Mit ‘Medienpädagogik’ getaggte Artikel

Die nie gesendeten Nachrichten


Montag, 5. März 2012, 17:27 Uhr. Autor:

Guten Abend, meine Damen und Herren.

US-Präsident Barack Obama hat mit seiner heutigen Regierungserklärung eine Kehrtwende in der Sicherheitspolitik eingeleitet. Seinen Worten zufolge liegen die Bedrohungen mittlerweile nicht mehr in anderen Weltregionen, sondern vielmehr im Verhalten von Teilnehmern des heimischen Sozialsystems.

Gemeinsam mit anderen Industrieländern plant das US-Militär nun Interventionen in allen Steuerparadiesen der Welt. So sei für den Juni diesen Jahres der Einmarsch auf den Cayman Islands geplant. Zum Jahresende erfolge dann in Kooperation mit europäischen Partnern eine gezielte Operation in Luxemburg und Liechtenstein. Weitere Aktionen seien in Vorbereitung.

Obama betonte, jährlich würden schätzungweise 255 Mrd. $ Steuern hinterzogen, indem Einnahmen am Fiskus vorbei in Steuerparadiese verbracht würden. Die geplanten Kriegseinsätze seien deshalb ökonomisch weitaus sinnvoller als jene, die zuletzt im Nahen und Mittleren Osten geführt wurden. Auch seien wenige Kampfhandlungen zu erwarten und ein unmittelbares Erreichen der strategischen Ziele vorauszusehen.

Die deutsche Bundesregierung zeigt sich inspiriert vom Reformeifer des US-Präsidenten. In einer Fehleranalyse wurde in dieser Woche die Bildungs- und Familienpolitik als Zentrum anstehender Revisionen identifiziert. Familienministerin Kristina Schröder (CDU) gab zunächst für 150.000 Euro eine Studie zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen und deren Auswirkung auf Konzentrationsfähigkeit und Lernverhalten in Auftrag. Besondere Berücksichtigung erfahren dabei auch Detailstudien zu bestimmten Programminhalten. So werde die Frage aufgeworfen, wieviel Zeit bestimmte Altersgruppen mit bildungsfernen Medieninhalten verbringen und wie sich dies auf ihre schulischen Leistungen auswirke. Neuere Ergebnisse der Medienpädagogik hierzu seien alarmierend. Schröder schloss auch gesetzliche Maßnahmen gegen Gerätehersteller und Programmanbieter nicht aus, die auf ein jugendliches Publikum abzielen. Die gängige Praxis sei weder aus gesundheits- noch aus bildungspolitischen Gründen weiterhin tragbar. Kurzfristige Gewinne von Privatsendern und Computerherstellern wögen auch auf ökonomischer Ebene die Folgekosten nicht auf – vom Verlust an Lebenszeit, und -qualität einmal abgesehen.

Geänderte Rahmenbedingungen kommen auch auf die Atomindustrie zu. Nach den bislang gescheiterten Suchen nach geeigneten Endlagern und unerwarteten wie teuren Problemen in Zwischenlagern für Atommüll sei die Grundlage von bisher geltenden Verträgen in Frage gestellt, so Umweltminister Norbert Röttgen (CDU). Die Kosten für die Müllentsorgung über die nächsten 20.000-1.000.000 Jahre fielen erheblich höher aus als von den Vertragspartnern ursprünglich suggeriert. Deshalb prüfen Juristen des Ministeriums jetzt, inwiefern finanzielle Profiteure aus den Reihen der Kraftwerksbetreiber noch zu ihren Lebzeiten zu Rückzahlungen an die öffentliche Hand verpflichtet werden könnten. Auch der Zugriff auf Erbschaften nach dem Ableben von Atom-Managern sei im Gespräch.

