„Derrick“ – die Exhumierung, Teil 2


Samstag, 28. Januar 2012, 18:27 Uhr. Von

Am 10.10.2010 fand in diesem Blog die Premiere von „Derrick erklärt den Film“ statt. Sie war verbunden mit der Androhung eines zweiten Teils. In der Zwischenzeit war viel zu tun; deshalb folgt dieser erst jetzt.

Nun treffen Oberinspektor Derrick und Inspektor Klein auf ihre Kollegen aus der Parallelserie „Der Alte“, hier in Video-Schnipseln der ersten Besetzung mit Siegfried Lowitz als Kommissar Köster und Michael Ande als Gerd Heymann (1977ff., Letzterer immer noch im Dienst).

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„Sie müssen mir das, was Sie da erzählen, das müssen Sie mir mal erklären!“ So lautet in einer Szene Derricks Aufforderung, die also als polizeiliche Durchsage die Deutung jedes künstlerischen Werks betrifft. Sie steht im Kontext der Rhetorik des filmischen Gesichts, denn sie ist verbunden mit einer Zeigegeste Tapperts, die wir als ein Thema im „GesichterWissen“ diskutieren.

Screenshot: ZDF

Der Report, der nach einer anderen Aussage von Harry Klein seinen Kollegen Stefan „umhaun“ wird, war also zu diesem Zeitpunkt noch nicht öffentlich im Umlauf. Wir bemühen uns nach Kräften, verspätete Abhilfe zu schaffen. Würde er von Gesichtern handeln? Es sieht in solchen Serien alles danach aus.

In dieser Montage werden Drehbücher von Herbert Reinecker, der „Derrick“ alleine schrieb, mit Skripts für den „Alten“ von Bruno Hampel, Volker Vogeler und Karl Heinz Willschrei gemixt – alle drei vielbeschäftigte ZDF-Autoren.

Hervorheben möchte ich des Weiteren die Szene, in der Köster und Heymann in der Folge „… tot ist tot“ (D 1985, R: Günter Gräwert, B: Volker Vogeler) über ein vermutliches Betrugsmanöver räsonnieren:

Screenshot: ZDF/3sat

Heymann: „Wie wär’s, wenn es Selbstmord war?“
Köster: „Und die hat das daraus gemacht, was wir hier vorgefunden haben – einen Einbruch und einen Mord, wegen der Versicherung … Jajah …“
Heymann: „Nach dem Motto: Tot ist tot!“

Im Bildhintergrund finden wir in der rau verputzten Wand eine Pfeilerform wieder, die in „Kino Okkult 1 – 11. September 2001“ ausführlichst Thema ist: Sie wird über Jahrzehnte vor 9/11 in Spielfilmen immer und immer wieder in Kontexten eingesetzt, die dem späteren Terroranschlag auf zwei pfeilerförmige Hochhäuser zugeordnet werden können (hier auch erläutert in einem Selbstgespräch des Autors).

Screenshot: ABC, 11.09.2001

Der Inhalt des Dialogs liegt sehr nahe an einer der zentralen Verschwörungstheorien zu den Terroranschlägen von 9/11: Statt eines Anschlags durch islamistische Terroristen („Einbruch“ und „Mord“) habe es sich um eine false flag operation US-amerikanischer Geheimdienst selbst gehandelt („Selbstmord“), eventuell unter Mitwirkung des Pächters der Türme des World Trade Center. Die weitere Vorgehensweise von Figuren in der Serienfolge entspricht dann exakt dem Modus, den die Verschwörungstheorie unterstellt: Versicherungsbetrug unter Vorspiegelung falscher Tatsachen.

Der verschwörungstheoretische Diskurs ist in Serien wie „Derrick“ und „Der Alte“ fortgesetzt subkutan vorhanden. Er wird lediglich in die Vorstellungs- und Erlebniswelten bürgerlicher Alltagskriminalität transponiert. In der zitierten Folge „Caprese in der Stadt“ (D 1991, R: Alfred Weidenmann) ist es allerdings die in dieser Serie seltenere Variante der organisierten Kriminalität, auf die sich die Aussage bezieht – und damit einen Komplex modernen Verbrechens betrifft, der in Verschwörungstheorien eng mit konspirierenden Eliten verknüpft ist:

Derrick: „Es wird weitergehen. Es wird was passieren. Und sie wissen, dass etwas passieren wird.“ (Klein öffnet mit einem knallenden Geräusch seine „Bonaqa“-Getränkedose.)

Der Modus von Verschwörungstheorien besteht immer darin, dass jemand angibt zu „wissen, dass etwas passieren wird“, oder dass man dies hätte wissen können. Und es geht immer darum, dass es „weitergehen“ wird, dass geheime Mächte am Werk sind, die ihre Strategien fortgesetzt realisieren.

Gerade heute versucht der „Spiegel“ einmal wieder auf besonders hanebüchene Weise, als „Verschwörungstheorie“ stigmatisierte Diskurse unterzubuttern. Jeder Blick in Geschichtsbücher zeigt, welch durchsichtige Propaganda hier betrieben wird. Und die Original-Dialoge in über Jahrzehnte weit verbreiteten Serien wie „Derrick“ und „Der Alte“ sowie zahllose subtilere Anzeichen in solchen Produktionen führen uns auf ganz andere Fährten. Als Leser muss man selbst wissen, wem man sich zur Erforschung dieser Gefilde anvertraut.

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Worte ohne Worte 2 – Entschleunigung des Abschwungs


Mittwoch, 25. Januar 2012, 16:41 Uhr. Von

„Immerhin gibt es Anzeichen, dass das Tempo des Abschwungs abnimmt und sich allmählich Stabilisierung einstellt. Im Dezember war noch eine Beschleunigung des Abschwungs befürchtet worden“, sagte [Pieter] Praet der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

„Die Welt“, 25.01.2012

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Was wollen Piraten?


Dienstag, 24. Januar 2012, 0:41 Uhr. Von

Am Spätabend des 23.01.2012 zieht die ARD unter der Überschrift „Piraten in der Politik – 100 Tage einer Aufsteigerpartei“ (Autoren: Nicola Graef / Torsten Mandalka) eine erste Bilanz zur Mitverantwortung der „Piratenpartei“ im Berliner Abgeordnetenhaus. Um genau zu sein: Es handelt sich um eine Dokumentation mit human interest, privaten Bekenntnissen und Impressionen. Zu politischen Inhalten ist so gut wie nichts zu hören (vielleicht zu sehen, wenn man so will).

Die mediale Präsenz der Piratenpartei seit der Berliner Wahl macht misstrauisch: Begierig griffen alle Mainstream-Medien das Thema der neuen Partei auf. Schnell wurde immer wieder deutlich: Über eine definitive Programmatik war wenig zu sagen, da diese nur teilweise beschlossen ist. Also stürzte man sich auf die wenigen Äußerungen neugebackener Abgeordneter oder Kuriosa wie einen jungen Mann mit Latzhose und Kopftuch im Parlament. Auch diese Medieneffekte zeigt die ARD. Aber sie fragt nicht wirklich danach, warum gerade dies Medieneffekte sind.

Der inhaltliche Leerlauf in politischer Berichterstattung begegnet immer häufiger. Es ist selbst beinahe schon ein Allgemeinplatz seit den 1990er Jahren – und dennoch der Erwähnung wert, weil für den Fortgang der Dinge essenziell: Die Tendenz geht hin zu Personalisierung und Skandalisierung. Affären um Bundespräsident Christian Wulff, bei denen dem deutschen Steuerzahler allenfalls einige 10.000 Euro abhanden kamen, nehmen in den Nachrichten breitesten Raum ein. Die Vergabe von 500 Mrd. Euro Krediten an Banken zum Zinssatz von 1 % durch die Europäische Zentralbank mit voraussehbarer Reinvestition der Gelder durch die privaten Banken in Staatsanleihen, auf die die Staaten anschließend für ihr eigenes Geld deutlich mehr Prozente zahlen, schien EU-Bürger nicht weiter zu interessieren. Den Gewinn werden Investoren und Banker einstreichen – Teil eines „großen Raubzugs“ (Alexander Dill), wenn nicht vor dem jeweiligen Zahltag doch der Crash kommt. Die „Bild“-Zeitung schreibt darüber keine Schlagzeilen („BRÜSSEL BITTET ZUR KASSE – Bürger beschenken Banker“), sondern schießt zeitgleich mit großem Tamtam den Präsi ab. Hmmm …

In diesem Sinne liegen die Dinge sogar ganz gut für eine Partei, die noch wenig Programm, aber vielleicht den einen oder anderen Aufreger zu bieten hat. Die Äußerung von Piraten-Geschäftsführerin Marina Weisband, ihre Partei könne sich auch wieder auflösen, wenn ihre Inhalte von anderen übernommen worden seien, ist zumindest ausreichend ‚ungewöhnlich‘, um eine Nachricht abzugeben.

Inhaltlich deutet sie imho eine Verkennung an, auf der eine Menge von Fehlentwicklungen der politischen Öffentlichkeit basiert: Wie andere politische Bewegungen im Anfangsstadium scheinen Piraten an reine Ideen zu glauben. Die richtige Idee könne also von beliebigen Personen umgesetzt werden. Die politische Szene lehrt das Gegenteil: Wahlen werden mit Versprechungen gewonnen, die man anschließend nicht einhält. Entscheidend ist, welche Person an welchen Posten gelangt – und dann von kritischen Medien möglichst unbehelligt anders handeln kann, als sie angekündigt hat. Deshalb mag die eine oder andere Idee rhetorisch übernommen werden – auch soziale Gerechtigkeit und ökologische Verträglichkeit sind oft genug nur Worthülsen oder werden auf drei, nun also vier Parteien links der Mitte verteilt, die erst einmal koalieren müssen und z. T. nicht wollen, also protestieren, aber nicht regieren dürfen. Bisher gab es die auf privaten Spenden und medialer Überrepräsentierung basierende Parteienfiktion FDP als Koalitionspartner, um andere Mehrheiten zu sichern, und die CDU nennt sich in Bayern „CSU“ und stellt bei öffentlichen Diskussionsrunden noch einen gleichberechtigten Diskutanten mehr. Welchen Part werden die Piraten in diesem Spiel einnehmen?

Ein weiterer vermutlicher struktureller Irrtum liegt im Fall eines piratischen Kernbegriffs, der „Transparenz“, vor (wenn nicht ohnehin die bloße Lust am Demonstrieren mit Transparenten gemeint ist – Informatik schützt nicht vor Sprachspielen). In der ARD-Doku wird das Wort herauf- und heruntererwähnt. Als Bundeskanzlerin, so Weisband, würde sie alle Sitzungen per Video-Livestream veröffentlichen. Das ist prinzipiell eine gute Idee. Was aber sagen uns die Einschaltquoten von Parlamentsdebatten auf dem Nachrichtensender „Phoenix“? Über sechsstellige Zuschauerzahlen kommen diese wohl kaum hinaus. Weitaus mehr Zuschauer erreichen zum selben Zeitpunkt unsägliche Doku-Soaps und Gerichtsshows auf den Privaten. Bei einem speziellen Interesse wie den Verhandlungen über das Atom-Endlager Gorleben ließ das Bundesumweltministerium für 150.000 Euro den Fachdialog ins Internet streamen. Zuschauer in Spitzenzeiten: etwa 90. Die „YouTube“-Seite des hier präsentierten Videos zählt in drei Monaten 175 Abrufe.

Dies führt uns natürlich zu der allgemeinen Frage, wie politisches Interesse und Bewusstsein zu wecken und zu erhalten sei. Ich persönlich glaube, dass unter den gegebenen Umständen politische Öffentlichkeit weiter schrumpfen wird. Transparenz und Partizipation, wie Piraten sie als direkte Demokratie, nicht zuletzt auf digitaler Basis („LiquidFeedback“), anstreben, bedeuten ein hohes Maß an Zeit, Aufmerksamkeit und Kompetenz beim Endverbraucher.

Man muss es kaum erklären: In unserer Gesellschaft besteht eine digitale Kluft zwischen alt und jung, gebildet und ‚bildungsfern‘ (siehe hier, S. 7ff.). Und mit der sozialen Schere (die auf Bedingungen des gesamten Wirtschaftssystems reagiert) spreizt sich der Gegensatz von Informierten und Nicht- bzw. Desinformierten. Wer weiß, wie man im Internet recherchiert, und bereit ist, Texte mit einem gewissen Umfang und Anspruchsniveau sowie in englischer Sprache zu lesen, hat einen enormen Wissensvorsprung, beinahe ohne finanziellen Aufwand. Wer im Internet die „Bild“-Zeitung ansurft und sich einige „witzige Videos“ auf „YouTube“ ansieht, verbringt im Vergleich mit dem RTL-Programm seine Zeit mit demselben Zeug von einem anderen Anbieter. Innerhalb der kleineren Bevölkerungsgruppe, die nennenswert online ist, sind die Letztgenannten in der Mehrheit. Und wer kümmert sich um die 9 Mio. Analphabeten?

Bevor man mehr direkte Demokratie einfordert, sollte man sich Gedanken machen, wie Menschen in konkreten Fragen überhaupt entscheidungsfähig werden. Pauschal lässt sich sagen, dass sie dafür ihre Zeiteinteilung ändern müssen. Sie werden sich sachbezogenen Informations- und Gesprächsangeboten zuwenden müssen.

Nun in persönlicher Anrede: Wogegen Ihr, die Piratenpartei, qua Programm steht, sind Medienkonzerne, die seit 30 Jahren mit immer mehr Flachsinn beglücken. Solltet Ihr mehr politische Verantwortung übernehmen, werden sich die Lobbyisten von Bertelsmann & Co. schnell um Euch scharen. Und sie werden Euch bald an dem Punkt haben, dass auch Ihr überzeugt seid: Die meisten interessieren sich eh nur für … Ihr wisst schon. Und sie wollen regiert werden. Was man ihnen zu bieten hat, ist ein bisschen mediales Trara, allgemeine Parolen und ab und zu ein Bauernopfer, auf das man zur Triebabfuhr eindreschen kann. Ansonsten gibt es reichlich „Bauer sucht Frau“, und wir sorgen dafür, dass die Armen ärmer und die Reichen reicher, die Einsamen einsamer werden (faktische Entwicklungen der letzten Jahrzehnte). Ihr werdet nolens volens am Neofeudalismus mitarbeiten, oder Ihr werdet aller Voraussicht nach kaputtgeschrieben werden. Mit Begriffen der „Transparenz“ könnt Ihr als Alibi dienen, wenn sie eine leere Behauptung bleiben. Wolltet Ihr damit ernstmachen, wäret Ihr der Todfeind aller Mächtigen.

Desinformation resultiert z. T. aus dem Überangebot – auch das wissen wir. Solltet Ihr also die Hoffnung haben, nach 30 Jahren Privatfernsehen noch eine nennenswerte Zahl von Menschen zu erreichen, die sich mit einem Sachthema vertraut machen und als Konsequenz eventuell sogar noch Änderungen an ihrer eigenen Lebensweise vornehmen wollen, müsstet Ihr also überlegen, wie Ihr a) Wissen bündelt und aufbereitet sowie b) Vermittlungsformen für reale Menschen findet (keine Bücher oder Internetseiten, die nur wenige lesen).

Ich nenne einmal ein paar notwendige Maßnahmen, die auf Eure politische Agenda gehören. (Sie mögen schon in einigen Mailinglisten oder Wikis vorgekommen sein, die ich hier und da mitlese; als zentrale Botschaft und in dieser Konkretion sind sie mir noch nicht begegnet.) Also:

  • Untersuchungskommission Lobbyismus: Wie verhindern wir die verschwörerische Manipulation öffentlicher Meinung und politischer Entscheidungen durch privatwirtschaftliche und elitäre Interessensverbünde? (Mögliche Ziele: Verbot individueller Parteispenden, Einzahlung in einen gemeinsamen Pool und Abgabe nach Proporz von Wahlergebnissen, steuerlich weiterhin absetzbar; veränderte Vorgaben für Karrierewege zwischen Wirtschaft und direkt relevanten Politikbereichen, ggf. längere Übergangsfristen mit Entschädigung.)
  • Generaloffensive Wissensallmende: Wie aggregieren und organisieren wir Wissen allgemeinverständlich? (Erarbeitung von konsensfähigen Wissensbeständen zu Kernfragen wie Energieversorgung, Sozial- und Wirtschaftssystem unter Einbeziehung aller gesellschaftlichen Kräfte; Präsentation von Ergebnissen und Zwischenergebnissen in ausführlichen Themenwochen der öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und TV-Sender, zumindest in diesen Zeiträumen Abschaltung von Privatsendern, evtl. Bürgerpflichten zur Anwesenheit bei Informationsveranstaltungen.)

