Mit ‘ARD’ getaggte Artikel

Finanz- und Europa-Politik ohne Untertitel


Mittwoch, 13. Juni 2012, 23:21 Uhr. Autor:

Die Medienpräsenz von verantwortlichen Politikern und anderen Akteuren der Finanzkrise ist mitentscheidend dafür, welche politischen Konsequenzen diese Krise hat. Das leuchtet schnell ein – unübersichtlicher ist aber die Realität der Massenmedien, an der dies zu bemessen ist.

Ergänzend zum „GesichterWissen“-Text zum deutschen Finanzpolitiker Jörg Asmussen (SPD) möchte ich zwei Beispiele gegenüberstellen.

Das erste entstammt dem ARD-Magazin „Plusminus“, das immer wieder durch informative und kritische Berichte auffällt. Hier werden einige Zusammenhänge und Personalstrukturen übersichtlich erklärt. „Lobbyismus“ nennt man, was eigentlich wesentliche Kriterien einer Verschwörung erfüllt. Bankenrechtler Karl-Joachim Schmelz beschreibt es so: „[D]ie Verflechtung zwischen Finanzakteuren und Politik ist einfach so extrem, dass man manchmal verzweifeln kann.“ Hiermit ist ein systemischer Fehler benannt, der immer weiter einseitige Vorteilnahmen hervorbringen wird. Andere Politiker müssten gewählt, andere Kontrollmechanismen etabliert werden – sonst werden wir so lange lamentieren, bis äußere Not auch oppositionelle Äußerungen unmöglich macht, nachdem sie schon heute vielerlei Spielräume deutlich einschränkt.

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Das Video bei YouTube zählt aktuell 2421 Abrufe, was das geringe Interesse der wahlberechtigten Öffentlichkeit an solchen grundsätzlichen Themen und wichtigen Personen dokumentiert. Über eine einfache Suche mit „Jörg Asmussen“ ist dieses Video auf der ersten Suchergebnis-Seite zu finden. Nur sucht dies offensichtlich niemand.

Und dementsprechend bleibt auch in diesem – inhaltlich auf seine Art gelungenen – Beitrag die Person Jörg Asmussen ein Phantom. Immer wieder ist er in Hauptnachrichten im Hintergrund und am Rande zu sehen. Interviewt wird er relativ selten. So auch die Anmoderation eines Beitrags aus „Report“. Hier wird auch deutlich ausgesprochen, dass Asmussen zwar scharf auf öffentliche Ämter, aber äußerst medienscheu ist.

Wer auf YouTube etwas mehr von dem Mann erfahren möchte, der nun in der Europäischen Zentralbank (EZB) wichtige Entscheidungen in der Finanzkrise fällt, ist jedoch, was Selbstäußerungen betrifft – auf englischsprachige Quellen angewiesen, wie in dem folgenden Beitrag von „Reuters TV“ (11.06.2012). Das schließt, wie wir wissen, einen Großteil des deutschsprachigen Publikums aus.

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Folgt man hier Asmussens Ausführungen, so stellt sich der Eindruck ein, dass jemand sprachliche Selbsthypnose betreibt (was bei Zweiten schon nicht mehr so gut funktioniert). Er klammert sich an z. T. wortgleich wiederholte Formulierungen, die durchweg auf einer sehr allgemeine Ebene Planbarkeit, Stabilität u. Ä. suggerieren. Nachdem Asmussen mit seinen Spekulationsgeschäften so grandios scheiterte, bekämpft er nun die Folgen des eigenen Versagens als Euro-Retter von Gnaden der obersten Haushaltshüter der Bundesrepublik. Vielleicht besteht seine größte Qualifikation darin, dass ihm nichts zu peinlich ist.

Schon am manifesten Verhalten Asmussens, und in dieser Perspektive in der Verschanzung auf Experten-Foren mit wenig expertigen Aussagen, sehen wir das scheitern, was uns als zukünftig tragfähiges Politikmodell verkauft werden soll: ein Europa, das in zentralisierten Instanzen regiert werden soll, und dessen politische Akteure dennoch von Wahlbürgern gehört und beobachtet werden müssten. Wir sehen, dass dies in der Vergangenheit nicht funktioniert hat und in der Gegenwart nicht funktioniert. Dafür sorgen schon Sprachbarrieren und die mangelnde Bereitschaft, Technokraten aufmerksam zuzuhören – geschweige denn solchen aus anderen Nationen. Politiker von der Mentalität Asmussens werden (ob aus fehlender Qualifikation oder versteckten Absichten heraus) dafür sorgen, dass Demokratie in Europa eine gefährliche Worthülse bleiben wird.

Wer das Licht der Öffentlichkeit scheut, sollte keine öffentlichen Ämter ausüben.

Coca-Cola halb gecheckt


Dienstag, 8. Mai 2012, 12:08 Uhr. Autor:

Zur besten Sendezeit am 07.05.2012 sendet die ARD die WDR-Dokumentation „Der Coca-Cola-Check“ (noch zu sehen in der ARD-Mediathek). Nach Jahrzehnten von Aufklärungsversuchen kann man in einer journalistischen Form hier nicht anders als ‚kritisch‘ verfahren. Auch die Print-Medien kommen im Nachhinein zu recht positiven Urteilen über die Sendung, so Torsten Wahl in der „Frankfurter Rundschau“ (08.05.2012):

[… M]anches blieb Spielerei a la „Galileo“. Doch das Bestreben des jungen WDR-Teams, vom großen Namen nicht einfach nur zu profitieren, sondern die Markenpropaganda zu hinterfragen, war deutlich.

Bei genauerem Hinsehen muss bemerkt werden, dass dieses „manche“ einen wesentlichen Teil der Sendung ausmacht – und damit den Einfluss von Formaten wie „Galileo“ (Pro7) dokumentiert und wahrlich kein Verdienst in dokumentarischer Hinsicht ist. Zuschauer sollen durch Aktionismus bei Geschmackstests unterhalten werden. Ausführlich werden Schulkinder befragt, warum sie so gerne Coca-Cola trinken. Und mehrfach wird etwas diffus bemerkt, dass Cola-Trinken zu Glücksgefühlen führe.

Ein Kritikpunkt sind die Auswirkungen der Geschäftspraktiken des Getränkekonzerns etwa in der indischen Wasserwirtschaft (wie auch die FR erwähnt). Dass Cola zuviel Zucker enthält, weiß mittlerweile auch fast jedes Kind. Der Tenor des Off-Kommentars bleibt unaufgeregt relativ skeptisch bis zum Schluss, wo neben dem Erwähnten dann noch einmal der Hinweis erfolgt: „Das Gesundheitsrisiko wird unterschätzt – vor allem für die Zähne.“

Neben den Glücksgefühlen wird in der Doku auch die Rezeptur des braunen Gebräus nolens volens mystifiziert. Dies trägt eindeutig zur Markenwerbung bei: Irgendetwas ist besonders an Coca-Cola. Wer eine Entmystifizierung anstrebt, müsste mehr in die ernährungswissenschaftlichen Einzelheiten gehen. Solche sind also leider nicht in den teuer finanzierten öffentlich-rechtlichen Programmen zu finden, sondern eher in einem „YouTube“-Video wie „Sugar: The Bitter Truth“ mit dem Mediziner Robert H. Lustig, das mittlerweile 2,4 Mio. Abrufe erreicht hat:

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Es wäre ja vielleicht nicht unmöglich, mit den Mitteln eines großen Senders ein Interview mit solchen Experten zu führen und auf Deutsch zu übersetzen. Kernpunkte sind hier die Wirkung von Einfachzucker (Monosacchariden) auf die menschliche Leber. Lustig ist der Auffassung, dass Coca-Cola hierdurch Effekte hat, die alkoholischen Getränken ähnelt. So ist die Welt der Softdrinks etwas komplizierter – und wohl leider auch noch schädlicher – als die Softkritik der ARD am Hersteller des Getränks.

