Mit ‘Morbide Kapriolen’ getaggte Artikel

Morbide Kapriolen 4 – Dracula 2


Donnerstag, 13. Januar 2011, 17:04 Uhr. Autor:

Ein Dialogtext, wie er das Serielle mit dem Morbiden, das Fantastische mit der Selbstbeschreibung des Medialen verbindet.

Regisseur Patrick Lussier schneidet noch mehr Horror-stuff, als er auf dem Regiestuhl in zweiten und dritten Fortsetzungen inszeniert. Co-Autor Joel Soisson schreibt und produziert dabei noch mehr im selben Modus. Maniac Cops, Hellraisers, Nachtmahre, weißes Rauschen und Licht, das es zu fürchten gilt, tanzen in diesen Arbeitsbiografien unentwegt ihren Reigen.

Lowell (Craig Sheffer): „Vor 15 Jahren war ich ein armer Medizinstudent – genau wie du heute. Und ich hatte einen Job im Leichenschauhaus – genau wie du. Eines Tages passierte etwas, was ich mir nicht erklären konnte. Ein Vampir, ein Wesen aus einer anderen Welt, landete bei mir auf dem Seziertisch. Aber bevor ich das richtig mitgekriegt hatte, tauchte ein alter Priester auf und wollte die Leiche mitnehmen. Er fragte mich, ob jemand die Leiche schon untersucht hätte. In seinen Augen sah ich: Wenn ich ‚Ja‘ gesagt hätte, wäre ich dem Tod geweiht gewesen. Und dann ist mir ein Licht aufgegangen. Diese Möglichkeiten – die Macht! Ich bin durch’s Land gezogen und hab in einem Leichenschauhaus nach dem anderen gearbeitet und immer gehofft, ich finde noch einen. Aber dann hat mein Körper angefangen zu versagen. Also habe ich Augen gebraucht und Ohren – jemand, der für mich Dinge erledigt, die mir unmöglich waren.“

„Wes Craven präsentiert Dracula 2 – The Ascension“ (USA/R 2003, R: Patrick Lussier, B: Joel Soisson / Patrick Lussier) – Pro7, 06.01.2011, 1.50-3.10 h

Morbide Kapriolen – Link-Hinweis 1


Dienstag, 28. Dezember 2010, 4:11 Uhr. Autor:

In Entsprechung zu neueren Hervorbringungen des Film- und Fernsehgewerbes trägt Hans Schmid auf „Telepolis“ in zwei ausführlichen Artikeln Beispiele aus der Filmgeschichte zusammen, die im Horror-Genre und seinem zitatösen Verweisraum sich an morbider Motivik/Metaphorik abarbeiten:

Tote, Lesben und ein blonder Rauschgoldengel (27.12.2010)
Mit Lisa, Lila und Lemora unter Teufeln und Gespenstern

Vom neuen Bethlehem über Indien ins alte England (28.12.2010)
Geister und Zombies allüberall – Tote, Lesben und ein blonder Rauschgoldengel, Teil 2

Man ahnt, wie solche Artikeln in 30-50 Jahren aussehen, falls die Stromversorgung dann noch für solche Lustbarkeiten hinreicht: Der Zitate, Remakes, Pastichen wird erheblich mehr sein; die Chronisten aber werden drohen, sich im Verweisraum noch mehr zu verlieren:

