Mit ‘Euro-Krise’ getaggte Artikel

Finanz- und Europa-Politik ohne Untertitel


Mittwoch, 13. Juni 2012, 23:21 Uhr. Autor:

Die Medienpräsenz von verantwortlichen Politikern und anderen Akteuren der Finanzkrise ist mitentscheidend dafür, welche politischen Konsequenzen diese Krise hat. Das leuchtet schnell ein – unübersichtlicher ist aber die Realität der Massenmedien, an der dies zu bemessen ist.

Ergänzend zum „GesichterWissen“-Text zum deutschen Finanzpolitiker Jörg Asmussen (SPD) möchte ich zwei Beispiele gegenüberstellen.

Das erste entstammt dem ARD-Magazin „Plusminus“, das immer wieder durch informative und kritische Berichte auffällt. Hier werden einige Zusammenhänge und Personalstrukturen übersichtlich erklärt. „Lobbyismus“ nennt man, was eigentlich wesentliche Kriterien einer Verschwörung erfüllt. Bankenrechtler Karl-Joachim Schmelz beschreibt es so: „[D]ie Verflechtung zwischen Finanzakteuren und Politik ist einfach so extrem, dass man manchmal verzweifeln kann.“ Hiermit ist ein systemischer Fehler benannt, der immer weiter einseitige Vorteilnahmen hervorbringen wird. Andere Politiker müssten gewählt, andere Kontrollmechanismen etabliert werden – sonst werden wir so lange lamentieren, bis äußere Not auch oppositionelle Äußerungen unmöglich macht, nachdem sie schon heute vielerlei Spielräume deutlich einschränkt.

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Das Video bei YouTube zählt aktuell 2421 Abrufe, was das geringe Interesse der wahlberechtigten Öffentlichkeit an solchen grundsätzlichen Themen und wichtigen Personen dokumentiert. Über eine einfache Suche mit „Jörg Asmussen“ ist dieses Video auf der ersten Suchergebnis-Seite zu finden. Nur sucht dies offensichtlich niemand.

Und dementsprechend bleibt auch in diesem – inhaltlich auf seine Art gelungenen – Beitrag die Person Jörg Asmussen ein Phantom. Immer wieder ist er in Hauptnachrichten im Hintergrund und am Rande zu sehen. Interviewt wird er relativ selten. So auch die Anmoderation eines Beitrags aus „Report“. Hier wird auch deutlich ausgesprochen, dass Asmussen zwar scharf auf öffentliche Ämter, aber äußerst medienscheu ist.

Wer auf YouTube etwas mehr von dem Mann erfahren möchte, der nun in der Europäischen Zentralbank (EZB) wichtige Entscheidungen in der Finanzkrise fällt, ist jedoch, was Selbstäußerungen betrifft – auf englischsprachige Quellen angewiesen, wie in dem folgenden Beitrag von „Reuters TV“ (11.06.2012). Das schließt, wie wir wissen, einen Großteil des deutschsprachigen Publikums aus.

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Folgt man hier Asmussens Ausführungen, so stellt sich der Eindruck ein, dass jemand sprachliche Selbsthypnose betreibt (was bei Zweiten schon nicht mehr so gut funktioniert). Er klammert sich an z. T. wortgleich wiederholte Formulierungen, die durchweg auf einer sehr allgemeine Ebene Planbarkeit, Stabilität u. Ä. suggerieren. Nachdem Asmussen mit seinen Spekulationsgeschäften so grandios scheiterte, bekämpft er nun die Folgen des eigenen Versagens als Euro-Retter von Gnaden der obersten Haushaltshüter der Bundesrepublik. Vielleicht besteht seine größte Qualifikation darin, dass ihm nichts zu peinlich ist.

Schon am manifesten Verhalten Asmussens, und in dieser Perspektive in der Verschanzung auf Experten-Foren mit wenig expertigen Aussagen, sehen wir das scheitern, was uns als zukünftig tragfähiges Politikmodell verkauft werden soll: ein Europa, das in zentralisierten Instanzen regiert werden soll, und dessen politische Akteure dennoch von Wahlbürgern gehört und beobachtet werden müssten. Wir sehen, dass dies in der Vergangenheit nicht funktioniert hat und in der Gegenwart nicht funktioniert. Dafür sorgen schon Sprachbarrieren und die mangelnde Bereitschaft, Technokraten aufmerksam zuzuhören – geschweige denn solchen aus anderen Nationen. Politiker von der Mentalität Asmussens werden (ob aus fehlender Qualifikation oder versteckten Absichten heraus) dafür sorgen, dass Demokratie in Europa eine gefährliche Worthülse bleiben wird.

Wer das Licht der Öffentlichkeit scheut, sollte keine öffentlichen Ämter ausüben.

Gaucks Welt als Wille und Verstellung


Freitag, 23. März 2012, 22:27 Uhr. Autor:

Am heutigen Tag erfüllte öffentlich-rechtliches Fernsehen seine höchst offiziöse Funktion: als Übertragung der Antrittsrede von Bundespräsident Joachim Gauck. Gehen wir medias in res: Was darin mit vertrauenerweckend-sonorer Stimme vorgetragen wurde, signalisiert, vorsichtig ausgedrückt, eine Tendenz auf gedanklich-politische Verdrängung des neuen Amtsinhabers – wie schon anhand weniger seiner Worte in vorherigen Beiträgen (hier und hier) angesprochen.

Heute waren es nun gut 23 Minuten der Worte Gaucks, die seine Haltungen konturieren sollten. Er begann mit dem Blick auf „dieses Land, zu dem unsere Kinder und Enkel einmal sagen sollen: ‚Unser Land‘“.

Gauck erwähnt dazu „Vereinzelung“ von Menschen und die „Schere zwischen Arm und Reich“, „ethnische oder religiöse Minderheiten in gewollter oder beklagter Isolation“. Neben wenigen anderen Stichworten in dieser kurzen Passage sind dies die einzigen Negativaspekte, die Gauck in seiner Rede benennt. Dies ist eine zentrale Funktion gegenwärtiger Politik (auch wenn wir es hier mit einem besonderen Redeanlass zu tun haben): Probleme nicht oder kaum zu benennen, jedenfalls die Hoffnung stärker als das Problembewusstsein zu wecken. Und selbst dort, wo in der Opposition Kritik zum Beruf wird, werden vielerlei konkrete Aspekte ausgespart – aus diversen Gründen, die jedoch bestimmten Schemata folgen (Lobbyismus, Medienmanipulation, Neofeudalismus und Verschwörung sind hier kontinuierlich beleuchtete Schemata dieser Art).