Die Pseudo-Objektivität und -Kritik in der hiesigen Berichterstattung bestätigt deshalb die These, dass Mainstream-Medien an etwas teilnehmen, das durchaus als Verschwörung angesehen werden kann. Solche Begriffe verwenden auch andere Quellen zum Thema, wie etwa das Video „Conspiracy for Fat America & High-Fructose Corn Syrup“, in dem Ernährungswissenschaftlerin Radhia Gleis die Zucker/Leber-These noch einmal etwa allgemeinverständlicher erklärt und bestätigt:

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Auch die wirtschaftliche Seite von Malzsirup in Lebensmitteln und der damit verbundenen Anbauformen und ihrer Förderung ist also komplexer, als es uns „Der Coca-Cola-Check“ ahnen lässt.

Mit Dank für Hinweise an B. und M. B.

Tatort Hörspiel – Kokain in Serie


Sonntag, 15. April 2012, 16:19 Uhr. Autor:

Wie kaum anders zu erwarten, werden auch die Hörspiele zur ARD-Krimiserie „Tatort“ vom Publikum ‚gut angenommen‘. Die aktuelle Folge des Monats kann man auf der Website des „Radio Tatorts“ umsonst abrufen. Die Download-Zahlen werden mit jeweils über 100.000 angegeben.

Ich machte gestern einmal mit der 50. Jubiläums-Folge die Probe auf den Exitus: „Noch nicht mal Mord“, Buch: Dirk Schmidt. Das Personal der Hörspiele ist ein anderes als in TV-Folgen. In diesem Fall spielt die Geschichte, begleitet von Ruhrgebiets-Slang, in Hamm. Gaststar als Sprecher: Uwe Ochsenknecht.

Von den 58 Minuten hielt ich die Hälfte durch. Da wurde eine Leiche aus dem Klärwerk gezogen – was als olfaktorisches Ereignis verbal transportiert werden musste. Bei einer Wohnungsdurchsuchung fanden die Ermittler Kokain vor – das sogleich einem unerlaubten Praxis-Test unterzogen wurde. Zwischendurch tauchte noch ein sarkastischer Witz über Geschlechtsumwandlung („Totaloperation“) und Muttergeld auf.

Auch die TV-Version erweckt bei mir in Stichproben fortlaufend den Eindruck eines überfälligen, durch Frequenz-Steigerung totgelaufenen Formats, an das sich ein Millionenpublikum unbeirrt in nostalgischer Verklärung und todessehnsüchtiger Geschmacksverirrung klammert. In der besprochenen „Radio Tatort“-Folge finden wir einen weiteren massenmedialen Versuch vor, Leben im Ruhrgebiet durch etwas überzogenen Dialekt und eine gewisse trostlose Atmosphäre zwischen Maloche und aggressivem Verhalten darzustellen. In der PR für die Serie wird derlei als authentisches Lokalkolorit oder gar politisches Statement für den Föderalismus verkauft.

Ein Aufstöhnen erzeugte bei mir der erwähnte Kokain-Fund der fiktiven Ermittler. Seit 10-20 Jahren heben Film und Fernsehen in erheblich gesteigertem Maße die Luxus-Droge in das Massenbewusstsein. Ob Hollywood-Thriller oder Harald Schmidt, Boulevard-Magazin oder Todesnachricht aus dem Reich der Stars – immer und immer wieder Koks.

Hier führt dies zu der auf Einverständnis beim Publikum spekulierenden Vorgehensweise, dass Polizisten „Beweismittel“ durch die eigene Nase ziehen. Ein so versuchter Humor bleibt im aussageschwach Vagen: Polizisten koksen – nein, wie dreist. (Ist es das wirklich? Was sind Realitäten in Kreisen von Ermittlern oder gar von Geheimdiensten? Das könnte frisch und gewagt sein.) Beim Publikum löst derlei entweder aus: 1) Ich habe keine Erfahrung mit Kokain. Durch die Fiktion erhalte ich Einblick in eine Welt, von der ich nicht genau weiß, wie sie in der Wirklichkeit sein mag. So (glaube ich vielleicht mehr, als dass es der Fall ist) kann ich ein wenig mitreden, wenn das Thema aufkommt – Kokain, hahaha. Optional: Vielleicht probiere ich es selbst einmal, wenn sich mir die Gelegenheit bietet. Ich bin neugierig geworden. 2) Ich kokse selbst gelegentlich. Die Figuren sind Leute wie ich.

An diesen kognitiven Optionen einer solchen Darstellung von Drogenkonsum wird zum einen die – durchaus nicht ganz obsolete – alte medienkritische Frage virulent, inwiefern Medieninhalte zu ungesunden und gefährlichen Verhaltensweisen verleiten. Zum Thema Kokain könnte man ein ganzes inhaltsanalytisches Forschungsprojekt durchführen – und würde voraussichtlich zu Ergebnissen kommen, die Medienproduzenten nicht unbedingt recht sein können: Sie fördern in toto wohl effektiv die Schwarzmarkt-Subventionen gen Kolumbien. Die diskursive Dosis-Steigerung der letzten Jahrzehnte ging mit einer Steigerung des realen Konsums einher. So heißt es dann in Hilfsangeboten wie jenem des ambulanten Suchtberatungs- und Behandlungszentrums „seehaus“ in Hamburg:

Kokain hat sich in den letzten Jahren zur (illegalen) Droge Nummer Eins entwickelt. Für viele Menschen begrenzt sich der Konsum von Kokain nur auf eine vorübergehende Lebensspanne und findet in größeren Abständen auf Feiern statt.
Auf der anderen Seite entwickeln aber immer mehr Menschen Probleme im Umgang mit Kokain. Die Nachfrage nach Hilfeangeboten für Kokainkonsumenten hat deutlich zugenommen und zwar sowohl von Betroffenen als auch von Angehörigen.

Schön, dass Autoren von Kokain-Fiktionen auch für öffentlich-rechtliche Medien so gut verdienen. Die Zeche zahlt in einer solchen Hinsicht dann der Steuer- und Abgabenzahler für kostspielige Therapien, die jene beanspruchen, für die Inhalte nicht nur Unterhaltung, sondern auch Bewusstseinsbildung sind – und die sich so zu selbstschädigendem Verhalten anleiten lassen.

Wie ich am selben gestrigen Abend bemerken musste, ist diese Art der Prägung auf harte Drogen mittlerweile auch in entsprechenden Medienangeboten für Kinder und Jugendliche angekommen. In der Hörspiel-Folge „Die drei ??? – Zwillinge der Finsternis“ (2008) finden die jungen Ermittler ebenfalls im Laufe des Falles Kokain vor. (Der Autor der Folge ist Marco Sonnleitner, Lehrer in Memmingen.) Als Jugendlicher las ich selbst etwa die ersten 40 „Drei ???“-Bücher – und kann mich an derlei Inhalte nicht erinnern. Auch hier: Dosis-Steigerung – und: Drogen – und: härtere Drogen.

