitäten als Ausgleich für stundenlange Computerspiele oder Fernsehkonsum könne man nach diesen Ergebnissen nicht mehr bauen, resümieren die Wissenschaftler […].

Ursula von der Leyen wird aber, sofern sie weiter Wähler findet, in ihrer Traumwelt verharren dürfen, in der an Mittachessen und Spocht die Welt genesen mag.

Die Neugier von Klatschjournalisten sollte sich vielleicht einmal darauf richten, in welchem Verhältnis sie zu ihrem Bruder steht. Dieser heißt Hans-Holger Albrecht und kann eine beträchtliche Karriere als TV-Manager vorweisen. Derzeit prangt er prominent auf der Startseite des schwedisch-europäischen Medienkonzerns „Modern Times Group“ (MTG):

Screenshot: www.mtg.se, 28.11.2010

1991-96 war Albrecht für die luxemburgische CLT-Gruppe tätig – und dabei u. a. zuständig für den Start von „Super RTL“ in Deutschland.

„Super RTL“ ist nun – u. a. als Abspielstation von Produktionen der „Walt Disney Company“ – einer der wichtigsten Lieferanten von Kinderfernsehen in Deutschland. Es ist deshalb interessant, dass die Marktetablierung dieses Senders zu Beginn der 1990er Jahre und die gegenwärtige Familienpolitik der Bundesregierung von Geschwistern aus der Familie des ehemaligen CDU-Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Ernst Albrecht (*1930), bestimmt wurden und werden.

Man ist versucht, von der Leyens weitgehende Nicht-Erwähnung von TV-Konsum als Faktor der von ihr sonst angeblich bekämpften psychosozialen Entwicklungen mit dem Titel einer Buchveröffentlichung ihres Vaters von 1976 zu beschreiben: „Der Staat – Idee und Wirklichkeit“.

Hans-Holger wird – neben einem gut dokumentierten Skandälchen von 2005 – in der Connection zu seiner Schwester Ursula von der Leyen auch Interessensvertretung für MTG in Sachen Online-Glücksspiel nachgesagt. So weist die Website „boocompany.com“ am 23.04.2009 auf eine mögliche Motivation von der Leyens hin, gegen die Sperrung von Glücksspielseiten im Zuge ihres eigenen Feldzugs gegen Kinderpornografie zu intervenieren:

In den letzten Jahren ist das Unternehmen nach diversen Umstrukturierungen verstärkt in einem neuen Bereich tätig geworden, dem Online-Glücksspiel. MTG erwarb Beteiligungen unter anderem an Bet24.com, einem maltesischen Online-Glücksspielanbieter, der seine Seriösität auf seiner Webseite mit Hinweis auf MTG als Mehrheitseigner unterstreicht[.]

Das ist also ein familiäres Geschäftsumfeld, mit dem sich bei CDU-Wählern kräftig punkten lässt – vor allem, wenn man nicht darüber berichtet.

Die Kultur des Kinderfernsehens, die von der Leyens Bruder zu etablieren half, sollten Sie sich selbst einmal für eine gewisse Dauer ansehen. Ein Blick auf Einstellungen aus dem Nachmittagsprogramm vom 25.11.2010 lässt schon deutliche Gesamttendenzen erkennen: Häufig wiederkehrend etwa ist die Verwendung von technischen Geräten, insbesondere Mobiltelefonen – eine Erklärung für die Manie junger Menschen im Umgang mit hochpreisigen und nicht immer nutzbringenden Kommunikationstechnologien und anderen Wegwerfprodukten (neben der Werbung, wie hier zu sehen, oft in den primären Programminhalten):

 

Screenshots: Super RTL, 25.11.2010

Auch über grundsätzlichere wahrnehmungspsychologische Implikationen der Bildgestaltung solcher Kinderprogramme gälte es zu reflektieren. Alles glotzt, greint und schreit in vielen der Formate (wie hier schon einmal angemerkt):

