Mit ‘Bertelsmann’ getaggte Artikel

Jauchbuch Kapitaschwatzmus


Montag, 31. Oktober 2011, 20:19 Uhr. Autor:

Wir haben uns bisher zum Thema ‚Günther Jauch als Talkshow-Moderator‘ zurückgehalten, nachdem wir im Buch „Glotze fatal“ die äußerst suspekten psychologischen und metaphorischen Techniken seines Quiz-Dauerbrenners „Wer wird Millionär?“ beleuchteten – und deshalb von vornherein wenig Vertrauen darin hatten, dass hier eine Niveausteigerung politischen Journalismus im Ersatzparlament der sonntagabendlichen Sendung stattfinden würde.

Nach den ersten Sendungen haben sich nicht alle Befürchtungen bestätigt, aber zumal beim Auftritt der Kanzlerin Angela Merkel waren auch andere Kritiker mit ihrem Lob am Ende (Schwiegersohn trifft “Mutti”).

Am 31.10.2011 lud „Günther Jauch“ seine Gäste zum Thema „Die Banken an die Leine! – Wie bekommen wir die Finanzmärkte in den Griff?“ Fundamentalkritik ist von Seiten eines Moderators nicht zu erwarten, der als Medienunternehmer Millionenbeträge bewegt. Dass er in dieser Sendung die Chuzpe besaß, sogar wiederholt nachzufragen, wenn es um die Luftbuchungen von spekulativen Nahrungsmittelpreisen ging, ist vor diesem Hintergrund fast schon beachtlich. Es gehe dabei, so Jauch, z. B. um „die zehnfache Summe des überhaupt vorhandenen Maises“ – das habe er sich „sagen lassen“. Bei einem Minutenverdienst von 4500 Euro kann man sich allerdings auch in seinem Fall fragen, ob da einer eine Meise hat … So referiert weiter der „stern“ vom 14.07.2010 die „Bild“-Zeitung:

Er und seine 2000 gegründete Produktionsfirma sollten 10,5 Millionen Euro pro Staffel mit 39 Sendungen erhalten, meldet die Zeitung. Das seien 41 Prozent mehr, als bisher bei Vorgängerin Will angefallen seien.

Derartige Meldungen sind jedoch kein Grund für Sympathie-Einbußen. Die Wiedergabe solcher Informationen durch die „Bild“ scheint vielmehr zu jenem Märchen-Programm zu gehören, das in anderen Sendungen den unerschwinglichen Luxus zum Schauwert macht; hier ist es der Moderator, der mit überhöhten Gehaltsforderungen keine Empörung beim Gebührenzahler, sondern scheinbar noch Bewunderung erregt. Leider kommt dies auch Nicht-Fans überteuert zu stehen.

Doch zurück zum Thema der Sendung: die fortgesetzte Finanzkrise. Ein Skandalon der aktuellen Berichterstattung, das sich hier wiederholt, ist die gespielte Ahnungslosigkeit derer, die es besser wissen sollten. Wenn ein Spitzen-Moderator sich erst „sagen lassen“ müsste, was seit vielen Jahren die Finanzbranche bestimmt, in der er auch persönlich seine Anlageberater agieren lassen dürfte, wäre dies ein geistiges Armutszeugnis. Vermutlich verwendet er aber eine solche Formulierung auch deshalb, weil er sich mit weniger informierten Zuschauern solidarisieren will, die ihn nicht als überheblichen Spezialisten wahrnehmen sollen. Dies ist leider aber auch ein Grund, warum es hier und an vergleichbarer Stelle unnötig unpräzise und verwirrend bleibt. Und es fragt sich, ob dies nicht Absicht ist.

In diesem Kontext alberne Suggestionen wie ‚Ich habe das gerade erst erfahren müssen, das ist ja unglaublich!‘ sind durchaus erwähnenswert, weil sie zum Gesamtprogramm jener Kaste gehört, in der Jauch lebt. Eine ihrer wesentlichen Taktiken besteht darin, unverhältnismäßige Gewinne zu machen und sich dann aus der Verantwortung zu stehlen. So konnte es Sahra Wagenknecht (Die Linke) in dieser Talkshow auch nur in den von ihr seit langem vertretenen Kernsätzen vorbringen.

Dabei hat Wagenknecht etwa in „Wahnsinn mit Methode“ (2008) eine präzise Schilderung über 250 Buchseiten geliefert, was heute jeder CDU-Abgeordnete als Wahnsinn bezeichnet – nachdem Karl-Theodor zu Guttenberg für diese Partei 2009 noch mit dem Wahlslogan „Wirtschaft mit Vernunft“ werben durfte. Nun hat er sich in die USA zu denjenigen zurückgezogen, die aller Wahrscheinlichkeit nach zu den Drahtziehern der Krisen gehören (siehe diesen Beitrag von Jürgen Elsässer).

Und damit wären wir wieder beim Skandalon: Sahra Wagenknecht informierte ihre Wähler schon seit Jahren über jene systemischen Bedingungen, die nun alle beklagen. Und das „Schwarzbuch Kapitalismus“ von Robert Kurz, 1999 erschienen, erreichte Bestseller-Auflagen. Darin finden sich Aussagen wie folgende:

Die globale Schuldenkrise auf allen Ebenen kann vorerst „weggesteckt“ und weiter umgeschuldet werden, weil sie von der größten spekulativen Blase aller Zeiten an den Aktienmärkten überlagert wird. Das ist die zweite Phase der Krise seit Mitte der 80er Jahre, die bis heute anhält. [...]
Weil das Sicherheitsventil der Dollar-Goldkonvertibilität längst vorher entfernt wurde und die neoliberale „Deregulierung“ auch der Finanzmärkte die letzten Hemmungen beseitigt hat, kann die Blase so unglaublich groß und über so lange Zeit hinweg aufgeblasen werden. Umso verheerender muß allerdings der Knall sein, mit dem sie irgendwann platzen wird.
(S. 852/855)

Statt überhaupt nur darauf hinzuweisen, dass sich derzeit die schwärzesten Kapitalismuskritiken wie jene von Kurz und Wagenknecht bestätigen, die in Varianten auch schon früher als 1999 formuliert wurden, arbeitet eine Sendung wie „Günther Jauch“ an jenem falschen Bewusstsein, seit 2008 träten plötzlich Krisensituationen auf, denen man nun mit Maßnahmen im Rahmen der bestehenden Ordnung begegnen könne.

Die Voraussage sei an dieser Stelle gewagt – und sie beruht, siehe Kurz, Wagenknecht und andere – nicht auf meinem eigenen Prophetentum: Das Gejammer, Gekeife und Kontroll-Gerede auf der politischen Szene wird noch eine Weile weitergehen; die ‚Krise‘ beenden oder nachhaltig mildern wird es nicht.