Im „Drei ???“-Hörspiel darf dann auch Sprecher Martin Semmelrogge jungen Zuhörern die Bedeutung des Wortes „Schnee“ in diesem Kontext erklären. In erwähnten Boulevard-Formaten werden hinwiederum entweder Semmelrogges eigene Drogenerfahrungen oder seine Warnungen davor präsentiert.

Sollte all dies die Alternative zu Prüderie und Verlogenheit in Sachen Rausch sein, haben die auch mit Drogen verbundenen gesellschaftlichen Revolten seit 1960 auf dieser Ebene leider eher Sorglosigkeit und Stumpfheit als Bewusstseinserweiterung hervorgebracht.

Worte ohne Worte 3 – Dead to be Live


Freitag, 13. April 2012, 18:47 Uhr. Autor:

“Gottschalk live” wird künftig aufgezeichnet
“Live-Charakter” der ARD-Show soll erhalten bleiben

http://de.nachrichten.yahoo.com via AFP, 13.04.2012

Was wollen Piraten?


Dienstag, 24. Januar 2012, 0:41 Uhr. Autor:

Am Spätabend des 23.01.2012 zieht die ARD unter der Überschrift „Piraten in der Politik – 100 Tage einer Aufsteigerpartei“ (Autoren: Nicola Graef / Torsten Mandalka) eine erste Bilanz zur Mitverantwortung der „Piratenpartei“ im Berliner Abgeordnetenhaus. Um genau zu sein: Es handelt sich um eine Dokumentation mit human interest, privaten Bekenntnissen und Impressionen. Zu politischen Inhalten ist so gut wie nichts zu hören (vielleicht zu sehen, wenn man so will).

Die mediale Präsenz der Piratenpartei seit der Berliner Wahl macht misstrauisch: Begierig griffen alle Mainstream-Medien das Thema der neuen Partei auf. Schnell wurde immer wieder deutlich: Über eine definitive Programmatik war wenig zu sagen, da diese nur teilweise beschlossen ist. Also stürzte man sich auf die wenigen Äußerungen neugebackener Abgeordneter oder Kuriosa wie einen jungen Mann mit Latzhose und Kopftuch im Parlament. Auch diese Medieneffekte zeigt die ARD. Aber sie fragt nicht wirklich danach, warum gerade dies Medieneffekte sind.

Der inhaltliche Leerlauf in politischer Berichterstattung begegnet immer häufiger. Es ist selbst beinahe schon ein Allgemeinplatz seit den 1990er Jahren – und dennoch der Erwähnung wert, weil für den Fortgang der Dinge essenziell: Die Tendenz geht hin zu Personalisierung und Skandalisierung. Affären um Bundespräsident Christian Wulff, bei denen dem deutschen Steuerzahler allenfalls einige 10.000 Euro abhanden kamen, nehmen in den Nachrichten breitesten Raum ein. Die Vergabe von 500 Mrd. Euro Krediten an Banken zum Zinssatz von 1 % durch die Europäische Zentralbank mit voraussehbarer Reinvestition der Gelder durch die privaten Banken in Staatsanleihen, auf die die Staaten anschließend für ihr eigenes Geld deutlich mehr Prozente zahlen, schien EU-Bürger nicht weiter zu interessieren. Den Gewinn werden Investoren und Banker einstreichen – Teil eines „großen Raubzugs“ (Alexander Dill), wenn nicht vor dem jeweiligen Zahltag doch der Crash kommt. Die „Bild“-Zeitung schreibt darüber keine Schlagzeilen („BRÜSSEL BITTET ZUR KASSE – Bürger beschenken Banker“), sondern schießt zeitgleich mit großem Tamtam den Präsi ab. Hmmm …

In diesem Sinne liegen die Dinge sogar ganz gut für eine Partei, die noch wenig Programm, aber vielleicht den einen oder anderen Aufreger zu bieten hat. Die Äußerung von Piraten-Geschäftsführerin Marina Weisband, ihre Partei könne sich auch wieder auflösen, wenn ihre Inhalte von anderen übernommen worden seien, ist zumindest ausreichend ‚ungewöhnlich‘, um eine Nachricht abzugeben.

Inhaltlich deutet sie imho eine Verkennung an, auf der eine Menge von Fehlentwicklungen der politischen Öffentlichkeit basiert: Wie andere politische Bewegungen im Anfangsstadium scheinen Piraten an reine Ideen zu glauben. Die richtige Idee könne also von beliebigen Personen umgesetzt werden. Die politische Szene lehrt das Gegenteil: Wahlen werden mit Versprechungen gewonnen, die man anschließend nicht einhält. Entscheidend ist, welche Person an welchen Posten gelangt – und dann von kritischen Medien möglichst unbehelligt anders handeln kann, als sie angekündigt hat. Deshalb mag die eine oder andere Idee rhetorisch übernommen werden – auch soziale Gerechtigkeit und ökologische Verträglichkeit sind oft genug nur Worthülsen oder werden auf drei, nun also vier Parteien links der Mitte verteilt, die erst einmal koalieren müssen und z. T. nicht wollen, also protestieren, aber nicht regieren dürfen. Bisher gab es die auf privaten Spenden und medialer Überrepräsentierung basierende Parteienfiktion FDP als Koalitionspartner, um andere Mehrheiten zu sichern, und die CDU nennt sich in Bayern „CSU“ und stellt bei öffentlichen Diskussionsrunden noch einen gleichberechtigten Diskutanten mehr. Welchen Part werden die Piraten in diesem Spiel einnehmen?

Ein weiterer vermutlicher struktureller Irrtum liegt im Fall eines piratischen Kernbegriffs, der „Transparenz“, vor (wenn nicht ohnehin die bloße Lust am Demonstrieren mit Transparenten gemeint ist – Informatik schützt nicht vor Sprachspielen). In der ARD-Doku wird das Wort herauf- und heruntererwähnt. Als Bundeskanzlerin, so Weisband, würde sie alle Sitzungen per Video-Livestream veröffentlichen. Das ist prinzipiell eine gute Idee. Was aber sagen uns die Einschaltquoten von Parlamentsdebatten auf dem Nachrichtensender „Phoenix“? Über sechsstellige Zuschauerzahlen kommen diese wohl kaum hinaus. Weitaus mehr Zuschauer erreichen zum selben Zeitpunkt unsägliche Doku-Soaps und Gerichtsshows auf den Privaten. Bei einem speziellen Interesse wie den Verhandlungen über das Atom-Endlager Gorleben ließ das Bundesumweltministerium für 150.000 Euro den Fachdialog ins Internet streamen. Zuschauer in Spitzenzeiten: etwa 90. Die „YouTube“-Seite des hier präsentierten Videos zählt in drei Monaten 175 Abrufe.

Dies führt uns natürlich zu der allgemeinen Frage, wie politisches Interesse und Bewusstsein zu wecken und zu erhalten sei. Ich persönlich glaube, dass unter den gegebenen Umständen politische Öffentlichkeit weiter schrumpfen wird. Transparenz und Partizipation, wie Piraten sie als direkte Demokratie, nicht zuletzt auf digitaler Basis („LiquidFeedback“), anstreben, bedeuten ein hohes Maß an Zeit, Aufmerksamkeit und Kompetenz beim Endverbraucher.

