Fernsehkritik heißt in WM-Zeiten Fußballkritik. Und Fußball ist seit einigen Jahren immer mehr ein Sprachspiel. Nicht nur die Live-Kommentatoren reden mehr als in früheren Jahren, sondern auch die begleitende Berichterstattung hat sich auf stundenlange Sendestrecken ausgedehnt.
Seit 1998 gehören dazu in der ARD die Dialoge von Journalist Gerhard Delling und Ex-Profi-Spieler Günter Netzer. Dass Letzterer seit 1986 verstärkt in der privaten Sportwirtschaft tätig ist, war nie ein Geheimnis. Kaum diskutiert wurde die Frage, ob es bei einer Tätigkeit als „Experte“ im TV hierdurch zu Interessenskonflikten kommen könnte.
Die Firma Infront Sports & Media, in der Netzer als „Executive Director“ tätig ist, hat neben SPORTFIVE die führende Stellung in der weltweiten Vermarktung von Sportrechten inne. Netzer hält mit anderen Managern 10% des Aktienkapitals. Zu den Geschäften von Infront gehört der Handel mit TV-Übertragungsrechten von großen Fußballereignissen. Zu einer Doppelung der Aktivitäten kam es etwa bei der WM 2006: Infront verkaufte im Auftrag der FIFA die Rechte, Netzer trat in der ARD als „Experte“ auf. (Die EM 2008 lag in der Verantwortung von SPORTFIVE, die laufende WM wurde von der FIFA ohne Agentur direkt vermarktet.)
Doch die geschäftlichen Interessen von Netzer sind kontinuierlich mit Wohl und Wehe etwa der deutschen Nationalmannschaft verbunden: Bis mindestens 2014 läuft ein Vertrag des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) mit Infront, der u. a. die Bandenwerbung bei Spielen der Nationalelf betrifft, sofern der DFB die Rechte besitzt.
Den DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach zitiert der Focus am 04.06.2008 nach den erfolgreichen Verhandlungen:
“Mit diesem Abschluss konnte der DFB seine weltweite Spitzenposition im Bereich der Stadion-Kommunikation deutlich ausbauen. Zudem verdoppeln sich die Einnahmen bei den Frauen-Länderspielen, was nicht zuletzt auf die hohen Einschaltquoten zurückzuführen ist”, erklärte Niersbach.
Fortsetzung und Verstärkung des öffentlichen Interesses an der deutschen Nationalmannschaft sowie zahlreichen anderen sportlichen Aktivitäten spült also Netzer & Co. direkt mehr Geld in jene Kassen, die nach Auflösung der von Netzer 1986 im Schweizer Steuerparadies Zug gegründeten „CWL Telesport & Marketing“ im Jahr 2002 einheitlich unter Infront firmieren.
Etablierter unabhängiger Journalismus in Deutschland liest sich derzeit etwa so, dass am 07.06.2008 Jürg Altwegg für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ Günter Netzer interviewt. Nach Plaudereien über Käse-Fondue taucht momenthaft auch der wirtschaftliche Aspekt auf. Den Vorwurf der Steuerflucht versucht Netzer so zu parieren:
Fünf Kilometer von meinem jetzigen Wohnort entfernt wäre alles sehr viel billiger. Steuermäßig ist mein Wohnsitz Zürich sehr unvernünftig, aber das ist er mir wert. Wenn man mir in Deutschland vorwirft, in einem Steuerparadies zu leben, werde ich wütend. Immerhin bezahle ich in Zürich dreiundvierzig Prozent Steuern auf meine Einkünfte. Jedes Jahr bekomme ich ein Dankesschreiben des Bürgermeisters und des Steuerobmanns. Ich habe nie in meinem Leben aus Steuergründen meine Lebensqualität verändert.