Die Dramaturgie der Rede basiert ab diesem Punkt wesentlich auf Gaucks historischer Herleitung eines allgemeinen Begriffs der „Freiheit“ – vom Zweiten Weltkrieg hin zu einer pluralistischen „offenen Gesellschaft“. Ich kann an diesem Punkt festhalten, was mir an Gaucks Artikulation am meisten missfällt: Er verwechselt Vergangenheit und Gegenwart, auch, wenn er hier und da auf Erlebnisse jüngerer Generationen rekurriert. Die Erfahrung desjenigen, der mit dem Realsozialismus im 20. Jahrhundert den dritten Totalitarismus auf deutschem Boden kennengelernt und erfolgreich mitbekämpft hat, unterscheidet sich fundamental von jener eines Menschen mit, in meinem Fall, Geburtsjahr 1974, Westdeutschland.

Gauck verlängert gewissermaßen artifiziell ein Fortschrittsprinzip in der Ablösung vom Staatssozialismus in das Projekt einer gegenwärtigen Gesellschaft. Zu Letzterer erwähnt er dann pauschal „Chancen und Sorgen einer offenen Gesellschaft“. Solche Chancen in ihrer Konkretion zu betrachten und Sorgen auf ihren Realitätsgehalt hin zu überprüfen wäre das, was nach Gauck als „Gerechtigkeit […] nur in intensiver demokratischer Diskussion und Debatte zu klären“ sei.

Die Frage bleibt jedoch, wo sie stattfindet, welchen Nutzen das Vertreten der einen oder anderen Position dabei mit sich bringt – und welchen Realitätsgehalt die jeweilige Position hat, die mehr oder minder Erfolg für denjenigen mit sich bringt, der sie vertritt.

Zu Prügelknaben werden für Gauck die „rechtsextremen Verächter der Demokratie“. Die meist sozial nicht privilegierten Anhänger sog. ‚rechter Ideologie‘ werden also von Gauck als die wichtigsten Gegner von „Demokratie“ und „Freiheit“ ausgemacht. Dazu kann man zunächst feststellen, dass dies eine sehr wohlfeile Wahl des Gegner ist – zumal nach Monaten der Berichterstattung über Morde durch Rechtsradikale an türkischen und griechischen Mitbürgern.

Im öffentlichen Diskurs sind „rechtsextreme“ Positionen kaum präsent. Umfragen munkeln von Antisemitismus bei 20 % der Bevölkerung, doch Wahlergebnisse und öffentliche politische Debatten wahren meist übergenau das, was in verschiedener Hinsicht als political correctness angesehen wird – historisch, ethnisch, sexuell.

Deshalb scheint mir der Rechtsextremismus (auch) in dieser Rede ein Popanz zu sein. Inwieweit ‚rechter Terror‘ tatsächlich eine mindestens partielle Inszenierung des Verfassungsschutzes ist oder nicht (wofür Einiges spricht) – er spielt für unsere Öffentlichkeit eine schockierende, aber keine nennenswerte politische Rolle. Nur in seiner Instrumentalisierung in dem permanenten Hinweis auf ‚rechte Gefahr‘ steckt derzeit politisches Potenzial. Und so verfälscht und verdreht auch Gauck reale Verhältnisse und Verhältnismäßigkeiten: Er suggeriert, Parteien deutlich unter der 5-%-Marke und extrem vereinzelte Gewalttäter seien an dieser Stelle als wichtigste „Verächter der Demokratie“ anzusprechen. (Zumindest wäre Gaucks Argumentation hier sehr stark auf Mehrheitsverhältnisse in einzelnen östlichen Bundesländern gemünzt.)

Ich habe in diesem Blog vielfach auf Medienmacht und Finanzwirtschaft angesprochen – um zwei abstrakte Begriffe zu nennen, mit denen extrem undemokratische Tendenzen unserer Gesellschaft verbunden sind. Die Adresse an „Verächter der Demokratie“ wäre umzuleiten an jene, die sie in ihrer Wirkmächtigkeit und Konsequenz realistisch betrifft. Und dies lässt sich an den Resultaten ihres Wirkens ablesen, nicht nur an Rhetoriken und vereinzelten aggressiven Formulierungen.

An dieser Stelle meiner Argumentation muss sich schon jeder berufspolitische Insider halb genervt, halb amüsiert abwenden – weiß er doch, wieviel reine Inszenierung, wieviel bewusste Verfälschung von Tatsachen für die Zwecke des Machterhaltes Usus sind. Zur Erinnerung: Gauck spricht vor einer Regierung, deren Finanzminister Wolfang Schäuble (CDU) mit folgendem Passus in der „Wikipedia“ verewigt ist:

Wolfgang Schäuble äußerte in öffentlicher Sitzung vor dem Deutschen Bundestag, er habe „irgendwann im Spätsommer oder im Frühherbst 1994“ bei „einem Gesprächsabend in einem Hotel in Bonn […] einen Herrn kennengelernt, der sich mir als ein Mann vorgestellt hat, der ein Unternehmen leitet. Ich habe später festgestellt, daß es dieser Herr Schreiber war. […] Auf der damaligen Veranstaltung bin ich Herrn Schreiber begegnet. Das war es.“
Am 10. Januar 2000 räumte Schäuble ein, von dem inzwischen wegen Steuerhinterziehung verurteilten Waffenhändler Karlheinz Schreiber im Jahre 1994 eine Bar-Spende von 100.000 D-Mark für die CDU entgegengenommen zu haben. […]
Ein Ermittlungsverfahren gegen Schäuble wegen uneidlicher Falschaussage im Zusammenhang mit der fraglichen Spende wurde eingestellt, ebenso wie die Ermittlungen gegen Brigitte Baumeister. Die Berliner Staatsanwaltschaft konnte keine hinreichende Tatbestandsverwirklichung für eine Anklage feststellen. […] Ungeklärt sind außerdem die Spekulationen, ob und gegebenenfalls inwiefern Schäuble seine Verbindungen ins Kanzleramt nutzte (was Schäuble stets vehement bestritten hat). Fraglich ist weiterhin, wo die 100.000 D-Mark verblieben sind.

Falls Schäuble die illegale Spende für die politische Arbeit der CDU damals irgendwo vergraben haben sollte, erhält sie also höchstens nach Wiedereinführung der D-Mark einen Wert …

Für die Führung eines Finanzministeriums ist eine solche Vergangenheit jedenfalls kein Hinderungsgrund; ebensowenig für einen Bundespräsidenten, illegale Parteienfinanzierer und eingestandene Lügner vor dem Parlament, also „Verächter der Demokratie“, nicht einmal direkt anzusprechen, wenn sie sich im selben Raum befinden.

