Mit ‘Pro7’ getaggte Artikel

Sail away auf einem Meer aus Lügen


Sonntag, 10. Juli 2011, 0:05 Uhr. Autor:

Als Programmtip aus dem Archiv der letzten Tage (gefunden via www.videogold.de) sei hier die „Panorama“-Reportage „Das Lügenfernsehen“ von Anja Reschke empfohlen:

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Auf meedia.de klärt Stefan Winterbauer am 08.07.2011 hinwiederum darüber auf, dass auch der Umgang des NDR-Magazins von bestimmten Interessen – nun eben jenen, das Privatfernsehen bloßzustellen – geleitet sei. Winterbauer sieht hier „eher überschaubare Enthüllungen“.

An dieser Schraube können wir genüßlich noch etwas weiterdrehen: Herrn Winterbauers Beitrag nämlich wirkt schon eher so, als wollte man bei meedia.de die Bewusstseinsbildung beim breiteren Publikum, wenn sie denn einmal befördert wird, durch etwas lässiges Wissen-wir-doch-alles-schon ausbremsen. (Auf demselben Portal geht das manchmal auch nach dem Prinzip So-schlecht-ist-es-doch-auch-nicht, wie hier in meinem Kommentar bemerkt.)

Was Winterbauer als Enthüllung „eher überschaubar“ findet, ist in Reschkes Bericht nach Tests mit Zuschauern jedoch statistisch etwa der Hälfte der Konsumenten unbekannt – das erwähnt er seinerseits wieder nicht. Und wenn Top-Politiker schon nichts über die Realität der Massenmedien gewusst haben wollen (s. u.), warum dann nicht über sie berichten? Wenn dann nicht falsch berichtet wird, erübrigt sich doch Kritik an dieser Stelle, wenn sie nicht aus anderen Gründen bezahlt wird – und auch dann erübrigt sie sich für alle, die nicht selbst daran verdienen.

Winterbauers Enthüllungen über die enthüllende Anja Reschke sind, wie er selbst zu ihr bemerkt, denn recht überschaubar. Falschdarstellungen gibt es gegenüber der allgegenwärtigen Lügenästhetik bei RTL oder Pro7 jedenfalls keine. Anja Reschke hat einen früheren Bericht überarbeitet und dabei ein veraltetes Thema (Fälschungen des TV-Journalisten Michael Born) und ein Interview mit einem Produzenten herausgenommen, der auch für den NDR liefert. Ändern tut das an der Aussage und dem Realitätsgehalt dieser Reportage wohl nichts.

Dann mokiert sich Winterbauer, der Bericht sei „angereichert mit Interviews von alten Männern (der frühere Postminister Christian Schwarz-Schilling und der medienpolitische Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion Wolfgang Börnsen)“, deren „Antworten […] man sich denken“ könne. Gegen die Auswahl dieser Personen spricht nun gar nichts – historisch Verantwortlicher für die medienpolitische Umsetzung des „Kabelfernsehens“ und aktueller Medienbeauftragter. Wo sieht Stefan Winterbauer da die Alternative – vorher seitens des NDR Bill Kaulitz zum medienpolitischen Sprecher der Union machen, um dann nicht „alte Männer“ interviewen zu müssen?

Das Interessante beim Ansehen ist, dass die Art und Weise, wie etwa Schwarz-Schilling – obwohl vom Prinzip ‚Private‘ nach wie vor überzeugt – sich über seine eigene Hinterlassenschaft an einem Beispiel aus „Mitten im Leben“ (RTL) echauffiert, selbst schon wieder scripted wirkt. (Es ist exakt derselbe Effekt, der bei der Konfrontation des Wirtschaftsministers a. D. Wolfgang Clement, SPD, eintrat, als ihn Markus Breitscheidel mit der Realität von Leih- und Zeitarbeit vertraut machte – so hat man sich das nicht vorgestellt, aber nachhaltig politisch umgesetzt. Hier auf „YouTube“ zu sehen.) Börnsen begann angeblich, nach dem Interview mit Reschke mahnende Briefe an Ministerpräsidenten zu schreiben, weil er nun gelernt hatte, was Scripted Reality ist. Da ist man in der Medienpolitik also schwer auf Draht.

Ich finde, die Reportage funktioniert schon ganz gut, und der „Zynismus pur“, den auch Winterbauer bemerkt, ist nachdrücklich dokumentiert. Die psychosoziale Wildwest-Mentalität, die sich da hinter so mancher halbstudierter, aber bestens bezahlter Hornbrille verbirgt, wird uns weiterhin zu schaffen machen. Und so lustig sind CDU-Comedians, die ihnen den Weg bereiten, dann auch nicht, dass sich das Spiel dafür lohnte.

(Das Buch „Glotze fatal“ enthält einige Fallbeispiele aus der Scripted-Reality-Praxis, so auch aus „Mitten im Leben“.)

Morbide Kapriolen 4 – Dracula 2


Donnerstag, 13. Januar 2011, 17:04 Uhr. Autor:

Ein Dialogtext, wie er das Serielle mit dem Morbiden, das Fantastische mit der Selbstbeschreibung des Medialen verbindet.

Regisseur Patrick Lussier schneidet noch mehr Horror-stuff, als er auf dem Regiestuhl in zweiten und dritten Fortsetzungen inszeniert. Co-Autor Joel Soisson schreibt und produziert dabei noch mehr im selben Modus. Maniac Cops, Hellraisers, Nachtmahre, weißes Rauschen und Licht, das es zu fürchten gilt, tanzen in diesen Arbeitsbiografien unentwegt ihren Reigen.

