Mit ‘Phoenix’ getaggte Artikel

Zweifelhafte Öko-Erleuchtung durch Energiesparlampen


Dienstag, 2. Oktober 2012, 21:00 Uhr. Autor:

Hier sei der Hinweis gegeben auf eine interessante Dokumentation, die – ich werde nicht müde, so etwas zu betonen – nicht (nur) auf Sendeplätze wie am 08.08.2012 im ZDF um 22.45 h oder in Spartenkanäle wie gestern und heute im Nachmittagsprogramm von Phoenix gehört, sondern in die Prime Time. Die Rede ist von „Giftiges Licht – Die dunkle Seite der Energiesparlampe“ (R: Alexandra Pfeil). Die Sendung ist derzeit in der ZDF-Mediathek, aber auch auf YouTube zu sehen.

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Am Beispiel dieser neuen Technikentwicklungen kann man schön Selbstwidersprüche, Planungswahnsinn und peinliche Unwissenheit zentralisierter EU-Behörden mitverfolgen. Wer glaubt, dass diese Belegschaft sich in wichtigeren Fragen als fähiger erweist als hier, darf zu den Optimisten gezählt werden. Aber auch die Programmpolitik der öffentlich-rechtlichen Sender setzt die dahinterstehenden Interessen (Kommerz und, vielleicht, Finstereres) durch die Marginalisierung solcher intelligenten Berichterstattung durch.

Größter anzunehmender Unsinn


Freitag, 18. März 2011, 2:13 Uhr. Autor:

Es war zu erwarten und ist wohl besser als Tatenlosigkeit: An der japanischen Küste ist eine Hölle auf Erden entstanden, und nicht nur in Deutschland diskutiert man, wie seit Jahrzehnten, über Pro und Contra Atom sowie die Laufzeiten von Kraftwerken – wie es scheint, nun eben mit einem neuen, sehr gewichtigen Argument.

Für Sprachlosigkeit, die der Anblick menschlicher Tragödie hervorrufen kann, haben Politiker erfahrungsgemäß keine Zeit. Gehandelt muss werden, und wenn schon so viel falsch gehandelt wurde, muss man umso schneller und vehementer gegensteuern.

So weit, so angeblich pragmatisch. Und Atompolitik zählt zu jenen Geschäftsfeldern, auf denen der fait accompli zur strategischen Grundausrüstung gehört. Wenn es eine Gegenwehr geben kann und soll, muss sie die Gunst der Stunde nutzen. Wir verstehen.

Sieht man von diskussionswürdigen pragmatischen Vorteilen und existierenden Sachzwängen einmal ab – und das muss eine Politik können, die nicht ausschließlich reagiert – hätte sie sich gerade bei einer lebensbedrohenden Technologie zunächst einige Prinzipien zu vergegenwärtigen, an denen sie ihr Tun ausrichtet – und zwar so verbindlich, wie unerbittlich in diesem Fall die physikalischen Tatsachen sind.

Demnach wäre die Abstandnahme von potenziell unbeherrschbaren Techniken und ihren Folgen eigentlich notwendiger Schluss selbst noch aus einer Definition des Pragmatismus:

Dem Pragmatismus zufolge sind es die praktischen Konsequenzen und Wirkungen einer lebensweltlichen Handlung, welche bestimmen, was die Bedeutung oder die Wahrheit von Begriffen, Aussagen und Meinungen ausmacht.

Das hätte schon 1986 nach dem Unfall in Tschernobyl andere Konsequenzen haben können. Aber das war für Westeuropa und den Rest der Welt noch verhältnismäßig weit weg. Fukushima, der neue Ortsname mit katastrophalem Beiklang, ist noch weiter weg. Wir werden sehen, ob dies etwas ändert.

Auf Seiten der Konservativen und Liberalen in deutschen Parlamenten ist man jedenfalls mit einer vergleichsweise glimpflichen Schadensbegrenzung beschäftigt, während man in Fukushima versucht, unter offenem Himmel Atombrennstäbe mit Wasserausgießungen zu kühlen, auf dass keine Kernschmelze eintrete:

Screenshot: www.tagesschau.de, 18.03.2011

Schauen wir uns einmal ein Beispiel für politische Rhetorik an, das Josef Göppel (CSU, Obmann im Umweltausschuss) in der „phoenix Runde“ (15.03.2011) gibt, um als Atom-Skeptiker in den Reihen der Union für seine Partei Schadensbegrenzung zu betreiben:

„Ich will das mal offen darstellen, was da in den Köpfen vieler Unionsabgeordneter geschehen ist. Japan, ein bewundertes Land, äh, mit hoher Technologie und hoher Sicherheit – und dort ist das passiert, was man für unmöglich erklärt hatte. Und deswegen tritt bei vielen jetzt eine Neubewertung des sogenannten ‚Restrisikos‘ ein. Wir haben bisher ein bestimmtes Restrisiko in Kauf genommen auch bei der Behauptung: ‚Unsere Kernkraftwerke sind sicher.‘ Und jetzt ist es einfach so, dass dieses Restrisiko, das man noch in Kauf zu nehmen bereit ist, deutlich kleiner geworden ist. Und das ist die neue Situation: Im Grunde ist es eine Sorge, dass wir bisher zuviel Restrisiko in Kauf genommen haben, äh, denn wenn rechnerisch alle 10.000 Jahre ein Unfall passiert, aber ich lebe in dem Jahr, wo er passiert, dann hilft mir die ganze Mathematik nichts.“

