(Anti-)Politik der Berichterstattung zur Euro-Krise


Samstag, 10. März 2012, 19:13 Uhr. Von

Wie funktioniert politische Bewusstseinsbildung zur Finanzkrise? Woher beziehen Bürger Informationen zu den laufenden Entwicklungen in der Europäischen Union, v. a. zu den laufend beschlossenen „Rettungsmaßnahmen“?

Wer nicht ausführlich im Netz surft und die Wirtschaftsteile der Zeitungen liest, dürfte die Ereignisse wohl nur am Rande ‚irgendwie mitbekommen‘. Von Privatsendern reden wir an solchen Stellen schon gar nicht mehr; dort beschränkt sich dies für ein Millionenpublikum wesentlich auf ein paar Sätze in Nachrichtensendungen – und erreicht gerade jene nicht, die etwa von darauf folgenden Kürzungen im Sozialbereich am stärksten betroffen sein werden.

Die öffentlich-rechtlichen Sender verfügen bekanntermaßen über eine Reihe von politischen Magazinen, die in der ARD im Laufe der Jahre gekürzt und auf spätere Sendeplätze gesetzt wurden. Im ZDF handelt es sich um die wöchentliche Sendung „Frontal 21“.

Anlass zu dieser Überlegung war mir ein Beitrag aus „Report München“ von 2011, der hier leider nur mit leicht asynchronem Ton noch zu sehen ist:

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Kernsatz aus diesem Beitrag ist eine Aussage von Thomas Mayer, dem Chefvolkswirt der „Deutschen Bank“, die die ggf. bis wahrscheinlich erforderliche Stützung von weiteren Ländern nach der Griechenland-Krise – wie Irland, Portugal, Spanien und Italien – durch die Europäische Zentralbank (EZB) betrifft:

[…] dann würden wir eine sehr große Geldvermehrung bekommen, die dann mittel- und langfristig zu höherer Inflation führen würde.

Genau dies sehen wir ja dieser Tage. Ich habe in mehreren Beiträgen (hier, hier und hier) darauf hingewiesen, dass v. a. die Causa Wulff auch ein langfristig vorbereitetes Ablenkungsmanöver für die laufenden Veränderungen in Europa sein könnte. Demgegenüber wird die Geldpolitik der EZB zwar einzeln in den Hauptnachrichten vermeldet, aber nicht sehr ausführlich in den Magazinen debattiert.

Als Einzelperson kann ich dies nicht laufend scannen. Die Websites der Sendungen „Fakt“, „Frontal 21“, „ Kontraste“ , „Monitor“, „Panorama“, „Report Mainz“ und „Report München“ verzeichnen unter ihren aktuellen Themen zwar einzelne Beiträge zur Finanz- und Euro-Krise – doch der oben von Mayer erwähnte makroökonomische Zusammenhang wird hier nicht prominent anmoderiert.

Bei „Fakt“ darf man als einfacher Bürger nach ein paar Textzeilen mal wieder wirkungslos abstimmen, ob Griechenland aus der Euro-Zone austreten soll. Bei „Kontraste“ steht das Thema nicht im Fokus des Sendekonzeptes, okay. Bei „Panorama“ werden Rechentricks der Banken zur Beglaubigung ihrer Erhöhung der Eigenquote beleuchtet. Das ist berechtigt, aber eher ein Randphänomen des fiskalpolitischen Großthemas. „Report Mainz“ berichtet offensichtlich noch am kontinuierlichsten zum Thema und stellt Beiträge auf einer Themenseite zur Griechenland-Krise zusammen. Hier ist die Argumentationslinie gegen reiche Griechen gerichtet, die sich aus der Verantwortung stehlen – ein Wohlfühl- bzw. Schimpfprogramm für sozialdemokratische deutsche Mittelstandsbürger. „Report München“ führt einen Bericht vom Juni 2011 auf, in dem es um die Kosten der Griechenland-Rettung für den deutschen Steuerzahler geht. Auch hier also kein Blick auf die systemischen Bedingungen, sondern der Appell an das Sentiment des einfachen Steuerzahlers. Die darin von Wirtschaftswissenschaftler Prof. Ansgar Belke vorgerechneten Szenarien zeigen im Nachhinein, dass sich die deutsche Bundesregierung von solchen Empfehlungen hat leiten lassen – doch sind damit nur die aktuell anfallenden Kosten reduziert, die strukturellen Probleme aber nur v. a. aufgeschoben, nicht aufgehoben.

In der Palette der öffentlich-rechtlichen Politikmagazine sind Verbraucherschutz und Wirtschaftsthemen von mittlerer Brisanz stark vertreten: Hygienemängel in Großbäckerei, „Abzocke bei Altersvorsorge“, „Die Sprit-Abkassierer“, teure Begräbniskosten, Pleite des Schlecker-Konzerns; darüber hinaus vereinzelte Skandale aus Arbeitswelt, Umweltpolitik und politischem Extremismus.

Das ist alles nicht grundsätzlich falsch, aber in der Gewichtung möglicherweise doch: Was die Gemeinschaft deutscher Bürger bräuchte, wäre vielmehr ein Pinnbrett, auf dem politische Fragen nach quantitativer und langfristiger Relevanz geordnet würden. Dazu gehörte dann die Finanz- und Euro-Krise mit ihrer tatsächlichen Auswirkung auf die Staatsverschuldung an eine der obersten Stellen neben demografischer Entwicklung und Energiepolitik. Von alledem ist im Vergleich zu „Todesfalle Rastplatz – Unfallgefahr durch fehlende LKW-Parkplätze“ relativ wenig zu finden.

Wir bemerken daran, wie in den mit Parteienproporz geleiteten öffentlich-rechtlichen Sendern nicht Bericht erstattet, sondern Politik gemacht wird. In „Report München“, wird im Juni 2011 ein Ausblick gegeben, der nach Verabschiedung des „Europäischen Stabilisierungsmechanismus“ (ESM) bereits Realität geworden ist. Eine (nicht nur) für Deutschland ungünstige Entwicklung würde weitere Stützungsmaßnahmen für andere Euro-Länder erfordern. Kommentartext von Sebastian Hanisch und Hendrik Loven:

Klar ist: Der Finanzminister müsste dann gewaltige Zahlungen stemmen. Riesige Haushaltslöcher könnten Deutschland drohen, befürchten Experten. […] Doch was viele nicht wissen: Bei der Auszahlung von Krediten an mögliche Pleitestaaten dürften die Parlamentarier dann nicht mehr mitreden.

