Mit ‘Günther Jauch’ getaggte Artikel

Die zeitlupige Schlunzigkeit der Postdemokratie


Dienstag, 6. Dezember 2011, 0:25 Uhr. Autor:

Im Zuge des digitalen Barocks werden Texte anderer verlinkt, dass das Pixel kracht. Oder man rezensiert Rezensionen von Sendungen, die man selbst nicht gesehen hat. Probieren wir’s. Auf „Welt Online“ bespricht Uwe Felgenhauer am 05.12.2011 den RTL-Jahresrückblick „2011! Menschen, Bilder, Emotionen“. Seine Beschreibung trifft auf die meisten meiner Eindrücke sog. „Unterhaltungssendungen“ in den letzten Jahren zu, soweit ich sie sammeln durfte, und lautet so:

Denn der Rest war eben größtenteils Geschichte und auch nicht gerade so aufbereitet, dass er einen hinter dem Ofen hervorlocken konnte – trotz diverser Gäste. […]
Der Nachrichten- oder Unterhaltungswert tendierte gegen null.

Das neben dem „Rest“ war des Moderators Günther Jauch als dramaturgisches Element verwendete herausgezögerte Antwort auf die Frage, ob er als Moderator von „Wetten, dass..?“ Thomas Gottschalk nachfolgen wolle, der, nachdem Jauch tags zuvor in der letzten Folge der ZDF-Show hospitiert hatte, nun seinerseits im RTL-Studio Platz nahm.

Diese Drehbuchidee für „2011!“ ist ein Beispiel für zunehmende Selbstthematisierung und vielleicht eine etwas neuere Variante von Letzterer, deren Neuheit jedoch von ihrer Flauheit heruntergezogen wird: die Personalie als Event. Für Zuschauer bedeutet der Wechsel der TV-Größen von einem Format oder Sender zum anderen im Zweifelsfall nur, dass er für dasselbe mehr bezahlen muss oder mehr bezahlt für doppelt soviel von dem, was halb soviel besser wäre. Das heißt im Klartext unserer Volkswirtschaft, dass wir uns höher verschulden, damit Jauch & Co. ihr Lebenswandel garantiert bleibt.

In puncto Subversion wäre es ja durchaus zu goutieren, wenn etwa ein Harald Schmidt die Privatkanäle vollspammte, um ihnen den Garaus zu machen. Ich kann die Qualität seiner bisher letzten Werkphase nicht beurteilen, aber ein Wechsel zurück zu Sat.1 entbehrt doch eines Neuigkeitswerts. Komisch, dass millionenschwere Manager nicht blicken, was dem Branchen-Outsider sofort zu solch einer Nachricht einfällt: Das wird nichts. Und, ja: Nach 1,4 Mio. Zuschauern bei der ersten Sendung im September ist Schmidt derzeit bei 0,56 Mio. angekommen.

Auch Stefan Winterbauer beschleicht auf „meedia.de“ am 16.09.2011 nach Ansicht der ersten beiden Sendungen der Verdacht:

Hatte Schmidt etwa absichtlich schlechte Witze gemacht, um anschließend das Publikum ironisch verhöhnen zu können? Meine Güte, dieses Meta-Ebenen-Zeugs macht einen ja noch ganz schwirr im Kopf.

Tja. Liegt es vielleicht daran, dass wir unrettbar auf der Meta-Ebene angekommen sind?

Das ist möglicherweise die eine Wahrheit: Die Generation von Gottschalk, Jauch und Schmidt ist die erste der Wohlstandskinder, deren Erlebniswelt weitgehend in den Zuckereien von Pop-Charts und Samstagabend-Shows angesiedelt war. Dabei haben die Genannten noch in variierendem Maße Ochsentouren hinter sich gebracht. Und Schmidt dürfte am offensivsten mit den Widersprüchen seines Metiers umgehen, auch wenn dies nie zu spürbaren Konsequenzen, sondern immer wieder zur nächsten Stufe der Parodie und auch der gezielten Lustlosigkeit führt.

Was wir in solchen Show-Formaten sehen – und darin gleichen sich „Wetten, dass..??“, „Die ultimative Chartshow“ (RTL) oder auch viele Late-Night-Talks –, das ist, grenzen wir es mal ein, etwas zeitlupig Schlunziges, es ist wie ein Standbild, obwohl der Film weiterläuft. Die jetzt erwachsene Generation hat nicht erlebt, dass das Fernsehen neu war und dass es genuin neue Medienstars gab. Sie sieht diese Personen – bis vor kurzem z. B. noch Heinz Rühmann, Willy Millowitsch oder Rudi Carrell, in konditionsmäßiger Ausnahme Johannes Heesters, auch Joachim Fuchsberger, und neuerdings eben Gottschalk, Jauch und Schmidt –, seit sie denken kann.

Eine Differenz (die zweite Wahrheit) ist, dass sie in einem ironischen Zeitalter lebt, in dem das Monument sich eigentlich selbst demontieren muss. Das gelingt allenfalls Schmidt, und Personen wie Gottschalk und Jauch wirken mindestens latent deshalb antiquiert, weil sie einen Gute-Laune-Modus und die Höflichkeit eines Vertreters zu ihrem auslaufenden Geschäftsmodell gemacht haben.

Die dritte Wahrheit wäre dann die zunehmende Inkompatibilität eines Showbühnen-Hallatattas mit der Lebensgegenwart, die in der individuellen Sicht mit zunehmender Unsicherheit von Arbeitsverhältnissen und abnehmendem Wohlstand verbunden ist. Die TV-Welt, die im weitreichenden Unterhaltungssegment aufrechterhalten werden soll, ist eine, in der der Wohlstandsbürger es sich mit einem mittelpreisigen Rebensaft auf der Couch gemütlich macht, um der Erkennungsmusik zu lauschen. Für alle, die nicht sorglos reich und gesund oder die nicht abgestumpft sind, ist dies in kaum einer Minute ihres Daseins mehr so richtig möglich.

Nehmen wir nur mal die heutige Startseite der Tagesausgabe von „Welt Online“, in der auch die „2011!“-Rezension enthalten ist:

Da droht also Deutschland eine Herabstufung im Rating seiner Bonität, ergo höhere Zinsen bei unvermeidlicher Aufnahme neuer Schulden. Das kostet uns alle – wie schon mittlerweile jährliche Zinszahlungen um die 40 Mrd. Euro als zweitgrößter Posten des Bundeshaushalts, für die eine effektive Schuldenbremse bei wachsenden Transferzahlungen in EU-Länder wohl erstmal kaum denkbar ist. (Man belehre mich eines Besseren, wenn ich irre, oder nenne den Finanzminister zur Abwechslung nicht erst nachher einen infamen Lügner.)