Screenshots: Super RTL, 25.11.2010

Es bleibt also abzuwarten, ob sich Arbeits- und Sozialministerin von der Leyen jemals nachhaltig über Medienkonsum von Kindern äußern wird – oder ihren Bruder einen guten Mann sein lässt. (Auch von ihrer Amstnachfolgerin als Familienministerin, Kristina Schröder, war hierzu noch nichts zu hören.) Vereinzelte pädagogisch wertvolle Äußerungen von der Leyens – wie in einem „Spiegel“-Bericht vom 23.12.2005 (also zur rührseligen Weihnachtszeit) zitiert – sind dabei nicht zielführend. In der Abwesenheit einer Gesamtstrategie dokumentieren sie im Gegenteil politisches Versagen.

Also sprach Sarrazin


Dienstag, 31. August 2010, 11:52 Uhr. Autor:

Die Resonanz des gestern erschienenen Buchs „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin ist beispiellos: Es ist ein Thema in den Hauptnachrichten und in allen Zeitungen. Am Abend des 30.08.2010, am Tag der Buchpräsentation, sitzt der Autor in der ARD-Talkshow „Beckmann“ und stellt sich der Kritik von drei weiteren Gästen.

Zunächst – und dies wird von Sarrazin selbst angesprochen – muss die Diskussion daran leiden, dass selbst die Empfänger von Vorabexemplaren Mühe gehabt haben dürften, gut 400 Seiten rechtzeitig und gründlich zu lesen. Die Hektik des Betriebs widerspricht der Situation, um die es geht: Migrationspolitik von Jahrzehnten, Jahrzehnte währende Perspektiven einer komplexen Problemlage. Die journalistische Praxis – auch wenn sie ‚nun mal so ist‘ – gehörte eigentlich selbst in Frage gestellt: Warum wartet man nicht eine Woche ab, bis das, wovon die Rede ist, von Diskutanten und dem Publikum erst einmal zur Kenntnis zu nehmen ist?

Der Verlauf der Diskussion ist – wie in TV-Kritiken hier oder hier bemerkt – recht wirr. Sarrazin selbst wirkt von den zahlreichen Anwürfen des Rassismus in latente Panik versetzt. Die z. T. nur ergänzend in Interviews – wie in der „Welt am Sonntag“ – von ihm geäußerten inkriminierten Thesen will ich nicht noch einmal abarbeiten. Sie wirken in der Tat verkürzt bis fragwürdig; als PR-Motor funktionieren sie perfekt. Dass sie den Buchtext im Ganzen repräsentieren, ist wohl nicht der Fall.

Es würde einige Mühe kosten, die zahlreichen angerissenen und wieder fallengelassenen Themen der „Beckmann“-Sendung nachzuzeichnen. Das gehört in der Tendenz zum Charakter von Talkshows, erreicht hier aber bedenkliche Intensität. Sarrazins eigene Dikussionsbeiträge sind nicht sehr souverän, aber vom Druck der Kritiker-Phalanx arg malträtiert. Von Sprachkompetenz bei Migranten ist hier und da die Rede; der Autor selbst zerfasert z. T. in mehreren Wiederholungen des Wortes „also“ in einem Satz und gebraucht dieses so häufig wie kein anderes. (Man kann sich aber auch bei manchen hochrangigen Interessensvertretern von Migrantengruppen, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben, bezüglich ihres Sprachgebrauchs Gedanken machen. Zumindest deutet dieser darauf hin, dass man zu wenig miteinander spricht …)

Ich möchte wesentlich darauf eingehen, dass der Widerstand gegen ein Problembewusstsein, das Sarrazin allem Anschein nach befördern will, etwa von den Diskussionsteilnehmern Renate Künast und Ranga Yogeshwar mit einer selbst pauschalen Polemik gegen „Zahlen“ attackiert wird.

