Mit ‘meedia.de’ getaggte Artikel

Die zeitlupige Schlunzigkeit der Postdemokratie


Dienstag, 6. Dezember 2011, 0:25 Uhr. Autor:

Im Zuge des digitalen Barocks werden Texte anderer verlinkt, dass das Pixel kracht. Oder man rezensiert Rezensionen von Sendungen, die man selbst nicht gesehen hat. Probieren wir’s. Auf „Welt Online“ bespricht Uwe Felgenhauer am 05.12.2011 den RTL-Jahresrückblick „2011! Menschen, Bilder, Emotionen“. Seine Beschreibung trifft auf die meisten meiner Eindrücke sog. „Unterhaltungssendungen“ in den letzten Jahren zu, soweit ich sie sammeln durfte, und lautet so:

Denn der Rest war eben größtenteils Geschichte und auch nicht gerade so aufbereitet, dass er einen hinter dem Ofen hervorlocken konnte – trotz diverser Gäste. […]
Der Nachrichten- oder Unterhaltungswert tendierte gegen null.

Das neben dem „Rest“ war des Moderators Günther Jauch als dramaturgisches Element verwendete herausgezögerte Antwort auf die Frage, ob er als Moderator von „Wetten, dass..?“ Thomas Gottschalk nachfolgen wolle, der, nachdem Jauch tags zuvor in der letzten Folge der ZDF-Show hospitiert hatte, nun seinerseits im RTL-Studio Platz nahm.

Diese Drehbuchidee für „2011!“ ist ein Beispiel für zunehmende Selbstthematisierung und vielleicht eine etwas neuere Variante von Letzterer, deren Neuheit jedoch von ihrer Flauheit heruntergezogen wird: die Personalie als Event. Für Zuschauer bedeutet der Wechsel der TV-Größen von einem Format oder Sender zum anderen im Zweifelsfall nur, dass er für dasselbe mehr bezahlen muss oder mehr bezahlt für doppelt soviel von dem, was halb soviel besser wäre. Das heißt im Klartext unserer Volkswirtschaft, dass wir uns höher verschulden, damit Jauch & Co. ihr Lebenswandel garantiert bleibt.

In puncto Subversion wäre es ja durchaus zu goutieren, wenn etwa ein Harald Schmidt die Privatkanäle vollspammte, um ihnen den Garaus zu machen. Ich kann die Qualität seiner bisher letzten Werkphase nicht beurteilen, aber ein Wechsel zurück zu Sat.1 entbehrt doch eines Neuigkeitswerts. Komisch, dass millionenschwere Manager nicht blicken, was dem Branchen-Outsider sofort zu solch einer Nachricht einfällt: Das wird nichts. Und, ja: Nach 1,4 Mio. Zuschauern bei der ersten Sendung im September ist Schmidt derzeit bei 0,56 Mio. angekommen.

Auch Stefan Winterbauer beschleicht auf „meedia.de“ am 16.09.2011 nach Ansicht der ersten beiden Sendungen der Verdacht:

Hatte Schmidt etwa absichtlich schlechte Witze gemacht, um anschließend das Publikum ironisch verhöhnen zu können? Meine Güte, dieses Meta-Ebenen-Zeugs macht einen ja noch ganz schwirr im Kopf.

Tja. Liegt es vielleicht daran, dass wir unrettbar auf der Meta-Ebene angekommen sind?

Das ist möglicherweise die eine Wahrheit: Die Generation von Gottschalk, Jauch und Schmidt ist die erste der Wohlstandskinder, deren Erlebniswelt weitgehend in den Zuckereien von Pop-Charts und Samstagabend-Shows angesiedelt war. Dabei haben die Genannten noch in variierendem Maße Ochsentouren hinter sich gebracht. Und Schmidt dürfte am offensivsten mit den Widersprüchen seines Metiers umgehen, auch wenn dies nie zu spürbaren Konsequenzen, sondern immer wieder zur nächsten Stufe der Parodie und auch der gezielten Lustlosigkeit führt.