In relativ undurchschaubaren und in ihrer Auswirkung wenig voraussehbaren Verfahren werden dann unter Leitung von Angela Merkel und Nicolas Sarkozy die Turbulenzen des Euros bekämpft. Dabei werden, sagen wir es pauschal, einige Probleme lediglich vertagt und manche Probleme in andere Probleme umgewandelt. Auch hier geht es um Schulden. Und heute hielt François Hollande, Kandidat der Parti Socialiste (PS) bei der französischen Präsidentschaftswahl 2012, beim SPD-Parteitag in Berlin eine Rede, in der es zur Rolle Deutschlands in der EU heißt:

Aber wir sind uns dessen bewusst, dass kein Land dem anderen Land Lektionen erteilen kann, dass Isolierung oder Sturheit die schlimmste Einstellung wäre.

Er spricht diese Worte vor den Mitgliedern einer Partei, deren Klientel von der seit Jahrzehnten anhaltenden Verschuldungsspirale und ihrer Steigerung durch aktuelle Finanzkrisen und Euro-Buchungen als erste betroffen sein werden und schon sind. So zeigt es die dritte oberste Überschrift der „Welt Online“-Startseite: „Einkommensschere geht in Deutschland auseinander“.

Nicht, dass man bei der Berechtigung des erheblichen Wohlstandes in Deutschland nicht differenzieren müsste. Die Frage bleibt jedoch, ob weniger von wenig auf Dauer funktioniert, zumindest in einem Umfeld, in dem es für Einzelne immer noch eine Menge mehr gibt. Und darüber hinaus hat Politik weitgehend und zu Recht ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt. Im Jargon eines Wirtschaftssoziologen wie Oliver Nachtwey nennt man dies – in der „taz“ vom 05.12.2011 – „Postsouveräne Parlamente“, wobei der „Post-Ismus“ in einem solchen Text mal nicht die Schwurbel-Verunklärung vieler Universitätsdiskussionen ist, in denen die faktische Realität von „Postdemokratie“ kaum eine Rolle spielt, weil sie sich hinter viel Beton und Glas sowie hohen Institutions- und Sprachbarrieren verschanzt und die weitreichende Wirklichkeit zur scripted reality verballhornt, auf dass sie einem vom Halse bleibe. Und „Welt Online“ lässt, ebenfalls am 05.12.2011, denn auch schon die „Occupy Wallstreet“-Bewegung vom Vorzeige-Kommunisten himself, Slavoj Žižek, als „Hippie-Scheiß“ zerreden, während Nachtwey anschaulicher als der in allen Feuilletons gekürte Philosophen-Star schlichte Tatsachen benennt, ohne die politische Philosophie nicht auskommt, wenn sie keine Medieninszenierung derselben Machteliten ist:

Italiens neuer Premier Mario Monti ist ein ehemaliger EU-Kommissar und Berater von Goldman Sachs. Seine Regierungsmannschaft stellt er als Kabinett aus Experten dar, doch vor allem ist es ein Kabinett der Banker […].

Das ist in seiner Dreistigkeit schon wieder auf seine Weise amüsant. In einem solchen soziopolitischen Umfeld ist aber Satire und sind „Unterhaltungsshows“ ein nahezu hoffnungsloser Anachronismus. Und das, was Menschen mit Erfahrungen, die in diesem Umfeld zu machen sind, „witzig“ finden, ist vielleicht auch nicht mehr allzu lange der Humor von zuvielverdienenden TV-Stars oder ihrer Gag-Schreiber. Andererseits ist die Fadheit der Erfahrungen, die hier im Angebot sind, vielleicht noch die geringste zu erwartende Strafe vor und hinter dem Bildschirm.

Jauchbuch Kapitaschwatzmus


Montag, 31. Oktober 2011, 20:19 Uhr. Autor:

Wir haben uns bisher zum Thema ‚Günther Jauch als Talkshow-Moderator‘ zurückgehalten, nachdem wir im Buch „Glotze fatal“ die äußerst suspekten psychologischen und metaphorischen Techniken seines Quiz-Dauerbrenners „Wer wird Millionär?“ beleuchteten – und deshalb von vornherein wenig Vertrauen darin hatten, dass hier eine Niveausteigerung politischen Journalismus im Ersatzparlament der sonntagabendlichen Sendung stattfinden würde.

Nach den ersten Sendungen haben sich nicht alle Befürchtungen bestätigt, aber zumal beim Auftritt der Kanzlerin Angela Merkel waren auch andere Kritiker mit ihrem Lob am Ende (Schwiegersohn trifft “Mutti”).

Am 31.10.2011 lud „Günther Jauch“ seine Gäste zum Thema „Die Banken an die Leine! – Wie bekommen wir die Finanzmärkte in den Griff?“ Fundamentalkritik ist von Seiten eines Moderators nicht zu erwarten, der als Medienunternehmer Millionenbeträge bewegt. Dass er in dieser Sendung die Chuzpe besaß, sogar wiederholt nachzufragen, wenn es um die Luftbuchungen von spekulativen Nahrungsmittelpreisen ging, ist vor diesem Hintergrund fast schon beachtlich. Es gehe dabei, so Jauch, z. B. um „die zehnfache Summe des überhaupt vorhandenen Maises“ – das habe er sich „sagen lassen“. Bei einem Minutenverdienst von 4500 Euro kann man sich allerdings auch in seinem Fall fragen, ob da einer eine Meise hat … So referiert weiter der „stern“ vom 14.07.2010 die „Bild“-Zeitung:

Er und seine 2000 gegründete Produktionsfirma sollten 10,5 Millionen Euro pro Staffel mit 39 Sendungen erhalten, meldet die Zeitung. Das seien 41 Prozent mehr, als bisher bei Vorgängerin Will angefallen seien.

Derartige Meldungen sind jedoch kein Grund für Sympathie-Einbußen. Die Wiedergabe solcher Informationen durch die „Bild“ scheint vielmehr zu jenem Märchen-Programm zu gehören, das in anderen Sendungen den unerschwinglichen Luxus zum Schauwert macht; hier ist es der Moderator, der mit überhöhten Gehaltsforderungen keine Empörung beim Gebührenzahler, sondern scheinbar noch Bewunderung erregt. Leider kommt dies auch Nicht-Fans überteuert zu stehen.

Doch zurück zum Thema der Sendung: die fortgesetzte Finanzkrise. Ein Skandalon der aktuellen Berichterstattung, das sich hier wiederholt, ist die gespielte Ahnungslosigkeit derer, die es besser wissen sollten. Wenn ein Spitzen-Moderator sich erst „sagen lassen“ müsste, was seit vielen Jahren die Finanzbranche bestimmt, in der er auch persönlich seine Anlageberater agieren lassen dürfte, wäre dies ein geistiges Armutszeugnis. Vermutlich verwendet er aber eine solche Formulierung auch deshalb, weil er sich mit weniger informierten Zuschauern solidarisieren will, die ihn nicht als überheblichen Spezialisten wahrnehmen sollen. Dies ist leider aber auch ein Grund, warum es hier und an vergleichbarer Stelle unnötig unpräzise und verwirrend bleibt. Und es fragt sich, ob dies nicht Absicht ist.