Für eine dynamische Debattenkultur steht auch der neue Bundespräsident Joachim Gauck. Unter seinem Lebensmotto „Freiheit und Verantwortung“ startete nun eine umfangreiche Reihe von Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen, die ethische Grundlagen in den Bereichen Soziales, Ökologie und Medien beleuchten sollen. Vertreter aus Verbänden, Industrieunternehmen und dem öffentlichen Leben stellen sich hierbei vor Publikum Fragestellungen, die sich aus Gaucks Devise ergeben. Wie sieht soziale Gerechtigkeit in einem von neoliberalen Positionen bestimmten globalisierten Wirtschaftsraum aus? Was bedeutet ein ethischer Umgang mit endlichen Energieressourcen für das Leben des Einzelnen? Was bedeutet Verantwortung in einer Medienöffentlichkeit, die für bezahlte Content-Produzenten zunehmend von rein ökonomischen Prinzipien bestimmt ist? Gauck betonte, mit dem Motto „Freiheit und Verantwortung“ weder Wort- noch Patronenhülsen produzieren zu wollen.

Und nun das Wetter.

Ein Super-(RTL-)Vormittag


Freitag, 22. April 2011, 20:40 Uhr. Autor:

Die Osterferien haben begonnen, aber am Kinderprogramm von Super RTL ändert dies nur wenig. Weit entfernt ohnehin seit Jahren die Grundsatzfrage, warum es TV-Vollprogramme für Kinder braucht. Ein Blick auf die Seite „www.tvprogramme.net“ zeigt z. B. im Archiv für Donnerstag, den 19.04.1984, dass das Vormittagsprogramm von ARD und ZDF um 9.25 h mit einer „Sendung mit der Maus“ begann, die bis 10 h dauerte. Es folgten mit Nachrichten, einem wiederholten Fußball-Länderspiel, „Umschau“ und „Kinohitparade“ bis mittags Erwachsenenprogramme. An anderen Tagen gab es statt „Maus“ die „Sesamstraße“, freitags begann das Programm erst um 10 h.

Es dürften dann eher Schichtarbeiter gewesen sein, die, wie am 18.04.1984, ab 10.23 h bis mittags „WISO“, „Die Montagsmaler“, „Prager Notizen“ und „Report“ sahen. In der Gegenwart sind jedoch auch und gerade Kinder abkommandiert, schon ab frühmorgens den Programmen zu folgen. Der öffentlich-rechtliche Ki.Ka öffnet seine Schleusen ab 6 h mit einem erheblich erweiterten Sortiment, zu dem nach wie vor die „Sesamstraße“ gehört.

Super RTL scheint sogar noch von einem tageszeitlich früheren Einstieg in die Glotzerei auszugehen. Seine aktuellen Mediadaten geben u. a. Marktanteile bei 3-13jährigen Zuschauern für den Zeitraum von „3-3 Uhr“ an (21,3 % für Super RTL, 16,3 % Ki.Ka). Für die „Daytime“ von 6-20.15 h sind es dann 23,8 % Super RTL, 20,6 % Ki.Ka.

Florian Rötzer reicht am 21.04.2011 auf „Telepolis.de“ Informationen zu einer neuen australischen Studie durch, die gesundheitsschädliche Wirkungen von Medienkonsum bei Kindern beschreibt – aufgrund ihrer Bewegungslosigkeit vor Bildschirmen und daraus folgenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Was schon für jeden intuitiv selbstverständlich ist, dessen Kindheit sich vor 1990 abspielte, wird durch solche wissenschaftlichen Erhebungen bestätigt. Für Medienpolitik scheint es jedoch nicht handlungsleitend zu sein. Denn die Folge würde schlicht heißen: Wir brauchen keine so breite und zeitlich flächendeckende Angebotspalette für Medienkonsumenten, die sich noch in körperlicher und geistiger Entwicklung befinden, nicht selbstständig über ihren Konsum entscheiden können und sollten.

Die medienwirtschaftliche Realität bei Super RTL ist jedoch eine ganz andere. Schaut man sich einmal die Stellenausschreibungen an, die hier den Gegenstand von Tätigkeiten durchschimmern lassen, wird klar: Mit Pädagogik hat man wenig bis gar nichts zu tun, obwohl man mit Millionen von Kindern umgeht. Zentral sind Betriebswirtschaftslehre, Marketing und der Umgang mit der Microsoft-Präsentationssoftware „PowerPoint“, um Zuschauerzahlen, Zielgruppen und Geschäftsentwicklung zu beobachten, zu analysieren und Neulingen in der Branche den Eindruck zu vermitteln, diese Geschäftspraxis sei eine ‚Normalität‘.

