Mit ‘arte’ getaggte Artikel

Bildung, Bullen und Benzin


Freitag, 12. November 2010, 3:22 Uhr. Autor:

Es bleibt die Frage, ob es bloß eine Frage des Stils ist. In der „RTL aktuell“-Sendung vom 11.11.2010 ist es eine Kurzmeldung:

„Nach einer zunächst friedlichen Demonstration in London haben aufgebrachte Studenten gestern abend die Zentrale der britischen Regierungspartei gestürmt. Dabei gingen Glasscheiben zu Bruch.“

Die Bebilderung besteht durchgehend in Action-Bildern der Ausschreitungen und der Gewalt gegen Sachen:

Screenshots: RTL/arte, 11.11.2010

Hier im zweiten Bild rechts zu sehen ist Jake Wilson, ein Medizin-Student in London. Was bei RTL die gesamte Kurznachricht bestimmt, ist im „arte Journal“ ein sachlicher Satz des Moderators vor dem Bericht: dass es zu gewalttätigen Ausschreitungen gekommen sei. Inhalt des journalistischen Berichts sind nicht sensationelle Bilder von den Folgen einer Ursache, sondern die Ursache. Am Beispiel von Wilson wird gezeigt, wie schon vor den geplanten drastischen Erhöhungen von Studiengebühren auf bis zu das Dreifache in einer Stadt wie London mit hohen Lebenshaltungskosten und horrenden Abgaben für die universitäre Bildung die Belastungen bis zum Äußersten gehen. Wilson kann voraussehen, mit 70-80.000 Euro Schulden ins Berufsleben zu starten.

In der Tendenz Vergleichbares kann zumindest den Kindern jener widerfahren, die im Erwachsenenalter das Informationsangebot von „RTL aktuell“ wahrnehmen, in dem Sportjournalistin Ulrike von der Groeben sich im Anschluss „auf dieses Formel-1-Wochenende“ freut.

Für die, die direkt oder indirekt von einer Bildungspolitik mit sich erhöhenden Studiengebühren betroffen sein werden, wird dies bei einer solchen Behandlung des Problems aber recht unerwartet kommen, da ihnen zuvor eher irrationale Randalierer als Hauptproblem vorgeführt worden sind. Dies ist letztlich eine machtpolitische Konsequenz aus redaktionellen Entscheidungen, die auch in der politischen Wirklichkeit nur das lodernde Feuer suchen, solange die aufheulenden Motoren noch auf sich warten lassen.

Passend zu der euphorisierten von der Groeben …

Screenshot: RTL, 11.11.2010

… wissen andere wie Craig Morris in „Telepolis“ vom selben 11.11.2010 über die neuesten Prognosen der „International Energy Agency“ zu berichten, dass die benzindurstigen Geschwindigkeitsjunkies bald schon Geschichte sein könnten:

Aber die Elektromobilität wird anders aussehen als unsere heutigen Autos, die quasi eine unbegrenzte Reichweite haben und innerhalb weniger Minuten vollgetankt werden können. […]

Noch schwieriger wird die Schifffahrt. Und fast unmöglich der Luftverkehr. Dort sind keine Alternativen zum flüssigen, fossilen Treibstoff in Sicht. Machen Sie sich also auf stark steigende Ölpreise zu Ihren Lebzeiten gefasst.

Keine Frage, dass derlei bei RTL keine Nachricht wert ist. Solange die Grinseschnitten vom Dienst noch ordentlich betankt werden können, wird dem Sender der Frohsinn wohl nicht ausgehen. Am Produktionsort Köln begann heute der Karneval.

„Derrick“ – die Exhumierung, Teil 1


Sonntag, 10. Oktober 2010, 20:05 Uhr. Autor:

Die Verdrängungsarbeit der Massenmedien, ihr eigenes Gedächtnis betreffend, ist schon bemerkenswert. Ob sie erfolgreich damit bleiben, wird sich zeigen.

Ein Beispiel für diese Verdrängung ist die in Nachhaltigkeit ausbleibende Reflexion eines nahezu allgegenwärtigen Themas: Tod und Bild. Doch es gibt Boten dieser Botschaft, die immer wiederkehren. Zum Beispiel Oberinspektor Derrick, verkörpert von Horst Tappert (1923-2008), geschrieben von Herbert Reinecker (1914-2007).

