Mit ‘Fußball-WM 2010’ getaggte Artikel

Wird Kahn der echte neue Netzer?


Sonntag, 11. Juli 2010, 23:43 Uhr. Autor:

Im kommerzialisierten Dornröschenschlaf wurde die hier zuvor besprochene Nebentätigkeit des Sportrechtevermarkters Günter Netzer (Agentur „Infront“) im öffentlich-rechtlichen Fernsehen weder von der Presse noch von Sendergremien besonders beachtet – geschweige denn kritisiert oder eingeschränkt.

Die „Bild“-Zeitung scheint sich deshalb in einer Phase der Desorientierung zu befinden, da sie derlei tatsächlich einmal vermeldet – mal wieder als „Wirbel“ bezeichnet, obwohl es hier um wesentlich kleinere Größenordnungen geht.

Ex-Torwart und Kommentator Oliver Kahn wird in einem Artikel vom 09.07.2010 nun dafür kritisiert, dass an der ZDF-Berichterstattung zur Fußball-WM 2010 auch das Internet-Portal www.fanorakel.de („Die Stimme der Fans“) beteiligt wurde, das ihm zu 20% gehört:

ZDF-Fernsehratsmitglied Dr. Michael Lohse (56) zu BILD: „Dass Kahn als ZDF-Experte auftritt und gleichzeitig geschäftlich mit der Sendeanstalt verknüpft ist, geht gar nicht. Ich werde das bei der nächsten Sitzung zur Sprache bringen.“ Auch Fernsehrätin Doris Pack (68) kritisiert: „Man darf solche Dinge nicht vermischen.“

Die Wirklichkeit muss man sich – darin ähnelt die bundesrepublikanische Gegenwart Berichten aus unfreieren Regionen – auch in einer vermeintlich ‚freien Presse‘ zwischen den Zeilen zusammenlesen, bzw. hier in Gegenüberstellung von redaktionellem Bericht und Werbung: „bild.de“ platzierte in einer Anzeigenschaltung vom 10.07. rechts neben dem zitierten Bericht eine Werbung für ein WM-Tippspiel mit Günter Netzer – dieser nun in seiner Funktion als Werbemodel für die „Allianz Global Investors“:

Dieses Engagement des wegen seiner Management-Zugehörigkeit bei „Infront“ nur vermeintlich unabhängigen Fußball-„Experten“ Netzer folgt auch im Fall „Allianz“ nicht bedingungslos den Interessen des Millionenpublikums, das Netzer v. a. als Kicker kennt.

Am 20.06.2007 lautete die Diagnose im „Focus“ noch:

Viele haben ihm vertraut, als er ihnen seit 2003 (der schlimmsten Krise des Deutschen Aktienindex Dax) Fonds empfahl, mit denen die Anleger vermeintlich nur gewinnen konnten. Er warb multimedial für die Produkte mit klangvoll-modernen Namen wie „Absolute Return“ und „Total Return“, entstanden in den Wortschmieden der Marketing-Marktschreier des Hauses Allianz. [...]

Das Plus („Return“) schmolz wie Butter unter der Zins-Sonne. Zuerst krebsten die Allianz-Produkte noch knapp über der 1-Prozent-Linie, seit 2007 rutschten sie sogar ins Minus. Die Anleger schauten, erstarrten – und flüchteten aus den Flopp-Fonds.

Das „Handelsblatt“ vermeldet am 08.07.2010 immer noch, wenn auch in verhalten-diplomatischem Ton:

Im relativen Performancevergleich haben die Aktienprodukte Aufholbedarf. Laut Feri Eurorating haben lediglich 29 Prozent der hier zu Lande angebotenen Allianz-Aktienfonds eine gute Note, während bei den Anleiheprodukten immerhin 44 Prozent gut wegkommen.

Aber wenn nichts mehr hilft, wird Netzer wohl auch in kommenden medialen Auftritten (so eine Andeutung gegenüber dem „Spiegel“) im Konzert mit allen anderen unabhängigen Berichterstattern die Hoffnung auf neue Siege u. a. der deutschen Nationalmannschaft schüren – auf dass ein zahlendes Publikum z. B. die des öfteren von Netzers Firma vermittelte Bandenwerbung nicht aus den Augen verliere.