Wie es sich auch an anderen Kulturentwicklungen ablesen lässt, geht es in der Mehrzahl von Tätigkeiten, aus denen letztendlich „Kultur“ entsteht, nicht mehr um Inhalte (die letztendlich aber das einzige sind, was im Hirn von Konsumenten ankommt) und ihr Für und Wider, sondern um Vermarktung und Oberflächen-Design. So die Aufgabenfelder von Super-RTL-Praktikanten:

Sales & Marketing
• Merchandising – Marketing-Team (aktuell vakant)
• Merchandising – Sales-Team (aktuell vakant)
• Merchandising – Handelsmarketing (ab Mitte Juli)
• Merchandising – Artwork Approval (ab Mitte August)
• Marketing & Brand Management (ab Mitte August)
• Eventmarketing (ab September)
• Merchandising – Musik (ab Mitte September)
Neue Medien
• Online Redaktion elementgirls.de (ab August)
• Online-Clubs/Paid Content (ab August)
Programm
• Programmplanung (ab August)

Dass Bewegungsarmut bei TV-Kids ein Problem ist, weiß man jedoch vermutlich auch in diesem Sender. Und so findet sich im Vormittagsprogramm des 21.04.2011 um 7 h morgens für ganze 10 Minuten ein an das Prinzip von Fitness-Videos angelehntes Format, in dem die kleinen Zuschauer durch gleichaltrige Mitwirkende in der filmischen Darbietung zum „Schwabbelquallentanz“ aufgefordert werden (6.50-7 h, „Tamusiland mit Detlev Jöcker“).

Dieser Spuk ist schnell wieder vorbei. Doch halt: Vor 6 h, dem eigentlichen Programmbeginn, wird Fitness großgeschrieben. Den Block von Dauerwerbesendungen zwischen 5 und 6 h teilen sich zu je einer halben Stunde DJ Ötzi mit einer CD-Kollektion und der „AbDoer Twist“, ein Trimm-Dich-Gerät. Letzterer verspricht laut Off-Kommentar „biometrische Synergieeffekte“ bei der körperlichen Ertüchtigung – für die man hier mal wieder nicht vor die eigene Haustür gehen muss, weil man sich sonst vielleicht noch zu weit vom Fernseher wegbewegt. Werbetext: „In nur ein paar Minuten pro Tag erleben Sie ein spannendes und aufregendes Training für den ganzen Körper – während Sie fernsehen können. […] Gleichzeitig trainieren Sie mit der neuen Twist-Technik auch Ihre Beine, die Waden, den Po und die Oberschenkel – alles bequem im Sitzen.“

Auch dies werden sich Kinder, die gewöhnt werden, Super RTL einzuschalten, hier und da anschauen. Um 6 h heißt es dann endlich: „Benjamin Blümchen“. Die Folge am 21.04.2011 hat gar einen ökologischen Touch und bringt einen Bürgermeister auf den rechten Weg, der mit seinem Auto illegal durch einen Wald gefahren ist, beinah ein Rehkitz überfahren hat und das Biotop auch noch mit einer neu zu bauenden Straße zerstören will. Am Ende wird alles gut und die elefantöse Hauptfigur Hilfsförster auf Lebenszeit.

Dies ist ein Beispiel, das auf der inhaltlichen Ebene sicher als Pro-Argument für die Kindertauglichkeit des Programms ins Feld geführt werden könnte.

Schaut man sich die formale und gestalterische Ebene einmal an (auf dieser Website hier und hier an anderen Angeboten dieses Senders schon geschehen), relativiert sich diese Einschätzung jedoch. Erwähnenswert für „Benjamin Blümchen“ sind etwa die Bedrohungs- und Todesmomente. Für diese wäre in der Medienpädagogik genauer zu reflektieren, inwiefern sie sich von grausamen Aspekten etwa der Märchenkultur unterscheiden.

Hier soll zunächst festgehalten sein: Es ist der Inhalt, in dem sich beides Letztgenannte trifft (und der hier im Sinne von Warnungen vor gefährlichem Autoverkehr modernisiert wird). Es ist die Form, in der sich ein erzähltes Märchen vom TV-Film unterscheidet. Und es ist diese Form, die Super RTL von Programmen wie der „Sendung mit der Maus“ (WDR) unterscheidet, deren Begründer Armin Maiwald auch am Ki.Ka-Programm bemängelt, es sei „alles nur schrill und schreiend bunt, das nähert sich immer mehr dem Privatfernsehen an“ (netzzeitung.de, 10.11.2009).