Im selben Kommentartext wird schon ein Entlastungsargument disqualifiziert, was in diesem Fall den reibungslosen Ablauf der Griechenland-Rettung mit Rückzahlung der Schulden betroffen hätte:

Deutschland würde Milliarden an Zinsen verdienen. Doch es gibt einen Haken: Die Kosten für den künftigen ESM-Rettungsschirm würden trotzdem anfallen.

Hierfür werden die Kosten für Deutschland von Ansgar Belke auf 19,6 Mrd. Euro taxiert. Für das von ihm entwickelte und heute eingetroffene Szenario einer Umschuldung (bei Belke Verzicht auf 50 % der Forderungen, real eingetroffen: ca. 33 % ) gibt der Professor 38 Mrd. Euro an.

Als Voraussetzung für den Erfolg dieser Variante wird selbstredend auch von Belke angenommen, dass Griechenland „sich weiter an Strukturreformen hält“. Das Wörtchen „weiter“ verdeckt rhetorisch, dass dies bisher bis auf Absichtserklärungen nicht der Fall war und für die Zukunft fraglich bleibt.

Der „Monitor“ des WDR schoss am 01.03.2012 gegen diesen Pessimismus in der Euro-Politik: „Griechenlandkrise: Das Märchen vom deutschen Zahlmeister“. Hier werden zunächst Bundespolitiker vorgeführt, die keine detaillierten Angaben über finanzpolitische Angelegenheiten machen können, über die sie mitzuentscheiden haben. Dann rechnet Folker Hellmeyer, Chef der „Bremer Landesbank“, die „Zinsgewinne aus der Eurokrise“ der letzten Jahre vor und kommt auf ein Plus von 45-65 Mrd. Euro. Laut Gustav Horn von der Hans-Böckler-Stiftung seien auch die Exporte um 50 Mrd. Euro angestiegen – mit der Folge höherer Steuerabgaben.

Schließlich bleibt es für den durchschnittlichen Zuschauer nachhaltig intransparent, wer hier bei was tatsächlich gewinnt. Die Rechnung ist auch insgesamt noch komplexer – v. a., was Risiken betrifft, die durch aktuelle Entscheidungen lediglich in die Zukunft verlagert werden.

Die Website „wirtschaftkrise.blog.de“ rechnet ein Papier aus dem Bundesfinanzministerium zusammen und kommt auf eine bisher gezahlte Summe von 173,5 Mrd. Euro für Rettungsmaßnahmen (Übernahme von Garantien, die bei Zahlungsunfähigkeit übernommen werden müssen) plus unbekannter Kosten aus EZB-Anleihenaufkäufen. Steigende Inflation durch EZB-Geldpolitik und ungewisse weitere Kosten durch Euro-Rettungsschirme wurden oben schon erwähnt.

Die von Hellmeyer via „Monitor“ verbreitete Erfolgsmeldung betrifft das „historisch niedrige“ Zinsniveau, das der deutsche Staat zu zahlen hat – für Schulden, was Hellmeyer den Zuschauer hier nicht ausführlicher erklärt. Die vermeintlichen Gewinne sind Ersparnisse an Zusatzkosten des Umgangs mit Geldsummen, die man eigentlich noch nicht erwirtschaftet hat, sondern sich leiht. Auch das Ansteigen von Exporten um 50 Mrd. Euro bedeutet neben Einnahmen und evtl. zusätzlichen Löhnen für Beteiligte nur eine vergleichsweise geringe Summe, wenn man sie mit Zahlungen, Garantien und Risiken im Euro-Raum vergleicht.

Festzuhalten ist zunächst also eine starke Intransparenz der tatsächlichen Beträge, Verpflichtungen und Risiken. Darüber hinaus werden Gewinne verkündet, die bei anderen Partnern im Euro-Raum Abhängigkeiten und Verluste implizieren, für deren Folgen wiederum von deutscher Seite gebürgt wird. Der aktuelle Zahlungsausfall für Besitzer von Griechenland-Anleihen ist einer jener selteneren Fälle, in denen ein bestimmter Typus des risikobereiten Privatanlegers einmal nennenswerte Verluste einfährt. Die Geldpolitik der EZB unter Mario Draghi (Ex-„Goldman Sachs“-Banker) stabilisiert hingegen einen Konzentrationsprozess von Kapital, der in den USA schon seit einem Jahrhundert verstärkt im Gange ist. Hierdurch übernehmen in letzter Konsequenz einige supperreiche Dynastien, die oft kaum öffentlich bekannt sind, strategische Machtpositionen und lassen Politiker-Marionetten – über Mittelsmänner gesteuert – nach ihrem Willen tanzen. Dass viele deutsche Bundespolitiker zu diesen Themen nicht einmal das wissen, was im Fernsehen zu sehen und hören ist, hat der „Monitor“-Bericht allerdings gezeigt.

Der CDU-Fraktionschef Volker Kauder sieht laut „Wirtschaftswoche“ die „EZB-Geldflut mit gemischten Gefühlen“ und mahnt die Zentralbank unter Draghi zur Besinnung „auf ihre Aufgabe als geldpolitischer Stabilitätsanker“. Dass mit Draghi & Co. immer mehr Akteure am Werk sind, die durch die US-amerikanische Schule des Schuldenmachens und der Niedrigzins-Politik gegangen sind, ist derzeit noch den wenigsten deutschen Politiker eine Erwähnung wert. Schon der Vergleich der reinen Faktenlage zu Draghis EZB-Führung mit der krisenfördernden Vorgehensweise der „Federal Reserve Bank“ könnte hier zu ganz anderen politischen Schlussfolgerungen führen. Es ist die Frage, ob es sich in diesem Zusammenhang um unausgesprochene Absichten und Loyalitäten der Verantwortlichen handelt oder um schlichtes Unwissen. Dass mit der „Piratenpartei“ derzeit eine politische Bewegung von den Massenmedien am meisten gefördert wird, die außer Forderungen nach „Transparenz“ hierzu bisher rein garnichts zu sagen hatte und hat, bestätigt den Eindruck einer dahingehend systematisch manipulierten Öffentlichkeit.

Update 10.03.2012: „Der Schuldenschnitt für Griechenland wird den deutschen Steuerzahler mindestens 25 Milliarden Euro kosten. Es könnte aber noch deutlich mehr werden, wenn auch der Staat seine Griechen-Kredite entsprechend abschreiben muss.“ („mmnews.de“)

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Die nie gesendeten Nachrichten


Montag, 5. März 2012, 17:27 Uhr. Von

Guten Abend, meine Damen und Herren.