Doch auch diese meine Erwähnung des Falls Schäuble kann noch eher als kleinlich gewertet werden. Das Ausmaß antidemokratischer Gesinnung in Medienindustrie und Finanzwirtschaft verhält sich im Vergleich dazu astronomisch. Ich erwähnte schon im letzten Artikel ein Thema wie die Medienkonzentration, die einer Freiheitlichkeit von Kommunikation entgegensteht. Sie schreitet weiter fort und lässt die Entscheidungsgewalt über öffentliche Kommunikationen der meistgesehenen, -gehörten und -gelesenen Redaktionen auf eine sehr kleine Personengruppe zusammenschrumpfen. Angesichts solcher Fakten wäre Gauck dumm, wüsste er nicht, dass er Realitätsferne demonstriert, wenn er die Absicht für realistisch hält, „Gruppeninteressen und Gemeinwohlinteressen auszugleichen.“ Und es muss kein Zufall sein, wenn er diesen – wie einige andere Momente der Rede – mit einem auffälligen Zungezeigen akzentuiert. Ätsch:

Joachim Gauck, Antrittsrede im Deutschen Bundestag, 23. März 2012

Gauck versucht auch, sich durch eine Würdigung der Internet-Öffentlichkeit bei der Netzgemeinde beliebt zu machen. Das wäre nicht verwerflich, bliebe dabei nicht gerade außen vor, was in dieser Dynamik – bisher jedenfalls – nur die Macht der Eliten stärkt: die relativ wirkungslose Gratis-Arbeit Oppositioneller, die auch noch als solche politisch bis polizeilich exakt verortet werden können.

Auf der Ebene der Fakten heißt dies auf „pr-journal.de“ (08.12.2010) aufgrund einer Umfrage zum Stellenabbau im bezahlten Journalismus:

75 Prozent aller Befragten geben an, dass der Journalismus dadurch durchlässiger wird für die PR. Fast ebenso viele Journalisten bemängeln, dass Verlage zu wenig tun, um die Qualität ihres Mediums trotz Personal-Einsparungen zu erhalten (74 Prozent). Sie kritisieren weiter, dass der Tiefgang der Berichterstattung abnimmt (73 Prozent), die journalistische Qualität sinkt (70 Prozent) und feste Redakteure am Ende Mehrarbeit durch die Freisetzung leisten müssen (65 Prozent).

Dies ist ein weiteres Beispiel für eine Realitätsverfälschung in der Version Gaucks: Was seinen Worten zufolge „Teile der digitalen Netzgemeinde“ zur Demokratie beitragen, ist zugleich eine Zunahme von besser bezahlter Manipulation und von Arbeitslosigkeit und Armut ‚kritischer‘ Autoren. Kein Wunder, dass Gauck – vielleicht im Bewusstsein dieser Verfälschung – nach der Aussage, solche Gegenöffentlichkeiten glichen in der Demokratie „Mängel aus“, einmal wieder die Zunge herausstreckt:

Joachim Gauck, Antrittsrede im Deutschen Bundestag, 23. März 2012

Auch zum Begriff der „aktiven Bürgergesellschaft“ zeigt Gauck die Zunge:

Joachim Gauck, Antrittsrede im Deutschen Bundestag, 23. März 2012

Strecken Sie im Alltag so oft und in dieser Art die Zunge heraus? – Sie sind Medienprofi? Dann hab ich nichts gesagt. Zu Dieter Kaufmann, dem Mann, der 1990 auf Wolfgang Schäuble schoss, heißt es übrigens:

1982 wird er mit 20 Kilo Haschisch in Spanien erwischt, in Karlsruhe zu fünfeinhalb Jahre Freiheitsstrafe verurteilt. Kommt 1986 auf Bewährung frei, noch immer schwer verfolgt und misshandelt von diesem Staat mit seinem Strahlenfernsehen, das alle manipuliert und quält, in dem er Politiker sieht, die ihm die Zunge heraus strecken, obszöne Gesten machen.

Zurück zum Thema. Vielleicht weiß Gauck ebenso gut, was Michael Mross auf „mmnews.de“ (22.03.2012) zum Bewusstsein für die Finanzkrise bemerkt:

Doch die meisten Menschen interessieren sich dafür nicht. So lange man noch ein Bier für seine Euros kriegt, ist die Welt in Ordnung. Das könnte sich jäh ändern.

Wie Mross eine solche Haltung anderen Menschen als die ihre zurückzuspiegeln, bedarf eines gewissen Mutes – und verursacht im sozialen Miteinander und karrieretechnisch wohl mehrheitlich Ablehnung und äußerlichen Misserfolg, obwohl es für Angesprochene der einzige Weg zur Bewusstwerdung sein dürfte (gesetzt den Fall, Mross behält Recht). Gerade eine solche Konfrontation wagt jemand wie Gauck nicht – obwohl die Website des Bundespräsidenten als seine Aufgabe benennt:

Die ihm auferlegte parteipolitische Neutralität und Distanz zur Parteipolitik des Alltags geben ihm die Möglichkeit, klärende Kraft zu sein, Vorurteile abzubauen, Bürgerinteressen zu artikulieren, die öffentliche Diskussion zu beeinflussen, Kritik zu üben, Anregungen und Vorschläge zu machen.

Gauck verbleibt, wie so viele andere Politiker, als ausgebildeter Theologe im Duktus der Predigt, in abstrakten, wohlklingenden Idealen und Mahnungen. So schilt er jene, die „Feigheit für Tugend halten und Flucht für eine legitime Haltung im politischen Raum.“ Eine solche Aussage scheint kompatibel zu sein mit der Ausgrenzung politisch extremer Positionen, auch wenn sie demokratisch gewählt und in Parlamenten vertreten werden (was immer man inhaltlich über sie denken mag oder sollte). So das Stimmungsbild des Umgangs mit NPD-Abgeordneten im sächsischen Landtag:

“Wir grüßen die nicht mal”, heißt es bei den Grünen, die sich Treppe und Aufzug mit den NPD-Leuten teilen müssen. Ähnlich die CDU: “Es gibt keine informellen Kontakte und erst recht keine Besuche”, beteuert Fraktionschef Steffen Flath.

Derlei scheint für Gauck wohl ebensowenig „Feigheit“ oder „Flucht“ zu sein wie das Verhalten von Investmentbankern, deren Geschäftsbereich er in diesen Tagen einer vermutlich neu aufkommenden globalen Wirtschaftskrise mit keinem Wort erwähnt. Man muss keine im alltäglichen Sinn ‚rechts-‘ oder ‚linksradikalen‘ Zeitungen lesen, um dasjenige Verhalten aus der gesellschaftlichen Realität herauszufiltern, auf das Gaucks Mahnung zutrifft, während er die betroffene Personengruppe nicht erwähnt. Die Fachliteratur zum Thema formuliert es als „Strukturierte Verantwortungslosigkeit“:

[…] ein eindrückliches Panorama der Bankenwelt, ihrer Praktiken und Denkstile. Thematische Essays und Feldbeschreibungen schärfen den analytischen Blick auf eine ökonomische Machtsphäre, in der niemand für die Krise Verantwortung übernehmen mag.

