Mit ‘Metapher’ getaggte Artikel

Scientology als Metapher? Mindestens.


Samstag, 26. Februar 2011, 3:17 Uhr. Autor:

Lawrence Wrights Artikel „The Apostate“ (The New Yorker, 14.02.2011) beschäftigt sich mit der Abwendung des Drehbuchautors und Regisseurs Paul Haggis von „Scientology“. Wer sich ein präziseres Bild dieser Organisation erhofft, wird in dem umfangreichen Text oft enttäuscht. Bemerkenswertes fällt – ja keine Seltenheit – eher nebenbei ab.

Die Sekte, die mit ‚Stars‘ wie Tom Cruise und John Travolta für sich wirbt, basiert auf einem etwas undurchsichtigen Programm – insofern täte Reflexion not. Das Hauptwerk ihres Begründers L. Ron Hubbard, „Dianetik“ (1950), ist ein verschwafelter bis kruder Mischmasch aus psychoanalytischen, kybernetischen und parapsychologischen Versatzstücken sowie eher verschrobenen Eigenkreationen und driftet gern mal ins Naiv-Komische ab:

Unser Geist bringt mit Hilfe seines „Zubehörs“ – den Wahrnehmungen, den Gedächtnisbanken und der Phantasie – Antworten hervor, die ausnahmslos genau sind und die nur durch Beobachtung, Erziehung und Gesichtspunkt modifiziert werden.
Und die Grundabsichten dieses Geistes sowie die Grundnatur des Menschen, wie sie beim Geklärten feststellbar sind, sind konstruktiv und gut, ausnahmslos konstruktiv und ausnahmslos gut, wobei die Lösungen nur modifziert werden durch Beobachtung, Erziehung und Gesichtspunkt.
Der Mensch ist gut.
Entfernen Sie seine Grundabberrationen, und mit ihnen verschwindet das Böse, das die Scholastiker und die Moralisten so gern gehabt haben.

(Hubbard, L. Ron [1984]: Dianetik. Die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit. Das Handbuch der dianetischen Verfahren. Kopenhagen [OA., am.: 1950], S. 30)

Was führt also dazu, dass es von „Scientology“ seit den 1990er Jahren immer wieder heißt, ihre Mitglieder seien dabei, weite Bereiche der Wirtschaft zu unterwandern? Die Weisheit der Schriften ihres Begründers kann es ja nicht sein.

Wie andere Sekten und sektenähnliche Vereinigungen dürfte die Mitgliedschaft bei „Scientology“ Vorteile durch Netzwerken erbringen. Dies ist auch das einzig deutlich Erkennbare in Wrights Artikel im „New Yorker“. Autor und Regisseur Paul Haggis kämpfte sich aus dem sozialen Abseits an die Spitze des Filmgeschäfts. Dazu trugen Kontakte zu anderen Scientologen in der Branche maßgeblich bei.

“There was a feeling of camaraderie that was something I’d never experienced—all these atheists looking for something to believe in, and all these loners looking for a club to join.”
Recruits had a sense of boundless possibility. Mystical powers were forecast; out-of-body experiences were to be expected; fundamental secrets were to be revealed. Hubbard had boasted that Scientology had raised some people’s I.Q. one point for every hour of auditing. (Quelle)

Wesentliche Teile des Wright-Artikels bestehen immer wieder in angeblichen Vorkommnissen und deren Dementi durch Scientologen, etwa Gerüchte über gewalttätige Verhaltensweisen etwa des derzeitigen Anführers David Miscavige. Oder erst kolportierte und dann in Frage gestellte Anekdoten wie jene von den Dreharbeiten zu „War of the Worlds“ (USA 2005):

Haggis says that when he appeared on the set Spielberg pulled him aside. “It’s really remarkable to me that I’ve met all these Scientologists, and they seem like the nicest people,” Spielberg said. Haggis replied, “Yeah, we keep all the evil ones in a closet.” (Spielberg’s publicist says that Spielberg doesn’t recall the conversation.)

Alles bleibt mysteriös. Was – wenn man der Sachebene des Berichts denn traut – halbwegs objektiv übrigbleibt, ist der Eindruck, dass Scientology sich an eine Klientel von halbwegs Verlorenen und/oder Ausgeschlossenen richtet, die sich ihr Heil von der Sekte versprechen. Das wäre ein Allgemeinplatz, wenn es nicht auch charakteristisch für das Glücksrittertum innerhalb der Medienproduktion wäre.

Von Tom Cruise heißt es in dem Artikel , er habe durch Scientology seine Legasthenie („dyslexia“) überwunden. Die Frage stellt sich allerdings, ob ein Mensch mit dieser Vorbelastung fähig ist, den Charakter und die Inhalte einer solche Vereinigung selbst differenziert und realistisch einzuschätzen – bevor er ihr zum Opfer fällt und dann mit Status-Artefakten bei Laune gehalten wird. Derlei als Qualitätsmerkmal einer angeblichen Therapieform hervorzuheben, offenbart doch zugleich die tendenzielle intellektuelle Wehrlosigkeit eines Auditing-Kunden wie Cruise.

Ein „filmdenken“-Artikel zu Paul Haggis’ neuerer Drehbuch-Arbeit „Million Dollar Baby“ (USA 2004, R: Clint Eastwood) sollte veranschaulichen, auf welchen metaphorischen Levels ein solcher Autor agiert. Das hat mit Hubbards zitiertem Gutsein-Geschwafel nun wahrlich nichts zu tun. Und so wird es sogar in Wrights Artikel am Rande deutlich:

Though Haggis is passionate about his work, he can be cool toward those who are closest to him. Lauren Haggis, the second daughter from his first marriage, said that he never connected with his children. “He’s emotionally not there,” she says. “That’s funny, because his scripts are full of emotion.” (Quelle)
Haggis was struck by another paradox: “Here I was in this very structured organization, but I always thought of myself as a freethinker and an iconoclast.” (Quelle)

Die „filmdenken“-Rezension zu Eastwood/Haggis’ Film vom März 2005 war betitelt mit „Gepunchte Metaphern“. In der Rückschau auf angebliche Erlebnisse bei Scientology berichtet Haggis kryptisch über sein Studium von Hubbard-Texten:

In a moment, he returned. “Is this a metaphor?” he asked the supervisor.
“No,” the supervisor responded. “It is what it is. Do the actions that are required.” (Quelle)

Wer sich also mit einem Film wie „Million Dollar Baby“ beschäftigt, wird gewahr, dass es einer wie Haggis nunmal sehr oft mit Metaphern zu tun hat. Die geschilderte Szene erhält dadurch einen eher trotteligen Touch. Oder war Haggis damals noch nicht so weit?

Von Scientologen-Suaden und auch jenen ihrer – echten oder vermeintlichen – Kritiker sollte man sich also nicht einlullen lassen. Mindestens diejenigen, die in irgendeinem sog. „Thetanen“-Status etwelcher Hausnummer angekommen sind, werden Metapher und realen Referenten schon auseinanderhalten können. Oder es ist alles noch irrer, als es irgendeine Wissenschaftologie sich erträumt.

(Mit Dank an B. für den Link zum Artikel des „New Yorker“.)

„Unter uns“ gesagt: schizo


Mittwoch, 16. Februar 2011, 18:37 Uhr. Autor:

Wir schreiben die Folge 4031 nach Beginn der RTL-Daily-Soap „Unter uns“ (R: Friedhelm von Aprath). Michelle ‚Micki‘ Fink (Joy Lee Juana Abiola) liegt leicht erkältet mit Tobias Lassner (Patrick Müller) auf dem Sofa und bespricht mit ihm eine intrigante Welt unter zahlreichen intriganten Dauerserien-Welten:

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Tobias: „Du hast wohl zuviele Gerichtsshows gesehen!?“
Micki: „Jetzt bleib doch mal ernst. Die Wagner bohrt sofort nach, wenn du und Herr Jäger euch nur in einem winzigen Detail widersprecht. Und dann zerreißt sie eure komisch zusammengezimmerte Aussage in der Luft. Glaub mir – gegen die Wagner müsst ihr euch mehr einfallen lassen. Und das schafft ihr nur zusammen.“
Tobias: „Ich weiß nicht.“
Micki: „Aber ich für dich mit. Herr Jäger hasst die Wagner. Und er wird alles dafür tun, um sie fertig zu machen. Und du kennst ihre Methoden. Ihr seid also die perfekte Anti-Eva-Einheit.“

Neben den Bäumchen-wechsle-Dich-Spielchen im Figurenarsenal sind Verschwörung und Gegenverschwörung – im Rahmen von meist amourösen, finanziellen und mehr oder minder kriminellen Transaktionen – einer der inhaltlichen Standards, die hier bedient werden. (Ein Kapitel im Buch „Glotze fatal“ fasst diese Standards anhand von Beispielen zusammen.)

Die paranoide Welt, die ein solches Drehbuch konstruiert, teilt die Menschheit – je nach den Figuren, deren Perspektive wir gerade einnehmen – in böswillige Gegner und diejenigen ein, die sich durch Mittel der Verstellung ihrer Haut erwehren und mit mehr oder minder loyalen Partnern solidarisieren.

Dies ist vielleicht weltgeschichtlich gar nicht einmal unrealistisch. Als Schilderung einer privaten Lebenswelt wird es im Dauermodus zur Karikatur von Charakteren und Beziehungen. Medienpädagogik, die auf das eingeht, was Medienkonzerne einem jüngeren Publikum zuführen, hätte stets nach prägenden Wirkungen solcher Inhalte zu fragen – und inwiefern sie gesellschaftlich akzeptierbar sind. Gier, Selbstsucht, Reichtum, Unehrlichkeit, Geilheit, Untreue, Verlassen und Verlassenwerden sind Konstanten dieser Ideologie. Inwiefern diese gesellschaftliche Realität abbildet oder selbst prägt, müsste Gegenstand von Medienpolitik sein, die diesen Namen verdiente.

Nach der programmpolitischen Selbstreferenz („Gerichtsshows“) geht der zitierte Dialog zur erwähnten Kategorie der Erzfeindschaft über. Dabei wird der Figur der Eva Wagner (Claudelle Deckert) eine Gründlichkeit unterstellt, die man etwa im ‚kritischen Journalismus‘ mehr und mehr vergeblich sucht: Sie „bohrt sofort nach“, wenn sie Widersprüche bemerkt. Bei einer Zeitung wie der „Frankfurter Allgemeinen“ ist dies etwa im Fall eines im Produktionskontext nicht nur für „Unter uns“ Mitverantwortlichen wie dem „Grundy UFA“-Chef Wolf Bauer nicht gegeben. Einer der vorigen Blog-Einträge hier diskutiert Argumente und Rhetorik eines FAZ-Beitrags von Bauer, an dem zeigbar ist, wie Mit-Produzenten endlosen Flachsinns, sind sie einmal zur Selbstäußerung aufgerufen, in rührselige, wenn auch kaum realitätsbezogene und vorgeschoben wirkende Selbstkritik mit abstraktem Anspruch auf Weltverbesserung verfallen. In der Wirklichkeit „bohrt“ an solchen Stellen selten jemand nach, der von Mainstream-Medien bezahlt (und also überhaupt) bezahlt wird.

Die „komisch zusammengezimmerte Aussage“ ist eine weitere süße Selbstreferenz. Das Tagesgeschäft zeitschindender Billigproduktionen besteht in solchem ‚Zusammenzimmern‘ (abgesehen davon, dass hier fast ausschließlich irgendwelche nach Versandkatalogen und/oder Sponsoreninteressen ausstaffierte ‚Zimmer‘ abgebildet werden und nur wenige offene Räume). Hochmut spricht aus einer solchen Referenz nicht; Sarkasmus und Zynismus sehr wohl. Einem Schreiner, der so von seinen Angeboten spräche, würde man keinen Tisch abkaufen. Bei geistigen Gütern scheint es zunehmend eine Voraussetzung für Erfolg zu sein. Fast alleinentscheidend sind Marketing, sexualisierte Körper und Sendeplatz. Für alles andere ist neben Tausender solcher Serienfolgen dann kein Platz mehr – eine Kultivierung geistiger Ödnis und Wirklichkeitsverleugnung mit impliziter Selbstkasteiung.

Die letzte inhaltliche Einheit des Dialogzitats ist Mickis Appell an eine strategische Allianz mit dem Hinweis auf eine Art Geheimwissen. Die Wagner hat ihre „Methoden“, und Tobias kennt sie. Was in der Mainstream-Presse fast nie vorkommt – Reflexion und Debatten über das, was über soviele Stunden hier den „Medieninhalt“ bildet – sind eine Voraussetzung für die aktive Konstruktion solcher Sprachformen (Seriendrehbuch genannt). Die Anwendung dieses Wissens wird innerhalb der Handlung als bedrohlich und obskur charakterisiert: „zerreißt […] in der Luft“, „ihre Methoden“. Hiergegen hilft nur ein erfolgversprechendes Bündnis: „die perfekte Anti-Eva-Einheit“.

Man könnte soweit gehen, in dem Namen „Eva“ einen weiterreichenden Hinweis auf das Filmemachen zu sehen. Einer der prägenden deutschen Regisseure des späten letzten Jahrhunderts war bekanntermaßen Rainer Werner Fassbinder, dessen Initialen „RWF“ in Radu Gabreas biografischem Spielfilm zu „Ein Mann wie EVA“ (D 1984) wurden. Die Titelrolle darin spielt Eva Mattes, die in der Gegenwart wiederum in der High-End-Serie des ARD-Sonntagabends, dem „Tatort“, seit 2000 die „Klara Blum“ gibt.

Oft wiederkehrend in der Film- und Fernsehgeschichte ist die verworrene und chiastische logische Struktur: Selbstreferenziell werden Handlungsmodelle und deren moralische Bewertungen (aus Sicht der Macher: versteckte Selbstkritik) auf die Handlungsebene des Films projiziert. Die ‚Träger‘ dieser Bedeutungen, die auf das Filmemachen und ‑sehen verweisen, wechseln jedoch hin und her: Die „komisch zusammengezimmerte Aussage“ ist ebenso Metapher des Drehbuchs (das ‚in der Luft zerrissen‘ werden kann) wie die „Methoden“ derjenigen, die diese Aussage zu entlarven im Stande sind („die perfekte Anti-Eva-Einheit“).

Eine solche Selbstentlarvung kennen wir aus der Filmgeschichte nicht erst seit „The Wizard of Oz“ (USA 1939), dessen charakteristischen Namen die Bildsprache der „Unter uns“-Folge in einer Lampe versteckt – als um 90° gedrehtes Wort in der englischen Bezeichnung für „Auf Sendung“, „ON AIR“:

Screenshot: RTL, 10.02.2011

Dies ist der andauernde Status von Aufklärung in modernen Massenmedien: Sie ist in ihrem Gegenteil und im tendenziellen Nonsens verpackt. Und in ihrem Weltbezug, ihrem realistischen Sinn sind solche Erzählungen und Dialoge von permanenten Perspektivwechseln und Selbstironien geprägt. Ein hoher Prozentsatz von Bedeutungsgehalt verweist nur auf das Produkt selbst, nicht auf etwaige Wirklichkeiten. Und dabei werden Denkstrukturen auf Selbstwidersprüchlichkeit und Ambiguität getrimmt – in der Psychologie als double bind benannt und „eine kommunikationstheoretische Vorstellung zur Entstehung schizophrener Erkrankungen“.

Volle Breitseite Frühreife


Dienstag, 29. Juni 2010, 1:10 Uhr. Autor:

Von der Medienkritik kaum mehr beachtet, ist der marktbeherrschende Faktor unter den TV-Serien derzeit die Sitcom „Two and a Half Men“ (USA 2003ff.). Für berichtenswert halten Zeitungen und Websites zuletzt v. a. die Eskapaden des Hauptdarstellers Charlie Sheen, die die Wikipedia übersichtlich zusammenfasst.

Mit „schlechten Noten und fehlender Unterrichtsbeteiligung“, „Drogenproblemen mit Kokain“, „Kontakt zu einer Prostituierten“ und einem freiwilligen Gefängnisaufenthalt wegen „Vorwürfen der häuslichen Gewalt“ bringt Sheen offensichtlich alles mit, was es für einen Spitzenverdiener der Mediengesellschaft braucht. Pro Folge von „Two and a Half Men“ wird sein Salär neuerdings gerüchteweise auf knapp 2.000.000 $ taxiert.

In solchen Fällen haben Privatsender ein gutes Herz. „kabel eins“ strahlt derzeit vormittags und nachmittags eine Doppelfolge von je 25 Min. aus. Dienstags liefert zudem Pro7 abends vier Folgen am Stück.

Es scheint also etwas Zeittypisches an dieser Serie dran zu sein. Während in der anderen – dieser – Welt internationale Vereinbarungen über Abgaben auf Geldmarktgeschäfte scheitern, im Golf von Mexiko eine Ölquelle das Meer auf Jahrzehnte verseucht und die Staatsschulden aller Industrienationen munter wachsen, haben Plots wie die Ausgangssituation von „Two and a Half Men“ Konjunktur:

Charlie lebt in einem Strandhaus in Malibu, hat viel Geld und arbeitet dafür wenig (er komponiert Werbejingles). Er hat jeden Tag eine andere Frau im Bett, trinkt gerne und ist spielsüchtig. Kurzum: er genießt sein entspanntes Leben und lebt in den Tag hinein. Wenn er nicht gerade seinen Rausch ausschläft.
Sein Bruder Alan ist dagegen das komplette Gegenteil: kleinkariert, neurotisch und verklemmt. Ein typischer Losertyp, der sein Leben nicht wirklich auf die Reihe kriegt.

(www.zelluloid.de)

Das titelgebende Familienmodell entspricht dem Trend zum Alleinerziehenden, der hier nun durch seinen Bruder ergänzt wird: Charlie beherbergt Alan (Jon Cryer), und dessen Sohn Jake (Angus T. Jones) komplettiert eine rein männliche Kleinfamilie.

Screenshot: kabel eins, 22.06.2010

In der Folge „Mr. Pinky und Mr. Pipi“ (Original: „We Called It Mr. Pinky“) wird die laszive Grundtendenz der gesamten Serie in einem Schnellkurs Metapherntheorie und Psychoanalyse durchexerziert. Der zum Zeitpunkt der Erstausstrahlung 2005 12jährige Darsteller des Jungen Jake darf am laufenden Band in einer Mischung aus dead pan und frühreifer Abgeklärtheit die Ambivalenz des Wortes „Cremetörtchen“ ausspielen. Mit dieser Köstlichkeit gewinnt eine Schulkameradin des Jungen seine Gunst.

Sein Onkel Charlie hält dies für „ne perfekte Metapher“. Am Schluss der ersten Szene antwortet Jake auf die Frage seines hinzukommenden Vaters, worüber gerade gesprochen werde, lapidar mit: „Sex.“ Daraufhin Charlie: „Was sagt man dazu? Der Popelfresser hat die Symbolik kapiert.“ Was in der Mediengeschichte eines der größten und absurdesten Dramen ist – das Verstehen von Metaphern –, wird hier unter johlendem Gelächter eines inexistenten des Studiopublikums (in Deutschland aus der Tonkonserve) als beiläufige Harmlosigkeit heruntergespielt. Charlie: „Ich hab ‚Cremetörtchen‘ als Metapher benutzt. Sogar der Kleine hat’s verstanden.“ Die sexuelle Überdeterminierung eines alltäglichen Genussmittels für alle Altersstufen wird von Alan zudem mit anderen popkulturellen Entsprechungen in Verbindung gebracht: „Sprichst du von Backwaren oder sprichst du mit mir im Hip-Hop-Slang?“