Fußball vs. Politik – Nachtrag


Freitag, 9. Juli 2010, 14:16 Uhr. Autor:

Am 12. Juni wies ich auf Kritikwürdiges an der Fußball-WM-Dominanz gegenüber wichtigen politischen Entscheidungen hin. Dazu gibt es nun zwei updatewürdige Funde:

1) Hektor Haarkötter trägt in seinem „Telepolis“-Artikel „Fußball schlägt Aufklärung“ vom 07.07.2010 Fakten zur entpolitisierten Programmpolitik während des Sportereignisses zusammen.

2) Das WDR-Magazin „Monitor“ übte am 08.07.2010 mit einem Beitrag von Georg Restle nachträgliche Selbstreinigung für die Mainstream-Medien – im Hinweis auf sich bei Fußball-Weltmeisterschaften und -Europameisterschaften wiederholende leisetappende, aber folgenreiche Parlamentsentscheidungen zu Krankenkassenbeiträgen oder Mehrwertsteuererhöhung. Die „Monitor“-Sendung ist derzeit in der ARD-Mediathek anzusehen, die MP4-Datei direkt hier.

Wie wir bemerken durften, nutzte Angela Merkel das Viertelfinale für einen medienwirksamen Auftritt und konnte zu einem 4:0-Sieg der deutschen Mannschaft gegen Argentinien jubeln – da haben sich Hin- und Rückflug von ca. 20 Stunden für die vielbeschäftigte Spitzenpolitikerin wohl gelohnt. Effektiv auch ihre weibliche Intuition oder leistungsstarke Kristallkugel, denn bei der folgenden Halbfinal-Niederlage der „Jungs“ hätte ein Auftritt wohl nicht dieselbe halbbewusste Wirkung auf das Wahlvolk gehabt. Auch sonst war bei dem erfolglosen Spiel gegen Spanien kein Spitzenpolitiker zugegen.

Zum kleinen Finale um den dritten Platz am 10.07.2010 übernimmt jedoch der frischgebackene Bundespräsident Christian Wulff den Staffelstab. Die Chancen für ein Siegerlächeln gegen Uruguay stehen wohl etwas besser.

Die gut bezahlte Welt des Günter Netzer


Dienstag, 22. Juni 2010, 0:41 Uhr. Autor:

Fernsehkritik heißt in WM-Zeiten Fußballkritik. Und Fußball ist seit einigen Jahren immer mehr ein Sprachspiel. Nicht nur die Live-Kommentatoren reden mehr als in früheren Jahren, sondern auch die begleitende Berichterstattung hat sich auf stundenlange Sendestrecken ausgedehnt.

Seit 1998 gehören dazu in der ARD die Dialoge von Journalist Gerhard Delling und Ex-Profi-Spieler Günter Netzer. Dass Letzterer seit 1986 verstärkt in der privaten Sportwirtschaft tätig ist, war nie ein Geheimnis. Kaum diskutiert wurde die Frage, ob es bei einer Tätigkeit als „Experte“ im TV hierdurch zu Interessenskonflikten kommen könnte.

Die Firma Infront Sports & Media, in der Netzer als „Executive Director“ tätig ist, hat neben SPORTFIVE die führende Stellung in der weltweiten Vermarktung von Sportrechten inne. Netzer hält mit anderen Managern 10% des Aktienkapitals. Zu den Geschäften von Infront gehört der Handel mit TV-Übertragungsrechten von großen Fußballereignissen. Zu einer Doppelung der Aktivitäten kam es etwa bei der WM 2006: Infront verkaufte im Auftrag der FIFA die Rechte, Netzer trat in der ARD als „Experte“ auf. (Die EM 2008 lag in der Verantwortung von SPORTFIVE, die laufende WM wurde von der FIFA ohne Agentur direkt vermarktet.)

Doch die geschäftlichen Interessen von Netzer sind kontinuierlich mit Wohl und Wehe etwa der deutschen Nationalmannschaft verbunden: Bis mindestens 2014 läuft ein Vertrag des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) mit Infront, der u. a. die Bandenwerbung bei Spielen der Nationalelf betrifft, sofern der DFB die Rechte besitzt.

Den DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach zitiert der Focus am 04.06.2008 nach den erfolgreichen Verhandlungen:

“Mit diesem Abschluss konnte der DFB seine weltweite Spitzenposition im Bereich der Stadion-Kommunikation deutlich ausbauen. Zudem verdoppeln sich die Einnahmen bei den Frauen-Länderspielen, was nicht zuletzt auf die hohen Einschaltquoten zurückzuführen ist”, erklärte Niersbach.