Was die bisher existierende Ordnung – und vielleicht selbst Politiker, wenn sie ihre eigene Rolle nicht durchschauen – sich nicht eingestehen will, ist ihr vorläufiges Scheitern und prinzipiell voraussehbares Ende. Dies lässt sich relativ einfach begründen: Deutschlands Staatsverschuldung beträgt derzeit 2 Billionen Euro. Nach Griechenland stehen schon die nächsten Kandidaten bereit, die EU-Rettungsschirme und Zahlungen besser gestellter EU-Mitglieder in noch zu bestimmender Höhe erhalten müssen, damit der Euro als Währung erhalten werden kann. Dass Zusagen über nennenswerte Einsparungen bei den Hochverschuldeten eingehalten werden, ist sehr fraglich; es wäre historisch neu. Und die deutsche Bevölkerung altert und schrumpft, wie dieser Tage in der aktuellen offiziellen Bevölkerungsprognose vorausgesagt wird:

Die Zahl der Gestorbenen übersteigt die Zahl der Geborenen immer mehr. Das dadurch rasant wachsende Geburtendefizit kann nicht von der Nettozuwanderung kompensiert werden. Die Bevölkerungszahl in Deutschland, die bereits seit 2003 rückläufig ist, wird demzufolge weiter abnehmen. Bei der Fortsetzung der aktuellen demografischen Entwicklung wird die Einwohnerzahl von circa 82 Millionen am Ende des Jahres 2008 auf etwa 65 (Untergrenze der „mittleren“ Bevölkerung) beziehungsweise 70 Millionen (Obergrenze der „mittleren“ Bevölkerung) im Jahr 2060 abnehmen.
Das Altern der heute stark besetzten mittleren Jahrgänge führt zu gravierenden Verschiebungen in der Altersstruktur. Im Ausgangsjahr 2008 bestand die Bevölkerung zu 19% aus Kindern und jungen Menschen unter 20 Jahren, zu 61% aus 20- bis unter 65-Jährigen und zu 20% aus 65-Jährigen und Älteren. Im Jahr 2060 wird bereits jeder Dritte (34%) mindestens 65 Lebensjahre durchlebt haben und es werden doppelt so viele 70-Jährige leben, wie Kinder geboren werden.

Man kann also eine Diskussion wie jene bei „Günther Jauch“ stark unterkomplex nennen: Voraussetzung eines Gesprächs darüber, wie mit der Finanzbranche zu verfahren sei, sind auch und gerade solche Rahmendaten. Weil sie vor derzeit unlösbare Probleme stellen, werden sie einfach nicht besprochen – zugunsten eines faulen Friedens, der irgendwann in Elend und Chaos führen wird, wenn mit Werbe- und Gebührengeldern verwöhnte Seichtgewichte wie Jauch am Ruder bleiben.

Ob die Konstruktion der Europäischen Union anderen Maßgaben folgte als den Interessen derjenigen, die an ihr Teil haben, muss an anderer Stelle erörtert werden. Jedenfalls funktionieren bisher ihre Stabilitäts- und Kontrollmechanismen nicht, und diejenigen, die davon profitieren, werden mit aller Kraft daran arbeiten, dass dies auch so bleibt. Selbst die IWF-Direktorin Christine Lagarde bekundet in „Inside Job“ (USA 2010, R: Charles Ferguson), dass sie erst 2008 den Ernst der Lage auf den Finanzmärkten erkannt habe. Wenn sie also nicht schlecht informiert ist, wessen Interessen vertritt sie dann? Oder in wessen Interesse ist es, dass Menschen an der Macht sind, die etwa als Finanzminister (Lagarde, ähnlich Wolfgang Schäuble) systemische Risiken erklärtermaßen Jahrzehnte nach kritischen Wirtschaftstheoretikern (Kurz) realisieren?

Screenshot: ARD, 30.10.2011

Bei „Günther Jauch“ sollte „Ex-Investmentbanker“ Wieslaw Jurczenko u. a. mit einer Flipchart-Zeichnung die Einsicht in die Praktiken des „Credit Default Swaps“ erhellen. In der erwähnten Dokumentation „Inside Job“ gelingt dies mit Grafiken sehr anschaulich. Bei Jauch und Jurczenko entsteht nur eine wirre Strichzeichnung, die den Zusammenhang der Versicherung von Kreditausfällen (erste Abstraktionsstufe) zu den vielfältigen weiteren Formen der Kreditumschichtung und -verbriefung erst gar nicht plausibel macht; es gebe sie halt, und Jurzcenko rät, diesen unübersichtlichen Handel einfach zu verbieten.

Das wird aller Voraussicht nach zunächst nur sehr eingeschränkt geschehen und wirkungsarm bleiben. Doch noch einmal zurück zum Thema demografische Entwicklung: Der Anspruch, mit immer weniger Menschen, und darunter immer mehr hilfsbedürftigen Älteren die Schulden einer größeren Zahl von Leistungsnehmern sowie Besser- bis Großverdienenden der vergangenen 2-3 Jahrzehnte bezahlen zu wollen, sollte von Finanzpolitikern erst einmal in einer Modellrechnung begründet werden. Gelingt dies nicht, ist ein Schuldenschnitt für Deutschland unausweichlich. Die Frage ist dann nur noch, wessen Barvermögen auf dem Kontoauszug gelöscht wird.

Michael Grandt rechnet, wie in seinem Buch „Der Staatsbankrott kommt“ (2010), hier im Interview vor, dass die benötigten Summen für einen Schuldenabbau nur mit einem Wirtschaftswachstum zu erreichen wäre, das derzeit für Deutschland vollkommen illusorisch ist, …

YouTube Preview Image

… Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson erklärt im „Handelsblatt“ (11.05.2010):

Griechenland wird irgendwann pleitegehen. Portugal und Spanien könnten sich anstecken. Europa kann nicht alle diese Staaten retten. Es sieht also düster aus für den Euro. […]
Wenn man durch Wachstum nicht aus diesem Dilemma herauskommen kann, gibt es nur drei Möglichkeiten: entweder Inflation oder eine Staatspleite oder ein Bail-out.

… und auch „Die Welt“ vom 29.10.2011 erkennt:

Ein weiterer gravierender Fehler der EZB war es, den Glauben an den schuldenfinanzierten Wohlfahrtsstaat aufrechtzuerhalten. Eine Absage an den Wohlfahrtsstaat ist eine Aufgabe, die die Politiker per Definition nicht übernehmen können. [...]
Das bedeutet für Deutschland drastische Ausgabenschnitte und die Zurückführung des Wohlfahrtsstaates und des öffentlichen Dienstes auf ein zivilisiertes Niveau. Diese schmerzhafte Debatte wird nicht geführt, sondern nur, wie man mit mehr Geld mehr „hebelt“.

Statt uns mit Tinnef abzugeben, sollten wir also dringend ausgehend von solchen Aussagen Debatten führen. Das dauert allerdings länger als 60 Minuten, und deshalb werden wir auch im Zeitbudget von TV-Konsumenten einiges aussortieren müssen, wenn wir nicht gemeinsam untergehen wollen.

Wir werden sehen, ob während der oder im Anschluss an diese notwendigen Transformationen auch die Bläh-Diskurse von TV-Serien, der schlecht geklonten Buchkultur und der aktuellen Kulturwissenschaften auf den Prüfstand kommen, die strukturell aus den erwähnten korrumpierten Wirtschaftsweisen abgeleitet sind. Das zeigt etwa die Beschäftigung mit Filmen von Billy Wilder, der immerhin schon 1981 seinen Dienst quittierte. „Nobody’s perfect“, die letzte Dialogzeile aus „Some Like It Hot“ (USA 1959), könnte wortspielerisch auch das Motto der herrschenden Finanz-Institutionen sein: Niemand will’s gewesen sein, und von den Momenten, in denen wir die entscheidenden Fehler hätte vermeiden können, sprechen wir, wie stets der Film, nurmehr in der Vergangenheitsform. Wer sich unsichtbar macht, wer anderen leere Zeichen als Wert und Vergangenheit als Gegenwart vorgaukelt, dem sollten wir unsere Dienstbarkeit entziehen.