Auch das ist ein Problem der TV-Diskussion generell: Zahlen werden behauptet und durcheinandergeworfen; wenig kann überprüft werden, rein rhetorische Tricks wirken überzeugender als unpopuläre und schwierige Sachlagen. (Man wird sehen, was in der kommenden ARD-Sendung „Hart aber fair“ am morgigen Dienstag mit anschließendem „Faktencheck“ herauskommt.)

Was Sarrazin an statistischen Tendenzen erwähnt – und was von seinem Buch vorab vermittelt wurde – scheint jedoch selten im Einzelnen Gegenstand substanzieller Kritik zu sein. Yogeshwar beruft sich scheinsouverän auf seine eigene naturwissenschaftliche Ausbildung, um deren empirische Basis als Ausgangspunkt für politische Debatten in Zweifel zu ziehen.

Sein einziges Sachargument – das in solchen Debatten immer wieder auftaucht – entbehrt aber selbst definitiv der Grundlage: Wirft Sarrazin Integrationsprobleme bei Menschen aus islamisch geprägten Kulturen als statistisch verifizierbares Problem auf, führt Yogeshwar einmal mehr Kanada als Gegenbeispiel an. Hier seien über zwei, drei Generationen schnellere Integrationsprozesse zu beobachten. Deshalb seien mangelnde Integrationsanstrengungen in Deutschland schuld an schlechteren Schulleistungen und höherer Arbeitslosigkeit etwa von Türken.

Die Bundeszentrale für politische Bildung informiert zur Situation von Migranten in Kanada:

2. Die beiden zahlenmäßig, kulturell und politisch dominanten Gruppen des ethnischen Mosaiks sind die Anglo- und Frankokanadier. Da sie das Gebiet des heutigen Kanadas kolonisiert und den modernen kanadischen Staat gegründet haben, nennen sie sich die “Gründernationen”. Vor einem Jahrhundert stellten sie noch 90 Prozent der Bevölkerung, seither geht ihr Anteil kontinuierlich zurück. 2001 stammte noch ein gutes Drittel der Kanadier aus rein britischen, französischen oder “kanadischen” Familien, der größere Teil (54 Prozent) kommt inzwischen aus gemischten Familien.

3. Die dritte große Gruppe – die europäischen Minderheiten – wurde in zwei großen Wellen ins Land geholt: die erste an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, um bei der Besiedlung des Westens zu helfen, und die zweite kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Einwanderer wegen der boomenden Nachkriegswirtschaft gebraucht wurden. Ein knappes Drittel der Kanadier – einschließlich derjenigen aus gemischten Familien – gehört dazu; die größte Gruppe stellen die Deutschkanadier (2,7 Millionen), gefolgt von den Italienern, Ukrainern, Holländern, Polen und Norwegern.

4. Die so genannten “sichtbaren Minderheiten” (fast drei Millionen Asiaten sowie ca. eine Million Schwarze, Lateinamerikaner und Araber im Jahr 2001) haben sich erst in den vergangenen drei Jahrzehnten zu einem zahlenmäßig gewichtigen Segment entwickelt.

Eine solche Abwehr von kritischen Fragen mit Falschdarstellungen durch den WDR-Journalisten Yogeshwar dürfte mittelfristig kaum von Erfolg gekrönt sein.

Was in der „Beckmann“-Sendung fehlt – und auch dies ein strukturelles Problem von Behandlungen solcher Themen in 60-90 Min., für die die Medienlandschaft in der Masse kaum Alternativen bietet – ist u. a. eine Verknüpfung mit anderen Aspekten. Die demografische Entwicklung in Deutschland etwa findet am Abend des 30.08.2010 keine Erwähnung, obwohl sie ein Kernargument im Zusammenhang wäre: Wenn Integration ein Mechanismus in einer kontinuierlichen Entwicklung sein soll, hätte eine Kultur, in die ‚integriert‘ werden soll, selbst eine gewisse Stabilität aufzuweisen.