US-Präsident Barack Obama hat mit seiner heutigen Regierungserklärung eine Kehrtwende in der Sicherheitspolitik eingeleitet. Seinen Worten zufolge liegen die Bedrohungen mittlerweile nicht mehr in anderen Weltregionen, sondern vielmehr im Verhalten von Teilnehmern des heimischen Sozialsystems.

Gemeinsam mit anderen Industrieländern plant das US-Militär nun Interventionen in allen Steuerparadiesen der Welt. So sei für den Juni diesen Jahres der Einmarsch auf den Cayman Islands geplant. Zum Jahresende erfolge dann in Kooperation mit europäischen Partnern eine gezielte Operation in Luxemburg und Liechtenstein. Weitere Aktionen seien in Vorbereitung.

Obama betonte, jährlich würden schätzungweise 255 Mrd. $ Steuern hinterzogen, indem Einnahmen am Fiskus vorbei in Steuerparadiese verbracht würden. Die geplanten Kriegseinsätze seien deshalb ökonomisch weitaus sinnvoller als jene, die zuletzt im Nahen und Mittleren Osten geführt wurden. Auch seien wenige Kampfhandlungen zu erwarten und ein unmittelbares Erreichen der strategischen Ziele vorauszusehen.

Die deutsche Bundesregierung zeigt sich inspiriert vom Reformeifer des US-Präsidenten. In einer Fehleranalyse wurde in dieser Woche die Bildungs- und Familienpolitik als Zentrum anstehender Revisionen identifiziert. Familienministerin Kristina Schröder (CDU) gab zunächst für 150.000 Euro eine Studie zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen und deren Auswirkung auf Konzentrationsfähigkeit und Lernverhalten in Auftrag. Besondere Berücksichtigung erfahren dabei auch Detailstudien zu bestimmten Programminhalten. So werde die Frage aufgeworfen, wieviel Zeit bestimmte Altersgruppen mit bildungsfernen Medieninhalten verbringen und wie sich dies auf ihre schulischen Leistungen auswirke. Neuere Ergebnisse der Medienpädagogik hierzu seien alarmierend. Schröder schloss auch gesetzliche Maßnahmen gegen Gerätehersteller und Programmanbieter nicht aus, die auf ein jugendliches Publikum abzielen. Die gängige Praxis sei weder aus gesundheits- noch aus bildungspolitischen Gründen weiterhin tragbar. Kurzfristige Gewinne von Privatsendern und Computerherstellern wögen auch auf ökonomischer Ebene die Folgekosten nicht auf – vom Verlust an Lebenszeit, und -qualität einmal abgesehen.

Geänderte Rahmenbedingungen kommen auch auf die Atomindustrie zu. Nach den bislang gescheiterten Suchen nach geeigneten Endlagern und unerwarteten wie teuren Problemen in Zwischenlagern für Atommüll sei die Grundlage von bisher geltenden Verträgen in Frage gestellt, so Umweltminister Norbert Röttgen (CDU). Die Kosten für die Müllentsorgung über die nächsten 20.000-1.000.000 Jahre fielen erheblich höher aus als von den Vertragspartnern ursprünglich suggeriert. Deshalb prüfen Juristen des Ministeriums jetzt, inwiefern finanzielle Profiteure aus den Reihen der Kraftwerksbetreiber noch zu ihren Lebzeiten zu Rückzahlungen an die öffentliche Hand verpflichtet werden könnten. Auch der Zugriff auf Erbschaften nach dem Ableben von Atom-Managern sei im Gespräch.

Für eine dynamische Debattenkultur steht auch der neue Bundespräsident Joachim Gauck. Unter seinem Lebensmotto „Freiheit und Verantwortung“ startete nun eine umfangreiche Reihe von Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen, die ethische Grundlagen in den Bereichen Soziales, Ökologie und Medien beleuchten sollen. Vertreter aus Verbänden, Industrieunternehmen und dem öffentlichen Leben stellen sich hierbei vor Publikum Fragestellungen, die sich aus Gaucks Devise ergeben. Wie sieht soziale Gerechtigkeit in einem von neoliberalen Positionen bestimmten globalisierten Wirtschaftsraum aus? Was bedeutet ein ethischer Umgang mit endlichen Energieressourcen für das Leben des Einzelnen? Was bedeutet Verantwortung in einer Medienöffentlichkeit, die für bezahlte Content-Produzenten zunehmend von rein ökonomischen Prinzipien bestimmt ist? Gauck betonte, mit dem Motto „Freiheit und Verantwortung“ weder Wort- noch Patronenhülsen produzieren zu wollen.

Und nun das Wetter.

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Die wahren Bilder der Finanzkrise


Sonntag, 4. März 2012, 18:16 Uhr. Von

Das filmdenken-Projekt „GesichterWissen“ zeigt mit dem ersten Themenheft zur Finanzkrise, dass die Hintergründe der forcierten Finanzkrisen 2008ff. allem Anschein nach in einem letzthin satanistischen Kontext zu suchen sind. Hier zur beispielhaften Veranschaulichung der Trailer zum Heft:

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Die Besetzung von Rollen in diesem Welttheater folgte, wie diese Aufarbeitung zeigt, dem Programm eines Lexikons der Dämonen aus dem 19. Jahrhundert. Aber lesen Sie hier weiter. Oder schauen Sie sich hier auch noch den Video-Teaser zur Publikationsreihe an.

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Verschwörungstheorie und wie das ZDF sie sah


Mittwoch, 29. Februar 2012, 19:04 Uhr. Von

Im Nachbar-Blog „Kino Okkult“ gibt es eine Rezension zur ZDF-Dokumentation „Vorsicht Verschwörungstheorie!“ (28.02.2012), die u. a. einen neuen Meilenstein in der Desinformationsarbeit etablierter Medien zum Thema „11. September 2001“ darstellt.

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„Derrick“ – die Exhumierung, Teil 2


Samstag, 28. Januar 2012, 18:27 Uhr. Von

Am 10.10.2010 fand in diesem Blog die Premiere von „Derrick erklärt den Film“ statt. Sie war verbunden mit der Androhung eines zweiten Teils. In der Zwischenzeit war viel zu tun; deshalb folgt dieser erst jetzt.