Lowell (Craig Sheffer): „Vor 15 Jahren war ich ein armer Medizinstudent – genau wie du heute. Und ich hatte einen Job im Leichenschauhaus – genau wie du. Eines Tages passierte etwas, was ich mir nicht erklären konnte. Ein Vampir, ein Wesen aus einer anderen Welt, landete bei mir auf dem Seziertisch. Aber bevor ich das richtig mitgekriegt hatte, tauchte ein alter Priester auf und wollte die Leiche mitnehmen. Er fragte mich, ob jemand die Leiche schon untersucht hätte. In seinen Augen sah ich: Wenn ich ‚Ja‘ gesagt hätte, wäre ich dem Tod geweiht gewesen. Und dann ist mir ein Licht aufgegangen. Diese Möglichkeiten – die Macht! Ich bin durch’s Land gezogen und hab in einem Leichenschauhaus nach dem anderen gearbeitet und immer gehofft, ich finde noch einen. Aber dann hat mein Körper angefangen zu versagen. Also habe ich Augen gebraucht und Ohren – jemand, der für mich Dinge erledigt, die mir unmöglich waren.“

„Wes Craven präsentiert Dracula 2 – The Ascension“ (USA/R 2003, R: Patrick Lussier, B: Joel Soisson / Patrick Lussier) – Pro7, 06.01.2011, 1.50-3.10 h

„Schlag den Raab“ in Zahlen


Freitag, 24. Dezember 2010, 4:11 Uhr. Autor:

In einem gerade mal angefangenen Blog namens „Just 336647“ findet sich hier eine knappe, aber interessante Aufstellung zur Zeitökonomie der Show, wie ich sie auch im zweiten Video zu „Glotze fatal“ in Kombination mit anderen zeitfressenden TV-Formaten wie „Wer wird Millionär?“ (RTL) und der Serie „24“ (RTL2) herauszupräparieren versuche:

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Mit Dank an B. für die „Just 336647“-URL

Ein Sturz bei „Wetten, dass..?“


Sonntag, 5. Dezember 2010, 21:59 Uhr. Autor:

Das Ereignis entspricht der Unterzeile von Blog und Buch „Glotze fatal“, „Wie TV-Unterhaltung Leben zerstört“, wie kein anderes seit Beginn des Projekts: Samuel Koch, Kandidat der ZDF-Show „Wetten, dass..?“ am 04.12.2010, befindet sich zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Textes im künstlichen Koma und in einem kritischen Gesundheitszustand. Der 23jährige Student der Schauspielschule Hannover, u. a. als „Stuntman“ tätig, stürzte auf Sprungfedern („Poweriser“) beim dritten von fünf geplanten Sprüngen mit Salto über frontal auf ihn zufahrende Autos unterschiedlicher Größe – in diesem Fall saß am Steuer eines Audis sein Vater.

Auf „YouTube“ sind die entscheidenden Szenen nachträglich anzusehen:

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Hier können wir nachverfolgen, dass das Risikobewusstsein schon Teil der Anmoderation ist. Noch auf der Couch mit den Wettpaten Sarah Nuru (Siegerin der vierten Staffel von „Germany’s Next Topmodel“, Pro7) und Komiker Otto Waalkes, ihrem aktuellen Filmpartner, sitzend, verkündet Moderator Thomas Gottschalk: „Ich habe vieles gesehen in meiner beruflichen Laufbahn. So gefürchtet habe ich mich noch nie, dass dem jungen Mann was passiert, und ich kann nur sagen: Ich hoffe, alles geht gut.“ Und, schon am Rande der Laufstrecke angelangt: „Halten Sie die Augen offen, Sie werden ihnen nicht trauen.“

Unmittelbar vor Beginn der Darbietung mahnt Gottschalk dann noch den Kandidaten: „… also, bevor du am Scheibenwischer klebst, brichst du ab!“ – Koch: „Kommt überhaupt nicht in Frage.“ Und Co-Moderatorin Michelle Hunziker bekennt kurz darauf: „Thomas – ich will’s nicht sehn.“ – Gottschalk: „Ich würd’s auch nicht machen.“

Kochs Vater Christoph startet als vierter Fahrer, folgend auf einen Fehlversuch des Sohnes, mit dem nächstgrößeren Fahrzeug – nach anderen Herstellern nun eine Audi-Limousine. (An anderer Stelle wies ich schon einmal auf Peer Schaders Recherchen zum Product Placement des Autoherstellers in „Wetten, dass..?“ hin.) Gottschalk dazu: „Was für ein Gefühl muss das für diesen Vater sein, wenn ihm sein eigener Sohn vor’s Auto läuft?“ So wird TV-Unterhaltung, was Teil einer Desensibilisierung gegenüber der mechanischen Gefahr für menschliche Körper genannt werden kann (hier schon am Serien-Format „A-Team“ besprochen.)

Unmittelbar vor seinen Anläufen bezeichnet Kandidat Koch die Sprungfedern an seinen Beinen, deren Anwendung ihm dem televisuellen Anschein nach Schäden an Halswirbeln und Rückenmark zufügen, als „Sport‑, Spiel‑ und Spaßgeräte“. Und Hunziker erwähnt betont den Markennamen der Utensilien: „Poweriser“.

Durch das tragische Ereignis erhalten die Szenen der Show, die auch sonst – zumal beim Inhalt einer solchen Wette, einer inszenierten Beinahe-Unfallsituation – befremden können, schiere Irrwitzigkeit. Mehrfach wird Marion Koch, die Mutter des Artisten, nach ihrer namentlichen Erwähnung durch Hunziker in halbnaher Aufnahme gezeigt. Mit verklärtem und verblüfftem Gesichtsausdruck oder auch einer Mischung aus ekstatischer Freude und Angst wird der dramaturgische Verlauf der Wette aufgebaut.

Im Wissen des weiteren Hergangs wird der Veranstaltungsort zu einer gefährlichen Arena, in der unter den Blicken vermeintlich harmloser Zuschauer ein auf sportliche Höchstleistungen fixiertes Opfer des eigenen Ehrgeizes und des öffentlichen Interesses einem Sturz entgegenhechtet, dessen Abschluss in einer Halbtotalen und großer Schnelligkeit undeutlich bleibt. (Die Web-Videos geben mit ihrer Pausen-Funktion Gelegenheit zur Betrachtung des Moments, den die Wiederholungen in Nachrichtensendungen nachträglich pietätvoll ausklammern.) Anschließend folgen die Fassungslosigkeit der Moderatoren und fast statische Bilder der Zuschauerränge, in denen sich der Schock ausbreitet.

Die letzten Sekunden vor dem Unglück fängt die Kamera z. T. aus der subjektiven Sicht des Vaters im Audi ein – hierzu wie zu anderen angesprochenen visuellen Aspekten diese Screenshots aus der Sendung:

Screenshots: ZDF, 04.12.2010

Das Notfall-Programm der „Wetten, dass..?“-Redaktion heißt nach dem Aufprall: „Stars & Musik“. (Auf diese Bezeichnung folgt, wie im obigen Screenshot zu sehen, das Wort „aus“, dann das Logo der Hauptsendung.) Während der schwerverletzt am Boden liegende Kandidat notärztlich behandelt wird, moderiert Gottschalk vorläufig ab, und zum schmissigen Musikjingle der Sendung wird die Ersatzshow eingeleitet. Der erste Song erklingt. Es ist – als Bestandteil einer früheren Ausgabe der Wettsendung – ein Auftritt desjenigen, der an diesem Samstagabend auf RTL mit „Das Supertalent“ zur selben Zeit fast ebenso quotenmächtig sendet: Dieter Bohlen. Im Duo „Modern Talking“ gibt er den Song „Win the Race“ zum Besten.

Auch das ZDF-Programm des folgenden Sonntags bleibt beim Thema: 15.40-17.00 h – „Natürlich die Autofahrer“ (D 1959, R: Erich Engels).

Pro7 im Herbst des Programms


Mittwoch, 27. Oktober 2010, 20:20 Uhr. Autor:

Die in der heutigen Online-Ausgabe der „Welt“ präsentierte Herbst-Programmvorschau für den Sender Pro7 ist ein schönes Beispiel für die zunehmende Ununterscheidbarkeit von Public Relations und „Journalismus“. Der Text basiert auf einer dpa-Meldung und wurde laut Kürzel in der Redaktion von „lk“ bearbeitet.

Aus der Übernahme einer solchen Meldung resultiert absolute Distanzlosigkeit zum Geschäftsinteresse eines Senders. Der zu Beginn des Textes mit einem illustrierenden Foto bedachte Stefan Raab wird sprachlich hochgedopt: „[f]ederführend wie immer“, „[d]er unschlagbare Raabinator“, „Tausendsassa“. Eher als einen Berichterstatter meint man hier eher Raabs Co-Moderator Mathias Opdenhövel in einer ihrer gemeinsamen Sendungen sprechen zu hören, der auch als erstes in einer im Layout noch folgenden Bilderstrecke herumfeixt.

Neben dieser verbalen Schaumschlägerei ist die eigentliche Information sehr dürftig: Raab hat für seine Sendung „TV total“ eine neue Variante des Model-Castings angekündigt. Dazu heißt es weiter:

„Wie die Rubrik inhaltlich gestaltet wird, steht noch nicht fest“, sagte ein Sprecher der Show.

Die Idee muss jedem, dessen Hirn noch nicht ganz von Kathodenstrahlen zerfressen ist, als das denkbar ödeste Recycling erscheinen. Raab bestreitet während der Staffeln des auf seinem Sender Pro7 laufenden Model-Castings „Germany’s Next Topmodel“ mit Heidi Klum ja ohnehin einen nennenswerten Teil seiner eigenen satirischen Sendung mit Material aus diesem anderen Format. Die Satire besteht hier – dies ist der eigentliche Trend, den korrumpierte Medienjournalisten brav verschweigen – gerade in einer solchen prinzipiellen Ideen- und Lustlosigkeit, die aber mit breitestem Grinsen als neuester Spaßfaktor verkauft wird – im Falle eines solchen Textes auch mit Hilfe der dpa und der „Welt“.

Im Rahmen dieser PR-Maßnahme wird dann zur Abdämpfung eventuell aufkeimender Restkritikfähigkeit noch eine Steigerung des läppischen Informationsgehalts vorgenommen:

Raabs Supermodel-Suche sei aber keine Konkurrenz zur sendereigenen Castingshow „Germany’s Next Topmodel“.

Dies sind 13 Worte, mit denen zwar Zeilen gefüllt, aber keinerlei irgendwie geartete Erkenntnisse gewonnen werden können. Die bloße Wiedergabe von Informationen der Sender-Propaganda ergibt im Zeitungstext eine Mischung aus Überflüssigem und fortgesetzt unreflektiert Fragwürdigem: „Konkurrenz“ für eine Sendung sind zunächst zeitlich parallel laufende Sendungen – was hier nicht der Fall ist. Raabs Konzept wird grundsätzlich eher der Ironie und Satire zuzurechnen sein, also mit einem anderen Gestus an die Sache herangehen und demnach keine Konkurrenz für eine Show sein, in der ein vornehmlich weibliches junges Publikum mit Kandidatinnen mitfiebern soll. Auch insofern stellt sich die Frage nach „Konkurrenz“ nicht.

Sie stellt sich aber sehr wohl insofern, als es eine nennenswerte Gruppe von Zuschauern gibt, die auch „Germany’s Next Topmodel“ ansehen, weil sie die Personen, Auftritte und Wettbewerbe peinlich finden, sich darüber amüsieren und also schon mit einer Haltung beginnen, die von Sendeformaten wie Raabs „TV total“ vertreten wird. In dieser Hinsicht wäre eine solche Aussage eines „Sprechers der Show“ durchaus zu hinterfragen. Das geht aber spätestens dann nicht mehr, wenn man als Zeitung nur noch die Agenturmeldung verwurstet.

Diese Scheinerklärung nimmt der Text zum Anlass, zum nächsten Pro7-Flaggschiff, nämlich „Germany’s Next Topmodel“ itself, überzugehen. Hier spart sich die Berichterstattung dann jede inhaltliche Ausschmückung oder einen eigenständigen Kommentar und besteht nur noch aus dem dürren Gerippe von marktwirtschaftlichen Eckdaten wie der bisherigen Zahl von 13.374 Bewerberinnen für die nächste Staffel, Marktanteilen der letzten oder, darüber hinaus, den Namen von Gewinnerinnen – was man ebensogut in der „Wikipedia“ nachlesen kann.

Was bei einem unabgeschlossenen Casting selbstverständlich ist, wird noch einmal ausbuchstabiert:

Welche Kandidatinnen Moderatorin Heidi Klum mit auf ihre Reise nimmt, wird in den nächsten Wochen entschieden.

Und „Die Welt“ wird vollends zum Werbeflyer bzw. zur Ersatz-„Bravo“, wenn sie auch noch den Bewerbungsschluss für „GNTM“ mit Datum angibt.

Wie so oft findet kritische Auseinandersetzung nurmehr in Leserkommentaren statt. In wenigen Stunden nach Veröffentlichung des Artikels hat dort z. B. schon Leser „Vorfreude“ zu Recht ironisiert, dass „wir ja über das Prollfernsehen des Winters ausreichend informiert“ wurden, d. h. über „Sendungen, bei denen Niveau keine Hautcreme ist“, und Leser „Bello“ hofft auf die Zerstörung des Fernsehens durch das Internet, damit uns „diese Idiotensendungen erspart“ bleiben.

Hier deutet sich an, in welcher Parallelwelt Medienmacher und ‑journalisten, die sich im Diskurs auf diese Weise verhalten, selbst verweilen. Die Entscheidungen zum Ansehen und Dranbleiben werden aber wohl ohnehin mehrheitlich woanders und nach anderen Gesichtspunkten getroffen, zumal von Zielgruppen Raabs und Klums. Die Komplizenschaft einer solchen Berichterstattung besteht deshalb vielleicht eher noch in der Abdämpfung eines möglichen kritischen Diskurses, wie er indirekt über „Welt“-Leser die Traumblasen der Casting-Nymphen und Late-Night-Gackerer noch erreichen könnte.

Satire ist hier – wie als Gegenstand des Berichts die Vercastingshowung der Satiresendung zur Castingshow – keine Textsorte mehr, sondern zuerst die Machart selbst.

Probleme mit unlösbaren Problemen


Sonntag, 10. Oktober 2010, 23:31 Uhr. Autor:

Horst Seehofer erreicht am 09.10.2010 mit Äußerungen in der Debatte über Integration ein großes Medienecho. In der „tagesschau“ um 20 h wird ein Interview mit dem „Focus“ zitiert. Auf deren Website ist das Statement im Original zu lesen:

„Es ist doch klar, dass sich Zuwanderer aus anderen Kulturkreisen wie aus der Türkei und arabischen Ländern insgesamt schwerer tun. Daraus ziehe ich auf jeden Fall den Schluss, dass wir keine zusätzliche Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen brauchen.“

Hier wie bei anderen Themen besteht die mediale Öffentlichkeit aus einem konfusen bric à brac, in dem Partialwahrheiten, Fehlinformationen und Trugschlüsse das Publikum dazu anleiten, das Problem letztendlich als ‚irgendwie sehr kompliziert‘ zu empfinden, um dann zum nächsten Thema überzugehen – vorzugsweise zu ‚was Einfacherem‘. Letzteres ist an diesem Abend: „Das Supertalent“ (RTL, 7,82 Mio. Zuschauer), „Melodien der Berge“ (ARD, 3,59 Mio.) oder „Die große TV Total Stock Car Crash Challenge“ (Pro7, 2,14 Mio.).

„Reformstau“ nennt man mit einem – derzeit seltener verwendeten – Wort das Resultat aus dieser Ökonomie der Kommunikation. Im Fall des bayerischen CSU-Ministerpräsidenten Seehofer kann man mehrere Faktoren studieren. Zunächst betreibt er Klientelpolitik, indem er Zuwanderung ablehnt. Dies als Populismus zu geißeln, ist gewiss naheliegend und deshalb beinahe überflüssig.

Nur mit diesem Begriff lässt sich als Verhalten eines politischen Individuums notdürftig erklären, was auf der Sachebene zur Psychopathologie tendiert. Es handelt sich – in einer der drei Definitionen von „Wahn“ durch Karl Jaspers –, um

Unkorrigierbarkeit (Unbeeinflussbarkeit durch Erfahrungen und zwingende Schlüsse)

Es gilt schlicht festzuhalten, dass man CSU-Vorsitzender sein, dabei jedoch nicht einmal eine „Google“-Recherche mit Stichworten wie „migration osteuropa prognose“ durchführen kann (oder Mitarbeiter damit beauftragt) – und im Anschluss daran, ‚wahnhaft‘ nach Schulbuch, davon ‚unbeeinflusste‘ Äußerungen tätigt. Bei der genannten „Google“-Suche findet man auf der zweiten Ergebnisseite z. B. Veröffentlichungen der FDP-nahen „Friedrich Naumann Stiftung“. In einem Beitrag von Gérard Bökenkamp heißt es:

Das Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung erklärte in seinem Dezember-Newsletter aus dem Jahr 2009: „Im Unterschied zur Situation in kinderreichen Ländern wie Frankreich oder Schweden stellt in Deutschland die Zuwanderung deshalb die einzige Möglichkeit dar, den Bevölkerungsrückgang der Zukunft wenn auch nicht aufzuhalten, so wenigstens abzumildern.“ Das Institut fügt allerdings später hinzu, es sei „offen, aus welchen Herkunftsländern diese kommen sollen und wie diese Menschen in Deutschland zu halten wären.“

Diese Einschätzung scheint mir repräsentativ für das zu sein, was sonst zum Thema in fundierten Publikationen zu finden ist. (Ich gab weitere Hinweise schon in Beiträgen zur Sarrazin-Debatte.) Die Kenntnisnahme von Statistiken und Prognosen lautet dann recht unisono:

Unter den jetzigen Bedingungen ist es also eher unwahrscheinlich, dass der Bedarf an Facharbeitern und Hochqualifizierten durch Zuzug von außen gedeckt werden kann, da andere Staaten wie die USA und Großbritannien sich als attraktivere Zielländer für Hochqualifizierte darstellen.

Horst Seehofer geht demnach aller Voraussicht nach fehl in der Annahme, „dass wir keine zusätzliche Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen brauchen“. Dies führt dazu, sich gar nicht erst fragen zu müssen, woher die benötigten Teilnehmer am Sozialsystem denn kommen sollen und ob sie den Fachkräftemangel auch nur annähernd ausgleichen könnten. Der logische Mechanismus dieses Debattenbeitrags ist demnach eine doppelte Verleugnung von Tatsachen mit dem Ausweichen auf eine z. Zt. illusionäre und sehr unwahrscheinliche Zukunftsoption – nicht gerade ein Rezept für ‚Realpolitik‘.

Seehofers verbales Verhalten, das alleine die „tagesschau“ zur besten Sendezeit unkommentiert als dessen parteipolitische Eigenwerbung an 4,8 Mio. Zuschauer übermittelt, wirkt vor dem Hintergrund von relevanten Sachinformationen nicht nur klinisch wahnhaft, sondern auch wirtschaftlich kontraproduktiv. Denn der unsachliche Umgang mit Migranten und deren Zurückweisung in zukünftiger Perspektive dürfte einen Effekt verstärken, den ebenfalls Bökenkamp erwähnt:

Der Vorsitzende des Sachverständigenrats für Integration und Migration Klaus Jürgen Bade beklagt, dass auch immer mehr junge, gut ausgebildete Deutsch-Türken in die Türkei ziehen. Bade sieht einen wesentlichen Grund für die Entwicklung darin, dass viele junge Türken in Deutschland kein Heimatgefühl entwickelten. Es bestehe deshalb die Gefahr, dass die Tüchtigen Deutschland verließen, während die Chancenlosen blieben, weil es nirgendwo ein vergleichbares Sozialsystem gebe.

An einem solchen Argument lässt sich erkennen, dass gerade eine Diskussion über Bildungserfolge von Migranten, wie von Sarrazin angestrengt, dringend erforderlich ist. Trittbrettfahrer dieses Diskurses, die ihn auf eine Zurückweisung von Zuwanderung verkürzen, schaden nach aktueller Lage der Dinge dem Gemeinwesen, wenn sie keine anderen Alternativen aufzeigen und an ihrer Realisierung mitwirken.

Die Informationen der FDP-nahen Naumann-Stiftung bestärken also nicht Seehofer, sondern in puncto Bildung Cem Özdemir von den „Grünen“:

Doch an der Bildungsungerechtigkeit hat sich fast zehn Jahre nach der ersten PISA-Studie immer noch nicht viel geändert. Die soziale Lage in manchen Milieus und Situation in problematischen Stadtteilen sind ein Auftrag an die Politik, endlich unser Bildungssystem, radikal zu stärken – und zwar angefangen bei den Kleinsten bis hin zu den Hochschulen. Wenn wir das nicht tun, wird dieses Land an die Wand fahren.

An dieser Stelle können zunächst weder Fragen der Staatsfinanzen noch der demografischen Entwicklung im Detail erläutert werden. In der Gesamttendenz sprechen sie wohl gegen Hoffnungen, dass hier im Vergleich zur jüngeren Vergangenheit deutliche Erhöhungen von staatlichen Ausgaben möglich sind, was auch diese bildungspolitische Devise in ihrer Machbarkeit zweifelhaft werden lässt. Eine selten ausgesprochene Konsequenz lautet: Zur Erziehung von für die jeweilige Gesellschaft schließlich ‚produktiven‘ Kindern unfähige Eltern, ob Migranten oder nicht, können nicht großflächig und auf Dauer durch das Bildungssystem substituiert werden (Diskussionspunkte: Bildungsniveau, Freizeitverhalten, Wertevorstellungen, Geschlechterrollen, Aufgabenteilung). Bei den letztgenannten Punkten trifft das (Privat‑)Fernsehen aufgrund seiner Diskursmacht von mittlerweile 70% Marktanteil eine eminente Verantwortung. Die Rolle der Medienkritik wie auch sog. staatlicher „Medienwächter“ in der Entwicklung der vergangenen drei Jahrzehnte scheint sich diesbezüglich als beschämend und weitgehend korrupt herauszustellen. Frage, auch an Cem Özdemir: Wie könnte man ein „Bildungssystem“ unter Beibehaltung der jetzigen Kultur des Privatfernsehens „radikal […] stärken“? Würden RTL & Co. lehrreiche Dokumentationen senden, wären sie nicht mehr sie selbst. Würden Kinder entgegen ihrer Gewohnheit Hausarbeiten machen und dabei den Fernseher abstellen, bräuchte man nicht von frühmorgens an ein TV-Programm, das auf sie ausgerichtet ist.