In diesem Kontext alberne Suggestionen wie ‚Ich habe das gerade erst erfahren müssen, das ist ja unglaublich!‘ sind durchaus erwähnenswert, weil sie zum Gesamtprogramm jener Kaste gehört, in der Jauch lebt. Eine ihrer wesentlichen Taktiken besteht darin, unverhältnismäßige Gewinne zu machen und sich dann aus der Verantwortung zu stehlen. So konnte es Sahra Wagenknecht (Die Linke) in dieser Talkshow auch nur in den von ihr seit langem vertretenen Kernsätzen vorbringen.

Dabei hat Wagenknecht etwa in „Wahnsinn mit Methode“ (2008) eine präzise Schilderung über 250 Buchseiten geliefert, was heute jeder CDU-Abgeordnete als Wahnsinn bezeichnet – nachdem Karl-Theodor zu Guttenberg für diese Partei 2009 noch mit dem Wahlslogan „Wirtschaft mit Vernunft“ werben durfte. Nun hat er sich in die USA zu denjenigen zurückgezogen, die aller Wahrscheinlichkeit nach zu den Drahtziehern der Krisen gehören (siehe diesen Beitrag von Jürgen Elsässer).

Und damit wären wir wieder beim Skandalon: Sahra Wagenknecht informierte ihre Wähler schon seit Jahren über jene systemischen Bedingungen, die nun alle beklagen. Und das „Schwarzbuch Kapitalismus“ von Robert Kurz, 1999 erschienen, erreichte Bestseller-Auflagen. Darin finden sich Aussagen wie folgende:

Die globale Schuldenkrise auf allen Ebenen kann vorerst „weggesteckt“ und weiter umgeschuldet werden, weil sie von der größten spekulativen Blase aller Zeiten an den Aktienmärkten überlagert wird. Das ist die zweite Phase der Krise seit Mitte der 80er Jahre, die bis heute anhält. [...]
Weil das Sicherheitsventil der Dollar-Goldkonvertibilität längst vorher entfernt wurde und die neoliberale „Deregulierung“ auch der Finanzmärkte die letzten Hemmungen beseitigt hat, kann die Blase so unglaublich groß und über so lange Zeit hinweg aufgeblasen werden. Umso verheerender muß allerdings der Knall sein, mit dem sie irgendwann platzen wird.
(S. 852/855)

Statt überhaupt nur darauf hinzuweisen, dass sich derzeit die schwärzesten Kapitalismuskritiken wie jene von Kurz und Wagenknecht bestätigen, die in Varianten auch schon früher als 1999 formuliert wurden, arbeitet eine Sendung wie „Günther Jauch“ an jenem falschen Bewusstsein, seit 2008 träten plötzlich Krisensituationen auf, denen man nun mit Maßnahmen im Rahmen der bestehenden Ordnung begegnen könne.

Die Voraussage sei an dieser Stelle gewagt – und sie beruht, siehe Kurz, Wagenknecht und andere – nicht auf meinem eigenen Prophetentum: Das Gejammer, Gekeife und Kontroll-Gerede auf der politischen Szene wird noch eine Weile weitergehen; die ‚Krise‘ beenden oder nachhaltig mildern wird es nicht.

Was die bisher existierende Ordnung – und vielleicht selbst Politiker, wenn sie ihre eigene Rolle nicht durchschauen – sich nicht eingestehen will, ist ihr vorläufiges Scheitern und prinzipiell voraussehbares Ende. Dies lässt sich relativ einfach begründen: Deutschlands Staatsverschuldung beträgt derzeit 2 Billionen Euro. Nach Griechenland stehen schon die nächsten Kandidaten bereit, die EU-Rettungsschirme und Zahlungen besser gestellter EU-Mitglieder in noch zu bestimmender Höhe erhalten müssen, damit der Euro als Währung erhalten werden kann. Dass Zusagen über nennenswerte Einsparungen bei den Hochverschuldeten eingehalten werden, ist sehr fraglich; es wäre historisch neu. Und die deutsche Bevölkerung altert und schrumpft, wie dieser Tage in der aktuellen offiziellen Bevölkerungsprognose vorausgesagt wird:

Die Zahl der Gestorbenen übersteigt die Zahl der Geborenen immer mehr. Das dadurch rasant wachsende Geburtendefizit kann nicht von der Nettozuwanderung kompensiert werden. Die Bevölkerungszahl in Deutschland, die bereits seit 2003 rückläufig ist, wird demzufolge weiter abnehmen. Bei der Fortsetzung der aktuellen demografischen Entwicklung wird die Einwohnerzahl von circa 82 Millionen am Ende des Jahres 2008 auf etwa 65 (Untergrenze der „mittleren“ Bevölkerung) beziehungsweise 70 Millionen (Obergrenze der „mittleren“ Bevölkerung) im Jahr 2060 abnehmen.
Das Altern der heute stark besetzten mittleren Jahrgänge führt zu gravierenden Verschiebungen in der Altersstruktur. Im Ausgangsjahr 2008 bestand die Bevölkerung zu 19% aus Kindern und jungen Menschen unter 20 Jahren, zu 61% aus 20- bis unter 65-Jährigen und zu 20% aus 65-Jährigen und Älteren. Im Jahr 2060 wird bereits jeder Dritte (34%) mindestens 65 Lebensjahre durchlebt haben und es werden doppelt so viele 70-Jährige leben, wie Kinder geboren werden.

Man kann also eine Diskussion wie jene bei „Günther Jauch“ stark unterkomplex nennen: Voraussetzung eines Gesprächs darüber, wie mit der Finanzbranche zu verfahren sei, sind auch und gerade solche Rahmendaten. Weil sie vor derzeit unlösbare Probleme stellen, werden sie einfach nicht besprochen – zugunsten eines faulen Friedens, der irgendwann in Elend und Chaos führen wird, wenn mit Werbe- und Gebührengeldern verwöhnte Seichtgewichte wie Jauch am Ruder bleiben.

Ob die Konstruktion der Europäischen Union anderen Maßgaben folgte als den Interessen derjenigen, die an ihr Teil haben, muss an anderer Stelle erörtert werden. Jedenfalls funktionieren bisher ihre Stabilitäts- und Kontrollmechanismen nicht, und diejenigen, die davon profitieren, werden mit aller Kraft daran arbeiten, dass dies auch so bleibt. Selbst die IWF-Direktorin Christine Lagarde bekundet in „Inside Job“ (USA 2010, R: Charles Ferguson), dass sie erst 2008 den Ernst der Lage auf den Finanzmärkten erkannt habe. Wenn sie also nicht schlecht informiert ist, wessen Interessen vertritt sie dann? Oder in wessen Interesse ist es, dass Menschen an der Macht sind, die etwa als Finanzminister (Lagarde, ähnlich Wolfgang Schäuble) systemische Risiken erklärtermaßen Jahrzehnte nach kritischen Wirtschaftstheoretikern (Kurz) realisieren?

Screenshot: ARD, 30.10.2011

Bei „Günther Jauch“ sollte „Ex-Investmentbanker“ Wieslaw Jurczenko u. a. mit einer Flipchart-Zeichnung die Einsicht in die Praktiken des „Credit Default Swaps“ erhellen. In der erwähnten Dokumentation „Inside Job“ gelingt dies mit Grafiken sehr anschaulich. Bei Jauch und Jurczenko entsteht nur eine wirre Strichzeichnung, die den Zusammenhang der Versicherung von Kreditausfällen (erste Abstraktionsstufe) zu den vielfältigen weiteren Formen der Kreditumschichtung und -verbriefung erst gar nicht plausibel macht; es gebe sie halt, und Jurzcenko rät, diesen unübersichtlichen Handel einfach zu verbieten.

Das wird aller Voraussicht nach zunächst nur sehr eingeschränkt geschehen und wirkungsarm bleiben. Doch noch einmal zurück zum Thema demografische Entwicklung: Der Anspruch, mit immer weniger Menschen, und darunter immer mehr hilfsbedürftigen Älteren die Schulden einer größeren Zahl von Leistungsnehmern sowie Besser- bis Großverdienenden der vergangenen 2-3 Jahrzehnte bezahlen zu wollen, sollte von Finanzpolitikern erst einmal in einer Modellrechnung begründet werden. Gelingt dies nicht, ist ein Schuldenschnitt für Deutschland unausweichlich. Die Frage ist dann nur noch, wessen Barvermögen auf dem Kontoauszug gelöscht wird.

Michael Grandt rechnet, wie in seinem Buch „Der Staatsbankrott kommt“ (2010), hier im Interview vor, dass die benötigten Summen für einen Schuldenabbau nur mit einem Wirtschaftswachstum zu erreichen wäre, das derzeit für Deutschland vollkommen illusorisch ist, …

YouTube Preview Image

… Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson erklärt im „Handelsblatt“ (11.05.2010):

Griechenland wird irgendwann pleitegehen. Portugal und Spanien könnten sich anstecken. Europa kann nicht alle diese Staaten retten. Es sieht also düster aus für den Euro. […]
Wenn man durch Wachstum nicht aus diesem Dilemma herauskommen kann, gibt es nur drei Möglichkeiten: entweder Inflation oder eine Staatspleite oder ein Bail-out.

… und auch „Die Welt“ vom 29.10.2011 erkennt:

Ein weiterer gravierender Fehler der EZB war es, den Glauben an den schuldenfinanzierten Wohlfahrtsstaat aufrechtzuerhalten. Eine Absage an den Wohlfahrtsstaat ist eine Aufgabe, die die Politiker per Definition nicht übernehmen können. [...]
Das bedeutet für Deutschland drastische Ausgabenschnitte und die Zurückführung des Wohlfahrtsstaates und des öffentlichen Dienstes auf ein zivilisiertes Niveau. Diese schmerzhafte Debatte wird nicht geführt, sondern nur, wie man mit mehr Geld mehr „hebelt“.

Statt uns mit Tinnef abzugeben, sollten wir also dringend ausgehend von solchen Aussagen Debatten führen. Das dauert allerdings länger als 60 Minuten, und deshalb werden wir auch im Zeitbudget von TV-Konsumenten einiges aussortieren müssen, wenn wir nicht gemeinsam untergehen wollen.

Wir werden sehen, ob während der oder im Anschluss an diese notwendigen Transformationen auch die Bläh-Diskurse von TV-Serien, der schlecht geklonten Buchkultur und der aktuellen Kulturwissenschaften auf den Prüfstand kommen, die strukturell aus den erwähnten korrumpierten Wirtschaftsweisen abgeleitet sind. Das zeigt etwa die Beschäftigung mit Filmen von Billy Wilder, der immerhin schon 1981 seinen Dienst quittierte. „Nobody’s perfect“, die letzte Dialogzeile aus „Some Like It Hot“ (USA 1959), könnte wortspielerisch auch das Motto der herrschenden Finanz-Institutionen sein: Niemand will’s gewesen sein, und von den Momenten, in denen wir die entscheidenden Fehler hätte vermeiden können, sprechen wir, wie stets der Film, nurmehr in der Vergangenheitsform. Wer sich unsichtbar macht, wer anderen leere Zeichen als Wert und Vergangenheit als Gegenwart vorgaukelt, dem sollten wir unsere Dienstbarkeit entziehen.

Elisabeth Noelle-Neumanns Prophezeiung zur Fernsehkultur


Freitag, 4. Februar 2011, 18:45 Uhr. Autor:

In einem Buchbeitrag von 1988, „Das Fernsehen und die Zukunft der Lesekultur“, verbindet die Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann (1916-2010) wahrnehmungspsychologische Thesen aus älteren und neueren Veröffentlichungen. Der Gegensatz von kognitiven Fähigkeiten, die das Lesen fördert, und der Ästhetik des Fernsehens wird hier deutlich.

Einige ausführliche Zitate können zeigen, welches Wissen in einer solchen Veröffentlichung vom Ende der 1980er Jahre enthalten ist, und wie sie sich zur medialen und politischen Gegenwart verhalten.

Zunächst geht es um Forschungen zu Wahrnehmung und Informationsverarbeitung im Vergleich von lesenden und nicht-lesenden Testpersonen sowie darum, inwiefern Informationsangebote bestimmte gesellschaftliche Gruppen erreichen – oder eben nicht:

Schon in den 40er und 50er Jahren hatten Kommunikationsforscher, die die Wirkung von Aufklärungskampagnen untersuchten, irritiert gefunden, daß diese Kampagnen ihre Adressaten nicht erreichten. Vor allem diejenigen, die schon Bescheid wußten, vergrößerten während der Kampagnen ihr Wissen, diejenigen, denen jedes Wissen fehlte, bemerkten die Kampagnen kaum. Wissen weckt Interesse, Interesse erleichtert Lernen, so vergrößert sich das Wissen, es ist ein Wechselspiel, und unvermeidlich wird dabei die Kluft zwischen den Aktiven, die zulernen, und den Passiven, die nicht zulernen, immer breiter. Für dieses Phänomen wurde der Ausdruck vom wachsenden Informationsabstand, vom ‚increasing knowledge gap‘ geprägt. Zu beobachten war diese Scherenbewegung in der modernen Welt überall, in den Industrieländern ebenso wie in den Entwicklungsländern, denen man mit Informationsprogrammen helfen wollte.
(S. 229)

Neuropsychologisch präziser geht es dann um die Rolle der beiden Hemisphären des menschlichen Gehirns in diesem Kontext:

Viele Befunde der Kommunikationsforschung der letzten Jahrzehnte kommen erst jetzt mit diesem neuen Wissenszweig ihrer Aufklärung näher: so wahrscheinlich die eingangs erwähnte Beobachtung, daß Zeitungsleser Fernsehnachrichten besser aus der Erinnerung wiedergeben können als Viel-Fernseher, die wenig Zeitung lesen; die passive Erinnerung an Fernseheindrücke, also das Wiedererkennen von Bildeindrücken ist gut entwickelt, die Bildereindrücke haften. Aber ohne eine ständig eingeübte Entschlüsselung von Worten und noch eine Stufe weiter von Schriftzeichen ist es offenbar schwerer, sie aktiv ohne Gedächtnisstütze auf einen Willensimpuls hin zu reproduzieren; dies gelingt eher, wenn die linke Hemisphäre, die auch die ‚lexikalische Hemisphäre‘ genannt wird, stärker beteiligt und geübt ist, es ist also eine Sache des ‚retrieval‘.
(S. 239)

Was dann über die Ästhetik der Repräsentation von Ereignissen durch das Fernsehen folgt, ist ein elementares Argument, um über seine gesamtgesellschaftliche und psychologische Wirkung zu reflektieren:

Das Fernsehen bringt ein ausschnitthaftes Bild des Geschehens, und zwar in einem, wie amerikanische Untersuchungen zeigen (Lang, Lang, 1953), beträchtlichen Dramatisierungseffekt, der in der Natur dieses Mediums liegt. Diese pointierten Bilderkürzel, die das Fernsehen als Realität vermittelt, fügen sich erst durch synthetische Leistungen des Zuschauers – er interpretiert, er fügt die Informationen in einen Rahmen ein, er relativiert – zu einem realistischen Bild zusammen. Für denjenigen jedoch, der diese gedankliche Organisation nicht leistet, weil er nicht liest, ergibt sich tendenziell ein zusammenhangloses Bild des Geschehens. Es passiert zwar viel, viel Streit, aber gerade dieser Eindruck schieb sich vor ein Verständnis der politischen Materie. Ohne Kontrakt mit Gedrucktem fördern die Darbietungen des Fernsehens ein falsches Bild von Politik (Noelle-Neumann, Schmidtchen, 1968, S. 56-58).
(S. 242)

Der „Streit“ bezieht sich auf Inhalte politischer Berichterstattung. Fast jede aktuelle Talkshow gibt hierüber beredt – oder eben beschreiend – Auskunft. Themen werden aufgebauscht und zerredet, Teilnehmer reden durcheinander und zerstören gedankliche Zusammenhänge, wenn man sie in zu großer Zahl für die zur Verfügung stehende Spanne von Sendeminuten aufeinanderhetzt.

Die in den nächsten Monaten bevorstehende Praxis etwa der ARD bedeutet vor dem Hintergrund der besonnenen Erwägungen einer Noelle-Neumann eine paradoxe Intervention, die allerdings ihre heilende Wirkung erst erweisen müsste – noch sind wir damit von „Reframing“ und „Alternativverhalten“ relativ weit entfernt. „Der Spiegel“ bemerkt am 05.12.2010 zur Programmplanung ab dem Herbst 2011, dass dann allein auf diesem Sender fünf wöchentliche Talkshows mit den Moderatoren Reinhold Beckmann, Günther Jauch, Sandra Maischberger, Frank Plasberg und Anne Will auf dem Programm stehen.

Für Noelle-Neumann ergibt sich die Schlussfolgerung:

Die Hemisphären-Forschung erweckt die Hoffnung, daß man eine solche Wirkung von viel Fernsehen in Zukunft erklären kann. Vom jetzigen Wissens- und Beobachtungsstand aus würden wir vermuten: Das Fernsehen trainiert nicht die Fähigkeit, der Darstellung von längeren Zusammenhängen zu folgen. Es preßt seine Mitteilungen in knappste Zeit, es erzeugt damit eine unterschwellige Ungeduld gegenüber Mitteilungen, die mehr Zeit beanspruchen. Das Fernsehen nutzt seinen Vorteil, durch rasch wechselnde Bilder anzuregen, zu beleben, Interesse zu wecken, zu unterhalten. Es entwickelt nicht die rationale Gliederung, die logische Verknüpfung, um Mitteilungen verstandesmäßig zu verarbeiten. Informiert zu sein, besteht ja nicht aus punktuellen Kenntnissen. Verstehen heißt, im wesentlichen die Zusammenhänge zwischen Fakten und Argumenten in Gedanken nachvollziehen zu können. Dabei spielt eine besonders große Rolle der direkte Zusammenhang, das heißt, daß man in der Lage ist, nicht nur Zusammenhänge zwischen einem und einem anderen Faktor zu erkennen, sondern Zusammenhänge, die in mehreren Schritten verlaufen: A beeinflußt B, und B beeinflußt C, so hängen dann A und C zusammen. Ebenso können Wechselwirkungen fast nicht durch das Fernsehen dargestellt werden.
(S. 245)

Die Aussicht, die so im Jahr 1988 gegeben wird, sollte an der Gegenwart überprüft werden:

Die Aufgabe heißt jetzt, die Beziehungen zwischen Lesen und Fernsehen zu erforschen und die Methoden zu erkunden, wie zu verhindern ist, daß sich Fernsehen ohne Lesen ausbreitet. Es würde in einer Gesellschaft von Fernsehzuschauern, die nicht zugleich Leser sind, im gesamten politischen Bereich, in allen Bereichen, in denen Menschen auf Informationen außerhalb ihrer Erfahrung angewiesen sind, die Manipulierbarkeit erleichtert. Und würden wegen Mangels an Übung und Verwöhnung durch Fernsehen die Barrieren, ein Buch zu lesen, höher werden, dann würden die Ich-Erfahrung und Phantasie veröden.
(S. 251)

Auch Elisabeth Noelle-Neumann nahm gelegentlich an Talkshows der ARD teil. Vielleicht ist es nicht nur Zufall, dass der Pianist Lang Lang (s. o.) in derselben Sendung von „Reinhold Beckmann“ am 18.12.2006 zu Gast war, als die langjährige Leiterin des Allensbach-Instituts, eines think tank nicht nur für die CDU und Noelle-Neumanns persönlichen Freund Helmut Kohl, sich in dieser Sendung ausgerechnet einer Ägyptenreise erinnerte, der sie ihren neuen Glauben an Wiedergeburt verdanke. Ihre Schilderung lässt sich abermals als paradoxe Intervention lesen, mit der sie scheinbar mit Veränderungen des Zeiterlebens Frieden schließt, die sie – in umgekehrter Logik für das Zeitempfinden von TV-Zuschauern – in ihrem zitierten Text als medienästhetische Struktur qualifiziert, die „unterschwellige Ungeduld gegenüber Mitteilungen [erzeugt], die mehr Zeit beanspruchen“ (s. o.):