Man muss es kaum erklären: In unserer Gesellschaft besteht eine digitale Kluft zwischen alt und jung, gebildet und ‚bildungsfern‘ (siehe hier, S. 7ff.). Und mit der sozialen Schere (die auf Bedingungen des gesamten Wirtschaftssystems reagiert) spreizt sich der Gegensatz von Informierten und Nicht- bzw. Desinformierten. Wer weiß, wie man im Internet recherchiert, und bereit ist, Texte mit einem gewissen Umfang und Anspruchsniveau sowie in englischer Sprache zu lesen, hat einen enormen Wissensvorsprung, beinahe ohne finanziellen Aufwand. Wer im Internet die „Bild“-Zeitung ansurft und sich einige „witzige Videos“ auf „YouTube“ ansieht, verbringt im Vergleich mit dem RTL-Programm seine Zeit mit demselben Zeug von einem anderen Anbieter. Innerhalb der kleineren Bevölkerungsgruppe, die nennenswert online ist, sind die Letztgenannten in der Mehrheit. Und wer kümmert sich um die 9 Mio. Analphabeten?

Bevor man mehr direkte Demokratie einfordert, sollte man sich Gedanken machen, wie Menschen in konkreten Fragen überhaupt entscheidungsfähig werden. Pauschal lässt sich sagen, dass sie dafür ihre Zeiteinteilung ändern müssen. Sie werden sich sachbezogenen Informations- und Gesprächsangeboten zuwenden müssen.

Nun in persönlicher Anrede: Wogegen Ihr, die Piratenpartei, qua Programm steht, sind Medienkonzerne, die seit 30 Jahren mit immer mehr Flachsinn beglücken. Solltet Ihr mehr politische Verantwortung übernehmen, werden sich die Lobbyisten von Bertelsmann & Co. schnell um Euch scharen. Und sie werden Euch bald an dem Punkt haben, dass auch Ihr überzeugt seid: Die meisten interessieren sich eh nur für … Ihr wisst schon. Und sie wollen regiert werden. Was man ihnen zu bieten hat, ist ein bisschen mediales Trara, allgemeine Parolen und ab und zu ein Bauernopfer, auf das man zur Triebabfuhr eindreschen kann. Ansonsten gibt es reichlich „Bauer sucht Frau“, und wir sorgen dafür, dass die Armen ärmer und die Reichen reicher, die Einsamen einsamer werden (faktische Entwicklungen der letzten Jahrzehnte). Ihr werdet nolens volens am Neofeudalismus mitarbeiten, oder Ihr werdet aller Voraussicht nach kaputtgeschrieben werden. Mit Begriffen der „Transparenz“ könnt Ihr als Alibi dienen, wenn sie eine leere Behauptung bleiben. Wolltet Ihr damit ernstmachen, wäret Ihr der Todfeind aller Mächtigen.

Desinformation resultiert z. T. aus dem Überangebot – auch das wissen wir. Solltet Ihr also die Hoffnung haben, nach 30 Jahren Privatfernsehen noch eine nennenswerte Zahl von Menschen zu erreichen, die sich mit einem Sachthema vertraut machen und als Konsequenz eventuell sogar noch Änderungen an ihrer eigenen Lebensweise vornehmen wollen, müsstet Ihr also überlegen, wie Ihr a) Wissen bündelt und aufbereitet sowie b) Vermittlungsformen für reale Menschen findet (keine Bücher oder Internetseiten, die nur wenige lesen).

Ich nenne einmal ein paar notwendige Maßnahmen, die auf Eure politische Agenda gehören. (Sie mögen schon in einigen Mailinglisten oder Wikis vorgekommen sein, die ich hier und da mitlese; als zentrale Botschaft und in dieser Konkretion sind sie mir noch nicht begegnet.) Also:

  • Untersuchungskommission Lobbyismus: Wie verhindern wir die verschwörerische Manipulation öffentlicher Meinung und politischer Entscheidungen durch privatwirtschaftliche und elitäre Interessensverbünde? (Mögliche Ziele: Verbot individueller Parteispenden, Einzahlung in einen gemeinsamen Pool und Abgabe nach Proporz von Wahlergebnissen, steuerlich weiterhin absetzbar; veränderte Vorgaben für Karrierewege zwischen Wirtschaft und direkt relevanten Politikbereichen, ggf. längere Übergangsfristen mit Entschädigung.)
  • Generaloffensive Wissensallmende: Wie aggregieren und organisieren wir Wissen allgemeinverständlich? (Erarbeitung von konsensfähigen Wissensbeständen zu Kernfragen wie Energieversorgung, Sozial- und Wirtschaftssystem unter Einbeziehung aller gesellschaftlichen Kräfte; Präsentation von Ergebnissen und Zwischenergebnissen in ausführlichen Themenwochen der öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und TV-Sender, zumindest in diesen Zeiträumen Abschaltung von Privatsendern, evtl. Bürgerpflichten zur Anwesenheit bei Informationsveranstaltungen.)

  • Grundsatzkommission Geistige Arbeit: Wie sorgen wir dafür, dass Wissensarbeiter nicht mehrheitlich interessengeleitet argumentieren, weil sie als Unabhängige wirtschaftlich verarmen? Wie sorgen wir dafür, dass nicht Wissensarbeiter bloß unabhängig scheinen, obwohl sie vollkommen in elitär-hegemoniale Strukturen integriert sind? (Eure Verteidigung des Rechtes auf Privatkopie halte ich für richtig. Durch den Überhang naturwissenschaftlich-technisch gebildeter Piraten habt Ihr nach meinem Eindruck massenmedial vermittelte Inhalte kaum im Blick – wie leider auch viele Medienwissenschaftler nach Friedrich Kittler. Es ist schwierig, in diesem Bereich Qualitätsstandards zu definieren. Aber über die „Stunde der Stümper“ [Andrew Keen] im Netz zu reden, tut ebenfalls not. Die durch das kostenfreie Netz arbeitslos gewordenen Publizisten informieren nicht mehr unabhängig, sondern bilden den wachsenden Überhang der Marketing-Agenten.)
  • Untersuchungskommission Effizienz im Wissenschaftsbetrieb: Wie machen wir (über die „Open Access“-Debatte hinaus) wissenschaftliche Erkenntnis massenwirksam? Wie schaffen wir Transparenz in der Vergabe staatlich finanzierter wissenschaftlicher Arbeitsstellen (Qualitäts- und Leistungskontrolle)?
  • Arbeitsstelle für Eliteforschung: Auf historiografischer und soziologischer Basis werden Informationen über Machtstrukturen jenseits demokratisch gewählter Volksvertretungen gesammelt. Eine Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit Verschwörungstheorien und ihrem Wirklichkeitsgehalt.

Für meine eigenen Interessensbereiche in Geistes-, Medien- und Sozialwissenschaften hätte ich im Besonderen noch anzumelden:

  • Untersuchungskommission Privatfernsehen: Positionsbestimmung demokratischer Kräfte zu Inhalt und Auswirkungen von Sendungen kommerzieller Anbieter. (Eine weitreichende Debatte wäre vonnöten. Mein Beitrag liegt mit dem Buch „Glotze fatal“ vor.)
  • Forschungsverbund Metaphorologie: Empirisch basierte Dokumentation, Erörterung und Vermittlung von Bedeutungsproduktion in fiktionaler und nicht-fiktionaler Rede.
  • Dokumentationsstelle Bewegtbild: Schaffung eines Archivs für Produktionen des Film- und Fernsehgewerbes. (Die bisherige Praxis widerspricht dem Prinzip der Rechtsgleichheit: Jeder Buchverlag ist zur Abgabe von Exemplaren an Zentralbibliotheken auf eigene Kosten verpflichtet. Die finanziell weitaus einträglicheren Medienindustrien der Audiovision produzieren demnach im juristischen Graubereich und entziehen sich dem Zugriff der freien Wissenschaft, die so ihrer gesellschaftlichen Beobachtungsfunktion nicht nachkommen kann. Videosammlungen an Universitäten sind nicht von der Allgemeinheit, sondern als Pflichtexemplare von Medienproduzenten selbst zu finanzieren. Durch zusätzliche Abgaben werden, statt übermäßig luxuriöser Lebensverhältnisse von Medienproduzenten, neue Arbeitsstellen an zuständigen Bildungsinstitutionen und Archiven finanziert. Siehe auch hier zu meinem abgewandelten Begriff der „informationellen Selbstbestimmung“ in diesem Kontext.)