Es scheint also einer Strahlenverseuchung ganzer Landstriche zu bedürfen, damit CDU-Politiker eine Frage stellen, die jeder vernünftige Mensch sich spätestens als junger Jugendlicher stellt, wenn er sich darüber klar wird, ob er jemals ein Flugzeug in Anspruch nehmen möchte oder doch lieber nicht.

Das klingt so naiv, dass es auf Bundesebene wohl eher Komödie sein dürfte. Aber es scheint ja einen Markt dafür zu geben. Es ist derzeit nicht ganz selten bei relativ erfolgreichen Politikern, dass sie derart slow like honey argumentieren. Es ist eine Mischung aus ‚Menschen da abholen, wo sie stehen‘ und ‚Hoffen wir, dass sie den Anfang des Gedankens schon vergessen haben, wenn ich fertig bin‘.

Eine scheinbar nebensächliche Wortfolge wie „jetzt ist es einfach so“ scheint mir symptomatisch zu sein für einen ganzen Politikstil. Göppel beruft sich in der Phoenix-Diskussion nicht nur mehrfach auf Kanzlerin Angela Merkel, sondern fördert auch subliminal in einer solchen Wortwahl deren verbale Taktik. Was man in politischer Diplomatie rundheraus abstreiten würde, versucht man in rhetorischer Manipulation zu suggerieren: ‚Wir wissen eben, wie es ist, meine Damen und Herren.‘ Man hat diese Wortfolge von Merkel im Ohr und findet sie auch gleich in Textform, wenn man sucht, etwa in einer Rede Merkels an Helmut Schmidt, die die „Bild“-Zeitung archiviert hat:

Für mich ist es einfach so: Helmut Schmidt und ich – wir sind beide Hamburger.

Merkel begründet ihre Aussage dann damit, dass sie dort geboren sei – wenn auch schon nach sechs Wochen umgezogen. Aber es bleibt einfach so – vielleicht nicht nur in diesem Fall. Bis man seine Meinung ändert oder ändern muss oder na ja Sie wissen schon Schwamm drüber alles nicht so genau nehmen ich muss auch meine Miete bezahlen wollen Sie im Winter frieren?

Gehen wir noch einmal zurück zu der Frage nach Grundsatzdiskussionen versus Pragmatik. Der Koalitionspartner FDP holt sich sein epistemologisches Dope sogar von Universitätsprofessoren wie dem Statistiker Walter Krämer (Technische Universität Dortmund) – bevor man bei Kabarettist Vince Ebert nochmal mehr ablachen darf.

So unbeschwert ist man jedenfalls noch am 21.01.2011 auf einem sogenannten „Freiheitskongress“ der Friedrich-Naumann-Stiftung in Berlin unter dem Motto: „Hysterie als Standortnachteil: Hat die Zukunft eine Zukunft?“

Screenshot: www.liberale.de, 18.03.2011

Wie man hier in den samt und sonders dokumentierten Vorträgen und Präsentationen nachfühlen kann, darf etwa Walter Krämer mit seinen leicht verdaulichen Dönekes in diesem Umfeld kräftig punkten. Mit statistisch irgendwie vorauszusehenden Meteoriteneinschlägen oder gar dem Ledersofa, von dem eine Ansteckung mit BSE befürchtet wird, ließen sich liberale Politiker von Professor Tiefsinn einmal mehr davon überzeugen, dass die anderen eben bloß die neurotischen Zauderer seien. Dass man aus Walter Krämers Buchtitel „Wie lügt man mit Statistik?“ (erstmals 1991) bei einer Partei wie der FDP eine echte Pointe machen könnte, ist beim „Freiheitskongress“ natürlich nicht opportun. Wenn im September 2009 noch 14,6 % der Wähler glauben, die FDP solle bundesweit regieren, im März 2011 aber nur noch 5-6,5 %, müssen die Anreize für Journalisten, die Partei bis 2013 wieder hochzujubeln, wohl schon jetzt gründlich vorbereitet werden.

Bis dahin ist auch noch genug Zeit, die Atompolitik der Regierungskoalition neu zu justieren – betroffene Minen hier, argumentatives Herumgeeiere da, passt schon. Dann „ist es einfach so, dass dieses Restrisiko, das man noch in Kauf zu nehmen bereit ist, deutlich kleiner geworden ist.“ Von jetzt auf gleich. Ganz im Sinne der Kanzlerin, die auf „REGIERUNGonline“ am 08.11.2010 im „Focus“-Interview verkündet:

Die Menschen prüfen gründlich, ob eine Entscheidung nachhaltig ist oder nicht. Dazu muss ich als Bundeskanzlerin nicht das kurzfristig Populäre tun, sondern das langfristig Richtige und Notwendige. Genauso verstehe ich zum Beispiel unser Energiekonzept: Wir verpflichten uns nicht nur, das Zeitalter der erneuerbaren Energien konsequent herbeizuführen, sondern berücksichtigen dabei auch, dass uns eine moderate Verlängerung der AKW-Laufzeiten bei diesem Ziel hilft. Damit können wir Energie bezählbar [sic] halten und unsere Klimaschutzziele besser erreichen.