Nachdem mit erheblicher Neuverschuldung und unkalkulierbaren Risiken von Euro-Rettungsschirmen die wesentliche finanzielle Last auf die Masse der Bürger und ihrer Nachkommen abgewälzt wurde (und wohl weiterhin werden wird), tritt der parteilose Theologe auf und kritisiert „Flucht“ als keine „legitime Haltung im politischen Raum“ – und es darf sich jeder aussuchen, ob er nun gemeint ist oder nicht.

In einem Land mit vergleichsweise wenigen, verhältnismäßig aber immer noch immensen Staatsschulden von derzeit ca. 2 Bio. Euro und über die Jahrzehnte absehbaren gigantischen Zinseszins-Effekten (für die das Internet keine nennenswerten Statistiken bereithält) und dem voraussehbaren Kollaps der Rentenversicherungen feiert Gauck einen „Sozialstaat, der vorsorgt und ermächtigt.“

In diesen Tagen kündigt sich mit der Finanzsituation Spaniens die nächste Notwendigkeit von kostspieligen Rettungsmaßnahmen an, für die Deutschland durch den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) in unerbittliche Pflicht genommen werden kann. So heißt es in der „Welt“ (22.03.2012):

„Verführt durch billiges Geld hat Spanien enorme Schulden aufgehäuft – und Madrid fehlt der Mut zur Konsolidierung.“

Gauck fällt dazu nur ein: „Gerade in der Krise heißt es deshalb: Wir wollen mehr Europa wagen.“ Oder wahlweise die Aufforderung, „im anderen geschwisterlich uns selbst zu sehen, begabt und berechtigt zur Z… Teilhabe wie wir.“

Auch ist der neue Bundespräsident der Auffassung, dass „unser Land soziale Gerechtigkeit, Teilhabe und Aufstiegschancen verbindet.“ Und auch in diesem Fall redet er an Realitäten vorbei, die seit langem Thema der öffentlichen Debatte sind. Unter der Überschrift „Aufstiegschancen so ungleich wie vor 20 Jahren“ berichtet die „Rheinische Post“ (15.06.2008):

Einmal Tellerwäscher, immer Tellerwäscher. Das ist die etwas überspitzte Essenz einer Studie zu Aufstiegschancen in Deutschland. Den Daten der Forscher zufolge hat sich in der Bundesrepublik in dieser Hinsicht seit 20 Jahren nichts getan.

(Neuere gleichlautende Meldungen lassen sich leicht finden.)

Nach allen Unwahrheiten und möglichen mimischen Ungebührlichkeiten kommt Gauck dann in Gegenwart finanziell interessierter Hotelbesucher und Schuldenuhrmacher auf das empfindliche Gemüt von Politikern zu sprechen, ja, auf Politikverdrossenheit (ohne freilich auch diese beim Namen zu nennen). Er geißelt „Verachtung von politischem Engagement, von Politik und Politikern.“ Es folgt die abstruse szenische Schilderung: „Was, so hören wir es oft im privaten Raum, was? Du gehst zur Sitzung deines Ortsvereins? Wie bitte, du bist aktiv in einer Gewerkschaft? Manche finden das dann uncool.“

Haben Sie so etwas schon einmal „im privaten Raum“ gehört? Ich jedenfalls nicht. Die Nicht-Teilnahme an politischer Aktivität rührt, wenn nicht von Faulheit, dann von Abscheu vor Korruptheit her. Eine Bereitschaft zu Engagement ist nach meiner Beobachtung nicht nennenswert das Ziel von Ablehnung – vielmehr der Modus vermeintlich ‚professioneller‘ Politikgestaltung. Der Rest bei Verweigerern ist eher Bequemlichkeit, nicht Arroganz.

Damit wären wir erst einmal durch mit Kernsätzen dieser ersten Rede Joachim Gaucks als Bundespräsident. Neben meiner Kritik sollte Ihnen die Konfrontation von politischer Rhetorik und Sachverhalten eine weitere Grundlage geboten haben, den politischen Stil des ehemaligen Leiters der „Stasi-Unterlagen-Behörde“ selbst zu bewerten. Die Parlamentarier und Zuschauer im Deutschen Bundestag klatschten eifrig.

Für den „Focus“ heißt dies heute „Flammende Rede bei Vereidigung: Wider die Angst“, dem „Spiegel“ ist Gauck „Mutmacher der Nation“, und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ findet: „Sein Ton stimmt“. Presse und Freiheit sind vielleicht auch nicht immer eins.

(Anti-)Politik der Berichterstattung zur Euro-Krise


Samstag, 10. März 2012, 19:13 Uhr. Autor:

Wie funktioniert politische Bewusstseinsbildung zur Finanzkrise? Woher beziehen Bürger Informationen zu den laufenden Entwicklungen in der Europäischen Union, v. a. zu den laufend beschlossenen „Rettungsmaßnahmen“?

Wer nicht ausführlich im Netz surft und die Wirtschaftsteile der Zeitungen liest, dürfte die Ereignisse wohl nur am Rande ‚irgendwie mitbekommen‘. Von Privatsendern reden wir an solchen Stellen schon gar nicht mehr; dort beschränkt sich dies für ein Millionenpublikum wesentlich auf ein paar Sätze in Nachrichtensendungen – und erreicht gerade jene nicht, die etwa von darauf folgenden Kürzungen im Sozialbereich am stärksten betroffen sein werden.

Die öffentlich-rechtlichen Sender verfügen bekanntermaßen über eine Reihe von politischen Magazinen, die in der ARD im Laufe der Jahre gekürzt und auf spätere Sendeplätze gesetzt wurden. Im ZDF handelt es sich um die wöchentliche Sendung „Frontal 21“.

Anlass zu dieser Überlegung war mir ein Beitrag aus „Report München“ von 2011, der hier leider nur mit leicht asynchronem Ton noch zu sehen ist:

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Kernsatz aus diesem Beitrag ist eine Aussage von Thomas Mayer, dem Chefvolkswirt der „Deutschen Bank“, die die ggf. bis wahrscheinlich erforderliche Stützung von weiteren Ländern nach der Griechenland-Krise – wie Irland, Portugal, Spanien und Italien – durch die Europäische Zentralbank (EZB) betrifft:

[…] dann würden wir eine sehr große Geldvermehrung bekommen, die dann mittel- und langfristig zu höherer Inflation führen würde.