Dem Bundesministerium für Bildung und Forschung gelingt in seinem Referat der OECD-Veröffentlichung „Bildung auf einen Blick“ (2006) eine im Zusammenhang der Bevölkerungsentwicklung symptomatische pseudo-argumentationslogische Maßnahme. Zu Anfang des Papiers geht es um „die Entwicklung der Schüler- und Schülerinnenzahl im Primar- und Sekundarbereich I“ 2005-2015:

Für Deutschland ist mit einer Verringerung um 14 % zu rechnen. Dies ist weit mehr als im OECD-Schnitt erwartet wird (‑6 %). Noch deutlich höhere Rückgänge werden jedoch insbesondere für Polen (‑19 %), die Slowakische Republik (‑21 %) und Korea (-29 %) prognostiziert.

Das steht auf S. 2. Auf S. 7 ist man jedoch schon wieder guter Hoffnung, indem man offenkundig in von Wunschdenken geleitete Ankündigungsrhetorik verfällt:

Eine hoch entwickelte Dienstleistungsgesellschaft, deren Wachstum zunehmend von der Ressource Wissen abhängt, ist auf einen wachsenden Anteil hoch qualifizierter Fachleute angewiesen. Hohe Studienanfängerquoten und eine hohe Bildungsbeteiligung im Tertiärbereich tragen dazu bei, die Entwicklung und den Erhalt einer hoch qualifizierten (Erwerbs‑)Bevölkerung sicherzustellen.

Es gibt also in Deutschland, wie auch in anderen Ländern, aus denen potenziell Zuwanderung zu erwarten wäre, zurückgehende Schülerzahlen aufgrund des demografischen Wandels. Die später anschließende Formulierung eines erwünschten „wachsenden Anteils hoch qualifizierter Fachleute“ kaschiert, dass es nicht nur um einen „Anteil“, sondern auch um eine absolute Zahl im Verhältnis zu voraussehbaren Kohorten von Leistungsnehmern wie Arbeitslosen, Aufstockern und – mit rapide zunehmendem Anteil v. a. – Rentnern geht.

Die Verhackstückung von stundenlangen Nonsens-Darbietungen als RTL-„Supertalent“ – am selben Samstagabend wie Seehofers Zitat von wenigen Sekunden in den Nachrichten gesendet – kann man als die triviale Kehrseite solcher folgenschwerer Verkennungen sehen: Wo einmal die Grenze des Sinnverlustes und der Verleugnung von Wirklichkeit überschritten ist, brechen sich im höher gebildeten Segment ebenso sprachliche Kosmetik ohne nachweisbaren – und vermutlich schwindenden – Bezug („Ressource Wissen“) wie auch eine Unterhaltungskultur Bahn, in der ein Publikum von jahrelang herangezüchteten Idioten nach dem vermeintlich noch größeren Idioten schreit – und ihn von Dieter Bohlen und Redaktion geboten bekommt.

Seehofer müsste, wenn es nicht um Zuwanderer „aus anderen Kulturkreisen“ ginge, an Länder wie Polen oder die Slowakei denken. Doch von deren demografischer Entwicklung weiß er angeblich nichts, ebensowenig wie von derjenigen anderer osteuropäischer Länder, wie das „Migazin“ am 16.12.2009 berichtet:

Die neuen Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes spekulieren auf das Jahr 2014, von dem an für die 2007 beigetretenen EU-Mitgliedsstaaten Bulgarien und Rumänien die Freizügigkeit auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt gilt. Die Zuwanderung aus diesen Ländern wäre ab diesem Zeitpunkt nicht mehr reglementiert und die Grenzen wären somit offen. Mehrere Hunderttausend sind bei der aktuellen Entwicklung aber nicht zu erwarten. Denn die auswanderungswilligen Rumänen und Bulgaren sind bereits in den vergangenen Jahren in Länder wie Großbritannien, Irland und Spanien gezogen, die ihren Arbeitsmarkt für die neuen Mitgliedsstaaten frühzeitig geöffnet haben.

Und weiter hier:

Im Jahr 2030 werden in Rumänien rund 1,1 Millionen weniger Erwerbsfähige leben, was einen Verlust von rund acht Prozent gegenüber dem Jahr 2008 bedeutet. Bulgarien wird bis 2030 bereits 16 Prozent seines Arbeitskräftepotenzials verloren haben. Der demografische Wandel in Europa wird den Wettstreit um Arbeitskräfte zunehmend verschärfen – insbesondere um die qualifizierten.

Für Bayern gibt das Statistische Landesamt Prognosen ab, die eher nach der im „Migazin“ angesprochenen ‚Spekulation‘ klingen, einen vorübergehenden möglichen Trend aufzeigen und zudem eines der wohlhabenderen und damit auch für Zuwanderung attraktiveren Bundesländer beschreiben:

Ab 2011 wird auf Grund der vollständigen Arbeitnehmerfreizügigkeit nach der EU-Osterweiterung ein Anstieg der Zuwanderung erwartet, der sich vorübergehend auch auf die Bevölkerungszahl auswirkt. Voraussichtlich im Jahr 2022 wird die bayerische Bevölkerung mit rund 12,75 Millionen Personen ihr maximales Niveau erreichen und danach wieder abnehmen.