Finanzkrisenmanager und ‑propheten


Freitag, 24. Dezember 2010, 3:58 Uhr. Autor:

Medial vermittelte Weltsicht klafft immer stärker zwischen der von etablierten Sendern produzierten und alternativen internetbasierten Anbietern auseinander. Ein gutes Beispiel ergibt der Vergleich zweier aktueller Gesprächssendungen, die sich um Wirtschaftspolitik drehen.

Da haben wir einmal „Unter den Linden Spezial“ (Phoenix, 21.12.2010). Die Journalisten Christoph Minhoff und Michael Hirz befragen Jean-Claude Juncker, „christsozialer“ Premierminister von Luxemburg und Vorsitzender der Euro-Gruppe, also einer zentralen Koordinationseinheit des europäischen Wirtschaftsraums. Es geht um vergangene und künftige Rettungsschirme für überschuldete Mitglieder der Europäischen Union und Währungspolitik.

Juncker lobt den Umgang der Europäischen Zentralbank (EZB) mit der Euro-Krise 2010 als „in hohem Maße begrüßenswert“. Minhoff fragt zuvor kritisch nach dem Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB und die Interpretation dieser Strategie, „dass es im Grunde auch nichts anderes ist, als wenn man Geld druckt.“ Juncker betont mehrfach, dass es zu den Handlungen der Staatenlenker „keine Alternative“ gebe.

Kontinuierlich zu fast allem, was es an (nicht nur wirtschafts)politischer Debatte mit aktiven Politikern gibt, werden keine Grundsatzfragen erörtert. Die ‚Alternativlosigkeit‘ ist das diskurslogische Zauberwort, mit dem der Aufmerksamkeitsfokus auf eine sehr eng abgesteckte Gegenwart gerichtet bleibt. Da helfen keine Journalistentugenden, wenn man auf einen Zeitrahmen von 45 Sendeminuten verpflichtet ist, nicht dieselbe Frage dreimal stellen will, obwohl es nötig wäre, und im ungünstigen Fall auch noch über die auflockernden Witzchen der Mächtigen lacht.

In „Unter den Linden Spezial“ kann Juncker sein Programm durchziehen. Behäbig und beschwichtigend, meist mit nahezu versteinerter Miene staatsmännisch. Bei genauerem Hinhören fehlt immer wieder die Konkretion. Manche seiner Äußerungen führen auch in nahezu unerklärliche Erwägungen. So seine Anmerkungen zu Leidtragenden der Schuldenwirtschaft aus verfehlter Finanzpolitik und Marktkrisen:

„Dies ist mit rigorosen Opfern verlangt [sic], die vor allem – um das mal salopp zu formulieren – die kleinen Leute trifft. Aber es gibt nunmal viele kleine Leute in Europa. Deshalb muss man auch von denen manchmal reden.“

Zwar bezieht er zuvor auch einmal in wenigen Sätzen Akteure wie Banken in den Kreis der zur Verantwortung zu ziehenden Instanzen mit ein. Die zitierte Formulierung verliert sich aber in unnötigen Beisätzen („salopp“), alogischen Begründungen („es gibt nunmal viele kleine Leute“, „Deshalb muss man“) und einer unklaren Schlussfolgerung.

„Kleine Leute“ verstehen weder besonders viel von Finanzpolitik, noch haben sie direkte Entscheidungskompetenz. ‚Schuldig‘ an Finanzkrisen können sie nur sein, indem sie Politiker wählen, die falsche Rahmenbedingungen schaffen – und schuldig werden sie dadurch auch nur dann, wenn sie vor der Wahl von der Presse über die Kompetenzen dieser Politiker korrekt informiert wurden. Unklar ist die Schlussfolgerung, weil Juncker gar nicht deutlich macht, warum er nun von den „kleinen Leuten“ reden „muss“: Weil sie mitverantwortlich sind oder weil sie als Unschuldige büßen müssen und ihr Leid deshalb erwähnenswert wird?

Es ist genau diese Unklarheit über Verhältnisse und Verantwortung, die die Basis für das garantiert, was in den vergangenen Jahren eine ernste wirtschaftliche Krise auf die nächste folgen lässt. (Über noch unwägbarere Andeutungen Junckers zu Schuldigen der Finanzkrise kann an dieser Stelle nicht debattiert werden. Sie entziehen sich jedenfalls einer hier objektivierbaren Aussagestruktur.) Das Lavieren eines solchen Politikersprechs hält wirkungsvoll die Debatte von Entscheidungsträgern und Mechanismen der Vorteilnahme und Machtausübung fern – zumindest in diesem Rahmen, d. h. in Sendungen, die ‚Normalverbraucher‘ derzeit noch mehrheitlich sehen, wenn sie sich für Politik interessieren und eben nicht selbstbestimmt das Internet nutzen.

