Mit ‘Demografische Entwicklung’ getaggte Artikel

Das letzte Fiction-Frequenzband


Samstag, 26. November 2011, 21:38 Uhr. Autor:

Das Verhältnis von Bild und Wirklichkeit ist hier ja eine Art Langzeit-Unterrubrik. Dieser Tage gibt es dafür etwas reichlicher Stoff auf der Ebene von Nachrichtenmeldungen. Am gröbsten wohl die Ernüchterung, dass der „Sesamstraßen“-Komponist Fernando Rivas wegen Besitz und Herstellung von Kinderpornografie angeklagt ist („Welt Online“, 24.11.2011). Da hilft auf Rezipientenseite nur noch, dass Musik als reine Form recht mittelbar zurückzuführen ist auf das, was sich im Kopf des Erfinders so abgespielt hat.

Wenn die Welt schon nicht so funktioniert, wie man sich das vorstellt – ändert man eben das Programm. „meedia.de“ meldet am 25.11.2011 über den Sat1-Geschäftsführer: „Kosack erhöht die Fiction-Frequenz“. Hierbei lernen wir auch, dass es in diesem Sender eine Funktion mit dem Titel „Senior Vice President Deutsche Fiction“ gibt. So wird nun richtig durchregiert, auch wenn von der Muttersprache nur noch das Adjektiv übrigbleibt.

Was haben wir noch? Richtig: Heute tickert „Spiegel Online“, dass Katharina Saalfrank als RTL-„Supernanny“ den Dienst quittiert, und zwar wegen der „‚Entwicklung des medialen Markts‘ hin zu ‚gescripteter‘, also inszenierter, Realität“. Bei aller Skandalisierung und allem Voyeurismus war dies noch eines der Formate, in denen man mit gutem Willen eine Popularisierung pädagogischen und psychologischen Wissens hat sehen können, ohne die bestimmte Zielgruppen in den von ihnen gewählten TV-Programmen nur noch dem Sinn- und Orientierungsverlust überlassen worden wären. Aber wir sehen: Da wird ständig optimiert und nochmal nachgezogen. Wäre doch gelacht.

Dass der Zerfall familiärer Strukturen auch auf dem Bildschirm und in seinen Fiktionen nichts ganz Neues ist, zeigt ein Artikel wie „10 Dysfunctional TV Families We’d Like to Adopt“. Als Zeichen der Zeit dürfte die Kurzfassung einer Serie wie „United States of Tara“ (USA 2009-11) angesehen werden können, die die ARD im März bis Mai 2011 nur den Nachteulen zumuten wollte. In der deutschen Info findet sich keine Satzfolge, die den Inhalt so unnachahmlich verdichtet wie diese:

A woman struggles to find a balance between her dissociative identity disorder and raising a dysfunctional family.

Hier ist die von Steven Spielberg produzierte Serienwelt erklärtermaßen jenseits der ‚Normalitätsgrenze‘ angesiedelt. In der Entscheidung über eine solche Bewertung bestand am 09.11.2011 in der ARD gerade die Ambivalenz, wenn Carola Weber (Anja Kling) in „Es ist nicht vorbei“ (D 2011, R: Franziska Meletzky) ihrem sozialen Umfeld beweisen muss, dass der Vorgesetzte ihres Mannes (Tobias Oertel), Prof. Limberg (Ulrich Noethen), ein Arzt ist, der sie während ihrer Inhaftierung zu DDR-Zeiten unter Drogen gesetzt hat. Gegen Limbergs Reputation kommt sie zunächst nur schwer an und steht als verwirrte Lügnerin da, bis sich doch noch die Wahrheit herausstellt.

Es liegt hier nun einmal wieder die Handlungskonstellation vor, die in der Filmgeschichte von Filmen wie „Gaslight“ (USA 1944, R: George Cukor) bis „Soylent Green“ (USA 1973, R: Richard Fleischer) reiflich durchgespielt ist: Held oder Heldin haben etwas gesehen oder wissen etwas, das niemand glauben will, obwohl es stimmt. Die Paradoxie im Verhältnis von Realität und Film besteht darin, dass der Unverstandene im erfundenen Plot meist der Sympathieträger ist, während im Falle sog. „Verschwörungstheorien“ die Massenmedien bisher die Sprachregelung der Paranoia und verzerrten Realitätswahrnehmung vorgeben.

Daraus ergeben sich immer wieder komische Effekte – so auch in „Es ist nicht vorbei“. Als Zuschauer sind wir auf der Seite von Carola, der „paranoide Wahnvorstellungen“ unterstellt werden. Als größter Hohn wirkt es schon auf der realistischen Handlungsebene, dass Prof. Limberg eine Habilitationsschrift mit dem Titel „Multiple Persönlichkeiten und ihre Reintegration in den Alltag“ verfasst hat. Für Drehbuchautoren (hier: Kristin Derfler / Clemens Murath) ist dies ein in-joke, da sie in viele Fällen selbst an den mehr als multiplen Persönlichkeiten arbeiten, die im Sortiment der Massenmedien die Zuschauerpsyche künstlich erweitern: Für den ausufernden Mediengebrauch im Alltag kreieren sie die eskapistischen Fantasien und realitätsfernen Identifikationsfiguren.

Was in Maßen den Horizont erweitert, führt in unserer Gegenwart möglicherweise zu vollkommen weltfremden, aber als ‚normal‘ angesehenen Denk- und Verhaltensmustern: Etwa entspricht die über Jahrzehnte angestiegene Instabilität von Paarbeziehungen den Verhaltensmustern, die Prominente und Filmfiguren vorleben. Die Traumwelten von yellow press und Attraktionskino scheitern bei ihrer Übertragung in die Realität: Privatverschuldung etwa steigt aufgrund von Luxus-Konsum, mit dem man versucht, den fernen Vorbildern nachzueifern. Solange Banken mit Krediten das Unmögliche vorläufig und möglichst früh möglich machen, merken es die Betroffenen erst, wenn es zu spät ist. Und erst, wenn den im Kapitalismus generell Träumenden klar wird, wieviel von ihrem Kapital fiktiv ist, erfolgt wieder die Besinnung: In der Wirtschaftskrise 2008 ließen sich etwa in Spanien 13,5 % weniger Ehepaare scheiden als im Vorjahr. Wäre ihre Entscheidung sonst richtig gewesen?

In „Es ist nicht vorbei“ drängen weitere Symptome der Gegenwart an die Oberfläche einer Fabel, die DDR-Vergangenheit aufarbeiten soll. Während die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen 2010 verbucht, dass 1,4 Mio. Menschen medikamentensüchtig sind, ist die Verabreichung von solchen Mittelchen durch einen Arzt in diesem Film anhaltend unbewiesen, was sich zu der Verschreibungspraxis der Gegenwart ironisch verhält:

Jochen: „Und ob er dir tatsächlich Psychopharmaka gespritzt hat, um ’ne Unterschrift von dir zu erzwingen – das kannst du ihm nicht beweisen!“
Carola: „Und deshalb ist es jetzt in Ordnung, ja, dass mir zwei Finger fehlen und er einfach so weitermacht, als wär nichts passiert!“

Unter Medikamenteneinfluss hat sich die Filmfigur an einer Kreissäge in der Gefängniswerkstatt zwei Finger abgetrennt und dadurch ihre Karriere als Pianistin ruiniert. Das ist ein fürwahr sehr seltenes Fallbeispiel. Und ebensowenig, wie sich das Hauptabendprogramm für Tablettensucht interessiert (die Pharma-Lobby, die auch Werbespots bezahlt, könnte es stören), weckt es nachhaltig das Bewusstsein für die katastrophale demografische Entwicklung über ein paar Talkshow-Momente hinaus.

Ein millionenfaches Lebensproblem von Frauen im Alter der Hauptdarstellerin Anja Kling (* 1970) ist jene Kinderlosigkeit, die Deutsche von manch anderen Volksgruppen unterscheidet:

Quelle: Rainer Münz / Ralf Ulrich: Bevölkerungsprojektionen nach Nationalitäten für Deutschland

Doch dies ist ebenfalls kein Thema, mit dem man sich am Ende des Arbeitstages so gerne beschäftigen möchte. Die Kinderlosigkeit der weiblichen Hauptfigur resultiert in diesem Fall aus den Machenschaften des DDR-Regimes und soll durch eine Adoption korrigiert werden. Filme zur Hauptsendezeit widmen sich generell aber eher dem weltgeschichtlich vielleicht ein einziges Mal realisierten Drama, dass eine Klavierspielerin im DDR-Gefängnis zwei Finger verliert, als der Frage, ob eine Volksgemeinschaft nun genetisch entsorgt werden soll oder nicht. Und dies ist leider keine rechtslastige völkische Polemik, sondern eine Frage, ob man statistische Daten in einen Taschenrechner eingeben kann oder nicht. Und fragen Sie einmal einen Türken, ob es ihm egal ist, ob das türkische Volk ausstirbt. Bei all den vielen Interessen, die sie sonst haben, fällt auch deutschen TV-Moderatoren so etwas nicht ein. Für sie besteht die Konsequenz in einer reflexiven und diskursiven Verkrampfung, die man sich nur am DDR-Justizopfer zur besten Sendezeit vorzuführen getraut. Carola: „Ich kann nicht darüber reden. Dann kommt alles wieder zurück.“

Als Konzession an die Gewohnheit von Fernsehmachern, Fiktionen wie Dokumentationen mit etwas Hoffnungsvollem abschließen zu wollen, wo erst Problembewusstsein das Nachdenken in Gang setzen müsste, ist hier noch anzumerken, dass es der Fiktion gelang, am Abend von „Es ist nicht vorbei“ von 5,58 Mio. Zuschauern beim Fernsehfilm 5,01 Mio. zur anschließenden Dokumentation von Kristin Derfler zu locken.