„Unter uns“ gesagt: schizo


Mittwoch, 16. Februar 2011, 18:37 Uhr. Autor:

Wir schreiben die Folge 4031 nach Beginn der RTL-Daily-Soap „Unter uns“ (R: Friedhelm von Aprath). Michelle ‚Micki‘ Fink (Joy Lee Juana Abiola) liegt leicht erkältet mit Tobias Lassner (Patrick Müller) auf dem Sofa und bespricht mit ihm eine intrigante Welt unter zahlreichen intriganten Dauerserien-Welten:

YouTube Preview Image

Tobias: „Du hast wohl zuviele Gerichtsshows gesehen!?“
Micki: „Jetzt bleib doch mal ernst. Die Wagner bohrt sofort nach, wenn du und Herr Jäger euch nur in einem winzigen Detail widersprecht. Und dann zerreißt sie eure komisch zusammengezimmerte Aussage in der Luft. Glaub mir – gegen die Wagner müsst ihr euch mehr einfallen lassen. Und das schafft ihr nur zusammen.“
Tobias: „Ich weiß nicht.“
Micki: „Aber ich für dich mit. Herr Jäger hasst die Wagner. Und er wird alles dafür tun, um sie fertig zu machen. Und du kennst ihre Methoden. Ihr seid also die perfekte Anti-Eva-Einheit.“

Neben den Bäumchen-wechsle-Dich-Spielchen im Figurenarsenal sind Verschwörung und Gegenverschwörung – im Rahmen von meist amourösen, finanziellen und mehr oder minder kriminellen Transaktionen – einer der inhaltlichen Standards, die hier bedient werden. (Ein Kapitel im Buch „Glotze fatal“ fasst diese Standards anhand von Beispielen zusammen.)

Die paranoide Welt, die ein solches Drehbuch konstruiert, teilt die Menschheit – je nach den Figuren, deren Perspektive wir gerade einnehmen – in böswillige Gegner und diejenigen ein, die sich durch Mittel der Verstellung ihrer Haut erwehren und mit mehr oder minder loyalen Partnern solidarisieren.

Dies ist vielleicht weltgeschichtlich gar nicht einmal unrealistisch. Als Schilderung einer privaten Lebenswelt wird es im Dauermodus zur Karikatur von Charakteren und Beziehungen. Medienpädagogik, die auf das eingeht, was Medienkonzerne einem jüngeren Publikum zuführen, hätte stets nach prägenden Wirkungen solcher Inhalte zu fragen – und inwiefern sie gesellschaftlich akzeptierbar sind. Gier, Selbstsucht, Reichtum, Unehrlichkeit, Geilheit, Untreue, Verlassen und Verlassenwerden sind Konstanten dieser Ideologie. Inwiefern diese gesellschaftliche Realität abbildet oder selbst prägt, müsste Gegenstand von Medienpolitik sein, die diesen Namen verdiente.

Nach der programmpolitischen Selbstreferenz („Gerichtsshows“) geht der zitierte Dialog zur erwähnten Kategorie der Erzfeindschaft über. Dabei wird der Figur der Eva Wagner (Claudelle Deckert) eine Gründlichkeit unterstellt, die man etwa im ‚kritischen Journalismus‘ mehr und mehr vergeblich sucht: Sie „bohrt sofort nach“, wenn sie Widersprüche bemerkt. Bei einer Zeitung wie der „Frankfurter Allgemeinen“ ist dies etwa im Fall eines im Produktionskontext nicht nur für „Unter uns“ Mitverantwortlichen wie dem „Grundy UFA“-Chef Wolf Bauer nicht gegeben. Einer der vorigen Blog-Einträge hier diskutiert Argumente und Rhetorik eines FAZ-Beitrags von Bauer, an dem zeigbar ist, wie Mit-Produzenten endlosen Flachsinns, sind sie einmal zur Selbstäußerung aufgerufen, in rührselige, wenn auch kaum realitätsbezogene und vorgeschoben wirkende Selbstkritik mit abstraktem Anspruch auf Weltverbesserung verfallen. In der Wirklichkeit „bohrt“ an solchen Stellen selten jemand nach, der von Mainstream-Medien bezahlt (und also überhaupt) bezahlt wird.

Die „komisch zusammengezimmerte Aussage“ ist eine weitere süße Selbstreferenz. Das Tagesgeschäft zeitschindender Billigproduktionen besteht in solchem ‚Zusammenzimmern‘ (abgesehen davon, dass hier fast ausschließlich irgendwelche nach Versandkatalogen und/oder Sponsoreninteressen ausstaffierte ‚Zimmer‘ abgebildet werden und nur wenige offene Räume). Hochmut spricht aus einer solchen Referenz nicht; Sarkasmus und Zynismus sehr wohl. Einem Schreiner, der so von seinen Angeboten spräche, würde man keinen Tisch abkaufen. Bei geistigen Gütern scheint es zunehmend eine Voraussetzung für Erfolg zu sein. Fast alleinentscheidend sind Marketing, sexualisierte Körper und Sendeplatz. Für alles andere ist neben Tausender solcher Serienfolgen dann kein Platz mehr – eine Kultivierung geistiger Ödnis und Wirklichkeitsverleugnung mit impliziter Selbstkasteiung.

Die letzte inhaltliche Einheit des Dialogzitats ist Mickis Appell an eine strategische Allianz mit dem Hinweis auf eine Art Geheimwissen. Die Wagner hat ihre „Methoden“, und Tobias kennt sie. Was in der Mainstream-Presse fast nie vorkommt – Reflexion und Debatten über das, was über soviele Stunden hier den „Medieninhalt“ bildet – sind eine Voraussetzung für die aktive Konstruktion solcher Sprachformen (Seriendrehbuch genannt). Die Anwendung dieses Wissens wird innerhalb der Handlung als bedrohlich und obskur charakterisiert: „zerreißt […] in der Luft“, „ihre Methoden“. Hiergegen hilft nur ein erfolgversprechendes Bündnis: „die perfekte Anti-Eva-Einheit“.

Man könnte soweit gehen, in dem Namen „Eva“ einen weiterreichenden Hinweis auf das Filmemachen zu sehen. Einer der prägenden deutschen Regisseure des späten letzten Jahrhunderts war bekanntermaßen Rainer Werner Fassbinder, dessen Initialen „RWF“ in Radu Gabreas biografischem Spielfilm zu „Ein Mann wie EVA“ (D 1984) wurden. Die Titelrolle darin spielt Eva Mattes, die in der Gegenwart wiederum in der High-End-Serie des ARD-Sonntagabends, dem „Tatort“, seit 2000 die „Klara Blum“ gibt.

Oft wiederkehrend in der Film- und Fernsehgeschichte ist die verworrene und chiastische logische Struktur: Selbstreferenziell werden Handlungsmodelle und deren moralische Bewertungen (aus Sicht der Macher: versteckte Selbstkritik) auf die Handlungsebene des Films projiziert. Die ‚Träger‘ dieser Bedeutungen, die auf das Filmemachen und ‑sehen verweisen, wechseln jedoch hin und her: Die „komisch zusammengezimmerte Aussage“ ist ebenso Metapher des Drehbuchs (das ‚in der Luft zerrissen‘ werden kann) wie die „Methoden“ derjenigen, die diese Aussage zu entlarven im Stande sind („die perfekte Anti-Eva-Einheit“).

Eine solche Selbstentlarvung kennen wir aus der Filmgeschichte nicht erst seit „The Wizard of Oz“ (USA 1939), dessen charakteristischen Namen die Bildsprache der „Unter uns“-Folge in einer Lampe versteckt – als um 90° gedrehtes Wort in der englischen Bezeichnung für „Auf Sendung“, „ON AIR“:

Screenshot: RTL, 10.02.2011

Dies ist der andauernde Status von Aufklärung in modernen Massenmedien: Sie ist in ihrem Gegenteil und im tendenziellen Nonsens verpackt. Und in ihrem Weltbezug, ihrem realistischen Sinn sind solche Erzählungen und Dialoge von permanenten Perspektivwechseln und Selbstironien geprägt. Ein hoher Prozentsatz von Bedeutungsgehalt verweist nur auf das Produkt selbst, nicht auf etwaige Wirklichkeiten. Und dabei werden Denkstrukturen auf Selbstwidersprüchlichkeit und Ambiguität getrimmt – in der Psychologie als double bind benannt und „eine kommunikationstheoretische Vorstellung zur Entstehung schizophrener Erkrankungen“.