Zwei Tips meinerseits: Allzu ausgiebige Diskussionen über homeschooling würde ich außerhalb von Alaska nicht empfehlen. Und Ihr solltet den Wikipedia-Eintrag über Peter Urbach nicht erst lesen, wenn Ihr an Eurem ersten sicherheitspolitischen Untersuchungsausschuss teilnehmt. Wenn ihr ihn kennt, habe ich nichts gesagt.

Ahoi und auf bald!

Wir haben nichts anderes vor als Sportgucken


Sonntag, 8. Januar 2012, 19:01 Uhr. Autor:

Das Tagesprogramm der ARD vom 07.01.2012 hat eine einzige Überschrift – „Sportschau live“:

Dieser Tage war (hier und hier) schon von den Ablenkungsmanövern auf der politischen Szene selbst zu sprechen, mit denen die Aufmerksamkeit von den essenziellen Ereignissen in der Euro-Zone auf ein paar für Deutschland im Ganzen vollkommen unwichtige Kredit-Manöver von Bundespräsident Christian Wulff gelenkt wurden.

Eine der traditionsreichsten Methoden solcher Ablenkung ist die Berichterstattung über Profisport (siehe auch das Zitat hier), die über wenige Jahrzehnte nie gekannte Ausmaße erreicht hat.

Der Inhalt solcher Übertragungen besteht in einer starken Zeitdehnung, für die sich Moderator Matthias Opdenhövel schon reiflich im sportaffinen Show-Format „Schlag den Raab“ (Pro7) vorbereiten konnte, wie meine Video-Montage zum Thema „Organisierter Zeittotschlag“ zeigt:

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Am 06.01.2012 versucht Opdenhövel, die Schwierigkeiten mit der Oberfläche der Absprungrampe bei der Vierschanzentournee zum Psycho-Thriller heraufzuschwatzen: „Ja, das ist natürlich eine Nervenschlacht heute …“ Gezeigt werden immer wieder Einzelheiten der Optimierungsbemühungen an der Eisbahn, dann Interviews mit Sportlern und anderen Beteiligten, die im Kern auch nur sagen können, dass sie halt warten müssen, und zum Ausbau des Gesprächsinhalts etwa gefragt werden, ob sie denn nicht genervt ob der Warterei seien und wie sie sich denn vorbereiten.

Interviewerin Julia (Nachname ist im Internet nachträglich nicht herauszufinden) nimmt im Gespräch mit Ski-Springer Gregor Schlierenzauer dessen ihr bereits bekannte Vorgehensweise bei der Einstimmung auf den Wettbewerb schon vorweg, indem sie seine Gedanken wiedergibt: „Ich muss bei mir bleiben, drumrum alles ausblenden …“ Das scheint auch das Motto einer auf Profisport eingestellten Öffentlichkeit zu sein, die sich in der zweckfreien, aber äußerst langwierigen Betätigung von Profisportlern spiegelt.

Moderator Opdenhövel forciert erwartungsgemäß mit dem Experten Dieter Thoma die Technik des Beredens eines nasskalten Nichts noch einmal:

Ach ja, das wird heute noch ein langer Nachmittag. Aber das Tolle ist ja, Dieter, a) haben wir nichts anderes vor, wir bleiben hier und hadern der Dinge und wir haben ja noch viel anderen Wintersport bei uns im Ersten und schalten jetzt ma rüber nach Altenberg zur Bob-EM und Tom Scheunemann.

Die Sehbeteiligung für diese in Moderationen als „Zirkus“ bezeichnete Veranstaltung reicht vom „Skeleton Weltcup: Damen“ um 9.13 h mit 1,03 Mio. Zuschauer über den „Biathlon-Weltcup 10km Sprint Herren“ um 14.30 h mit 4,47 Mio. zum „Zweierbob-Weltcup: Herren“ um 17.33 h mit 3 Mio.

Rechnen wir die 45 Min. des „Biathlon-Weltcup 10km Sprint Herren“ also einmal in wache Lebenszeit von 16 h täglich um, wurden hiermit einmal wieder 574 Lebensjahre verbracht, in denen auch etwas anderes hätte geschehen können. Aber zumindest in puncto Zeit heißt es offensichtlich noch: Wir ham’s ja!

Desinfo im Perpetuum Wulffile


Freitag, 6. Januar 2012, 0:00 Uhr. Autor:

Ist es Notwehr? Ist es Verzweiflung? Ach nein, man nennt es wohl die äußeren Umstände, die einen dazu zwingen, die Wulffiaden der letzten Tage bis Wochen mitbuchstabieren zu müssen, obwohl man doch weiß (siehe hier und hier), dass man eigentlich über etwas anderes berichten und diskutieren müsste.

Die Welt der Nachrichten seit der Vorweihnachtszeit ist ein Dokument neuer Qualität dafür, wie Mainstream-Medien die Aufmerksamkeit auf Unwesentliches ablenken. Die Wulff-Affären sind keine Lappalie, aber auch keine Tragödie. Juristisch werden sie wohl keine Konsequenzen haben. Das ist eine andere Kategorie als Barschel oder ein Spion im Kanzleramt. Ein paar Mauscheleien und Luxus-Bonbons am Rande.

Man sollte also die Diskussionen eingrenzen, peripher berichten (vielleicht eine Kurznachricht am Ende der Liste). Abwarten, bis Fragen beantwortet sind. Das Gegenteil ist der Fall: Gefühlt die meisten Hauptnachrichten beginnen in den letzten Wochen mit einer Wulff-Nachricht, und die Rede von der „Salami-Taktik“ der Informationsherausgabe trifft auf eine Berichterstattung, die sich dieser elenden Nicht-Information unterwirft, ebenso zu. (Sonstige Metaphernlehre lassen wir hier mal weg.)

Die „tagesschau“-Website vom 03.01.2012 führt es so vor, dass jedes Satiremagazin kapitulieren muss. 6 von 16 Inhaltskästen variieren das Mantra Wulff in allen formatmöglichen Textsorten:

Am 04.01.2012 dauert die Wulff-Berichterstattung in der „tagesschau“ ganze 7 von 15 Minuten, worauf das 20minütige Interview des Bundespräsidenten mit Ulrich Deppendorf (ARD) und Bettina Schausten (ZDF) folgt. Die Journalisten fragen durchaus direkt und offensiv, doch die Antworten bleiben erwartbar schwammig und rührselig.

Am 03.01.2012 lautet die Top-Meldung der „tagesschau“: Wulff. Erst später in der Sendung geht es um die als Erfolgsmeldung verpackte Arbeitsmarktbilanz für den Dezember: 2,7 Mio. Arbeitslose, 231.000 weniger als im Vorjahr. Dazu wird immerhin der Vorstandsvorsitzende der Arbeitsagentur Frank-Jürgen Weise gehört. Und zwar mit der halsbrecherischen Formulierung:

Man muss an der Stelle sagen, dass die Qualität der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung, die gewachsen ist, nicht immer die ist, die sich die Betroffenen wünschen, nicht immer existenzsichernd …

Die Berichterstattung zu den weiteren Implikationen des Themas ist, sagen wir mal, nicht gerade tumultös. Google „hartz iv aufstocker 2011“ bringt einem v. a. Meldungen von 2009/10. Informationsgesellschaft! Mitte 2011 gab es außerdem vereinzelte Meldungen wie diese im „Focus“:

Im vergangenen Jahr habe die Gesamtzahl der sogenannten Aufstocker im Schnitt bei 1,383 Millionen gelegen, berichtete die „Bild“-Zeitung am Freitag unter Berufung auf Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit. Das seien 4,4 Prozent mehr als im Vorjahr und 13 Prozent mehr als 2007 gewesen.

Aktueller unter den findbaren ist der Artikel des „Instituts der deutschen Wirtschaft Köln“ (iwd, 17.11.2011), der Kritik am Aufstocker-Modell zum „Vorurteil“ erklärt. Für die Aufstockung durch Hartz IV werden ein paar für sich einleuchtende Argumente genannt – am stärksten wohl dies, dass die Integration in den Arbeitsmarkt gefördert werde.

Dennoch klingen die harten Zahlen anders – wenn man die Statistiken bis zum Ende liest. Das kommentiert im „Deutschlandfunk“ am 30.12.2011 Wolfram Weltzer, indem er auf die aus der Kategorie „Arbeitslos“ statistisch verbannten Arbeitslosen zusammenrechnet:

Nicht 2,7 Millionen Menschen wären im November arbeitslos gewesen, sondern 3,9 Millionen.
Auch diese Zahl findet sich im Nürnberger Zahlenwerk. Ganz am Ende der dicken Statistik weist die Bundesagentur für Arbeit detailliert die Unterbeschäftigung aus. Wohlweislich aber ganz am Ende – so schafft es die Zahl nicht in die Meldungen der Nachrichtenagenturen, und so müssen die Politiker der jeweiligen Regierung sie auch nicht kommentieren oder sich gar noch dafür rechtfertigen.

Und noch wesentlicher als dieses schon sehr wesentliche Thema sind derzeit die Entwicklungen in der „Europäischen Union“ und ihrer finanziellen Organisation. In der „tagesschau“ vom 03.01.2012 ist auch dies Thema, und zwar durchaus instruktiv mit einer Aussage von Thorsten Polleit (Barclays Capital):

Deutschland hat nun nicht mehr die Vertretung des Chefvolkswirtes und kann dadurch auch nicht mehr wie bisher die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank maßgeblich mitbeeinflussen.

Wäre es wirklich tendenziös, eine solche Aussage als erste Meldung zu platzieren? Diese Meldung kommt hier als zweite nach 4 Min. Wulff. Und wer weiß, wieviele Zuschauer erst einmal ein Kurzgespräch über die Abstrusitäten des Wulffiversums führen, als die nächste Meldung eingeblendet wird, die irgendwie weit weg und dazu noch aus dem trockenen Wirtschaftsressort stammt: „Neuer Chefvolkswirt der EZB“. Der Belgier Peter Praet ist es geworden – statt des ursprünglich vorgesehenen Jörg Asmussen.

Herrn Asmussen kennt kaum jemand. Er läuft in den Hauptnachrichten immer nur im Hintergrund herum:

Screenshot: ARD, 03.01.2012

Asmussens Mitverantwortung für die Verluste des deutschen Staates in der Finanzkrise ab 2008 haben andere (wie hier Guido Kirner) schon ausführlicher besprochen. Aus den dort genannten Gründen müsste eigentlich Asmussen – und nicht nur einmal, und nicht nur für 20 Min. – von Journalisten zur Hauptsendezeit befragt werden.

Derzeit bestätigt sich an solchen Strategien der Desinformation (wir sehen, das geht auch, indem man die Ereignisse als solche gar nicht verschweigt), dass wir uns in einer Transformation befinden, über die man in einer Demokratie eigentlich öffentlich und effektiv sprechen müsste.

Die Kosten für Hartz-IV-Aufstocker (nicht nur, aber auch billige Arbeitskräfte für Unternehmen) betrugen 2005-09 insgesamt 50 Mrd. Euro. Durch die Manöver in der EZB (auch diese hier erwähnt) kommen noch ganz andere Dimensionen von Ausgaben und Risiken auf den deutschen Steuerzahler bzw. unser aller Schuldenkonto zu.

Zur Frage, wie die zunehmende Verschuldung in der Administration gehandhabt wird und wer von ihr profitiert, sei abschließend dieser „Panorama“-Beitrag empfohlen, der „YouTube“-Zuschauer nicht so wirklich zu interessieren scheint (knapp 3000 Abrufe in einem Jahr):

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Zweifelhaft zitiertes Zutreffendes zur technotronischen Ära


Freitag, 16. Dezember 2011, 18:12 Uhr. Autor:


In „Between Two Ages“ breitete Brzezinski seine Vision aus, wie die US-Gesellschaft sein sollte. Die USA, so schrieb er, befänden sich nun in der Phase „einer Informationsrevolution, basierend auf Entertainment, Zuschauerspektakeln (z. B. übersättigende Berichterstattung über Sportereignisse durch das Fernsehen), die ein Opiat bieten für eine zunehmend zwecklose Masse“.

So steht es zu lesen auf S. 91 von John Colemans „Das Komitee der 300“ (zuletzt 2006) in der deutschen Übersetzung. Der Autor zitiert angeblich Zbigniew Brzezinskis „Between Two Ages. America’s Role in the Technetronic Era“ (1970). Für die englische Version finden sich als Zitat im Netz über 700 Suchergebnisse per Google. Das englische PDF von Brzezinskis Buch enthält die im Netz so häufig aus Colemans Buch entnommene Passage jedoch nicht. Halten wir dies erst einmal so fest und begegeben wir uns an dieser Stelle nicht in die Untiefen einer Diskussion über versteckte Absichten und Desinfo in dem durchaus interessanten, aber merkwürdig lektorierten Werk Colemans.

Für die „übersättigende Berichterstattung über Sportereignisse“ jedenfalls gibt es dieser Tage neue ökonomische Rahmendaten. Und während im September der um 1,47 Mrd. Euro erhöhte Finanzbedarf der öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF für die Gebührenperiode 2013-16 hohe Wellen schlug, der u. a. zu ca. einer halben Milliarde Euro Ausgaben für Sport-Großereignisse wie Fußball-Weltmeisterschaft und -Europameisterschaft sowie Olympiade beitragen soll, taucht die neueste Meldung in den Medien kaum auf.

Nachdem ich in einer Nachtausgabe von WDR-Radionachrichten davon hörte, hatte ich Mühe, eine entsprechende Meldung wiederzufinden. Das Blog „turi2.de“ schafft jedoch am 16.12.2011 Abhilfe. Der WDR sieht laut Intendantin Monika Piel für 2012 53,9 Mio. Euro Verlust voraus. Ein Grund:

Allein der Fernsehetat steigt 2012 um happige 31 Mio auf insgesamt 435 Mio Euro. Grund sind vor allem die Rechtekosten für die Fußball-EM und die Olympischen Sommerspiele.