Jauchbuch Kapitaschwatzmus


Montag, 31. Oktober 2011, 20:19 Uhr. Autor:

Wir haben uns bisher zum Thema ‚Günther Jauch als Talkshow-Moderator‘ zurückgehalten, nachdem wir im Buch „Glotze fatal“ die äußerst suspekten psychologischen und metaphorischen Techniken seines Quiz-Dauerbrenners „Wer wird Millionär?“ beleuchteten – und deshalb von vornherein wenig Vertrauen darin hatten, dass hier eine Niveausteigerung politischen Journalismus im Ersatzparlament der sonntagabendlichen Sendung stattfinden würde.

Nach den ersten Sendungen haben sich nicht alle Befürchtungen bestätigt, aber zumal beim Auftritt der Kanzlerin Angela Merkel waren auch andere Kritiker mit ihrem Lob am Ende (Schwiegersohn trifft “Mutti”).

Am 31.10.2011 lud „Günther Jauch“ seine Gäste zum Thema „Die Banken an die Leine! – Wie bekommen wir die Finanzmärkte in den Griff?“ Fundamentalkritik ist von Seiten eines Moderators nicht zu erwarten, der als Medienunternehmer Millionenbeträge bewegt. Dass er in dieser Sendung die Chuzpe besaß, sogar wiederholt nachzufragen, wenn es um die Luftbuchungen von spekulativen Nahrungsmittelpreisen ging, ist vor diesem Hintergrund fast schon beachtlich. Es gehe dabei, so Jauch, z. B. um „die zehnfache Summe des überhaupt vorhandenen Maises“ – das habe er sich „sagen lassen“. Bei einem Minutenverdienst von 4500 Euro kann man sich allerdings auch in seinem Fall fragen, ob da einer eine Meise hat … So referiert weiter der „stern“ vom 14.07.2010 die „Bild“-Zeitung:

Er und seine 2000 gegründete Produktionsfirma sollten 10,5 Millionen Euro pro Staffel mit 39 Sendungen erhalten, meldet die Zeitung. Das seien 41 Prozent mehr, als bisher bei Vorgängerin Will angefallen seien.

Derartige Meldungen sind jedoch kein Grund für Sympathie-Einbußen. Die Wiedergabe solcher Informationen durch die „Bild“ scheint vielmehr zu jenem Märchen-Programm zu gehören, das in anderen Sendungen den unerschwinglichen Luxus zum Schauwert macht; hier ist es der Moderator, der mit überhöhten Gehaltsforderungen keine Empörung beim Gebührenzahler, sondern scheinbar noch Bewunderung erregt. Leider kommt dies auch Nicht-Fans überteuert zu stehen.

Doch zurück zum Thema der Sendung: die fortgesetzte Finanzkrise. Ein Skandalon der aktuellen Berichterstattung, das sich hier wiederholt, ist die gespielte Ahnungslosigkeit derer, die es besser wissen sollten. Wenn ein Spitzen-Moderator sich erst „sagen lassen“ müsste, was seit vielen Jahren die Finanzbranche bestimmt, in der er auch persönlich seine Anlageberater agieren lassen dürfte, wäre dies ein geistiges Armutszeugnis. Vermutlich verwendet er aber eine solche Formulierung auch deshalb, weil er sich mit weniger informierten Zuschauern solidarisieren will, die ihn nicht als überheblichen Spezialisten wahrnehmen sollen. Dies ist leider aber auch ein Grund, warum es hier und an vergleichbarer Stelle unnötig unpräzise und verwirrend bleibt. Und es fragt sich, ob dies nicht Absicht ist.

In diesem Kontext alberne Suggestionen wie ‚Ich habe das gerade erst erfahren müssen, das ist ja unglaublich!‘ sind durchaus erwähnenswert, weil sie zum Gesamtprogramm jener Kaste gehört, in der Jauch lebt. Eine ihrer wesentlichen Taktiken besteht darin, unverhältnismäßige Gewinne zu machen und sich dann aus der Verantwortung zu stehlen. So konnte es Sahra Wagenknecht (Die Linke) in dieser Talkshow auch nur in den von ihr seit langem vertretenen Kernsätzen vorbringen.

Dabei hat Wagenknecht etwa in „Wahnsinn mit Methode“ (2008) eine präzise Schilderung über 250 Buchseiten geliefert, was heute jeder CDU-Abgeordnete als Wahnsinn bezeichnet – nachdem Karl-Theodor zu Guttenberg für diese Partei 2009 noch mit dem Wahlslogan „Wirtschaft mit Vernunft“ werben durfte. Nun hat er sich in die USA zu denjenigen zurückgezogen, die aller Wahrscheinlichkeit nach zu den Drahtziehern der Krisen gehören (siehe diesen Beitrag von Jürgen Elsässer).

Und damit wären wir wieder beim Skandalon: Sahra Wagenknecht informierte ihre Wähler schon seit Jahren über jene systemischen Bedingungen, die nun alle beklagen. Und das „Schwarzbuch Kapitalismus“ von Robert Kurz, 1999 erschienen, erreichte Bestseller-Auflagen. Darin finden sich Aussagen wie folgende:

Die globale Schuldenkrise auf allen Ebenen kann vorerst „weggesteckt“ und weiter umgeschuldet werden, weil sie von der größten spekulativen Blase aller Zeiten an den Aktienmärkten überlagert wird. Das ist die zweite Phase der Krise seit Mitte der 80er Jahre, die bis heute anhält. [...]
Weil das Sicherheitsventil der Dollar-Goldkonvertibilität längst vorher entfernt wurde und die neoliberale „Deregulierung“ auch der Finanzmärkte die letzten Hemmungen beseitigt hat, kann die Blase so unglaublich groß und über so lange Zeit hinweg aufgeblasen werden. Umso verheerender muß allerdings der Knall sein, mit dem sie irgendwann platzen wird.
(S. 852/855)

Statt überhaupt nur darauf hinzuweisen, dass sich derzeit die schwärzesten Kapitalismuskritiken wie jene von Kurz und Wagenknecht bestätigen, die in Varianten auch schon früher als 1999 formuliert wurden, arbeitet eine Sendung wie „Günther Jauch“ an jenem falschen Bewusstsein, seit 2008 träten plötzlich Krisensituationen auf, denen man nun mit Maßnahmen im Rahmen der bestehenden Ordnung begegnen könne.

Die Voraussage sei an dieser Stelle gewagt – und sie beruht, siehe Kurz, Wagenknecht und andere – nicht auf meinem eigenen Prophetentum: Das Gejammer, Gekeife und Kontroll-Gerede auf der politischen Szene wird noch eine Weile weitergehen; die ‚Krise‘ beenden oder nachhaltig mildern wird es nicht.

Was die bisher existierende Ordnung – und vielleicht selbst Politiker, wenn sie ihre eigene Rolle nicht durchschauen – sich nicht eingestehen will, ist ihr vorläufiges Scheitern und prinzipiell voraussehbares Ende. Dies lässt sich relativ einfach begründen: Deutschlands Staatsverschuldung beträgt derzeit 2 Billionen Euro. Nach Griechenland stehen schon die nächsten Kandidaten bereit, die EU-Rettungsschirme und Zahlungen besser gestellter EU-Mitglieder in noch zu bestimmender Höhe erhalten müssen, damit der Euro als Währung erhalten werden kann. Dass Zusagen über nennenswerte Einsparungen bei den Hochverschuldeten eingehalten werden, ist sehr fraglich; es wäre historisch neu. Und die deutsche Bevölkerung altert und schrumpft, wie dieser Tage in der aktuellen offiziellen Bevölkerungsprognose vorausgesagt wird:

Die Zahl der Gestorbenen übersteigt die Zahl der Geborenen immer mehr. Das dadurch rasant wachsende Geburtendefizit kann nicht von der Nettozuwanderung kompensiert werden. Die Bevölkerungszahl in Deutschland, die bereits seit 2003 rückläufig ist, wird demzufolge weiter abnehmen. Bei der Fortsetzung der aktuellen demografischen Entwicklung wird die Einwohnerzahl von circa 82 Millionen am Ende des Jahres 2008 auf etwa 65 (Untergrenze der „mittleren“ Bevölkerung) beziehungsweise 70 Millionen (Obergrenze der „mittleren“ Bevölkerung) im Jahr 2060 abnehmen.
Das Altern der heute stark besetzten mittleren Jahrgänge führt zu gravierenden Verschiebungen in der Altersstruktur. Im Ausgangsjahr 2008 bestand die Bevölkerung zu 19% aus Kindern und jungen Menschen unter 20 Jahren, zu 61% aus 20- bis unter 65-Jährigen und zu 20% aus 65-Jährigen und Älteren. Im Jahr 2060 wird bereits jeder Dritte (34%) mindestens 65 Lebensjahre durchlebt haben und es werden doppelt so viele 70-Jährige leben, wie Kinder geboren werden.