Nun treffen Oberinspektor Derrick und Inspektor Klein auf ihre Kollegen aus der Parallelserie „Der Alte“, hier in Video-Schnipseln der ersten Besetzung mit Siegfried Lowitz als Kommissar Köster und Michael Ande als Gerd Heymann (1977ff., Letzterer immer noch im Dienst).

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„Sie müssen mir das, was Sie da erzählen, das müssen Sie mir mal erklären!“ So lautet in einer Szene Derricks Aufforderung, die also als polizeiliche Durchsage die Deutung jedes künstlerischen Werks betrifft. Sie steht im Kontext der Rhetorik des filmischen Gesichts, denn sie ist verbunden mit einer Zeigegeste Tapperts, die wir als ein Thema im „GesichterWissen“ diskutieren.

Screenshot: ZDF

Der Report, der nach einer anderen Aussage von Harry Klein seinen Kollegen Stefan „umhaun“ wird, war also zu diesem Zeitpunkt noch nicht öffentlich im Umlauf. Wir bemühen uns nach Kräften, verspätete Abhilfe zu schaffen. Würde er von Gesichtern handeln? Es sieht in solchen Serien alles danach aus.

In dieser Montage werden Drehbücher von Herbert Reinecker, der „Derrick“ alleine schrieb, mit Skripts für den „Alten“ von Bruno Hampel, Volker Vogeler und Karl Heinz Willschrei gemixt – alle drei vielbeschäftigte ZDF-Autoren.

Hervorheben möchte ich des Weiteren die Szene, in der Köster und Heymann in der Folge „… tot ist tot“ (D 1985, R: Günter Gräwert, B: Volker Vogeler) über ein vermutliches Betrugsmanöver räsonnieren:

Screenshot: ZDF/3sat

Heymann: „Wie wär’s, wenn es Selbstmord war?“
Köster: „Und die hat das daraus gemacht, was wir hier vorgefunden haben – einen Einbruch und einen Mord, wegen der Versicherung … Jajah …“
Heymann: „Nach dem Motto: Tot ist tot!“

Im Bildhintergrund finden wir in der rau verputzten Wand eine Pfeilerform wieder, die in „Kino Okkult 1 – 11. September 2001“ ausführlichst Thema ist: Sie wird über Jahrzehnte vor 9/11 in Spielfilmen immer und immer wieder in Kontexten eingesetzt, die dem späteren Terroranschlag auf zwei pfeilerförmige Hochhäuser zugeordnet werden können (hier auch erläutert in einem Selbstgespräch des Autors).

Screenshot: ABC, 11.09.2001

Der Inhalt des Dialogs liegt sehr nahe an einer der zentralen Verschwörungstheorien zu den Terroranschlägen von 9/11: Statt eines Anschlags durch islamistische Terroristen („Einbruch“ und „Mord“) habe es sich um eine false flag operation US-amerikanischer Geheimdienst selbst gehandelt („Selbstmord“), eventuell unter Mitwirkung des Pächters der Türme des World Trade Center. Die weitere Vorgehensweise von Figuren in der Serienfolge entspricht dann exakt dem Modus, den die Verschwörungstheorie unterstellt: Versicherungsbetrug unter Vorspiegelung falscher Tatsachen.

Der verschwörungstheoretische Diskurs ist in Serien wie „Derrick“ und „Der Alte“ fortgesetzt subkutan vorhanden. Er wird lediglich in die Vorstellungs- und Erlebniswelten bürgerlicher Alltagskriminalität transponiert. In der zitierten Folge „Caprese in der Stadt“ (D 1991, R: Alfred Weidenmann) ist es allerdings die in dieser Serie seltenere Variante der organisierten Kriminalität, auf die sich die Aussage bezieht – und damit einen Komplex modernen Verbrechens betrifft, der in Verschwörungstheorien eng mit konspirierenden Eliten verknüpft ist:

Derrick: „Es wird weitergehen. Es wird was passieren. Und sie wissen, dass etwas passieren wird.“ (Klein öffnet mit einem knallenden Geräusch seine „Bonaqa“-Getränkedose.)

Der Modus von Verschwörungstheorien besteht immer darin, dass jemand angibt zu „wissen, dass etwas passieren wird“, oder dass man dies hätte wissen können. Und es geht immer darum, dass es „weitergehen“ wird, dass geheime Mächte am Werk sind, die ihre Strategien fortgesetzt realisieren.

Gerade heute versucht der „Spiegel“ einmal wieder auf besonders hanebüchene Weise, als „Verschwörungstheorie“ stigmatisierte Diskurse unterzubuttern. Jeder Blick in Geschichtsbücher zeigt, welch durchsichtige Propaganda hier betrieben wird. Und die Original-Dialoge in über Jahrzehnte weit verbreiteten Serien wie „Derrick“ und „Der Alte“ sowie zahllose subtilere Anzeichen in solchen Produktionen führen uns auf ganz andere Fährten. Als Leser muss man selbst wissen, wem man sich zur Erforschung dieser Gefilde anvertraut.

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Worte ohne Worte 2 – Entschleunigung des Abschwungs


Mittwoch, 25. Januar 2012, 16:41 Uhr. Von

„Immerhin gibt es Anzeichen, dass das Tempo des Abschwungs abnimmt und sich allmählich Stabilisierung einstellt. Im Dezember war noch eine Beschleunigung des Abschwungs befürchtet worden“, sagte [Pieter] Praet der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

„Die Welt“, 25.01.2012

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Was wollen Piraten?


Dienstag, 24. Januar 2012, 0:41 Uhr. Von

Am Spätabend des 23.01.2012 zieht die ARD unter der Überschrift „Piraten in der Politik – 100 Tage einer Aufsteigerpartei“ (Autoren: Nicola Graef / Torsten Mandalka) eine erste Bilanz zur Mitverantwortung der „Piratenpartei“ im Berliner Abgeordnetenhaus. Um genau zu sein: Es handelt sich um eine Dokumentation mit human interest, privaten Bekenntnissen und Impressionen. Zu politischen Inhalten ist so gut wie nichts zu hören (vielleicht zu sehen, wenn man so will).