Was wir in solchen Show-Formaten sehen – und darin gleichen sich „Wetten, dass..??“, „Die ultimative Chartshow“ (RTL) oder auch viele Late-Night-Talks –, das ist, grenzen wir es mal ein, etwas zeitlupig Schlunziges, es ist wie ein Standbild, obwohl der Film weiterläuft. Die jetzt erwachsene Generation hat nicht erlebt, dass das Fernsehen neu war und dass es genuin neue Medienstars gab. Sie sieht diese Personen – bis vor kurzem z. B. noch Heinz Rühmann, Willy Millowitsch oder Rudi Carrell, in konditionsmäßiger Ausnahme Johannes Heesters, auch Joachim Fuchsberger, und neuerdings eben Gottschalk, Jauch und Schmidt –, seit sie denken kann.

Eine Differenz (die zweite Wahrheit) ist, dass sie in einem ironischen Zeitalter lebt, in dem das Monument sich eigentlich selbst demontieren muss. Das gelingt allenfalls Schmidt, und Personen wie Gottschalk und Jauch wirken mindestens latent deshalb antiquiert, weil sie einen Gute-Laune-Modus und die Höflichkeit eines Vertreters zu ihrem auslaufenden Geschäftsmodell gemacht haben.

Die dritte Wahrheit wäre dann die zunehmende Inkompatibilität eines Showbühnen-Hallatattas mit der Lebensgegenwart, die in der individuellen Sicht mit zunehmender Unsicherheit von Arbeitsverhältnissen und abnehmendem Wohlstand verbunden ist. Die TV-Welt, die im weitreichenden Unterhaltungssegment aufrechterhalten werden soll, ist eine, in der der Wohlstandsbürger es sich mit einem mittelpreisigen Rebensaft auf der Couch gemütlich macht, um der Erkennungsmusik zu lauschen. Für alle, die nicht sorglos reich und gesund oder die nicht abgestumpft sind, ist dies in kaum einer Minute ihres Daseins mehr so richtig möglich.

Nehmen wir nur mal die heutige Startseite der Tagesausgabe von „Welt Online“, in der auch die „2011!“-Rezension enthalten ist:

Da droht also Deutschland eine Herabstufung im Rating seiner Bonität, ergo höhere Zinsen bei unvermeidlicher Aufnahme neuer Schulden. Das kostet uns alle – wie schon mittlerweile jährliche Zinszahlungen um die 40 Mrd. Euro als zweitgrößter Posten des Bundeshaushalts, für die eine effektive Schuldenbremse bei wachsenden Transferzahlungen in EU-Länder wohl erstmal kaum denkbar ist. (Man belehre mich eines Besseren, wenn ich irre, oder nenne den Finanzminister zur Abwechslung nicht erst nachher einen infamen Lügner.)

In relativ undurchschaubaren und in ihrer Auswirkung wenig voraussehbaren Verfahren werden dann unter Leitung von Angela Merkel und Nicolas Sarkozy die Turbulenzen des Euros bekämpft. Dabei werden, sagen wir es pauschal, einige Probleme lediglich vertagt und manche Probleme in andere Probleme umgewandelt. Auch hier geht es um Schulden. Und heute hielt François Hollande, Kandidat der Parti Socialiste (PS) bei der französischen Präsidentschaftswahl 2012, beim SPD-Parteitag in Berlin eine Rede, in der es zur Rolle Deutschlands in der EU heißt:

Aber wir sind uns dessen bewusst, dass kein Land dem anderen Land Lektionen erteilen kann, dass Isolierung oder Sturheit die schlimmste Einstellung wäre.

Er spricht diese Worte vor den Mitgliedern einer Partei, deren Klientel von der seit Jahrzehnten anhaltenden Verschuldungsspirale und ihrer Steigerung durch aktuelle Finanzkrisen und Euro-Buchungen als erste betroffen sein werden und schon sind. So zeigt es die dritte oberste Überschrift der „Welt Online“-Startseite: „Einkommensschere geht in Deutschland auseinander“.

Nicht, dass man bei der Berechtigung des erheblichen Wohlstandes in Deutschland nicht differenzieren müsste. Die Frage bleibt jedoch, ob weniger von wenig auf Dauer funktioniert, zumindest in einem Umfeld, in dem es für Einzelne immer noch eine Menge mehr gibt. Und darüber hinaus hat Politik weitgehend und zu Recht ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt. Im Jargon eines Wirtschaftssoziologen wie Oliver Nachtwey nennt man dies – in der „taz“ vom 05.12.2011 – „Postsouveräne Parlamente“, wobei der „Post-Ismus“ in einem solchen Text mal nicht die Schwurbel-Verunklärung vieler Universitätsdiskussionen ist, in denen die faktische Realität von „Postdemokratie“ kaum eine Rolle spielt, weil sie sich hinter viel Beton und Glas sowie hohen Institutions- und Sprachbarrieren verschanzt und die weitreichende Wirklichkeit zur scripted reality verballhornt, auf dass sie einem vom Halse bleibe. Und „Welt Online“ lässt, ebenfalls am 05.12.2011, denn auch schon die „Occupy Wallstreet“-Bewegung vom Vorzeige-Kommunisten himself, Slavoj Žižek, als „Hippie-Scheiß“ zerreden, während Nachtwey anschaulicher als der in allen Feuilletons gekürte Philosophen-Star schlichte Tatsachen benennt, ohne die politische Philosophie nicht auskommt, wenn sie keine Medieninszenierung derselben Machteliten ist:

Italiens neuer Premier Mario Monti ist ein ehemaliger EU-Kommissar und Berater von Goldman Sachs. Seine Regierungsmannschaft stellt er als Kabinett aus Experten dar, doch vor allem ist es ein Kabinett der Banker […].

Das ist in seiner Dreistigkeit schon wieder auf seine Weise amüsant. In einem solchen soziopolitischen Umfeld ist aber Satire und sind „Unterhaltungsshows“ ein nahezu hoffnungsloser Anachronismus. Und das, was Menschen mit Erfahrungen, die in diesem Umfeld zu machen sind, „witzig“ finden, ist vielleicht auch nicht mehr allzu lange der Humor von zuvielverdienenden TV-Stars oder ihrer Gag-Schreiber. Andererseits ist die Fadheit der Erfahrungen, die hier im Angebot sind, vielleicht noch die geringste zu erwartende Strafe vor und hinter dem Bildschirm.

Das letzte Fiction-Frequenzband


Samstag, 26. November 2011, 21:38 Uhr. Autor:

Das Verhältnis von Bild und Wirklichkeit ist hier ja eine Art Langzeit-Unterrubrik. Dieser Tage gibt es dafür etwas reichlicher Stoff auf der Ebene von Nachrichtenmeldungen. Am gröbsten wohl die Ernüchterung, dass der „Sesamstraßen“-Komponist Fernando Rivas wegen Besitz und Herstellung von Kinderpornografie angeklagt ist („Welt Online“, 24.11.2011). Da hilft auf Rezipientenseite nur noch, dass Musik als reine Form recht mittelbar zurückzuführen ist auf das, was sich im Kopf des Erfinders so abgespielt hat.

Wenn die Welt schon nicht so funktioniert, wie man sich das vorstellt – ändert man eben das Programm. „meedia.de“ meldet am 25.11.2011 über den Sat1-Geschäftsführer: „Kosack erhöht die Fiction-Frequenz“. Hierbei lernen wir auch, dass es in diesem Sender eine Funktion mit dem Titel „Senior Vice President Deutsche Fiction“ gibt. So wird nun richtig durchregiert, auch wenn von der Muttersprache nur noch das Adjektiv übrigbleibt.