Genau dies sehen wir ja dieser Tage. Ich habe in mehreren Beiträgen (hier, hier und hier) darauf hingewiesen, dass v. a. die Causa Wulff auch ein langfristig vorbereitetes Ablenkungsmanöver für die laufenden Veränderungen in Europa sein könnte. Demgegenüber wird die Geldpolitik der EZB zwar einzeln in den Hauptnachrichten vermeldet, aber nicht sehr ausführlich in den Magazinen debattiert.

Als Einzelperson kann ich dies nicht laufend scannen. Die Websites der Sendungen „Fakt“, „Frontal 21“, „ Kontraste“ , „Monitor“, „Panorama“, „Report Mainz“ und „Report München“ verzeichnen unter ihren aktuellen Themen zwar einzelne Beiträge zur Finanz- und Euro-Krise – doch der oben von Mayer erwähnte makroökonomische Zusammenhang wird hier nicht prominent anmoderiert.

Bei „Fakt“ darf man als einfacher Bürger nach ein paar Textzeilen mal wieder wirkungslos abstimmen, ob Griechenland aus der Euro-Zone austreten soll. Bei „Kontraste“ steht das Thema nicht im Fokus des Sendekonzeptes, okay. Bei „Panorama“ werden Rechentricks der Banken zur Beglaubigung ihrer Erhöhung der Eigenquote beleuchtet. Das ist berechtigt, aber eher ein Randphänomen des fiskalpolitischen Großthemas. „Report Mainz“ berichtet offensichtlich noch am kontinuierlichsten zum Thema und stellt Beiträge auf einer Themenseite zur Griechenland-Krise zusammen. Hier ist die Argumentationslinie gegen reiche Griechen gerichtet, die sich aus der Verantwortung stehlen – ein Wohlfühl- bzw. Schimpfprogramm für sozialdemokratische deutsche Mittelstandsbürger. „Report München“ führt einen Bericht vom Juni 2011 auf, in dem es um die Kosten der Griechenland-Rettung für den deutschen Steuerzahler geht. Auch hier also kein Blick auf die systemischen Bedingungen, sondern der Appell an das Sentiment des einfachen Steuerzahlers. Die darin von Wirtschaftswissenschaftler Prof. Ansgar Belke vorgerechneten Szenarien zeigen im Nachhinein, dass sich die deutsche Bundesregierung von solchen Empfehlungen hat leiten lassen – doch sind damit nur die aktuell anfallenden Kosten reduziert, die strukturellen Probleme aber nur v. a. aufgeschoben, nicht aufgehoben.

In der Palette der öffentlich-rechtlichen Politikmagazine sind Verbraucherschutz und Wirtschaftsthemen von mittlerer Brisanz stark vertreten: Hygienemängel in Großbäckerei, „Abzocke bei Altersvorsorge“, „Die Sprit-Abkassierer“, teure Begräbniskosten, Pleite des Schlecker-Konzerns; darüber hinaus vereinzelte Skandale aus Arbeitswelt, Umweltpolitik und politischem Extremismus.

Das ist alles nicht grundsätzlich falsch, aber in der Gewichtung möglicherweise doch: Was die Gemeinschaft deutscher Bürger bräuchte, wäre vielmehr ein Pinnbrett, auf dem politische Fragen nach quantitativer und langfristiger Relevanz geordnet würden. Dazu gehörte dann die Finanz- und Euro-Krise mit ihrer tatsächlichen Auswirkung auf die Staatsverschuldung an eine der obersten Stellen neben demografischer Entwicklung und Energiepolitik. Von alledem ist im Vergleich zu „Todesfalle Rastplatz – Unfallgefahr durch fehlende LKW-Parkplätze“ relativ wenig zu finden.

Wir bemerken daran, wie in den mit Parteienproporz geleiteten öffentlich-rechtlichen Sendern nicht Bericht erstattet, sondern Politik gemacht wird. In „Report München“, wird im Juni 2011 ein Ausblick gegeben, der nach Verabschiedung des „Europäischen Stabilisierungsmechanismus“ (ESM) bereits Realität geworden ist. Eine (nicht nur) für Deutschland ungünstige Entwicklung würde weitere Stützungsmaßnahmen für andere Euro-Länder erfordern. Kommentartext von Sebastian Hanisch und Hendrik Loven:

Klar ist: Der Finanzminister müsste dann gewaltige Zahlungen stemmen. Riesige Haushaltslöcher könnten Deutschland drohen, befürchten Experten. […] Doch was viele nicht wissen: Bei der Auszahlung von Krediten an mögliche Pleitestaaten dürften die Parlamentarier dann nicht mehr mitreden.

Im selben Kommentartext wird schon ein Entlastungsargument disqualifiziert, was in diesem Fall den reibungslosen Ablauf der Griechenland-Rettung mit Rückzahlung der Schulden betroffen hätte:

Deutschland würde Milliarden an Zinsen verdienen. Doch es gibt einen Haken: Die Kosten für den künftigen ESM-Rettungsschirm würden trotzdem anfallen.

Hierfür werden die Kosten für Deutschland von Ansgar Belke auf 19,6 Mrd. Euro taxiert. Für das von ihm entwickelte und heute eingetroffene Szenario einer Umschuldung (bei Belke Verzicht auf 50 % der Forderungen, real eingetroffen: ca. 33 % ) gibt der Professor 38 Mrd. Euro an.

Als Voraussetzung für den Erfolg dieser Variante wird selbstredend auch von Belke angenommen, dass Griechenland „sich weiter an Strukturreformen hält“. Das Wörtchen „weiter“ verdeckt rhetorisch, dass dies bisher bis auf Absichtserklärungen nicht der Fall war und für die Zukunft fraglich bleibt.

Der „Monitor“ des WDR schoss am 01.03.2012 gegen diesen Pessimismus in der Euro-Politik: „Griechenlandkrise: Das Märchen vom deutschen Zahlmeister“. Hier werden zunächst Bundespolitiker vorgeführt, die keine detaillierten Angaben über finanzpolitische Angelegenheiten machen können, über die sie mitzuentscheiden haben. Dann rechnet Folker Hellmeyer, Chef der „Bremer Landesbank“, die „Zinsgewinne aus der Eurokrise“ der letzten Jahre vor und kommt auf ein Plus von 45-65 Mrd. Euro. Laut Gustav Horn von der Hans-Böckler-Stiftung seien auch die Exporte um 50 Mrd. Euro angestiegen – mit der Folge höherer Steuerabgaben.