Man kann also eine Diskussion wie jene bei „Günther Jauch“ stark unterkomplex nennen: Voraussetzung eines Gesprächs darüber, wie mit der Finanzbranche zu verfahren sei, sind auch und gerade solche Rahmendaten. Weil sie vor derzeit unlösbare Probleme stellen, werden sie einfach nicht besprochen – zugunsten eines faulen Friedens, der irgendwann in Elend und Chaos führen wird, wenn mit Werbe- und Gebührengeldern verwöhnte Seichtgewichte wie Jauch am Ruder bleiben.

Ob die Konstruktion der Europäischen Union anderen Maßgaben folgte als den Interessen derjenigen, die an ihr Teil haben, muss an anderer Stelle erörtert werden. Jedenfalls funktionieren bisher ihre Stabilitäts- und Kontrollmechanismen nicht, und diejenigen, die davon profitieren, werden mit aller Kraft daran arbeiten, dass dies auch so bleibt. Selbst die IWF-Direktorin Christine Lagarde bekundet in „Inside Job“ (USA 2010, R: Charles Ferguson), dass sie erst 2008 den Ernst der Lage auf den Finanzmärkten erkannt habe. Wenn sie also nicht schlecht informiert ist, wessen Interessen vertritt sie dann? Oder in wessen Interesse ist es, dass Menschen an der Macht sind, die etwa als Finanzminister (Lagarde, ähnlich Wolfgang Schäuble) systemische Risiken erklärtermaßen Jahrzehnte nach kritischen Wirtschaftstheoretikern (Kurz) realisieren?

Screenshot: ARD, 30.10.2011

Bei „Günther Jauch“ sollte „Ex-Investmentbanker“ Wieslaw Jurczenko u. a. mit einer Flipchart-Zeichnung die Einsicht in die Praktiken des „Credit Default Swaps“ erhellen. In der erwähnten Dokumentation „Inside Job“ gelingt dies mit Grafiken sehr anschaulich. Bei Jauch und Jurczenko entsteht nur eine wirre Strichzeichnung, die den Zusammenhang der Versicherung von Kreditausfällen (erste Abstraktionsstufe) zu den vielfältigen weiteren Formen der Kreditumschichtung und -verbriefung erst gar nicht plausibel macht; es gebe sie halt, und Jurzcenko rät, diesen unübersichtlichen Handel einfach zu verbieten.

Das wird aller Voraussicht nach zunächst nur sehr eingeschränkt geschehen und wirkungsarm bleiben. Doch noch einmal zurück zum Thema demografische Entwicklung: Der Anspruch, mit immer weniger Menschen, und darunter immer mehr hilfsbedürftigen Älteren die Schulden einer größeren Zahl von Leistungsnehmern sowie Besser- bis Großverdienenden der vergangenen 2-3 Jahrzehnte bezahlen zu wollen, sollte von Finanzpolitikern erst einmal in einer Modellrechnung begründet werden. Gelingt dies nicht, ist ein Schuldenschnitt für Deutschland unausweichlich. Die Frage ist dann nur noch, wessen Barvermögen auf dem Kontoauszug gelöscht wird.

Michael Grandt rechnet, wie in seinem Buch „Der Staatsbankrott kommt“ (2010), hier im Interview vor, dass die benötigten Summen für einen Schuldenabbau nur mit einem Wirtschaftswachstum zu erreichen wäre, das derzeit für Deutschland vollkommen illusorisch ist, …

YouTube Preview Image

… Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson erklärt im „Handelsblatt“ (11.05.2010):

Griechenland wird irgendwann pleitegehen. Portugal und Spanien könnten sich anstecken. Europa kann nicht alle diese Staaten retten. Es sieht also düster aus für den Euro. […]
Wenn man durch Wachstum nicht aus diesem Dilemma herauskommen kann, gibt es nur drei Möglichkeiten: entweder Inflation oder eine Staatspleite oder ein Bail-out.

… und auch „Die Welt“ vom 29.10.2011 erkennt:

Ein weiterer gravierender Fehler der EZB war es, den Glauben an den schuldenfinanzierten Wohlfahrtsstaat aufrechtzuerhalten. Eine Absage an den Wohlfahrtsstaat ist eine Aufgabe, die die Politiker per Definition nicht übernehmen können. [...]
Das bedeutet für Deutschland drastische Ausgabenschnitte und die Zurückführung des Wohlfahrtsstaates und des öffentlichen Dienstes auf ein zivilisiertes Niveau. Diese schmerzhafte Debatte wird nicht geführt, sondern nur, wie man mit mehr Geld mehr „hebelt“.

Statt uns mit Tinnef abzugeben, sollten wir also dringend ausgehend von solchen Aussagen Debatten führen. Das dauert allerdings länger als 60 Minuten, und deshalb werden wir auch im Zeitbudget von TV-Konsumenten einiges aussortieren müssen, wenn wir nicht gemeinsam untergehen wollen.

Wir werden sehen, ob während der oder im Anschluss an diese notwendigen Transformationen auch die Bläh-Diskurse von TV-Serien, der schlecht geklonten Buchkultur und der aktuellen Kulturwissenschaften auf den Prüfstand kommen, die strukturell aus den erwähnten korrumpierten Wirtschaftsweisen abgeleitet sind. Das zeigt etwa die Beschäftigung mit Filmen von Billy Wilder, der immerhin schon 1981 seinen Dienst quittierte. „Nobody’s perfect“, die letzte Dialogzeile aus „Some Like It Hot“ (USA 1959), könnte wortspielerisch auch das Motto der herrschenden Finanz-Institutionen sein: Niemand will’s gewesen sein, und von den Momenten, in denen wir die entscheidenden Fehler hätte vermeiden können, sprechen wir, wie stets der Film, nurmehr in der Vergangenheitsform. Wer sich unsichtbar macht, wer anderen leere Zeichen als Wert und Vergangenheit als Gegenwart vorgaukelt, dem sollten wir unsere Dienstbarkeit entziehen.

Probleme mit unlösbaren Problemen


Sonntag, 10. Oktober 2010, 23:31 Uhr. Autor:

Horst Seehofer erreicht am 09.10.2010 mit Äußerungen in der Debatte über Integration ein großes Medienecho. In der „tagesschau“ um 20 h wird ein Interview mit dem „Focus“ zitiert. Auf deren Website ist das Statement im Original zu lesen:

„Es ist doch klar, dass sich Zuwanderer aus anderen Kulturkreisen wie aus der Türkei und arabischen Ländern insgesamt schwerer tun. Daraus ziehe ich auf jeden Fall den Schluss, dass wir keine zusätzliche Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen brauchen.“

Hier wie bei anderen Themen besteht die mediale Öffentlichkeit aus einem konfusen bric à brac, in dem Partialwahrheiten, Fehlinformationen und Trugschlüsse das Publikum dazu anleiten, das Problem letztendlich als ‚irgendwie sehr kompliziert‘ zu empfinden, um dann zum nächsten Thema überzugehen – vorzugsweise zu ‚was Einfacherem‘. Letzteres ist an diesem Abend: „Das Supertalent“ (RTL, 7,82 Mio. Zuschauer), „Melodien der Berge“ (ARD, 3,59 Mio.) oder „Die große TV Total Stock Car Crash Challenge“ (Pro7, 2,14 Mio.).

„Reformstau“ nennt man mit einem – derzeit seltener verwendeten – Wort das Resultat aus dieser Ökonomie der Kommunikation. Im Fall des bayerischen CSU-Ministerpräsidenten Seehofer kann man mehrere Faktoren studieren. Zunächst betreibt er Klientelpolitik, indem er Zuwanderung ablehnt. Dies als Populismus zu geißeln, ist gewiss naheliegend und deshalb beinahe überflüssig.

Nur mit diesem Begriff lässt sich als Verhalten eines politischen Individuums notdürftig erklären, was auf der Sachebene zur Psychopathologie tendiert. Es handelt sich – in einer der drei Definitionen von „Wahn“ durch Karl Jaspers –, um

Unkorrigierbarkeit (Unbeeinflussbarkeit durch Erfahrungen und zwingende Schlüsse)

Es gilt schlicht festzuhalten, dass man CSU-Vorsitzender sein, dabei jedoch nicht einmal eine „Google“-Recherche mit Stichworten wie „migration osteuropa prognose“ durchführen kann (oder Mitarbeiter damit beauftragt) – und im Anschluss daran, ‚wahnhaft‘ nach Schulbuch, davon ‚unbeeinflusste‘ Äußerungen tätigt. Bei der genannten „Google“-Suche findet man auf der zweiten Ergebnisseite z. B. Veröffentlichungen der FDP-nahen „Friedrich Naumann Stiftung“. In einem Beitrag von Gérard Bökenkamp heißt es:

Das Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung erklärte in seinem Dezember-Newsletter aus dem Jahr 2009: „Im Unterschied zur Situation in kinderreichen Ländern wie Frankreich oder Schweden stellt in Deutschland die Zuwanderung deshalb die einzige Möglichkeit dar, den Bevölkerungsrückgang der Zukunft wenn auch nicht aufzuhalten, so wenigstens abzumildern.“ Das Institut fügt allerdings später hinzu, es sei „offen, aus welchen Herkunftsländern diese kommen sollen und wie diese Menschen in Deutschland zu halten wären.“

Diese Einschätzung scheint mir repräsentativ für das zu sein, was sonst zum Thema in fundierten Publikationen zu finden ist. (Ich gab weitere Hinweise schon in Beiträgen zur Sarrazin-Debatte.) Die Kenntnisnahme von Statistiken und Prognosen lautet dann recht unisono:

Unter den jetzigen Bedingungen ist es also eher unwahrscheinlich, dass der Bedarf an Facharbeitern und Hochqualifizierten durch Zuzug von außen gedeckt werden kann, da andere Staaten wie die USA und Großbritannien sich als attraktivere Zielländer für Hochqualifizierte darstellen.