Der Plan: Lisa sollte mit von The Exorcist geklauten Handlungselementen angereichert werden, um Verleiher anzulocken.
(Teil 1-1)
Lemora siedelt die Vampire – ein paar Jahre vor Anne Rice und deren Interview With the Vampire – in die amerikanischen Südstaaten um.
(Teil 1-2)
Die Rahmenhandlung von Messiah of Evil erinnert an die von Don Siegels Invasion of the Body Snatchers. […]
Weil ihr Werk jedoch erst mit Verspätung in einige wenige Kinos kam (als Produktionsjahr wird meistens 1973 oder 1974 angegeben, 1971 wäre richtig), hat man ihnen gelegentlich vorgeworfen, Let’s Scare Jessica to Death (1971) von John Hancock plagiiert zu haben, eine Perle des poetischen Gespensterfilms. […]
Hier ist festzuhalten, dass die Zombies von Willard Huyck und Gloria Katz viel früher zum Shoppen gingen als bei George A. Romero (Dawn of the Dead, 1979).
(Teil 2-1)
In Ghost Story – im Spukhaus und/oder in Talbots Bewusstsein – fallen zwei Zeitebenen zusammen. So wird Talbot Zeuge vergangener und doch gegenwärtiger Ereignisse und sogar in sie hineingezogen. Das ist ganz ähnlich wie in Lisa and the Devil und in Kubricks The Shining und sehr gut gelungen.
(Teil 2-2)

Einstweilen ist solche Chronistenpflicht zu erfüllen. Exorzisten geht die Arbeit nicht aus.

Morbide Kapriolen 2 – „YouTube News“


Mittwoch, 3. November 2010, 12:04 Uhr. Autor:

Als „YouTube News“ verkauft „Alberto TV“, moderiert von Albert Martin Bruhn alias Alberto, eine Mischung aus Parodie und Fake von Nachrichten, in denen in der Ausgabe „Supertalentkandidat sorgt für Flugzeugabsturz!“ der Titel Programm ist. In einem kurzen Einspieler werden – Amateurvideos des 11. Septembers 2001 nicht unähnlich – ein abstürzendes Flugzeug und eine Explosion gezeigt. Auslöser, so Alberto, sei die „Schönheit“ eines Kandidaten der RTL-Sendung „Das Supertalent“ gewesen, die den Piloten „geblendet“ habe.

Ohne bemerkenswerten humoristischen Mehrwert hapert es mit der situativen Logik, wenn Alberto von einer Live-Schaltung an den Ort des Geschehens spricht, das er zuvor als bereits geschehen vermeldet. Die Schaltung zeigt aber nun eben jenen Unfall, der nur Sekunden dauert.

Das Video hat – nach Veröffentlichung am 02.11.2010 – innerhalb eines Tages 116.000 Abrufe auf „YouTube“ erreicht. Diese Veröffentlichung geschieht also recht unmittelbar nach Meldungen wie jener am 25.10.2010 in der „Süddeutschen Zeitung“ über den Hubschrauberabsturz von Anna-Maria Zimmermann, einer Kandidatin der RTL-Show „Deutschland sucht den Superstar“ von 2006 (als Casting-Format moderiert von Dieter Bohlen wie das aktuell laufende „Supertalent“), die derzeit noch im künstlichen Koma liege.

Das Web-TV „Alberto TV“ entstammt dem Dunstkreis der „Hamburger Hänger“ – zunächst ein Computerspiel-Clan, der nun via Merchandising und mit Werbung versehener Videoarbeit offensichtlich Kult generieren möchte.

Das Zutrauen zur Populärkultur kennt hier erwartungsgemäß keine Grenzen. Community-Mitglied „Hugo“ etwa annonciert am 05.09.2010 im Forum das Computerspiel „Call of Duty – Black Ops“:

[W]ir sind alle total rattig auf CoD: Black Ops. Darüber müssen wir nicht diskutieren, denke ich mal.

Das Spiel mit dem einmal mehr interessanten Akronym wird von Hugo zu verbilligten Preisen angeboten. Zudem sollen Bestellern Zugangsdaten bei Auslieferung vor dem Publikationstermin schon per SMS zugeschickt werden. Weiter im Text:

Bei Left 4 Dead 2 konnten wir auf diese Weise vor allen anderen schon spielen ^^

Nach solchen spaßigen Nahtoderfahrungen für Preise zwischen 40 und 70 € nun also CoD, Teil 7. Dringende Fragen:

Zombiemodus – ist der dabei oder nicht? Uncut?!
Der Zombiemodus wird laut Informationen von Activision vorhanden sein. In den Versionen , die ihr bei uns bestellen könnt bleibt er ohne Hakenkreuze und SS-Runen.