Schließlich bleibt es für den durchschnittlichen Zuschauer nachhaltig intransparent, wer hier bei was tatsächlich gewinnt. Die Rechnung ist auch insgesamt noch komplexer – v. a., was Risiken betrifft, die durch aktuelle Entscheidungen lediglich in die Zukunft verlagert werden.

Die Website „wirtschaftkrise.blog.de“ rechnet ein Papier aus dem Bundesfinanzministerium zusammen und kommt auf eine bisher gezahlte Summe von 173,5 Mrd. Euro für Rettungsmaßnahmen (Übernahme von Garantien, die bei Zahlungsunfähigkeit übernommen werden müssen) plus unbekannter Kosten aus EZB-Anleihenaufkäufen. Steigende Inflation durch EZB-Geldpolitik und ungewisse weitere Kosten durch Euro-Rettungsschirme wurden oben schon erwähnt.

Die von Hellmeyer via „Monitor“ verbreitete Erfolgsmeldung betrifft das „historisch niedrige“ Zinsniveau, das der deutsche Staat zu zahlen hat – für Schulden, was Hellmeyer den Zuschauer hier nicht ausführlicher erklärt. Die vermeintlichen Gewinne sind Ersparnisse an Zusatzkosten des Umgangs mit Geldsummen, die man eigentlich noch nicht erwirtschaftet hat, sondern sich leiht. Auch das Ansteigen von Exporten um 50 Mrd. Euro bedeutet neben Einnahmen und evtl. zusätzlichen Löhnen für Beteiligte nur eine vergleichsweise geringe Summe, wenn man sie mit Zahlungen, Garantien und Risiken im Euro-Raum vergleicht.

Festzuhalten ist zunächst also eine starke Intransparenz der tatsächlichen Beträge, Verpflichtungen und Risiken. Darüber hinaus werden Gewinne verkündet, die bei anderen Partnern im Euro-Raum Abhängigkeiten und Verluste implizieren, für deren Folgen wiederum von deutscher Seite gebürgt wird. Der aktuelle Zahlungsausfall für Besitzer von Griechenland-Anleihen ist einer jener selteneren Fälle, in denen ein bestimmter Typus des risikobereiten Privatanlegers einmal nennenswerte Verluste einfährt. Die Geldpolitik der EZB unter Mario Draghi (Ex-„Goldman Sachs“-Banker) stabilisiert hingegen einen Konzentrationsprozess von Kapital, der in den USA schon seit einem Jahrhundert verstärkt im Gange ist. Hierdurch übernehmen in letzter Konsequenz einige supperreiche Dynastien, die oft kaum öffentlich bekannt sind, strategische Machtpositionen und lassen Politiker-Marionetten – über Mittelsmänner gesteuert – nach ihrem Willen tanzen. Dass viele deutsche Bundespolitiker zu diesen Themen nicht einmal das wissen, was im Fernsehen zu sehen und hören ist, hat der „Monitor“-Bericht allerdings gezeigt.

Der CDU-Fraktionschef Volker Kauder sieht laut „Wirtschaftswoche“ die „EZB-Geldflut mit gemischten Gefühlen“ und mahnt die Zentralbank unter Draghi zur Besinnung „auf ihre Aufgabe als geldpolitischer Stabilitätsanker“. Dass mit Draghi & Co. immer mehr Akteure am Werk sind, die durch die US-amerikanische Schule des Schuldenmachens und der Niedrigzins-Politik gegangen sind, ist derzeit noch den wenigsten deutschen Politiker eine Erwähnung wert. Schon der Vergleich der reinen Faktenlage zu Draghis EZB-Führung mit der krisenfördernden Vorgehensweise der „Federal Reserve Bank“ könnte hier zu ganz anderen politischen Schlussfolgerungen führen. Es ist die Frage, ob es sich in diesem Zusammenhang um unausgesprochene Absichten und Loyalitäten der Verantwortlichen handelt oder um schlichtes Unwissen. Dass mit der „Piratenpartei“ derzeit eine politische Bewegung von den Massenmedien am meisten gefördert wird, die außer Forderungen nach „Transparenz“ hierzu bisher rein garnichts zu sagen hatte und hat, bestätigt den Eindruck einer dahingehend systematisch manipulierten Öffentlichkeit.

Update 10.03.2012: „Der Schuldenschnitt für Griechenland wird den deutschen Steuerzahler mindestens 25 Milliarden Euro kosten. Es könnte aber noch deutlich mehr werden, wenn auch der Staat seine Griechen-Kredite entsprechend abschreiben muss.“ („mmnews.de“)

Finanzkrisenmanager und ‑propheten


Freitag, 24. Dezember 2010, 3:58 Uhr. Autor:

Medial vermittelte Weltsicht klafft immer stärker zwischen der von etablierten Sendern produzierten und alternativen internetbasierten Anbietern auseinander. Ein gutes Beispiel ergibt der Vergleich zweier aktueller Gesprächssendungen, die sich um Wirtschaftspolitik drehen.

Da haben wir einmal „Unter den Linden Spezial“ (Phoenix, 21.12.2010). Die Journalisten Christoph Minhoff und Michael Hirz befragen Jean-Claude Juncker, „christsozialer“ Premierminister von Luxemburg und Vorsitzender der Euro-Gruppe, also einer zentralen Koordinationseinheit des europäischen Wirtschaftsraums. Es geht um vergangene und künftige Rettungsschirme für überschuldete Mitglieder der Europäischen Union und Währungspolitik.

Juncker lobt den Umgang der Europäischen Zentralbank (EZB) mit der Euro-Krise 2010 als „in hohem Maße begrüßenswert“. Minhoff fragt zuvor kritisch nach dem Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB und die Interpretation dieser Strategie, „dass es im Grunde auch nichts anderes ist, als wenn man Geld druckt.“ Juncker betont mehrfach, dass es zu den Handlungen der Staatenlenker „keine Alternative“ gebe.

Kontinuierlich zu fast allem, was es an (nicht nur wirtschafts)politischer Debatte mit aktiven Politikern gibt, werden keine Grundsatzfragen erörtert. Die ‚Alternativlosigkeit‘ ist das diskurslogische Zauberwort, mit dem der Aufmerksamkeitsfokus auf eine sehr eng abgesteckte Gegenwart gerichtet bleibt. Da helfen keine Journalistentugenden, wenn man auf einen Zeitrahmen von 45 Sendeminuten verpflichtet ist, nicht dieselbe Frage dreimal stellen will, obwohl es nötig wäre, und im ungünstigen Fall auch noch über die auflockernden Witzchen der Mächtigen lacht.