Horst Seehofer geht demnach aller Voraussicht nach fehl in der Annahme, „dass wir keine zusätzliche Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen brauchen“. Dies führt dazu, sich gar nicht erst fragen zu müssen, woher die benötigten Teilnehmer am Sozialsystem denn kommen sollen und ob sie den Fachkräftemangel auch nur annähernd ausgleichen könnten. Der logische Mechanismus dieses Debattenbeitrags ist demnach eine doppelte Verleugnung von Tatsachen mit dem Ausweichen auf eine z. Zt. illusionäre und sehr unwahrscheinliche Zukunftsoption – nicht gerade ein Rezept für ‚Realpolitik‘.

Seehofers verbales Verhalten, das alleine die „tagesschau“ zur besten Sendezeit unkommentiert als dessen parteipolitische Eigenwerbung an 4,8 Mio. Zuschauer übermittelt, wirkt vor dem Hintergrund von relevanten Sachinformationen nicht nur klinisch wahnhaft, sondern auch wirtschaftlich kontraproduktiv. Denn der unsachliche Umgang mit Migranten und deren Zurückweisung in zukünftiger Perspektive dürfte einen Effekt verstärken, den ebenfalls Bökenkamp erwähnt:

Der Vorsitzende des Sachverständigenrats für Integration und Migration Klaus Jürgen Bade beklagt, dass auch immer mehr junge, gut ausgebildete Deutsch-Türken in die Türkei ziehen. Bade sieht einen wesentlichen Grund für die Entwicklung darin, dass viele junge Türken in Deutschland kein Heimatgefühl entwickelten. Es bestehe deshalb die Gefahr, dass die Tüchtigen Deutschland verließen, während die Chancenlosen blieben, weil es nirgendwo ein vergleichbares Sozialsystem gebe.

An einem solchen Argument lässt sich erkennen, dass gerade eine Diskussion über Bildungserfolge von Migranten, wie von Sarrazin angestrengt, dringend erforderlich ist. Trittbrettfahrer dieses Diskurses, die ihn auf eine Zurückweisung von Zuwanderung verkürzen, schaden nach aktueller Lage der Dinge dem Gemeinwesen, wenn sie keine anderen Alternativen aufzeigen und an ihrer Realisierung mitwirken.

Die Informationen der FDP-nahen Naumann-Stiftung bestärken also nicht Seehofer, sondern in puncto Bildung Cem Özdemir von den „Grünen“:

Doch an der Bildungsungerechtigkeit hat sich fast zehn Jahre nach der ersten PISA-Studie immer noch nicht viel geändert. Die soziale Lage in manchen Milieus und Situation in problematischen Stadtteilen sind ein Auftrag an die Politik, endlich unser Bildungssystem, radikal zu stärken – und zwar angefangen bei den Kleinsten bis hin zu den Hochschulen. Wenn wir das nicht tun, wird dieses Land an die Wand fahren.

An dieser Stelle können zunächst weder Fragen der Staatsfinanzen noch der demografischen Entwicklung im Detail erläutert werden. In der Gesamttendenz sprechen sie wohl gegen Hoffnungen, dass hier im Vergleich zur jüngeren Vergangenheit deutliche Erhöhungen von staatlichen Ausgaben möglich sind, was auch diese bildungspolitische Devise in ihrer Machbarkeit zweifelhaft werden lässt. Eine selten ausgesprochene Konsequenz lautet: Zur Erziehung von für die jeweilige Gesellschaft schließlich ‚produktiven‘ Kindern unfähige Eltern, ob Migranten oder nicht, können nicht großflächig und auf Dauer durch das Bildungssystem substituiert werden (Diskussionspunkte: Bildungsniveau, Freizeitverhalten, Wertevorstellungen, Geschlechterrollen, Aufgabenteilung). Bei den letztgenannten Punkten trifft das (Privat‑)Fernsehen aufgrund seiner Diskursmacht von mittlerweile 70% Marktanteil eine eminente Verantwortung. Die Rolle der Medienkritik wie auch sog. staatlicher „Medienwächter“ in der Entwicklung der vergangenen drei Jahrzehnte scheint sich diesbezüglich als beschämend und weitgehend korrupt herauszustellen. Frage, auch an Cem Özdemir: Wie könnte man ein „Bildungssystem“ unter Beibehaltung der jetzigen Kultur des Privatfernsehens „radikal […] stärken“? Würden RTL & Co. lehrreiche Dokumentationen senden, wären sie nicht mehr sie selbst. Würden Kinder entgegen ihrer Gewohnheit Hausarbeiten machen und dabei den Fernseher abstellen, bräuchte man nicht von frühmorgens an ein TV-Programm, das auf sie ausgerichtet ist.

Dem Bundesministerium für Bildung und Forschung gelingt in seinem Referat der OECD-Veröffentlichung „Bildung auf einen Blick“ (2006) eine im Zusammenhang der Bevölkerungsentwicklung symptomatische pseudo-argumentationslogische Maßnahme. Zu Anfang des Papiers geht es um „die Entwicklung der Schüler- und Schülerinnenzahl im Primar- und Sekundarbereich I“ 2005-2015:

Für Deutschland ist mit einer Verringerung um 14 % zu rechnen. Dies ist weit mehr als im OECD-Schnitt erwartet wird (‑6 %). Noch deutlich höhere Rückgänge werden jedoch insbesondere für Polen (‑19 %), die Slowakische Republik (‑21 %) und Korea (-29 %) prognostiziert.

Das steht auf S. 2. Auf S. 7 ist man jedoch schon wieder guter Hoffnung, indem man offenkundig in von Wunschdenken geleitete Ankündigungsrhetorik verfällt:

Eine hoch entwickelte Dienstleistungsgesellschaft, deren Wachstum zunehmend von der Ressource Wissen abhängt, ist auf einen wachsenden Anteil hoch qualifizierter Fachleute angewiesen. Hohe Studienanfängerquoten und eine hohe Bildungsbeteiligung im Tertiärbereich tragen dazu bei, die Entwicklung und den Erhalt einer hoch qualifizierten (Erwerbs‑)Bevölkerung sicherzustellen.

Es gibt also in Deutschland, wie auch in anderen Ländern, aus denen potenziell Zuwanderung zu erwarten wäre, zurückgehende Schülerzahlen aufgrund des demografischen Wandels. Die später anschließende Formulierung eines erwünschten „wachsenden Anteils hoch qualifizierter Fachleute“ kaschiert, dass es nicht nur um einen „Anteil“, sondern auch um eine absolute Zahl im Verhältnis zu voraussehbaren Kohorten von Leistungsnehmern wie Arbeitslosen, Aufstockern und – mit rapide zunehmendem Anteil v. a. – Rentnern geht.

Die Verhackstückung von stundenlangen Nonsens-Darbietungen als RTL-„Supertalent“ – am selben Samstagabend wie Seehofers Zitat von wenigen Sekunden in den Nachrichten gesendet – kann man als die triviale Kehrseite solcher folgenschwerer Verkennungen sehen: Wo einmal die Grenze des Sinnverlustes und der Verleugnung von Wirklichkeit überschritten ist, brechen sich im höher gebildeten Segment ebenso sprachliche Kosmetik ohne nachweisbaren – und vermutlich schwindenden – Bezug („Ressource Wissen“) wie auch eine Unterhaltungskultur Bahn, in der ein Publikum von jahrelang herangezüchteten Idioten nach dem vermeintlich noch größeren Idioten schreit – und ihn von Dieter Bohlen und Redaktion geboten bekommt.

Seehofer müsste, wenn es nicht um Zuwanderer „aus anderen Kulturkreisen“ ginge, an Länder wie Polen oder die Slowakei denken. Doch von deren demografischer Entwicklung weiß er angeblich nichts, ebensowenig wie von derjenigen anderer osteuropäischer Länder, wie das „Migazin“ am 16.12.2009 berichtet:

Die neuen Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes spekulieren auf das Jahr 2014, von dem an für die 2007 beigetretenen EU-Mitgliedsstaaten Bulgarien und Rumänien die Freizügigkeit auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt gilt. Die Zuwanderung aus diesen Ländern wäre ab diesem Zeitpunkt nicht mehr reglementiert und die Grenzen wären somit offen. Mehrere Hunderttausend sind bei der aktuellen Entwicklung aber nicht zu erwarten. Denn die auswanderungswilligen Rumänen und Bulgaren sind bereits in den vergangenen Jahren in Länder wie Großbritannien, Irland und Spanien gezogen, die ihren Arbeitsmarkt für die neuen Mitgliedsstaaten frühzeitig geöffnet haben.

Und weiter hier:

Im Jahr 2030 werden in Rumänien rund 1,1 Millionen weniger Erwerbsfähige leben, was einen Verlust von rund acht Prozent gegenüber dem Jahr 2008 bedeutet. Bulgarien wird bis 2030 bereits 16 Prozent seines Arbeitskräftepotenzials verloren haben. Der demografische Wandel in Europa wird den Wettstreit um Arbeitskräfte zunehmend verschärfen – insbesondere um die qualifizierten.