„Ich hatte plötzlich das Gefühl, und das war das Entscheidende: Es gibt keine Zeit. Die Zeit ist einfach im Boden verschwunden. Herrlich.“

Als wie „herrlich“ die Dame die realgeschichtlichen Entwicklungen in ihrem Land, die sie dem Wortlaut ihrer schriftlichen Veröffentlichungen doch in Richtung Bildungsförderung und Aufklärung zu lenken versuchte, ansah, werden wir nun nicht mehr erfahren. Dass ihrer Meinung zufolge eine Zunahme von audiovisueller Prägung „die Manipulierbarkeit erleichtert“, führt in Kombination mit anderen Quellen zu dem Schluss, dass Manipulierbarkeit und Manipulation zugenommen haben. So die Ergebnisse der Studie „Leseverhalten in Deutschland im neuen Jahrtausend“ im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung von der Stiftung Lesen von 2001:

Die Buchlektüre ist bei den Bundesbürgern in den letzten Jahren im Schnitt zurückgegangen, und es gibt mehr Nichtleser. Vor allem bei den 14- bis 19-Jährigen ist ein Rückgang erkennbar: Haben 1992 noch 83% bis zu einmal pro Woche ein Buch gelesen, so sind es heute nur noch 71%. Bei den 20- bis 29-Jährigen sind es 44% gegenüber 58% in 1992.

Vielleicht ist es nicht unsymptomatisch, dass Noelle-Neumanns hochaktuelle, aber in der (massenmedialen wie wissenschaftlichen) Öffentlichkeit kaum präsente Aufsatzveröffentlichung mir in jenen Tagen begegnet, in denen – jedenfalls nach Auffassung von Slavoj Žižek in einem Artikel des „Guardian“ vom 01.02.2011 – „[i]n the best secular democratic tradition, people simply revolted against an oppressive regime“.

Für das von Žižek beschriebene Ägypten wie für das hiesige Land steht der Erfolg solcher emanzipatorischer Bewegungen in ganz unterschiedlicher Weise und divergierenden historischen Phasen kontinuierlich auf der Probe.

Zitate, sofern nicht anders verlinkt, aus
Noelle-Neumann, Elisabeth (1988): Das Fernsehen und die Zukunft der Lesekultur. In: Fröhlich, Werner D. / Zitzlsperger, Rolf / Franzmann, Bodo (Hg.) (1988): Die verstellte Welt. Beiträge zur Medienökologie. M. e. Einf. v. Neil Postman u. e. Nachw. v. Hilmar Hoffmann. Frankfurt a. M., S. 222-254

Warum man Cross Border Leasing besser lesen als gucken kann


Freitag, 7. Januar 2011, 19:23 Uhr. Autor:

Die Berichterstattung und Meta-Berichterstattung muss so hartnäckig bleiben wie das Problem selbst: Finanzwirtschaft ist in diesen Zeiten eine stark ausdifferenzierte, sich schon in ihrer eigenen Sprache immunisierende gesellschaftliche Funktionseinheit, die nichtsdestotrotz jeden betrifft, der Geld verwendet und an Sozialsystemen partizipiert. Und neben anderen strukturellen Zusammenhängen hat das, was im Strohfeuer von Zeter und Mordio in „Finanzkrisen“ Zeilengeld hergibt und dann wieder im Orkus verschwindet, einen solchen Zusammenhang mit dem Mediensystem und also der fatalen Seite des Fernsehens.

Schön deutlich macht dies ein Interview mit dem Publizisten Werner Rügemer im Online-Magazin „Harte Zeit“. Die Ungeheuerlichkeiten, die hier verhandelt werden, tauchen in zu geringem Maß in „Massenmedien“ bzw. solchen, die die „Masse“ wirklich erreichen können, auf. Und dies verhält sich so, weil erstens die Sachverhalte eine Komplexität erreichen, die Günther Jauchs Frisur übersteigt, und zweitens … Ja – was?

Vielleicht zunächst ein Beispiel aus dem interessanten „Harte Zeit“-Interview mit Werner Rügemer. Es betrifft ein Finanzierungsmodell, durch das u. a. deutsche Kommunen wichtige Infrastrukturen veräußern und auf lange Sicht zurückmieten:

Cross Border Leasing ist ein “strukturiertes Finanzprodukt”, das zur Gruppe der Asset Backed Securities gehört.

Wir erinnern uns daran, dass dies auch in einem verhältnismäßig bekannten Film wie Erwin Wagenhofers „Let’s Make Money“ (A 2008) thematisiert wird. Aber der wird ja nicht so oft wiederholt wie „Two and a Half Men“.

Rügemer dröselt im Interview auf, welche Personenkreise an diesen zweifelhaften Geschäften nennenswert verdienen – ein Spiel jenseits der Öffentlichkeit. Und dass dem so ist, hat mit der gegenwärtigen Ausrichtung der journalistischen Gewerbes zu tun:

Dutzende Städte in Deutschland und Westeuropa haben solche Transaktionen gemacht. Erst nach langen Recherchen kam ich dahinter, um was es eigentlich ging. Alle Medien wie der Spiegel, die Süddeutsche Zeitung und die öffentlich-rechtlichen Sender, also auch diejenigen, die als “kritisch” gelten und ungleich mehr Recherchemöglichkeiten haben als ich, glaubten jahrelang den Erklärungen der Stadtverwaltungen.

Rügemer nennt auch konkret verantwortliche Akteure auf dem Finanzmarkt, die an der Durchführung von „Cross Border Leasing“ beteiligt sind. Dass mit einer Bank und einem Autohersteller potente Werbekunden involviert sind, stützt das Argument zur Mitverantwortung von Medien:

Arrangeure waren in Deutschland übrigens vor allem die Deutsche Bank, Daimler Chrysler Financial Services und die australischen Banken Macqarie und Babcock & Brown. Und wir stoßen bei Cross Border Leasing auf weitere typische Merkmale neoliberaler Finanzpraktiken. Da ist erstens die Desinformation der Öffentlichkeit, verbunden mit absoluter, strafbewehrter Geheimhaltung.

Solche Praktiken führen in der Nachbetrachtung durch die Gesellschaft, in der sie stattfinden, dann zu vorläufigen Resümees wie jenem, das die „Wikipedia“ zum Stichwort aufführt:

Die mit den Fragen des Cross-Border-Leasing zusammenhängenden strafrechtlichen Fragen sind bis heute ungeklärt. Untersucht werden die bisherigen Konstruktionen in erster Linie unter dem Gesichtspunkt der Untreue (§ 266 StGB), begangen durch die staatlichen und kommunalen Entscheidungsträger, die die Verantwortung für die geschlossenen Verträge tragen.