Die mediale Präsenz der Piratenpartei seit der Berliner Wahl macht misstrauisch: Begierig griffen alle Mainstream-Medien das Thema der neuen Partei auf. Schnell wurde immer wieder deutlich: Über eine definitive Programmatik war wenig zu sagen, da diese nur teilweise beschlossen ist. Also stürzte man sich auf die wenigen Äußerungen neugebackener Abgeordneter oder Kuriosa wie einen jungen Mann mit Latzhose und Kopftuch im Parlament. Auch diese Medieneffekte zeigt die ARD. Aber sie fragt nicht wirklich danach, warum gerade dies Medieneffekte sind.

Der inhaltliche Leerlauf in politischer Berichterstattung begegnet immer häufiger. Es ist selbst beinahe schon ein Allgemeinplatz seit den 1990er Jahren – und dennoch der Erwähnung wert, weil für den Fortgang der Dinge essenziell: Die Tendenz geht hin zu Personalisierung und Skandalisierung. Affären um Bundespräsident Christian Wulff, bei denen dem deutschen Steuerzahler allenfalls einige 10.000 Euro abhanden kamen, nehmen in den Nachrichten breitesten Raum ein. Die Vergabe von 500 Mrd. Euro Krediten an Banken zum Zinssatz von 1 % durch die Europäische Zentralbank mit voraussehbarer Reinvestition der Gelder durch die privaten Banken in Staatsanleihen, auf die die Staaten anschließend für ihr eigenes Geld deutlich mehr Prozente zahlen, schien EU-Bürger nicht weiter zu interessieren. Den Gewinn werden Investoren und Banker einstreichen – Teil eines „großen Raubzugs“ (Alexander Dill), wenn nicht vor dem jeweiligen Zahltag doch der Crash kommt. Die „Bild“-Zeitung schreibt darüber keine Schlagzeilen („BRÜSSEL BITTET ZUR KASSE – Bürger beschenken Banker“), sondern schießt zeitgleich mit großem Tamtam den Präsi ab. Hmmm …

In diesem Sinne liegen die Dinge sogar ganz gut für eine Partei, die noch wenig Programm, aber vielleicht den einen oder anderen Aufreger zu bieten hat. Die Äußerung von Piraten-Geschäftsführerin Marina Weisband, ihre Partei könne sich auch wieder auflösen, wenn ihre Inhalte von anderen übernommen worden seien, ist zumindest ausreichend ‚ungewöhnlich‘, um eine Nachricht abzugeben.

Inhaltlich deutet sie imho eine Verkennung an, auf der eine Menge von Fehlentwicklungen der politischen Öffentlichkeit basiert: Wie andere politische Bewegungen im Anfangsstadium scheinen Piraten an reine Ideen zu glauben. Die richtige Idee könne also von beliebigen Personen umgesetzt werden. Die politische Szene lehrt das Gegenteil: Wahlen werden mit Versprechungen gewonnen, die man anschließend nicht einhält. Entscheidend ist, welche Person an welchen Posten gelangt – und dann von kritischen Medien möglichst unbehelligt anders handeln kann, als sie angekündigt hat. Deshalb mag die eine oder andere Idee rhetorisch übernommen werden – auch soziale Gerechtigkeit und ökologische Verträglichkeit sind oft genug nur Worthülsen oder werden auf drei, nun also vier Parteien links der Mitte verteilt, die erst einmal koalieren müssen und z. T. nicht wollen, also protestieren, aber nicht regieren dürfen. Bisher gab es die auf privaten Spenden und medialer Überrepräsentierung basierende Parteienfiktion FDP als Koalitionspartner, um andere Mehrheiten zu sichern, und die CDU nennt sich in Bayern „CSU“ und stellt bei öffentlichen Diskussionsrunden noch einen gleichberechtigten Diskutanten mehr. Welchen Part werden die Piraten in diesem Spiel einnehmen?

Ein weiterer vermutlicher struktureller Irrtum liegt im Fall eines piratischen Kernbegriffs, der „Transparenz“, vor (wenn nicht ohnehin die bloße Lust am Demonstrieren mit Transparenten gemeint ist – Informatik schützt nicht vor Sprachspielen). In der ARD-Doku wird das Wort herauf- und heruntererwähnt. Als Bundeskanzlerin, so Weisband, würde sie alle Sitzungen per Video-Livestream veröffentlichen. Das ist prinzipiell eine gute Idee. Was aber sagen uns die Einschaltquoten von Parlamentsdebatten auf dem Nachrichtensender „Phoenix“? Über sechsstellige Zuschauerzahlen kommen diese wohl kaum hinaus. Weitaus mehr Zuschauer erreichen zum selben Zeitpunkt unsägliche Doku-Soaps und Gerichtsshows auf den Privaten. Bei einem speziellen Interesse wie den Verhandlungen über das Atom-Endlager Gorleben ließ das Bundesumweltministerium für 150.000 Euro den Fachdialog ins Internet streamen. Zuschauer in Spitzenzeiten: etwa 90. Die „YouTube“-Seite des hier präsentierten Videos zählt in drei Monaten 175 Abrufe.

Dies führt uns natürlich zu der allgemeinen Frage, wie politisches Interesse und Bewusstsein zu wecken und zu erhalten sei. Ich persönlich glaube, dass unter den gegebenen Umständen politische Öffentlichkeit weiter schrumpfen wird. Transparenz und Partizipation, wie Piraten sie als direkte Demokratie, nicht zuletzt auf digitaler Basis („LiquidFeedback“), anstreben, bedeuten ein hohes Maß an Zeit, Aufmerksamkeit und Kompetenz beim Endverbraucher.

Man muss es kaum erklären: In unserer Gesellschaft besteht eine digitale Kluft zwischen alt und jung, gebildet und ‚bildungsfern‘ (siehe hier, S. 7ff.). Und mit der sozialen Schere (die auf Bedingungen des gesamten Wirtschaftssystems reagiert) spreizt sich der Gegensatz von Informierten und Nicht- bzw. Desinformierten. Wer weiß, wie man im Internet recherchiert, und bereit ist, Texte mit einem gewissen Umfang und Anspruchsniveau sowie in englischer Sprache zu lesen, hat einen enormen Wissensvorsprung, beinahe ohne finanziellen Aufwand. Wer im Internet die „Bild“-Zeitung ansurft und sich einige „witzige Videos“ auf „YouTube“ ansieht, verbringt im Vergleich mit dem RTL-Programm seine Zeit mit demselben Zeug von einem anderen Anbieter. Innerhalb der kleineren Bevölkerungsgruppe, die nennenswert online ist, sind die Letztgenannten in der Mehrheit. Und wer kümmert sich um die 9 Mio. Analphabeten?