Ich habe das Thema 2004 schon einmal mit einem Text bedacht: „Andere Wahrheiten auf dem Waldweg“. Darin sind einige wichtige Argumente zum Thema angesprochen. Das Kapitel „Todesverfallenheit“ im Buch zum Blog „Glotze fatal“ aktualisiert die Bestandsaufnahme: Hier geht es v. a. um sog. ‚Pathologie-Serien‘, die seit den 1990er Jahren zu den Hits im TV-Programm gehören und in denen die Leichenschinderei einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Die Steigerungslogik des ‚Marktes‘ weiß sich in der Originalitäts- und Neuheitenspirale vorerst nur noch mit anderen Tabuthemen zu helfen – so aktuell in „Breaking Bad“ (arte) mit der Horror-Droge „Crystal Meth“, die am Rande auch schon in der Bestatter-Serie „Six Feet Under“ präludierte.

„Derrick“ findet derzeit nur noch vereinzelt on air statt (wenn er nicht von Aufzeichnungen abgerufen wird, wofür eine gewisse Dunkelziffer anzunehmen ist). Die im Netz auffindbaren Informationen verbuchen Sendetermine auf den Bezahlsender „Sky Krimi“ und als nächstes einmal wieder am 05.11.2010 nächtens auf „ZDF neo“.

In dem erwähnten Text auf „filmdenken“ erwähne ich schon Autoren wie Lewis Mumford und Günther Anders, deren medienskeptische Texte in den metaphorischen Levels einer Serie wie „Derrick“ deutlich anklingen. Dazu habe ich nun eine Video-Montage gebastelt, die eine Reihe von Szenen der Serie mit mehr und anderen Textbeispielen konfrontiert:

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Vielleicht hilft dies ja dem kollektiven Gedächtnis einmal wieder auf die Sprünge. Und, wie es sich im ‚Fall Derrick‘ gehört – eine Fortsetzung folgt demnächst an dieser Stelle. Dann ist auch „Der Alte“ Siegfried Lowitz mit von der Partie.

Serientäter und Sympathisanten


Dienstag, 28. September 2010, 12:56 Uhr. Autor:

Als neueste Attraktion auf dem US-amerikanischen Fernsehmarkt preist ein „Welt“-Artikel vom 26.09.2010 von Peter Praschl die Produktion „Boardwalk Empire“ an, die in Deutschland ab Frühjahr 2011 auf dem Bezahlsender „TNT Serie“ zu sehen ist. Mitproduzent und Co-Regisseur Martin Scorsese hat im Genre des Mafia-Epos schon einiges vorzuweisen: „Mean Streets“ (1972), „Goodfellas“ (1990), „Casino“ (1995), „The Departed“ (2006).

Filmkritiker fühlen sich scheint’s von diesen Welten geradezu magisch angezogen. (Das kann der Autor dieser Zeilen im Rückblick selbst nicht ganz verhehlen.) Aber irgendwann ist immer das erste Mal, und nach dem ersten Mal gibt es ein zweites und so fort. Scorsese ist bei Nr. 5 und eröffnet damit die Serie „Boardwalk Empire“ mit einer 73minütigen Folge, an die sich bis Dezember 2010 beim US-Pay-TV-Sender HBO noch 11 weitere à 1 Std. reihen.

Mafia-Serien: Trendsetter waren „The Sopranos“ (1999-2007). Und nachdem hier Steve Buscemi als Tony Blundetto in 16 von 71 Folgen figurierte, erhält er in „Boardwalk Empire“ die Hauptrolle als Enoch „Nucky“ Thompson. Scorseses Tochter Cathy dekorierte zeitweilig bei den „Sopranos“ die Sets.

Zur hiesigen Landschaft der organisierten Meuchelmörder trägt die schon im April 2010 auf arte probegelaufene Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ von Regisseur Dominik Graf bei, die sich zur Abwechslung im Programmschema nicht der italienischen oder irischen, sondern der russischen Mafia widmet. (Ab 22. Oktober nochmal in der ARD zu bewundern.) Auch in diesem ‚Fall‘ konnte sich die „Welt“ begeistern, so Rezensent Holger Kreitling am 27.04.2010 unter der Überschrift „Nie war die Russenmafia so cool wie auf Arte“:

Vielleicht bringen Dominik Graf und sein Autor den russischen Hasardeuren, gestrandeten Mädchen und Halbweltexistenzen auch deshalb so viel Sympathie entgegen, weil sie den Wagemut mögen, ihre Risikobereitschaft, die Alles-oder-Nichts-Haltung. […] Jetzt liegen die mustergültigen acht Stunden vor. Dafür soll’s rote Rosen regnen.