Für Bayern gibt das Statistische Landesamt Prognosen ab, die eher nach der im „Migazin“ angesprochenen ‚Spekulation‘ klingen, einen vorübergehenden möglichen Trend aufzeigen und zudem eines der wohlhabenderen und damit auch für Zuwanderung attraktiveren Bundesländer beschreiben:

Ab 2011 wird auf Grund der vollständigen Arbeitnehmerfreizügigkeit nach der EU-Osterweiterung ein Anstieg der Zuwanderung erwartet, der sich vorübergehend auch auf die Bevölkerungszahl auswirkt. Voraussichtlich im Jahr 2022 wird die bayerische Bevölkerung mit rund 12,75 Millionen Personen ihr maximales Niveau erreichen und danach wieder abnehmen.

Wovor Politiker zurückscheuen und was sie beizeiten ins krasse Gegenteil verkehren, sind Problemlagen, deren Ursachen kaum oder gar nicht bekämpft werden können. Fatal ist, dass es hierzu keinen ausreichenden journalistischen Widerpart gibt, der – wie gezeigt – inhaltlich sinnlose, falsche und manipulative Verlautbarungen in ihrem Kontext verorten würde. (Andere Parteipolitiker äußern sich wiederum nur in Sentenzen, die Seehofers Aussage ins Gegenteil verkehren und ihn zugunsten anderer Ideologien diskreditieren, wie etwa hier in einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ von Daniel Brössler nachzulesen.) Das, was zu sagen und zu tun wäre, kollidiert in der gegenwärtigen Kultur mit falsch verstandener political correctness sowie zerstörerischen ökonomischen und politischen Einzelinteressen, die z. B. Rechte und Pflichten von Migranten oder die Ursachen von Kinderlosigkeit und Bildungsarmut betreffen.

Sarrazins Feinde – Hart aber verirrt


Samstag, 4. September 2010, 1:43 Uhr. Autor:

Im letzten Eintrag ging es um die Thesen von Thilo Sarrazin und deren Diskussion bei „Beckmann“. Ebenfalls in der ARD folgte zwei Tage später am 01.09.2010 „Hart aber fair“ mit Sarrazin. Ich hatte mich schon im Vorhinein nach dem Ergebnis des „Faktenchecks“ gefragt, den die „Hart aber fair“-Redaktion auf ihrer Website veröffentlicht. Dazu einige ergänzende Beobachtungen.

Wie immer werden dort Aussagen der Diskutanten von zwei Experten kommentiert – hier Claudia Diehl (CD) und Ines Michalowski (IM). Ich beschränke mich auf ihre Kommentare zu Sarrazin (TS).

Dieser beklagt, bei Zuwanderern aus islamisch geprägten Ländern „verstärkten sich zum Teil sogar noch nach drei Generationen die Integrationsprobleme“. CD weist auf Ergebnisse hin, denen zufolge „der soziale Hintergrund der Kinder entscheidend“ sei. Kernargument gegen TSs These ist hier:

Da zur dritten Einwanderer-Generation fast nur Nachkommen der gering qualifizierten Gastarbeiter gehören, zur ersten Generation aber auch jüngst zugewanderte höher qualifizierte Zuwanderer etwa aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, steht die dritte Generation bei diesen Vergleichen manchmal etwas schlechter da als die erste.

Versucht man, sich selbst noch einmal Informationen zum Thema zu ergooglen, findet man nicht leicht ausführliche Statistiken, aber etwa aus der „Zeit“ vom 18.01.2010 dies:

Die Schulleistungen vieler Einwandererkinder sind in den vergangenen Jahren zwar besser geworden, aber noch immer viel zu schlecht, vor allem die der türkischen, nur 14 Prozent von ihnen machen Abitur, ein Drittel verlässt die Schule ohne Abschluss.

Andere Quellen, die auch die „Wikipedia“ zum Thema angibt, klingen entsprechend:

Laut Studie haben 30 Prozent der Türken und Türkischstämmigen keinen Schulabschluss und nur 14 Prozent das Abitur. Auch hätten Menschen mit türkischem Migrationshintergrund den geringsten Erfolg aller Migranten im Erwerbsleben: Sie seien häufig erwerbslos, die Hausfrauenquote sei hoch, und viele seien abhängig von Sozialleistungen.

(Die Zeit, 27.01.2009)

Fast jeder zweite Türke im erwerbsfähigen Alter in Berlin ist nach Angaben des Landesarbeitsamtes arbeitslos.

(Der Tagesspiegel, 26.03.2001)

Möglicherweise sind es eben nicht nur dumpfe Ressentiments, die zur tendenziellen Sympathie für Sarrazin führen, sondern auch die Erinnerungen an anderweitige Berichterstattungen mit solchem Inhalt – über deren Gehalt man im Einzelnen natürlich immer noch einmal diskutieren kann.

IM merkt daraufhin an, es erfrage

der Mikrozensus nicht die Religionszugehörigkeit, sondern das Herkunftsland, so dass automatisch alle Personen aus einem muslimisch geprägten Land als Muslime gelten und hier unterschiedliche Länder wie etwa Bosnien, die Türkei, Indonesien, Marokko etc. zusammengefasst werden.

Ist das hier wesentlich? Eine Tabelle des Statistischen Bundesamts weist nach, dass die Zahl von Türken unter den Personen „mit Migrationshintergrund im engeren Sinne“ 2,5 Mio. betrage. Jene derer aus Bosnien beträgt gerade 275.000, Indonesien und Marokko werden nicht aufgeführt.

Dann heißt es noch bei IM:

Die Herleitung eines einfachen Kausalzusammenhangs zwischen Religionszugehörigkeit und Bildungserfolg ist darüber hinaus auch deshalb fraglich, weil neben dem Erfolgsbeispiel der Schüler mit vietnamesischen [sic] Migrationshintergrund auch Fälle wie die der Schüler mit italienischem Migrationshintergrund, die in den letzten Jahrzehnten eine teils miserable Bildungsintegration aufwiesen, gut dokumentiert sind.

In diesen Beschwichtigungsbemühungen wird wohl noch eher ein weiteres Statistiker-Heim angezündet. Nach IMs einleitender Einräumung, TS habe „zunächst einmal Recht, dass verschiedene Zuwanderergruppen unterschiedliche Integrationserfolge etwa im Bereich Bildung erzielen“, folgen also wie zitiert zwei Gegenargumente, die eigentlich keine sind: Statt Aussagen zu den nach Möglichkeit in Zahlen auszudrückenden Aspekten zu machen – ein publizistisch gefährliches Geschäft und obendrein mühsam –, werden ein nicht signifikanter Vergleich (Türken/Bosnier u. a.) sowie ein solcher angeführt, der nichts mit Muslimen zu tun hat, sondern gar noch ein anderes Negativbeispiel anführt. Die Logik besteht also darin, von der eigentlichen Frage abzulenken, in der Erwähnung eines weiteren Problems (hier eben nicht bezogen auf Religionszugehörigkeit, sondern auf Migrationsstatus) aber wiederum keinerlei eigenen Kommentar zum angesprochenen Problem als solchem abzugeben.

Zu dem von Sarrazin behaupteten „Zusammenhang zwischen dem kulturellen Hintergrund von Muslimen und weniger guten Integrationserfolgen“ bemerkt CD:

Nein, die in den USA lebenden muslimischen Einwanderer sind anders als viele in Europa lebende Muslime überwiegend als Höherqualifizierte zugewandert und spielen in der dortigen Integrationsdebatte nahezu keine Rolle.

Das mag sein und schwächt die Haltbarkeit der im Hinblick auf political correctness äußerst unglücklichen, aber deshalb umso publicityträchtigeren Festlegung TSs auf den simplen Konnex von ‚Islam = wirtschaftlicher Niedergang der deutschen Volkswirtschaft‘. Über die Situation in Deutschland sagt dies wenig und wird von zuvor zitierten Angaben aus anderen Presseorganen tendenziell widerlegt. Es geht nun einmal darum, wie die Situation welcher Migrantengruppen in Deutschland einzuschätzen und zu begründen ist – wenn es einem z. B. nicht egal ist, dass jemand Sozialleistungen in Anspruch nimmt, die andere erarbeiten, obwohl dies vielleicht nicht sein müsste.

IM reagiert mit dem Hinweis auf die „Zuwanderer“ in Westeuropa 1950-70

aus vorrangig muslimischen Ländern. Deren Integrationserfolge liegen heute im Hinblick auf Bildungs- oder Arbeitsmarktbeteiligung unter dem jeweiligen Landesdurchschnitt. Deutschland ist hier kein Einzelfall. Dass der Grund hierfür jedoch nicht in der Religion und Kultur der Zuwanderer liegt, sondern in der ursprünglichen Auswahl unqualifizierter Arbeiter und der Tatsache, dass europäische Bildungssysteme nur schwer die intergenerationelle Fortschreibung der Bildungserfolge schwächerer sozialer Schichten durchbrechen, zeigt das Beispiel der USA […].