Bevor man mehr direkte Demokratie einfordert, sollte man sich Gedanken machen, wie Menschen in konkreten Fragen überhaupt entscheidungsfähig werden. Pauschal lässt sich sagen, dass sie dafür ihre Zeiteinteilung ändern müssen. Sie werden sich sachbezogenen Informations- und Gesprächsangeboten zuwenden müssen.

Nun in persönlicher Anrede: Wogegen Ihr, die Piratenpartei, qua Programm steht, sind Medienkonzerne, die seit 30 Jahren mit immer mehr Flachsinn beglücken. Solltet Ihr mehr politische Verantwortung übernehmen, werden sich die Lobbyisten von Bertelsmann & Co. schnell um Euch scharen. Und sie werden Euch bald an dem Punkt haben, dass auch Ihr überzeugt seid: Die meisten interessieren sich eh nur für … Ihr wisst schon. Und sie wollen regiert werden. Was man ihnen zu bieten hat, ist ein bisschen mediales Trara, allgemeine Parolen und ab und zu ein Bauernopfer, auf das man zur Triebabfuhr eindreschen kann. Ansonsten gibt es reichlich „Bauer sucht Frau“, und wir sorgen dafür, dass die Armen ärmer und die Reichen reicher, die Einsamen einsamer werden (faktische Entwicklungen der letzten Jahrzehnte). Ihr werdet nolens volens am Neofeudalismus mitarbeiten, oder Ihr werdet aller Voraussicht nach kaputtgeschrieben werden. Mit Begriffen der „Transparenz“ könnt Ihr als Alibi dienen, wenn sie eine leere Behauptung bleiben. Wolltet Ihr damit ernstmachen, wäret Ihr der Todfeind aller Mächtigen.

Desinformation resultiert z. T. aus dem Überangebot – auch das wissen wir. Solltet Ihr also die Hoffnung haben, nach 30 Jahren Privatfernsehen noch eine nennenswerte Zahl von Menschen zu erreichen, die sich mit einem Sachthema vertraut machen und als Konsequenz eventuell sogar noch Änderungen an ihrer eigenen Lebensweise vornehmen wollen, müsstet Ihr also überlegen, wie Ihr a) Wissen bündelt und aufbereitet sowie b) Vermittlungsformen für reale Menschen findet (keine Bücher oder Internetseiten, die nur wenige lesen).

Ich nenne einmal ein paar notwendige Maßnahmen, die auf Eure politische Agenda gehören. (Sie mögen schon in einigen Mailinglisten oder Wikis vorgekommen sein, die ich hier und da mitlese; als zentrale Botschaft und in dieser Konkretion sind sie mir noch nicht begegnet.) Also:

  • Untersuchungskommission Lobbyismus: Wie verhindern wir die verschwörerische Manipulation öffentlicher Meinung und politischer Entscheidungen durch privatwirtschaftliche und elitäre Interessensverbünde? (Mögliche Ziele: Verbot individueller Parteispenden, Einzahlung in einen gemeinsamen Pool und Abgabe nach Proporz von Wahlergebnissen, steuerlich weiterhin absetzbar; veränderte Vorgaben für Karrierewege zwischen Wirtschaft und direkt relevanten Politikbereichen, ggf. längere Übergangsfristen mit Entschädigung.)
  • Generaloffensive Wissensallmende: Wie aggregieren und organisieren wir Wissen allgemeinverständlich? (Erarbeitung von konsensfähigen Wissensbeständen zu Kernfragen wie Energieversorgung, Sozial- und Wirtschaftssystem unter Einbeziehung aller gesellschaftlichen Kräfte; Präsentation von Ergebnissen und Zwischenergebnissen in ausführlichen Themenwochen der öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und TV-Sender, zumindest in diesen Zeiträumen Abschaltung von Privatsendern, evtl. Bürgerpflichten zur Anwesenheit bei Informationsveranstaltungen.)

  • Grundsatzkommission Geistige Arbeit: Wie sorgen wir dafür, dass Wissensarbeiter nicht mehrheitlich interessengeleitet argumentieren, weil sie als Unabhängige wirtschaftlich verarmen? Wie sorgen wir dafür, dass nicht Wissensarbeiter bloß unabhängig scheinen, obwohl sie vollkommen in elitär-hegemoniale Strukturen integriert sind? (Eure Verteidigung des Rechtes auf Privatkopie halte ich für richtig. Durch den Überhang naturwissenschaftlich-technisch gebildeter Piraten habt Ihr nach meinem Eindruck massenmedial vermittelte Inhalte kaum im Blick – wie leider auch viele Medienwissenschaftler nach Friedrich Kittler. Es ist schwierig, in diesem Bereich Qualitätsstandards zu definieren. Aber über die „Stunde der Stümper“ [Andrew Keen] im Netz zu reden, tut ebenfalls not. Die durch das kostenfreie Netz arbeitslos gewordenen Publizisten informieren nicht mehr unabhängig, sondern bilden den wachsenden Überhang der Marketing-Agenten.)
  • Untersuchungskommission Effizienz im Wissenschaftsbetrieb: Wie machen wir (über die „Open Access“-Debatte hinaus) wissenschaftliche Erkenntnis massenwirksam? Wie schaffen wir Transparenz in der Vergabe staatlich finanzierter wissenschaftlicher Arbeitsstellen (Qualitäts- und Leistungskontrolle)?
  • Arbeitsstelle für Eliteforschung: Auf historiografischer und soziologischer Basis werden Informationen über Machtstrukturen jenseits demokratisch gewählter Volksvertretungen gesammelt. Eine Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit Verschwörungstheorien und ihrem Wirklichkeitsgehalt.