Wenn man alle paar Jahre mal in den buzz zum neuesten Shooter schaltet, begegnet einem mit hoher Wahrscheinlichkeit eben dies: die Debatte über An- oder Abwesenheit nationalsozialistischer Symbole in einem fiktiven Kampfszenario. Und – der Zombie-Modus, natürlich. Das erhitzt auch optimal lüftergekühlte Mütchen wie hier oder hier. Wofür Samuel Beckett in „Warten auf Godot“ nur ein Taschenbuch benötigte, werden heute Websites um Websites über die Server gepumpt. Kommt der Zombie-Modus? Kommt er nicht? Ist er nur in der englischen Version erhältlich? Ist er in der deutschen Version in Österreich enthalten? Der Rezensent mutmaßt, der Firmensprecher deutet an, die Pressemeldung lautet …

Umsonst ist der Tod nur in der Wirklichkeit. Aber nicht nur dort ist er gewissermaßen für alle da, wie „airbr.de“ zu „CoD – Black Ops“ berichtet:

In dem Combat-Trainingsmodus werden nur die Modi “Frei für alle” und “Team Deathmatch” zur Verfügung stehen.

Morbide Kapriolen 1 – „Das Medium“


Mittwoch, 3. November 2010, 11:55 Uhr. Autor:

Zur „Todesverfallenheit“ gibt es im Buch „Glotze fatal“ ein eigenes Kapitel, v. a. zu Pathologie-Krimi-Serien. Hier sollen ab und an ein paar Ergänzungen dazu folgen.

Am 31.10.2010 sendet RTL erstmals „Das Medium“, das bei mäßigen 3,87 Mio. Zuschauern zur Sendezeit um 19.05 h dennoch Marktführer wird. Medienbeachtung sicherte die irrwitzige Ankündigung, die Witwe des verstorbenen CDU-Politikers Uwe Barschel, Freya, werde durch ein Medium Kontakt zu ihrem verstorbenen Mann aufnehmen. Dies ist der Modus aller drei Episoden der Sendung: „Medium“ Kim-Anne Jannes sucht mit Moderatorin Petra Neftel Personen und Orte auf – und hat stets die richtigen Intuitionen. RTL sendet eben noch auf ganz anderen Frequenzen, als es unsere Fernsehzeitschriftenweisheit zu erahnen vermag. Oder kennt Kim-Anne Jannes nur die bessere Detektei? Oder wird sie von der Redaktion heimlich gebrieft? Und was weiß Petra Neftel wirklich?

Mit solchen Fragen könnte man sich eine Weile beschäftigen. Die Mittel der spiritistischen Séance haben sich seit dem 19. Jahrhundert jedenfalls gewandelt. Frau Jannes beweist – wenn man ihrem dritten Auge kein Vertrauen schenkt – zumindest schauspielerisches Talent. Inhaltlich agiert sie im Register von Wahrsagern und Kartenlegern, wie sie im TV längere Sendestrecken etwa auf dem Sender „Das Vierte“ bestreiten: verzögerte Preisgabe von Informationen, Umschreibungen und Allgemeines – im Gegensatz zum Konkurrenzprogramm aber hier bei Behauptung fehlender Vorinformation schließlich auch so präzise korrekte Einzelheiten wie sich öffnende Bahnschranken oder die Beteiligung von Einbrechern und Schusswaffen.