Wolf Bauer wird sich unheimlich


Freitag, 28. Januar 2011, 1:46 Uhr. Autor:

Unter der Überschrift „Die unheimlichen Erzieher“ nimmt am 27.01.2011 auf „faz.net“ Wolf Bauer als Film- und TV-Produzent Stellung zur gesellschaftlichen Verantwortung seiner Zunft. Das ist streckenweise rhetorisch so geschickt, dass die Leser eine lebendige kritische Öffentlichkeit heraufdämmern sehen mögen, in der Massenmedien zum Bestandteil einer hehren Kommunikationsutopie würden:

Wir müssen genau wissen, was Fernsehen und andere Medien bewirken, was sie anrichten können. Wir sollten uns damit in der Aus- und Fortbildung intensiver als bisher beschäftigen. Wir müssen uns der Diskussion mit der kritischen Öffentlichkeit stellen.

Wer sich mit dem Thema ‚Medienkritik‘ vor dem Lesen eines solchen Artikels schon einmal auseinandergesetzt hat, weiß allerdings: Im Jahre 2011, fast 75 Jahre nach der ersten TV-Ausstrahlung in Deutschland, existiert eine solche Diskussionskultur nur in bestimmten Formen. Die Fan-Kulturen des Internets mit ihren Hommagen und Foren sind die mächtigste Variante. Eine Google-Suche nach Begriffen wie „Medienkritik Verein“ fördert seit Jahren eine einzige Schweizer Initiative zu Tage, die seitdem den Niedergang des Qualitätsjournalismus beklagt. Über Jugendschutz wird v. a. in der ein Jahrhundert währenden Mediengewalt-Debatte in Podiumsveranstaltungen räsonniert. Die überwiegende Zahl von Diskussionen findet unter Fachleuten, in der wissenschaftlichen Welt statt. Eine „kritische Öffentlichkeit“ gibt es als organisiertes öffentliches Gespräch von Medienkonsumenten, ergo wirklich Betroffenen, an keinem (medial, d. h. etwa über Internet-Recherchen erkennbaren) Ort in nennenswert nachhaltiger Weise.

Zu Wolf Bauers Argumentation sei Folgendes bemerkt: Seine wichtigste – und fragwürdige – Strategie ist es, zwei Segmente der TV-Kultur unterschiedslos zu behandeln. Selbst sehr diskussionswürdige High-End-Produkte wie die Serie „24“ oder – bildungsbürgerlicher – Historiendramen wie „Die Gustloff“ (D 2008) oder gar „Holocaust“ (USA 1978) wirft Bauer in einen Topf mit Soap Operas, von denen er – in zwei Sätzen ohne Konkretisierungen – dann zu berichten weiß, in Brasilien hätten „sie dazu beigetragen, das Rollenverständnis der Frau grundlegend zu verändern“.

Auf „filmdenken.de“ wurde vielfach dokumentiert und diskutiert, was Serien wie „24“ oder andere TV-Erfolge ausmacht, außer Erfolge, ‚spannende Erzählungen‘ und ‚Qualitätsprodukte‘ zu sein: Bei Interesse kann man z. B. hier, hier oder hier nachlesen. Was anderes ist mit „kritischer Öffentlichkeit“ gemeint, wenn wir nicht in einem größeren Publikum allem Anschein nach eher unvertraute Sprachgeflechte abdriften wollen? Und die dann längst keine derzeitige „Öffentlichkeit“ mehr sind?

Und was möchte Wolf Bauer also verteidigen, reparieren, verbessern? Die FAZ-Kurzbiografie formuliert, er habe „mehr als achtzig Fernsehfilme, Serien und Kinostücke erstellt“, die Bildunterschrift weist ihn als „Vorsitzenden der Ufa-Geschäftsführung“ aus. Er ist – selbst als Spitzenmann der Branche in einer hoffentlich „kritischen Öffentlichkeit“ bis dato ohne „Wikipedia“-Eintrag – Vorstandsvorsitzender der UFA. Im TV-Kontext ist innerhalb dieses zum Bertelsmann-Konzern gehörenden Unternehmens die Grundy UFA TV Produktions GmbH maßgeblich. Deren „Wikipedia“-Eintrag versammelt die Endlos-Serien aus der UFA-Produktion, am aktuellsten (immer noch) „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“, „Unter uns“ (RTL) und „Verbotene Liebe“ (ARD), diese drei allein seit 1992 mit derzeit ca. 12.200 Folgen.

Zu den Produktionsbedingungen heißt es in demselben Eintrag:

Mehr als 750 Stunden fiktionales Programm produziert das Unternehmen im Jahr. Auf Grund eines speziell an die industrielle Fernsehproduktion angepassten Systems kann das Unternehmen bis zu 42 Minuten sendefähiges Material pro Tag herstellen. In der Spielfilmproduktion werden maximal acht Minuten am Tag produziert.

Diese zeitliche Differenz ist einer der Hauptgründe, warum „TV-Unterhaltung“ nicht „TV-Unterhaltung“ ist. Dies nicht einmal anzudeuten, ist eminenter Teil eines Problems (auf das der Artikel ja selbst offenkundig reagiert). Das Fernsehen ist eine Job-Maschine in einer von Arbeitslosigkeit geplagten Kultur, und es macht – zumindest den Statistiken folgend – Zuschauer zu Arbeitern, die fließbandmäßig zunehmend Mittelmäßiges bis Erbärmliches konsumieren, weil es ihnen vorgesetzt wird. (Und auch davon ‚erzählen‘ Serien wie „24“, obwohl es ‚öffentlich‘ meines Wissens an keiner anderen Stelle als hier offen thematisiert wurde.)

Bauer vollbringt gar das Kunststück, einen der schärfsten Kritiker mit recht allgemein anerkannten medizinischen Referenzen, den Psychiater Manfred Spitzer, vor den Karren seiner Frauenbilder irgendwie verändernden Seifenopern zu spannen:

Manfred Spitzer, einer der profiliertesten Forscher in diesem Gebiet, der sich insbesondere mit der Mediennutzung auseinandersetzt, sagt: „Das menschliche Gehirn lernt immer!“ Der Nutzer entscheidet, mit was er sein Gehirn „füttert“. Und die Medienmacher entscheiden, wie das Menü aussieht.

Im Resümee – nochmal „Wikipedia“ sei Dank – lauten Thesen von Spitzer und anderen hingegen so:

Mehrere Studien deuten darauf hin, dass die Höhe des Fernsehkonsums in der Kindheit mit dem später erreichten Bildungsabschluss in reziproker Beziehung steht (d.h., je höher der Fernsehkonsum, desto schlechter der Abschluss). Außerdem wird hoher Fernsehkonsum mit Übergewicht, Bewegungsmangel und den entsprechenden Folgeerkrankungen in Verbindung gebracht.
Darüber hinaus ist es äußerst fraglich, ob selbst speziell für Kleinkinder konzipierte Fernsehsendungen und Videos deren Spracherwerb unterstützen. Gemäß einer Studie aus dem Jahr 2009 scheinen Kinder unter drei Jahre, auch von speziell auf Kleinkinder zugeschnitten[en] Sendungen zur Förderung der Sprachbildung, kaum zu profitieren: Kleinkinder waren nur dann in der Lage neue Verben zu erlernen, wenn ein Erwachsener sie dabei aktiv unterstützte.

