Mit ‘11. September 2001’ getaggte Artikel

„Derrick“ – die Exhumierung, Teil 2


Samstag, 28. Januar 2012, 18:27 Uhr. Autor:

Am 10.10.2010 fand in diesem Blog die Premiere von „Derrick erklärt den Film“ statt. Sie war verbunden mit der Androhung eines zweiten Teils. In der Zwischenzeit war viel zu tun; deshalb folgt dieser erst jetzt.

Nun treffen Oberinspektor Derrick und Inspektor Klein auf ihre Kollegen aus der Parallelserie „Der Alte“, hier in Video-Schnipseln der ersten Besetzung mit Siegfried Lowitz als Kommissar Köster und Michael Ande als Gerd Heymann (1977ff., Letzterer immer noch im Dienst).

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„Sie müssen mir das, was Sie da erzählen, das müssen Sie mir mal erklären!“ So lautet in einer Szene Derricks Aufforderung, die also als polizeiliche Durchsage die Deutung jedes künstlerischen Werks betrifft. Sie steht im Kontext der Rhetorik des filmischen Gesichts, denn sie ist verbunden mit einer Zeigegeste Tapperts, die wir als ein Thema im „GesichterWissen“ diskutieren.

Screenshot: ZDF

Der Report, der nach einer anderen Aussage von Harry Klein seinen Kollegen Stefan „umhaun“ wird, war also zu diesem Zeitpunkt noch nicht öffentlich im Umlauf. Wir bemühen uns nach Kräften, verspätete Abhilfe zu schaffen. Würde er von Gesichtern handeln? Es sieht in solchen Serien alles danach aus.

In dieser Montage werden Drehbücher von Herbert Reinecker, der „Derrick“ alleine schrieb, mit Skripts für den „Alten“ von Bruno Hampel, Volker Vogeler und Karl Heinz Willschrei gemixt – alle drei vielbeschäftigte ZDF-Autoren.

Hervorheben möchte ich des Weiteren die Szene, in der Köster und Heymann in der Folge „… tot ist tot“ (D 1985, R: Günter Gräwert, B: Volker Vogeler) über ein vermutliches Betrugsmanöver räsonnieren:

Screenshot: ZDF/3sat

Heymann: „Wie wär’s, wenn es Selbstmord war?“
Köster: „Und die hat das daraus gemacht, was wir hier vorgefunden haben – einen Einbruch und einen Mord, wegen der Versicherung … Jajah …“
Heymann: „Nach dem Motto: Tot ist tot!“

Im Bildhintergrund finden wir in der rau verputzten Wand eine Pfeilerform wieder, die in „Kino Okkult 1 – 11. September 2001“ ausführlichst Thema ist: Sie wird über Jahrzehnte vor 9/11 in Spielfilmen immer und immer wieder in Kontexten eingesetzt, die dem späteren Terroranschlag auf zwei pfeilerförmige Hochhäuser zugeordnet werden können (hier auch erläutert in einem Selbstgespräch des Autors).

Screenshot: ABC, 11.09.2001

Der Inhalt des Dialogs liegt sehr nahe an einer der zentralen Verschwörungstheorien zu den Terroranschlägen von 9/11: Statt eines Anschlags durch islamistische Terroristen („Einbruch“ und „Mord“) habe es sich um eine false flag operation US-amerikanischer Geheimdienst selbst gehandelt („Selbstmord“), eventuell unter Mitwirkung des Pächters der Türme des World Trade Center. Die weitere Vorgehensweise von Figuren in der Serienfolge entspricht dann exakt dem Modus, den die Verschwörungstheorie unterstellt: Versicherungsbetrug unter Vorspiegelung falscher Tatsachen.

Der verschwörungstheoretische Diskurs ist in Serien wie „Derrick“ und „Der Alte“ fortgesetzt subkutan vorhanden. Er wird lediglich in die Vorstellungs- und Erlebniswelten bürgerlicher Alltagskriminalität transponiert. In der zitierten Folge „Caprese in der Stadt“ (D 1991, R: Alfred Weidenmann) ist es allerdings die in dieser Serie seltenere Variante der organisierten Kriminalität, auf die sich die Aussage bezieht – und damit einen Komplex modernen Verbrechens betrifft, der in Verschwörungstheorien eng mit konspirierenden Eliten verknüpft ist:

Derrick: „Es wird weitergehen. Es wird was passieren. Und sie wissen, dass etwas passieren wird.“ (Klein öffnet mit einem knallenden Geräusch seine „Bonaqa“-Getränkedose.)

Der Modus von Verschwörungstheorien besteht immer darin, dass jemand angibt zu „wissen, dass etwas passieren wird“, oder dass man dies hätte wissen können. Und es geht immer darum, dass es „weitergehen“ wird, dass geheime Mächte am Werk sind, die ihre Strategien fortgesetzt realisieren.

Gerade heute versucht der „Spiegel“ einmal wieder auf besonders hanebüchene Weise, als „Verschwörungstheorie“ stigmatisierte Diskurse unterzubuttern. Jeder Blick in Geschichtsbücher zeigt, welch durchsichtige Propaganda hier betrieben wird. Und die Original-Dialoge in über Jahrzehnte weit verbreiteten Serien wie „Derrick“ und „Der Alte“ sowie zahllose subtilere Anzeichen in solchen Produktionen führen uns auf ganz andere Fährten. Als Leser muss man selbst wissen, wem man sich zur Erforschung dieser Gefilde anvertraut.

9/11 – Fragen, Lügen, Flüge 2


Freitag, 9. September 2011, 13:06 Uhr. Autor:

In Teil 1 des Gesprächs hatten wir von Filmszenen gesprochen, in denen die Flugzeugeinschläge an 9/11 in der Filmgeschichte vorweggenommen wurden. Deine bisherigen Beispiele waren mir etwas zu indirekt. Gibt es denn nun Filme, in denen wirklich das Ereignis 9/11, wie wir es kennen, erzählt wird, bevor es eintrat?