Dies ist jedoch nur die halbe Antwort. Wer als Manager in einer Firma tätig ist, die auf dem Terrain des Steuerparadieses Zug angesiedelt ist, umgeht zunächst einmal jene Belastungen, die für andere Firmen in der Teilhabe an einem sozialen Solidarsystem fast überall in Europa gegeben sind. Die Stadt Zug wirbt auf Ihrer Homepage offensiv mit diesem Wettbewerbsvorteil und antisolidarischen Effekt:
Der Kanton Zug weist die tiefste Steuerbelastung der Schweiz auf und eine fast so tiefe im internationalen Vergleich. Unkomplizierte Behörden fördern eine wirtschaftsfreundliche, partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Unternehmungen.
So dürfte es kein Zufall sein, dass Netzer schon seine „CWL Telesport & Marketing“ in Zug gründete – jedenfalls nicht, um in dem von ihm in öffentlichen Kommentaren so gern gerühmten deutschen Vaterland mit Steuern einen Fortbestand des Wirtschaftssystems zu sichern. Resultat dieser Entscheidung war und ist, dass die u. a. von der deutschen Gebühreneinzugszentrale (GEZ) flächendeckend gesammelten Abgaben im Rahmen der Bezahlung von Übertragungsrechten des Profi-Fußballs z. T. direkt – und indirekt über Produktpreise, durch die etwa Bandenwerbung finanziert wird – auf Schweizer Konten wandern. Diese Konten gehören einer Firma, an der Netzer beteiligt ist.
Liegt bspw. die Unternehmensbesteuerung in Deutschland 2008 bei 29,83%, bietet ein Standort im Kanton Zug bei einer Körperschaftssteuer von 12,5-15,5% (so eine Website-Empfehlung) ca. 50% geringere Abgaben. Bei einer mit dem deutschen Spitzensteuersatz von 45% vergleichbaren Belastung als Anwohner im benachbarten Zürich zahlt Netzer diese Einkommenssteuer demzufolge von Einkünften, die entsprechend der Steuerersparnis seines Unternehmens höher liegen können.
Weder über Einkommensverhältnisse von Netzer noch seines Co-Moderators Delling sind jedoch Informationen öffentlich zugänglich. Die „Süddeutsche Zeitung“ wies immerhin am 19.07.2005 einmal auf eine „pikante Konstruktion“ hin, durch die Delling zu diesem Zeitpunkt von einer Werbetochter der ARD bezahlt wurde und nicht, wie man für einen unabhängigen Journalisten annehmen sollte, vom Sender selbst. Dellings Nebentätigkeiten als Conférencier bei Veranstaltungen der Privatwirtschaft, für die sein langjähriger Kontakt zu Netzer nicht hinderlich gewesen sein dürfte, werden von der SZ ebenfalls erwähnt.
Was sich bei Delling noch im Rahmen einer mittlerweile branchenüblichen Vorteilnahme von prominenten Moderatoren in Form von Zusatzverdiensten durch Präsentationen, Galas etc. bewegt, die journalistische Neutralität sicher nicht fördern, ist im Fall von Netzer mit der bei dieser WM zum Ende kommenden Kooperation über 12 Jahre eine definitive Verquickung von privatwirtschaftlichem Interesse und öffentlich-rechtlicher Berichterstattung.
Das FilmFundBüro hat sich für Auswirkungen dieser und anderer Aspekte auf die Eigenarten der Auftritte von Delling und Netzer schon 2006 interessiert. Eine damals entstandene Dokumentation mit Auszügen aus Gesprächen der Moderatoren und weiterführenden Informationen steht seitdem für die Vorführung bei Diskussionen zum Thema bereit. (Weitere Infos hier. Eine Kurzversion ist als „Delling im Netzerland – Die Single-Auskopplung“ bei YouTube oder auf der Website des FilmFundBüros zu sehen – oder gleich hier.)
Was hat all dies mit dem Fußball als televisuellem Sprachspiel zu tun?
Eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Medienberichterstattung über den Fußball hätte z. B. nach deren Umfang zu fragen. Die erweiterten Sendestrecken nehmen für sich in Anspruch, besser oder vertieft über das Sportereignis zu berichten. Irgendwann aber sind die Grenze des Sagbaren und ein Maß der sachdienlichen Informationen erreicht. Frühere Generationen von Sportreportern zogen diese Grenzen enger. Heute folgen Expertenrunden, Interviews, Nach- und Stimmungsberichte aufeinander, als sei all dies per se interessant.