In Letzerem hört sich derlei ganz anders an. Bei den dortigen Akteuren trifft man zudem auf für eine breitere Öffentlichkeit fragwürdige ‚politische Korrektheit‘ und biografisch-weltanschauliche Brüche, wie sie öffentlich-rechtliche Journalisten kaum einmal erkennen lassen.

Die Rede ist von einem Video-Stream mit dem Titel „Das Spiel ist aus. Wir müssen neu starten!“, das auf der Website „alpenparlament.tv“ kostenfrei anzusehen ist. Bei „esowatch.com“ kann man sich informieren, welchen Werdegang der Interviewer Michael Vogt aufzuweisen hat. Sein Gast ist der Wirtschaftsjournalist Michael Mross. Dieser gerät in neuerer Zeit mit seinen oppositionellen Tendenzen in den Ruch, ein Verschwörungstheoretiker zu sein (so etwa ein Beitrag auf „hagalil.com“).

Über das Gesamtbild beider Personen kann hier nicht weiter geurteilt werden. Komisch wirkt allerdings Mross’ offensichtlich veraltete persönliche Website „mross.de“, auf der „Zur Person“ bemerkt wird:

Das Thema Börse – locker und anekdotisch gewürzt, lebensnah und voller geldwerter Tipps. Der Börsenmann hält immer ein [sic] Portion Optimismus bereit.

Im Gespräch mit Vogt bekundet Mross, als Börsenberichterstatter (u. a. für den Nachrichtensender N24) nie die Zusammenhänge verstanden zu haben und seit der Wirtschaftskrise 2008 schockiert und geläutert zu sein. Meist eloquent, manchmal nach Worten ringend stellt er – einmal wird im Gespräch auch Karl Marx respektvoll erwähnt – die Tragfähigkeit des gesamten kapitalistischen Wirtschaftssystems in Frage:

„Der Untergang ist programmiert. […] Wenn man mal hinter die Kulissen guckt, was an den Universitäten gelehrt wird, da wird einem ja schlecht. Geld spielt da überhaupt keine Rolle. Die Leute sprechen von Wirtschaftswachstum. Wachsen, wachsen, wachsen – ja, wohin denn wachsen? Und mit was denn wachsen? […] Es ist eine Krise unseres Bewusstseins. Wir können nicht so weitermachen wie bisher. […] Fakt ist, dass das System selber immer mehr Schulden braucht.“

Dies ist – wie Mross korrekt konstatiert – die direkte Antithese zu dem, was ein Politiker wie Juncker als Rezept zur Krisenbewältigung ausgibt. Hier für die Überwindung der Euro-Krise:

„Wir sind so aufgestellt, dass wir, falls es mehr bräuchte, gerüstet sind, um mehr zu leisten. Eigentlich gibt das aber keine Ursache, dass wir mehr tun, weil die hochverschuldeten Staaten, die schwächelnden Staaten Portugal, Irland, Griechenland dabei sind, sehr zünftige Haushaltskonsolidierungsmaßnahmen durchzuführen mit anhaltendem Effekt, Spanien und Portugal und Griechenland auf dem Weg sind, sehr ernsthaft sich in Sachen Strukturreformen auf den Weg zu machen, um ihr Wachstumspotenzial zu steigern. Man muss ja sehen, dass man durch diese enormen Haushaltskonsolidierungsanstrengungen das Wachstum eher entschleunigt als beschleunigt in diesen Ländern. Und diese Länder brauchen eine Perspektive, die Menschen dort auch. Und deshalb ist Sorge dafür zu tragen, dass Wachstumspotenzial wieder entsteht. Dies erreicht man a) durch Haushaltskonsolidierung – wer seinen Haushalt nicht in Ordnung hat, wird nie mehr anständig wachsen – und b) durch Strukturreformen, die halt/alten (?) Wachstumskräfte, die es schlummernd in diesen Volkswirtschaften gibt, zu dynamisieren.“

Für den Medienkonsumenten bleibt es zunächst unentscheidbar, wem in diese Spielen mehr zu trauen ist: den Großkopferten, die mit enervierender Coolness ‚Krisen managen‘ und rhetorische Programme zur Ablenkung von Systemfragen und sprachlicher Abwärtstransformierung lebensweltlicher Skandale mit unabsehbaren Folgen abspulen – und nur hier und da angstproduzierende Nadelstiche setzen, indem sie, wie Juncker, auch einmal die hohe Verschuldung jedes deutschen und, noch viel mehr, jedes griechischen Neugeborenen in Erinnerung rufen; oder den mehr oder minder selbsterklärten drop outs und zu Verschwörungstheoretikern Abgestempelten, die in hysterischer Umkehrung nichts Gutes mehr am Ganzen finden können. So Mross über die Verlogenheit eines Selbstbildes des gegenwärtigen Wirtschaftssystems als marktwirtschaftlicher Wettbewerb:

„Wo gibt’s denn hier noch Konkurrenz? Die gesamte Welt, mit all ihren Geschichten, mit allen Dingen, die benötigt werden, sind doch in der Hand entweder von Monopolen oder Oligopolen. Und ob es jetzt ’n Oligopol ist oder ’n Monopol, ist auch egal – die sprechen sich eh ab. Das haben wir im Energiebereich, das haben wir im Telekommunikationsbereich, das haben wir im Nahrung… die Supermarktketten – es ist alles zentral … […] Das ganze System ist verrottet, von A bis Z.“

Man fragt sich dann noch, ob Mross seine handgenähten Lederschuhe zum Pfandleiher bringen musste. Im „alpenparlament.tv“ jedenfalls trägt er Turnschuhe ohne prominentes Markenzeichen:

Screenshot: alpenparlament.tv, 10.06.2010

Ist er also wirklich der Renegat aus dem Wirtschaftsteil? Oder soll uns die jugendliche Fußbekleidung andeuten, es fehle einem solchen Aufbegehren an Reife, und man solle sich lieber an notorische Schlipsträger halten? Mross betreibt noch eine andere als die erwähnte Website – eine, die „mmnews.de“ heißt und in hoher Frequenz die Endzeit des Finanzystems verkündet. Potenzielles Verdachtsmoment ist hier, dass zu den kontinuierlichen Anzeigenkunden Vermarkter von Edelmetallen gehören, in die panische Anleger krisenbedingt so gerne flüchten.

Ein endgültiges Argument kann dies jedoch nicht sein. Jedenfalls erscheint die Nadelstreifenfraktion gerade im Fall Juncker nicht glaubwürdiger. Im „Phoenix“-Interview heißt es auf Minhoffs Frage nach dem Umgang mit Banken und Rating-Agenturen als wesentlich Mitverantwortlichen der Finanzkrise einmal mehr allgemein und nur pauschal Konsequenz behauptend:

„Wir haben da schon angesetzt, weil wir ja eine … eine europäische Regelung über den Umgang mit Rating-Agenturen verabschiedet haben, dadurch, dass wir viele Finanzmarktregularien in Europa jetzt auf den Weg gebracht haben. Ich sehe also schon das energische Durchgreifen europäischer Politik in Sachen Finanzmarktregulierung bis hin zu gemeinsamen Bankenaufsichtsregelungen, teilweise äh … Bankenaufsichtsinstitutionen. Das geht alles in die richtige Richtung.“

Bemerkenswert ist immer wieder, dass von „Regeln“ und „Regelungen“ statt von „Gesetzen“ gesprochen wird, die eine größere Verbindlichkeit hätten. Da bleibt den Interviewern zunächst nur übrig, misstrauisch dreinzuschauen:

Screenshot: Phoenix, 21.12.2010

In der Presse-Berichterstattung wirkt das, was Juncker so zuversichtlich beschreibt, inkonsequenter und weniger angetan, den nächsten Zusammenbruch zu verhindern. So heißt es im „Handelsblatt“ am 28.01.2010, dass

die Staaten wenig dagegen tun, dass sich viele Geldinstitute im Vertrauen auf weitere Bail-outs wieder in riskante Geschäfte stürzen und sich neue gefährliche Blasen an den Finanzmärkten bilden.

Und, noch neueren Datums, in der „Zeit“ vom 14.07.2010:

Von Anfang an klar war, dass die britische Regierung nicht mitspielen würde. Der Finanzplatz London, der in Boomzeiten 15 Prozent zur britischen Wirtschaftsleistung beisteuerte, soll nicht von Brüssel überwacht werden. […]
Der EU-Abgeordnete Udo Bullmann (SPD) spricht von politischem Versagen: »Während die Bundesregierung zu Hause den Mund voll nimmt, regiert in Brüssel der kleinste gemeinsame Nenner. Die groß angekündigten Finanzmarktreformen strebt diese Bundesregierung auf europäischer Ebene bislang jedenfalls nicht an.«

Am 15.09.2010 liefert ebenfalls Claas Tatje in der „Zeit“ nochmal nach::

Experten wie der Frankfurter Wirtschaftsprofessor Jan Pieter Krahnen fürchten nun, dass Ausnahmen für die Industrie zum Einfallstor für die nächsten Exzesse werden könnten. Das bedeutet: Investmentbanken können etwa über den Umweg einer Zweckgesellschaft munter weiter Handel treiben und Regulierungslücken ausnutzen. Staatliche Aufseher können das praktisch nicht kontrollieren. Banken- und Unternehmensderivate sind schließlich kaum voneinander zu trennen.