Auch hier gilt: Disqualifizierung nicht des Hinweises auf hartnäckige Probleme bei der Integration, sondern der Begründung mit Religionszugehörigkeit, dabei aber rhetorische Ablenkung mit dem Hinweis auf die USA. Und was ist in den USA anders? IM gibt die halbe Antwort:

Deren Einwanderungspolitik sowie Arbeitsmarkt- und Wohlfahrtsstaatstruktur hat Migranten vollkommen andere Anreizmechanismen vermittelt. In den USA zählen Muslime in viel stärkerem Maß zu den gesellschaftlichen Eliten als bisher in Deutschland.

Die notwendige Ergänzung muss man sich woanders suchen, z. B. bei der „Heinrich Böll Stiftung“, die den „Grünen“ nahesteht. (Deren Spitzenpolitikerin Renate Künast äußerte sich nicht nur in der auf „Glotze fatal“ beschriebenen „Beckmann“-Sendung sehr angewidert über TS.) In einem Artikel vom 16.02.2010 heißt es auf der Website der Stiftung:

Obwohl die Wohlfahrtsgewinne durch die Zuwanderung von qualifizierten Arbeitskräften hoch sind, verzichten die meisten Einwanderungsländer in der OECD bislang auf eine gezielte Steuerung der Zuwanderung. […]

Klassische Einwanderungsländer wie Australien, Kanada und die USA steuern einen Teil der Zuwanderung nach wirtschaftlichen Kriterien. Die Steuerung der Zuwanderung hat in diesen Ländern eine lange Tradition, die bis in die 1960er Jahre zurückreicht. Idealtypisch können dabei zwei Politikansätze unterschieden werden: angebots- und nachfrageorientierte Systeme der Steuerung (vgl. z.B. Chaloff/Lemaître 2009). […]

Nach dem ersten Ölpreisschock von 1973 wurde die Gastarbeiteranwerbung durch eine restriktive Zuwanderungspolitik ersetzt, die durch einen Anwerbestopp und Rückkehrprämien versuchte den deutschen Arbeitsmarkt gegen ausländische Arbeitskräfte zu schützen.

Familienzusammenführung und humanitäre Migration wurden deshalb, neben dem Zuzug von Aussiedlern, zu den wichtigsten Kanälen der Zuwanderung in Deutschland. Im Ergebnis hat diese Politik zu starken Schwankungen der Zuwanderung mit dem Konjunkturzyklus, vor allem aber zu einer Verfestigung der Qualifikationsstruktur der ausländischen Bevölkerung in Deutschland geführt. Die Netzwerkbildung von MigrantInnen verstärkt diesen Trend. Das Qualifikationsniveau der ausländischen Bevölkerung in Deutschland ist deshalb heute deutlich geringer als im Durchschnitt der OECD Staaten (Brücker/Ringer 2008).

Kann es also sein, dass dieser positive Vergleich hinkt, weil die „klassischen Einwanderungsländer“ bessere Erfolge mit einer gezielten Auswahl der Einwanderer verbinden? Man wird sehen, welche Politiker auf welche Weise hierfür in Deutschland über die Kriterien streiten – wenn man sich denn dazu entschließt, was die Stiftung der „Grünen“ offensichtlich empfiehlt.

Nun noch zur Diskussion der Aussage TSs, „der Anteil der muslimischen Frauen im gebärfähigen Alter habe sich in sehr kurzer Zeit verdreifacht.“

CD erläutert verschiedene Berechnungsmodelle. Je nach Zeitraum sei dies „durchaus möglich“. „In jüngerer Zeit sinken die Zuzugszahlen aus der Türkei allerdings deutlich“, und die zweite Generation passe sich „in ihrem Geburtenverhalten den Einheimischen“ an. Letzteres bestätigt IM und erwähnt dann „eine Studie des Max-Planck-Instituts für Demografische Forschung“, die ergeben habe, „dass türkischstämmige Frauen der ersten und zweiten Generation eher ein drittes Kind bekommen als Frauen, die aus dem ehemaligen Jugoslawien, Griechenland, Italien oder Spanien stammen.“ Dann gibt sie zu bedenken:

Mit Blick auf Thilo Sarrazins Bevölkerungshochrechnungen für die nächsten 120 Jahre und die Prognose eines starken Anstiegs des Anteils von Personen mit Migrationshintergrund stellt sich jedoch eine viel grundlegendere Frage: Werden die Urgroßenkel der in den 1950er und 1960er Jahren eingewanderten Gastarbeiter in 20, 50 oder 100 Jahren überhaupt noch als Personen “mit Migrationshintergrund” wahrgenommen?

Die Frage ist, ob das die Frage ist. CD und IM suggerieren u. a., dass es im Prognosezeitraum von Jahrzehnten immer mehr Migrantinnen gebe, die in zweiter oder dritter Generation in Deutschland leben, während solche in erster Generation an Zahl abnähmen. Die demografische Entwicklung aber besagt doch wohl, dass unter Beibehaltung der derzeitigen Geburtenraten (und von immer noch steigendem durchschnittlichem Lebensalter) kontinuierlich und eher mehr Zuwanderung als bisher erforderlich ist, um auch nur halbwegs soziale Sicherungssysteme aufrechtzuerhalten – wenn dann die Zuwanderer dieselbe Produktivität entfalten wie die bisherige und derzeitige Bevölkerung.

Zu den Quantitäten prognostiziert das Statistische Bundesamt Folgendes:

Grundsätzlich sind auch höhere Wanderungssalden denkbar, wenn es zum Beispiel mit der Einführung der Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt und dem spürbar werdenden Rückgang der jungen Menschen in Deutschland sowie der fortschreitenden Integration zu einer veränderten Einstellung zur Zuwanderung kommen sollte.

Die Gesamtzahl der per Saldo zugewanderten Personen würde sich im Zeitraum von 2006 bis 2050 bei einem Wanderungssaldo von 100 000 auf 4,4 Millionen beziehungsweise bei einem Wanderungssaldo von 200 000 auf 8,6 Millionen Menschen belaufen.

Überflüssig zu erwähnen, dass eine über mehrere Generationen in Deutschland heimische Bevölkerung bei einem möglicherweise und wahrscheinlich gleichbleibenden Durchschnitt von 1,4 Kindern pro Frau kontinuierlich absinkt.

Zu der Herkunft der künftigen Zuwanderer erwähnt das Bundesamt an der zuletzt zitierten Stelle:

Zu den Regionen, die bisher keine umfangreiche Zuwanderung nach Deutschland aufweisen, in denen aber die demografische Entwicklung zu hohem Abwanderungspotenzial führen kann, gehört Nordafrika.

Zum Bevölkerungsdruck in den näher gelegenen Nationen des europäischen Raums findet sich auch bei der – was politischen Extremismus in diesen Fragen betrifft eher unverdächtigen – Grünen-nahen „Heinrich Böll Stiftung“ noch etwas:

Von entscheidender Bedeutung für das Wanderungsgeschehen in Europa wird die Entwicklung in der Türkei sein. Das starke Bevölkerungswachstum der vergangenen Jahrzehnte (1960: 28 Millionen Einwohner, 2005: 73 Millionen) wird noch einige Jahrzehnte anhalten, wenn auch in abgeschwächter Form. Im Jahr 2050 wird das Land zwischen 90 und 100 Millionen Einwohner haben, und die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter wird bis dahin wahrscheinlich um 16 Millionen Menschen zunehmen.

Solche Zahlen scheinen für viele Kontexte des öffentlich-rechtlichen Fernsehens – von den 70% Privatsendern ganz zu schweigen – den Rahmen zu sprengen. Selbst die schriftlichen Zusatzinformationen auf der Website von „Hart aber fair“ begnügen sich mit der geschilderten recht unübersichtlichen und fragmentarischen Umgangsweise mit Thilo Sarrazins Hauptaussagen und Argumenten (wenn sie in der Debatte jenseits des Buches denn noch nennenswert Erwähnung finden). Die „taz“ bezeichnet den Autor mittlerweile als „SPD-Krawallschachtel“. Was sind dann aber Expertinnen wie Claudia Diehl und Ines Michalowski – beide wohlsituierte Soziologinnen des deutschen und internationalen Universitätsbetriebs unter einem Label wie „Migration, Integration, Transnationalisierung“? Bieten Sie hier tatsächlich Alternativen zu Erklärungsmodellen und Aussichten, die sich hinter einigen kaum inhaltsbezogenen Schlagworten aus der Sarrazin-Debatte verbergen? Welche Erfahrungen haben sie selbst konkret mit Integrationsproblemen gemacht und wie stehen diese im Verhältnis zu jenen des ehemaligen Berliner Finanzsenators, den sie kritisieren?

Die vorausgehende Sammlung von Zitaten und Kommentaren gibt Ihnen hoffentlich eine ergänzende Grundlage, um sich einzelne dieser Fragen selbst zu beantworten.

In der Hektik einer 75-Min.-Sendung werden vermeintlich sachliche Einwände gegen eine Warnung vor der ‚Abschaffung‘ einer Kultur wie der ‚deutschen‘ noch abstruser als die schon erwähnten auf der Website. Und hierfür gibt sich das Statistische Bundesamt her. Auf Bitten der Redaktion von „Hart aber fair“ führte sie Berechnungen mit einem „ähnlichen Berechnungsmodell“ wie jenem in Sarrazins Buch durch, das über einen Zeitraum von 120 Jahren und vier Generationen ab heute schließlich 71,5% Migranten aus „Nah- und Mittelost, Afrika“ und 28,5% mit Vermerk „kein oder anderer Migrationshintergrund“ voraussieht.