Dem ist aber – eins der unumstößlichen statischen Fakten – bei einer recht kontinuierlich bis perspektivisch dramatisch rückgängigen ‚einheimischen‘ Bevölkerung nicht so. „Der Spiegel“ trägt hier etwa hier einige der neueren Daten zusammen und bemerkt:

Die steigende Lebenserwartung konnte den Bevölkerungsschwund kaum bremsen. Im vergangenen Jahr verringerte sich die Zahl der Sterbefälle nur geringfügig um 0,2 Prozent auf 842.000. Die Differenz fiel also negativ aus: 2009 gab es rund 190.000 mehr Todesfälle als Geburten. Im Jahr davor war dieses Saldo mit 168.000 noch deutlich kleiner ausgefallen. […]

Als ein Hauptgrund für die Kinderarmut auf dem Kontinent gilt die immer längere Ausbildung junger Erwachsender – so sehen das zumindest die Experten des Max- Planck-Instituts für demografische Forschung. Deshalb schöben viele Paare ihren Kinderwunsch auf; viele setzten ihn dann nicht mehr um.

Positiv wirkten sich nach Ansicht der Wissenschaftler Einwanderer aus, sie bekämen mehr Kinder als die angestammte Bevölkerung Europas: In acht ausgewählten Ländern (Niederlande, Großbritannien, Portugal, Österreich, Italien, Frankreich, Spanien, Deutschland) hätten die Zuwanderinnen die Geburtenziffern zwischen 1997 und 2006 um drei bis acht Prozent gesteigert.

Entscheidende Probleme solcher Debatten sind die mangelnde Nachhaltigkeit, Differenziertheit und Kontextualisierung; übrig bleiben allzu oft nur die skandalträchtigen und dabei angreifbaren Spitzen.

Wenn bei „Beckmann“ dann ausgerechnet der Streetworker Thomas Sonnenburg, zeitweise TV-präsent mit „Die Ausreißer – Der Weg zurück“ auf dem Krawallsender RTL, als Kronzeuge für bessere Alternativen der Integration auftritt, ist dies eine weitere Kuriosität. Konkret v. a. deshalb, weil er als Beispiel ausführlicher nur vorschlägt, Migrantenkindern mit Integrationsproblemen die Selbstverwirklichung mit selbst komponierten und getexteten Rap-Songs zu ermöglichen.

Jeder kritische Fernsehzuschauer kennt derlei aus entsprechenden Magazinberichten nur zu gut. Glaubwürdig oder sinnvoll als Hilfe für Schulerfolg und Vorbereitung auf die Arbeitswelt ist dies wohl nur sehr bedingt bis gar nicht. Es wirkt eher wie eine hilflose Kapitulation vor gescheiterten Biografien und greift dabei zu Inhalten, die selbst zur Ursache für die Probleme gehören: Die Prägung vieler Jugendlicher durch nichtswürdige Medieninhalte wie die kriminalitäts- und drogengesättigte Rapkultur. Und dabei wäre man bei der Fernseh- und Medienkultur als Wirkfaktor angekommen – die ebenfalls nicht ausreichend in solche Debatten einbezogen wird, weil einige gesellschaftliche Gruppen finanziell und machtpolitisch von ihrer derzeitigen Funktionsweise allzu gut profitieren. Die Langzeitwirkungen und Folgekosten werden deshalb nur ungern kalkuliert.

Was – dies sei vorläufig als Ergänzung angemerkt – ein ebenfalls wiederkehrender Fehler der gesellschaftlichen Praxis und der begleitenden Debatte sein dürfte, ist ein falsches Verständnis von Pädagogik und Leistung. Ein Slogan wie „Fördern statt fordern“ ist den Diskussionsteilnehmern bei „Beckmann“ offensichtlich recht einseitig in Fleisch und Blut übergegangen. Was vielfach auf der Strecke bleibt, ist eine Gleichbehandlung aller gesellschaftlichen Teilnehmer im Hinblick darauf, was von ihnen erwartet werden kann – nicht nur, was sie selbst fordern dürfen.