In der szenischen Auflösung finden sich in der Folge „Benjamin Blümchen als Förster“ (B: Ulli Herzog / Klaus P. Weigand, Storyboard: Christian Puille) gleich drei Szenen, in denen in identischem Ablauf eine Figur tödlich bedroht und knapp gerettet wird. Ein kleiner Pandabär wird beinahe von abgeladenen Baumstämmen erschlagen. Ein Rehkitz wird fast von einem Auto überfahren, wobei die Abfolge der Einstellungen den Zuschauer ‚überfährt‘, also heranpreschenden Wagenkühler und zurückweichendes Heck zeigt; später stürzt das Kitz in einen Abgrund und wird durch einen Felsvorsprung vor dem Tod bewahrt. In den ersten beiden Beispielen wird die Gefahr durch schnelle, heftige Bewegung indiziert; stets ist die Aktion von schreckerfüllten Gesichtsausdrücken der Figuren begleitet:

Screenshot: Super RTL, 21.04.2011

Von den meisten Darstellungsformen in den Sendungen von Super RTL ist zu sagen, dass sich ihre Schnittfrequenz von Erwachsenenprogrammen kaum unterscheidet. Für einen kindlichen Blick (und zumal demjenigen von Zuschauern, die noch jünger als ca. 6 Jahre alt sind) dürfte dies oft überfordernd wirken. Schnelle Schnitte, schnelle Bewegungen im Bild, schnelle Kamerabewegungen – all dies kulminiert dann noch einmal in den zwischengeschalteten Werbeblöcken, in denen die filmästhetische Adrenalinschleuder kein Halten mehr kennt.

Ob „Chuggington – Die Loks sind los“, wo man schon im Vorspann von einem Eisenbahnzug überrollt wird, …

Screenshot: Super RTL, 21.04.2011

… oder in der Disney-Produktion „Geheimagent Oso“ – …

Screenshot: Super RTL, 21.04.2011

… immer wieder sausen Objekte und Figuren auf das (im Trickfilm virtuelle) Kameraobjektiv zu, die Verbindung von Szenen wird mit hektischen seitlichen Reißschwenks in Farbschlieren inszeniert, oder die Szenerien wechseln in Sekundenschnelle und surrealistisch-psychedelischer Manier von einem Raum in den nächsten (Pseudo-)Raum. Wo Kinder erst einmal lernen müssen, Bewegungen einzuschätzen und mit ihrem Körper adäquat zu reagieren, werden ihnen hier die Bildelemente blitzschnell ‚um die Ohren gehauen‘. Der Effekt dürfte in sensomotorischer Abstumpfung bestehen, mit der solcherart konditionierte Wahrnehmungsapparat reagieren muss, um den visuellen Stress zu reduzieren.

In der Serie „Cosmo und Wanda – Wenn Elfen helfen“ kommt es verstärkt zu körperlichen Beeinträchtigungen der Figuren und anderen spektakulär-gewalttätigen Ereignissen wie Explosionen. Und die Figuren werden in vielen nahen Einstellungsgrößen zeichnerisch auf die Wirkung von aufgerissenen Augen und Gebiss getrimmt:

Screenshot: Super RTL, 21.04.2011

Die Gestalter von Bildwelten für die Kleinsten hantieren hier auf inflationäre Weise mit elementaren fazialen Signalen, über die etwa die biologische Verhaltenstheorie Auskunft gibt. So Irineäus Eibl-Eibesfeldt in „Liebe und Hass“ (1970):

Weitere Drohbewegungen, die wir mit den Menschenaffen teilen, sind das Aufstampfen mit den Füßen bei Ärger und das Zeigen der Eckzähne bei Wut.
(Eibl-Eibesfeldt, Irenäus [1987]: Liebe und Hass. Zur Naturgeschichte elementarer Verhaltensweisen. München, 13. Aufl. [OA.: 1970], S. 28f.)

Otto König schreibt in „Urmotiv Auge“ (1975) von

dem aggressiv getönten Ausdruckswert des scharfen Iris-Sklera-Kontrastes […].
(König, Otto [1975]: Urmotiv Auge. Neuentdeckte Grundzüge menschlichen Verhaltens. München, S. 80)

Die Gedächtnislosigkeit unserer Kultur gegenüber solchen Beobachtungen und Erkenntnissen lässt denjenigen, die mit ihnen fahrlässig umgehen, freie Bahn. Im medialen Mainstream wird etwa 08.05.1989 im „Spiegel“ noch als Titelgeschichte diskutiert – und bis heute hier im Online-Archiv veröffentlicht –, dass die „Droge Fernsehen“ „süchtige Kinder“ hervorbringe. Da heißt es dann – schon zu diesem Zeitpunkt realitätsnah –:

Der wahre Kinderfernseh-Alltag ist eben häufig kein herziger “Weg der Poesie”, den der ZDF-Mann Schächter so blumig beschwört. Leichen pflastern diesen Weg, in all den gewaltgeladenen TV-Trugbildern wie “Ein Colt für alle Fälle”, “Der Fahnder” oder “Matlock”, über die in den Klassen- und Kinderzimmern aufgeregt getuschelt wird. […]
In der Sehzeit mit höchster Kinderbeteiligung – zwischen 18 und 20 Uhr – dienen auch im öffentlich-rechtlichen deutschen Angebot die Kinder nur als wohlfeiles Quoten-Futter im Kampf um die 1,6 Milliarden Mark, die jährlich in die TV-Werbung fließen und immer härter umkämpft werden.

Die Frage bleibt in Bezug auf Wirkungsästhetik, was hier exakt was bewirkt. Ist es Aufstachelung oder Kompensation? Eibl-Eibesfeldt spricht beides an, merkt aber – wohlgemerkt schon 1970, fernab der heutigen TV-Programme – an:

Man kann Aggressionen auch abreagieren, indem an einen Film aggressiven Inhalts betrachtet; offenbar identifiziert man sich mit dem Geschehen. Das große Angebot von Filmen mit aggressivem Inhalt durch Kino und Fernsehen zeigt, daß hier ein Bedürfnis – ein Markt – vorliegt. […]
Das Ansehen aggressiver Filme aktiviert Aggressionen, und nicht immer sind die Filme so aufgebaut, daß diese Aggressionen des Betrachters auch wieder abgegbaut werden. Das hohe Angebot an Gewalt, Brutalität und Sadismus, das in den Massenmedien in Erscheinung tritt, ist daher höchst bedenklich.
(S. 92)

Die kulturellen Begleitumstände, die Eibl-Eibesfeldt hierzu benennt, haben sich in meiner Schilderung der Dialektik von extremer Bewegungsillusion, Bewegungslosigkeit der Zuschauer und (Pseudo-)Fitness-Angeboten, die selbst wieder Fernsehen und räumliche Isolation implizieren, auch 2011 für das Super-RTL-Programm in hohem Maße bestätigt:

Wir leben […] in einer Zoo-Situation als Gefangene in den Käfigen unserer Städte. Die Naturentfremdung wird als Entbehrung erlebt, wie die Massenflucht aus den Städten an Wochenenden beweist. Diese Frustrationen tragen erheblich zur Steigerung der menschlichen Aggressivität bei. Auch das Kleinkind ist im zivilisatorisch veränderten Familienmilieu diesen Belastungen ausgesetzt.
(S. 262)

Besonders heftig und schnell schlägt das bei Super RTL etwa im Werbespot auf das gelenkte Interesse der kleinsten Konsumenten um. Slogan: „Rüste dich für den Kampf – mit dem neuen Bakugan Battle Gear“.

Vergleichbare Komponenten wie die zuvor an Programminhalten beschriebenen findet man bei Super RTL auch in der – wie „Cosmo und Wanda“ kanadischen – Zeichentrick-Serie „Die Superschurken-Liga“, die zudem in Setting und Farbgebung eine düstere Gothic-Ästhetik pflegt. Und wie andere erwähnte Serien gibt es davon vormittäglich nicht nur eine Ration, sondern gleich mehrere: 2 x 10 Min. „Chuggington“, 4 x 30 Min. „Cosmo und Wanda“, 4 x 25 Min. „Die Superschurken-Liga“.