Neben der kontinuierlichen Erhöhung des Zeitaufwands für Mafia-Filme respektive ‑Serien – lebensverlängernde Medikamentierung und Gerätemedizin werden ja auch immer besser – lässt sich also mentalitätsgeschichtlich festhalten, dass die ordentlich gekämmten Emissäre der „Welt“-Hauptstadtredaktion sich kinosesselseitig im Angesicht der Schandtaten pudelwohl fühlen. Ein unzeitgemäßer Schelm deshalb derjenige, der etwas schlechter ‚verkaufte‘ Gedanken wie diese dabei hat:

Der Kapitalismus benötigt zu seinem reibungslosen Ablauf ein funktionierendes Rechtssystem, doch werden rechtliche Normen immer wieder gebrochen – und zwar nicht als Ausnahme. Dies beginnt beim Bruch tarifvertraglicher Regelungen, geht über Steuerhinterziehungen und Korruption bis zur Geldwäsche. “Legale” und “illegale” Ökonomie sind vielfach ineinander verwoben und im Zuge der Globalisierungsprozesse nimmt die Mixtur noch weiter zu. In einigen Weltgegenden spielen die illegalen Bereiche längst eine größere Rolle als die legalen, kooperieren transnationale Konzerne mit privaten Söldnerarmeen und kriminellen Banden.

So etwas erscheint in diesem Fall allerdings nicht im Springer-Verlag, sondern im „Westfälischen Dampfboot“, das ohnehin nur diejenigen kennen, denen beim Anblick von Halsab- und ‑durchschneidern von Zeit zu Zeit noch richtig schlecht wird.

In der deutschen Presse ist es etwa Jürgen Roth, der sich jenseits der Fiktion kontinuierlich damit auseinandersetzt, dass Verbrechen nicht nur ein „Angesicht“ hat, sondern das Leben vieler direkt und indirekt beeinträchtigt. Neben verhältnismäßig gut verkauften Büchern wie „Mafialand Deutschland“ (2009) drängelt sich auch immer mal wieder ein TV-Magazin-Beitrag mit Roth zwischen die Sendeplätze der seriellen Räuber-und-Gendarm-Spiele. Aber im Verhältnis und für das Zuschauerbewusstsein ist das nicht viel.

Auch die politische Öffentlichkeit und das Meinungsbild lassen ahnen, dass das – wie gezeigt auch von der Berichterstattung behutsam gelenkte – Faible für nach Drehbuch verfilmte organisierte Kriminalität nicht gerade zu einer erhöhten Aufmerksamkeit für dieses in der Wirklichkeit führt. Vermutlich ist es sogar eher umgekehrt.

Dass ein Mafioso ein liebender Familienvater sein kann, wird niemand bezweifeln. Dass er als Mörder eine verabscheuungswürdige Existenz führt – und anschließend womöglich noch bei hypothetischen Instanzen um ‚Vergebung‘ ersucht –, sollte „Erzählkultur“ nicht nachhaltig vergessen machen (auch wenn sie gattungstypologisch nicht denselben Maßstäben gehorcht wie Dokumentation). Wenn dies aber so ist, macht sich Kultur selbst zum Handlanger einer Ideologie, die zur Organisierten Kriminalität beiträgt. Rechtschaffene Italiener wissen, was es heißt, mit solchen Strukturen zu leben, wenn sie sich einmal gebildet haben.

Drehbuchautoren und Regisseure sollten also immer wieder darüber nachdenken, inwiefern sie etwas ‚menschlich‘ begreifbar – oder am Ende sogar „cool“ – erscheinen lassen, was unmenschlich ist. Und eine Reflexion, die über nie eingelöste Sonntagsreden von Zuckerpapis hinauskommen will, hat immer wieder in Erinnerung zu rufen, in welchem Verhältnis Zeichen und Realität stehen. Sonst hat sie wömöglich selbst irgendwann die Realität mit dem Totschläger im Nacken.

Was die zunehmende Verquickung von Machtstrukturen in Zivilgesellschaft und Schattenwirtschaft betrifft, musste Jürgen Roth auch schon einmal seine Verdächtigungen gegen Kanzler a D. Gerhard Schröder zurücknehmen. Das ändert aber nichts daran, dass Schröder sich für seine Verabschiedung von der Bundeswehrkapelle den berühmtesten Song von Frank Sinatra wünschte:

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Zum ursprünglichen Interpreten sendet Phoenix immer und immer wieder „Sinatra – Star der Mafia“:

In der zweiteiligen Dokumentation zeigt Regisseur Christopher Olgiati, dass der Sohn italienischer Einwanderer ein Mann mit zwei Gesichtern war, der schon in jungen Jahren seinen Pakt mit dem Teufel schloss, um seinen Aufstieg zum Star zu beflügeln.