In der „Süddeutschen Zeitung“ kritisiert Lars Langenau recht umfangreich die Sendung und widmet sich v. a. Einzelheiten der Barschel-Affäre. Um eine Skepsis gegen derartige Polit-Berichterstattung kommt er nicht herum. „Diplomatisch“ bleibt er aber ebenso, wie er es bei der von ihm zitierten RTL-Sprecherin nennt:

Alles Humbug und Mummenschanz also? RTL-Sprecherin Anke Eickmeyer antwortet diplomatisch: “Wir zeigen, wie Kim-Anne Jannes durch ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten Menschen bei der Trauerbewältigung hilft. Jeder muss selbst wissen, ob er daran glaubt oder nicht.”
Man kann das Format durchaus als eine Spielart der Nekrophilie sehen. Und die ist in Deutschland strafbar, sie fällt unter die “Störung der Totenruhe”. Oder aber auch als harmlose Spielart öffentlicher Trauerverarbeitung.
Zur Aufklärung von Verbrechen taugt sie jedenfalls nicht.

Etwas weniger reine Wiedergabe des Sendungsinhalts – den der durchschnittliche SZ-Leser zugegebenermaßen aus eigener Anschauung seltener kennt – und mehr Beschreibung der inszenatorischen Strategie würde der Kritik gut tun. Thomas Lückerath bemerkt in formaler Hinsicht auf DWDL immerhin:

Eine auch noch wirr zusammengeschnittene Sendung, die Millionen deutscher Fernsehzuschauer [sic] am Sonntagabend eine Stunde geraubt hat.

Auch sein Text meint aber die Bewertung des Stils von RTL zwischendurch pflichtschuldigst differenzieren zu müssen. Da wechselt etwas Blabla dann gern mit Image-Rettung, der zur rhetorischen Tarnung (so jedenfalls nach meinem Eindruck der Effekt beim Lesen) noch etwas kritische Würze beigemengt wird:

Es ist das selbsterklärte Konzept von RTL, erfolgreiche Formate stetig zu optimieren. Und für den wirtschaftlichen Erfolg ist nichts wichtiger als verlässliche Quotenerfolge. [...]
Aber Moment, es gibt einen Grund dafür, warum die Konkurrenz RTL um den Erfolg beneidet: Sie machen das was sie tun einfach sehr gut. Und man muss differenzieren: RTL ist mehr als “Das Medium”. Nur zwischen dem ehrenwert klassischen Programm von preisgekrönter Fiction bis zu etablierten Unterhaltungs- und Informationsformaten und jenen verrückten Programmideen, bei denen man sich die Entstehung ohne exzessiven Alkoholkonsum kaum vorstellen kann, verschwimmen leider die Grenzen.

Hier wird mit einem starken Akteur auf dem TV-Markt so umgegangen wie mit einem Problemschüler: ungezogen, aber man darf die Hoffnung nicht aufgeben.

Der Anmutung von „Nekrophilie“, wie von Langenau bemerkt, wäre allerdings noch weiter nachzugehen. (Die Pathologie-Krimis sind dafür das offensichtlichste Beispiel. Ich wies online 2005 schon einmal auf solche Tendenzen in CSI:Miami hin – ebenfalls aus dem RTL-Programm.)

Der nach Lückerath „wirr zusammengeschnittene“ Charakter von „Das Medium“ ist eine konzeptionelle Basis – die für das von RTL geprägte Bewusstsein insgesamt symptomatisch ist. Hier wird in erster Linie emotionalisiert, indem immer wieder Großaufnahmen weinender Gesichter der Hilfesuchenden mit sentimentalen Klängen und in Zeitlupe eingestreut sind. Auch mögliche Schwächen einer bloßen Darbietung spiritistischen ‚Wissens‘ können so kaschiert werden. Schon in dieser Stilistik liegt die Tendenz zur Pseudo-Dokumentation nahe, die von Privatsendern seit einigen Jahren in Nachfolge von „Reality TV“ gepusht wird.

Pietätlos ist die Darbietung allemal. Die Motivation einer Ministerpräsidenten-Witwe, sich in dieser Weise zu exponieren, ist schwer erklärlich. Bei den übrigen Privatpersonen wird dem Publikum Privatestes aus dem Leben Wildfremder als kostengünstige Emotionsinjektion verabreicht.