Das lebensanschauliche Statement der Serie ist recht eindeutig: Charlie wird zwar als etwas beschränkt dargestellt, hat aber eine Menge Spaß und führt mehrere sexuelle Beziehungen gleichzeitig – das illusionäre Gegenbild eines Aids-Zeitalters, in dem dies lebensgefährliche Risiken bergen kann. Auch die von psychologischen und soziologischen Studien z. T. problematisierte Tendenz einer emotionalen Verarmung durch verdinglichte und oberflächliche Beziehungen, wie sie in fetischisierten Filmbildern und menschlichen Verhaltensmustern in extrem auf materielle Werte fixierter Kultur paradigmatisch realisiert sind, wird Gegenstand des Dialogs. Ein bigotter ideologischer Trick dabei ist, dass Charlies hedonistische Prinzipien zwar durch den vertrauenerweckenden biederen Alan konterkariert und verurteilt werden (womit ein durchschnittliches moralisches Empfinden von Zuschauern sympathisiert), während Alan in seinen Erlebnissen und Beziehungen de facto als Trottel meist der Lächerlichkeit preisgegeben wird (wodurch eine Solidarisierung mit dem triebhaften Charlie stattfindet, der es vormacht, wie man solchen Niederlagen und Demütigungen nach Möglichkeit entgeht). So kann in einer massen- und familientauglichen und scheinbar unverdächtigen TV-Serie (die entsprechend zu jeder Tageszeit gesendet wird) einerseits einem rigiden moralischen Kodex vordergründig entsprochen, (was u. a. Stoff für Rechtfertigungen im Jugendschutz bietet), andererseits einem promiskuitiven und rauschorientierten Affen reichlich Zucker gegeben werden.

So funktioniert es bis in einzelne Satzfolgen, in denen konservative Empörung, verlogene Zustimmung und Vereindeutigung der sexuellen Metapher dichtgedrängt aufeinanderfolgen. Alan: „Du hast meinem Sohn gerade gesagt, er kann mit einem Mädchen Sex haben, ohne ihm Gefühle entgegenzubringen?“ – Charlie: „Ich hätte auch mit ihm über’s Cremeschüsselauslecken reden können. Aber ich hab Verantwortung gezeigt.“

Dies sind Psychotechniken, die auf eine unausgegorene Einsicht in Überzeugungen, Notwendigkeiten, Unbewusstes und Unvermeidliches spekulieren. Konstruiert sind sie aus den genannten Elementen einer jugendfreien, weil weitgehend indirekt sprachlich agierenden Sexualisierung und tendenziösen emotionalen Steuerung von Zuschauersympathien (die naheliegen, aber kaum bis ins Letzte statistisch und interpretatorisch ‚objektiv‘ nachweisbar sind). Dies ist eine praktische Anwendung von Wissen, wie es von einer Geliebten Charlies, Rose (Melanie Lynskey), verkörpert wird, die einen „Master in Psychologie“ als Zeugnis vorweisen kann. Über seine angeblich ödipale Beziehung zu seiner Mutter klärt sie Charlie auf: „Und deshalb sind bei dir Sex und Aggression konnotiert.“ – Charlie: „Komm schon, spielen wir hier Fremdwörterraten?“ (Lacher vom Band) – Rose: „Das bedeutet ‚verschmelzen‘.“