Das Bundesamt nimmt nun zum Vergleich Daten von 1890 und vergleicht sie mit 2010. Die Quote von ‚Migranten‘ wäre recht korrekt prognostizierbar gewesen: 8,2% statt real 8,8%. Die Gesamtzahl von Einwohnern hätte aber – so die spöttelnde Konsequenz – 253 Mio. gegenüber real ca. 82 Mio. betragen. Nun zitiert „Hart aber fair“ das Bundesamt mit den Gründen dafür, warum diese Prognose nicht eingetroffen wäre, wenn man sie 1890 gestellt hätte:

zwei Weltkriege, die Antibabypille und das Wegbrechen der traditionellen Familie

Screenshot: ARD, 01.09.2010

Allen Ernstes werden also drei wesentliche Gründe für eine immer prekärer werdende demografische Lage als suggestives Pseudo-Gegenargument aufgefahren. Und der Vergleich entbehrt – im Gegensatz zu einer sturen Fortschreibung von existierenden Trends – nun jeder Logik, nicht nur der Vorhersehbarkeit: Er führt das potenzielle Auftreten von unbekannten Einflussfaktoren auf, als sei dies prinzipiell anzunehmen.

Würde man nun – wofür zumindest einige Argumente zu finden wären – davon ausgehen, dass es in Europa in näherer Zukunft keinen verheerenden Krieg gibt, weiterhin Verhütungsmittel benutzt werden und das traditionelle Familienmodell keine Renaissance erfährt – dann müsste man zumindest andere Einflussfaktoren benennen. Dies wäre allerdings im Gegensatz zu einem nachvollziehbaren Zahlenspiel eine Spekulation mit noch unsichereren Parametern.

Die gesamte Diskussion in „Hart aber fair“ kaprizierte sich tendenziell auf einige skandalöse Elemente aus der Presse-Kampagne zu Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“. Die beschriebene redaktionelle Intervention und die Online-Nachbearbeitung erwecken zudem den Eindruck einer – leider nicht seltenen – Psychotechnik der Info-Verwirrung. Die Uni-Expertinnen Claudia Diehl und Ines Michalowski bringen wohl manchen Leser spätestens mit Ausdrücken wie „intergenerationelle Fortschreibung der Bildungserfolge“ zum Ausstieg aus der Phantomenergie. Die gezeigten Ablenkungsmanöver, Halb- und Fehlinformationen der Beiträge sind, wenn ich richtig interpretiere, ein Beispiel mehr für die tieferliegenden Gründe einer Krise, wie sie nach Auskunft der zuständigen Stellen eine ist: systematische Sabotage des Wissens einer Gesellschaft über sich selbst.

Also sprach Sarrazin


Dienstag, 31. August 2010, 11:52 Uhr. Autor:

Die Resonanz des gestern erschienenen Buchs „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin ist beispiellos: Es ist ein Thema in den Hauptnachrichten und in allen Zeitungen. Am Abend des 30.08.2010, am Tag der Buchpräsentation, sitzt der Autor in der ARD-Talkshow „Beckmann“ und stellt sich der Kritik von drei weiteren Gästen.

Zunächst – und dies wird von Sarrazin selbst angesprochen – muss die Diskussion daran leiden, dass selbst die Empfänger von Vorabexemplaren Mühe gehabt haben dürften, gut 400 Seiten rechtzeitig und gründlich zu lesen. Die Hektik des Betriebs widerspricht der Situation, um die es geht: Migrationspolitik von Jahrzehnten, Jahrzehnte währende Perspektiven einer komplexen Problemlage. Die journalistische Praxis – auch wenn sie ‚nun mal so ist‘ – gehörte eigentlich selbst in Frage gestellt: Warum wartet man nicht eine Woche ab, bis das, wovon die Rede ist, von Diskutanten und dem Publikum erst einmal zur Kenntnis zu nehmen ist?

Der Verlauf der Diskussion ist – wie in TV-Kritiken hier oder hier bemerkt – recht wirr. Sarrazin selbst wirkt von den zahlreichen Anwürfen des Rassismus in latente Panik versetzt. Die z. T. nur ergänzend in Interviews – wie in der „Welt am Sonntag“ – von ihm geäußerten inkriminierten Thesen will ich nicht noch einmal abarbeiten. Sie wirken in der Tat verkürzt bis fragwürdig; als PR-Motor funktionieren sie perfekt. Dass sie den Buchtext im Ganzen repräsentieren, ist wohl nicht der Fall.

Es würde einige Mühe kosten, die zahlreichen angerissenen und wieder fallengelassenen Themen der „Beckmann“-Sendung nachzuzeichnen. Das gehört in der Tendenz zum Charakter von Talkshows, erreicht hier aber bedenkliche Intensität. Sarrazins eigene Dikussionsbeiträge sind nicht sehr souverän, aber vom Druck der Kritiker-Phalanx arg malträtiert. Von Sprachkompetenz bei Migranten ist hier und da die Rede; der Autor selbst zerfasert z. T. in mehreren Wiederholungen des Wortes „also“ in einem Satz und gebraucht dieses so häufig wie kein anderes. (Man kann sich aber auch bei manchen hochrangigen Interessensvertretern von Migrantengruppen, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben, bezüglich ihres Sprachgebrauchs Gedanken machen. Zumindest deutet dieser darauf hin, dass man zu wenig miteinander spricht …)

Ich möchte wesentlich darauf eingehen, dass der Widerstand gegen ein Problembewusstsein, das Sarrazin allem Anschein nach befördern will, etwa von den Diskussionsteilnehmern Renate Künast und Ranga Yogeshwar mit einer selbst pauschalen Polemik gegen „Zahlen“ attackiert wird.

Auch das ist ein Problem der TV-Diskussion generell: Zahlen werden behauptet und durcheinandergeworfen; wenig kann überprüft werden, rein rhetorische Tricks wirken überzeugender als unpopuläre und schwierige Sachlagen. (Man wird sehen, was in der kommenden ARD-Sendung „Hart aber fair“ am morgigen Dienstag mit anschließendem „Faktencheck“ herauskommt.)

Was Sarrazin an statistischen Tendenzen erwähnt – und was von seinem Buch vorab vermittelt wurde – scheint jedoch selten im Einzelnen Gegenstand substanzieller Kritik zu sein. Yogeshwar beruft sich scheinsouverän auf seine eigene naturwissenschaftliche Ausbildung, um deren empirische Basis als Ausgangspunkt für politische Debatten in Zweifel zu ziehen.

Sein einziges Sachargument – das in solchen Debatten immer wieder auftaucht – entbehrt aber selbst definitiv der Grundlage: Wirft Sarrazin Integrationsprobleme bei Menschen aus islamisch geprägten Kulturen als statistisch verifizierbares Problem auf, führt Yogeshwar einmal mehr Kanada als Gegenbeispiel an. Hier seien über zwei, drei Generationen schnellere Integrationsprozesse zu beobachten. Deshalb seien mangelnde Integrationsanstrengungen in Deutschland schuld an schlechteren Schulleistungen und höherer Arbeitslosigkeit etwa von Türken.

Die Bundeszentrale für politische Bildung informiert zur Situation von Migranten in Kanada:

2. Die beiden zahlenmäßig, kulturell und politisch dominanten Gruppen des ethnischen Mosaiks sind die Anglo- und Frankokanadier. Da sie das Gebiet des heutigen Kanadas kolonisiert und den modernen kanadischen Staat gegründet haben, nennen sie sich die “Gründernationen”. Vor einem Jahrhundert stellten sie noch 90 Prozent der Bevölkerung, seither geht ihr Anteil kontinuierlich zurück. 2001 stammte noch ein gutes Drittel der Kanadier aus rein britischen, französischen oder “kanadischen” Familien, der größere Teil (54 Prozent) kommt inzwischen aus gemischten Familien.

3. Die dritte große Gruppe – die europäischen Minderheiten – wurde in zwei großen Wellen ins Land geholt: die erste an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, um bei der Besiedlung des Westens zu helfen, und die zweite kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Einwanderer wegen der boomenden Nachkriegswirtschaft gebraucht wurden. Ein knappes Drittel der Kanadier – einschließlich derjenigen aus gemischten Familien – gehört dazu; die größte Gruppe stellen die Deutschkanadier (2,7 Millionen), gefolgt von den Italienern, Ukrainern, Holländern, Polen und Norwegern.

4. Die so genannten “sichtbaren Minderheiten” (fast drei Millionen Asiaten sowie ca. eine Million Schwarze, Lateinamerikaner und Araber im Jahr 2001) haben sich erst in den vergangenen drei Jahrzehnten zu einem zahlenmäßig gewichtigen Segment entwickelt.

Eine solche Abwehr von kritischen Fragen mit Falschdarstellungen durch den WDR-Journalisten Yogeshwar dürfte mittelfristig kaum von Erfolg gekrönt sein.

Was in der „Beckmann“-Sendung fehlt – und auch dies ein strukturelles Problem von Behandlungen solcher Themen in 60-90 Min., für die die Medienlandschaft in der Masse kaum Alternativen bietet – ist u. a. eine Verknüpfung mit anderen Aspekten. Die demografische Entwicklung in Deutschland etwa findet am Abend des 30.08.2010 keine Erwähnung, obwohl sie ein Kernargument im Zusammenhang wäre: Wenn Integration ein Mechanismus in einer kontinuierlichen Entwicklung sein soll, hätte eine Kultur, in die ‚integriert‘ werden soll, selbst eine gewisse Stabilität aufzuweisen.