Eine Funktion des Zweifels und der Kritik scheint hier noch mehr als anderswo nahezu gänzlich suspendiert. Fußball wird als Kult und Kollektivierungstonikum von internationaler Tragweite etikettiert. Im Zuge dieser Sakralisierung und Politisierung werden Gegenpositionen vom Spiel ausgeschlossen: Wieviel und was immer hier geredet wird – es gehört schon irgendwie dazu und hat gefälligst Spaß zu machen. Sieht dies jemand anders, ist er ein Spaßverderber, wenn nicht Vaterlandsverräter.
Der Effekt ist auf Seiten der Funktionäre einer, der in Günter Netzer alle angesprochenen Aspekte in einer Person vereinigt: Organisiert er als führender Kopf einer Firma die finanzielle Auswertung vieler Ereignisse in diesem Zirkus, verbreitet er in seinen Reden und Kommentaren permanent Ideologeme, die von einem ganz anderen Planeten als demjenigen des Geschäftsinteresses zu stammen scheinen.
Netzer appelliert oft an Verantwortungs-, Pflicht- und Ehrgefühle von Spielern und anderen Akteuren auf dem und um den Platz. In endlosen Suaden kann er Charakteristika von Spielern, Feinheiten, oft aber auch nur Allgemeinplätze zu Taktiken und Spielverläufen ausbuchstabieren. Nichts deutet hier darauf hin, dass von Millionen Kickern ein paar hundert nach allerlei Kriterien (augenscheinlich nicht nur sportlichen) ausgewählt werden, um diesen Ritus durchzuführen. Und als Konsequenz aus der Zugänglichkeit, Traditionsbildung und lebensweltlichen Ausbreitung von Fußball als Vergnügen wesentlich von Zuschauenden und dabei nicht selbst sportlich Aktiven entsteht, wie geschildert, ein Geschäft mit Milliardenumsätzen.
Es ist dies ein Geschäft wie alle anderen, insofern fein gekleidete Herren in vornehmen Büros Besprechungen abhalten, Verträge schließen, Daten verwaltet und Mitarbeiter akquiriert, Werbeagenturen mit der Öffentlichkeitsarbeit beauftragt werden. In diesen Routinen ist nichts enthalten, was mit Sport zu tun hätte: Es geht um Profitmaximierung, Businesspläne, Marketingkonzepte, Zielgruppen, Konsumgewohnheiten, Synergieeffekte.
Die letztgenannten Praktiken sind Kernkompetenzen einer Firma wie Infront, angewendet auf Profisportarten. Eine Besonderheit in Deutschland und einigen anderen Staaten sind öffentlich-rechtliche (statt privater) Rundfunk- und Fernsehsender, die als Abnehmer von Produkten und Dienstleistungen immense Mengen von Gebührengeldern verteilen. Konkret heißt dies, dass nach Auskunft von FIFA-Präsident Joseph Blatter Infront für das gesamte Rechtepaket der WM 2006 ca. 500 Millionen Euro bezahlte, um sie an Sender weltweit weiterzuverkaufen. Bei der WM 2010 beträgt laut dem Handelsblatt „das Gesamtvolumen des WM-Fernsehpaketes für den europäischen Markt rund eine Milliarde Euro“.
Im Kontrast zu diesem geschäftlichen Hintergrund wird in der Berichterstattung über Fußball jedoch stark eine quasi-familiäre oder clubmäßige Atmosphäre konstruiert. Halbironisch sprechen Reporter vom „Knöchel der Nation“, wenn eine Verletzung von Spielern Gegenstand umfangreichster Berichterstattungen und Spekulationen wird. In Gesprächen während der ersten Spieltage der laufenden WM war zu spüren und zu hören, dass Netzer mit Delling vor laufender Kamera nicht gern über Spielergehälter und Transfersummen sprechen wollte. Netzer am 14.06.2010: „Ja, also, das führt zu weit, diesen Wahnsinn der Gehälter jetzt anzusprechen, Gehälter, äh, Trans…fersummen. Natürlich ist da die Welt in Unordnung geraten, äh, das ist nicht schön. Aber – wenn Sie jemanden finden, ähm … äh, dem es das wert ist … Sie werden so einen nicht finden, da können Sie sicher sein.“
Viel lieber verfällt Netzer – ob von Marketing-Beratern empfohlen oder aus seinem Naturell heraus – in rührselige Äußerungen über einen der angesprochenen hochdotierten Spieler: „Er ist ein guter Junge.“ In dieser Rede vom „guten Jungen“ sind die angesprochenen Kontraste gebündelt: die Herkunft des Fußballs aus einem privaten Vergnügen und bescheidenen Milieu, das Vertrauensvoll-Kameradschaftliche, der sorgende Generationenvertrag.