Statt also einmal als Großverdiener im Medienzirkus angesichts eines bethlehemtischen Kinder(psychen)mordes auf Raten, den expandierende TV-Angebote aus dieser Perspektive bedeuten, einzuhalten, drückt Bauer mit den Mitteln verkaufsfördernden schwammigen Goodwills nochmal auf’s Gas. In den oft nahezu ausgestorbenen Parks und Wohnstraßen, in denen Kinder in den letzten ein, zwei Jahrzehnten (so denn geboren) nicht mehr spielen, sondern, so früh wie ihnen erlaubt, eben auch „Unter uns“ gucken (wozu das filmhistorische Gedächtnis ja „Die Mörder sind …“ ergänzt), hält Bauer sich möglicherweise selbst zu selten auf. Wenn dann auch jene, die sich an eine glücklichere, erfülltere Kindheit erinnern, selbst abgestumpft oder ausgestorben sind, ist endgültig die Bahn frei. Wenn man sich dabei als Macher wohl fühlt …

Wolf Bauers Filmografie führt ein paar UFA-Serienfolgen, darunter 10 von „Unter uns“, auf. Von 1982-95 bewies er als Produzent in erster Linie Humor: Fast alle Nennungen sind Kinofilme und TV-Sendungen mit Dieter Hallervorden, beginnend mit „Welle Wahnsinn“ (D 1982), laut DVD-Info von 2009 „Schräge Sketche, Blödel-Hits und überdrehter Humor“ in einer „kurzlebigen Show-Serie“.

Kunden-Kommentar bei „amazon“ – „kritische Öffentlichkeit“ –:

Damals, 1982, als 17jähriger, hatte ich anscheinend einen anderen Geschmack, denn als ich mir jetzt die DVD gekauft hatte und den Klamauk zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder sah, war ich schon sehr enttäuscht.
Bis auf einige, wenige Sketche, ist das meiste in Welle Wahnsinn schon sehr speziell und nicht wirklich lustig.

Bauer arbeitet sich aber eben nicht an seinen eigenen Werken oder konkret an dem Resultat seiner Werke in der Wahrnehmung und Reflexion von Konsumenten ab, sondern lieber an einer Serie wie „Holocaust“, die er noch einmal dafür feiert, Zuschauer dazu zu bringen,

sich mit Menschen emotional zu identifizieren, die auf einer fiktiven Ebene Betroffene der Vernichtungspolitik geworden waren.

2010/11 sind es dann zwei Kino-Großproduktionen, „Teufelskicker“ und „Dschungelkind“, die Bauers Portfolio aufwerten.

So fallen Themen, Anspruch und Eigenproduktion der Vita Wolf Bauers und seines nachdenklichen FAZ-Artikels mehrfach auseinander. Er versucht, mit einer – in der Tat selten so ausgesprochenen – These zu punkten:

Unterhaltende Programme werden in ihrer gesellschaftlichen und politischen Wirkung unterschätzt. Und es geht gar nicht darum, ob wir uns diesen Einfluss wünschen sollten. Er ist Realität.

Um diese „Wirkung“ im Einzelnen ginge es allerdings – hierzu will dieses Blog und das dazugehörige Buch ein paar möglichst genaue und sachbezogene Anmerkungen machen. Sie zeigen, denke ich, was Bauer anspricht, ohne es auszusprechen. Ob er es selbst denken kann, bleibt dabei für seine Leser die Frage. Und was daraus folgen würde/müsste, steht erst recht auf noch unbeschriebenen Blättern.

Dynastien 1 – einmal von und zu Guttenberg und zurück (bitte)


Sonntag, 28. November 2010, 6:08 Uhr. Autor:

Am 22.11.2010 findet ein Medientrend der letzten Monate in der ARD seine Fortsetzung: die vorzeitige Verkanzlerung des Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg, derzeit Bundesverteidigungsminister. Nun ist ein yellow-press-Format an der Reihe: „Deutsche Dynastien – Die Guttenbergs“ (Hier in der ARD-Mediathek).

So werden ‚Leitbilder‘ im kollektiven Unbewussten implementiert. Die „Dynastien“-Sendung arbeitet am ideologischen Überbau: die adlige Familie, seit dem 12. Jahrhundert aktenkundig, als sympathische Bagage zwischen politischer Verantwortung und Bodenständigkeit, Musikalität und Gefühlsseligkeit.

Zentrales Ablenkungsmanöver von gesellschaftlicher Relevanz ist die Orientierung der Berichterstattung an des Ministers Vater, dem Dirigenten Enoch zu Guttenberg. Dessen von Kommentar und interviewten Familienmitgliedern als recht radikal geschilderte Ansichten zu Umweltzerstörung und deren Bekämpfung wecken zunächst Sympathie. Der zweite Sohn, Philipp Franz Freiherr von und zu Guttenberg, Präsident der „Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände“, bemerkt dazu etwa: „… ich sehe die Dinge vielleicht ähnlich schwarz, aber ich versuche, sie nach außen nicht zu vermitteln.“ Konkret geht es dann im Off-Kommentar um „Orkan Lothar“, der „große Waldflächen rund ums Schloss zerstört“ habe. Dann des 1973 geborenen Präsidenten Frage: „Wie können wir unsere Wälder dem Klimawandel, also den sich verändernden Klimabedingungen … Wie können wir dem gerecht werden?“ Sein Vater bemerkt ebenfalls sehr allgemein, „dass wir in eine Katastrophe unausdenkbaren Maßes mit Vollgas hineinfahren“.

Dass Umweltschutz eine Sache jedes einzelnen ist, dass unsere Kultur stark umweltschädigende Gewohnheiten pflegt und dass Industrieinteressen (u. a. mit hohen Gewinnen für wenige Einzelne, die dieser Tage eine neue Adelskaste bilden) und ihre Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch Medien hierfür die wichtigsten Ursachen sind – all dies kommt in solchen Reden nicht vor. Was dies weitergehend bedeutet, ist an dieser Stelle nicht diskutierbar. Zurück bleibt – wie so oft – eine diffuse Angst, die einerseits (auch eigenes Engagement) letztendlich lähmt, andererseits eine vor dem Hintergrund der Sachaussagen irrationale Flucht in Optimismen, wie sie – bezeichnenderweise ohne plausible Begründungen – dann ausgerechnet ein Mitstreiter Enoch zu Guttenbergs, Hubert Weinzierl, Präsident des „Deutschen Naturschutzrings“ (DNR), proklamiert: „Die Welt ist viel zu schön, als dass man sie kaputtgehen lässt, und wenn wir nur ein paar Tage noch retten, dann hat sich’s auch gelohnt.“

Zur weiter zurückreichenden Familiengeschichte wird in „Deutsche Dynastien“ nichts Näheres vermittelt. Wer hierzu eine Veröffentlichung zu Rate zieht, die die Bezeichnung „Journalismus“ noch verdient, bemerkt, dass ein solcher Fernsehbericht Zuschauer in einer merkwürdigen Art desinformierter Betäubung zurücklässt. Die Rede ist von dem lieferbaren Buch „Ihr da oben – wir da unten“ (1973) von Bernt Engelmann und Günter Wallraff. Hier gibt es mehrere Kapitel aus der Feder beider Autoren, die es zu lesen lohnt.