Dass man sich mehr mit Poldi, Schweini und Jogi beschäftigen muss als mit Finanzkrise, CO2-Emissionen oder demografischem Wandel, leuchtet kultürlich ein. Aber warum erhöhen wir die Etat-Defizite und Schuldenberge dafür nicht noch ein bisschen mehr?

Das letzte Fiction-Frequenzband


Samstag, 26. November 2011, 21:38 Uhr. Autor:

Das Verhältnis von Bild und Wirklichkeit ist hier ja eine Art Langzeit-Unterrubrik. Dieser Tage gibt es dafür etwas reichlicher Stoff auf der Ebene von Nachrichtenmeldungen. Am gröbsten wohl die Ernüchterung, dass der „Sesamstraßen“-Komponist Fernando Rivas wegen Besitz und Herstellung von Kinderpornografie angeklagt ist („Welt Online“, 24.11.2011). Da hilft auf Rezipientenseite nur noch, dass Musik als reine Form recht mittelbar zurückzuführen ist auf das, was sich im Kopf des Erfinders so abgespielt hat.

Wenn die Welt schon nicht so funktioniert, wie man sich das vorstellt – ändert man eben das Programm. „meedia.de“ meldet am 25.11.2011 über den Sat1-Geschäftsführer: „Kosack erhöht die Fiction-Frequenz“. Hierbei lernen wir auch, dass es in diesem Sender eine Funktion mit dem Titel „Senior Vice President Deutsche Fiction“ gibt. So wird nun richtig durchregiert, auch wenn von der Muttersprache nur noch das Adjektiv übrigbleibt.

Was haben wir noch? Richtig: Heute tickert „Spiegel Online“, dass Katharina Saalfrank als RTL-„Supernanny“ den Dienst quittiert, und zwar wegen der „‚Entwicklung des medialen Markts‘ hin zu ‚gescripteter‘, also inszenierter, Realität“. Bei aller Skandalisierung und allem Voyeurismus war dies noch eines der Formate, in denen man mit gutem Willen eine Popularisierung pädagogischen und psychologischen Wissens hat sehen können, ohne die bestimmte Zielgruppen in den von ihnen gewählten TV-Programmen nur noch dem Sinn- und Orientierungsverlust überlassen worden wären. Aber wir sehen: Da wird ständig optimiert und nochmal nachgezogen. Wäre doch gelacht.

Dass der Zerfall familiärer Strukturen auch auf dem Bildschirm und in seinen Fiktionen nichts ganz Neues ist, zeigt ein Artikel wie „10 Dysfunctional TV Families We’d Like to Adopt“. Als Zeichen der Zeit dürfte die Kurzfassung einer Serie wie „United States of Tara“ (USA 2009-11) angesehen werden können, die die ARD im März bis Mai 2011 nur den Nachteulen zumuten wollte. In der deutschen Info findet sich keine Satzfolge, die den Inhalt so unnachahmlich verdichtet wie diese:

A woman struggles to find a balance between her dissociative identity disorder and raising a dysfunctional family.

Hier ist die von Steven Spielberg produzierte Serienwelt erklärtermaßen jenseits der ‚Normalitätsgrenze‘ angesiedelt. In der Entscheidung über eine solche Bewertung bestand am 09.11.2011 in der ARD gerade die Ambivalenz, wenn Carola Weber (Anja Kling) in „Es ist nicht vorbei“ (D 2011, R: Franziska Meletzky) ihrem sozialen Umfeld beweisen muss, dass der Vorgesetzte ihres Mannes (Tobias Oertel), Prof. Limberg (Ulrich Noethen), ein Arzt ist, der sie während ihrer Inhaftierung zu DDR-Zeiten unter Drogen gesetzt hat. Gegen Limbergs Reputation kommt sie zunächst nur schwer an und steht als verwirrte Lügnerin da, bis sich doch noch die Wahrheit herausstellt.

Es liegt hier nun einmal wieder die Handlungskonstellation vor, die in der Filmgeschichte von Filmen wie „Gaslight“ (USA 1944, R: George Cukor) bis „Soylent Green“ (USA 1973, R: Richard Fleischer) reiflich durchgespielt ist: Held oder Heldin haben etwas gesehen oder wissen etwas, das niemand glauben will, obwohl es stimmt. Die Paradoxie im Verhältnis von Realität und Film besteht darin, dass der Unverstandene im erfundenen Plot meist der Sympathieträger ist, während im Falle sog. „Verschwörungstheorien“ die Massenmedien bisher die Sprachregelung der Paranoia und verzerrten Realitätswahrnehmung vorgeben.

Daraus ergeben sich immer wieder komische Effekte – so auch in „Es ist nicht vorbei“. Als Zuschauer sind wir auf der Seite von Carola, der „paranoide Wahnvorstellungen“ unterstellt werden. Als größter Hohn wirkt es schon auf der realistischen Handlungsebene, dass Prof. Limberg eine Habilitationsschrift mit dem Titel „Multiple Persönlichkeiten und ihre Reintegration in den Alltag“ verfasst hat. Für Drehbuchautoren (hier: Kristin Derfler / Clemens Murath) ist dies ein in-joke, da sie in viele Fällen selbst an den mehr als multiplen Persönlichkeiten arbeiten, die im Sortiment der Massenmedien die Zuschauerpsyche künstlich erweitern: Für den ausufernden Mediengebrauch im Alltag kreieren sie die eskapistischen Fantasien und realitätsfernen Identifikationsfiguren.

Was in Maßen den Horizont erweitert, führt in unserer Gegenwart möglicherweise zu vollkommen weltfremden, aber als ‚normal‘ angesehenen Denk- und Verhaltensmustern: Etwa entspricht die über Jahrzehnte angestiegene Instabilität von Paarbeziehungen den Verhaltensmustern, die Prominente und Filmfiguren vorleben. Die Traumwelten von yellow press und Attraktionskino scheitern bei ihrer Übertragung in die Realität: Privatverschuldung etwa steigt aufgrund von Luxus-Konsum, mit dem man versucht, den fernen Vorbildern nachzueifern. Solange Banken mit Krediten das Unmögliche vorläufig und möglichst früh möglich machen, merken es die Betroffenen erst, wenn es zu spät ist. Und erst, wenn den im Kapitalismus generell Träumenden klar wird, wieviel von ihrem Kapital fiktiv ist, erfolgt wieder die Besinnung: In der Wirtschaftskrise 2008 ließen sich etwa in Spanien 13,5 % weniger Ehepaare scheiden als im Vorjahr. Wäre ihre Entscheidung sonst richtig gewesen?

In „Es ist nicht vorbei“ drängen weitere Symptome der Gegenwart an die Oberfläche einer Fabel, die DDR-Vergangenheit aufarbeiten soll. Während die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen 2010 verbucht, dass 1,4 Mio. Menschen medikamentensüchtig sind, ist die Verabreichung von solchen Mittelchen durch einen Arzt in diesem Film anhaltend unbewiesen, was sich zu der Verschreibungspraxis der Gegenwart ironisch verhält:

Jochen: „Und ob er dir tatsächlich Psychopharmaka gespritzt hat, um ’ne Unterschrift von dir zu erzwingen – das kannst du ihm nicht beweisen!“
Carola: „Und deshalb ist es jetzt in Ordnung, ja, dass mir zwei Finger fehlen und er einfach so weitermacht, als wär nichts passiert!“

Unter Medikamenteneinfluss hat sich die Filmfigur an einer Kreissäge in der Gefängniswerkstatt zwei Finger abgetrennt und dadurch ihre Karriere als Pianistin ruiniert. Das ist ein fürwahr sehr seltenes Fallbeispiel. Und ebensowenig, wie sich das Hauptabendprogramm für Tablettensucht interessiert (die Pharma-Lobby, die auch Werbespots bezahlt, könnte es stören), weckt es nachhaltig das Bewusstsein für die katastrophale demografische Entwicklung über ein paar Talkshow-Momente hinaus.