Verhackstückte Sensomotorik, grelle Farb- und Formspiele, Gewalt- und Todesszenen, radikale zeitliche Ausdehnung der Sendestrecken sind der Status quo dieser massenmedialen Bildkultur. In der breiteren Öffentlichkeit zeichnen sich dazu bisher keine nennenswerten Reaktionen ab, die den hier aufgezeigten Aspekten, wenn sie denn einmal konsensfähig als problematisch und schädlich erkannt wären, etwas entgegenzusetzen hätten.

Von Seiten der Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) sind etwa Pressemeldungen zu lesen wie jene vom 13.07.2010, in der die Berufung eines „Bundesjugendkuratoriums“ mit der Forderung verbunden wird, „die Herausforderungen der frühkindlichen Bildung zu meistern“. Wer meint, TV-Programme wie Super RTL seien in solche Zielvorstellungen integrierbar, sollte sich mit den zuvor angesprochenen wahrnehmungspsychologischen und inhaltsästhetischen Fragen nachhaltig beschäftigen.

Ob sich die auf praktischer Seite Verantwortlichen einer notwendigerweise unbequemen öffentlichen Diskussion stellen würden, dürfte fraglich sein. Dies wäre allerdings der notwendige Anfang, auch deshalb, weil eine visuelle Inszenierung und ihre wahrnehmungspsychologische Wirkung auf bestimmte Altergruppen derzeit keine juristischen Vorgaben und Einschränkungen möglich macht, mit denen im Fall einer Verweigerung des Gesprächs und der effektiven Selbstkontrolle zu operieren wäre.

„Unter uns“ gesagt: schizo


Mittwoch, 16. Februar 2011, 18:37 Uhr. Autor:

Wir schreiben die Folge 4031 nach Beginn der RTL-Daily-Soap „Unter uns“ (R: Friedhelm von Aprath). Michelle ‚Micki‘ Fink (Joy Lee Juana Abiola) liegt leicht erkältet mit Tobias Lassner (Patrick Müller) auf dem Sofa und bespricht mit ihm eine intrigante Welt unter zahlreichen intriganten Dauerserien-Welten:

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Tobias: „Du hast wohl zuviele Gerichtsshows gesehen!?“
Micki: „Jetzt bleib doch mal ernst. Die Wagner bohrt sofort nach, wenn du und Herr Jäger euch nur in einem winzigen Detail widersprecht. Und dann zerreißt sie eure komisch zusammengezimmerte Aussage in der Luft. Glaub mir – gegen die Wagner müsst ihr euch mehr einfallen lassen. Und das schafft ihr nur zusammen.“
Tobias: „Ich weiß nicht.“
Micki: „Aber ich für dich mit. Herr Jäger hasst die Wagner. Und er wird alles dafür tun, um sie fertig zu machen. Und du kennst ihre Methoden. Ihr seid also die perfekte Anti-Eva-Einheit.“

Neben den Bäumchen-wechsle-Dich-Spielchen im Figurenarsenal sind Verschwörung und Gegenverschwörung – im Rahmen von meist amourösen, finanziellen und mehr oder minder kriminellen Transaktionen – einer der inhaltlichen Standards, die hier bedient werden. (Ein Kapitel im Buch „Glotze fatal“ fasst diese Standards anhand von Beispielen zusammen.)

Die paranoide Welt, die ein solches Drehbuch konstruiert, teilt die Menschheit – je nach den Figuren, deren Perspektive wir gerade einnehmen – in böswillige Gegner und diejenigen ein, die sich durch Mittel der Verstellung ihrer Haut erwehren und mit mehr oder minder loyalen Partnern solidarisieren.

Dies ist vielleicht weltgeschichtlich gar nicht einmal unrealistisch. Als Schilderung einer privaten Lebenswelt wird es im Dauermodus zur Karikatur von Charakteren und Beziehungen. Medienpädagogik, die auf das eingeht, was Medienkonzerne einem jüngeren Publikum zuführen, hätte stets nach prägenden Wirkungen solcher Inhalte zu fragen – und inwiefern sie gesellschaftlich akzeptierbar sind. Gier, Selbstsucht, Reichtum, Unehrlichkeit, Geilheit, Untreue, Verlassen und Verlassenwerden sind Konstanten dieser Ideologie. Inwiefern diese gesellschaftliche Realität abbildet oder selbst prägt, müsste Gegenstand von Medienpolitik sein, die diesen Namen verdiente.