Dem ist aber – eins der unumstößlichen statischen Fakten – bei einer recht kontinuierlich bis perspektivisch dramatisch rückgängigen ‚einheimischen‘ Bevölkerung nicht so. „Der Spiegel“ trägt hier etwa hier einige der neueren Daten zusammen und bemerkt:

Die steigende Lebenserwartung konnte den Bevölkerungsschwund kaum bremsen. Im vergangenen Jahr verringerte sich die Zahl der Sterbefälle nur geringfügig um 0,2 Prozent auf 842.000. Die Differenz fiel also negativ aus: 2009 gab es rund 190.000 mehr Todesfälle als Geburten. Im Jahr davor war dieses Saldo mit 168.000 noch deutlich kleiner ausgefallen. […]

Als ein Hauptgrund für die Kinderarmut auf dem Kontinent gilt die immer längere Ausbildung junger Erwachsender – so sehen das zumindest die Experten des Max- Planck-Instituts für demografische Forschung. Deshalb schöben viele Paare ihren Kinderwunsch auf; viele setzten ihn dann nicht mehr um.

Positiv wirkten sich nach Ansicht der Wissenschaftler Einwanderer aus, sie bekämen mehr Kinder als die angestammte Bevölkerung Europas: In acht ausgewählten Ländern (Niederlande, Großbritannien, Portugal, Österreich, Italien, Frankreich, Spanien, Deutschland) hätten die Zuwanderinnen die Geburtenziffern zwischen 1997 und 2006 um drei bis acht Prozent gesteigert.

Entscheidende Probleme solcher Debatten sind die mangelnde Nachhaltigkeit, Differenziertheit und Kontextualisierung; übrig bleiben allzu oft nur die skandalträchtigen und dabei angreifbaren Spitzen.

Wenn bei „Beckmann“ dann ausgerechnet der Streetworker Thomas Sonnenburg, zeitweise TV-präsent mit „Die Ausreißer – Der Weg zurück“ auf dem Krawallsender RTL, als Kronzeuge für bessere Alternativen der Integration auftritt, ist dies eine weitere Kuriosität. Konkret v. a. deshalb, weil er als Beispiel ausführlicher nur vorschlägt, Migrantenkindern mit Integrationsproblemen die Selbstverwirklichung mit selbst komponierten und getexteten Rap-Songs zu ermöglichen.

Jeder kritische Fernsehzuschauer kennt derlei aus entsprechenden Magazinberichten nur zu gut. Glaubwürdig oder sinnvoll als Hilfe für Schulerfolg und Vorbereitung auf die Arbeitswelt ist dies wohl nur sehr bedingt bis gar nicht. Es wirkt eher wie eine hilflose Kapitulation vor gescheiterten Biografien und greift dabei zu Inhalten, die selbst zur Ursache für die Probleme gehören: Die Prägung vieler Jugendlicher durch nichtswürdige Medieninhalte wie die kriminalitäts- und drogengesättigte Rapkultur. Und dabei wäre man bei der Fernseh- und Medienkultur als Wirkfaktor angekommen – die ebenfalls nicht ausreichend in solche Debatten einbezogen wird, weil einige gesellschaftliche Gruppen finanziell und machtpolitisch von ihrer derzeitigen Funktionsweise allzu gut profitieren. Die Langzeitwirkungen und Folgekosten werden deshalb nur ungern kalkuliert.

Was – dies sei vorläufig als Ergänzung angemerkt – ein ebenfalls wiederkehrender Fehler der gesellschaftlichen Praxis und der begleitenden Debatte sein dürfte, ist ein falsches Verständnis von Pädagogik und Leistung. Ein Slogan wie „Fördern statt fordern“ ist den Diskussionsteilnehmern bei „Beckmann“ offensichtlich recht einseitig in Fleisch und Blut übergegangen. Was vielfach auf der Strecke bleibt, ist eine Gleichbehandlung aller gesellschaftlichen Teilnehmer im Hinblick darauf, was von ihnen erwartet werden kann – nicht nur, was sie selbst fordern dürfen.

Fernwehografische Entwicklung


Mittwoch, 14. Juli 2010, 18:15 Uhr. Autor:

„Fährt ein weißes Schiff nach Hongkong / hab ich Sehnsucht nach der Ferne / aber dann in weiter Ferne / hab ich Sehnsucht nach Zuhaus“ – das stellten nicht nur Freddy Quinn, Stephan Remmler und andere schon fest, sondern auch ein etwas breiter angelegtes Experiment namens „Goodbye Deutschland – die Auswanderer“, das VOX wöchentlich versendet. Den gestrigen Dienstag bewertet die Seite quotenmeter.de enthusiastisch:

Die zuletzt mit mäßigen Quoten programmierte Auswandererserie «Goodbye Deutschland – Die Auswanderer» erreichte durchschnittlich 1,76 Millionen Zuschauer und generierte in der wichtigen Zielgruppe fantastische 11,3 Prozent Marktanteil.

Star der Sendereihe ist derzeit Daniela Katzenberger, die mit dem Gastronomen Martin Koslik ein Café auf Mallorca eröffnet hat. Während hier mit einem blonden Klischee gepunktet wird, bedient sich das Format sonst aber aus den Meldungen von Normalbürgern, die sich auf der VOX-Website bewerben können.

Die dort auszufüllende Frage „Was sind die größten Schwierigkeiten / Herausforderungen in Bezug auf die Auswanderung?“ ist der dramaturgische Schlüssel dafür, in einer Szene wie jener vom 05.07.2010 die frisch Emigrierten in Notsituationen abfilmen zu können, etwa an der Sprechanlage einer spanischen Schule, an der die Worte der dreifachen Mutter („I’m from German“) zunächst kein Fortkommen erlauben.

In der zuletzt erwähnten Folge ist es Gran Canaria, das abschließend als Insel der Betrüger eingeordnet wird, woraufhin die deutschen Auswanderer nach Aufbrauchen ihrer finanziellen Reserven wieder nach Deutschland zurückkehren. Eine weitere Episode zeigt Deutsche in den USA, die bei der Eröffnung eines Deutsches-Schnitzel-Restaurants Schulden des Vormieters übernehmen sollen. Da sind die Probleme der Katzenberger beim Spanischlernen noch eher Makulatur.

Außerhalb der VOX-Mattscheibe öffnet sich ein etwas weiterer Blick. So veröffentlicht dieser Tage etwa die OECD ihren Migrationsbericht. Daraus extrahiert „Die Welt“ den Befund, dass in Deutschland v. a. Migrantinnen profitieren, die eingebürgert wurden und sich daraufhin verstärkt in den Arbeitsmarkt intergrieren:

Dass sich die Erwerbstätigkeit von zugewanderten Frauen deutlich positiv entwickelt, liegt vor allem am höheren Bedarf an Arbeitskräften in der Krankenpflege und bei häuslichen Dienstleistungen.

Aus dem VOX-Programm im Verein mit statistischen Wirklichkeitsbehauptungen zeichnet sich so nach und nach ein facettenreicheres Bild ab: Dem Faszinosum einer Auswanderung (zugleich der wohligen Häme über Misserfolge auf der Flucht) steht eine Sozialstruktur daheim gegenüber, in der die Verwaltung einer immer stärker vergreisenden Bevölkerung zum Wirtschaftsfaktor wird.

„Die Welt“ greift dabei zudem einen positiven unter allerlei Aspekten heraus. Die Kurzfassung des OECD-Berichts wartet noch mit anderen unliebsamen Einzelheiten auf wie:

Zuwanderer sind in konjunkturabhängigen Sektoren tendenziell überrepräsentiert, haben im Allgemeinen weniger sichere Arbeitsverträge, befinden sich öfters in befristeten Beschäftigungsverhältnissen, haben häufig eine kürzere Betriebszugehörigkeit und können Opfer selektiver Entlassungen werden.

Arbeitswelten werden – ob bei Deutschen im Ausland oder Zuwanderern in Deutschland – wie so oft in der privatisierten TV-Sicht sehr selektiv dargestellt. Neben öffentlich-rechtlichen Interventionen nach Art von Günter Wallraff stehen hier mit quotenträchtigerer Vehemenz etwa die übersichtlichen Verhältnisse der Gastronomie – nicht etwa die Arbeitsplätze in industriellen Fertigungsanlagen oder auch die Altenpflege.

„Goodbye Deutschland“ vom 05.07.2010 verabreicht den VOX-Zuschauern einen Mix aus Strandsonne, Wohnungsbaubrache, Küchenrenovierung und Speisekartenstyling, garniert mit dem neuesten It-Girl. Als Zielgruppe scheinen – abseits anderer, vermeintlich sachlicherer Kriterien – Menschen zu figurieren, die irgendwie weg wollen, gerne Essen gehen würden (es aber vielleicht nicht bezahlen können) und – vielleicht – auf der Suche nach einem Arbeitsplatz in dem greifbaren Milieu der Essenszubereitung noch etwas Hoffnungsvolles, Vertrautes erkennen, das über Arbeitslosigkeit, Leiharbeit oder entfremdete Arbeit vielleicht ein paar Momente hinweghilft.