Ein millionenfaches Lebensproblem von Frauen im Alter der Hauptdarstellerin Anja Kling (* 1970) ist jene Kinderlosigkeit, die Deutsche von manch anderen Volksgruppen unterscheidet:

Quelle: Rainer Münz / Ralf Ulrich: Bevölkerungsprojektionen nach Nationalitäten für Deutschland

Doch dies ist ebenfalls kein Thema, mit dem man sich am Ende des Arbeitstages so gerne beschäftigen möchte. Die Kinderlosigkeit der weiblichen Hauptfigur resultiert in diesem Fall aus den Machenschaften des DDR-Regimes und soll durch eine Adoption korrigiert werden. Filme zur Hauptsendezeit widmen sich generell aber eher dem weltgeschichtlich vielleicht ein einziges Mal realisierten Drama, dass eine Klavierspielerin im DDR-Gefängnis zwei Finger verliert, als der Frage, ob eine Volksgemeinschaft nun genetisch entsorgt werden soll oder nicht. Und dies ist leider keine rechtslastige völkische Polemik, sondern eine Frage, ob man statistische Daten in einen Taschenrechner eingeben kann oder nicht. Und fragen Sie einmal einen Türken, ob es ihm egal ist, ob das türkische Volk ausstirbt. Bei all den vielen Interessen, die sie sonst haben, fällt auch deutschen TV-Moderatoren so etwas nicht ein. Für sie besteht die Konsequenz in einer reflexiven und diskursiven Verkrampfung, die man sich nur am DDR-Justizopfer zur besten Sendezeit vorzuführen getraut. Carola: „Ich kann nicht darüber reden. Dann kommt alles wieder zurück.“

Als Konzession an die Gewohnheit von Fernsehmachern, Fiktionen wie Dokumentationen mit etwas Hoffnungsvollem abschließen zu wollen, wo erst Problembewusstsein das Nachdenken in Gang setzen müsste, ist hier noch anzumerken, dass es der Fiktion gelang, am Abend von „Es ist nicht vorbei“ von 5,58 Mio. Zuschauern beim Fernsehfilm 5,01 Mio. zur anschließenden Dokumentation von Kristin Derfler zu locken.

Sail away auf einem Meer aus Lügen


Sonntag, 10. Juli 2011, 0:05 Uhr. Autor:

Als Programmtip aus dem Archiv der letzten Tage (gefunden via www.videogold.de) sei hier die „Panorama“-Reportage „Das Lügenfernsehen“ von Anja Reschke empfohlen:

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Auf meedia.de klärt Stefan Winterbauer am 08.07.2011 hinwiederum darüber auf, dass auch der Umgang des NDR-Magazins von bestimmten Interessen – nun eben jenen, das Privatfernsehen bloßzustellen – geleitet sei. Winterbauer sieht hier „eher überschaubare Enthüllungen“.

An dieser Schraube können wir genüßlich noch etwas weiterdrehen: Herrn Winterbauers Beitrag nämlich wirkt schon eher so, als wollte man bei meedia.de die Bewusstseinsbildung beim breiteren Publikum, wenn sie denn einmal befördert wird, durch etwas lässiges Wissen-wir-doch-alles-schon ausbremsen. (Auf demselben Portal geht das manchmal auch nach dem Prinzip So-schlecht-ist-es-doch-auch-nicht, wie hier in meinem Kommentar bemerkt.)

Was Winterbauer als Enthüllung „eher überschaubar“ findet, ist in Reschkes Bericht nach Tests mit Zuschauern jedoch statistisch etwa der Hälfte der Konsumenten unbekannt – das erwähnt er seinerseits wieder nicht. Und wenn Top-Politiker schon nichts über die Realität der Massenmedien gewusst haben wollen (s. u.), warum dann nicht über sie berichten? Wenn dann nicht falsch berichtet wird, erübrigt sich doch Kritik an dieser Stelle, wenn sie nicht aus anderen Gründen bezahlt wird – und auch dann erübrigt sie sich für alle, die nicht selbst daran verdienen.

Winterbauers Enthüllungen über die enthüllende Anja Reschke sind, wie er selbst zu ihr bemerkt, denn recht überschaubar. Falschdarstellungen gibt es gegenüber der allgegenwärtigen Lügenästhetik bei RTL oder Pro7 jedenfalls keine. Anja Reschke hat einen früheren Bericht überarbeitet und dabei ein veraltetes Thema (Fälschungen des TV-Journalisten Michael Born) und ein Interview mit einem Produzenten herausgenommen, der auch für den NDR liefert. Ändern tut das an der Aussage und dem Realitätsgehalt dieser Reportage wohl nichts.

Dann mokiert sich Winterbauer, der Bericht sei „angereichert mit Interviews von alten Männern (der frühere Postminister Christian Schwarz-Schilling und der medienpolitische Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion Wolfgang Börnsen)“, deren „Antworten […] man sich denken“ könne. Gegen die Auswahl dieser Personen spricht nun gar nichts – historisch Verantwortlicher für die medienpolitische Umsetzung des „Kabelfernsehens“ und aktueller Medienbeauftragter. Wo sieht Stefan Winterbauer da die Alternative – vorher seitens des NDR Bill Kaulitz zum medienpolitischen Sprecher der Union machen, um dann nicht „alte Männer“ interviewen zu müssen?

Das Interessante beim Ansehen ist, dass die Art und Weise, wie etwa Schwarz-Schilling – obwohl vom Prinzip ‚Private‘ nach wie vor überzeugt – sich über seine eigene Hinterlassenschaft an einem Beispiel aus „Mitten im Leben“ (RTL) echauffiert, selbst schon wieder scripted wirkt. (Es ist exakt derselbe Effekt, der bei der Konfrontation des Wirtschaftsministers a. D. Wolfgang Clement, SPD, eintrat, als ihn Markus Breitscheidel mit der Realität von Leih- und Zeitarbeit vertraut machte – so hat man sich das nicht vorgestellt, aber nachhaltig politisch umgesetzt. Hier auf „YouTube“ zu sehen.) Börnsen begann angeblich, nach dem Interview mit Reschke mahnende Briefe an Ministerpräsidenten zu schreiben, weil er nun gelernt hatte, was Scripted Reality ist. Da ist man in der Medienpolitik also schwer auf Draht.

Ich finde, die Reportage funktioniert schon ganz gut, und der „Zynismus pur“, den auch Winterbauer bemerkt, ist nachdrücklich dokumentiert. Die psychosoziale Wildwest-Mentalität, die sich da hinter so mancher halbstudierter, aber bestens bezahlter Hornbrille verbirgt, wird uns weiterhin zu schaffen machen. Und so lustig sind CDU-Comedians, die ihnen den Weg bereiten, dann auch nicht, dass sich das Spiel dafür lohnte.

(Das Buch „Glotze fatal“ enthält einige Fallbeispiele aus der Scripted-Reality-Praxis, so auch aus „Mitten im Leben“.)