Abermals werden hier zynisch die von Hochschulabsolventen fabrizierten Serienfiktionen, die auf einem hochgradig in Fremdwörtern codierten Wissen basieren, pseudowitzig als vertrauenerweckend naiv heruntergespielt. Die Doppel- und Mehrfachcodierungen von Spielfilmen und TV-Serien aller Art sind stets ein „Fremdwörterraten“, doch die Hauptfigur eines solchen Szenarios stellt dies in um Einvernehmlichkeit buhlender Weise als Sonderfall dar. Die nächste Zündstufe des so verstandenen Hohns der Macher besteht darin, die angeblich psychologisch ausgebildete Figur der Rose eine falsche Erklärung des fraglichen Fremdwortes geben zu lassen: Die Konnotation als „zusätzliche Bedeutung“ wird so zur ‚Verschmelzung‘. (Den erotischen Anklang dieses Begriffs spielt Charlie in niedlicher Adaption des Wortes bei einer anderen Bettgenossin später noch einmal aus.) Rose greift mit dem Begriff der Konnotation überdies – nun im Kontext der Freudschen Theorie vom Ödipuskomplex – in einer allgemeineren Verwendung eine zentrale Funktion der Metapher auf.

Ganz so wissenschaftlich darf es jedoch nur für Sekunden gehen. Dem einfältig genießenden Charlie muss Rose seine vorübergehende Impotenz denn auch in Kinderreimen wie diesem erklären: „Ist deine Seele platti, kriegst du auch nie mehr Latti.“

So wurschtelt sich „Two and a Half Men“ eher schlecht als recht an Jugendschutzgesetzen in unseren Landen vorbei. Die immer wieder verbal bekundete Neigung Charlies zu Alkohol ist eine (kostenlose?) Werbung für die Spirituosenindustrie, die sich offensichtlich mit entsprechenden Vorschriften nur deshalb verträgt, weil es eine fiktive Dauerfortsetzungserzählung (derzeit 161 Folgen) und kein Werbespot ist:

Werbefilme oder Werbeprogramme, die für Tabakwaren oder alkoholische Getränke werben, dürfen unbeschadet der Voraussetzungen der Absätze 1 bis 4 nur nach 18 Uhr
vorgeführt werden.

(Jugendschutzgesetz)

In diesem Gesetz findet sich auch ein weiterer Passus, der Anwälten der Content-Industrie natürlich noch einigen Ermessungsspielraum bietet. So seien „Jugendgefährende Trägermedien“ u. a. solche, die

Kinder oder Jugendliche in unnatürlicher, geschlechtsbetonter Körperhaltung darstellen

Diese Formulierung können Sie einmal mit einer Einstellung aus der letzten Szene der besprochenen Folge von „Two and a Half Men“ in Beziehung setzen:

Screenshot: kabel eins, 22.06.2010

Entsprechend zu dieser Ansicht gibt Charlie in der ersten Szene seinem Bruder Alan unter vier Augen eine Erklärung, die dem Zuschauer in der letzten Szene nützlich sein kann: „Du kennst ja nicht mal den Unterschied zwischen deinem Ding und deinem Daumen!“ Einmal mehr ergibt sich die chiastische Verschränkung der zynischen Logik: Eine Figur kennt angeblich den „Unterschied“ zwischen Daumen und Penis nicht. Die filmische Inszenierung – hier durch den gesamten Kontext der Folge, die Konnotationen eines solchen Bildes vereindeutigt – wirkt jedoch gerade darauf hin, dass die Formanalogie, auf der eine solche Verwechselbarkeit basiert, den Zuschauer die kindliche Gestalt des 12jährigen zu einer Fellatio betreibenden Figur umdeuten lässt. Dabei hält Jake die erklärte „Metapher“ des weiblichen Geschlechts in der anderen Hand.

Die vielfach onanistische Konsequenz einer von sexuellen Fantasmen der Massenmedien bestimmten Kultur bringt Charlie noch einmal abschließend auf den Punkt, als der zu Übergewicht neigende Jake ein ganzes Blech Cremetörtchen gebacken hat, um von der liebevollen Gunst seiner Schulkameradin unabhängig zu sein: „Er nimmt die Sache jetzt selbst in die Hand. Die Metapher ist damit vollendet – ja.“ Die bisher letzte Episode der Serie lässt übrigens noch anderes ahnen: “This Is Not Gonna End Well” (USA 2010).