Fortsetzung und Verstärkung des öffentlichen Interesses an der deutschen Nationalmannschaft sowie zahlreichen anderen sportlichen Aktivitäten spült also Netzer & Co. direkt mehr Geld in jene Kassen, die nach Auflösung der von Netzer 1986 im Schweizer Steuerparadies Zug gegründeten „CWL Telesport & Marketing“ im Jahr 2002 einheitlich unter Infront firmieren.

Etablierter unabhängiger Journalismus in Deutschland liest sich derzeit etwa so, dass am 07.06.2008 Jürg Altwegg für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ Günter Netzer interviewt. Nach Plaudereien über Käse-Fondue taucht momenthaft auch der wirtschaftliche Aspekt auf. Den Vorwurf der Steuerflucht versucht Netzer so zu parieren:

Fünf Kilometer von meinem jetzigen Wohnort entfernt wäre alles sehr viel billiger. Steuermäßig ist mein Wohnsitz Zürich sehr unvernünftig, aber das ist er mir wert. Wenn man mir in Deutschland vorwirft, in einem Steuerparadies zu leben, werde ich wütend. Immerhin bezahle ich in Zürich dreiundvierzig Prozent Steuern auf meine Einkünfte. Jedes Jahr bekomme ich ein Dankesschreiben des Bürgermeisters und des Steuerobmanns. Ich habe nie in meinem Leben aus Steuergründen meine Lebensqualität verändert.

Dies ist jedoch nur die halbe Antwort. Wer als Manager in einer Firma tätig ist, die auf dem Terrain des Steuerparadieses Zug angesiedelt ist, umgeht zunächst einmal jene Belastungen, die für andere Firmen in der Teilhabe an einem sozialen Solidarsystem fast überall in Europa gegeben sind. Die Stadt Zug wirbt auf Ihrer Homepage offensiv mit diesem Wettbewerbsvorteil und antisolidarischen Effekt:

Der Kanton Zug weist die tiefste Steuerbelastung der Schweiz auf und eine fast so tiefe im internationalen Vergleich. Unkomplizierte Behörden fördern eine wirtschaftsfreundliche, partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Unternehmungen.

So dürfte es kein Zufall sein, dass Netzer schon seine „CWL Telesport & Marketing“ in Zug gründete – jedenfalls nicht, um in dem von ihm in öffentlichen Kommentaren so gern gerühmten deutschen Vaterland mit Steuern einen Fortbestand des Wirtschaftssystems zu sichern. Resultat dieser Entscheidung war und ist, dass die u. a. von der deutschen Gebühreneinzugszentrale (GEZ) flächendeckend gesammelten Abgaben im Rahmen der Bezahlung von Übertragungsrechten des Profi-Fußballs z. T. direkt – und indirekt über Produktpreise, durch die etwa Bandenwerbung finanziert wird – auf Schweizer Konten wandern. Diese Konten gehören einer Firma, an der Netzer beteiligt ist.

Liegt bspw. die Unternehmensbesteuerung in Deutschland 2008 bei 29,83%, bietet ein Standort im Kanton Zug bei einer Körperschaftssteuer von 12,5-15,5% (so eine Website-Empfehlung) ca. 50% geringere Abgaben. Bei einer mit dem deutschen Spitzensteuersatz von 45% vergleichbaren Belastung als Anwohner im benachbarten Zürich zahlt Netzer diese Einkommenssteuer demzufolge von Einkünften, die entsprechend der Steuerersparnis seines Unternehmens höher liegen können.

Weder über Einkommensverhältnisse von Netzer noch seines Co-Moderators Delling sind jedoch Informationen öffentlich zugänglich. Die „Süddeutsche Zeitung“ wies immerhin am 19.07.2005 einmal auf eine „pikante Konstruktion“ hin, durch die Delling zu diesem Zeitpunkt von einer Werbetochter der ARD bezahlt wurde und nicht, wie man für einen unabhängigen Journalisten annehmen sollte, vom Sender selbst. Dellings Nebentätigkeiten als Conférencier bei Veranstaltungen der Privatwirtschaft, für die sein langjähriger Kontakt zu Netzer nicht hinderlich gewesen sein dürfte, werden von der SZ ebenfalls erwähnt.

Was sich bei Delling noch im Rahmen einer mittlerweile branchenüblichen Vorteilnahme von prominenten Moderatoren in Form von Zusatzverdiensten durch Präsentationen, Galas etc. bewegt, die journalistische Neutralität sicher nicht fördern, ist im Fall von Netzer mit der bei dieser WM zum Ende kommenden Kooperation über 12 Jahre eine definitive Verquickung von privatwirtschaftlichem Interesse und öffentlich-rechtlicher Berichterstattung.

Das FilmFundBüro hat sich für Auswirkungen dieser und anderer Aspekte auf die Eigenarten der Auftritte von Delling und Netzer schon 2006 interessiert. Eine damals entstandene Dokumentation mit Auszügen aus Gesprächen der Moderatoren und weiterführenden Informationen steht seitdem für die Vorführung bei Diskussionen zum Thema bereit. (Weitere Infos hier. Eine Kurzversion ist als „Delling im Netzerland – Die Single-Auskopplung“ bei YouTube oder auf der Website des FilmFundBüros zu sehen – oder gleich hier.)

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Was hat all dies mit dem Fußball als televisuellem Sprachspiel zu tun?

Eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Medienberichterstattung über den Fußball hätte z. B. nach deren Umfang zu fragen. Die erweiterten Sendestrecken nehmen für sich in Anspruch, besser oder vertieft über das Sportereignis zu berichten. Irgendwann aber sind die Grenze des Sagbaren und ein Maß der sachdienlichen Informationen erreicht. Frühere Generationen von Sportreportern zogen diese Grenzen enger. Heute folgen Expertenrunden, Interviews, Nach- und Stimmungsberichte aufeinander, als sei all dies per se interessant.

Eine Funktion des Zweifels und der Kritik scheint hier noch mehr als anderswo nahezu gänzlich suspendiert. Fußball wird als Kult und Kollektivierungstonikum von internationaler Tragweite etikettiert. Im Zuge dieser Sakralisierung und Politisierung werden Gegenpositionen vom Spiel ausgeschlossen: Wieviel und was immer hier geredet wird – es gehört schon irgendwie dazu und hat gefälligst Spaß zu machen. Sieht dies jemand anders, ist er ein Spaßverderber, wenn nicht Vaterlandsverräter.

Der Effekt ist auf Seiten der Funktionäre einer, der in Günter Netzer alle angesprochenen Aspekte in einer Person vereinigt: Organisiert er als führender Kopf einer Firma die finanzielle Auswertung vieler Ereignisse in diesem Zirkus, verbreitet er in seinen Reden und Kommentaren permanent Ideologeme, die von einem ganz anderen Planeten als demjenigen des Geschäftsinteresses zu stammen scheinen.

Netzer appelliert oft an Verantwortungs-, Pflicht- und Ehrgefühle von Spielern und anderen Akteuren auf dem und um den Platz. In endlosen Suaden kann er Charakteristika von Spielern, Feinheiten, oft aber auch nur Allgemeinplätze zu Taktiken und Spielverläufen ausbuchstabieren. Nichts deutet hier darauf hin, dass von Millionen Kickern ein paar hundert nach allerlei Kriterien (augenscheinlich nicht nur sportlichen) ausgewählt werden, um diesen Ritus durchzuführen. Und als Konsequenz aus der Zugänglichkeit, Traditionsbildung und lebensweltlichen Ausbreitung von Fußball als Vergnügen wesentlich von Zuschauenden und dabei nicht selbst sportlich Aktiven entsteht, wie geschildert, ein Geschäft mit Milliardenumsätzen.

Es ist dies ein Geschäft wie alle anderen, insofern fein gekleidete Herren in vornehmen Büros Besprechungen abhalten, Verträge schließen, Daten verwaltet und Mitarbeiter akquiriert, Werbeagenturen mit der Öffentlichkeitsarbeit beauftragt werden. In diesen Routinen ist nichts enthalten, was mit Sport zu tun hätte: Es geht um Profitmaximierung, Businesspläne, Marketingkonzepte, Zielgruppen, Konsumgewohnheiten, Synergieeffekte.

Die letztgenannten Praktiken sind Kernkompetenzen einer Firma wie Infront, angewendet auf Profisportarten. Eine Besonderheit in Deutschland und einigen anderen Staaten sind öffentlich-rechtliche (statt privater) Rundfunk- und Fernsehsender, die als Abnehmer von Produkten und Dienstleistungen immense Mengen von Gebührengeldern verteilen. Konkret heißt dies, dass nach Auskunft von FIFA-Präsident Joseph Blatter Infront für das gesamte Rechtepaket der WM 2006 ca. 500 Millionen Euro bezahlte, um sie an Sender weltweit weiterzuverkaufen. Bei der WM 2010 beträgt laut dem Handelsblatt „das Gesamtvolumen des WM-Fernsehpaketes für den europäischen Markt rund eine Milliarde Euro“.

Im Kontrast zu diesem geschäftlichen Hintergrund wird in der Berichterstattung über Fußball jedoch stark eine quasi-familiäre oder clubmäßige Atmosphäre konstruiert. Halbironisch sprechen Reporter vom „Knöchel der Nation“, wenn eine Verletzung von Spielern Gegenstand umfangreichster Berichterstattungen und Spekulationen wird. In Gesprächen während der ersten Spieltage der laufenden WM war zu spüren und zu hören, dass Netzer mit Delling vor laufender Kamera nicht gern über Spielergehälter und Transfersummen sprechen wollte. Netzer am 14.06.2010: „Ja, also, das führt zu weit, diesen Wahnsinn der Gehälter jetzt anzusprechen, Gehälter, äh, Trans…fersummen. Natürlich ist da die Welt in Unordnung geraten, äh, das ist nicht schön. Aber – wenn Sie jemanden finden, ähm … äh, dem es das wert ist … Sie werden so einen nicht finden, da können Sie sicher sein.“

Viel lieber verfällt Netzer – ob von Marketing-Beratern empfohlen oder aus seinem Naturell heraus – in rührselige Äußerungen über einen der angesprochenen hochdotierten Spieler: „Er ist ein guter Junge.“ In dieser Rede vom „guten Jungen“ sind die angesprochenen Kontraste gebündelt: die Herkunft des Fußballs aus einem privaten Vergnügen und bescheidenen Milieu, das Vertrauensvoll-Kameradschaftliche, der sorgende Generationenvertrag.

Nicht nur bei Netzer findet man auch oft einen pseudo-pädagogischen Gestus, der über Spieler mit millionenschweren Verträgen so spricht, als seien sie Grundschüler, deren Psyche man mit besonderer Vorsicht behandeln müsse. Allerhand wird herbeizitiert, das nach Enttäuschungen zu einer Stärkung des Selbstbewusstseins notwendig sei. Bei Phasen der geringeren Torausbeute wird sich um das Seelenheil der Stürmer gesorgt – einer der Anlässe, zu denen Sportjournalisten einen enorm produktiven Phrasengenerator besitzen, der neben Zeitverbrauch auch nachhaltig das Phantasma nährt, dass wir es hier mit schutzbedürftigen Familienangehörigen zu tun hätten, um deren Wohl man sich zu sorgen habe – statt sie wie alle Content-Anbieter zu behandeln, die Interessantes oder Fragwürdiges zu Markte tragen.

Hierin ist außerdem eine Infantilisierung zu beobachten, die das Urteilsvermögen von Fernsehzuschauern kontinuierlich schwächt, statt es zu stärken: Rollenbilder gesellschaftlicher Akteure wie der schwerreichen Fußballspieler und -verkäufer werden – auch zum eigenen Vorteil berichterstattender Labertaschen, denen so die Arbeit nicht ausgeht – zu Fiktionen der freundschaftlich Zugeneigten, Zum-Greifen-Nahen umgedichtet. Diese verpeilte Weltsicht wirkt sich – auch durch die Zeitbudgetierung zugunsten von Sportschauen – leider zusätzlich auf andere Areale des Realitätsbewusstseins aus – und dies ist bei der Verantwortung, die Wahlberechtigte, technisch hochgerüstete Ressourcenverbraucher oder Leistungsnehmer des Sozialsystems tragen, auf Dauer kaum tolerabel. Auch diejenigen, die sich vom Fußballtrubel weitestgehend fernhalten, sowie nachkommende Generationen werden die Zeche für solche neofeudalistisch-antiaufklärerischen Praktiken zahlen.

Die Realitäten, in denen das Fußballtheater stattfindet, sind selbst in vielfacher Hinsicht anderes als eine Familienidylle. (Was weitergehende gesamtgesellschaftliche Entwicklungen betrifft, ist dies und wird dies immer wieder Thema von „Glotze fatal“ werden.) Jedenfalls ist es als vollkommen unauthentisch anzusehen, wenn ein geschäftsmäßiger Zocker um Milliardensummen, als der Netzer mit seiner Firma Infront praktisch – und dabei von Medien weitgehend unbeobachtet – auftritt, in lauschiger Studioatmosphäre und simulierter Nähe zu einem Millionenpublikum aus einem scheinbar unerschöpflichen Nähkästchen plaudert.

Einen neuerlichen Einblick in die Art, wie Netzer sich gibt und argumentiert, sowie zu einer Fülle von Anzeichen, dass es in den berühmt gewordenen Wortgefechten mit Delling noch um mehr geht als freundschaftliche „Kabbeleien“ von „Siez-Freunden“, soll Ihnen ein Video geben, das das FilmFundBüro aus den neuesten Aufführungen des Duos im ARD-Programm vom 14.-20.06.2010 zusammengestellt und mit anderen Materialien konfrontiert hat. Sehen und hören Sie also selbst:

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Vuvuzela Surround 5.1 a capella


Sonntag, 13. Juni 2010, 2:56 Uhr. Autor:

Auf „Telepolis“ bemerkt Rudolf Maresch gestern schon die eigentümliche Klangcharakteristik, die sich bei der Fußball-WM in Südafrika ab dem ersten Spiel etabliert hat: Tröten, im Fachjargon „Vuvuzelas“, wurden vor Ort massenhaft unter die Leute gebracht, die nun eben tröten, was das Vuvuzela hergibt. Die korrekte Beobachtung ist, dass bei den Spielern – und bei den Zuschauern – das „Nervenkostüm auf Dauer mächtig strapaziert“ wird.

Maresch vernimmt „Hornissensound […], der den der Elefanten imitieren soll“. Um die zoologisch-phonologische Katachrese voranzubringen, könnte auch an Fliegenschwärme gedacht werden, die hinter Moskitonetzen toben. Aber genug der Worte: Sie haben es bestimmt schon selbst gehört, wenn Sie einen Fernseher besitzen und sich, ohne so etwas zu ahnen, in Zeitgenossenschaft üben wollten.

Die ohrenbetäubende Vuvuzela-Orgie verursacht wahrhaft eine neue Qualität in Zumutungen, mit denen das TV aufzuwarten hat. (Abschalten gilt nicht, wenn andere es nicht auch tun.) Einmal mehr realisiert die Programmgestaltung – vorbereitet durch eine instrumentale Verkaufsidee – ihre eindrücklichste Kritik gleich selbst, und zwar hier qua enervierendem Geräusch. Dass der Kommentar dem Stummstellen des Tons am Empfangsgerät zum Opfer fällt, ist dann ein erster Erfolg dieser Selbstdemontage. In den folgenden Wochen wird sich noch zeigen, bei wie vielen Zuschauern dies weitergehend verfängt.

Dass Semantik noch nicht ganz so abgehalftert ist, werden spätestens die auch nur halbwegs Bibelfesten ahnen. Der „Fliegenfürst“, so weiß schon die „Wikipedia“, ist einer der vielen Namen des Teufels. „Beelzebub (von Baal Sebul, Fürst Baal). Weil den Baalstatuen auch im Sommer geopfert wurde, lockte das Opferblut die Fliegen an.“

So kommt Symbolik auch während des Spiels im eher traditionellen Gewand daher. Glen Johnson, ein englischer Außenverteidiger, verletzte sich im zweiten Spiel der WM, England-USA (ARD, 12.06.2010), leicht an der Lippe. Wenn Sie sich die folgenden Screenshots ansehen, können Sie dies in der Abfolge der Einstellungen nachvollziehen. Ich wähle als Einstieg eine amerikanische Einstellung, nachdem sich Johnson schon verletzt hat. Sein Teamkollege Aaron Lennon ist in der Rückenansicht mit seiner Trikotnummer 7 zu sehen. Diese Zahl spielt nicht nur im Aberglauben eine Rolle, sondern auch eine kanonische in Religionen. Bleiben wir beim Christentum: „Im Christentum hat die Sieben ebenfalls ihre Bedeutung; sie wird hier als Kombination der göttlichen Trinität (Drei) mit der irdischen Vier Elemente gedeutet. Von Jesus Christus überliefern die Evangelien Sieben Letzte Worte am Kreuz und sieben ‚Ich-bin-Worte‘.“ (Wikipedia) (Dies sind nicht die einzigen Übertragungen des Zahlenwerts auf mystisch gedeutete Inhalte.)

In der nächsten Einstellung der Fußball-Übertragung folgt eine schräge Sicht auf das Spielfeld. Hier wiederholt sich die Gestalt der Zahl 7 als Kreidemarkierung auf dem Spielfeld: ein Segment der Außenlinie des Strafraums. Nun eine etwas weitere amerikanische Einstellung mit Lennon beim Einwurf. Der Ball in seinen erhobenen Händen verdoppelt symbolisch seinen Kopf. Dieser wird im Christentum ja mit Jesus identifiziert: Laut Epheser 5,23 und 5,30 ist „Christus das Haupt […] der Gemeinde […]. […] Denn wir sind die Glieder seines Leibes, von seinem Fleisch und von seinem Gebein.“ So wird nicht nur in Zeiten der Weltmeisterschaft ein Ball zum neuen gemeinschaftsstiftenden Ritualgegenstand.

Die nächste Einstellung wiederholt den Blickwinkel der vorvorigen und wechselt dann auf eine Halbtotale mit Linien- und Schiedsrichter. Darauf der Sprung in die halbnahe Ansicht: Der Schiedsrichter Carlos Simon ermahnt Johnson, seine Verletzung behandeln zu lassen. Nach links aus dem Bild tretend, geben der Unparteiische und der sich umdrehende Spieler den Blick auf eine Person frei, die in Signal-Gelb und -Rot gekleidet ist. Die gelbe Kapuze hebt abermals den Kopf hervor, nun durch textile Umhüllung. In den folgenden Sekunden nimmt Johnson das Bild fast ganz ein. Und in mittiger Position erhebt er die Arme – scheinbar, um zu protestieren. Für Sekunden nimmt er damit jedoch auch die Pose eines Gekreuzigten ein – mit blutverschmierten Lippen gleich Wundmalen.

Fußball-WM 2010 - England-USA - ARD Fußball-WM 2010 - England-USA - ARD
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Screenshots: ARD, 12.06.2010

Dann lassen seine Kehrtwendung und der Kameraschwenk wieder Simon ins Bild rücken, der seine Figur für Sekundenbruchteile fast verdeckt. Die nächste Einstellung: die gehabte Totale. Dann die Amerikanische, nun mit Lennon beim Einwurf. (Lennons berühmter englischer Namensvetter John wurde durch seine Ermordung 1980 wie andere Pop-Ikonen zu einer Art modernem Heiligen, was er zeitweilig durch messianischen Gestus seiner Liedbotschaften vorbereitete.)

Im folgenden Kader wiederholt Johnson nochmals seine Kreuz-Pose. Nun erfolgt eine weitere numerologische Überdeterminierung: Der US-amerikanische Spieler Ricardo Anthony Clark lässt für Sekundenbruchteile seine Rückennumer über Johnsons Gestalt wandern, bis die Regie hastig von dem unübersichtlichen Bildaufbau zur nächsten, hier nicht mehr gezeigten Ansicht schneidet. Die Zahl 13 wurde in der Historie bekanntlich ebenfalls mit zahlreichen Bedeutungen aufgeladen – von religiösen bis zu verschwörungstheoretischen.

Innerhalb etwa einer Minute werden hier also in der Kunst- und Kulturgeschichte hochcodierte Elemente in Körpersprache, Bildregie und Verwendung von Requisiten und Zahlen durcheinandergewirbelt. Die etwas theatralische Verhaltensweise von Johnson, der sich gegen eine offensichtlich berechtigte Intervention zur Wehr setzt, würde für eine Inszenierungsabsicht sprechen. (Natürlich neigen Fußballer zu solchen Verhaltensweisen – aber sind mit einer solchen Feststellung schon zwingend alle Gründe dafür bekannt?)

In einem scheinbar trivialen Geschehen scheinen Gesten und Symbole auf, die über Jahrhunderte menschliche Blicke gelenkt und religiöse Überzeugungen vermittelt haben – das mag im Trubel dieser Ereignisse kaum ins Gedächtnis zurückkehren. Doch wenn es dieser Tage herrschende Bilder gibt, dann diese – nicht jene, aus deren Traditionsbildung sie solche Beigaben und Formprinzipien übernehmen.

Dass es sich nicht um eine schlichte Wiederaufführung oder Erneuerung einer religiösen Tradition handelt, sollte auf den ersten Blick klar sein. Die Ambivalenz von Christus/Luzifer, die hier interpretierbar wird, hat aber in der Religionsgeschichte etwa die Entsprechung, dass – noch einmal Wikipedia – Christus mit dem Morgenstern verglichen wurde, für den wiederum auch „Luzifer“ als Bezeichnung fungiert. Dazu 2 Petrus 1,19:

Wir haben ein festes prophetisches Wort, und ihr tut wohl, daß ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheinet in einem dunkeln Ort, bis der Tag anbreche, und der Morgenstern („Luzifer“) aufgehe in euren Herzen.

Und das senderseitig implementierte Störfeuer in der reinen Fußball-Gaudi kann noch mehr: Auf der visuellen Ebene haben sich Designer und Bildregisseure – wohl ergänzend zu den Vuvuzela-Peinigungen – mit einem kaum sekundenlangen Einspieler des internationalen Fußballverbands FIFA einen permanent wiederkehrenden Schockeffekt – um nicht zu sagen: Lichtbringer – ausgedacht:

Fußball-WM 2010 - England-USA - ARD Fußball-WM 2010 - England-USA - ARD
Fußball-WM 2010 - England-USA - ARD

Screenshots: ARD, 12.06.2010

Im gewählten Beispiel gibt der Trainer der englischen Nationalmannschaft, der Italiener Fabio Capello, hastige Anweisungen und produziert dabei einen grotesken Gesichtsausdruck, auf den auch noch von seinem Co-Trainer und von ihm selbst mit energischen Gesten der Hände hingewiesen wird. Von diesem Bild schneidet die Regie abrupt auf das erwähnte FIFA-Logo, das – im Farbwert stark kontrastierend hell – blitzschnell durch den Beginn der nun einsetzenden Totalen des Spielfelds schießt.

Fliegenfürst, Erlösertum und shock treatment in Ton und Bild geben die Psychotechnik des populärsten Bildschirmsportes in Europa ab.

Deutschland wird Spar-Weltmeister


Samstag, 12. Juni 2010, 11:52 Uhr. Autor:

Sie halten Thomas Wieczoreks Begriff des „Verblödungsmittels Fußball“ („Die verblödete Republik“, 2009) für unangemessen?

Dann sollten Sie in den nächsten Wochen gut aufpassen und Ihre Auffassung ggf. korrigieren. Denn wohl zurecht empfindet Ralf-Peter Engelke, Bundesschatzmeister der „Bundesarbeitsgemeinschaft Grundeinkommen“, die anlaufende Berichterstattung über die Weltmeisterschaft in Südafrika laut taz-Interview als „WM-Gesülze“. Seine Begründung bezieht sich auf Großdemonstrationen in Stuttgart und Berlin an diesem Wochenende, die sich gegen das Sparpaket der Bundesregierung richten, von dem voraussichtlich die sozial Schwächeren am stärksten betroffen sein werden:

Werden viele kommen? Immerhin beginnt die WM, und es ist heiß.

Ich kann nur hoffen, dass dieses ganze WM-Gesülze mit der Vorrunde beendet ist. Und wenn die Deutschen dann Weltmeister werden, ist das Paket natürlich durch.

Da hoffen wir mal mit. Ein Blick in den Terminkalender zeigt jedenfalls, dass das Parlament die Entscheidungsfindung ganz zufällig in dramaturgischer Parallele zur WM durchführt: Am 7. Juli, wenn im Bundestag das Sparpaket verabschiedet werden soll, findet in Durban das zweite Halbfinale statt.

So wird sich also erfahrungsgemäß das stärkste Medieninteresse in diesen Tagen des Juli 2010 auf eine politische Entscheidung richten, die den Lebensstandard am unteren Ende der Einkommensskala wohl zusätzlich empfindlich einschränken wird. Dieselben Menschen, von denen Engelke im taz-Interview vermutet, dass sie nach den neuen Gesetzen „ohne Wohn- und Heizkostenzuschüsse […] umziehen müssen und frieren“, werden es sich in sommerlicher Hitze vor ihren TV-Geräten gemütlich machen. Vielleicht kommt Deutschland ja sogar ins Halbfinale? Die Regierung sieht laut Pressemitteilung selbstredend „Deutschland im Fußballfieber“, und „Bundeskanzlerin Angela Merkel drückt unserer Nationalmannschaft die Daumen.