Nach der programmpolitischen Selbstreferenz („Gerichtsshows“) geht der zitierte Dialog zur erwähnten Kategorie der Erzfeindschaft über. Dabei wird der Figur der Eva Wagner (Claudelle Deckert) eine Gründlichkeit unterstellt, die man etwa im ‚kritischen Journalismus‘ mehr und mehr vergeblich sucht: Sie „bohrt sofort nach“, wenn sie Widersprüche bemerkt. Bei einer Zeitung wie der „Frankfurter Allgemeinen“ ist dies etwa im Fall eines im Produktionskontext nicht nur für „Unter uns“ Mitverantwortlichen wie dem „Grundy UFA“-Chef Wolf Bauer nicht gegeben. Einer der vorigen Blog-Einträge hier diskutiert Argumente und Rhetorik eines FAZ-Beitrags von Bauer, an dem zeigbar ist, wie Mit-Produzenten endlosen Flachsinns, sind sie einmal zur Selbstäußerung aufgerufen, in rührselige, wenn auch kaum realitätsbezogene und vorgeschoben wirkende Selbstkritik mit abstraktem Anspruch auf Weltverbesserung verfallen. In der Wirklichkeit „bohrt“ an solchen Stellen selten jemand nach, der von Mainstream-Medien bezahlt (und also überhaupt) bezahlt wird.

Die „komisch zusammengezimmerte Aussage“ ist eine weitere süße Selbstreferenz. Das Tagesgeschäft zeitschindender Billigproduktionen besteht in solchem ‚Zusammenzimmern‘ (abgesehen davon, dass hier fast ausschließlich irgendwelche nach Versandkatalogen und/oder Sponsoreninteressen ausstaffierte ‚Zimmer‘ abgebildet werden und nur wenige offene Räume). Hochmut spricht aus einer solchen Referenz nicht; Sarkasmus und Zynismus sehr wohl. Einem Schreiner, der so von seinen Angeboten spräche, würde man keinen Tisch abkaufen. Bei geistigen Gütern scheint es zunehmend eine Voraussetzung für Erfolg zu sein. Fast alleinentscheidend sind Marketing, sexualisierte Körper und Sendeplatz. Für alles andere ist neben Tausender solcher Serienfolgen dann kein Platz mehr – eine Kultivierung geistiger Ödnis und Wirklichkeitsverleugnung mit impliziter Selbstkasteiung.

Die letzte inhaltliche Einheit des Dialogzitats ist Mickis Appell an eine strategische Allianz mit dem Hinweis auf eine Art Geheimwissen. Die Wagner hat ihre „Methoden“, und Tobias kennt sie. Was in der Mainstream-Presse fast nie vorkommt – Reflexion und Debatten über das, was über soviele Stunden hier den „Medieninhalt“ bildet – sind eine Voraussetzung für die aktive Konstruktion solcher Sprachformen (Seriendrehbuch genannt). Die Anwendung dieses Wissens wird innerhalb der Handlung als bedrohlich und obskur charakterisiert: „zerreißt […] in der Luft“, „ihre Methoden“. Hiergegen hilft nur ein erfolgversprechendes Bündnis: „die perfekte Anti-Eva-Einheit“.

Man könnte soweit gehen, in dem Namen „Eva“ einen weiterreichenden Hinweis auf das Filmemachen zu sehen. Einer der prägenden deutschen Regisseure des späten letzten Jahrhunderts war bekanntermaßen Rainer Werner Fassbinder, dessen Initialen „RWF“ in Radu Gabreas biografischem Spielfilm zu „Ein Mann wie EVA“ (D 1984) wurden. Die Titelrolle darin spielt Eva Mattes, die in der Gegenwart wiederum in der High-End-Serie des ARD-Sonntagabends, dem „Tatort“, seit 2000 die „Klara Blum“ gibt.