Was haben wir noch? Richtig: Heute tickert „Spiegel Online“, dass Katharina Saalfrank als RTL-„Supernanny“ den Dienst quittiert, und zwar wegen der „‚Entwicklung des medialen Markts‘ hin zu ‚gescripteter‘, also inszenierter, Realität“. Bei aller Skandalisierung und allem Voyeurismus war dies noch eines der Formate, in denen man mit gutem Willen eine Popularisierung pädagogischen und psychologischen Wissens hat sehen können, ohne die bestimmte Zielgruppen in den von ihnen gewählten TV-Programmen nur noch dem Sinn- und Orientierungsverlust überlassen worden wären. Aber wir sehen: Da wird ständig optimiert und nochmal nachgezogen. Wäre doch gelacht.

Dass der Zerfall familiärer Strukturen auch auf dem Bildschirm und in seinen Fiktionen nichts ganz Neues ist, zeigt ein Artikel wie „10 Dysfunctional TV Families We’d Like to Adopt“. Als Zeichen der Zeit dürfte die Kurzfassung einer Serie wie „United States of Tara“ (USA 2009-11) angesehen werden können, die die ARD im März bis Mai 2011 nur den Nachteulen zumuten wollte. In der deutschen Info findet sich keine Satzfolge, die den Inhalt so unnachahmlich verdichtet wie diese:

A woman struggles to find a balance between her dissociative identity disorder and raising a dysfunctional family.

Hier ist die von Steven Spielberg produzierte Serienwelt erklärtermaßen jenseits der ‚Normalitätsgrenze‘ angesiedelt. In der Entscheidung über eine solche Bewertung bestand am 09.11.2011 in der ARD gerade die Ambivalenz, wenn Carola Weber (Anja Kling) in „Es ist nicht vorbei“ (D 2011, R: Franziska Meletzky) ihrem sozialen Umfeld beweisen muss, dass der Vorgesetzte ihres Mannes (Tobias Oertel), Prof. Limberg (Ulrich Noethen), ein Arzt ist, der sie während ihrer Inhaftierung zu DDR-Zeiten unter Drogen gesetzt hat. Gegen Limbergs Reputation kommt sie zunächst nur schwer an und steht als verwirrte Lügnerin da, bis sich doch noch die Wahrheit herausstellt.

Es liegt hier nun einmal wieder die Handlungskonstellation vor, die in der Filmgeschichte von Filmen wie „Gaslight“ (USA 1944, R: George Cukor) bis „Soylent Green“ (USA 1973, R: Richard Fleischer) reiflich durchgespielt ist: Held oder Heldin haben etwas gesehen oder wissen etwas, das niemand glauben will, obwohl es stimmt. Die Paradoxie im Verhältnis von Realität und Film besteht darin, dass der Unverstandene im erfundenen Plot meist der Sympathieträger ist, während im Falle sog. „Verschwörungstheorien“ die Massenmedien bisher die Sprachregelung der Paranoia und verzerrten Realitätswahrnehmung vorgeben.

Daraus ergeben sich immer wieder komische Effekte – so auch in „Es ist nicht vorbei“. Als Zuschauer sind wir auf der Seite von Carola, der „paranoide Wahnvorstellungen“ unterstellt werden. Als größter Hohn wirkt es schon auf der realistischen Handlungsebene, dass Prof. Limberg eine Habilitationsschrift mit dem Titel „Multiple Persönlichkeiten und ihre Reintegration in den Alltag“ verfasst hat. Für Drehbuchautoren (hier: Kristin Derfler / Clemens Murath) ist dies ein in-joke, da sie in viele Fällen selbst an den mehr als multiplen Persönlichkeiten arbeiten, die im Sortiment der Massenmedien die Zuschauerpsyche künstlich erweitern: Für den ausufernden Mediengebrauch im Alltag kreieren sie die eskapistischen Fantasien und realitätsfernen Identifikationsfiguren.