So schreibt Engelmann über jene Guttenbergschen, die

jahrhundertelang über die ländliche Bevölkerung Ober- und Mittelfrankens geherrscht haben – natürlich „von Gottes Gnaden“, jedoch unter gleichzeitiger Anwendung jener sehr strengen irdischen Gerechtigkeit, die nun einmal unumgänglich ist, wenn sich Leute, die als einfache Räuberhauptleute angefangen haben, als etablierte Bosse dauerhaften Respekt verschaffen wollen.
(S. 203)

Mehr Raum als der aktuelle Verteidigungsminister erhält in „Deutsche Dynastien“ auch sein namensgleicher Großvater, der aufgrund seiner Tätigkeit als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeskanzleramt für die CSU im Zeitraum von 1967-69 als politischer Heros hingepinselt wird. Seine letzte Bundestagsrede bezeichnet der Off-Kommentar als „ein glühendes Bekenntnis zur Freiheit für alle Deutschen“, durch weitere Interviews als aufopferungsvolle Handlung eines von Krankheit schwer Gezeichneten charakterisiert.

Ein Kapitel von Wallraff zeigt hingegen die Lebenswirklichkeit eines Barons, der über seine zahlreichen Besitztümer zeitweise nicht einmal den Überblick behielt. Die Schilderungen unwürdiger Arbeitsverhältnisse unter seiner Federführung sollte man in „Ihr da oben – wir da unten“ selbst nachlesen. Ein Beispiel zu den Lehrlingen in „Baron“ von und zu Guttenbergs Hotel in Bad Neustadt:

Mit Arbeit wird bei ihnen nicht gegeizt. So durfte z. B. ein 17jähriger Lehrling im vergangenen Jahr innerhalb eines Monats neben seiner täglichen Arbeitszeit von 8 bis 14.00 Uhr und von 17 bis 22.00 Uhr darüber hinaus noch 43 Überstunden ableisten, für die er 43 x 1,50 bekam. Vier Monate lang hatte er keinen freien Samstag. […] Das Gesinde darf es nicht stören, daß die Belüftung, falls man es so nennen kann, aus den danebenliegenden Toiletten erfolgt.
(S. 212)

Verständlich, dass man sich in der nächsten Generation aus solchen Widersprüchen von Sonntagsrede und Schinderei erstmal in die Refugien der schönen Künste zurückzog. Aber auch hier nimmt die Sonntagsrede, nun bei Vater Enoch, kein Ende:

„Wir leben heute in einer Zeit, wo die großen Werke immer mehr zu einem abrufbaren Konsumgut, äh … wenn Sie wollen: sogar herabgestuft werden – und man oft die Inhalte vergisst, warum manche Werke komponiert worden sind.“

Und abermals lässt Fernsehberichterstattung bzw. die Selbstinszenierung einer auf fragwürdige Weise gesegneten Sippe keine Frage zu, was denn der Grund für eine solche ‚Herabstufung‘ sei. Sind es vielleicht Praktiken der Vermarktung, die u. a. die einen reich und die anderen dumm machen? – Eine Frage wohl, die im vom eigenen Düftlein beseelten Schlosse kaum aufkommt. „Deutsche Dynastien“ weiß zur Finanzsituation der Familie nur zu bemerken, dass sie ihr Vermögen in eine Stiftung eingebracht habe, fragt aber nicht etwa nach steuerrechtlichen Implikationen. Vater Enoch erwähnt zudem einen Verzicht Karl Theodors auf das Erbe, um als Politiker „völlig frei“ sein zu können. Bis er dort angekommen war, machte ihn ja sein angeborener Reichtum frei.

Begnadete Rhetorik („die Inhalte […], warum manche Werke komponiert worden sind“) klang schon an. Auf der Website des Bertelsmann/RTL-Nachrichtensenders „n-tv“ kann man bei Till Schwarze nachlesen, was seit dem letzten Bundestagswahlkampf immer wieder die öffentliche Berichterstattung über den Minister zu Guttenberg bestimmt – hier am 31.05.2010 mit Blick auf möglichen Ersatz für den zurückgetretenen Bundespräsidenten Horst Köhler:

Rhetorisch begabt, schneidiges Auftreten, klare Worte – wo sonst sind die Begabungen für das Amt des Präsidenten so zahlreich vorhanden.

Da ist ein fehlendes Fragezeichen ausnahmsweise mal ein i-Tüpfelchen. Den endgültigen Beweis für eine Renaissance der politischen Rede liefert der neueste Polit-Baron in „Deutsche Dynastien“ aber zu einer ganz privaten Frage:

„Dass meine Mutter Mutter ist, und das ist etwas, was … mir so ungemein wichtig ist, nachdem wir nicht … im im Haupt… in der Hauptsache bei unsrer Mutter aufgewachsen sind und sind trotzdem diese Rolle mit unglaublich großer Kraft und äh und dem, was man Gott sei Dank ja Liebe nennen darf, eben auch ausgefüllt hat. Und das ist ein größeres Geschenk kann man von seiner Mutter kaum bekommen.“

Presse-Kommentare an anderer Stelle bemerken zu dieser Produktion des Bayerischen Rundfunks etwa, sie sei „blaublütig-schwer und ein bisschen zu bewundernd“ ( „Der Tagesspiegel“, 21.11.2010). Der Autor dieses Artikels, Thomas Gehringer, hat seinen Wallraff wohl gründlich gelesen:

Kritische Stimmen hat [Eckhart] Querner keine gefunden. Wahrscheinlich gibt es sie nicht angesichts dieser Musteradelsfamilie. […]
Der Herr Minister sieht wie immer blendend aus und weiß seine Worte zu wählen. […]
Es sind dennoch allemal interessante, kantige Köpfe, diese Guttenbergs. In der Art, über die Familientradition zu reden, enthüllt sich Stolz, aber auch die Last, die die nachfolgenden Generationen damit zu tragen hatten.

Im „Focus“ verwechselt Autor Joachim Hirzel Fernsehkritik mit einer Nacherzählung plus Anmoderation und wirkt, als müsste er seinen Salär bei Markwort noch durch Hagiografie für die Schlossbewohner aufbessern:

Möglicherweise ist es das, was den Verteidigungsminister so beliebt sein lässt bei den Deutschen. Dass sie spüren, dass er sich nicht anbiedert. In der Politik nicht jeder neuen opportunistischen Volte folgt. Sondern einen eigenen Kompass hat, der ihm eine souveräne Richtung vorgibt.

Subtiler der Artikel von Claudia Tieschky in der „Süddeutschen Zeitung“ (22.11.2010), die nach einem Hinweis auf den Boulevard-Stil zwar auch wesentlich referiert, aber schließlich die verantwortliche BR-Redakteurin Sabine Scharnagl erwähnt, die als Tochter des „früheren Chefredakteur des CSU-Organs Bayernkurier“ selbst eine (süd)deutsche „Dynastie“ verkörpere.

Der Status der Guttenberg-Sippe und ihre primären und sekundären Hofberichterstatter sind also in der Ausblendung von Historie und Kontexten ein gutes Beispiel für einen Neofeudalismus, wie er – ob mit Titel-Lametta vergangener Zeiten oder nicht – immer mehr Platz greift. Dazu gehören auch Tatsachen wie jene, dass ein angeheirateter Onkel des Verteidigungsministers, Franz Ludwig Schenk Graf von Stauffenberg, mit Hilfe seines Schwiegervaters, Karl-Theodor d. Ä., 1969 für die Rüstungsfirma Krauss-Maffei Aufträge zur Herstellung des „Leopard“-Panzers für das dem Baron sympathische spanische Franco-Regime generieren konnte (vgl. Engelmann, S. 208f.).

Auch wenn zur Genealogie des Verteidigungsministers der Widerstandskämpfer Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg zählt, der 1945 von der Gestapo ermordet wurde – in solchen Panzern sterben andere.