Es gibt bekannte Beispiele wie den Pilotfilm der US-Serie „The Lone Gunmen“, in dem wenige Monate vor 9/11 ein Flugzeug ins World Trade Center ferngesteuert werden soll, was man im letzten Moment vereiteln kann. Hier will ein Waffenproduzent die USA in einen Krieg stürzen, von dem er profitieren würde. Es gibt eine Reihe von Action-Szenen des US-Kinos, von „Passwort: Swordfish“ im Jahr 2001 über „Die Hard“ von 1988 bis zurück zu „Flammendes Inferno“ von 1974, in denen die Explosionen an den Hochhäusern fast 1:1 vorkommen. In allen drei Fällen gibt es zudem noch andere komplexe Bezüge zu 9/11, die ich im Buch erläutere. Selten erwähnt, aber nicht ganz unbekannt ist die Tatsache, dass in „Der Schrecken der Medusa“, einem britischen Film von 1978, ein durch Telekinese gelenktes Flugzeug in ein Hochhaus rast. In meinem Trailer zum Buch ist das beispielhaft zu sehen.

Am Anfang des ersten Teils hatten wir das Beispiel aus „Weekend im Waldorf“, in dem sich ein Flugzeug dem Hochhaus nähert. Ist so etwas ein seltenes Beispiel?

Am häufigsten sind Bildargumentationen, in denen ein Flugzeug herannaht, manchmal an der Kamera vorbeisaust – und dann folgt ein Schnitt, der zu Gebäuden überleitet, die mehr oder minder eine Tower- oder Twin-Towers-Form aufweisen. Ich diskutiere auch eine Reihe von Beispielen, in denen mit einer Überblendung gearbeitet wird, in der durch den filmischen Trick ein Flugzeug tatsächlich in das Bauwerk oder die Tower-Formen ‚hineinzufliegen‘ scheint, die in der nächsten Einstellung folgen. Das hat nach meiner Beobachtung System – und zwar deshalb, weil sich in den von mir gewählten Beispielen zahlreiche andere Argumente aufzeigen lassen, die für eine solche Gestaltungsabsicht sprechen. In „Die drei Tage des Condor“ von 1975 gibt es die Variante mit Schnitt am Washingtoner Flughafen. Der Film spielt aber größtenteils in New York, das World Trade Center ist mehrfach im Bild, ist sogar der Standort einer CIA-Filiale, die die Liquidierung eigener Leute abwickelt, weil diese angeblich zuviel wissen. Die John-Grisham-Verfilmung „Die Akte“ von 1993 lässt sich als eine versteckte Attacke auf die Öl-Dynastie der Rockefellers lesen, von der wir schon sprachen. Zwei Figuren, die auf ein Flugzeug überblendet werden, können als Metapher für die Twin Towers und ein Flugzeug, das in diese einschlägt, funktionieren. Die Filmhandlung erzählt von einem Kampf gegen verschwörerisch-mörderische Umtriebe eines Öl-Magnaten, der die US-Regierung korrumpiert und seine Killer losschickt. Die Szene mit der Überblendung dreht sich um einen erpressten Flug, bei dem der Pilot erst nach dem Start erfährt, wohin die Reise eigentlich geht. „911“ kommt im Film zweimal in Gestalt des amerikanischen Telefon-Notrufs vor, einmal als Zahl im Bild, dann im Dialog – beides ist im Roman von Grisham nicht enthalten. Wenn man liest, dass Regisseur Alan J. Pakula, ein Experte für solche Themen seit „Zeuge einer Verschwörung“ von 1974, am 19.11.1998 auf der Autobahn bei New York von einem herabfallenden Metallrohr durchbohrt wurde, überlegt man manchmal schon, ob es gut ist, über so etwas zu reden.

 

Zabriskie Point (1970), Metro-Goldwyn-Mayer/Trianon

Dann gibt es zum Beispiel noch „Zabriskie Point“ von 1970, in dem ein Student auf einem Flugplatz eine Cessna stiehlt. Kurz zuvor beobachtet er ein anderes Flugzeug, das ‚in einen Turm hineinfliegt‘ – allerdings in der Bildtiefe wieder dahinter hervorkommt. Die Figur des Studenten bewegt sich vor einer Reihe von Tower-Formen, Pfeilern eines Gebäudes, vorbei. Auf dem Flugplatz sehen wir den Schriftzug der Firma Northrop. Sie gehört in der 9/11-Verschwörungstheorie zu den Verdächtigen für die Herstellung von Flugdrohnen, die an 9/11 statt der Verkehrsflugzeuge zum Einsatz gekommen sein könnten. „Zabriskie Point“ wird im Nachhinein als paradigmatischer Film der counter culture gelesen. Er zeigt den Gegensatz von Industrie und Geschäftswelt zu den aufmüpfigen Studenten. Das, was man uns von den angeblichen 9/11-Attentätern erzählt, passt in dasselbe Schema: Sie sollen Revoluzzer gewesen sein, die mit sehr beschränkten Mitteln gegen eine Staats- und Wirtschaftsmacht agierten und das Fliegen fast ausschließlich auf Cessnas übten.

Mit den subversiven Kräften eines studentischen Milieus haben wir in diesem Beispiel auch ein Feindbild, das in Deutschland mit der RAF verbunden ist …

Ja. Die Konstruktion von Feindbildern ist für den kulturellen Komplex 9/11 essenziell. Das führt uns etwa zu der ambivalenten Figur von „Batman“, der seit seiner Erfindung 1939 das sogenannte Gute vertritt, indem er zuweilen auch kriminell handelt. Schon bei einem seiner ersten Auftritte in „Detective Comics“ von 1939 bringt er einen größenwahnsinnigen Verbrecher zur Strecke, der die Weltherrschaft an sich reißen will. Batman sprengt dessen feudales Anwesen in die Luft und lässt den Bösewicht, von Gas betäubt, vor der New Yorker Skyline – es ist hier noch nicht Gotham City – mit dem Flugzeug in den Hudson River stürzen. Das ist nur wenige Meter entfernt vom heutigen Areal des World Trade Center.

„Detective Comics“ #33 (1939), DC Comics

Zuvor werden durch Kruger New Yorker Hochhäuser mit rätselhaften Energiewellen von Zeppelinen aus zum Einsturz gebracht. Außerdem ähnelt die Comic-Figur des Supergangsters mit dem deutschen Namen „Carl Kruger“ dem angeblichen 9/11-Hijacker Hamza al-Ghamdi. Es besteht die Möglichkeit, dass etwa die CIA ihn deshalb für seine tragische Rolle auswählte – ob er nun in Flug 175 saß oder auch nicht. Das Bild ist entscheidend, und es ist in der populären Ikonografie der USA physiognomisch vorcodiert: als Gegenspieler von Batman. Ich beschreibe so etwas nicht aus Selbstzweck oder Häme. Ich vertrete die These, dass nach aller Wahrscheinlichkeit mit diesen ästhetischen Mitteln geheimpolitisch gearbeitet wird. Deshalb hilft es wenig, Gesichtervergleiche den Jux-Rubriken von Sport-Zeitschriften zu überlassen. Wer dazu schweigt, ist schon beteiligt.

Du hältst es also für möglich, dass hier gezielt Menschen geopfert wurden – sowohl durch die Auswahl von Attentätern durch ihre Hintermänner und deren mögliche Geheimdienst-Verbindungen, wie auch bei den etwa 3000 Toten durch die Terrorflüge bzw. -anschläge an 9/11?

Faktisch gab es ja ursprünglich die Unterstützung Osama bin Ladens durch die CIA, weshalb man einen solchen inside job nicht frei erfinden muss. Die Frage bleibt, wie weit er ging. Auch der pakistanische Geheimdienst ISI spielt dabei seine Rolle. Die anfangs erwähnte Video-Montage „9/11 Mega Ritual entschlüsselt“ formuliert darüber hinaus das Ereignis als ein Ritual der Opferung. Dafür gibt es gewichtige kulturtheoretische Begründungen, etwa bei René Girard in „Das Heilige und die Gewalt“. Wir haben hier noch wenig über die wirklich okkulten Tendenzen gesprochen, die sich im Bildprogramm 9/11 ablesen lassen. Das sind neben freimaurerischen Traditionen und die ihnen vorausgehende Alchemie mächtige Symbole wie das hinduistisch-buddhistische „Om“, das für das Absolute steht. Eine andere Formulierung der Unendlichkeit ist die Schlange „Ouroboros“, die das zirkuläre Prinzip, die Unendlichkeit verkörpert. Ich zeige in der Bildsprache des Kinos, aber auch an den Selbstdarstellungen des US-Präsidenten, Freimaurers und „Skull & Bones“-Mitglieds William Howard Taft sowie etwa David Rockefellers, wo eine Schlangen-Symbolik auffindbar ist. Und die findet sich ebenfalls in baulichen Details des World Trade Center wie auch in Inszenierungen des Kinos.

Lassen sich durch die Symbole denn besonders verdächtige Gruppierungen und Traditionen identifizieren?

Nur sehr bedingt. Allerdings wurden in der Theosophie und dem Hermetic Order of the Golden Dawn, also zwei modernen Geheimgesellschaften mit zum Teil freimaurerischen Vorbildern, eben gerade alle heiligen Symbole und Riten in ein kombinatorisches Spiel einbezogen. Zu nennen ist dabei auch das Rosenkreuzertum, dass sich historisch wiederum mit der ‚echten‘ Freimaurerei überschneidet. Mit der Rose werden hier auch die leuchtenden Fensterrosen der Kathedralen verbunden. Im Sonnenfeuer vollzieht sich in dieser Vorstellung der Verwandlungsprozess der Wiedergeburt. Im Spanischen heißt „Blumenfest“ Pascua Florida und bezeichnet das christliche Osterfest, das Gedenken an die Auferstehung. George W. Bush befand sich in Florida, als in New York die Explosionen aufflammten. Deshalb mag es kein Zufall sein, dass man in Filmbildern immer wieder herrliche Blüten vor Tower-Formen sieht, die wie der Screenshot des Feuerballs am WTC-Südturm wirken, den wir aus mehreren Perspektiven kennen.

Charleys Tante (1956), Imperial / CBS, 11.09.2001

So kann man es in Beispielen sehen, die etwa die akademische Filmgeschichte bisher weitgehend ignorierte, wie eine deutsche Version von „Charleys Tante“ von 1956. Da wird gerade ein Telegramm vorgelesen, in dem ein Mann seiner Cousine mitteilt, er sei telefonisch nicht zu erreichen, sie solle sich an seinen Sohn wenden. Wieder haben wir ein Stellvertreterverhältnis. Und wo wir bei christlichen Themen sind: In diesem Glauben schickt ja Gott seinen Sohn, um zu sterben und aufzuerstehen.

Aber wäre so eine Inszenierung in der Realität nicht vollkommen abgründig und menschenverachtend?

Den offiziellen Berichten zufolge wollten islamistische Terroristen ein Exempel statuieren. Selbstmordattentate werden in diesem Kontext mit Heilsversprechen verknüpft. Sogar die Architektur des WTC verweist auf den islamischen Kulturkreis mit Spitzbögen, die auf die maurische Bautradition zurückgehen und von dort in die christliche Gotik einwanderten. Den Entwurf zeichnete ein japanisch-stämmiger Amerikaner. Die Frage bleibt, ob dem Mega-Projekt des Internationalismus von Rockefellers Gnaden auch ein Opfer-Ritus zuzuordnen ist, in dem die – eventuell insgeheim forcierte – Eskalation einer Feindschaft an diesem symbolträchtigen Ort zum erwünschten Kriegsgrund wurde. Wir sehen schon auf der Ebene der Tatsachen, dass die Bush-Administration mit manipulierten Wahlergebnissen und gefälschten Kriegsanlässen ihre Agenda durchsetzte. Die Zahl der Toten im Irak und in Afghanistan ist ja noch unvorstellbar viel höher als im WTC. Und man weiß als Beobachter nicht, ob dabei letztlich ein christlich-fundamentalistischer Missionseifer oder der Milliardengewinn für Rüstungs- und Söldner-Firmen oder Ölkonzerne als Motivation überwiegt. Sehr abgründig wird es auch in der Möglichkeit, dass unter den WTC-Gebäuden Atombomben gezündet wurden. Hierzu gäbe es gute Argumente auch in einer bizarren mystischen Perspektive, die die Religionswissenschaftler Victor und Victoria Trimondi „apokalyptischen Nuklearismus“ nennen. Es ist möglich, dass die US-amerikanischen Machteliten und das, was sie mit anderen Traditionen der Macht verbindet, ihr Heil auch im Zugriff auf solche mythischen Systeme suchen. Wenn hier bewusst Massenmorde begangen werden, die man anderen ‚Opferziegen‘ – goats im Geheimdienst-Jargon – in die Schuhe schiebt, scheint man sich in Berufung auf höhere Wesenheiten und Seinsebenen besser zu fühlen. Während des zweiten WTC-Anschlags ließ sich George W. Bush in Florida von Schulkindern seelenruhig die Geschichte von einer Ziege, „The Pet Goat“, vorlesen. So sind offensichtlich die Rollen verteilt.

Hältst du es für aussichtsreich, solche Thesen zu vertreten?

Unsere Gesellschaft muss sich schließlich entscheiden, ob sie einer Logik folgen will, die eine Figur in Alfred Hitchcocks „Saboteur“ von 1942 ausspricht. Hier spielt Otto Kruger – wir hatten diesen Nachnamen gerade beim „Batman“-Bösewicht – den reichen Tobin. Und so hieß auch der Chef der New Yorker Hafenbehörde, der 1942-72 die Planung und den Bau des World Trade Center betreute: Austin J. Tobin. Der Tobin bei Hitchcock begegnet einem jungen Mann, der einen Brandanschlag auf eine Flugzeugfabrik aufklären will. Tobin hat gerade ein Telegramm seines Agenten erhalten, der für ihn die Brandstiftung durchgeführt hat, und sagt nun: „Ich bin ein bekannter Bürger, weithin geachtet. […] Nun, wem von uns, denken Sie, wird die Polizei glauben?“

>> Zu Teil 1 des Selbstgesprächs

Infos und Videos zum Buch:  www.kino-okkult.de


9/11 – Fragen, Lügen, Flüge 1


Mittwoch, 24. August 2011, 21:27 Uhr. Autor:

„Kino Okkult. Eine geheime Weltgeschichte im Zeitalter des Films 1 – 11. September 2001“ heißt dein neues Buch. Wie war es denn nun wirklich? Hat Hollywood schon 70 Jahre vor 9/11 gewusst, dass auf das World Trade Center ein Anschlag verübt werden würde?

Auf eine Weise ganz bestimmt: Die Verschwörungstheorie des inside job, der konspirativen Lüge als Mittel der Politik, die Idee des Flugzeugeinschlags in ein Gebäude, der Explosion an einem solchen Tower und der Anblick seiner Trümmer schwirren schon so lange herum. Der Trick scheint mir zu sein, dass ein solcher Ablauf zunächst in Einzelepisoden, in visuellen Analogien und Metaphern auftaucht. 1945 flog dann ein Bomber der US-Luftwaffe in das Empire State Building, was eine erste reale Vorstufe zu 9/11 darstellt.

Meinst du das ernst? Das war doch ein Unfall.

Ein Unfall bei Nebel, ja. Ich stelle keine Behauptungen auf, die ich nicht beweisen kann. Ich sammle erst einmal tausend Merkwürdigkeiten aus Kino und Realität und setze sie zueinander in Beziehung. Wenige Monate vor dem Unfall wurde in Hollywood ein Film gedreht, der erst nach dem Unfall in die Kinos kam: „Weekend im Waldorf“. Der endet mit einem Bild, das wie die Momentaufnahmen vor dem Einschlag von Flug 175 im WTC-Südturm wirkt.

Weekend im Waldorf (1945), Metro-Goldwyn-Mayer/Loew’s /
ABC, 11.09.2001

Aber das ist doch sehr weit hergeholt. Ein Hochhaus, ein Flugzeug, die Flugrichtung im Bild, okay – aber hier kommt es doch gar nicht zur Kollision. Ist das nicht deine Projektion?

Man kann meiner Argumentation nicht folgen, wenn man nur Einzelheiten herausgreift und sofort in Frage stellt, bevor man das ganze Argument gehört hat. Das Bild aus „Weekend im Waldorf“ wird dann erst interessant, wenn man es in einen historischen und einen architektonischen Kontext stellt. Wir befinden uns da an einem realen Ort, den es heute noch gibt. Das Luxushotel Waldorf-Astoria wurde 1931 mit der Bauform der Twin Towers versehen.

Weekend im Waldorf (1945), Metro-Goldwyn-Mayer/Loew’s /
CBS, 11.09.2001

Dieser Neubau wurde notwendig, weil das Hotel an einer anderen Stelle abgerissen worden war – damit man dort das Empire State Building errichten konnte, in das 14 Jahre später ein Bomber flog. Das ist der Beginn eines Spiels von Doppelungen und Stellvertreter-Beziehungen: In das Empire State flog ein Bomber, während das neu gebaute Waldorf unbeschadet blieb. Aber wir sahen, dass Hollywood in „Weekend im Waldorf“ rein bildlich einen Beinahe-Crash inszenierte – wenige Monate vor dem wirklichen Ereignis am Empire State. Das nächste berühmte Wahrzeichen der Stadt, das Twin Towers haben sollte, das World Trade Center, wurde, wie wir wissen, 2001 zum Schauplatz eines Flugzeugunglücks. Beteiligt an den Bauten ist im Fall des Waldorf eine der reichsten Familien des 19. Jahrhunderts, die Astors; im Fall des WTC sind es die Rockefellers, die im 20. Jahrhundert in diese Liga aufstiegen. 2001 geriet die Flugzeugkatastrophe an den WTC-Türmen verheerender, und die Gebäude stürzten ein. Seitdem fragt man sich, ob Kreise um die US-Regierung an der Durchführung der Attentate im Modus eines inside job beteiligt waren.

Dann wäre die New Yorker Architektur Schauplatz eines ästhetischen Spiels, das wie eine Allegorie macht- und geopolitische Schachzüge veranschaulicht?

Hier würde ein Spiel mit vertauschten Positionen, mit Stellvertretern sichtbar. Was die terroristische false flag operation als Instrumentalisierung von Gegnern für die eigenen Zwecke besagt, wurde im Stadtbild sozusagen einmal an Gebäuden symbolisch vorweggenommen: ‚Du trittst an meine Stelle und wirst statt meiner vom Flugzeug getroffen.‘ Für 9/11 hätte dies dann geheißen: ‚Du fliegst in ein Hochhaus und weißt nicht, dass du an meiner statt handelst.‘ Astor-Waldorf, Waldorf / Empire State, Rockefeller-WTC, Empire State / WTC, vielleicht noch CIA / Al Qaida – da wechseln nur die Kategorien im selben logischen System: Bauherren, Bauwerk, Bauform, Geheimbünde, Flugzeugeinschläge; Superreiche, Doppeltürme, Verschwörung, Katastrophen. Und die Bauform der Twin Towers verkörpert selbst eine Doppelung, die für ein solches Prinzip grundlegend ist. Das eine muss für das andere austauschbar sein, sonst funktionieren die Logik und/oder die Täuschung nicht. Und es ist eine makabre Ironie, dass ein weiteres Bauwerk dieses Umfelds, Rockefellers Citigroup Center in New York, wegen seiner fragilen Stelzen zeitweise einsturzgefährdet war. In der Architekturtheorie von Le Corbusier, der in den 1940ern zum Rockefeller-Umfeld zählte, heißen diese Pfeiler im Parterre „Pilotis“. Architekt des Citigroup Center war Hugh Stubbins jun., der auch die Berliner Kongresshalle entwarf. 1980 stürzte sie teilweise ein. Ein Wirtschaftsredakteur des Senders Freies Berlin kam zu Tode. Die größte Arbeit des WTC-Architekten Minoru Yamasaki, die Pruitt-Igoe-Siedlung in St. Louis, wurde ab 1972, kurz vor Fertigstellung des WTC, wegen Verwahrlosung kontrolliert gesprengt. In dieser Tradition wird also permanent megalomanisch aufgebaut, wieder eingerissen, neu gebaut und symbolträchtig argumentiert.

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Du unterstellst also den Rockefellers eine Mittäterschaft am Terrorakt von 9/11?

Das wäre eine Verleumdung, und ich bin weder ein Jurist noch ein investigativer politischer Journalist. Ich diskutiere, welche Anzeichen es für eine symbolische Politik gibt, die in diesen Bauten, Ereignissen und Filmen erst einmal zum Faktum geworden ist. Vor allem David Rockefeller ist seit langem Zielscheibe von Verschwörungstheorien, etwa in Gary Allens „Die Rockefeller Papiere“ von 1976. Im Internet nimmt die Aufmerksamkeit für seine Tätigkeiten im „Council on Foreign Relations“, in der „Trilateralen Kommission“ und bei den „Bilderbergern“ seit einigen Jahren wieder zu. Mainstream-Medien berichten wenig bis gar nicht darüber, was auf Dauer fragwürdig sein muss. Rockefeller ist eine graue Eminenz mit mehr Einfluss, als viele Berufspolitiker je hatten. Dazu gehört auch seine jahrzehntelange Tätigkeit für die Rockefeller-Hausbank „Chase Manhattan“. Hier und in den genannten halb- bis nicht-öffentlichen Organisationen ohne demokratische Legitimation werden Leitlinien vorgegeben, von denen gewählte Politiker oft nicht mehr abweichen können. Die Verschwörungstheorie karikiert Letztere deshalb als willenlose Illuminati Puppets.

Kommen wir noch einmal zu den Bildern des Kinos. Du sprachst von Analogien und Metaphern. Was ist damit genau gemeint?

Es gibt noch eine subtilere Argumentationslinie in „Kino Okkult“. Dabei geht es um ein ganzes Set von Motiven, in denen immer wieder die Form der Twin Towers, der Einschlag eines Projektils und die Explosionswolke aufscheinen, die sich uns bis heute wie ein mystisches Mantra ins Gedächtnis prägen. Nehmen wir mal ein Bild aus der Pierre-Richard-Komödie „Der Regenschirmmörder“ von 1980. Da steht die skurrile Hauptfigur zwischen zwei Säulen, und ihr Regenschirm, der in Wirklichkeit eine Mordwaffe mit giftiger Spitze ist, ‚bohrt‘ sich innerhalb der Bildfläche in einen dieser ‚Türme‘.

Der Regenschirmmörder (1980), Gaumont

Und wieder muss ich fragen …

Einen Moment! Auch hier braucht man ein paar Buchseiten, um zu zeigen, dass solch ein Motiv nicht im luftleeren Raum schwebt. Filmemacher, die überdauern, kennen ihre Vor-Bilder, und Bedeutung entsteht wesentlich aus der Tradition. Das ist bei jedem Wort so, das wir hier sprechen. Sonst wären es leere Zeichen, die auf nichts verweisen. – Ich sagte schon, dass der Regenschirm von Pierre Richard ein Mordinstrument ist. Und wo bringt er es unbeabsichtigt zum Einsatz? In einem Flugzeug! Auch hierbei eine visuelle Metapher des ‚Einschlags‘ in einen ‚Tower‘: Die Spitze sticht in das aufrechte Bein eines Killers. Das geschieht unabsichtlich, und der Held denkt ohnehin, er solle in einem Film den Killer spielen, nicht selbst einer sein. So denkt die oppositionelle Verschwörungstheorie über 9/11-Attentäter: dass sie instrumentalisiert worden seien für einen Zweck, der ihnen nicht bekannt war. Der Plot von „Der Regenschirmmörder“ geht übrigens auf einen realen politischen Mord unter Beteiligung des sowjetischen KGB zurück.

Der Regenschirmmörder (1980), Gaumont /
Michael Hezarkhani, CNN

Wenn wir uns dazu noch zwei Beispiele mit Regenschirmen in Spielfilmen ansehen, wiederholen sich dieselben Gesten, und es kommen noch andere bedeutsame Aspekte hinzu: In „The Divorce of Lady X“ von 1938 schwingt Ralph Richardson die Spitze seines Schirms so hoch, dass er auf eine Stelle neben einer kassettierten Tür zeigt. Die Doppelreihe der Holzkassetten in der Tür ist hier in der Höhe dreigeteilt wie die Türme des späteren World Trade Center durch ihre zwei sky lobbies, an denen Fahrstuhlschächte endeten oder anfingen und die an der Fassade deutlich sichtbar waren. Richardson zeigt mit seinem Schirm auf die Höhe des ersten Flugzeugeinschlags, wie man ihn in dem einzigen Video, aufgenommen von Jules Naudet, sieht.

The Divorce of Lady X (1938), www.archive.org /
9/11 (2002), Columbia/Goldfish/Reveille/Silverstar

Gut, wieder so eine Doppeldeutigkeit, die kein Beweis ist.

Richtig, kein Beweis. Aber auch hier sind wir noch nicht fertig mit der Interpretation und dem Kontext. „The Divorce of Lady X“ ist ein britischer Film, Regie Tim Whelan, Produktion Alexander Korda. Ein Jahr später, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, drehten sie „Q Planes“. Wieder spielt Richardson eine Hauptrolle. Wieder fuchtelt er mit einem Schirm herum. Wie der Titel es schon sagt, geht es nun wirklich um Flugzeuge. Und mehr noch: Was du mit deinen Nachfragen hartnäckig anzweifelst, nämlich die Interpretation von Formentsprechung durch Projektion, wird hier in einer Filmhandlung explizit thematisiert, die es bezüglich 9/11 in sich hat: Richardson spielt einen Geheimagenten, der ein Rätsel durch eine Formanalogie löst. Flugzeuge mit geheimer militärischer Technik verschwinden über dem Meer, und keiner weiß, wo sie abgeblieben sind. Richardson spießt beim Nachdenken an einem Marktstand mit seinem Schirm eine Rübe auf. Dann hat er die rettende Eingebung: Die Rübe ist in diesem Moment für ihn das Flugzeug, und der Regenschirm – ist ein unsichtbarer Strahl, der dieses Flugzeug fernsteuert. Exakt jene Vorstellung, die in Verschwörungstheorien zu 9/11 eines der häufigsten Argumente bildet, taucht hier auf: die Fernsteuerung von Flugzeugen, ob mit machtlosen Piloten am Steuer oder als unbemannte Drohne, von der wir dieser Tage aus dem Afghanistan-Krieg hören. – Auch in der Szene in „Q Planes“ ‚fliegt‘ die Rübe auf der Schirmspitze wieder vor Tower-Formen in der Architektur her bzw. ‚in diese hinein‘.

Q Planes (1939), www.archive.org / ABC, 11.09.2001

Das ist schon etwas näher an den Ereignissen von 9/11 dran, stimmt. Und ich muss wieder fragen: Glaubst du, die Filmemacher gehören zu irgendeiner Geheimloge, in der man 1938 als false flag operation Attentate auf Wolkenkratzer geplant hat, die erst ab 1966 gebaut wurden?

Dazu braucht man natürlich Informationen über die beteiligten Personen. Über den Regisseur Tim Whelan ist aus öffentlichen Quellen fast nichts zu erfahren. Der Produzent Alexander Korda ist dafür sehr bekannt: ein ungarischer Jude, nach England emigriert, auch in den USA tätig. Seine Büros wurden zum Teil vom britischen Geheimdienst mitbenutzt. Seine Arbeiten der 40er und 50er, ob „Der Dieb von Bagdad“, „Gefahr am Doro-Paß“ oder „Sturm über dem Nil“, bespielen viele der heutigen Krisenherde im Nahen und Mittleren Osten sowie in Nordafrika. Der erste Korda-Film, den ich bespreche, ist „The Squall“ von 1929, in den USA inszeniert und produziert. Schon hier gibt es Tower-Formen in Serie, für 9/11 metaphorische Handlungen und, wie stets bei Korda, Freimaurer-Symbole.

Das Argument zur Freimaurerei, ihren zwei Tempelsäulen und den Zwillingstürmen kommt in der Video-Montage „9/11 Mega Ritual entschlüsselt“ von 2008 vor. Hast du etwas damit zu tun?

Nein. Die zweite Hälfte dieses Films war für mich ein Anlass, meine eigenen Beobachtungen in dieser Hinsicht zu systematisieren und nach mehr Beispielen zu suchen. Ich gebe ihn im Buch als Quelle an. Wer der Video-Autor „The Hardbitten Heretic“ ist, weiß ich nicht genau. Er möchte anonym bleiben. Robert Stein von „NuoViso“ präsentiert bei einem Vortrag auf „YouTube“ die Thesen von Hardbitten Heretic, als wären es die seinen. Meines Wissens nach ist er nicht diese Person. Aber das Material ist public domain, abrufbar auf www.archive.org.

„9/11 Mega Ritual entschlüsselt“ vertritt in der ersten Hälfte vehement die „No planes“-These. Wie stehst du dazu?

Die öffentlich bekannten Videofilmer, von denen die Bilder des Einschlags in den WTC-Türmen stammen, sind in größerer Zahl Profis, tätig in der Filmproduktion oder sogar bekanntermaßen mit 3-D-Simulationen beschäftigt. Deren Geschäft besteht bisweilen darin, was Clark Gable 1938 im US-Film „Abenteuer in China“ betreibt: massenmediale Fälschung eines Luftangriffs, indem das Ereignis tricktechnisch nachgestellt wird, heute mit digitalen Mitteln. Der Journalist Don Dahler, der in der Nähe von Flugplätzen aufgewachsen ist, beschrieb am 11.09.2001 im Live-Interview auf ABC den zweiten Einschlag vom Klang her als den einer Rakete, nicht eines Flugzeugs. Es gibt Zeugen, die die Flugzeuge gesehen haben wollen, es gibt solche, die in der Nähe waren und sie nicht bemerkten. Eine Reihe der angeblichen Augenzeugen, die „9/11 Mega Ritual entschlüsselt“ zusammenstellt und kommentiert, wirken in der Tat verdächtig. Für die Kenntnis des Tathergangs von abschließenden Gewissheiten zu sprechen, wirkt auf mich unsachlich. Das scheint aber die Sprachregelung in den corporate media zu sein.

Teil 2 des Selbstgesprächs:
Von anarchistischen Studenten, dem schwarzen Ritter „Batman“, 9/11 im Jahr 1978 und der fragwürdigen Mystik des rituellen Opfers.

Infos und Videos zum Buch:  www.kino-okkult.de


Die okkulte Vorgeschichte des 11. Septembers 2001


Sonntag, 14. August 2011, 17:58 Uhr. Autor:

An diesem Tag war nicht in erster Linie die Glotze fatal, sondern das, was darin zu sehen war: Der 10. Jahrestag des 11. Septembers 2001 nähert sich, und damit auch eine neue Buchveröffentlichung zum filmdenken.

Dazu gibt es nun schon zwei Videos zu sehen, die ein paar der zentralen Thesen mit Beispielen veranschaulichen. Es existieren nun schon eine Reihe von Web-Veröffentlichungen und Videos, die auf okkulte Symbolik in diesem Zusammenhang hinweisen, auch auf Vorankündigungen des Ereignisses in Spielfilmen im Jahrzehnt davor, v. a. über Zahlensymboliken.

In diesem Buch geht es noch um mehr: eine Filmgeschichte ab 1920, den architektonischen Kontext in New York und eine komplexe Vernetzung der Imaginationen des Kinos mit verschwörungstheoretischen Interpretationen von 9/11.

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So ist zumindest klar: Das Kino und die konspirationistische Fantasie haben schon lange von einem solchen Anschlag gesprochen, bevor er in der Wirklichkeit eintrat. Die Spurensuche hat darüber hinaus zu zeigen, ob und wie eine Fülle von Einzelbeobachtungen immer wieder zu demselben Schluss führen.

Auf der Website www.kino-okkult.de ist neben ersten Informationen zum Buch und den Videos auch ein Wiki zu finden. Es ist im Aufbau und versammelt Links und Literaturhinweise sowie nicht zuletzt eine Zusammenstellung von Fragen und Themen, um in die Unübersichtlichkeit einer zehn Jahre währenden Debatte etwas mehr Ordnung zu bringen. Welche Fragen sind beantwortet oder unbeantwortbar? Was ist nach wie vor ungeklärt? Was blenden Mainstream-Medien gerne aus und was geriet aus dem einen oder anderen Grund in Vergessenheit?

Literaturkritik im logischen Orbit


Sonntag, 6. März 2011, 18:56 Uhr. Autor:

„Wir sind untergehende Egomanen im fin de siècle. Darüber spreche ich nach dem Film von Matthias Krag mit dem Literaturkritiker Ijoma Mangold.“

So die Anmoderation von Tina Mendelsohn in „Kulturzeit“ (3sat) am 03.03.2011 zu Bericht und Kritikergespräch über den Roman „Chronic City“ von Jonathan Lethem (hier derzeit noch anzusehen).

Was in dem Gespräch mit Mangold folgt, ist ein weiterer Höhepunkt des Simulationsgeschwurbels, das, 1976 von Jean Baudrillard lanciert, verstärkt seit den 1990er Jahren den Feuilleton-Jargon mitbestimmt.

Mangold: „Das heißt, alles ist so ein wenig verrückt, es ist nicht ganz genau die Wirklichkeit, und damit spielt der Roman die ganze Zeit. Wir wissen nie, woran wir sind. Das große Thema ist: Wirklichkeit und Fiktion, Virtualität und Realität, darin verirren sich die Figuren. Die suchen alle nach dem Wirklichen und finden aber eigentlich immer nur mediale Abbilder.“

Wurde, ebenfalls in den 1990ern, gar ein „politisches Feuilleton“ ausgerufen, kehrt hier der Gestus der Berichterstattung, verstärkt im Umfeld der literarischen und sonstigen Fiktionen, schnurstracks zu einem l’art pour l’art zurück, das das fin de siècle vor 1900 bestimmte. Und eigentlich befinden wir uns ja an einem début du siècle – man weiß nicht, wie da im Mainzer Sendezentrum gezählt wird.

Kritiker Mangold scheint also zu kapitulieren vor verschwimmenden Realitätsbegriffen. Eigentlich könnte es helfen, einmal die Sprachformen auseinanderzunehmen, die im Diskurs zum Begriff der „Simulation“ führten und eine neue Unübersichtlichkeit der Kategorien erst nach sich zog. (Auf „filmdenken“ geschah dies z. B. im April 2004 im Text „Die 1000 Lügen des Kinos“ .)

Aber nein – das gar nicht mal so virtuelle Zeilengeld verleitet offensichtlich dazu, an denselben Maschen noch einmal und wiederum weiterzustricken. Dazu gehört auch, rhetorisch eine bloße Oberfläche der Kritikfähigkeit zu bedienen, die sich über etwas empört, dessen Teil man auf diese Weise unweigerlich selbst ist:

Mangold: „Das ganze Kunstsystem wird da wirklich auch entlarvt. Das Kunstsystem selber ist Teil, wie Sie sagen, einer Marketingmaßnahme, aber auch Teil einer zunehmenden Virtualisierung der Wirklichkeit. Die Künstler spielen sich auf zu großen exzentrischen Gestalten. Sie spielen auch oft – wie z. B. dieser Rockkritiker – mit der Rolle, ähm, des Verschwörungstheoretikers, der mit ’ner leichten Paranoia versucht, alles zu entlarven. Aber wenn man alles entlarven will, dann erscheint plötzlich alles nur noch Paranoia [sic]. Und deswegen können wir auch da nie genau wissen: Ist die Kunst etwas, woran wir uns halten können, oder selber nur Teil dieser …“

Screenshot: 3sat, 03.03.2011

„… ganzen Inszenierungswelten?“

Auch der Abschluss des kurzen Dialogs per Videoschaltung, der an eine aktuelle Kontextualisierung der Selbstsicht unseres mediatisierten Weltzugangs, von Lethems Roman und den aktuellen Revolten in islamisch geprägten Staaten wie Libyen anschließt, verfällt noch einmal in die reflexiv verkürzte Resignation vor schlichten Begriffen:

Mangold: „Aber es bleibt uns nichts anderes übrig. Wir leben eben auch in dieser modernen, in dieser hochmodernen Welt, wo wir manchmal nicht mehr wissen, was die handfeste Wirklichkeit ist. Das ist unser Leid, aber das ist unsere Gegenwart.“
Mendelsohn: „Ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch, Herr Mangold. Vielen Dank.“

In der verallgemeinerten Reflexion des Mediensystems (wie im nun Folgenden: wiederum durch Medienmacher selbst) klingt dies meist ganz anders. Hans Leyendecker, Leitender Politischer Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“, hält etwa am 18.05.2004 an der Universität Erfurt den Vortrag „Ethik der journalistischen Berichterstattung“. Darin heißt es im archivierten Vortragstext:

Ein Journalismus kommt hoch, der die Wirklichkeit nicht abbildet, sondern inszeniert. Es geht nicht um die Beschreibung langfristiger Veränderungen unserer Gesellschaft, nicht um das sorgfältige Beobachten, Verstehen und Erklären von Zusammenhängen. Stattdessen geht es immer mehr um Effekte, um Schnelligkeit.

Der von Leyendecker besprochene Einfluss des Privatfernsehens macht sich auch in der Häppchenkultur eines nicht uninteressanten Formats wie „Kulturzeit“ bemerkbar. Die rituell als „Gespräch“ bezeichneten Kurzinterviews enden nicht selten in der hier dokumentierten – mehr oder minder unfreiwilligen – Komik einer von klischierten Etiketten, habitualisierter Larmoyanz und selbstgewissem Zynismus bestimmten Atmosphäre.

Eine Aussage Mendelsohns bleibt etwas nebulös. „[D]iese Geschichte“, die sie hier erwähnt, wird in Bericht und Interview nicht definiert:

Mendelsohn: „Und alles ist Marketing. Und das macht die Sache natürlich auch sehr bitter. Also, da gibt es diesen Bürgermeister, aber man muss auch sagen: Alle Künstler sind Kollaborateure dieses Marketings, ähäh – New York, weinend wegen dieser Geschichte, alles ististist … ist sozusagen gut für’s Geschäft.“

Gemeint mit „dieser Geschichte“ ist wohl die Katastrophe des 11. Septembers 2001. Es mutet merkwürdig an, am Tag eines solchen Interviews in dem schon 2003 erschienenen Buch „Fakten, Fälschungen und die unterdrückten Beweise des 11.9.“ von Mathias Bröckers und Andreas Hauß Sätze zu lesen wie:

Im Klartext: Es gibt keinen handfesten Beweis, dass die 19 Männer, die als Täter behauptet werden, wirklich in die Flugzeuge eingestiegen sind und sie entführt haben. Damit ist das gesamte Szenario des 11. Septembers, wie es die US-Regierung und der Posaunenchor der Medien seit diesem Tag verkünden, von nachprüfbaren Fakten nicht gedeckt.

Wenn es nach Mangold „unser Leid“ ist, dass „wir manchmal nicht mehr wissen, was die handfeste Wirklichkeit ist“, besteht die Aufgabe von Journalismus vielleicht nicht nur in der verbalen Wiederholung einer solchen Befindlichkeit. Dazu gehört auch, darüber zu diskutieren, welcher Umweg über 495 Buchseiten (so der Umfang von Lethems New-York-Roman) den Leser einem Bewusstsein von ‚Realität‘ näher bringt – wenn er es denn wünscht.

Die „Kulturzeit“-Berichterstattung verbleibt im Wesentlichen auf der Ebene eines „Marketings“, über das sie selbst das Klagelied anstimmt. Im Marketing erster Ordnung, der Verlagsinformation zu Lethems Buch bei Klett-Cotta, erfolgt eine entsprechende Bestandsaufnahme:

Mit seinem großen Gesellschaftsroman über die eisige Welt des Geldes und des schönen Scheins, der Dinnerpartys und der Charity-Events zeichnet Jonathan Lethem das eindrucksvolle Porträt eines dekadenten Manhattans, dessen Einwohner gefangen sind in Medienmanipulationen und politischen Betrügereien.

Und wie hieß es 2004 in einer Meldung zu Leyendeckers zitiertem Vortrag?

Nächster Termin in der Reihe: 25.5.2004, 18.00 Uhr, Michaeliskirche, “Stehen Ökonomik und Ethik im Widerspruch?”

Morbide Kapriolen 2 – „YouTube News“


Mittwoch, 3. November 2010, 12:04 Uhr. Autor:

Als „YouTube News“ verkauft „Alberto TV“, moderiert von Albert Martin Bruhn alias Alberto, eine Mischung aus Parodie und Fake von Nachrichten, in denen in der Ausgabe „Supertalentkandidat sorgt für Flugzeugabsturz!“ der Titel Programm ist. In einem kurzen Einspieler werden – Amateurvideos des 11. Septembers 2001 nicht unähnlich – ein abstürzendes Flugzeug und eine Explosion gezeigt. Auslöser, so Alberto, sei die „Schönheit“ eines Kandidaten der RTL-Sendung „Das Supertalent“ gewesen, die den Piloten „geblendet“ habe.

Ohne bemerkenswerten humoristischen Mehrwert hapert es mit der situativen Logik, wenn Alberto von einer Live-Schaltung an den Ort des Geschehens spricht, das er zuvor als bereits geschehen vermeldet. Die Schaltung zeigt aber nun eben jenen Unfall, der nur Sekunden dauert.

Das Video hat – nach Veröffentlichung am 02.11.2010 – innerhalb eines Tages 116.000 Abrufe auf „YouTube“ erreicht. Diese Veröffentlichung geschieht also recht unmittelbar nach Meldungen wie jener am 25.10.2010 in der „Süddeutschen Zeitung“ über den Hubschrauberabsturz von Anna-Maria Zimmermann, einer Kandidatin der RTL-Show „Deutschland sucht den Superstar“ von 2006 (als Casting-Format moderiert von Dieter Bohlen wie das aktuell laufende „Supertalent“), die derzeit noch im künstlichen Koma liege.

Das Web-TV „Alberto TV“ entstammt dem Dunstkreis der „Hamburger Hänger“ – zunächst ein Computerspiel-Clan, der nun via Merchandising und mit Werbung versehener Videoarbeit offensichtlich Kult generieren möchte.

Das Zutrauen zur Populärkultur kennt hier erwartungsgemäß keine Grenzen. Community-Mitglied „Hugo“ etwa annonciert am 05.09.2010 im Forum das Computerspiel „Call of Duty – Black Ops“:

[W]ir sind alle total rattig auf CoD: Black Ops. Darüber müssen wir nicht diskutieren, denke ich mal.

Das Spiel mit dem einmal mehr interessanten Akronym wird von Hugo zu verbilligten Preisen angeboten. Zudem sollen Bestellern Zugangsdaten bei Auslieferung vor dem Publikationstermin schon per SMS zugeschickt werden. Weiter im Text:

Bei Left 4 Dead 2 konnten wir auf diese Weise vor allen anderen schon spielen ^^

Nach solchen spaßigen Nahtoderfahrungen für Preise zwischen 40 und 70 € nun also CoD, Teil 7. Dringende Fragen:

Zombiemodus – ist der dabei oder nicht? Uncut?!
Der Zombiemodus wird laut Informationen von Activision vorhanden sein. In den Versionen , die ihr bei uns bestellen könnt bleibt er ohne Hakenkreuze und SS-Runen.

Wenn man alle paar Jahre mal in den buzz zum neuesten Shooter schaltet, begegnet einem mit hoher Wahrscheinlichkeit eben dies: die Debatte über An- oder Abwesenheit nationalsozialistischer Symbole in einem fiktiven Kampfszenario. Und – der Zombie-Modus, natürlich. Das erhitzt auch optimal lüftergekühlte Mütchen wie hier oder hier. Wofür Samuel Beckett in „Warten auf Godot“ nur ein Taschenbuch benötigte, werden heute Websites um Websites über die Server gepumpt. Kommt der Zombie-Modus? Kommt er nicht? Ist er nur in der englischen Version erhältlich? Ist er in der deutschen Version in Österreich enthalten? Der Rezensent mutmaßt, der Firmensprecher deutet an, die Pressemeldung lautet …

Umsonst ist der Tod nur in der Wirklichkeit. Aber nicht nur dort ist er gewissermaßen für alle da, wie „airbr.de“ zu „CoD – Black Ops“ berichtet:

In dem Combat-Trainingsmodus werden nur die Modi “Frei für alle” und “Team Deathmatch” zur Verfügung stehen.