Es mag deshalb nicht verwundern, dass bei Scorsese auf Nr. 5 noch mindestens Nr. 6 folgt: Für 2011 ist das bio pic „Sinatra“ geplant.

Rekordgefühle aus chemisch-medialer Retorte


Montag, 2. August 2010, 23:32 Uhr. Autor:

Der ZDF-Kommentator streut am 30.08.2010 während der Berichterstattung zur Leichtathletik-WM in Barcelona ein paar sachdienliche Hinweise ein, wie die Höchstleistungen vor der Kamera mindestens streckenweise zu interpretieren sind. Beim Halbfinale 1500m der Frauen heißt es zu der Russin Anna Alminova zur Vorstellung vor dem Lauf: „Immer wieder auch Gerede über erstaunliche Leistungssprünge in Russland … und Doping-Sperren. Das bleibt gerade den 1500-Meter-Läuferinnen nicht erspart. Da sitzen ja gegenwärtig noch einige eine Doping-Sperre ab. […] Und auch sie ist ins Gerede gekommen – Anna Alminova, drei Monate gesperrt für ein Aufputschmittel, Pseudoephedrin. Die Sperre lief aus rechtzeitig vor den Europameisterschaften schon im Juli und dann hat sie mal richtig rangeklotzt, viele gute Resultate erzielt, Leistungssprünge gemacht …“

Dramaturgie also: ein Quentchen kritischer Journalismus, dann wieder eine Dosis Pseudo-Euphorin (oder wie man das nennt). Die „Leistungssprünge“ werden im folgenden Zitat sehr deutlich mit dem Verdacht der unlauteren Manipulation versehen; in der vorherigen Formulierung sind sie hingegen kurzzeitig ein kleiner booster für den Bewusstseinsfilm von Zuschauern, die den Glauben an die Leistung im Sport nicht ganz verlieren sollen.

Im weiteren Verlauf des Geschehens wiederholt der Reporter seine verbale Marketing-Artistik beginnend mit der Bemerkung, es bekämen „Deutschlands 1500-Meter-Läuferinnen zuletzt kein Bein auf die Erde, aber man weiß nicht, ob man sich darüber wirklich ärgern sollte, wenn man die Leistungen, die Leistungssprünge der Russinnen sich anschaut, dann muss man sagen: Es ist schon ein bisschen anrüchig, was in dieser Szene passiert. Aber das soll’s auch gewesen sein über die Doping-Hintergründe in dieser Disziplin, denn Alminova setzt sich an die Spitze und kontrolliert das Rennen von vorn.“

Der letzte Satz ist als logische Konstruktion nicht zu verstehen, denn dass die Dame so ‚gut‘ abschneidet, zieht den Sinn der ganzen Veranstaltung nunmal in sportrechtlichen Zweifel – gerade deshalb könnte es das nicht „gewesen sein“ mit den diesbetreffenden „Hintergründen“. Aber man muss anscheinend immer positiv denken – nicht nur bei der Dopingprobe.

Der Co-Moderator übernimmt und kann sich eines pharmakologischen Exkurses ebenfalls nicht ganz enthalten. Die Französin Hinz Dehiba gibt dafür den Anlass: „auch sie schon markiert mit Doping, irgendwann mal am Flughaften Charles de Gaulle ihr Mann mit ’ner Tasche voll Wachstumshormonen mit der üblichen Aussage, dass er’s für sich selbst braucht.“

Hauptsache, uns geht die Sendezeit nicht aus.

Auf arte kümmert man sich am selben Abend zur zivilen Sendezeit 21.50 h um die Zukunft der Manipulation sportlicher Fähigkeiten: „Gendoping – Die Mutanten greifen an“ (R: Beat Glogger). Hier wird klar, dass die Zukunft des Sports die Zukunft neuer – nun genetischer – Methoden der künstlichen Körpermodifikation sein wird. Matthias Kamber, Antidoping (Schweiz): „Die Geschichte zeigt, dass alle Mittel, die eine Leistungssteigerung erbracht haben, die medizinisch gebraucht wurden, um eine Krankheit zu heilen, dann eher früher als später im Sport missbraucht wurden.“

Diese Doku ist vom 31.07.-06.08.2010 auf arte+7 im Netz zu sehen. Abrufe am 03.08.: 5343. Die Quoten der Leichtathletik-EM 2010 werden mit 3-4 Mio. – etwa hier und hier – als schwach angesehen.