Was in Maßen den Horizont erweitert, führt in unserer Gegenwart möglicherweise zu vollkommen weltfremden, aber als ‚normal‘ angesehenen Denk- und Verhaltensmustern: Etwa entspricht die über Jahrzehnte angestiegene Instabilität von Paarbeziehungen den Verhaltensmustern, die Prominente und Filmfiguren vorleben. Die Traumwelten von yellow press und Attraktionskino scheitern bei ihrer Übertragung in die Realität: Privatverschuldung etwa steigt aufgrund von Luxus-Konsum, mit dem man versucht, den fernen Vorbildern nachzueifern. Solange Banken mit Krediten das Unmögliche vorläufig und möglichst früh möglich machen, merken es die Betroffenen erst, wenn es zu spät ist. Und erst, wenn den im Kapitalismus generell Träumenden klar wird, wieviel von ihrem Kapital fiktiv ist, erfolgt wieder die Besinnung: In der Wirtschaftskrise 2008 ließen sich etwa in Spanien 13,5 % weniger Ehepaare scheiden als im Vorjahr. Wäre ihre Entscheidung sonst richtig gewesen?

In „Es ist nicht vorbei“ drängen weitere Symptome der Gegenwart an die Oberfläche einer Fabel, die DDR-Vergangenheit aufarbeiten soll. Während die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen 2010 verbucht, dass 1,4 Mio. Menschen medikamentensüchtig sind, ist die Verabreichung von solchen Mittelchen durch einen Arzt in diesem Film anhaltend unbewiesen, was sich zu der Verschreibungspraxis der Gegenwart ironisch verhält:

Jochen: „Und ob er dir tatsächlich Psychopharmaka gespritzt hat, um ’ne Unterschrift von dir zu erzwingen – das kannst du ihm nicht beweisen!“
Carola: „Und deshalb ist es jetzt in Ordnung, ja, dass mir zwei Finger fehlen und er einfach so weitermacht, als wär nichts passiert!“

Unter Medikamenteneinfluss hat sich die Filmfigur an einer Kreissäge in der Gefängniswerkstatt zwei Finger abgetrennt und dadurch ihre Karriere als Pianistin ruiniert. Das ist ein fürwahr sehr seltenes Fallbeispiel. Und ebensowenig, wie sich das Hauptabendprogramm für Tablettensucht interessiert (die Pharma-Lobby, die auch Werbespots bezahlt, könnte es stören), weckt es nachhaltig das Bewusstsein für die katastrophale demografische Entwicklung über ein paar Talkshow-Momente hinaus.

Ein millionenfaches Lebensproblem von Frauen im Alter der Hauptdarstellerin Anja Kling (* 1970) ist jene Kinderlosigkeit, die Deutsche von manch anderen Volksgruppen unterscheidet:

Quelle: Rainer Münz / Ralf Ulrich: Bevölkerungsprojektionen nach Nationalitäten für Deutschland

Doch dies ist ebenfalls kein Thema, mit dem man sich am Ende des Arbeitstages so gerne beschäftigen möchte. Die Kinderlosigkeit der weiblichen Hauptfigur resultiert in diesem Fall aus den Machenschaften des DDR-Regimes und soll durch eine Adoption korrigiert werden. Filme zur Hauptsendezeit widmen sich generell aber eher dem weltgeschichtlich vielleicht ein einziges Mal realisierten Drama, dass eine Klavierspielerin im DDR-Gefängnis zwei Finger verliert, als der Frage, ob eine Volksgemeinschaft nun genetisch entsorgt werden soll oder nicht. Und dies ist leider keine rechtslastige völkische Polemik, sondern eine Frage, ob man statistische Daten in einen Taschenrechner eingeben kann oder nicht. Und fragen Sie einmal einen Türken, ob es ihm egal ist, ob das türkische Volk ausstirbt. Bei all den vielen Interessen, die sie sonst haben, fällt auch deutschen TV-Moderatoren so etwas nicht ein. Für sie besteht die Konsequenz in einer reflexiven und diskursiven Verkrampfung, die man sich nur am DDR-Justizopfer zur besten Sendezeit vorzuführen getraut. Carola: „Ich kann nicht darüber reden. Dann kommt alles wieder zurück.“

Als Konzession an die Gewohnheit von Fernsehmachern, Fiktionen wie Dokumentationen mit etwas Hoffnungsvollem abschließen zu wollen, wo erst Problembewusstsein das Nachdenken in Gang setzen müsste, ist hier noch anzumerken, dass es der Fiktion gelang, am Abend von „Es ist nicht vorbei“ von 5,58 Mio. Zuschauern beim Fernsehfilm 5,01 Mio. zur anschließenden Dokumentation von Kristin Derfler zu locken.

Der Bellutsche Warp-Raum


Sonntag, 3. Oktober 2010, 17:39 Uhr. Autor:

Auf meedia.de wird der ZDF-Programmchef Thomas Bellut am 28.09.2010 zu der RTL-Sendung „Das Supertalent“ zitiert:

“Als die amerikanische Frau mit ihren Riesenbusen die Bierdosen zerdatscht hat, da wusste ich sofort: sieben Millionen!”

Uns schwant nun langsam, dass wir TV-Kultur bisher einfach nicht verstehen konnten, weil uns das physikalische Rüstzeug dazu fehlte: Nach der Quotentheorie Belluts verhält es sich nämlich also so, dass, wenn ein bestimmtes Ereignis übertragen wird, sich dies unmittelbar auf die Zahl der zählbaren Zuschauer vor dem Bildschirm auswirkt.

Wir nehmen an, das hat irgendwas mit diesem HAARP-, äh, Warp-Antrieb zu tun, durch den eine Raum-Zeit-Krümmung entsteht, mit Hilfe derer man dann im Vorhinein sehen kann, was schon war, und zwar auch, wenn man es nicht weiß bzw. noch nicht wissen konnte. Selbst wenn uns das zu hoch ist.

Gefälschtes Zeitbewusstsein


Sonntag, 19. September 2010, 17:52 Uhr. Autor:

In der „Welt“ verkündet Anette Kiefer als Kritik zur gestrigen Ausgabe von „Schlag den Raab“: „ ‚Schlag den Raab‘ verplemperte zu viel Zeit“.

Die Autorin stellt dann einen Katalog ihrer Kritikpunkte auf, die scheinbar dazu gedacht sind, das Konzept der Sendung nachzubessern. Einerseits lobt sie:

Raabs Spiele sind schlau ausgedacht. Sein Team schafft es immer wieder, die Klassiker aus der Mottenkiste zu holen und zu richtig spannenden Zweikämpfen zu machen.

Andererseits befindet sie dann:

Aber: Dafür braucht die Show unterm Strich einfach gigantisch viel Zeit. Vor Mitternacht steht nie ein Sieger fest, diesmal wurde es sogar 1.33 Uhr und damit so spät wie selten.

Und sie zählt Faktoren auf, die zur Zeitdehnung beitragen: die Kandidatenauswahl, die Musik-Acts, die (Eigen-)Werbung.

Mir kommt das so vor, als würde man für Automatik-Waffen nachträglich Vorrichtungen empfehlen, die die Geschwindigkeit der Geschosse reduzieren sollen. Die ‚Philosophie‘ dieser Sendung ist die Suspendierung des Zeitempfindens.

(In dem ab 1. Oktober erhältlichen Buch zu „Glotze fatal“ gibt es dazu das Kapitel „Organisierter Zeittotschlag“. Als Veranschaulichung und Nachweis am Material sind ergänzend Teil 2/5-A und Teil 2/5-B der Videos zu „Glotze fatal“ auf „YouTube“ abrufbar.)

Die Rezension von Anette Kiefer ist repräsentativ für eine unentschiedene bis selbstwidersprüchliche Haltung, die TV-Anbietern wie Raab gegenüber ihren Produkten zu etablieren gelungen ist: Er vermischt das stark Abzulehnende mit dem Irgendwie-doch-ganz-Amüsanten, oft Nostalgischen und/oder Regressiven. Wie Liebende, die im geliebten Objekt nur das sehen, was sie darin sehen wollen, klammern sich solche KritikerInnen an das Angenehme und blenden das wahrhaft Kritikwürdige aus.

Logisch und psychologisch wie marketingtechnisch trickreich ist dabei, dass sie dennoch in einem vermeintlichen Modus der ‚Kritik‘ operieren. Kiefer erkennt ja mit deutlichen Worten, dass „gigantisch viel Zeit“ verloren geht. Statt dies aber zum Hauptargument zu machen, doktert sie an Symptomen herum, als könnte sie damit die Krankheit heilen. Statt zu fragen, warum man auch nur eine Minute bei „Memory und Gummiband-Flitschen“ zusehen soll, statt es selbst zu spielen zu erleben oder ansonsten etwas anderes Freudebringendes und schon deshalb Sinvoll(er)es zu tun, wird hierfür – dies ist mindestens nolens volens Marketing und keine unabhängige Reflexion – nach einer Art Effizienzsteigerung gerufen.

Die so nicht formulierte Konsequenz der Argumentation lautet deshalb implizit: ‚Zeitverplempern‘ ja, aber vielleicht doch nicht genau so. Die Alternative ‚Abschalten‘ ist als eine Art Tabu gesetzt, über das scheinbar nicht gesprochen werden darf. Psychologisch deutet dies auf eine Erkenntnis hin, die schließlich im Unbewussten – im Artikel im Unausgesprochenen – verbleibt: Ich lebe im Falschen, aber ich verdränge und helfe anderen, – den Lesern, denen es genauso geht – dabei, zu verdrängen, dass es so ist.

Der Rest von Klartext in dieser Eingabe Anette Kiefers ist dann der Exkurs, in dem sie als Wahrnehmungsalternative die Abwesenheit des Zuschauers skizziert:

Wer samstagabends ausgeht, schaut „Schlag den Raab“ schon beim Aufbrezeln und kann locker wieder einsteigen, wenn er frühmorgens nach einigen Stunden Kino und Kneipe wieder zu Hause aufläuft. Konzentrierte Hochspannung ist anders.

Wären es dann dreieinhalb statt fünfeinhalb Stunden dieser Sendung plötzlich ‚tatsächlich‘ wert, angesehen zu werden?

Dies ist die Struktur eines solcherart unreflektierten Wissens, wie Pressetexte es wiedergeben und produzieren – ein Beispiel für institutionalisiertes falsches Bewusstsein aus dem Pressehaus Springer.

Zur Resonanz in der übrigen Medienandschaft:

Franziska Seng von der „Süddeutschen Zeitung“ schwebt in einer Kiefer vergleichbaren Ambivalenz und redet neckisch u. a. die Taktik kaschierter Werbung schön:

Latent macht sich trotzdem eine gewisse Unzufriedenheit breit. […] Freilich kann man auch als Zuschauer aktiv werden, um aufkeimenden Verdruss zu unterdrücken. Mit dem lustigen Spiel “Finde das Produkt” zum Beispiel. Seit einigen Sendungen macht uns nach Werbepausen ein kleines eingeblendetes P dezent darauf aufmerksam, dass die Sendung “unterstützt durch Produktplatzierungen” ist, zusätzlich zu den üblichen Produktwerbungen bei den Gewinnspielen. […]
Endlos in die Länge zieht sich das Spiel “Bücher tragen” […].
Spannung kommt nochmal zum Schluss auf […].
Es war wohl die bislang längste SDR-Show – leider in weiten Strecken aber auch die fadeste.

„Der Spiegel“ wandelt nur eine Agenturmeldung ab, jubelt etwas mit („Hochkonzentriert und extrem cool nahm der 29-jährige Linkshänder in seinem roten Trainingsanzug Maß auf den Korb“) und resümiert die Quoten. Auf Letzteres bleibt die Erwähnung in „meedia.de“ unter der Überschrift „‚Schlag den Raab meldet sich stark zurück“ gänzlich beschränkt. „Bild“ ist leicht zu begeistern und zitiert, statt selbst zu argumentieren, gleich den Showmaster selbst: „Stefan Raab: ‚Spannender geht’s ja kaum. […]‘

So gestaltet sich vorwiegend Medienjournalismus in diesen Tagen.