Wovor Politiker zurückscheuen und was sie beizeiten ins krasse Gegenteil verkehren, sind Problemlagen, deren Ursachen kaum oder gar nicht bekämpft werden können. Fatal ist, dass es hierzu keinen ausreichenden journalistischen Widerpart gibt, der – wie gezeigt – inhaltlich sinnlose, falsche und manipulative Verlautbarungen in ihrem Kontext verorten würde. (Andere Parteipolitiker äußern sich wiederum nur in Sentenzen, die Seehofers Aussage ins Gegenteil verkehren und ihn zugunsten anderer Ideologien diskreditieren, wie etwa hier in einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ von Daniel Brössler nachzulesen.) Das, was zu sagen und zu tun wäre, kollidiert in der gegenwärtigen Kultur mit falsch verstandener political correctness sowie zerstörerischen ökonomischen und politischen Einzelinteressen, die z. B. Rechte und Pflichten von Migranten oder die Ursachen von Kinderlosigkeit und Bildungsarmut betreffen.

Suizid ist Pop


Freitag, 10. September 2010, 2:48 Uhr. Autor:

Eine „inoffizielle News- und Fan-Seite“ zu der Reihe „Popstars“ (Pro7), „popstars-news.de“, bemerkt in einem Eintrag vom 02.09.2010 zum „Girls forever“-Casting in Duisburg sehr richtig:

Wie gewohnt gab es viele traurige Geschichten, die die Kandidaten schon erlebt haben.

Dazu gehört in der „Episode 4“ am 09.09.2010, dass Musik-Manager und Jury-Mitglied Thomas M. Stein zu der 23jährigen Kandidatin Ines einleitend zum Vorsingen plötzlich sagt: „Beim Casting hast du mal drüber gesprochen. Du hast gesagt, deine … du warst ziemlich traurig, als deine Freundin gestorben ist …“ – Ines: „Mhm, genau …“ – Stein: „… und du hättst Schuldgefühle. Warum hast du Schuldgefühle, wenn deine Freundin stirbt?“ – Ines: „Ähm … Das ist ja nicht so gewesen, dass es halt ’n Unfall war, sondern, dass sie sich selber leid… Oh Gott, ’tschuldigung … dass sie sich selber leider das Leben genomm…“ (fängt an zu weinen, dreht sich weg) – Stein: „Ah, entschuldige … Das hatt ich jetzt … Da hab ich jetzt nicht damit gerechnet, deswegen …“

In anekdotischer Form begründet die Kandidatin, als sie sich gefasst hat, ihr Schuldgefühl damit, dass sie für ihre Freundin zwei Tage nicht erreichbar gewesen sei und diese sich in diesem Zeitraum umgebracht habe. Stein bemerkt abschließend: „Also, Ines, jetzt muss ich dazu eines sagen: Mir ist das zweimal im Leben passiert. Es tut einem weh, aber ich kann dich wirklich trösten – du musst dir da wirklich überhaupt keine Vorwürfe machen. Aber – um dem Thema jetzt ’ne kleine Wendung zu kommen: Was hast du denn uns vorbereitet im Gesang?“

Die Pro7-Website bemerkt zum darauf folgenden Eingreifen des Jury-Mitglieds Detlef Soost:

Kandidatin Ines kann nicht mehr aufhören zu weinen – gut, dass es Papa Detlef gibt!

Hier ist die Szene auch noch nachzusehen.

Man kann als Außenstehender nicht genau beurteilen, was Stein genau mit seiner Äußerung meint. Öffentlich bekannt wurden bittere Ereignisse seines eigenen Privatlebens am 27.02.2006 durch die „Bild“-Zeitung:

Am 13. November 2005 verlor Stein seine Ex-Frau Waltraud († 53), die Mutter seiner Tochter Alana (19). Sechs Wochen später, am 28. Dezember, starb seine geliebte Ehefrau Margret († 51), die er bis zuletzt aufopferungsvoll gepflegt hatte. […]
„Ich will aufrütteln. Unsere Gesellschaft darf den Tod nicht mehr verdrängen.“

Die Frage ist, ob das geeignete Mittel dazu die Überrumpelung einer medienunerfahrenen Kandidatin vor einem Millionenpublikum ist. Auch dann, wenn Stein nicht die Tode seiner Ehefrauen, sondern Selbstmorde in seinem eigenen persönlichen Umfeld meint – was diesen Hinweis nur rechtfertigen würde – ist diese sekundenschnelle Aufführung des Themas in der Casting-Show recht würdelos. Stein spielt sich zum Priester auf, der die Absolution erteilt – obwohl er dies schon wegen seiner oberflächlichen Kenntnis der Lebenssituation der Teilnehmerin nicht könnte.

Seine Selbstbezichtigung „Da hab ich jetzt nicht damit gerechnet“ dürfte für einen Medienprofi wie ihn wohl nur als gezielte Falschaussage anzunehmen sein: Natürlich sieht er an fast jeder Kandidatin, wie nervlich angespannt sie ist. Mit dem Verweis auf seine Kenntnis des tragischen Erlebnisses von Ines kann Stein – so weiß er, wenn er nicht ungeeignet für seinen Job wäre – eine Gefühlsaufwallung provozieren, wie sie auch an anderer Stelle dieser Episode von „Popstars“ für dramaturgisch gewollte Tränen sorgt.

Dass Ines sich – nachdem sie trotz von Heulattacken geschwächter Performance für den „Recall“ eingeladen wird – noch nett mit Kusshand bedankt, repräsentiert beispielhaft eine von Zweifeln an der Lauterkeit der Veranstalter ungetrübte Sicht der Konsumenten.

Dass das dritte Jury-Mitglied Marta Jandová hauptberuflich Sängerin der Band „Die Happy“ ist, kommt als Information in Einblendungen nach den morbiden Schluchz-Provokationen des Jury-Seniors Thomas M. Stein natürlich noch besser.