Oft wiederkehrend in der Film- und Fernsehgeschichte ist die verworrene und chiastische logische Struktur: Selbstreferenziell werden Handlungsmodelle und deren moralische Bewertungen (aus Sicht der Macher: versteckte Selbstkritik) auf die Handlungsebene des Films projiziert. Die ‚Träger‘ dieser Bedeutungen, die auf das Filmemachen und ‑sehen verweisen, wechseln jedoch hin und her: Die „komisch zusammengezimmerte Aussage“ ist ebenso Metapher des Drehbuchs (das ‚in der Luft zerrissen‘ werden kann) wie die „Methoden“ derjenigen, die diese Aussage zu entlarven im Stande sind („die perfekte Anti-Eva-Einheit“).

Eine solche Selbstentlarvung kennen wir aus der Filmgeschichte nicht erst seit „The Wizard of Oz“ (USA 1939), dessen charakteristischen Namen die Bildsprache der „Unter uns“-Folge in einer Lampe versteckt – als um 90° gedrehtes Wort in der englischen Bezeichnung für „Auf Sendung“, „ON AIR“:

Screenshot: RTL, 10.02.2011

Dies ist der andauernde Status von Aufklärung in modernen Massenmedien: Sie ist in ihrem Gegenteil und im tendenziellen Nonsens verpackt. Und in ihrem Weltbezug, ihrem realistischen Sinn sind solche Erzählungen und Dialoge von permanenten Perspektivwechseln und Selbstironien geprägt. Ein hoher Prozentsatz von Bedeutungsgehalt verweist nur auf das Produkt selbst, nicht auf etwaige Wirklichkeiten. Und dabei werden Denkstrukturen auf Selbstwidersprüchlichkeit und Ambiguität getrimmt – in der Psychologie als double bind benannt und „eine kommunikationstheoretische Vorstellung zur Entstehung schizophrener Erkrankungen“.

Fernsehen stört kindliche Entwicklung


Freitag, 2. Juli 2010, 14:53 Uhr. Autor:

Die Studie wurde seinerzeit in der Presse durchaus beachtet: Dimitri A. Christakis vom „Seattle Children’s Hospital“ und seine Kollegen stellten 2004 einen Zusammenhang von TV-Konsum bei unter Dreijährigen und Aufmerksamkeitsstörungen im Alter von sieben Jahren fest. Das Abstract in „Pediatrics“ schließt: „Efforts to limit television viewing in early childhood may be warranted, and additional research is needed.“

Ist seitdem wohl Nennenswertes geschehen? (Hinweise können gern als Kommentar gepostet werden.)

Der zitierte Artikel ist immer noch online abrufbar hier, das PDF direkt hier.

Auf Seiten der allgemeineren Theoriebildung kümmert sich dieser Tage kaum jemand außer Bernard Stiegler um solche Themen – so in „Die Logik der Sorge. Verlust der Aufklärung durch Technik und Medien“ (2008) und dem dazugehörigen zweiten Band „Von der Biopolitik zur Psychomacht“ (2009).  In Letzterem heißt es etwa auf S. 53:

Die Biopolitik (die bei Foucault das Wesen der Staatlichkeit ausmacht) ist vollständig verschwunden; an ihre Stelle treten nun die Psychotechnologien der Psychomacht, die nicht nur die geistige und körperliche Gesundheit der Bevölkerungen (insbesondere der Kinder) zugrunde richten, sondern die auch die Zukunft der globalen Ökonomie gefährden, da die Psychotechnologien sich mit einer ruinösen Form der Bankenfinanzierung zu einem System zusammengeschlossen haben.

In „Die Logik der Sorge“ bezieht sich Stiegler auf die Studie von Christakis et al., und zum Thema „ADHS“ wird auch an vielen anderen Stellen immer wieder auf diese eine Quelle hingewiesen. Stieglers These einer „Psychomacht“ scheint sich auch darin zu bestätigen, dass ihre empirische Erforschung nicht gerade mit Siebenmeilenstiefeln voranschreitet.

Wo bleibt „additional research“ zur Medienwirkung auf Kleinkinder betreffs Aufmerksamkeitsstörungen und Lernschwierigkeiten, und wo die umfangreichen Feldstudien zu anderen Altersgruppen?

Update: Am 14.07.2010 berichtet Florian Rötzer in „Telepolis“ über neue Studien zur Medienwirkung auf Kinder und Senioren, u. a. eine neue Studie in „Pediatrics“.