Das Problem bleibt offensichtlich (nicht nur hier), dass für eine breitere politische Debatte die Einzelheiten zu speziell und kompliziert sind, um z. B. in vorgegebenen zeitbegrenzten Sendeformaten wiedergegeben zu werden. Immer unzugänglicher klingt es, wenn man sich dem Jargon der tatsächlich involvierten Akteure nähert – wie man etwa hier in einer Eingabe des „Bundesverbands Öffentlicher Banken Deutschlands“ (VÖB) vom 15.09.2010 zu den umstrittenen Credit Default Swaps lesen kann:

Das Flagging von Leerverkaufsorders an Börsen setzt voraus, dass jeder Marktteilnehmer jederzeit feststellen kann, ob eine einzelne Order im Moment der Orderaufgabe einen Leerverkauf darstellt. Es dürfte mit einem hohen Umsetzungsaufwand einhergehen. Außerdem wäre der Nutzen für die Aufsicht fraglich. Der Ausschuss der europäischen Wertpapieraufsichtsbehörden (CESR) selbst hatte von einem solchen Vorgehen abgeraten. Das Verbot ungedeckter Leerverkäufe entspricht nicht den Erfordernissen im Wertpapierhandel.

Deshalb bleibt es bei den mit dem Sendeschema kompatiblen, reduzierten und beschwichtigenden Sprechweisen, die allem Anschein nach – und im Habitus zur Schau gestellter Seriosität – Verfälschungen von Tatsachen sind.

Serientäter und Sympathisanten


Dienstag, 28. September 2010, 12:56 Uhr. Autor:

Als neueste Attraktion auf dem US-amerikanischen Fernsehmarkt preist ein „Welt“-Artikel vom 26.09.2010 von Peter Praschl die Produktion „Boardwalk Empire“ an, die in Deutschland ab Frühjahr 2011 auf dem Bezahlsender „TNT Serie“ zu sehen ist. Mitproduzent und Co-Regisseur Martin Scorsese hat im Genre des Mafia-Epos schon einiges vorzuweisen: „Mean Streets“ (1972), „Goodfellas“ (1990), „Casino“ (1995), „The Departed“ (2006).

Filmkritiker fühlen sich scheint’s von diesen Welten geradezu magisch angezogen. (Das kann der Autor dieser Zeilen im Rückblick selbst nicht ganz verhehlen.) Aber irgendwann ist immer das erste Mal, und nach dem ersten Mal gibt es ein zweites und so fort. Scorsese ist bei Nr. 5 und eröffnet damit die Serie „Boardwalk Empire“ mit einer 73minütigen Folge, an die sich bis Dezember 2010 beim US-Pay-TV-Sender HBO noch 11 weitere à 1 Std. reihen.

Mafia-Serien: Trendsetter waren „The Sopranos“ (1999-2007). Und nachdem hier Steve Buscemi als Tony Blundetto in 16 von 71 Folgen figurierte, erhält er in „Boardwalk Empire“ die Hauptrolle als Enoch „Nucky“ Thompson. Scorseses Tochter Cathy dekorierte zeitweilig bei den „Sopranos“ die Sets.

Zur hiesigen Landschaft der organisierten Meuchelmörder trägt die schon im April 2010 auf arte probegelaufene Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ von Regisseur Dominik Graf bei, die sich zur Abwechslung im Programmschema nicht der italienischen oder irischen, sondern der russischen Mafia widmet. (Ab 22. Oktober nochmal in der ARD zu bewundern.) Auch in diesem ‚Fall‘ konnte sich die „Welt“ begeistern, so Rezensent Holger Kreitling am 27.04.2010 unter der Überschrift „Nie war die Russenmafia so cool wie auf Arte“:

Vielleicht bringen Dominik Graf und sein Autor den russischen Hasardeuren, gestrandeten Mädchen und Halbweltexistenzen auch deshalb so viel Sympathie entgegen, weil sie den Wagemut mögen, ihre Risikobereitschaft, die Alles-oder-Nichts-Haltung. […] Jetzt liegen die mustergültigen acht Stunden vor. Dafür soll’s rote Rosen regnen.

Neben der kontinuierlichen Erhöhung des Zeitaufwands für Mafia-Filme respektive ‑Serien – lebensverlängernde Medikamentierung und Gerätemedizin werden ja auch immer besser – lässt sich also mentalitätsgeschichtlich festhalten, dass die ordentlich gekämmten Emissäre der „Welt“-Hauptstadtredaktion sich kinosesselseitig im Angesicht der Schandtaten pudelwohl fühlen. Ein unzeitgemäßer Schelm deshalb derjenige, der etwas schlechter ‚verkaufte‘ Gedanken wie diese dabei hat:

Der Kapitalismus benötigt zu seinem reibungslosen Ablauf ein funktionierendes Rechtssystem, doch werden rechtliche Normen immer wieder gebrochen – und zwar nicht als Ausnahme. Dies beginnt beim Bruch tarifvertraglicher Regelungen, geht über Steuerhinterziehungen und Korruption bis zur Geldwäsche. “Legale” und “illegale” Ökonomie sind vielfach ineinander verwoben und im Zuge der Globalisierungsprozesse nimmt die Mixtur noch weiter zu. In einigen Weltgegenden spielen die illegalen Bereiche längst eine größere Rolle als die legalen, kooperieren transnationale Konzerne mit privaten Söldnerarmeen und kriminellen Banden.