Es verwundert kaum, dass diese existenziell randgängerischen Initiations- und Machtspiele an das erinnern, was in der fabelhaften Dokumentationsserie „Okkulte Musikindustrie“ auf „YouTube“ ausführlich dokumentiert und erklärt wird. Neben dem Stern, der hier schon im Logo prangt, wird dieser im Mikrofonständer auch noch mit dem Motiv des Punktes im konzentrischen Kreis kombiniert:

Screenshot: Pro7, 09.09.2010

Etwa hier wird dieser als keltisches „Symbol für die Ganzheit des Universums“ interpretiert. Auch an die Form des menschlichen Auges ist zu denken, das die Doku-Serie „Okkulte Musikindustrie“ naheliegenderweise mit der geheimbündlerischen Symbolik in der Tradition der Freimaurerei in Zusammenhang bringt.

In „Popstars“ spielt sich in dieser Dekoration in der geschilderten Szene jedoch eine vordergründig rein private und menschliche Geschichte ab. Die Instrumentalisierung von unerfahrenen Akteurinnen und Emotionen ist sehr durchsichtig, aber effektiv. Am 20.08.2010, zu Beginn dieser Staffel von „Popstars“, wusste der Branchendiest „kress“ auf seiner Website:

Großes Aufatmen bei ProSieben: Die “Popstars” sind wieder da und machen die Quotenmisere von “Crazy Competition” vergessen. Zum Auftakt holten D! und die trällernden Mädels 16,9% Marktanteil, es schalteten 1,78 Mio 14- bis 49-Jährige ein.

Die auf die unmittelbare Einfühlung in Erregungsmomente und Gefühlsausbrüche abzielende Inszenierung findet in der Psychotechnik von Thomas M. Stein eine sehr perfide mustergültige Realisierung. Die Sendereihe setzt sich mit einer Tendenz zu fragmentarisch eingebetteten Psycho-Themen und eher verständnisvollen Gutachtern hinter dem Jury-Tisch von den Pöbeleien der RTL-Kokurrenz „Deutschland sucht den Superstar“ ab. Das besprochene Beispiel sollte jedoch die Geistesart und lesbaren Absichten der Macher deutlich machen: Die einzig ehrliche Konsequenz einer von Stein in der „Bild“ vor sich her getragenen Rührseligkeit wäre die Abschaffung der Art, nach der er sich gegenüber solchen „Popstars“ verhält.

Not so nice and handy


Montag, 2. August 2010, 21:46 Uhr. Autor:

Wer anständig arbeitet und dabei anständig viel Elektronik braucht, wird heute ab 15 h auf Einsfestival die Dokumentationen „Wahnsinn Handy“ (R: Wolfgang Luck) und „Gnadenlos billig – Der Handyboom und seine Folgen“ (R: Mirjam Leuze und Ralph Weihermann) verpasst haben. Dies kann man morgen, am 03.08.2010, auf demselben Sender jedoch nachholen – je nachdem, ob man um 4.45 h oder um 9.45 h aufsteht.

Die Wiederholungen auf einem solchen Spartensender sind für Interessierte ein Segen. Die Zuschauerzahlen reichen an jene Medienangebote, die das betreffende Konsumsegment bearbeiten, nicht heran. Selbst eine mäßige Einschaltquote von „Germany’s Next Topmodel“ (Pro7) in der fünften Staffel von 2010 von um 3 Mio. pro Folge bedeutet etwa das Zehnfache von dem, was Dokumentationen auf Phoenix, Einsfestival oder den dritten Programmen verbuchen. Und dort sehen die ZuschauerInnen etwas anderes:

Screenshots: Pro7, 22.04.2010 / Einsfestival, 02.08.2010

Zu den kontinuierlichen Werbepartnern des Model-Castings gehören Handy-Hersteller – wie im gezeigten Beispiel Sony Ericsson. Eine Dokumentation wie „Gnadenlos billig“ berichtet von den Konsequenzen des Elektronik-Konsums: Handys enthalten wie alle vergleichbaren Geräte einige der schädlichsten Gifte. Die Rückgabequote der Geräte liegt, wie von Leuze/Weihermann berichtet, bei 1-3 % – von in Deutschland ca. 30 Mio. verkauften Apparaten im Jahr. Wenn diese nicht bei ihren Besitzern verbleiben, landen sie, wenn nicht unsachgemäß entsorgt, im Elektronikschrott, und dieser wiederum wird bekanntermaßen oft in Entwicklungsländern ‚weiterverarbeitet‘.

„Gnadenlos billig“ zeigt die Realität dieser Entsorgung, so etwa, wie im Screenshot zu sehen, Werkstätten in Indien, deren Arbeiter oft nicht über die Schäden an ihrer Gesundheit informiert sind.

Fragwürdig sind ebenso die Arbeitsschutzmaßnahmen sowie die Dumping-Lohnpolitik von Herstellern wie Nokia in Indien, worum es in der Doku geht. Eine Lösung wäre vielleicht: Etwas mehr für das Einzelgerät berechnen und an die Arbeiter weitergeben, Geräte nicht ausrangieren, nur weil es ‚Neueres‘ gibt. Aber das ist ‚natürlich‘, d. h., pardon, kulturell illusorisch. Realistisch ist fortgesetzt die rücksichtslose Vernutzung von Mensch und Umwelt. Aber was soll’s, wenn z. B. Püppchen ihre Girlies nun nicht einfach mit dem Handy filmen, sondern mit dem Handy in HD-Qualität filmen will? Wer dadurch in Indien verreckt, dürfte Heidi Klum als eine der Nutznießerinnen relevanter Werbespots vermutlich wenig interessieren.

Die genannten Dokus wurden zuerst in dritten Programmen des SWR und WDR sowie bei Phoenix gezeigt. Zu „Gnadenlos billig“ ist für Lehrzwecke eine DVD erhältlich. Das Blog „ReWashTV“ verrät auch Links zu YouTube. Die im Film einbezogene NGO Germanwatch infomiert zum Thema auf ihrer Website.