Für meine eigenen Interessensbereiche in Geistes-, Medien- und Sozialwissenschaften hätte ich im Besonderen noch anzumelden:

  • Untersuchungskommission Privatfernsehen: Positionsbestimmung demokratischer Kräfte zu Inhalt und Auswirkungen von Sendungen kommerzieller Anbieter. (Eine weitreichende Debatte wäre vonnöten. Mein Beitrag liegt mit dem Buch „Glotze fatal“ vor.)
  • Forschungsverbund Metaphorologie: Empirisch basierte Dokumentation, Erörterung und Vermittlung von Bedeutungsproduktion in fiktionaler und nicht-fiktionaler Rede.
  • Dokumentationsstelle Bewegtbild: Schaffung eines Archivs für Produktionen des Film- und Fernsehgewerbes. (Die bisherige Praxis widerspricht dem Prinzip der Rechtsgleichheit: Jeder Buchverlag ist zur Abgabe von Exemplaren an Zentralbibliotheken auf eigene Kosten verpflichtet. Die finanziell weitaus einträglicheren Medienindustrien der Audiovision produzieren demnach im juristischen Graubereich und entziehen sich dem Zugriff der freien Wissenschaft, die so ihrer gesellschaftlichen Beobachtungsfunktion nicht nachkommen kann. Videosammlungen an Universitäten sind nicht von der Allgemeinheit, sondern als Pflichtexemplare von Medienproduzenten selbst zu finanzieren. Durch zusätzliche Abgaben werden, statt übermäßig luxuriöser Lebensverhältnisse von Medienproduzenten, neue Arbeitsstellen an zuständigen Bildungsinstitutionen und Archiven finanziert. Siehe auch hier zu meinem abgewandelten Begriff der „informationellen Selbstbestimmung“ in diesem Kontext.)

Zwei Tips meinerseits: Allzu ausgiebige Diskussionen über homeschooling würde ich außerhalb von Alaska nicht empfehlen. Und Ihr solltet den Wikipedia-Eintrag über Peter Urbach nicht erst lesen, wenn Ihr an Eurem ersten sicherheitspolitischen Untersuchungsausschuss teilnehmt. Wenn ihr ihn kennt, habe ich nichts gesagt.

Ahoi und auf bald!

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Worte ohne Worte 1 – Zuversicht


Dienstag, 10. Januar 2012, 21:11 Uhr. Von

tagesschau.de, 10.01.2012

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Wir haben nichts anderes vor als Sportgucken


Sonntag, 8. Januar 2012, 19:01 Uhr. Von

Das Tagesprogramm der ARD vom 07.01.2012 hat eine einzige Überschrift – „Sportschau live“:

Dieser Tage war (hier und hier) schon von den Ablenkungsmanövern auf der politischen Szene selbst zu sprechen, mit denen die Aufmerksamkeit von den essenziellen Ereignissen in der Euro-Zone auf ein paar für Deutschland im Ganzen vollkommen unwichtige Kredit-Manöver von Bundespräsident Christian Wulff gelenkt wurden.

Eine der traditionsreichsten Methoden solcher Ablenkung ist die Berichterstattung über Profisport (siehe auch das Zitat hier), die über wenige Jahrzehnte nie gekannte Ausmaße erreicht hat.

Der Inhalt solcher Übertragungen besteht in einer starken Zeitdehnung, für die sich Moderator Matthias Opdenhövel schon reiflich im sportaffinen Show-Format „Schlag den Raab“ (Pro7) vorbereiten konnte, wie meine Video-Montage zum Thema „Organisierter Zeittotschlag“ zeigt:

YouTube Preview Image


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Am 06.01.2012 versucht Opdenhövel, die Schwierigkeiten mit der Oberfläche der Absprungrampe bei der Vierschanzentournee zum Psycho-Thriller heraufzuschwatzen: „Ja, das ist natürlich eine Nervenschlacht heute …“ Gezeigt werden immer wieder Einzelheiten der Optimierungsbemühungen an der Eisbahn, dann Interviews mit Sportlern und anderen Beteiligten, die im Kern auch nur sagen können, dass sie halt warten müssen, und zum Ausbau des Gesprächsinhalts etwa gefragt werden, ob sie denn nicht genervt ob der Warterei seien und wie sie sich denn vorbereiten.

Interviewerin Julia (Nachname ist im Internet nachträglich nicht herauszufinden) nimmt im Gespräch mit Ski-Springer Gregor Schlierenzauer dessen ihr bereits bekannte Vorgehensweise bei der Einstimmung auf den Wettbewerb schon vorweg, indem sie seine Gedanken wiedergibt: „Ich muss bei mir bleiben, drumrum alles ausblenden …“ Das scheint auch das Motto einer auf Profisport eingestellten Öffentlichkeit zu sein, die sich in der zweckfreien, aber äußerst langwierigen Betätigung von Profisportlern spiegelt.

Moderator Opdenhövel forciert erwartungsgemäß mit dem Experten Dieter Thoma die Technik des Beredens eines nasskalten Nichts noch einmal:

Ach ja, das wird heute noch ein langer Nachmittag. Aber das Tolle ist ja, Dieter, a) haben wir nichts anderes vor, wir bleiben hier und hadern der Dinge und wir haben ja noch viel anderen Wintersport bei uns im Ersten und schalten jetzt ma rüber nach Altenberg zur Bob-EM und Tom Scheunemann.

Die Sehbeteiligung für diese in Moderationen als „Zirkus“ bezeichnete Veranstaltung reicht vom „Skeleton Weltcup: Damen“ um 9.13 h mit 1,03 Mio. Zuschauer über den „Biathlon-Weltcup 10km Sprint Herren“ um 14.30 h mit 4,47 Mio. zum „Zweierbob-Weltcup: Herren“ um 17.33 h mit 3 Mio.

Rechnen wir die 45 Min. des „Biathlon-Weltcup 10km Sprint Herren“ also einmal in wache Lebenszeit von 16 h täglich um, wurden hiermit einmal wieder 574 Lebensjahre verbracht, in denen auch etwas anderes hätte geschehen können. Aber zumindest in puncto Zeit heißt es offensichtlich noch: Wir ham’s ja!

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Desinfo im Perpetuum Wulffile


Freitag, 6. Januar 2012, 0:00 Uhr. Von

Ist es Notwehr? Ist es Verzweiflung? Ach nein, man nennt es wohl die äußeren Umstände, die einen dazu zwingen, die Wulffiaden der letzten Tage bis Wochen mitbuchstabieren zu müssen, obwohl man doch weiß (siehe hier und hier), dass man eigentlich über etwas anderes berichten und diskutieren müsste.

Die Welt der Nachrichten seit der Vorweihnachtszeit ist ein Dokument neuer Qualität dafür, wie Mainstream-Medien die Aufmerksamkeit auf Unwesentliches ablenken. Die Wulff-Affären sind keine Lappalie, aber auch keine Tragödie. Juristisch werden sie wohl keine Konsequenzen haben. Das ist eine andere Kategorie als Barschel oder ein Spion im Kanzleramt. Ein paar Mauscheleien und Luxus-Bonbons am Rande.