Wir wünschen also dem Publikum für die Beibehaltung der Loyalität etablierter Presseorgane zu diesen Verhaltensweisen noch recht viel Freude – oder man fragt sich doch noch einmal, wieso es Rundfunkstaatsverträge mit solchen Formulierungen gibt:

Berichterstattung und Informationssendungen haben den anerkannten journalistischen Grundsätzen, auch beim Einsatz virtueller Elemente, zu entsprechen. Sie müssen unabhängig und sachlich sein. Nachrichten sind vor ihrer Verbreitung mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf Wahrheit und Herkunft zu prüfen.

Dies trifft jedenfalls, wie man sieht, allzu oft bei näherem Hinsehen (und mehr Vorkenntnissen zum gegebenen Thema, als der Sendeplatz erlaubt) sowie im Verhältnis von Berichterstattung und der Nachhaltigkeit und Wichtigkeit von Ereignissen nicht zu.

Günther Jauch würde fragen: Wer wird Leser?


Montag, 25. Oktober 2010, 3:05 Uhr. Autor:

Über öffentliche Resonanz freut man sich, wenn man veröffentlicht. Und schlechte Kritiken sind auch Werbungen. Die Rezension zum Buch „Glotze fatal“ aus der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ (15.10.2010, S. 21) kann man wohl als ‚gemischt‘ in ihrer Bewertung einstufen. Ein Adjektiv wie „minutiös“ schmeichelt, ein Begriff wie „Generalkritik“ trifft den Punkt. Die abschließende Diagnose von „totaler Humorlosigkeit“ finde ich als Autor des Buches sehr amüsant und kann damit gut leben.

Der gesamte Zeitungstext umfasst 30 Zeilen und ist mit „rg“ gezeichnet, was wohl dem Medienredakteur der Zeitung, Ronald Gläser, zuzuordnen ist. (Das Impressum enthält keine Kürzel. Die gehören da wirklich nicht hin.)

In der Kürze liegt die Unvollständigkeit, und als rezensierter Autor hat man nicht darüber zu entscheiden, wie umfangreich man besprochen wird, das versteht sich. An dieser Stelle nur der Hinweis: Der Autor der Rezension wird ausgerechnet da pointiert, wo er den kritisierten Text scheinbar nicht zur Gänze gelesen hat. Den im Buch enthaltenen Hinweis auf den Widerspruch von Günther Jauchs Millionengehältern zur Abspeisung der meisten anderen Beteiligten mit niedrigen Salären (einschließlich teurer Anrufspiele für Zuschauer sowie des ausbeuterischen Gesamtkonzepts von RTL, also dem Bertelsmann-Konzern) bedenkt der Autor etwa mit der Frage: „Wer hätte das gedacht?“ Dass Jauch, wie Gläser meine Argumentation referiert, „Zeit schindet“, ist kein wesentliches Argument im Buch, sondern im vierten Video zum Buch auf YouTube. Und was in dem Kapitel, das, so die Suggestion des Rezensenten, sich eigentlich jeder ‚denken‘ könne, auf 28 von 33 Seiten beschrieben wird, erwähnt er gar nicht – weil er es nicht gelesen hat?

Die Besprechung der RTL-Sendung „Wer wird Millionär?“ mit Günther Jauch im Buch „Glotze fatal“ stellt wesentlich darauf ab, aus zufällig ausgewählten Sendungen alle eingeblendeten Fragen und Antworten einer literarischen Interpretation auszusetzen – und dazu vereinzelt die Moderation und sonstige Ereignisse der jeweiligen Sendung ergänzend hinzuzuziehen.

Was dabei herauskommt, ist ein bizarres Abbild von Bedeutungsebenen, die oft politisch unkorrekt wirken und v. a. die (meist medienunerfahrenen) Kandidaten in ein sehr unvorteilhaftes Licht rücken. Zweifelhaft wird dabei etwa, dass die immer gleiche Berichterstattung zur Sendung in anderen Medien von einem „Zufallsgenerator“ spricht, der hier die Fragen auswähle. Leser können sich mit Hilfe des Buchtextes von „Glotze fatal“ ihr eigenes – vielleicht ein neues und anderes – Bild von der Sache machen, wie sie auf dem Bildschirm zu sehen ist.

Etwas enttäuschend ist auch, dass in einer Zeitung wie der „Jungen Freiheit“, die als eine der wenigen etwa konsequent den Zerfall von familiären Lebensweisen (oder auch nur biologischer Fortpflanzung überhaupt) in der herrschenden Kultur beklagt, nicht mit einem Wort bemerkt wird, dass „Glotze fatal“ an vielen Beispielen beschreibt, wie eine Gehirnwäsche durch Fernsehprogramme an einem weit verbreiteten Bewusstsein arbeitet, das lebensfeindliche Werte verinnerlicht und zu länger währenden Beziehungen immer seltener fähig ist. (Ich wäre dankbar für Hinweise darauf, wo dies sonst schon geschehen wäre – in den TV-‚kritischen‘ Büchern von Michael Jürgs oder Alexander Kissler wohl nicht in systematischer und exakter Weise. Dies mag vielleicht auch deshalb nicht verwundern, da sie in Verlagen des Bertelsmann-Konzerns verlegt werden und den Markt für Medienkritik bestenfalls mit ‚professionell‘ wirkender Oberflächlichkeit bestimmen.)

Durch eine journalistische Praxis, die derlei nicht nachhaltig beschreibt und auf relevante Kritiken an anderer Stelle nicht aufmerksam hinweist, wird sich auch in Zukunft nichts an RTL und Vergleichbarem ändern. Die Folgen dieser Sorglosigkeit tragen leider auch viele, die sie nicht zu verantworten haben – und leider haben Bücher, die dies zu beschreiben versuchen, in den Worten Ronald Gläsers „sehr wenig Unterhaltungswert“. In der Betrachtung von Medienwirkungen (wie Einsamkeit, Depression, Verschuldung, Gesundheits- und Umweltschäden) wird’s für Rezensenten vermutlich erst so richtig lustig, wie? Grüße in die Hauptstadt!

Liebe und Tod im „Tunnel“


Sonntag, 25. Juli 2010, 2:39 Uhr. Autor:

In einem ARD-Brennpunkt berichtet am Abend des 24.07.2010 Thomas Bug von der Massenpanik in einem Tunnel auf der Loveparade in Duisburg, die schließlich 21 Todesopfer und 342 Verletzte gefordert haben wird:

Es ist ’ne absolut bizarre Situation. Es gibt so zwei Bereiche auf diesem wahnsinnig großen Gelände, 230.000 qm. Es gibt diesen einen Bereich vor der Hauptbühne, direkt hinter uns. Da fahren noch diese ‚Floats‘, wie sie heißen, diese Trucks mit der Musik hier entsprechend nach wie vor noch auch laut an uns vorbei. Und dann gibt es den Bereich, in dem die Tragödie im Grunde passiert ist, das ist der Bereich hinter dieser Bühne, äh … wo dieser Tunnel ist. Und dort ist absolute Ruhe, dort sind die Menschen betroffen.