So etwas erscheint in diesem Fall allerdings nicht im Springer-Verlag, sondern im „Westfälischen Dampfboot“, das ohnehin nur diejenigen kennen, denen beim Anblick von Halsab- und ‑durchschneidern von Zeit zu Zeit noch richtig schlecht wird.

In der deutschen Presse ist es etwa Jürgen Roth, der sich jenseits der Fiktion kontinuierlich damit auseinandersetzt, dass Verbrechen nicht nur ein „Angesicht“ hat, sondern das Leben vieler direkt und indirekt beeinträchtigt. Neben verhältnismäßig gut verkauften Büchern wie „Mafialand Deutschland“ (2009) drängelt sich auch immer mal wieder ein TV-Magazin-Beitrag mit Roth zwischen die Sendeplätze der seriellen Räuber-und-Gendarm-Spiele. Aber im Verhältnis und für das Zuschauerbewusstsein ist das nicht viel.

Auch die politische Öffentlichkeit und das Meinungsbild lassen ahnen, dass das – wie gezeigt auch von der Berichterstattung behutsam gelenkte – Faible für nach Drehbuch verfilmte organisierte Kriminalität nicht gerade zu einer erhöhten Aufmerksamkeit für dieses in der Wirklichkeit führt. Vermutlich ist es sogar eher umgekehrt.

Dass ein Mafioso ein liebender Familienvater sein kann, wird niemand bezweifeln. Dass er als Mörder eine verabscheuungswürdige Existenz führt – und anschließend womöglich noch bei hypothetischen Instanzen um ‚Vergebung‘ ersucht –, sollte „Erzählkultur“ nicht nachhaltig vergessen machen (auch wenn sie gattungstypologisch nicht denselben Maßstäben gehorcht wie Dokumentation). Wenn dies aber so ist, macht sich Kultur selbst zum Handlanger einer Ideologie, die zur Organisierten Kriminalität beiträgt. Rechtschaffene Italiener wissen, was es heißt, mit solchen Strukturen zu leben, wenn sie sich einmal gebildet haben.

Drehbuchautoren und Regisseure sollten also immer wieder darüber nachdenken, inwiefern sie etwas ‚menschlich‘ begreifbar – oder am Ende sogar „cool“ – erscheinen lassen, was unmenschlich ist. Und eine Reflexion, die über nie eingelöste Sonntagsreden von Zuckerpapis hinauskommen will, hat immer wieder in Erinnerung zu rufen, in welchem Verhältnis Zeichen und Realität stehen. Sonst hat sie wömöglich selbst irgendwann die Realität mit dem Totschläger im Nacken.

Was die zunehmende Verquickung von Machtstrukturen in Zivilgesellschaft und Schattenwirtschaft betrifft, musste Jürgen Roth auch schon einmal seine Verdächtigungen gegen Kanzler a D. Gerhard Schröder zurücknehmen. Das ändert aber nichts daran, dass Schröder sich für seine Verabschiedung von der Bundeswehrkapelle den berühmtesten Song von Frank Sinatra wünschte:

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Zum ursprünglichen Interpreten sendet Phoenix immer und immer wieder „Sinatra – Star der Mafia“:

In der zweiteiligen Dokumentation zeigt Regisseur Christopher Olgiati, dass der Sohn italienischer Einwanderer ein Mann mit zwei Gesichtern war, der schon in jungen Jahren seinen Pakt mit dem Teufel schloss, um seinen Aufstieg zum Star zu beflügeln.

Es mag deshalb nicht verwundern, dass bei Scorsese auf Nr. 5 noch mindestens Nr. 6 folgt: Für 2011 ist das bio pic „Sinatra“ geplant.

Vermögensverteilung schwach ausgesteuert


Freitag, 24. September 2010, 16:12 Uhr. Autor:

Heute nacht sendet Phoenix die WDR-Dokumentation „Schön reich – Steuern zahlen die anderen“ von Sascha Adamek, Martin Hahn und Kim Otto. Die Kontrastbeispiele des Immobilienspekulanten und Autors Klaus Barski und einer fünfköpfigen Familie mit Einkommen aus Lokaljournalismus und Krankenpflege führen deutlich vor Augen, dass sich an einer solchen Organisation des Sozialsystems etwas ändern muss.

Das wesentliche Gegenargument ist im Diskurs bestens etabliert: Unternehmertum muss sich lohnen, sonst fehle der Anreiz. So wird auch die Praxis der Finanzämter begründet. Off-Kommentar: „Nur 15% der Millionäre werden in Deutschland richtig geprüft.“ Und ein anonymer Finanzbeamter berichtet:

„Es gibt sogar Einzelanweisungen von Vorgesetzten, dass Prüfungen ab einem bestimmten Mehrergebnis – also nachzuzahlende Steuern, z. B. ab 100.000 Euro – abgebrochen werden. Es ist nicht gewollt, weiterzubohren, obwohl da manchmal Millionen dringewesen wären.“

Die Ungerechtigkeiten in der steuerlichen Absetzbarkeit treten in der Dokumentation offen zu Tage. Was der Kommentartext nicht direkt ausspricht, wird dennoch evident: Dieser wirtschaftlichen Kultur fehlen elementare Begriffe von dem, was Arbeit ist und was sie für das System im Ganzen ‚wert‘ ist. Das Luxusleben aufgrund „cleverer“ Transaktionen am „Markt“ und Bevorzugung durch Steuersystem und steuerliche Exekutive behauptet sich beflissen, ist es gewohnt, dass seine Art von Verhaltensweise belohnt wird – und andere eben nicht. Dass Gesellschaft von den Menschen gestaltet wird, die in ihr leben, ist aus dieser Art von Machtgefüge als Diskurs nahezu gänzlich ausgeblendet – und deshalb auch in der politischen Meinungsbildung und Entscheidungsfindung.