In „Unter den Linden Spezial“ kann Juncker sein Programm durchziehen. Behäbig und beschwichtigend, meist mit nahezu versteinerter Miene staatsmännisch. Bei genauerem Hinhören fehlt immer wieder die Konkretion. Manche seiner Äußerungen führen auch in nahezu unerklärliche Erwägungen. So seine Anmerkungen zu Leidtragenden der Schuldenwirtschaft aus verfehlter Finanzpolitik und Marktkrisen:

„Dies ist mit rigorosen Opfern verlangt [sic], die vor allem – um das mal salopp zu formulieren – die kleinen Leute trifft. Aber es gibt nunmal viele kleine Leute in Europa. Deshalb muss man auch von denen manchmal reden.“

Zwar bezieht er zuvor auch einmal in wenigen Sätzen Akteure wie Banken in den Kreis der zur Verantwortung zu ziehenden Instanzen mit ein. Die zitierte Formulierung verliert sich aber in unnötigen Beisätzen („salopp“), alogischen Begründungen („es gibt nunmal viele kleine Leute“, „Deshalb muss man“) und einer unklaren Schlussfolgerung.

„Kleine Leute“ verstehen weder besonders viel von Finanzpolitik, noch haben sie direkte Entscheidungskompetenz. ‚Schuldig‘ an Finanzkrisen können sie nur sein, indem sie Politiker wählen, die falsche Rahmenbedingungen schaffen – und schuldig werden sie dadurch auch nur dann, wenn sie vor der Wahl von der Presse über die Kompetenzen dieser Politiker korrekt informiert wurden. Unklar ist die Schlussfolgerung, weil Juncker gar nicht deutlich macht, warum er nun von den „kleinen Leuten“ reden „muss“: Weil sie mitverantwortlich sind oder weil sie als Unschuldige büßen müssen und ihr Leid deshalb erwähnenswert wird?

Es ist genau diese Unklarheit über Verhältnisse und Verantwortung, die die Basis für das garantiert, was in den vergangenen Jahren eine ernste wirtschaftliche Krise auf die nächste folgen lässt. (Über noch unwägbarere Andeutungen Junckers zu Schuldigen der Finanzkrise kann an dieser Stelle nicht debattiert werden. Sie entziehen sich jedenfalls einer hier objektivierbaren Aussagestruktur.) Das Lavieren eines solchen Politikersprechs hält wirkungsvoll die Debatte von Entscheidungsträgern und Mechanismen der Vorteilnahme und Machtausübung fern – zumindest in diesem Rahmen, d. h. in Sendungen, die ‚Normalverbraucher‘ derzeit noch mehrheitlich sehen, wenn sie sich für Politik interessieren und eben nicht selbstbestimmt das Internet nutzen.

In Letzerem hört sich derlei ganz anders an. Bei den dortigen Akteuren trifft man zudem auf für eine breitere Öffentlichkeit fragwürdige ‚politische Korrektheit‘ und biografisch-weltanschauliche Brüche, wie sie öffentlich-rechtliche Journalisten kaum einmal erkennen lassen.

Die Rede ist von einem Video-Stream mit dem Titel „Das Spiel ist aus. Wir müssen neu starten!“, das auf der Website „alpenparlament.tv“ kostenfrei anzusehen ist. Bei „esowatch.com“ kann man sich informieren, welchen Werdegang der Interviewer Michael Vogt aufzuweisen hat. Sein Gast ist der Wirtschaftsjournalist Michael Mross. Dieser gerät in neuerer Zeit mit seinen oppositionellen Tendenzen in den Ruch, ein Verschwörungstheoretiker zu sein (so etwa ein Beitrag auf „hagalil.com“).

Über das Gesamtbild beider Personen kann hier nicht weiter geurteilt werden. Komisch wirkt allerdings Mross’ offensichtlich veraltete persönliche Website „mross.de“, auf der „Zur Person“ bemerkt wird:

Das Thema Börse – locker und anekdotisch gewürzt, lebensnah und voller geldwerter Tipps. Der Börsenmann hält immer ein [sic] Portion Optimismus bereit.

Im Gespräch mit Vogt bekundet Mross, als Börsenberichterstatter (u. a. für den Nachrichtensender N24) nie die Zusammenhänge verstanden zu haben und seit der Wirtschaftskrise 2008 schockiert und geläutert zu sein. Meist eloquent, manchmal nach Worten ringend stellt er – einmal wird im Gespräch auch Karl Marx respektvoll erwähnt – die Tragfähigkeit des gesamten kapitalistischen Wirtschaftssystems in Frage:

„Der Untergang ist programmiert. […] Wenn man mal hinter die Kulissen guckt, was an den Universitäten gelehrt wird, da wird einem ja schlecht. Geld spielt da überhaupt keine Rolle. Die Leute sprechen von Wirtschaftswachstum. Wachsen, wachsen, wachsen – ja, wohin denn wachsen? Und mit was denn wachsen? […] Es ist eine Krise unseres Bewusstseins. Wir können nicht so weitermachen wie bisher. […] Fakt ist, dass das System selber immer mehr Schulden braucht.“

Dies ist – wie Mross korrekt konstatiert – die direkte Antithese zu dem, was ein Politiker wie Juncker als Rezept zur Krisenbewältigung ausgibt. Hier für die Überwindung der Euro-Krise:

„Wir sind so aufgestellt, dass wir, falls es mehr bräuchte, gerüstet sind, um mehr zu leisten. Eigentlich gibt das aber keine Ursache, dass wir mehr tun, weil die hochverschuldeten Staaten, die schwächelnden Staaten Portugal, Irland, Griechenland dabei sind, sehr zünftige Haushaltskonsolidierungsmaßnahmen durchzuführen mit anhaltendem Effekt, Spanien und Portugal und Griechenland auf dem Weg sind, sehr ernsthaft sich in Sachen Strukturreformen auf den Weg zu machen, um ihr Wachstumspotenzial zu steigern. Man muss ja sehen, dass man durch diese enormen Haushaltskonsolidierungsanstrengungen das Wachstum eher entschleunigt als beschleunigt in diesen Ländern. Und diese Länder brauchen eine Perspektive, die Menschen dort auch. Und deshalb ist Sorge dafür zu tragen, dass Wachstumspotenzial wieder entsteht. Dies erreicht man a) durch Haushaltskonsolidierung – wer seinen Haushalt nicht in Ordnung hat, wird nie mehr anständig wachsen – und b) durch Strukturreformen, die halt/alten (?) Wachstumskräfte, die es schlummernd in diesen Volkswirtschaften gibt, zu dynamisieren.“

Für den Medienkonsumenten bleibt es zunächst unentscheidbar, wem in diese Spielen mehr zu trauen ist: den Großkopferten, die mit enervierender Coolness ‚Krisen managen‘ und rhetorische Programme zur Ablenkung von Systemfragen und sprachlicher Abwärtstransformierung lebensweltlicher Skandale mit unabsehbaren Folgen abspulen – und nur hier und da angstproduzierende Nadelstiche setzen, indem sie, wie Juncker, auch einmal die hohe Verschuldung jedes deutschen und, noch viel mehr, jedes griechischen Neugeborenen in Erinnerung rufen; oder den mehr oder minder selbsterklärten drop outs und zu Verschwörungstheoretikern Abgestempelten, die in hysterischer Umkehrung nichts Gutes mehr am Ganzen finden können. So Mross über die Verlogenheit eines Selbstbildes des gegenwärtigen Wirtschaftssystems als marktwirtschaftlicher Wettbewerb:

„Wo gibt’s denn hier noch Konkurrenz? Die gesamte Welt, mit all ihren Geschichten, mit allen Dingen, die benötigt werden, sind doch in der Hand entweder von Monopolen oder Oligopolen. Und ob es jetzt ’n Oligopol ist oder ’n Monopol, ist auch egal – die sprechen sich eh ab. Das haben wir im Energiebereich, das haben wir im Telekommunikationsbereich, das haben wir im Nahrung… die Supermarktketten – es ist alles zentral … […] Das ganze System ist verrottet, von A bis Z.“

Man fragt sich dann noch, ob Mross seine handgenähten Lederschuhe zum Pfandleiher bringen musste. Im „alpenparlament.tv“ jedenfalls trägt er Turnschuhe ohne prominentes Markenzeichen:

Screenshot: alpenparlament.tv, 10.06.2010

Ist er also wirklich der Renegat aus dem Wirtschaftsteil? Oder soll uns die jugendliche Fußbekleidung andeuten, es fehle einem solchen Aufbegehren an Reife, und man solle sich lieber an notorische Schlipsträger halten? Mross betreibt noch eine andere als die erwähnte Website – eine, die „mmnews.de“ heißt und in hoher Frequenz die Endzeit des Finanzystems verkündet. Potenzielles Verdachtsmoment ist hier, dass zu den kontinuierlichen Anzeigenkunden Vermarkter von Edelmetallen gehören, in die panische Anleger krisenbedingt so gerne flüchten.

Ein endgültiges Argument kann dies jedoch nicht sein. Jedenfalls erscheint die Nadelstreifenfraktion gerade im Fall Juncker nicht glaubwürdiger. Im „Phoenix“-Interview heißt es auf Minhoffs Frage nach dem Umgang mit Banken und Rating-Agenturen als wesentlich Mitverantwortlichen der Finanzkrise einmal mehr allgemein und nur pauschal Konsequenz behauptend:

„Wir haben da schon angesetzt, weil wir ja eine … eine europäische Regelung über den Umgang mit Rating-Agenturen verabschiedet haben, dadurch, dass wir viele Finanzmarktregularien in Europa jetzt auf den Weg gebracht haben. Ich sehe also schon das energische Durchgreifen europäischer Politik in Sachen Finanzmarktregulierung bis hin zu gemeinsamen Bankenaufsichtsregelungen, teilweise äh … Bankenaufsichtsinstitutionen. Das geht alles in die richtige Richtung.“

Bemerkenswert ist immer wieder, dass von „Regeln“ und „Regelungen“ statt von „Gesetzen“ gesprochen wird, die eine größere Verbindlichkeit hätten. Da bleibt den Interviewern zunächst nur übrig, misstrauisch dreinzuschauen:

Screenshot: Phoenix, 21.12.2010

In der Presse-Berichterstattung wirkt das, was Juncker so zuversichtlich beschreibt, inkonsequenter und weniger angetan, den nächsten Zusammenbruch zu verhindern. So heißt es im „Handelsblatt“ am 28.01.2010, dass

die Staaten wenig dagegen tun, dass sich viele Geldinstitute im Vertrauen auf weitere Bail-outs wieder in riskante Geschäfte stürzen und sich neue gefährliche Blasen an den Finanzmärkten bilden.

Und, noch neueren Datums, in der „Zeit“ vom 14.07.2010:

Von Anfang an klar war, dass die britische Regierung nicht mitspielen würde. Der Finanzplatz London, der in Boomzeiten 15 Prozent zur britischen Wirtschaftsleistung beisteuerte, soll nicht von Brüssel überwacht werden. […]
Der EU-Abgeordnete Udo Bullmann (SPD) spricht von politischem Versagen: »Während die Bundesregierung zu Hause den Mund voll nimmt, regiert in Brüssel der kleinste gemeinsame Nenner. Die groß angekündigten Finanzmarktreformen strebt diese Bundesregierung auf europäischer Ebene bislang jedenfalls nicht an.«

Am 15.09.2010 liefert ebenfalls Claas Tatje in der „Zeit“ nochmal nach::

Experten wie der Frankfurter Wirtschaftsprofessor Jan Pieter Krahnen fürchten nun, dass Ausnahmen für die Industrie zum Einfallstor für die nächsten Exzesse werden könnten. Das bedeutet: Investmentbanken können etwa über den Umweg einer Zweckgesellschaft munter weiter Handel treiben und Regulierungslücken ausnutzen. Staatliche Aufseher können das praktisch nicht kontrollieren. Banken- und Unternehmensderivate sind schließlich kaum voneinander zu trennen.

Das Problem bleibt offensichtlich (nicht nur hier), dass für eine breitere politische Debatte die Einzelheiten zu speziell und kompliziert sind, um z. B. in vorgegebenen zeitbegrenzten Sendeformaten wiedergegeben zu werden. Immer unzugänglicher klingt es, wenn man sich dem Jargon der tatsächlich involvierten Akteure nähert – wie man etwa hier in einer Eingabe des „Bundesverbands Öffentlicher Banken Deutschlands“ (VÖB) vom 15.09.2010 zu den umstrittenen Credit Default Swaps lesen kann:

Das Flagging von Leerverkaufsorders an Börsen setzt voraus, dass jeder Marktteilnehmer jederzeit feststellen kann, ob eine einzelne Order im Moment der Orderaufgabe einen Leerverkauf darstellt. Es dürfte mit einem hohen Umsetzungsaufwand einhergehen. Außerdem wäre der Nutzen für die Aufsicht fraglich. Der Ausschuss der europäischen Wertpapieraufsichtsbehörden (CESR) selbst hatte von einem solchen Vorgehen abgeraten. Das Verbot ungedeckter Leerverkäufe entspricht nicht den Erfordernissen im Wertpapierhandel.

Deshalb bleibt es bei den mit dem Sendeschema kompatiblen, reduzierten und beschwichtigenden Sprechweisen, die allem Anschein nach – und im Habitus zur Schau gestellter Seriosität – Verfälschungen von Tatsachen sind.