Nicht nur bei Netzer findet man auch oft einen pseudo-pädagogischen Gestus, der über Spieler mit millionenschweren Verträgen so spricht, als seien sie Grundschüler, deren Psyche man mit besonderer Vorsicht behandeln müsse. Allerhand wird herbeizitiert, das nach Enttäuschungen zu einer Stärkung des Selbstbewusstseins notwendig sei. Bei Phasen der geringeren Torausbeute wird sich um das Seelenheil der Stürmer gesorgt – einer der Anlässe, zu denen Sportjournalisten einen enorm produktiven Phrasengenerator besitzen, der neben Zeitverbrauch auch nachhaltig das Phantasma nährt, dass wir es hier mit schutzbedürftigen Familienangehörigen zu tun hätten, um deren Wohl man sich zu sorgen habe – statt sie wie alle Content-Anbieter zu behandeln, die Interessantes oder Fragwürdiges zu Markte tragen.
Hierin ist außerdem eine Infantilisierung zu beobachten, die das Urteilsvermögen von Fernsehzuschauern kontinuierlich schwächt, statt es zu stärken: Rollenbilder gesellschaftlicher Akteure wie der schwerreichen Fußballspieler und -verkäufer werden – auch zum eigenen Vorteil berichterstattender Labertaschen, denen so die Arbeit nicht ausgeht – zu Fiktionen der freundschaftlich Zugeneigten, Zum-Greifen-Nahen umgedichtet. Diese verpeilte Weltsicht wirkt sich – auch durch die Zeitbudgetierung zugunsten von Sportschauen – leider zusätzlich auf andere Areale des Realitätsbewusstseins aus – und dies ist bei der Verantwortung, die Wahlberechtigte, technisch hochgerüstete Ressourcenverbraucher oder Leistungsnehmer des Sozialsystems tragen, auf Dauer kaum tolerabel. Auch diejenigen, die sich vom Fußballtrubel weitestgehend fernhalten, sowie nachkommende Generationen werden die Zeche für solche neofeudalistisch-antiaufklärerischen Praktiken zahlen.
Die Realitäten, in denen das Fußballtheater stattfindet, sind selbst in vielfacher Hinsicht anderes als eine Familienidylle. (Was weitergehende gesamtgesellschaftliche Entwicklungen betrifft, ist dies und wird dies immer wieder Thema von „Glotze fatal“ werden.) Jedenfalls ist es als vollkommen unauthentisch anzusehen, wenn ein geschäftsmäßiger Zocker um Milliardensummen, als der Netzer mit seiner Firma Infront praktisch – und dabei von Medien weitgehend unbeobachtet – auftritt, in lauschiger Studioatmosphäre und simulierter Nähe zu einem Millionenpublikum aus einem scheinbar unerschöpflichen Nähkästchen plaudert.
Einen neuerlichen Einblick in die Art, wie Netzer sich gibt und argumentiert, sowie zu einer Fülle von Anzeichen, dass es in den berühmt gewordenen Wortgefechten mit Delling noch um mehr geht als freundschaftliche „Kabbeleien“ von „Siez-Freunden“, soll Ihnen ein Video geben, das das FilmFundBüro aus den neuesten Aufführungen des Duos im ARD-Programm vom 14.-20.06.2010 zusammengestellt und mit anderen Materialien konfrontiert hat. Sehen und hören Sie also selbst: