Archiv für die Kategorie ‘Neofeudalismus’

Finanz- und Europa-Politik ohne Untertitel


Mittwoch, 13. Juni 2012, 23:21 Uhr. Autor:

Die Medienpräsenz von verantwortlichen Politikern und anderen Akteuren der Finanzkrise ist mitentscheidend dafür, welche politischen Konsequenzen diese Krise hat. Das leuchtet schnell ein – unübersichtlicher ist aber die Realität der Massenmedien, an der dies zu bemessen ist.

Ergänzend zum „GesichterWissen“-Text zum deutschen Finanzpolitiker Jörg Asmussen (SPD) möchte ich zwei Beispiele gegenüberstellen.

Das erste entstammt dem ARD-Magazin „Plusminus“, das immer wieder durch informative und kritische Berichte auffällt. Hier werden einige Zusammenhänge und Personalstrukturen übersichtlich erklärt. „Lobbyismus“ nennt man, was eigentlich wesentliche Kriterien einer Verschwörung erfüllt. Bankenrechtler Karl-Joachim Schmelz beschreibt es so: „[D]ie Verflechtung zwischen Finanzakteuren und Politik ist einfach so extrem, dass man manchmal verzweifeln kann.“ Hiermit ist ein systemischer Fehler benannt, der immer weiter einseitige Vorteilnahmen hervorbringen wird. Andere Politiker müssten gewählt, andere Kontrollmechanismen etabliert werden – sonst werden wir so lange lamentieren, bis äußere Not auch oppositionelle Äußerungen unmöglich macht, nachdem sie schon heute vielerlei Spielräume deutlich einschränkt.

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Das Video bei YouTube zählt aktuell 2421 Abrufe, was das geringe Interesse der wahlberechtigten Öffentlichkeit an solchen grundsätzlichen Themen und wichtigen Personen dokumentiert. Über eine einfache Suche mit „Jörg Asmussen“ ist dieses Video auf der ersten Suchergebnis-Seite zu finden. Nur sucht dies offensichtlich niemand.

Und dementsprechend bleibt auch in diesem – inhaltlich auf seine Art gelungenen – Beitrag die Person Jörg Asmussen ein Phantom. Immer wieder ist er in Hauptnachrichten im Hintergrund und am Rande zu sehen. Interviewt wird er relativ selten. So auch die Anmoderation eines Beitrags aus „Report“. Hier wird auch deutlich ausgesprochen, dass Asmussen zwar scharf auf öffentliche Ämter, aber äußerst medienscheu ist.

Wer auf YouTube etwas mehr von dem Mann erfahren möchte, der nun in der Europäischen Zentralbank (EZB) wichtige Entscheidungen in der Finanzkrise fällt, ist jedoch, was Selbstäußerungen betrifft – auf englischsprachige Quellen angewiesen, wie in dem folgenden Beitrag von „Reuters TV“ (11.06.2012). Das schließt, wie wir wissen, einen Großteil des deutschsprachigen Publikums aus.

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Folgt man hier Asmussens Ausführungen, so stellt sich der Eindruck ein, dass jemand sprachliche Selbsthypnose betreibt (was bei Zweiten schon nicht mehr so gut funktioniert). Er klammert sich an z. T. wortgleich wiederholte Formulierungen, die durchweg auf einer sehr allgemeine Ebene Planbarkeit, Stabilität u. Ä. suggerieren. Nachdem Asmussen mit seinen Spekulationsgeschäften so grandios scheiterte, bekämpft er nun die Folgen des eigenen Versagens als Euro-Retter von Gnaden der obersten Haushaltshüter der Bundesrepublik. Vielleicht besteht seine größte Qualifikation darin, dass ihm nichts zu peinlich ist.

Schon am manifesten Verhalten Asmussens, und in dieser Perspektive in der Verschanzung auf Experten-Foren mit wenig expertigen Aussagen, sehen wir das scheitern, was uns als zukünftig tragfähiges Politikmodell verkauft werden soll: ein Europa, das in zentralisierten Instanzen regiert werden soll, und dessen politische Akteure dennoch von Wahlbürgern gehört und beobachtet werden müssten. Wir sehen, dass dies in der Vergangenheit nicht funktioniert hat und in der Gegenwart nicht funktioniert. Dafür sorgen schon Sprachbarrieren und die mangelnde Bereitschaft, Technokraten aufmerksam zuzuhören – geschweige denn solchen aus anderen Nationen. Politiker von der Mentalität Asmussens werden (ob aus fehlender Qualifikation oder versteckten Absichten heraus) dafür sorgen, dass Demokratie in Europa eine gefährliche Worthülse bleiben wird.

Wer das Licht der Öffentlichkeit scheut, sollte keine öffentlichen Ämter ausüben.

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Gaucks Welt als Wille und Verstellung


Freitag, 23. März 2012, 22:27 Uhr. Autor:

Am heutigen Tag erfüllte öffentlich-rechtliches Fernsehen seine höchst offiziöse Funktion: als Übertragung der Antrittsrede von Bundespräsident Joachim Gauck. Gehen wir medias in res: Was darin mit vertrauenerweckend-sonorer Stimme vorgetragen wurde, signalisiert, vorsichtig ausgedrückt, eine Tendenz auf gedanklich-politische Verdrängung des neuen Amtsinhabers – wie schon anhand weniger seiner Worte in vorherigen Beiträgen (hier und hier) angesprochen.

Heute waren es nun gut 23 Minuten der Worte Gaucks, die seine Haltungen konturieren sollten. Er begann mit dem Blick auf „dieses Land, zu dem unsere Kinder und Enkel einmal sagen sollen: ‚Unser Land‘“.

Gauck erwähnt dazu „Vereinzelung“ von Menschen und die „Schere zwischen Arm und Reich“, „ethnische oder religiöse Minderheiten in gewollter oder beklagter Isolation“. Neben wenigen anderen Stichworten in dieser kurzen Passage sind dies die einzigen Negativaspekte, die Gauck in seiner Rede benennt. Dies ist eine zentrale Funktion gegenwärtiger Politik (auch wenn wir es hier mit einem besonderen Redeanlass zu tun haben): Probleme nicht oder kaum zu benennen, jedenfalls die Hoffnung stärker als das Problembewusstsein zu wecken. Und selbst dort, wo in der Opposition Kritik zum Beruf wird, werden vielerlei konkrete Aspekte ausgespart – aus diversen Gründen, die jedoch bestimmten Schemata folgen (Lobbyismus, Medienmanipulation, Neofeudalismus und Verschwörung sind hier kontinuierlich beleuchtete Schemata dieser Art).

Die Dramaturgie der Rede basiert ab diesem Punkt wesentlich auf Gaucks historischer Herleitung eines allgemeinen Begriffs der „Freiheit“ – vom Zweiten Weltkrieg hin zu einer pluralistischen „offenen Gesellschaft“. Ich kann an diesem Punkt festhalten, was mir an Gaucks Artikulation am meisten missfällt: Er verwechselt Vergangenheit und Gegenwart, auch, wenn er hier und da auf Erlebnisse jüngerer Generationen rekurriert. Die Erfahrung desjenigen, der mit dem Realsozialismus im 20. Jahrhundert den dritten Totalitarismus auf deutschem Boden kennengelernt und erfolgreich mitbekämpft hat, unterscheidet sich fundamental von jener eines Menschen mit, in meinem Fall, Geburtsjahr 1974, Westdeutschland.

Gauck verlängert gewissermaßen artifiziell ein Fortschrittsprinzip in der Ablösung vom Staatssozialismus in das Projekt einer gegenwärtigen Gesellschaft. Zu Letzterer erwähnt er dann pauschal „Chancen und Sorgen einer offenen Gesellschaft“. Solche Chancen in ihrer Konkretion zu betrachten und Sorgen auf ihren Realitätsgehalt hin zu überprüfen wäre das, was nach Gauck als „Gerechtigkeit […] nur in intensiver demokratischer Diskussion und Debatte zu klären“ sei.

Die Frage bleibt jedoch, wo sie stattfindet, welchen Nutzen das Vertreten der einen oder anderen Position dabei mit sich bringt – und welchen Realitätsgehalt die jeweilige Position hat, die mehr oder minder Erfolg für denjenigen mit sich bringt, der sie vertritt.

Zu Prügelknaben werden für Gauck die „rechtsextremen Verächter der Demokratie“. Die meist sozial nicht privilegierten Anhänger sog. ‚rechter Ideologie‘ werden also von Gauck als die wichtigsten Gegner von „Demokratie“ und „Freiheit“ ausgemacht. Dazu kann man zunächst feststellen, dass dies eine sehr wohlfeile Wahl des Gegner ist – zumal nach Monaten der Berichterstattung über Morde durch Rechtsradikale an türkischen und griechischen Mitbürgern.

Im öffentlichen Diskurs sind „rechtsextreme“ Positionen kaum präsent. Umfragen munkeln von Antisemitismus bei 20 % der Bevölkerung, doch Wahlergebnisse und öffentliche politische Debatten wahren meist übergenau das, was in verschiedener Hinsicht als political correctness angesehen wird – historisch, ethnisch, sexuell.

Deshalb scheint mir der Rechtsextremismus (auch) in dieser Rede ein Popanz zu sein. Inwieweit ‚rechter Terror‘ tatsächlich eine mindestens partielle Inszenierung des Verfassungsschutzes ist oder nicht (wofür Einiges spricht) – er spielt für unsere Öffentlichkeit eine schockierende, aber keine nennenswerte politische Rolle. Nur in seiner Instrumentalisierung in dem permanenten Hinweis auf ‚rechte Gefahr‘ steckt derzeit politisches Potenzial. Und so verfälscht und verdreht auch Gauck reale Verhältnisse und Verhältnismäßigkeiten: Er suggeriert, Parteien deutlich unter der 5-%-Marke und extrem vereinzelte Gewalttäter seien an dieser Stelle als wichtigste „Verächter der Demokratie“ anzusprechen. (Zumindest wäre Gaucks Argumentation hier sehr stark auf Mehrheitsverhältnisse in einzelnen östlichen Bundesländern gemünzt.)

Ich habe in diesem Blog vielfach auf Medienmacht und Finanzwirtschaft angesprochen – um zwei abstrakte Begriffe zu nennen, mit denen extrem undemokratische Tendenzen unserer Gesellschaft verbunden sind. Die Adresse an „Verächter der Demokratie“ wäre umzuleiten an jene, die sie in ihrer Wirkmächtigkeit und Konsequenz realistisch betrifft. Und dies lässt sich an den Resultaten ihres Wirkens ablesen, nicht nur an Rhetoriken und vereinzelten aggressiven Formulierungen.

An dieser Stelle meiner Argumentation muss sich schon jeder berufspolitische Insider halb genervt, halb amüsiert abwenden – weiß er doch, wieviel reine Inszenierung, wieviel bewusste Verfälschung von Tatsachen für die Zwecke des Machterhaltes Usus sind. Zur Erinnerung: Gauck spricht vor einer Regierung, deren Finanzminister Wolfang Schäuble (CDU) mit folgendem Passus in der „Wikipedia“ verewigt ist:

Wolfgang Schäuble äußerte in öffentlicher Sitzung vor dem Deutschen Bundestag, er habe „irgendwann im Spätsommer oder im Frühherbst 1994“ bei „einem Gesprächsabend in einem Hotel in Bonn […] einen Herrn kennengelernt, der sich mir als ein Mann vorgestellt hat, der ein Unternehmen leitet. Ich habe später festgestellt, daß es dieser Herr Schreiber war. […] Auf der damaligen Veranstaltung bin ich Herrn Schreiber begegnet. Das war es.“
Am 10. Januar 2000 räumte Schäuble ein, von dem inzwischen wegen Steuerhinterziehung verurteilten Waffenhändler Karlheinz Schreiber im Jahre 1994 eine Bar-Spende von 100.000 D-Mark für die CDU entgegengenommen zu haben. […]
Ein Ermittlungsverfahren gegen Schäuble wegen uneidlicher Falschaussage im Zusammenhang mit der fraglichen Spende wurde eingestellt, ebenso wie die Ermittlungen gegen Brigitte Baumeister. Die Berliner Staatsanwaltschaft konnte keine hinreichende Tatbestandsverwirklichung für eine Anklage feststellen. […] Ungeklärt sind außerdem die Spekulationen, ob und gegebenenfalls inwiefern Schäuble seine Verbindungen ins Kanzleramt nutzte (was Schäuble stets vehement bestritten hat). Fraglich ist weiterhin, wo die 100.000 D-Mark verblieben sind.

Falls Schäuble die illegale Spende für die politische Arbeit der CDU damals irgendwo vergraben haben sollte, erhält sie also höchstens nach Wiedereinführung der D-Mark einen Wert …

Für die Führung eines Finanzministeriums ist eine solche Vergangenheit jedenfalls kein Hinderungsgrund; ebensowenig für einen Bundespräsidenten, illegale Parteienfinanzierer und eingestandene Lügner vor dem Parlament, also „Verächter der Demokratie“, nicht einmal direkt anzusprechen, wenn sie sich im selben Raum befinden.

Doch auch diese meine Erwähnung des Falls Schäuble kann noch eher als kleinlich gewertet werden. Das Ausmaß antidemokratischer Gesinnung in Medienindustrie und Finanzwirtschaft verhält sich im Vergleich dazu astronomisch. Ich erwähnte schon im letzten Artikel ein Thema wie die Medienkonzentration, die einer Freiheitlichkeit von Kommunikation entgegensteht. Sie schreitet weiter fort und lässt die Entscheidungsgewalt über öffentliche Kommunikationen der meistgesehenen, -gehörten und -gelesenen Redaktionen auf eine sehr kleine Personengruppe zusammenschrumpfen. Angesichts solcher Fakten wäre Gauck dumm, wüsste er nicht, dass er Realitätsferne demonstriert, wenn er die Absicht für realistisch hält, „Gruppeninteressen und Gemeinwohlinteressen auszugleichen.“ Und es muss kein Zufall sein, wenn er diesen – wie einige andere Momente der Rede – mit einem auffälligen Zungezeigen akzentuiert. Ätsch:

Joachim Gauck, Antrittsrede im Deutschen Bundestag, 23. März 2012

Gauck versucht auch, sich durch eine Würdigung der Internet-Öffentlichkeit bei der Netzgemeinde beliebt zu machen. Das wäre nicht verwerflich, bliebe dabei nicht gerade außen vor, was in dieser Dynamik – bisher jedenfalls – nur die Macht der Eliten stärkt: die relativ wirkungslose Gratis-Arbeit Oppositioneller, die auch noch als solche politisch bis polizeilich exakt verortet werden können.

Auf der Ebene der Fakten heißt dies auf „pr-journal.de“ (08.12.2010) aufgrund einer Umfrage zum Stellenabbau im bezahlten Journalismus:

75 Prozent aller Befragten geben an, dass der Journalismus dadurch durchlässiger wird für die PR. Fast ebenso viele Journalisten bemängeln, dass Verlage zu wenig tun, um die Qualität ihres Mediums trotz Personal-Einsparungen zu erhalten (74 Prozent). Sie kritisieren weiter, dass der Tiefgang der Berichterstattung abnimmt (73 Prozent), die journalistische Qualität sinkt (70 Prozent) und feste Redakteure am Ende Mehrarbeit durch die Freisetzung leisten müssen (65 Prozent).

Dies ist ein weiteres Beispiel für eine Realitätsverfälschung in der Version Gaucks: Was seinen Worten zufolge „Teile der digitalen Netzgemeinde“ zur Demokratie beitragen, ist zugleich eine Zunahme von besser bezahlter Manipulation und von Arbeitslosigkeit und Armut ‚kritischer‘ Autoren. Kein Wunder, dass Gauck – vielleicht im Bewusstsein dieser Verfälschung – nach der Aussage, solche Gegenöffentlichkeiten glichen in der Demokratie „Mängel aus“, einmal wieder die Zunge herausstreckt:

Joachim Gauck, Antrittsrede im Deutschen Bundestag, 23. März 2012

Auch zum Begriff der „aktiven Bürgergesellschaft“ zeigt Gauck die Zunge:

Joachim Gauck, Antrittsrede im Deutschen Bundestag, 23. März 2012

Strecken Sie im Alltag so oft und in dieser Art die Zunge heraus? – Sie sind Medienprofi? Dann hab ich nichts gesagt. Zu Dieter Kaufmann, dem Mann, der 1990 auf Wolfgang Schäuble schoss, heißt es übrigens:

1982 wird er mit 20 Kilo Haschisch in Spanien erwischt, in Karlsruhe zu fünfeinhalb Jahre Freiheitsstrafe verurteilt. Kommt 1986 auf Bewährung frei, noch immer schwer verfolgt und misshandelt von diesem Staat mit seinem Strahlenfernsehen, das alle manipuliert und quält, in dem er Politiker sieht, die ihm die Zunge heraus strecken, obszöne Gesten machen.

Zurück zum Thema. Vielleicht weiß Gauck ebenso gut, was Michael Mross auf „mmnews.de“ (22.03.2012) zum Bewusstsein für die Finanzkrise bemerkt:

Doch die meisten Menschen interessieren sich dafür nicht. So lange man noch ein Bier für seine Euros kriegt, ist die Welt in Ordnung. Das könnte sich jäh ändern.

Wie Mross eine solche Haltung anderen Menschen als die ihre zurückzuspiegeln, bedarf eines gewissen Mutes – und verursacht im sozialen Miteinander und karrieretechnisch wohl mehrheitlich Ablehnung und äußerlichen Misserfolg, obwohl es für Angesprochene der einzige Weg zur Bewusstwerdung sein dürfte (gesetzt den Fall, Mross behält Recht). Gerade eine solche Konfrontation wagt jemand wie Gauck nicht – obwohl die Website des Bundespräsidenten als seine Aufgabe benennt:

Die ihm auferlegte parteipolitische Neutralität und Distanz zur Parteipolitik des Alltags geben ihm die Möglichkeit, klärende Kraft zu sein, Vorurteile abzubauen, Bürgerinteressen zu artikulieren, die öffentliche Diskussion zu beeinflussen, Kritik zu üben, Anregungen und Vorschläge zu machen.

Gauck verbleibt, wie so viele andere Politiker, als ausgebildeter Theologe im Duktus der Predigt, in abstrakten, wohlklingenden Idealen und Mahnungen. So schilt er jene, die „Feigheit für Tugend halten und Flucht für eine legitime Haltung im politischen Raum.“ Eine solche Aussage scheint kompatibel zu sein mit der Ausgrenzung politisch extremer Positionen, auch wenn sie demokratisch gewählt und in Parlamenten vertreten werden (was immer man inhaltlich über sie denken mag oder sollte). So das Stimmungsbild des Umgangs mit NPD-Abgeordneten im sächsischen Landtag:

“Wir grüßen die nicht mal”, heißt es bei den Grünen, die sich Treppe und Aufzug mit den NPD-Leuten teilen müssen. Ähnlich die CDU: “Es gibt keine informellen Kontakte und erst recht keine Besuche”, beteuert Fraktionschef Steffen Flath.

Derlei scheint für Gauck wohl ebensowenig „Feigheit“ oder „Flucht“ zu sein wie das Verhalten von Investmentbankern, deren Geschäftsbereich er in diesen Tagen einer vermutlich neu aufkommenden globalen Wirtschaftskrise mit keinem Wort erwähnt. Man muss keine im alltäglichen Sinn ‚rechts-‘ oder ‚linksradikalen‘ Zeitungen lesen, um dasjenige Verhalten aus der gesellschaftlichen Realität herauszufiltern, auf das Gaucks Mahnung zutrifft, während er die betroffene Personengruppe nicht erwähnt. Die Fachliteratur zum Thema formuliert es als „Strukturierte Verantwortungslosigkeit“:

[…] ein eindrückliches Panorama der Bankenwelt, ihrer Praktiken und Denkstile. Thematische Essays und Feldbeschreibungen schärfen den analytischen Blick auf eine ökonomische Machtsphäre, in der niemand für die Krise Verantwortung übernehmen mag.

Nachdem mit erheblicher Neuverschuldung und unkalkulierbaren Risiken von Euro-Rettungsschirmen die wesentliche finanzielle Last auf die Masse der Bürger und ihrer Nachkommen abgewälzt wurde (und wohl weiterhin werden wird), tritt der parteilose Theologe auf und kritisiert „Flucht“ als keine „legitime Haltung im politischen Raum“ – und es darf sich jeder aussuchen, ob er nun gemeint ist oder nicht.

In einem Land mit vergleichsweise wenigen, verhältnismäßig aber immer noch immensen Staatsschulden von derzeit ca. 2 Bio. Euro und über die Jahrzehnte absehbaren gigantischen Zinseszins-Effekten (für die das Internet keine nennenswerten Statistiken bereithält) und dem voraussehbaren Kollaps der Rentenversicherungen feiert Gauck einen „Sozialstaat, der vorsorgt und ermächtigt.“

In diesen Tagen kündigt sich mit der Finanzsituation Spaniens die nächste Notwendigkeit von kostspieligen Rettungsmaßnahmen an, für die Deutschland durch den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) in unerbittliche Pflicht genommen werden kann. So heißt es in der „Welt“ (22.03.2012):

„Verführt durch billiges Geld hat Spanien enorme Schulden aufgehäuft – und Madrid fehlt der Mut zur Konsolidierung.“

Gauck fällt dazu nur ein: „Gerade in der Krise heißt es deshalb: Wir wollen mehr Europa wagen.“ Oder wahlweise die Aufforderung, „im anderen geschwisterlich uns selbst zu sehen, begabt und berechtigt zur Z… Teilhabe wie wir.“

Auch ist der neue Bundespräsident der Auffassung, dass „unser Land soziale Gerechtigkeit, Teilhabe und Aufstiegschancen verbindet.“ Und auch in diesem Fall redet er an Realitäten vorbei, die seit langem Thema der öffentlichen Debatte sind. Unter der Überschrift „Aufstiegschancen so ungleich wie vor 20 Jahren“ berichtet die „Rheinische Post“ (15.06.2008):

Einmal Tellerwäscher, immer Tellerwäscher. Das ist die etwas überspitzte Essenz einer Studie zu Aufstiegschancen in Deutschland. Den Daten der Forscher zufolge hat sich in der Bundesrepublik in dieser Hinsicht seit 20 Jahren nichts getan.

(Neuere gleichlautende Meldungen lassen sich leicht finden.)

Nach allen Unwahrheiten und möglichen mimischen Ungebührlichkeiten kommt Gauck dann in Gegenwart finanziell interessierter Hotelbesucher und Schuldenuhrmacher auf das empfindliche Gemüt von Politikern zu sprechen, ja, auf Politikverdrossenheit (ohne freilich auch diese beim Namen zu nennen). Er geißelt „Verachtung von politischem Engagement, von Politik und Politikern.“ Es folgt die abstruse szenische Schilderung: „Was, so hören wir es oft im privaten Raum, was? Du gehst zur Sitzung deines Ortsvereins? Wie bitte, du bist aktiv in einer Gewerkschaft? Manche finden das dann uncool.“

Haben Sie so etwas schon einmal „im privaten Raum“ gehört? Ich jedenfalls nicht. Die Nicht-Teilnahme an politischer Aktivität rührt, wenn nicht von Faulheit, dann von Abscheu vor Korruptheit her. Eine Bereitschaft zu Engagement ist nach meiner Beobachtung nicht nennenswert das Ziel von Ablehnung – vielmehr der Modus vermeintlich ‚professioneller‘ Politikgestaltung. Der Rest bei Verweigerern ist eher Bequemlichkeit, nicht Arroganz.

Damit wären wir erst einmal durch mit Kernsätzen dieser ersten Rede Joachim Gaucks als Bundespräsident. Neben meiner Kritik sollte Ihnen die Konfrontation von politischer Rhetorik und Sachverhalten eine weitere Grundlage geboten haben, den politischen Stil des ehemaligen Leiters der „Stasi-Unterlagen-Behörde“ selbst zu bewerten. Die Parlamentarier und Zuschauer im Deutschen Bundestag klatschten eifrig.

Für den „Focus“ heißt dies heute „Flammende Rede bei Vereidigung: Wider die Angst“, dem „Spiegel“ ist Gauck „Mutmacher der Nation“, und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ findet: „Sein Ton stimmt“. Presse und Freiheit sind vielleicht auch nicht immer eins.

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Zur Aufmerksamkeitsökonomie
für den ESM


Samstag, 17. März 2012, 23:13 Uhr. Autor:

Das allgemeine Gefühl der Bundesbürger in Bezug auf die Euro-Krise dürfte sich derzeit immer noch auf einem Level bewegen, das vergleichbar demjenigen ist, wenn man auf der Landstraße ein Kleintier überfahren hat: Es hat gerade etwas geruckelt, aber die Tachonadel bleibt stabil auf 100.

So fühlt es sich aber auch nur an, weil sich an der Zusammensetzung von Mainstream-Medieninhalten im Vergleich zu den vorherigen Jahren bis dato wenig geändert hat. Die Situation in der Europäischen Union durchläuft in diesen Wochen eine wesentliche Transformation, die aller Vorraussicht nach auch für deutsche Bürger in den kommenden Jahrzehnten zu spürbaren Veränderungen führen wird.

Detailliert und verlässlich aufzuarbeiten, was Inhalt der geplanten „Stabilisierungsmaßnahmen“ und „Rettungsschirme“ ist, wäre eigentlich Aufgabe zumindest der öffentlich-rechtlichen Medien – auch wenn diese viele Millionen Wahlberechtigter mittlerweile gar nicht mehr oder kaum noch erreichen. Nach meiner Beobachtung findet selbst dies nicht statt.

Im Netz kann man v. a. in spezialisierten Blogs und einer auf Kritik des Staats- und Wirtschaftssystem ausgerichteten publizistischen Szene differenzierte Informationen einholen. Während also Millionen Steuerzahler fragwürdigen Personen wie dem „Volksmusiker“ Stefan Mross (Sie wissen, der, der nicht so berühmt Trompete spielt, wie er ist) ihre Aufmerksamkeit schenkt, fristen die Berichte des Börsenexperten Michael Mross auf seinem Blog „MMnews“ ein vergleichsweise wenig massenwirksames Dasein.

In einem aktuellen Beitrag von Thomas Bachheimer auf „MMnews“ ist die Beurteilung des ESM („Europäischer Stabilitätsmechanismus“) erwartungsgemäß deutlicher als in den Hauptnachrichten. Hier ist die Rede von „abstruser Elitendiktatur“ und „nicht demokratisch legitimierten (Ent)-Macht(ungs)-Instrumenten“. Die Vorgänge, die in den Systemmedien meist nur wenige Minuten oder wenig beachtete Artikel in Wirtschaftsrubriken einnehmen, werden hier etwa so wiedergegeben:

  • Nach der Ratifizierung werden Regeln fixiert, die die Gesamtsumme steuern – bei den 500 bleibt es ohnehin nicht. Es wird erhöht und danach noch gehebelt werden.
    […]

  • Der ESM, die ausführenden Organe, sein Eigentum, seine Finanzmittel, seine Vermögenswerte und seine Akteure genießen umfassende gerichtliche Immunität (was wiederrum bedeutet: der ESM kann klagen aber nicht verklagt werden.)
  • Alle Unterlagen bleiben geheim.
  • Gemanagt wird das Ganze von einem Gouverneursrat bestehend aus Finanzministern (was nichts anderes bedeutet, als dass Personen aus den Reihen der Verursacher dieses diktatorische Finalisierungsinstrument in den Händen halten).
  • Das Vermögen der Bürger kann jederzeit von diesem Gremium abberufen werden und zur Umschuldung herangezogen werden.
  • Wohl kaum ein Normalbürger würde solchen Implikationen zustimmen. Sich dieser weitreichenden und über Jahrzehnte wirksamen Vereinbarungen bewusst, würden hierzulande wohl viele Millionen Menschen auf die Straße gehen. Der einzige Grund, warum dies nicht passiert, dürfte der sein, dass sie 1) nicht mitbekommen, was die von ihnen gewählten oder zumindest stillschweigend akzeptierten „Volksvertreter“ juristisch bindend unterschreiben und 2) sie sich den Folgenreichtum der verkürzt öffentlich kommunizierten Inhalte von ESM & Co. nicht konkret vorstellen können.

    Wilhelm Hankel
    Preis: 19.90 EUR

    Für die letzten Monate bis wenigen Jahre könnte man eine umfangreiche Dokumentation stellen, mit welchen relativen Unwichtigkeiten die Nachrichtenrubriken stattdessen zur Ablenkung gefüllt wurden. Ein bayerischer Adliger hatte eine katastrophal zusammengekleisterte Doktorarbeit abgegeben und war Minister geworden. Ein in seiner Freizeit etwas genusssüchtiger Katholik hatte nach reichen Freunden gesucht, Geschenke angenommen und war schließlich Bundespräsident geworden – um nur einmal jene zwei Skandal-Personalien zu nennen, die ein monströses Medienecho bewirkten. Eine große Zahl kluger Köpfe wurde angeleitet, über derartige Fälle umfangreich zu kommunizieren, ja, Internet-Plattformen einzurichten, um den Unsinn, den Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Doktoreltern vor die Füße kippte, akribisch durchzuackern.

    Warum gibt es Vergleichbares wohl nicht zu einem Thema wie dem ESM? Die Antwort lautet wohl: Systemmedien konditionieren die Aufmerksamkeit der Bürger auf Unwesentliches, Aufgebauschtes, strategisch Skandalträchtiges, das aber noch halbwegs ‚verstehbar‘ ist. Wie das Spiel an internationalen Finanzmärkten und in einem seit Jahrzehnten währenden Prozess der Machtkonzentration internationaler elitärer Gruppierungen verläuft, übersteigt offensichtlich in Manchem das bürgerlich-konservativ und sozialliberal erzogene Vorstellungsvermögen.

    Stutzig scheint es wenige zu machen, dass die Ungezogenheiten ihrer Zöglinge Karl-Theodor zu Guttenberg und Christian Wulff ihrer Partei, der CDU, noch nicht einmal Image-Probleme bereiten. Weil „Mutti“ Merkel immer noch klingt wie die vertrauenswürdige Pfarrerin von der Kanzel um die Ecke, sind die Widersprüche solcher Charaktere zu einem konservativ-christlichen Programm scheinbar in allen relevanten Wählerschichten schnellstens wieder vergessen. Und für die Zeit, die das „GuttenPlag“ und Wulffs Party-Gschpusis die Gazetten füllte, realisierten dieselben Wahlbürger auch nicht, dass die wichtigste Musik derzeit in Brüssel spielt. Und dass weitere Schritte für einen Entzug der demokratischen Selbstbestimmung überschaubarer Personenverbünde wie den „Deutschen“ hin zu einer undurchsichtigen EU-Bürokratie nun unwiderruflich vollzogen sind.

    Die letzten Sendungen der ARD-„tagesschau“ sind hierfür ein schändliches Beispiel der Vernachlässigung journalistischer Informationspflicht. Am 14.03.2012 wurde die Zustimmung Deutschlands zum ESM parlamentarisch abgesegnet. Das „Handelsblatt“ bemerkt, ungeklärt seien „parlamentarische Kontrolle und die genaue Haftungssumme für Deutschland“ .

    Was bestimmte an diesem Tag die Berichterstattung der „tagesschau“? Nun, zwei ‚unerwartete‘ Ereignisse waren eingetreten: In Nordrhein-Westfalen wurden Neuwahlen erforderlich, weil ein Teil des Landeshaushalts vom Parlament nicht akzeptiert wurde (Top-Nachricht). Zweite Nachricht: ein Busunfall in der Schweiz mit 28 Toten. Und auch die Verurteilung des kongolesische Milizenführers Thomas Lubanga durch den Internationalen Gerichtshof in Den Haag hat für europäische Bürger eine mindere Relevanz. Noch das „zweite Hilfspaket für Griechenland“ ist der „tagesschau“-Redaktion wichtiger als die Verabschiedung des ESM. Und dessen Erwähnung fällt dann äußerst knapp aus:

    Das Bundeskabinett hat heute das Gesetz für den künftigen dauerhaften Rettungsschirm ESM auf den Weg gebracht. Er soll im Juli starten und den Hilfsfond EFSF ablösen. Nach bisherigen Plänen soll der ESM Notkredite von maximal 500 Milliarden Euro an angeschlagene Euro-Länder vergeben können. Bundestag und Bundesrat müssen noch zustimmen.

    „Hilfe“ und „Rettung“ sind die Lieblingsworte der Nachrichtenredakteure in diesem Zusammenhang. Auch in der „tagesschau“ vom 13.03.2012 wurde nicht etwa kontextuell auf das anstehende Ereignis schon einmal hingewiesen. Vielmehr wurde registriert, dass eine der guten Absichten für die EU-Finanzpolitk, eine Finanztransaktionssteuer, „vorerst vom Tisch“ sei. Als zweites ging es um den Gewinneinbruch der Bundesbank durch die Euro-Krise. Solche Ereignisse müssen gemeldet werden – aber wo werden Absichten und tatsächliche Folgen sowie mögliche Risiken und Wahrscheinlichkeiten aufgrund bisheriger Entwicklungen wirklich systematisch sortiert?

    Der erwähnte Michael Mross (um den es hier schon einmal ging) wird als Teil-Aussteiger aus der kommerziellen Börsen-Berichterstattung nicht müde, den Wahnsinn zu betonen, dessen Teil er etwa als Experte für den Nachrichtensender „n-tv“ war.

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    (Über mögliche Interessen an von ihm empfohlenen Gold-Ankäufen will ich hier nicht spekulieren.) Nachrichtensendungen wie die „tagesschau“ befragen auch zu anderen Themen durchaus einmal „Experten“, die ihre Bewertungen abgeben. Warum nicht hier? Es handelt sich wohl um einen weiteren von vielen Fällen falsch verstandener ‚Neutralität‘ von Nachrichten, die in Wirklichkeit Meinungsmache und tendenziöse Präsentationsform ist.

    Sehen wir also zu, wie sich der Verlauf des Prozederes bis Mitte Juni mit der Verabschiedung des ESM durch Bundestag und Bundesrat abrundet. Dass TV-Sender bis dahin Bürgern umfassend und wirkungsvoll erklärt haben werden, was dies bedeutet, ist nicht zu erwarten.

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    (Anti-)Politik der Berichterstattung zur Euro-Krise


    Samstag, 10. März 2012, 19:13 Uhr. Autor:

    Wie funktioniert politische Bewusstseinsbildung zur Finanzkrise? Woher beziehen Bürger Informationen zu den laufenden Entwicklungen in der Europäischen Union, v. a. zu den laufend beschlossenen „Rettungsmaßnahmen“?

    Wer nicht ausführlich im Netz surft und die Wirtschaftsteile der Zeitungen liest, dürfte die Ereignisse wohl nur am Rande ‚irgendwie mitbekommen‘. Von Privatsendern reden wir an solchen Stellen schon gar nicht mehr; dort beschränkt sich dies für ein Millionenpublikum wesentlich auf ein paar Sätze in Nachrichtensendungen – und erreicht gerade jene nicht, die etwa von darauf folgenden Kürzungen im Sozialbereich am stärksten betroffen sein werden.

    Die öffentlich-rechtlichen Sender verfügen bekanntermaßen über eine Reihe von politischen Magazinen, die in der ARD im Laufe der Jahre gekürzt und auf spätere Sendeplätze gesetzt wurden. Im ZDF handelt es sich um die wöchentliche Sendung „Frontal 21“.

    Anlass zu dieser Überlegung war mir ein Beitrag aus „Report München“ von 2011, der hier leider nur mit leicht asynchronem Ton noch zu sehen ist:

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    Kernsatz aus diesem Beitrag ist eine Aussage von Thomas Mayer, dem Chefvolkswirt der „Deutschen Bank“, die die ggf. bis wahrscheinlich erforderliche Stützung von weiteren Ländern nach der Griechenland-Krise – wie Irland, Portugal, Spanien und Italien – durch die Europäische Zentralbank (EZB) betrifft:

    […] dann würden wir eine sehr große Geldvermehrung bekommen, die dann mittel- und langfristig zu höherer Inflation führen würde.

    Genau dies sehen wir ja dieser Tage. Ich habe in mehreren Beiträgen (hier, hier und hier) darauf hingewiesen, dass v. a. die Causa Wulff auch ein langfristig vorbereitetes Ablenkungsmanöver für die laufenden Veränderungen in Europa sein könnte. Demgegenüber wird die Geldpolitik der EZB zwar einzeln in den Hauptnachrichten vermeldet, aber nicht sehr ausführlich in den Magazinen debattiert.

    Als Einzelperson kann ich dies nicht laufend scannen. Die Websites der Sendungen „Fakt“, „Frontal 21“, „ Kontraste“ , „Monitor“, „Panorama“, „Report Mainz“ und „Report München“ verzeichnen unter ihren aktuellen Themen zwar einzelne Beiträge zur Finanz- und Euro-Krise – doch der oben von Mayer erwähnte makroökonomische Zusammenhang wird hier nicht prominent anmoderiert.

    Bei „Fakt“ darf man als einfacher Bürger nach ein paar Textzeilen mal wieder wirkungslos abstimmen, ob Griechenland aus der Euro-Zone austreten soll. Bei „Kontraste“ steht das Thema nicht im Fokus des Sendekonzeptes, okay. Bei „Panorama“ werden Rechentricks der Banken zur Beglaubigung ihrer Erhöhung der Eigenquote beleuchtet. Das ist berechtigt, aber eher ein Randphänomen des fiskalpolitischen Großthemas. „Report Mainz“ berichtet offensichtlich noch am kontinuierlichsten zum Thema und stellt Beiträge auf einer Themenseite zur Griechenland-Krise zusammen. Hier ist die Argumentationslinie gegen reiche Griechen gerichtet, die sich aus der Verantwortung stehlen – ein Wohlfühl- bzw. Schimpfprogramm für sozialdemokratische deutsche Mittelstandsbürger. „Report München“ führt einen Bericht vom Juni 2011 auf, in dem es um die Kosten der Griechenland-Rettung für den deutschen Steuerzahler geht. Auch hier also kein Blick auf die systemischen Bedingungen, sondern der Appell an das Sentiment des einfachen Steuerzahlers. Die darin von Wirtschaftswissenschaftler Prof. Ansgar Belke vorgerechneten Szenarien zeigen im Nachhinein, dass sich die deutsche Bundesregierung von solchen Empfehlungen hat leiten lassen – doch sind damit nur die aktuell anfallenden Kosten reduziert, die strukturellen Probleme aber nur v. a. aufgeschoben, nicht aufgehoben.

    In der Palette der öffentlich-rechtlichen Politikmagazine sind Verbraucherschutz und Wirtschaftsthemen von mittlerer Brisanz stark vertreten: Hygienemängel in Großbäckerei, „Abzocke bei Altersvorsorge“, „Die Sprit-Abkassierer“, teure Begräbniskosten, Pleite des Schlecker-Konzerns; darüber hinaus vereinzelte Skandale aus Arbeitswelt, Umweltpolitik und politischem Extremismus.

    Das ist alles nicht grundsätzlich falsch, aber in der Gewichtung möglicherweise doch: Was die Gemeinschaft deutscher Bürger bräuchte, wäre vielmehr ein Pinnbrett, auf dem politische Fragen nach quantitativer und langfristiger Relevanz geordnet würden. Dazu gehörte dann die Finanz- und Euro-Krise mit ihrer tatsächlichen Auswirkung auf die Staatsverschuldung an eine der obersten Stellen neben demografischer Entwicklung und Energiepolitik. Von alledem ist im Vergleich zu „Todesfalle Rastplatz – Unfallgefahr durch fehlende LKW-Parkplätze“ relativ wenig zu finden.

    Wir bemerken daran, wie in den mit Parteienproporz geleiteten öffentlich-rechtlichen Sendern nicht Bericht erstattet, sondern Politik gemacht wird. In „Report München“, wird im Juni 2011 ein Ausblick gegeben, der nach Verabschiedung des „Europäischen Stabilisierungsmechanismus“ (ESM) bereits Realität geworden ist. Eine (nicht nur) für Deutschland ungünstige Entwicklung würde weitere Stützungsmaßnahmen für andere Euro-Länder erfordern. Kommentartext von Sebastian Hanisch und Hendrik Loven:

    Klar ist: Der Finanzminister müsste dann gewaltige Zahlungen stemmen. Riesige Haushaltslöcher könnten Deutschland drohen, befürchten Experten. […] Doch was viele nicht wissen: Bei der Auszahlung von Krediten an mögliche Pleitestaaten dürften die Parlamentarier dann nicht mehr mitreden.

    Im selben Kommentartext wird schon ein Entlastungsargument disqualifiziert, was in diesem Fall den reibungslosen Ablauf der Griechenland-Rettung mit Rückzahlung der Schulden betroffen hätte:

    Deutschland würde Milliarden an Zinsen verdienen. Doch es gibt einen Haken: Die Kosten für den künftigen ESM-Rettungsschirm würden trotzdem anfallen.

    Hierfür werden die Kosten für Deutschland von Ansgar Belke auf 19,6 Mrd. Euro taxiert. Für das von ihm entwickelte und heute eingetroffene Szenario einer Umschuldung (bei Belke Verzicht auf 50 % der Forderungen, real eingetroffen: ca. 33 % ) gibt der Professor 38 Mrd. Euro an.

    Als Voraussetzung für den Erfolg dieser Variante wird selbstredend auch von Belke angenommen, dass Griechenland „sich weiter an Strukturreformen hält“. Das Wörtchen „weiter“ verdeckt rhetorisch, dass dies bisher bis auf Absichtserklärungen nicht der Fall war und für die Zukunft fraglich bleibt.

    Der „Monitor“ des WDR schoss am 01.03.2012 gegen diesen Pessimismus in der Euro-Politik: „Griechenlandkrise: Das Märchen vom deutschen Zahlmeister“. Hier werden zunächst Bundespolitiker vorgeführt, die keine detaillierten Angaben über finanzpolitische Angelegenheiten machen können, über die sie mitzuentscheiden haben. Dann rechnet Folker Hellmeyer, Chef der „Bremer Landesbank“, die „Zinsgewinne aus der Eurokrise“ der letzten Jahre vor und kommt auf ein Plus von 45-65 Mrd. Euro. Laut Gustav Horn von der Hans-Böckler-Stiftung seien auch die Exporte um 50 Mrd. Euro angestiegen – mit der Folge höherer Steuerabgaben.

    Schließlich bleibt es für den durchschnittlichen Zuschauer nachhaltig intransparent, wer hier bei was tatsächlich gewinnt. Die Rechnung ist auch insgesamt noch komplexer – v. a., was Risiken betrifft, die durch aktuelle Entscheidungen lediglich in die Zukunft verlagert werden.

    Die Website „wirtschaftkrise.blog.de“ rechnet ein Papier aus dem Bundesfinanzministerium zusammen und kommt auf eine bisher gezahlte Summe von 173,5 Mrd. Euro für Rettungsmaßnahmen (Übernahme von Garantien, die bei Zahlungsunfähigkeit übernommen werden müssen) plus unbekannter Kosten aus EZB-Anleihenaufkäufen. Steigende Inflation durch EZB-Geldpolitik und ungewisse weitere Kosten durch Euro-Rettungsschirme wurden oben schon erwähnt.

    Die von Hellmeyer via „Monitor“ verbreitete Erfolgsmeldung betrifft das „historisch niedrige“ Zinsniveau, das der deutsche Staat zu zahlen hat – für Schulden, was Hellmeyer den Zuschauer hier nicht ausführlicher erklärt. Die vermeintlichen Gewinne sind Ersparnisse an Zusatzkosten des Umgangs mit Geldsummen, die man eigentlich noch nicht erwirtschaftet hat, sondern sich leiht. Auch das Ansteigen von Exporten um 50 Mrd. Euro bedeutet neben Einnahmen und evtl. zusätzlichen Löhnen für Beteiligte nur eine vergleichsweise geringe Summe, wenn man sie mit Zahlungen, Garantien und Risiken im Euro-Raum vergleicht.

    Festzuhalten ist zunächst also eine starke Intransparenz der tatsächlichen Beträge, Verpflichtungen und Risiken. Darüber hinaus werden Gewinne verkündet, die bei anderen Partnern im Euro-Raum Abhängigkeiten und Verluste implizieren, für deren Folgen wiederum von deutscher Seite gebürgt wird. Der aktuelle Zahlungsausfall für Besitzer von Griechenland-Anleihen ist einer jener selteneren Fälle, in denen ein bestimmter Typus des risikobereiten Privatanlegers einmal nennenswerte Verluste einfährt. Die Geldpolitik der EZB unter Mario Draghi (Ex-„Goldman Sachs“-Banker) stabilisiert hingegen einen Konzentrationsprozess von Kapital, der in den USA schon seit einem Jahrhundert verstärkt im Gange ist. Hierdurch übernehmen in letzter Konsequenz einige supperreiche Dynastien, die oft kaum öffentlich bekannt sind, strategische Machtpositionen und lassen Politiker-Marionetten – über Mittelsmänner gesteuert – nach ihrem Willen tanzen. Dass viele deutsche Bundespolitiker zu diesen Themen nicht einmal das wissen, was im Fernsehen zu sehen und hören ist, hat der „Monitor“-Bericht allerdings gezeigt.

    Der CDU-Fraktionschef Volker Kauder sieht laut „Wirtschaftswoche“ die „EZB-Geldflut mit gemischten Gefühlen“ und mahnt die Zentralbank unter Draghi zur Besinnung „auf ihre Aufgabe als geldpolitischer Stabilitätsanker“. Dass mit Draghi & Co. immer mehr Akteure am Werk sind, die durch die US-amerikanische Schule des Schuldenmachens und der Niedrigzins-Politik gegangen sind, ist derzeit noch den wenigsten deutschen Politiker eine Erwähnung wert. Schon der Vergleich der reinen Faktenlage zu Draghis EZB-Führung mit der krisenfördernden Vorgehensweise der „Federal Reserve Bank“ könnte hier zu ganz anderen politischen Schlussfolgerungen führen. Es ist die Frage, ob es sich in diesem Zusammenhang um unausgesprochene Absichten und Loyalitäten der Verantwortlichen handelt oder um schlichtes Unwissen. Dass mit der „Piratenpartei“ derzeit eine politische Bewegung von den Massenmedien am meisten gefördert wird, die außer Forderungen nach „Transparenz“ hierzu bisher rein garnichts zu sagen hatte und hat, bestätigt den Eindruck einer dahingehend systematisch manipulierten Öffentlichkeit.

    Update 10.03.2012: „Der Schuldenschnitt für Griechenland wird den deutschen Steuerzahler mindestens 25 Milliarden Euro kosten. Es könnte aber noch deutlich mehr werden, wenn auch der Staat seine Griechen-Kredite entsprechend abschreiben muss.“ („mmnews.de“)

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    Was wollen Piraten?


    Dienstag, 24. Januar 2012, 0:41 Uhr. Autor:

    Am Spätabend des 23.01.2012 zieht die ARD unter der Überschrift „Piraten in der Politik – 100 Tage einer Aufsteigerpartei“ (Autoren: Nicola Graef / Torsten Mandalka) eine erste Bilanz zur Mitverantwortung der „Piratenpartei“ im Berliner Abgeordnetenhaus. Um genau zu sein: Es handelt sich um eine Dokumentation mit human interest, privaten Bekenntnissen und Impressionen. Zu politischen Inhalten ist so gut wie nichts zu hören (vielleicht zu sehen, wenn man so will).

    Die mediale Präsenz der Piratenpartei seit der Berliner Wahl macht misstrauisch: Begierig griffen alle Mainstream-Medien das Thema der neuen Partei auf. Schnell wurde immer wieder deutlich: Über eine definitive Programmatik war wenig zu sagen, da diese nur teilweise beschlossen ist. Also stürzte man sich auf die wenigen Äußerungen neugebackener Abgeordneter oder Kuriosa wie einen jungen Mann mit Latzhose und Kopftuch im Parlament. Auch diese Medieneffekte zeigt die ARD. Aber sie fragt nicht wirklich danach, warum gerade dies Medieneffekte sind.

    Der inhaltliche Leerlauf in politischer Berichterstattung begegnet immer häufiger. Es ist selbst beinahe schon ein Allgemeinplatz seit den 1990er Jahren – und dennoch der Erwähnung wert, weil für den Fortgang der Dinge essenziell: Die Tendenz geht hin zu Personalisierung und Skandalisierung. Affären um Bundespräsident Christian Wulff, bei denen dem deutschen Steuerzahler allenfalls einige 10.000 Euro abhanden kamen, nehmen in den Nachrichten breitesten Raum ein. Die Vergabe von 500 Mrd. Euro Krediten an Banken zum Zinssatz von 1 % durch die Europäische Zentralbank mit voraussehbarer Reinvestition der Gelder durch die privaten Banken in Staatsanleihen, auf die die Staaten anschließend für ihr eigenes Geld deutlich mehr Prozente zahlen, schien EU-Bürger nicht weiter zu interessieren. Den Gewinn werden Investoren und Banker einstreichen – Teil eines „großen Raubzugs“ (Alexander Dill), wenn nicht vor dem jeweiligen Zahltag doch der Crash kommt. Die „Bild“-Zeitung schreibt darüber keine Schlagzeilen („BRÜSSEL BITTET ZUR KASSE – Bürger beschenken Banker“), sondern schießt zeitgleich mit großem Tamtam den Präsi ab. Hmmm …

    In diesem Sinne liegen die Dinge sogar ganz gut für eine Partei, die noch wenig Programm, aber vielleicht den einen oder anderen Aufreger zu bieten hat. Die Äußerung von Piraten-Geschäftsführerin Marina Weisband, ihre Partei könne sich auch wieder auflösen, wenn ihre Inhalte von anderen übernommen worden seien, ist zumindest ausreichend ‚ungewöhnlich‘, um eine Nachricht abzugeben.

    Inhaltlich deutet sie imho eine Verkennung an, auf der eine Menge von Fehlentwicklungen der politischen Öffentlichkeit basiert: Wie andere politische Bewegungen im Anfangsstadium scheinen Piraten an reine Ideen zu glauben. Die richtige Idee könne also von beliebigen Personen umgesetzt werden. Die politische Szene lehrt das Gegenteil: Wahlen werden mit Versprechungen gewonnen, die man anschließend nicht einhält. Entscheidend ist, welche Person an welchen Posten gelangt – und dann von kritischen Medien möglichst unbehelligt anders handeln kann, als sie angekündigt hat. Deshalb mag die eine oder andere Idee rhetorisch übernommen werden – auch soziale Gerechtigkeit und ökologische Verträglichkeit sind oft genug nur Worthülsen oder werden auf drei, nun also vier Parteien links der Mitte verteilt, die erst einmal koalieren müssen und z. T. nicht wollen, also protestieren, aber nicht regieren dürfen. Bisher gab es die auf privaten Spenden und medialer Überrepräsentierung basierende Parteienfiktion FDP als Koalitionspartner, um andere Mehrheiten zu sichern, und die CDU nennt sich in Bayern „CSU“ und stellt bei öffentlichen Diskussionsrunden noch einen gleichberechtigten Diskutanten mehr. Welchen Part werden die Piraten in diesem Spiel einnehmen?

    Ein weiterer vermutlicher struktureller Irrtum liegt im Fall eines piratischen Kernbegriffs, der „Transparenz“, vor (wenn nicht ohnehin die bloße Lust am Demonstrieren mit Transparenten gemeint ist – Informatik schützt nicht vor Sprachspielen). In der ARD-Doku wird das Wort herauf- und heruntererwähnt. Als Bundeskanzlerin, so Weisband, würde sie alle Sitzungen per Video-Livestream veröffentlichen. Das ist prinzipiell eine gute Idee. Was aber sagen uns die Einschaltquoten von Parlamentsdebatten auf dem Nachrichtensender „Phoenix“? Über sechsstellige Zuschauerzahlen kommen diese wohl kaum hinaus. Weitaus mehr Zuschauer erreichen zum selben Zeitpunkt unsägliche Doku-Soaps und Gerichtsshows auf den Privaten. Bei einem speziellen Interesse wie den Verhandlungen über das Atom-Endlager Gorleben ließ das Bundesumweltministerium für 150.000 Euro den Fachdialog ins Internet streamen. Zuschauer in Spitzenzeiten: etwa 90. Die „YouTube“-Seite des hier präsentierten Videos zählt in drei Monaten 175 Abrufe.

    Dies führt uns natürlich zu der allgemeinen Frage, wie politisches Interesse und Bewusstsein zu wecken und zu erhalten sei. Ich persönlich glaube, dass unter den gegebenen Umständen politische Öffentlichkeit weiter schrumpfen wird. Transparenz und Partizipation, wie Piraten sie als direkte Demokratie, nicht zuletzt auf digitaler Basis („LiquidFeedback“), anstreben, bedeuten ein hohes Maß an Zeit, Aufmerksamkeit und Kompetenz beim Endverbraucher.

    Man muss es kaum erklären: In unserer Gesellschaft besteht eine digitale Kluft zwischen alt und jung, gebildet und ‚bildungsfern‘ (siehe hier, S. 7ff.). Und mit der sozialen Schere (die auf Bedingungen des gesamten Wirtschaftssystems reagiert) spreizt sich der Gegensatz von Informierten und Nicht- bzw. Desinformierten. Wer weiß, wie man im Internet recherchiert, und bereit ist, Texte mit einem gewissen Umfang und Anspruchsniveau sowie in englischer Sprache zu lesen, hat einen enormen Wissensvorsprung, beinahe ohne finanziellen Aufwand. Wer im Internet die „Bild“-Zeitung ansurft und sich einige „witzige Videos“ auf „YouTube“ ansieht, verbringt im Vergleich mit dem RTL-Programm seine Zeit mit demselben Zeug von einem anderen Anbieter. Innerhalb der kleineren Bevölkerungsgruppe, die nennenswert online ist, sind die Letztgenannten in der Mehrheit. Und wer kümmert sich um die 9 Mio. Analphabeten?

    Bevor man mehr direkte Demokratie einfordert, sollte man sich Gedanken machen, wie Menschen in konkreten Fragen überhaupt entscheidungsfähig werden. Pauschal lässt sich sagen, dass sie dafür ihre Zeiteinteilung ändern müssen. Sie werden sich sachbezogenen Informations- und Gesprächsangeboten zuwenden müssen.

    Nun in persönlicher Anrede: Wogegen Ihr, die Piratenpartei, qua Programm steht, sind Medienkonzerne, die seit 30 Jahren mit immer mehr Flachsinn beglücken. Solltet Ihr mehr politische Verantwortung übernehmen, werden sich die Lobbyisten von Bertelsmann & Co. schnell um Euch scharen. Und sie werden Euch bald an dem Punkt haben, dass auch Ihr überzeugt seid: Die meisten interessieren sich eh nur für … Ihr wisst schon. Und sie wollen regiert werden. Was man ihnen zu bieten hat, ist ein bisschen mediales Trara, allgemeine Parolen und ab und zu ein Bauernopfer, auf das man zur Triebabfuhr eindreschen kann. Ansonsten gibt es reichlich „Bauer sucht Frau“, und wir sorgen dafür, dass die Armen ärmer und die Reichen reicher, die Einsamen einsamer werden (faktische Entwicklungen der letzten Jahrzehnte). Ihr werdet nolens volens am Neofeudalismus mitarbeiten, oder Ihr werdet aller Voraussicht nach kaputtgeschrieben werden. Mit Begriffen der „Transparenz“ könnt Ihr als Alibi dienen, wenn sie eine leere Behauptung bleiben. Wolltet Ihr damit ernstmachen, wäret Ihr der Todfeind aller Mächtigen.

    Desinformation resultiert z. T. aus dem Überangebot – auch das wissen wir. Solltet Ihr also die Hoffnung haben, nach 30 Jahren Privatfernsehen noch eine nennenswerte Zahl von Menschen zu erreichen, die sich mit einem Sachthema vertraut machen und als Konsequenz eventuell sogar noch Änderungen an ihrer eigenen Lebensweise vornehmen wollen, müsstet Ihr also überlegen, wie Ihr a) Wissen bündelt und aufbereitet sowie b) Vermittlungsformen für reale Menschen findet (keine Bücher oder Internetseiten, die nur wenige lesen).

    Ich nenne einmal ein paar notwendige Maßnahmen, die auf Eure politische Agenda gehören. (Sie mögen schon in einigen Mailinglisten oder Wikis vorgekommen sein, die ich hier und da mitlese; als zentrale Botschaft und in dieser Konkretion sind sie mir noch nicht begegnet.) Also:

    • Untersuchungskommission Lobbyismus: Wie verhindern wir die verschwörerische Manipulation öffentlicher Meinung und politischer Entscheidungen durch privatwirtschaftliche und elitäre Interessensverbünde? (Mögliche Ziele: Verbot individueller Parteispenden, Einzahlung in einen gemeinsamen Pool und Abgabe nach Proporz von Wahlergebnissen, steuerlich weiterhin absetzbar; veränderte Vorgaben für Karrierewege zwischen Wirtschaft und direkt relevanten Politikbereichen, ggf. längere Übergangsfristen mit Entschädigung.)
    • Generaloffensive Wissensallmende: Wie aggregieren und organisieren wir Wissen allgemeinverständlich? (Erarbeitung von konsensfähigen Wissensbeständen zu Kernfragen wie Energieversorgung, Sozial- und Wirtschaftssystem unter Einbeziehung aller gesellschaftlichen Kräfte; Präsentation von Ergebnissen und Zwischenergebnissen in ausführlichen Themenwochen der öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und TV-Sender, zumindest in diesen Zeiträumen Abschaltung von Privatsendern, evtl. Bürgerpflichten zur Anwesenheit bei Informationsveranstaltungen.)

    • Grundsatzkommission Geistige Arbeit: Wie sorgen wir dafür, dass Wissensarbeiter nicht mehrheitlich interessengeleitet argumentieren, weil sie als Unabhängige wirtschaftlich verarmen? Wie sorgen wir dafür, dass nicht Wissensarbeiter bloß unabhängig scheinen, obwohl sie vollkommen in elitär-hegemoniale Strukturen integriert sind? (Eure Verteidigung des Rechtes auf Privatkopie halte ich für richtig. Durch den Überhang naturwissenschaftlich-technisch gebildeter Piraten habt Ihr nach meinem Eindruck massenmedial vermittelte Inhalte kaum im Blick – wie leider auch viele Medienwissenschaftler nach Friedrich Kittler. Es ist schwierig, in diesem Bereich Qualitätsstandards zu definieren. Aber über die „Stunde der Stümper“ [Andrew Keen] im Netz zu reden, tut ebenfalls not. Die durch das kostenfreie Netz arbeitslos gewordenen Publizisten informieren nicht mehr unabhängig, sondern bilden den wachsenden Überhang der Marketing-Agenten.)
    • Untersuchungskommission Effizienz im Wissenschaftsbetrieb: Wie machen wir (über die „Open Access“-Debatte hinaus) wissenschaftliche Erkenntnis massenwirksam? Wie schaffen wir Transparenz in der Vergabe staatlich finanzierter wissenschaftlicher Arbeitsstellen (Qualitäts- und Leistungskontrolle)?
    • Arbeitsstelle für Eliteforschung: Auf historiografischer und soziologischer Basis werden Informationen über Machtstrukturen jenseits demokratisch gewählter Volksvertretungen gesammelt. Eine Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit Verschwörungstheorien und ihrem Wirklichkeitsgehalt.

    Für meine eigenen Interessensbereiche in Geistes-, Medien- und Sozialwissenschaften hätte ich im Besonderen noch anzumelden:

    • Untersuchungskommission Privatfernsehen: Positionsbestimmung demokratischer Kräfte zu Inhalt und Auswirkungen von Sendungen kommerzieller Anbieter. (Eine weitreichende Debatte wäre vonnöten. Mein Beitrag liegt mit dem Buch „Glotze fatal“ vor.)
    • Forschungsverbund Metaphorologie: Empirisch basierte Dokumentation, Erörterung und Vermittlung von Bedeutungsproduktion in fiktionaler und nicht-fiktionaler Rede.
    • Dokumentationsstelle Bewegtbild: Schaffung eines Archivs für Produktionen des Film- und Fernsehgewerbes. (Die bisherige Praxis widerspricht dem Prinzip der Rechtsgleichheit: Jeder Buchverlag ist zur Abgabe von Exemplaren an Zentralbibliotheken auf eigene Kosten verpflichtet. Die finanziell weitaus einträglicheren Medienindustrien der Audiovision produzieren demnach im juristischen Graubereich und entziehen sich dem Zugriff der freien Wissenschaft, die so ihrer gesellschaftlichen Beobachtungsfunktion nicht nachkommen kann. Videosammlungen an Universitäten sind nicht von der Allgemeinheit, sondern als Pflichtexemplare von Medienproduzenten selbst zu finanzieren. Durch zusätzliche Abgaben werden, statt übermäßig luxuriöser Lebensverhältnisse von Medienproduzenten, neue Arbeitsstellen an zuständigen Bildungsinstitutionen und Archiven finanziert. Siehe auch hier zu meinem abgewandelten Begriff der „informationellen Selbstbestimmung“ in diesem Kontext.)

    Zwei Tips meinerseits: Allzu ausgiebige Diskussionen über homeschooling würde ich außerhalb von Alaska nicht empfehlen. Und Ihr solltet den Wikipedia-Eintrag über Peter Urbach nicht erst lesen, wenn Ihr an Eurem ersten sicherheitspolitischen Untersuchungsausschuss teilnehmt. Wenn ihr ihn kennt, habe ich nichts gesagt.

    Ahoi und auf bald!

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    Desinfo im Perpetuum Wulffile


    Freitag, 6. Januar 2012, 0:00 Uhr. Autor:

    Ist es Notwehr? Ist es Verzweiflung? Ach nein, man nennt es wohl die äußeren Umstände, die einen dazu zwingen, die Wulffiaden der letzten Tage bis Wochen mitbuchstabieren zu müssen, obwohl man doch weiß (siehe hier und hier), dass man eigentlich über etwas anderes berichten und diskutieren müsste.

    Die Welt der Nachrichten seit der Vorweihnachtszeit ist ein Dokument neuer Qualität dafür, wie Mainstream-Medien die Aufmerksamkeit auf Unwesentliches ablenken. Die Wulff-Affären sind keine Lappalie, aber auch keine Tragödie. Juristisch werden sie wohl keine Konsequenzen haben. Das ist eine andere Kategorie als Barschel oder ein Spion im Kanzleramt. Ein paar Mauscheleien und Luxus-Bonbons am Rande.

    Man sollte also die Diskussionen eingrenzen, peripher berichten (vielleicht eine Kurznachricht am Ende der Liste). Abwarten, bis Fragen beantwortet sind. Das Gegenteil ist der Fall: Gefühlt die meisten Hauptnachrichten beginnen in den letzten Wochen mit einer Wulff-Nachricht, und die Rede von der „Salami-Taktik“ der Informationsherausgabe trifft auf eine Berichterstattung, die sich dieser elenden Nicht-Information unterwirft, ebenso zu. (Sonstige Metaphernlehre lassen wir hier mal weg.)

    Die „tagesschau“-Website vom 03.01.2012 führt es so vor, dass jedes Satiremagazin kapitulieren muss. 6 von 16 Inhaltskästen variieren das Mantra Wulff in allen formatmöglichen Textsorten:

    Am 04.01.2012 dauert die Wulff-Berichterstattung in der „tagesschau“ ganze 7 von 15 Minuten, worauf das 20minütige Interview des Bundespräsidenten mit Ulrich Deppendorf (ARD) und Bettina Schausten (ZDF) folgt. Die Journalisten fragen durchaus direkt und offensiv, doch die Antworten bleiben erwartbar schwammig und rührselig.

    Am 03.01.2012 lautet die Top-Meldung der „tagesschau“: Wulff. Erst später in der Sendung geht es um die als Erfolgsmeldung verpackte Arbeitsmarktbilanz für den Dezember: 2,7 Mio. Arbeitslose, 231.000 weniger als im Vorjahr. Dazu wird immerhin der Vorstandsvorsitzende der Arbeitsagentur Frank-Jürgen Weise gehört. Und zwar mit der halsbrecherischen Formulierung:

    Man muss an der Stelle sagen, dass die Qualität der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung, die gewachsen ist, nicht immer die ist, die sich die Betroffenen wünschen, nicht immer existenzsichernd …

    Die Berichterstattung zu den weiteren Implikationen des Themas ist, sagen wir mal, nicht gerade tumultös. Google „hartz iv aufstocker 2011“ bringt einem v. a. Meldungen von 2009/10. Informationsgesellschaft! Mitte 2011 gab es außerdem vereinzelte Meldungen wie diese im „Focus“:

    Im vergangenen Jahr habe die Gesamtzahl der sogenannten Aufstocker im Schnitt bei 1,383 Millionen gelegen, berichtete die „Bild“-Zeitung am Freitag unter Berufung auf Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit. Das seien 4,4 Prozent mehr als im Vorjahr und 13 Prozent mehr als 2007 gewesen.

    Aktueller unter den findbaren ist der Artikel des „Instituts der deutschen Wirtschaft Köln“ (iwd, 17.11.2011), der Kritik am Aufstocker-Modell zum „Vorurteil“ erklärt. Für die Aufstockung durch Hartz IV werden ein paar für sich einleuchtende Argumente genannt – am stärksten wohl dies, dass die Integration in den Arbeitsmarkt gefördert werde.

    Dennoch klingen die harten Zahlen anders – wenn man die Statistiken bis zum Ende liest. Das kommentiert im „Deutschlandfunk“ am 30.12.2011 Wolfram Weltzer, indem er auf die aus der Kategorie „Arbeitslos“ statistisch verbannten Arbeitslosen zusammenrechnet:

    Nicht 2,7 Millionen Menschen wären im November arbeitslos gewesen, sondern 3,9 Millionen.
    Auch diese Zahl findet sich im Nürnberger Zahlenwerk. Ganz am Ende der dicken Statistik weist die Bundesagentur für Arbeit detailliert die Unterbeschäftigung aus. Wohlweislich aber ganz am Ende – so schafft es die Zahl nicht in die Meldungen der Nachrichtenagenturen, und so müssen die Politiker der jeweiligen Regierung sie auch nicht kommentieren oder sich gar noch dafür rechtfertigen.

    Und noch wesentlicher als dieses schon sehr wesentliche Thema sind derzeit die Entwicklungen in der „Europäischen Union“ und ihrer finanziellen Organisation. In der „tagesschau“ vom 03.01.2012 ist auch dies Thema, und zwar durchaus instruktiv mit einer Aussage von Thorsten Polleit (Barclays Capital):

    Deutschland hat nun nicht mehr die Vertretung des Chefvolkswirtes und kann dadurch auch nicht mehr wie bisher die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank maßgeblich mitbeeinflussen.

    Wäre es wirklich tendenziös, eine solche Aussage als erste Meldung zu platzieren? Diese Meldung kommt hier als zweite nach 4 Min. Wulff. Und wer weiß, wieviele Zuschauer erst einmal ein Kurzgespräch über die Abstrusitäten des Wulffiversums führen, als die nächste Meldung eingeblendet wird, die irgendwie weit weg und dazu noch aus dem trockenen Wirtschaftsressort stammt: „Neuer Chefvolkswirt der EZB“. Der Belgier Peter Praet ist es geworden – statt des ursprünglich vorgesehenen Jörg Asmussen.

    Herrn Asmussen kennt kaum jemand. Er läuft in den Hauptnachrichten immer nur im Hintergrund herum:

    Screenshot: ARD, 03.01.2012

    Asmussens Mitverantwortung für die Verluste des deutschen Staates in der Finanzkrise ab 2008 haben andere (wie hier Guido Kirner) schon ausführlicher besprochen. Aus den dort genannten Gründen müsste eigentlich Asmussen – und nicht nur einmal, und nicht nur für 20 Min. – von Journalisten zur Hauptsendezeit befragt werden.

    Derzeit bestätigt sich an solchen Strategien der Desinformation (wir sehen, das geht auch, indem man die Ereignisse als solche gar nicht verschweigt), dass wir uns in einer Transformation befinden, über die man in einer Demokratie eigentlich öffentlich und effektiv sprechen müsste.

    Die Kosten für Hartz-IV-Aufstocker (nicht nur, aber auch billige Arbeitskräfte für Unternehmen) betrugen 2005-09 insgesamt 50 Mrd. Euro. Durch die Manöver in der EZB (auch diese hier erwähnt) kommen noch ganz andere Dimensionen von Ausgaben und Risiken auf den deutschen Steuerzahler bzw. unser aller Schuldenkonto zu.

    Zur Frage, wie die zunehmende Verschuldung in der Administration gehandhabt wird und wer von ihr profitiert, sei abschließend dieser „Panorama“-Beitrag empfohlen, der „YouTube“-Zuschauer nicht so wirklich zu interessieren scheint (knapp 3000 Abrufe in einem Jahr):

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    Weihnachtsansprache 2011 an den Bundespräsidenten


    Montag, 26. Dezember 2011, 21:53 Uhr. Autor:

    Fröhliche Weihnachten, lieber Bundespräsident!

    An diesem Weihnachtsfest grüße ich Sie: den Gläubigen, der heute der Geburt seines Religionsstifters gedenkt – und auch die abgespaltenen Teile Ihrer Persönlichkeit, die die Worte der „Heiligen Schrift“ nicht immer so genau nehmen.

    Mit Ihnen grüße ich die Frauen und Männer, denen Sie durch Bundesverdienstkreuze und oberflächliche Gespräche Ihre Achtung zum Ausdruck gebracht haben, weil sie „den Zusammenhalt, der unsere Gesellschaft letztlich trägt“, befördern. Ich grüße auch jene, für die diese öffentlich prämierten Personen stellvertretend geehrt wurden – und deren Lohn dafür ungewiss, wenn nicht Undank ist. Auch wenn die allgemeine Form einer solchen Rede es nicht zulassen mag – konkrete Beispiele und Differenzierungen könnten nicht schaden. Sonst bleibt es bei sprachlichen Floskeln, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. Sie haben bestimmt das Kapitel in Alexander Dills Buch „Der große Raubzug“ (2009) gelesen, in dem Ihnen vorgerechnet wird, dass eine Krankenschwester in Köln unter dem Strich nicht mehr verdient als ein Hartz-IV-Empfänger. Und noch komplexer wird es, wenn Sie zwischen Personen, die „Zusammenhalt“ fördern und denen, die dies nicht tun, anhand weiterer Kriterien unterscheiden wollen. Die Erfolgsmodelle in verschiedensten Berufsfeldern und deren Resultate in puncto Einkommensniveau und Absicherung kann nur selten zu der Beurteilung führen: „Sie helfen ihren Mitmenschen“. Durch Ihre persönliche Freundschaft mit Carsten Maschmeyer werden Sie dies wissen. Sein Vermögen wird auf 500-650 Mio. Euro geschätzt, und zu der von ihm gegründeten Firma berichtet „Der Tagesspiegel“ am 21.12.2011, dass allein

    der österreichische Verbraucherschutz – der Verein für Konsumenteninformation (VKI) – mit Unterstützung der Regierung 2500 Opfer in einer Sammelklage vertritt. Der Vorwurf laute, der Finanzvertrieb AWD habe gezielt und systematisch riskante Anlagen mit falschen Versprechungen verkauft.

    Die Welt, die Sie und andere Politiker mit immerwährenden Wiederholungen wohlklingender Suggestionen vorgaukeln, ist eine andere als jene, die in Deutschland oder anderswo existiert. Sie gehören offensichtlich zu jenen, die helfen, dass es weiter in Richtung Ungleichheit und Ausbeutung geht. Und sei es nur durch Schweigen und diffus-kitschige Beschwichtigungen.

    Sie behaupten in Ihrer Weihnachtsansprache 2011 einen „Geist der Gemeinsamkeit […] in Europa und der Welt“ und danken den Deutschen für ihre Spenden und den Soldaten für ihre Einsatzbereitschaft. Doch während Gutgläubige von ihrem nicht immer großen Reichtum abgeben oder sogar für humanitäre Zwecke ihr Leben riskieren, fährt der ganze Zug in eine andere Richtung. Wenn Ihre Worte nicht inhaltsleer sein sollen, müssten Sie deshalb andere Tatsachen erwähnen. Sie wissen, dass die „Deutsche Bank“ oder „Goldman Sachs“ mit Ihren Finanzprodukten Hungerkrisen forcieren. Sie wissen, dass etwa der neue italienische Ministerpräsident Mario Monti und der neue Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) Mario Draghi für Goldman Sachs gearbeitet haben oder noch tätig sind, und Sie wissen, dass der neue Ministerpräsident Griechenlands, Loukas Papadimos, an der Fälschung von Angaben seines Landes zu den Aufnahmekriterien in die Europäische Union ebenso beteiligt war wie Goldman Sachs. Deshalb ist es eine Verhöhnung aller, die die Folgen solcher politischen Fehlentwicklungen mindestens durch ihre Arbeitskraft und Lebenszeit tragen werden, wenn Sie sagen:

    Europa ist unsere gemeinsame Heimat und unser kostbares Erbe. Es steht für die großen Werte der Freiheit, der Menschenrechte und der sozialen Sicherheit.

    Europa wird, wie alles andere, zunehmend zu einem Spielball rücksichtsloser Raffzähne, die Politiker entweder korrumpieren oder instrumentalisieren, weil sie ahnungslos sind. Nehmen wir Letzteres zu Ihrem Vorteil, soweit es geht, noch einmal an. Dies ändert nichts daran, dass wir weiter in eine gefährliche Spirale der allgegenwärtigen Verschuldung geraten, die nur eine kleine Gruppierung nicht betrifft: die der sehr Wohlhabenden, die auf vielfältige Weise von trickreichen Effekten der Verschuldung anderer und der öffentlichen Haushalte profitieren.

    Herr Wulff, Sie sagen:

    Wir Deutschen haben selber immer wieder europäische Solidarität erfahren, und wir sind auch zukünftig solidarisch gegenüber Europa.

    Ein Denkfehler dabei besteht darin, dass ein Wort wie „Europa“ allein den wirtschaftlichen Tatsachen nicht gerecht wird. Es kann eine Völkergemeinschaft bezeichnen, die derzeit erfreulicherweise friedlich zusammenlebt. Doch nur bis dahin ist eine solche Wortverwendung korrekt. „Europa“ ist eben auch ein Verwaltungsapparat, in dem zahlreiche Akteure relativ unbeobachtet am Werk sind. Und selbst da, wo man ihre Aktivitäten konkret benennt, erreicht dies nicht im Detail und in zutreffender Beschreibung alle Bürger, an die Sie sich mit Ihren schönen Worten richten. Wer Ihnen glaubt, ist schlecht informiert.

    Die Skandale um Ihre Person aus den letzten Wochen, Herr Wulff, nehmen sich in ihrer Bedeutung für die Gemeinschaft sehr bescheiden aus gegenüber den Folgen der Finanztransaktionen, die derzeit über die Bühne gehen. (Vielleicht werden sie auch als Ablenkungsmanöver für diese verwendet, ob mit Ihrem Wissen oder ohne dieses.) Die eigentliche Hauptnachricht dieser Tage hätten eigentlich die 489 Mrd. Euro sein müssen, die die EZB an 523 Banken zu einem Zinssatz von 1 % auf drei Jahre verliehen hat.

    Die Realität „Europa“ beschreibt an diesem Beispiel einmal mehr Alexander Dill in einem aktuellen Beitrag. Das billig geliehene Geld wird voraussichtlich etwa so investiert:

    Eine Idee wäre es, italienische Staatsanleihen zu sechs Prozent zu kaufen. Für Staatsanleihen muss nämlich – im Gegensatz zu Krediten an Wirtschaftsunternehmen – kein Eigenkapital nachgewiesen oder gebildet werden. Die Zinsen für diese Anleihen zahlt der italienische Steuerzahler. Er zahlt damit zum dritten Mal: Zunächst muss er die Einlagen in die Europäische Zentralbank finanzieren, zum Zweiten deren Erhöhung und Haftung zur Auszahlung der 489,2 Milliarden Bankenhilfe und zum Dritten dann die Zinsen, von denen fünf Prozent zur Auszahlung eines absolut leistungslosen Einkommens von Banken und Anlegern und zur Finanzierung korrupter Beamter und Politiker dienen.

    Auch den deutschen Staatshaushalt werden die Rettungsmaßnahmen für die Euro-Zone in den kommenden Jahrzehnten zusätzlich und erheblich belasten. Sie hingegen sind der Auffassung:

    Regierung und Opposition haben in den vergangenen Monaten unter höchstem Druck gemeinsam weitreichende Entscheidungen getroffen. In diesem Geist der Gemeinsamkeit wird es auch mit unseren Freunden in Europa und der Welt gelingen, den Weg aus der Krise zu gehen.

    In den Worten des zurückgetretenen EZB-Chefvolkswirtes Jürgen Stark klingt dies hingegen so:

    Die Lösung dieser Krise lässt sich in keinem Lehrbuch nachschlagen, und all die klugen Äußerungen aus dem akademischen Bereich widersprechen sich sowohl in der Analyse als auch in den Rezepten. Das bringt die Regierungen immer wieder in fast ausweglose Situationen – dennoch müssen sie Entscheidungen treffen.

    Ihnen wird vielleicht aufgefallen sein, dass wichtige Entscheider in europäischen Staaten und Gremien aus jenem Stall kommen, der nach recht einhelliger Meinung zu den strategischen Verursachern der Finanzkrise gehört. Ihnen wird auch aufgefallen sein, dass die Geldpolitik der EZB sich, wie beschrieben, mit ihrer Ausschüttung ‚billigen Geldes‘ am Vorbild der US-amerikanischen „Federal Reserve Bank“ seit den 1970er Jahren orientiert. Und Sie wissen vielleicht, dass in den USA mittlerweile 18 % der Privathaushalte wegen ihrer Armut Lebensmittelmarken erhält. Dies ist eine der Folgen, die bei einer Beibehaltung der von Ihnen, Herr Wulff, mitgetragenen Politik, mittelfristig für betroffene Staaten absehbar ist. Zu möglichen „Wegen aus der Krise“ gibt es auch Meinungen wie jene von Yoshi Frey, die corporate media aus einer Reihe von Gründen vollkommen ausblenden:

    Die Sparmaßnahmen stürzten Griechenland z.B. nur noch tiefer in die Verschuldung, weil sie die Wirtschaft abwürgen. Mehr Schulden sind aber auch nicht möglich, da sowohl Staat als auch der private Sektor keine Schulden mehr bedienen können. Das Ponzi-Geldsystem ist einfach am Ende eines Zyklus angelangt. Wir brauchen ein Schulden-Reset und eine Reform der Geldordnung damit der Unsinn dann nicht von vorne beginnt.

    Sie sollten sich also bewusst darüber sein, dass mit der grundlosen Beförderung von Optimismus vielleicht nur ein für die meisten schädlicher „Unsinn […] von vorne beginnt“. Es mag für Sie eine vage Motivation darin bestehen, dass Sie in diesem Unsinn bisher gut leben konnten. Für andere gilt dies nicht – etwa solche, die nicht einmal soviele Urlaubstage hatten, wie Sie sich von anderen verbilligen ließen.

    In der rhetorischen Form einer Weihnachtsrede könnte man die angesprochenen Fakten in Formulierungen verpacken wie: „Für uns Politiker besteht in Zukunft die Verantwortung umso mehr darin, in Ihrem Wohle, liebe Bürger, die ungerechtfertigte Vorteilnahme einzelner zu verhindern. In diesem gemeinschaftlichen Geist, den auch und gerade das Christentum prägt, wollen wir verstärkt handeln.“ Oder: „An der anhaltenden Finanzkrise haben wir auch erkannt, wo unser Finanzsystem seine Grenzen hat. Um Armut und Gewalt zu verhindern, müssen wir alle Anstrengungen unternehmen, Wohlstand gerecht zu verteilen und nicht auf Kosten unserer Nachkommen zu leben.“

    Solche Formulierungen zu finden, ist Ihnen, Herr Wulff, leider nicht gelungen. Sie haben sich für den Kitsch entschieden. Dieser Sprachkitsch zeigt uns umso deutlicher, für wen Sie präsidieren.

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    Besser die Wulffheit?


    Dienstag, 20. Dezember 2011, 23:24 Uhr. Autor:

    Die „heute“-Nachrichten vom 20.12.2011 berichten über die neuen Vorwürfe gegen Bundespräsident Christian Wulff, er habe sich 2007 Anzeigen für eine Buchveröffentlichung von dem Unternehmer Carsten Maschmeyer bezahlen lassen.

    An diesem kurzen Nachrichtenstück lässt sich zeigen, wie etwa mit der Wahl von Interviewpartnern auf der kurzen zeitlichen Distanz Politik gemacht wird. Soll heißen, dass es dabei auch um journalistische Objektivität und kritische Distanz geht. Dies lässt sich recht gut im Kontrast zu einem Bericht des „Spiegel“ vom selben Datum ersehen.

    Im Textbericht des Nachrichtenmagazins werden Stimmen aus der Buchbranche zitiert, die besagen, dass bei Bezahlung von Anzeigen durch einen Dritten der Autor zu informieren ist. Das entspricht auch schon dem gesunden Menschenverstand, nicht aber den Äußerungen des Geschäftsführers Corporate Publishing beim Verlag Hoffmann und Campe, Manfred Bissinger, oder Wulffs damaligem Interviewer Hugo Müller-Vogg, die sich an der Begrenzung des Image-Schadens versuchen (oder so tun).

    Die von den „Spiegel“-Autoren zusammengetragenen Aussagen wären schon zuviel für die wenigen Minuten des Nachrichtenbeitrags. Deshalb sind zwei inhaltliche Entscheidungen der Autorin des Berichts, Christiane Hoffmann, bzw. der „heute“-Redaktion umso signifikanter: 1) Der Bericht fasst den Anzeigen-Skandal zusammen mit der Entscheidung des Ältestenrates im niedersächsischen Landesparlament, Wulff nicht wegen der Annahme eines Privatkredits von Unternehmer Egon Geerkens’ Ehefrau zur Rechenschaft zu ziehen. Beides hat eigentlich nichts miteinander zu tun und muss v. a. getrennt bewertet werden. Deshalb suggeriert 2) die zwischengeschnittene Reaktion der Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), Wulff werde hier schon generell exkulpiert:

    Der Bundespräsident wird aufgeworfene Fragen beantworten und die Sachverhalte aufklären und ich denke, von daher verbietet sich auch jede Spekulation über irgendwelche anderen Aspekte.

    Hier springt eine Vertreterin des CDU-Koalitionspartners in die Bresche. Was die Berichterstattung einfängt, ist also eine offiziöse Verlautbarung. Zwar wird innerhalb des Berichts zuvor schon Renate Künast (Die Grünen) mit kritischen Worten zu Gehör gebracht, doch sind diese ebenfalls allgemein gehalten und werfen Wulff generell ein korrumpiertes „System Hannover“ vor.

    Man hätte hingegen mit relativ geringem Aufwand eine Expertenstimme einfangen können, die den schlichten Sachverhalt auf den Punkt bringt, dass die Finanzierung von Buch-Anzeigen durch private Investoren kein handelsübliches Verfahren ist. Wulff, der sich als persönlichen Freund Maschmeyers bezeichnet (hier bei 1:00 Min. zu hören), …

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    … will also nach eigener Aussage mit diesem Freund über eine Zahlung von 40.000 Euro zu seinen eigenen Gunsten nicht einmal gesprochen haben. Wenn man ihnen zuviel davon gibt, ist es ihnen nichts mehr wert. Und leider ist an solchen Menschen nichts mehr zu erziehen.

    Wir halten noch einmal fest, dass Wulffs/Müller-Voggs 2007er Opus „Besser die Wahrheit“ betitelt ist.

    Mehr Hintergründe zu dieser medialen Inszenierung eines Skandals im Blog „GesichterWissen“.

    Über die Berichterstattung zu Wulffs Skandal-Serie und ihre verschenkten aufklärerischen Potenziale reflektiert informativ auch dieser Beitrag auf „nachdenkseiten.de“.

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    Medienkompetenz in Praxis und Theorie


    Montag, 12. Dezember 2011, 13:06 Uhr. Autor:

    Im Rückblick auf seine Tätigkeit als Moderator der ZDF-„Hitparade“ gibt Dieter Thomas Heck am 11.12.2011 auf „Spiegel Online“ folgende Einschätzung zu seinem Metier, ausgehend von der Frage, ob Schlager-Musik auch politisch sein könne:

    Oder vorhin ist mir die Geier-Sturzflug-Nummer “Besuchen Sie Europa, solange es noch steht” eingefallen, wo es um Neutronenwaffen und so weiter geht, da muss man sagen: Das ist indiskutabel, und das darf schon gar nicht in einer Schlagerparade kommen, wo die Leute auch noch mitklatschen! Weil sie gar nicht zuhören, was da gesungen wird!

    Diese Rezeptionshaltung ließe sich wohl an wesentlich mehr Kulturereignissen in Vergangenheit und Gegenwart erörtern. Politisch irrelevanter wird sie dadurch nicht. Hier werden Medienmacher, die mit den Massen umgehen, mit den Grenzen von Kommunikation vertraut. Solche Erfahrungen sind es, die zu Entscheidungen in der Programmgestaltung insgesamt beitragen.

    Es bleibt die Frage, inwiefern sich das mit Absichtserklärungen von Medienpädagogik und der Bildung von Medienkompetenz verträgt. Und mit dem bisherigen Prinzip von Demokratie. Nach Aussage des ehemaligen Direktors der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen, Norbert Schneider, kommen auf die Medienkonsumenten in der digitalen Gesellschaft ja noch wesentlich mehr Anforderungen zu:

    Vor allem aber musste das Phänomen des Überflusses erkannt und gebändigt werden – ein Phänomen, das durch die nahezu gleichzeitig aufwachsende Netzkommunikation einen gewaltigen zusätzlichen Schub bekam. Die zahlreichen Konvergenzprozesse verlangten eine neue Betrachtung dessen, was Medienkompetenz zu bedeuten und zu leisten hat, und erstmals spielte der Nutzer in diesem Kontext nicht nur als Objekt von mancherlei Beglückungen und unentbehrlicher Aufklärung eine unübersehbare Rolle. Diese Entwicklung hat sich vor allem getrieben durch die Netzentwicklung noch einmal zugespitzt. Mittlerweile kann man ohne großes Risiko prognostizieren, dass die Rolle des Nutzers im medialen Kommunikationsprozess sich als der wesentlich neue Faktor etablieren wird.

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    Georg Kreisler und die Musikkritiker


    Sonntag, 11. Dezember 2011, 21:48 Uhr. Autor:

    Am 28.07.2011 erschien in der „Zeit“ das letzte große Interview mit dem Musiker und Autor Georg Kreisler. Entgegen seinem wiederholten Hinweis darauf, er sei, zumal in den Massenmedien, über die Jahrzehnte weitgehend ignoriert worden und seine Popularität gründe auf Mund-zu-Mund-Propaganda, räumt ihm die Wochenzeitung zu diesem späten Zeitpunkt nun drei Seiten ein.

    Da kommt jemand mit 89 Jahren und langem Bühnenleben – vielleicht also kein blutiger Anfänger – zu dem Schluss:

    Die Medien, vor allem das Fernsehen, dienen doch bloß noch der lockeren Unterhaltung, der allgemeinen Verblödung. Die Menschen sollen alles gut finden, wie es ist, und vergessen, dass sie regiert werden von einigen wenigen, die nur an sich selber denken und an weiteren Profit.

    Als allgemeine Diagnose ist diesen Passagen zuzustimmen. Unbequem wird’s, wenn man konkret fragt, was dies konkret bedeutet und wer hiermit gemeint wäre. Wenn etwas an der These dran ist, dass etwa die Bilderberger-Gruppe an der von Kreisler bemerkten Regierungsform beteiligt ist, dann landen wir schnell wieder bei der „Zeit“: Führende Redaktionsmitglieder wie Josef Joffe oder Matthias Naß sind regelmäßige Gäste im Elite-Club.

    Am 22.11.2011 ist Georg Kreisler in Wien an einer schweren Infektion gestorben. Für den Status vieler letzter Interview-Einsichten im medialen Diskurs gilt trotz dieser letzten Ehrbezeugung des Hamburger Zentralorgans abermals die Liturgie vom „Musikkritiker“:

    Mich kann auch kein Künstler überlisten,
    Da ich ja nicht verstehe, was er tut.
    Drum sag ich von jedem Komponisten:
    Erst nachdem er tot ist, ist er gut!

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