Man sollte also die Diskussionen eingrenzen, peripher berichten (vielleicht eine Kurznachricht am Ende der Liste). Abwarten, bis Fragen beantwortet sind. Das Gegenteil ist der Fall: Gefühlt die meisten Hauptnachrichten beginnen in den letzten Wochen mit einer Wulff-Nachricht, und die Rede von der „Salami-Taktik“ der Informationsherausgabe trifft auf eine Berichterstattung, die sich dieser elenden Nicht-Information unterwirft, ebenso zu. (Sonstige Metaphernlehre lassen wir hier mal weg.)

Die „tagesschau“-Website vom 03.01.2012 führt es so vor, dass jedes Satiremagazin kapitulieren muss. 6 von 16 Inhaltskästen variieren das Mantra Wulff in allen formatmöglichen Textsorten:

Am 04.01.2012 dauert die Wulff-Berichterstattung in der „tagesschau“ ganze 7 von 15 Minuten, worauf das 20minütige Interview des Bundespräsidenten mit Ulrich Deppendorf (ARD) und Bettina Schausten (ZDF) folgt. Die Journalisten fragen durchaus direkt und offensiv, doch die Antworten bleiben erwartbar schwammig und rührselig.

Am 03.01.2012 lautet die Top-Meldung der „tagesschau“: Wulff. Erst später in der Sendung geht es um die als Erfolgsmeldung verpackte Arbeitsmarktbilanz für den Dezember: 2,7 Mio. Arbeitslose, 231.000 weniger als im Vorjahr. Dazu wird immerhin der Vorstandsvorsitzende der Arbeitsagentur Frank-Jürgen Weise gehört. Und zwar mit der halsbrecherischen Formulierung:

Man muss an der Stelle sagen, dass die Qualität der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung, die gewachsen ist, nicht immer die ist, die sich die Betroffenen wünschen, nicht immer existenzsichernd …

Die Berichterstattung zu den weiteren Implikationen des Themas ist, sagen wir mal, nicht gerade tumultös. Google „hartz iv aufstocker 2011“ bringt einem v. a. Meldungen von 2009/10. Informationsgesellschaft! Mitte 2011 gab es außerdem vereinzelte Meldungen wie diese im „Focus“:

Im vergangenen Jahr habe die Gesamtzahl der sogenannten Aufstocker im Schnitt bei 1,383 Millionen gelegen, berichtete die „Bild“-Zeitung am Freitag unter Berufung auf Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit. Das seien 4,4 Prozent mehr als im Vorjahr und 13 Prozent mehr als 2007 gewesen.

Aktueller unter den findbaren ist der Artikel des „Instituts der deutschen Wirtschaft Köln“ (iwd, 17.11.2011), der Kritik am Aufstocker-Modell zum „Vorurteil“ erklärt. Für die Aufstockung durch Hartz IV werden ein paar für sich einleuchtende Argumente genannt – am stärksten wohl dies, dass die Integration in den Arbeitsmarkt gefördert werde.

Dennoch klingen die harten Zahlen anders – wenn man die Statistiken bis zum Ende liest. Das kommentiert im „Deutschlandfunk“ am 30.12.2011 Wolfram Weltzer, indem er auf die aus der Kategorie „Arbeitslos“ statistisch verbannten Arbeitslosen zusammenrechnet:

Nicht 2,7 Millionen Menschen wären im November arbeitslos gewesen, sondern 3,9 Millionen.
Auch diese Zahl findet sich im Nürnberger Zahlenwerk. Ganz am Ende der dicken Statistik weist die Bundesagentur für Arbeit detailliert die Unterbeschäftigung aus. Wohlweislich aber ganz am Ende – so schafft es die Zahl nicht in die Meldungen der Nachrichtenagenturen, und so müssen die Politiker der jeweiligen Regierung sie auch nicht kommentieren oder sich gar noch dafür rechtfertigen.

Und noch wesentlicher als dieses schon sehr wesentliche Thema sind derzeit die Entwicklungen in der „Europäischen Union“ und ihrer finanziellen Organisation. In der „tagesschau“ vom 03.01.2012 ist auch dies Thema, und zwar durchaus instruktiv mit einer Aussage von Thorsten Polleit (Barclays Capital):

Deutschland hat nun nicht mehr die Vertretung des Chefvolkswirtes und kann dadurch auch nicht mehr wie bisher die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank maßgeblich mitbeeinflussen.

Wäre es wirklich tendenziös, eine solche Aussage als erste Meldung zu platzieren? Diese Meldung kommt hier als zweite nach 4 Min. Wulff. Und wer weiß, wieviele Zuschauer erst einmal ein Kurzgespräch über die Abstrusitäten des Wulffiversums führen, als die nächste Meldung eingeblendet wird, die irgendwie weit weg und dazu noch aus dem trockenen Wirtschaftsressort stammt: „Neuer Chefvolkswirt der EZB“. Der Belgier Peter Praet ist es geworden – statt des ursprünglich vorgesehenen Jörg Asmussen.

Herrn Asmussen kennt kaum jemand. Er läuft in den Hauptnachrichten immer nur im Hintergrund herum:

Screenshot: ARD, 03.01.2012

Asmussens Mitverantwortung für die Verluste des deutschen Staates in der Finanzkrise ab 2008 haben andere (wie hier Guido Kirner) schon ausführlicher besprochen. Aus den dort genannten Gründen müsste eigentlich Asmussen – und nicht nur einmal, und nicht nur für 20 Min. – von Journalisten zur Hauptsendezeit befragt werden.

Derzeit bestätigt sich an solchen Strategien der Desinformation (wir sehen, das geht auch, indem man die Ereignisse als solche gar nicht verschweigt), dass wir uns in einer Transformation befinden, über die man in einer Demokratie eigentlich öffentlich und effektiv sprechen müsste.

Die Kosten für Hartz-IV-Aufstocker (nicht nur, aber auch billige Arbeitskräfte für Unternehmen) betrugen 2005-09 insgesamt 50 Mrd. Euro. Durch die Manöver in der EZB (auch diese hier erwähnt) kommen noch ganz andere Dimensionen von Ausgaben und Risiken auf den deutschen Steuerzahler bzw. unser aller Schuldenkonto zu.

Zur Frage, wie die zunehmende Verschuldung in der Administration gehandhabt wird und wer von ihr profitiert, sei abschließend dieser „Panorama“-Beitrag empfohlen, der „YouTube“-Zuschauer nicht so wirklich zu interessieren scheint (knapp 3000 Abrufe in einem Jahr):

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