Mit Dank an M.B. für das Buch von Engelmann/Wallraff

Das Bertelsmann-Paradox


Freitag, 12. November 2010, 3:14 Uhr. Autor:

In diesem und den zwei folgenden Einträgen geht es – neben anderem – um ein und dieselbe Sendung von „RTL aktuell“ am 11.11.2010, 18.45 h. Die Nachrichten des Kölner Senders können immer wieder zu akribischen Nachweisen ermuntern, was warum wie nach Art des Privatsenders anders aufgezäumt wurde als von sonstigen Berichterstattern.

Hier zunächst ein Hinweis auf die Erwähnung der heute in der Presse relativ breit besprochenen Studie der Universität in Frankfurt a. M. im Auftrag der „Bertelsmann Stiftung“ (also der Stiftung des RTL-Mutterkonzerns). Off-Kommentar in „RTL aktuell“:

„Die Forderung der Wissenschaftler: Vor allem für Problemschulen müsse mehr Geld zur Verfügung stehen, damit auch wirklich jeder eine Perspektive hat.“

Das Thema der Studie ist nicht uninteressant. Die Perspektivierung ist symptomatisch für die Behandlung von allerlei Problemen der Gegenwart: Kurieren am Symptom, Beratung und Therapie für Folgen, deren Ursachen irgendwo anders liegen. Nur wo?

Eine Hauptursache für Bildungsdefizite dürfte sein, dass nicht genügend gebildet wird. Die Schule ist nur ein Teil des „Bildungssystems“. Bildung beginnt in der Familie, wird gefördert durch soziale Angebote und Kontakte (auch und gerade jenen, die nicht staatlich verordnet und finanziert oder überhaupt ‚bezahlt‘ werden). Defizite muss es also auch in den letztgenannten Bereichen geben.

Was machen Jugendliche, statt sich zu „bilden“? Einschaltquoten und Verkaufszahlen verraten es: Sie sehen fern und spielen am Computer – wenn sie nicht nur ‚herumhängen‘ und dabei z. T. Drogen konsumieren.

Natürlich kann man sich lange – und für die herrschenden Anbieter dadurch verkaufsfördernd – darüber streiten, was am Fernsehen oder Computerspielen doch noch irgendwie „bildet“. Sehen Sie sich am besten einmal selbst an, was den Großteil der Angebote im Spielesektor ausmacht. Dort, wo die Realität hinter Wohnungstüren einmal zu Tage tritt, klingt es wohl sehr oft so wie in der WDR-Dokumentation „Hart und herzlich“ (2010) von Nicole Rosenbach, in der ein in der Schule auffällig müdes Gelsenkirchener Kind mit „Migrationshintergrund“ der Lehrerin berichtet, sein Vater verbringe die Nacht meist am Computer mit einem Rollenspiel.

So etwas wird – eben auf anderen Sendern und mit weniger Publikum als bei „RTL aktuell“ – auch gesendet. Aber wenn es um die schlussendlichen Konsequenzen aus solchen verkorksten Lebensweisen geht, schreit man lieber in Berufung auf Wissenschaftler nach teuren Korrekturmaßnahmen, als auf nachhaltige Problemvermeidung zu plädieren.

Dieses Bild bestätigt beispielhaft ein genauerer Blick auf die Praktiken des Bertelsmann-Konzerns, der die Studie über das Ende der Bildungskette finanzierte. So weiß „paidcontent.org“ am 08.07.2007:

Trion World Network, an online gaming firm founded by a former senior EA exec, has received a big $30 million second round of funding. The round was led by Bertelsmann, NBC Universal and Time Warner (all through their investment arms) and VC firm Rustic Canyon Partners, reports Variety.

Die Realität der Spielwelt von „Trion“-Produkten klingt dann im Fall des Strategiespiels „End of Nations“ folgendermaßen:

Eine globale Wirtschaftskrise hat das weltweite Machtgefüge durcheinander gewirbelt. Aus den Trümmern der marktwirtschaftlich am Boden liegenden Nationen erhob sich der Orden der Nationen, ein Jahrzehnte zuvor genau zu diesem Zweck gegründeter Geheimbund, um das weltweite Chaos zu beseitigen und sich ein Land nach dem anderen einzuverleiben. Zunächst von der Bevölkerung als ultimativer Retter empfangen, zeigte die neue globale Supermacht schon bald ihr wahres Gesicht, und agierte zunehmend als diktatorische Besatzungsmacht.

Das kommt der außerspielerischen Realität schon recht nahe – nur für die Realität erziehungsbedürftiger Kinder bleibt dann im Einzelfall eben keine Zeit mehr. Im Fantasy-Rollen-Onlinespiel „Rift: Planes of Telara“, ebenfalls von „Trion“, wird es noch actionlastiger:

Überall rennen Dorfbewohner panisch durch die zerstörten Straßenzüge, und werden von unheimlichen Geisterwesen verfolgt. An manchen Stellen paralysieren mysteriöse Maschinen die Nicht-Spieler-Chraktere und entziehen ihnen offenbar Seelenenergie. Natürlich gilt es im Zuge einiger Quests sowohl die Geisterwesen auszuschalten als auch die gefährlichen Maschinen zu zerstören.

Am 24.06.2006 bemerkte es schon einmal „pcgames.de“:

Ich habe eine tiefe Abneigung gegen solche Computerspiele” – so die Worte des Bertelsmann-Chefs Thomas Middelhoff laut www.spiegel.de. Sein Unternehmen, zu dem unter anderem der Fernsehsender RTL gehört, verzichte künftig darauf, Gewalt beinhaltende PC- und Videospiele anzubieten, und beschreite damit einen “Königsweg gegen die Gewalt-Flut”. […]

Paradox: Der Bertelsmann-Online-Versand www.bol.de bietet Titel wie Medal of Honor: Allied Assault (dt.) und Counter-Strike: Condition Zero nach wie vor gerne an.

Bertelsmann verdient eben an beiden Seiten: Krankheitserreger und Behandlung. So gibt sich die Krankenkasse „Bertelsmann BKK“ dann wieder fürsorglich – im Expertenchat vom 26. Juni 2007 mit Herrn Jannis Wlachojiannis, Mitarbeiter des Café Beispiellos, Ansprechpartner des Beratungsprojektes ‚Lost in Space‘ für Internet- und Computerspielsüchtige:

Als generelle Präventionsmaßnahme gegen Internet- und Computerspielsucht hält es Herr Wlachojiannis für sehr wichtig, eine Medienkompetenz bei Jugendlichen und Erwachsenen aufzubauen und ihnen die Vorzüge wie auch die Gefahren und Risiken der neuen Medien aufzuzeigen: „Wer die Gefahren kennt, weiß diese besser einzuschätzen und sinnvoll damit umzugehen“, so der Experte.

Jörg Dräger, für Bildung zuständiges Vorstandsmitglied der „Bertelsmann Stiftung“, schildert im „Focus“ seine Sicht des Problems:

„Unser Bildungssystem lässt viel zu viele Schüler scheitern. Das hat für die ganze Gesellschaft dramatische Folgen, zum Beispiel mehr Kriminalität, hohe Transferzahlungen oder soziale Konflikte.“

Da ist es wieder, das „Bildungssystem“. Aber wo ist es genau? Begleitumstände für eine kriminelle Laufbahn sind laut der Studie statistisch auch „Vorstrafen im Elternhaus“, „Scheidung der Eltern“ und „Konfessionslosigkeit“. Und sonst?

So rational statistische Erhebungen wirken können – es kommt eben auch darauf an, wonach man fragt. Und fragt man im Auftrag von Bertelsmann, fragt man nicht nach der Rolle der „Medien“, wenn sie keine Erfolgsmeldung verspricht. Dafür dröhnt die Nachricht umso lauter aus allen Rohren, die die Presseabteilung von Bertelsmann zu beschicken weiß – und die die Sendung brav weiterleiten.