Die Doku wurde 2009 vom WDR um 22 h und in mittäglicher Wiederholung gezeigt, 2010 von 3sat um 20.15 h. Nun folgt die nächtliche Präsentation um 0.30 h auf Phoenix. Die Quoten solcher Sender und Sendungen sind – ich thematisiere dies hier immer wieder – vergleichsweise gering, auch wenn die pluralisierte Senderlandschaft wie in diesem Fall zumindest eine gewisse Nachhaltigkeit gewährleistet. Aber warum wird in solcher Hinsicht nicht einmal um 20.15 h in der ARD – gemäß Weisheiten des „Bild“-Zeitungs-Chefredakteurs – „personalisiert“ und emotionalisiert?

Weitere Anhaltspunkte für das politische Bewusstsein größerer Zuschauergruppen mit Wahlberechtigung gibt ein Blick auf YouTube. Hier hat das erste von vier Segmenten, in die die Doku „Schön reich“ aufgeteilt ist, gut 9000 Abrufe zu verzeichnen. Etwa die Hälfte der Zuschauer hat sich an dieser Stelle auch den Rest noch angesehen.

Vergleicht man dies mit den Abrufzahlen anderer Angebote, die mehr oder minder willkürlich unter „Vorschläge“ rechts im Browser-Fenster auftauchen, erblickt man etwa bei einem Interview mit dem Bundesliga-Fußballer Stefan Effenberg von 2008 aus dem Deutschen Sport-Fernsehen (DSF) eine Zahl von 870.000. Hier heißt es im Frage-Antwort-Spiel von Journalist und Sportler:

„Ich glaub, auch für Sie war das’n ganz wichtiger Sieg und auch’n Erfolg.“ – „Ja, ähm, ich denk mal, in erster Linie für die Mannschaft. Wir haben den Abstand verringert, ähm, sind wieder dran ooond jetzt müssenwer weiter dran arbeiten, weiter dran glauben, denn … denk ich mal, sieht’s auch positiv aus in den nächsten Wochen.

Die Zusammenschau mit der zuvor besprochenen Doku zeigt, welch perfide Ideologie dieser Kultur des Profi-Fußballs in solchen Aussagen zugrundeliegt (ob die Ausübenden das begreifen oder nicht, ändert daran leider nichts): In der Realität sind die, die „weiter dran arbeiten, weiter dran glauben“, im Resultat die Benachteiligten und Betrogenen; „Siege“ und „Erfolge“ mit effektiver Gewinnmarge verbuchen andere. Wer an solchen gesellschaftlichen Verhältnissen etwas ändern wollte, müsste auch verhindern, dass psychische Strukturen des Empfindens und Denkens auf (zwar ergebnisoffene, aber in ihrem spielerischen Charakter fiktive) Inhalte wie Profisport, seine Phantasmen von Unbeschwertheit, Erfolg und Reichtum und die zitierten, gebetsmühlenartig täglich wiederholten Ideologeme von ‚Solidarität‘ (im Gegensatz zu gesellschaftlichen Gesamttendenzen, und hier in einer künstlichen, hochbezahlten Elite von wenigen) umgelenkt werden.

Es ist fast überflüssig zu erwähnen, dass sich die in der Doku aufscheinende Ungerechtigkeit etwa aus den Hinterlassenschaften von Regierungen herleiten lässt, die unter der falschen Flagge von „Christentum“ in solcher Hinsicht Egoismus und Lügenkulturen hegt und pflegt, worauf z. B. der „Freitag“ hinweist:

Die Regierung Kohl hatte 1996 zur Abschaffung der Vermögensteuer die Standardfloskel bemüht, es sollten “Wettbewerbsverzerrungen beseitigt werden”. Ein internationaler Vergleich ergibt jedoch, dass Deutschland schon damals die niedrigste Vermögensbesteuerung unter den G7-Staaten hatte.

An dem Millionär in der Doku „Schön reich“ sind die lebensweltlichen Resultate dieses „christsozialen“ deutschen Sonderwegs zu bewundern. Das ZDF hat in seiner Ausstrahlung der US-Endlosserie „Reich und schön“ am heutigen Tag übrigens im Vormittagsprogramm die Folge 5665 erreicht, die Pro-Kopf-Verschuldung der Deutschen durch die öffentlichen Haushalte das parallel dazu in den Zeitungen für Ende 2010 vorausgesagte Rekordhoch von 20.249 Euro.