Die Partykultur der 1990er und 0er Jahre wurde immer wieder in eschatologischen Termini beschrieben. Als Ausgeburt einer Wohlstandsgesellschaft fand sie statt in dem Wissen, dass sie historisch als Phase der Dekadenz gesehen werden würde – Feiern am Abgrund, verabsolutierter „Spaß“ als Flucht aus einer historischen Situation, in der v. a. ökologische und wirtschaftliche Probleme davon künden, dass es „so nicht weitergehen“ kann.

Ein Sinnbild dieser Konstellation schien mir, seit ich es sah, ein dpa-Foto von der Berliner Loveparade 1998, das Peter Sloterdijk in „Sphären I. Blasen“ (1998) auf S. 540 zeigt: Über der Bildunterzeile „Im Radius eines Sound-Molochs“ drängen Menschen sich dicht um einen der von Reporter Bug erwähnten Trucks. Der Firmenname auf der Front ist deutlich zu lesen: „Spengler Transporte“. Der Leser eines solchen Buchs denkt also unvermeidlich an Oswald Spengler und „Der Untergang des Abendlandes“ (1918/22), den skeptische Beobachter einer von synthetischen Drogenmixturen aufgehellten aktuellen Tanzkultur hier und anderswo abermals gekommen sahen.

In der von Bug geschilderten Situation konkretisiert sich auch an einem begrenzten Ort und in einem einzelnen tragischen Ereignis mit Todesfolge für eine kleine Gruppe von Menschen etwas, was zum Unbehagen der Moderne und erst recht der Gegenwart gehört: „zwei Bereiche“, in denen entweder – sich der Gesamtsituation scheinbar nicht bewusst – immer noch abgefeiert wird oder in denen die tödlichen Konsequenzen des eigenen oder fremden Handelns schon angekommen sind – bei anderen, oder, schließlich, am eigenen Leib.

Dies ist exakt die Diagnose, die Harald Welzer in seinem Buch „Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird“ (2008) zum Verhältnis von Industrienationen, ihren Nachkommen und dem Rest der Welt stellt:

Ökologische Probleme werden von menschlichen Überlebensgemeinschaften deshalb registriert, weil Menschen als einzige Lebewesen ein Bewusstsein nicht nur über die Vergangenheit, sondern auch über die Zukunft haben. Nur daher rührt die schwache Hoffnung, dass ihre Einsicht in das, was sie angerichtet haben, auch zu einem Denken über das führt, was man künftig nicht mehr tun kann. (S. 52)
Deutlich werden rapide Veränderungsprozesse meist erst dann wenn sie gewaltförmig verlaufen oder in kollektive Gewaltprozesse einmünden. […]
Gleichgültig, wer wo wann die Entwicklung des Klimas durch Emissionen beeinflusst hat – die Folgen dieser Einflussnahme können in einer ganz anderen Gegend der Welt und von ganz anderen Generationen zu spüren und zu ertragen sein. (S. 201f.)

Die ARD-„tagesschau“ warnte am 23.07.2010 vor zu erwartenden Autobahn-Staus am Wochenende in der Urlaubszeit. Am 24.07.2010 berichtete sie über die Staus. Und schon in der Sendung vom 23.07. ging es um ein Unglück in einer örtlicher Situation wie derjenigen auf der Loveparade des folgenden Tages: im Allacher Tunnel in München. Ein Pkw steht unbewegt und brennt. Kommentar von Thomas Schorr: „Minutenlang reagieren die Autofahrer nicht auf die roten Ampeln am Tunneleingang.“

Es gehört zu den Gepflogenheiten unserer Medienkultur, dass zu einem Ereignis wie dem Loveparade-Unglück, von dem einige Dutzend Menschen, ihre Familien und Freunde existenziell betroffen sind, Sondersendungen ausgestrahlt werden. Die Tatsache, dass im US-Parlament am gestrigen 23.07.2010 eine umfassende Gesetzesinitiative des Präsidenten Barack Obama zum Umweltschutz weitgehend abgelehnt wurde, war etwa dem ZDF-„heute journal“ nur eine Kurzmeldung, der vorhergehenden „heute“-Sendung um 19 h nur ein paar Sekunden mehr wert. Die Folgen sind aus Sicht der ökologischen Debatten langfristig und desaströs. Sie bestätigen – wie zuletzt der gescheiterte Klimagipfel in Kopenhagen – die enervierend pessimistischen Voraussagen, die Kritiker in dieser Hinsicht machen.

Man muss in solchen Fällen leider von schizophrenen Tendenzen sprechen, die aus den eingeübten Konventionen des journalistischen Arbeitsalltags erwachsen. Derlei wäre nicht TV-Journalisten in diesem Maße anzulasten, wenn es noch andere nennenswerte Öffentlichkeiten gäbe. Doch schneller, als irgendeine schwerwiegende Nachricht begriffen wird, wirbt schon irgendein Günther Jauch wieder dafür, mit dem Kauf einer bestimmten Biermarke den Regenwald retten zu können – und das eigentlich Wesentliche, Folgenreiche und Realistische wird emotional von halbkonsequenten Wohlgefühlen überdeckt, für die solche Medienmacher – innerhalb ihrer begrenzten Lebenszeit – exorbitanten Wohlstand erwerben. Für die meisten anderen – auf demselben Planeten, in kommenden Zeiten – bleibt, wenn man einem Autor wie Welzer mehr Vertrauen schenkt (wobei seine Themen, wie er selbst, im ersten und zweiten TV-Programm nurmehr nachts kursieren), eine gefährdete, beschädigte Lebens- und Umwelt, wenn nicht der Tod.

Was, wie gesagt, an einem solchen Tag menschlich verständlich ist – die erhöhte Aufmerksamkeit für ein einzelnes tragisches Ereignis –, ist im Hinblick auf Weltgeschehen, -geschichte und Umwelt nicht von derselben Relevanz wie das, wofür Massenmedien immer noch kein im Ansatz ausreichendes Bewusstsein herstellen konnten. In „Klimakriege“ stellt Welzer uns in Aussicht, dass dies – beurteilt nach historischen Präzedenzfällen – vermutlich auch im Falle aller betreffender, allem Anschein zufolge nachweisbarer Lebensgefahren nicht gelingen wird.

Wann sehen wir einen Journalisten zur Hauptsendezeit, der befindet, es sei „’ne absolut bizarre Situation“, dass für Jux-Fernreisen und Online-Spiele die Atmosphäre verpestet wird und die Werbung Konsumenten einredet, sich umweltfreundlich zu verhalten, während die Produktgestaltung dem fortgesetzt und immer noch zuwiderläuft? Wann wird eine größere Zahl von Zuschauern „betroffen“ sein von dem, was ihnen ARD und ZDF nach 23 h sowie arte 3sat oder Phoenix andauernd zeigen, die Privaten, die 70% des Marktanteils beanspruchen, aber so gut wie gar nicht – soziale Ungerechtigkeiten und ökologische Endzeitszenarien, innergesellschaftlich und international?