Aber das partielle Begriffsvakuum „Bildungssystem“ existiert nicht nur hier – es ist wohl recht verbreitet bei jenen, die sich überhaupt um das Thema kümmern. Dirk Loerwald reiht in „Politik und Zeitgeschichte“ der „Bundeszentrale für politische Bildung“ (Nr. 32, 06.08.2007) v. a. Abstrakta und Absichtserklärungen:

Ist ein Curriculum darauf angelegt, einen vollständigen, zeitlich definierten Bildungsprozess zu beschreiben, so haben Bildungsferne bereits einen Großteil ihrer Bildungsbiographie (erfolglos) durchlaufen. Bildungsferne Milieus zeichnen sich nicht nur durch ein niedriges Bildungsniveau aus, sondern auch durch ein lückenhaftes “Inselwissen”. Dort anzusetzen impliziert, die typischen sowie die folgenreichsten Bildungslücken adressatenbezogen zu ermitteln und Inhalte und Kompetenzen zu beschreiben, die notwendig sind, um diese Lücken zu schließen.

Etwas konkreter wird es in der Zusammenfassung des „Mainzer Politischen Salons“ vom 21.08.2010 und Ansichten von Prof. Dr. Stefan Sell (FH Koblenz):

Die Zuständigkeit für die dann problematischen Schüler wird hin und her geschoben zwischen Elternhaus und Schule – ein „Delegationsprinzip von Verantwortung“. Dabei zeigen bildungsökonomische Studien, dass die Bedeutung des Elternhauses und des Familienhintergrunds in der Relation zur Bildungsstätte, bezogen auf die Bildung von Humankapital im Sinne einer umfassenden Persönlichkeitsbildung, etwa bei einem Verhältnis von 2:1 liegt.

Diese „2“ in „2:1“ wird in den meisten Familien mit „Bildungsdefiziten“ vom Fernsehen – und in dieser Zielgruppe in starkem Maß von RTL & Co. – bestimmt. Daran verdient der Bertelsmann-Konzern und lässt Effekte dieser medienwirtschaftlichen Praxis anschließend von der hauseigenen Stiftung imagefördernd beklagen. Der Steuerzahler bzw. das staatliche Schuldenkonto sollen nun – nachträglich und zumindest teilweise als Bildungsmaßnahme erneut wirkungslos – bezahlen, was RTL-guckende Eltern und Kinder nicht mehr leisten können.

Günther Jauch würde fragen: Wer wird Leser?


Montag, 25. Oktober 2010, 3:05 Uhr. Autor:

Über öffentliche Resonanz freut man sich, wenn man veröffentlicht. Und schlechte Kritiken sind auch Werbungen. Die Rezension zum Buch „Glotze fatal“ aus der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ (15.10.2010, S. 21) kann man wohl als ‚gemischt‘ in ihrer Bewertung einstufen. Ein Adjektiv wie „minutiös“ schmeichelt, ein Begriff wie „Generalkritik“ trifft den Punkt. Die abschließende Diagnose von „totaler Humorlosigkeit“ finde ich als Autor des Buches sehr amüsant und kann damit gut leben.

Der gesamte Zeitungstext umfasst 30 Zeilen und ist mit „rg“ gezeichnet, was wohl dem Medienredakteur der Zeitung, Ronald Gläser, zuzuordnen ist. (Das Impressum enthält keine Kürzel. Die gehören da wirklich nicht hin.)

In der Kürze liegt die Unvollständigkeit, und als rezensierter Autor hat man nicht darüber zu entscheiden, wie umfangreich man besprochen wird, das versteht sich. An dieser Stelle nur der Hinweis: Der Autor der Rezension wird ausgerechnet da pointiert, wo er den kritisierten Text scheinbar nicht zur Gänze gelesen hat. Den im Buch enthaltenen Hinweis auf den Widerspruch von Günther Jauchs Millionengehältern zur Abspeisung der meisten anderen Beteiligten mit niedrigen Salären (einschließlich teurer Anrufspiele für Zuschauer sowie des ausbeuterischen Gesamtkonzepts von RTL, also dem Bertelsmann-Konzern) bedenkt der Autor etwa mit der Frage: „Wer hätte das gedacht?“ Dass Jauch, wie Gläser meine Argumentation referiert, „Zeit schindet“, ist kein wesentliches Argument im Buch, sondern im vierten Video zum Buch auf YouTube. Und was in dem Kapitel, das, so die Suggestion des Rezensenten, sich eigentlich jeder ‚denken‘ könne, auf 28 von 33 Seiten beschrieben wird, erwähnt er gar nicht – weil er es nicht gelesen hat?

Die Besprechung der RTL-Sendung „Wer wird Millionär?“ mit Günther Jauch im Buch „Glotze fatal“ stellt wesentlich darauf ab, aus zufällig ausgewählten Sendungen alle eingeblendeten Fragen und Antworten einer literarischen Interpretation auszusetzen – und dazu vereinzelt die Moderation und sonstige Ereignisse der jeweiligen Sendung ergänzend hinzuzuziehen.

Was dabei herauskommt, ist ein bizarres Abbild von Bedeutungsebenen, die oft politisch unkorrekt wirken und v. a. die (meist medienunerfahrenen) Kandidaten in ein sehr unvorteilhaftes Licht rücken. Zweifelhaft wird dabei etwa, dass die immer gleiche Berichterstattung zur Sendung in anderen Medien von einem „Zufallsgenerator“ spricht, der hier die Fragen auswähle. Leser können sich mit Hilfe des Buchtextes von „Glotze fatal“ ihr eigenes – vielleicht ein neues und anderes – Bild von der Sache machen, wie sie auf dem Bildschirm zu sehen ist.

Etwas enttäuschend ist auch, dass in einer Zeitung wie der „Jungen Freiheit“, die als eine der wenigen etwa konsequent den Zerfall von familiären Lebensweisen (oder auch nur biologischer Fortpflanzung überhaupt) in der herrschenden Kultur beklagt, nicht mit einem Wort bemerkt wird, dass „Glotze fatal“ an vielen Beispielen beschreibt, wie eine Gehirnwäsche durch Fernsehprogramme an einem weit verbreiteten Bewusstsein arbeitet, das lebensfeindliche Werte verinnerlicht und zu länger währenden Beziehungen immer seltener fähig ist. (Ich wäre dankbar für Hinweise darauf, wo dies sonst schon geschehen wäre – in den TV-‚kritischen‘ Büchern von Michael Jürgs oder Alexander Kissler wohl nicht in systematischer und exakter Weise. Dies mag vielleicht auch deshalb nicht verwundern, da sie in Verlagen des Bertelsmann-Konzerns verlegt werden und den Markt für Medienkritik bestenfalls mit ‚professionell‘ wirkender Oberflächlichkeit bestimmen.)

Durch eine journalistische Praxis, die derlei nicht nachhaltig beschreibt und auf relevante Kritiken an anderer Stelle nicht aufmerksam hinweist, wird sich auch in Zukunft nichts an RTL und Vergleichbarem ändern. Die Folgen dieser Sorglosigkeit tragen leider auch viele, die sie nicht zu verantworten haben – und leider haben Bücher, die dies zu beschreiben versuchen, in den Worten Ronald Gläsers „sehr wenig Unterhaltungswert“. In der Betrachtung von Medienwirkungen (wie Einsamkeit, Depression, Verschuldung, Gesundheits- und Umweltschäden) wird’s für Rezensenten vermutlich erst so richtig lustig, wie? Grüße in die Hauptstadt!