  • Grundsatzkommission Geistige Arbeit: Wie sorgen wir dafür, dass Wissensarbeiter nicht mehrheitlich interessengeleitet argumentieren, weil sie als Unabhängige wirtschaftlich verarmen? Wie sorgen wir dafür, dass nicht Wissensarbeiter bloß unabhängig scheinen, obwohl sie vollkommen in elitär-hegemoniale Strukturen integriert sind? (Eure Verteidigung des Rechtes auf Privatkopie halte ich für richtig. Durch den Überhang naturwissenschaftlich-technisch gebildeter Piraten habt Ihr nach meinem Eindruck massenmedial vermittelte Inhalte kaum im Blick – wie leider auch viele Medienwissenschaftler nach Friedrich Kittler. Es ist schwierig, in diesem Bereich Qualitätsstandards zu definieren. Aber über die „Stunde der Stümper“ [Andrew Keen] im Netz zu reden, tut ebenfalls not. Die durch das kostenfreie Netz arbeitslos gewordenen Publizisten informieren nicht mehr unabhängig, sondern bilden den wachsenden Überhang der Marketing-Agenten.)
  • Untersuchungskommission Effizienz im Wissenschaftsbetrieb: Wie machen wir (über die „Open Access“-Debatte hinaus) wissenschaftliche Erkenntnis massenwirksam? Wie schaffen wir Transparenz in der Vergabe staatlich finanzierter wissenschaftlicher Arbeitsstellen (Qualitäts- und Leistungskontrolle)?
  • Arbeitsstelle für Eliteforschung: Auf historiografischer und soziologischer Basis werden Informationen über Machtstrukturen jenseits demokratisch gewählter Volksvertretungen gesammelt. Eine Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit Verschwörungstheorien und ihrem Wirklichkeitsgehalt.

Für meine eigenen Interessensbereiche in Geistes-, Medien- und Sozialwissenschaften hätte ich im Besonderen noch anzumelden:

  • Untersuchungskommission Privatfernsehen: Positionsbestimmung demokratischer Kräfte zu Inhalt und Auswirkungen von Sendungen kommerzieller Anbieter. (Eine weitreichende Debatte wäre vonnöten. Mein Beitrag liegt mit dem Buch „Glotze fatal“ vor.)
  • Forschungsverbund Metaphorologie: Empirisch basierte Dokumentation, Erörterung und Vermittlung von Bedeutungsproduktion in fiktionaler und nicht-fiktionaler Rede.
  • Dokumentationsstelle Bewegtbild: Schaffung eines Archivs für Produktionen des Film- und Fernsehgewerbes. (Die bisherige Praxis widerspricht dem Prinzip der Rechtsgleichheit: Jeder Buchverlag ist zur Abgabe von Exemplaren an Zentralbibliotheken auf eigene Kosten verpflichtet. Die finanziell weitaus einträglicheren Medienindustrien der Audiovision produzieren demnach im juristischen Graubereich und entziehen sich dem Zugriff der freien Wissenschaft, die so ihrer gesellschaftlichen Beobachtungsfunktion nicht nachkommen kann. Videosammlungen an Universitäten sind nicht von der Allgemeinheit, sondern als Pflichtexemplare von Medienproduzenten selbst zu finanzieren. Durch zusätzliche Abgaben werden, statt übermäßig luxuriöser Lebensverhältnisse von Medienproduzenten, neue Arbeitsstellen an zuständigen Bildungsinstitutionen und Archiven finanziert. Siehe auch hier zu meinem abgewandelten Begriff der „informationellen Selbstbestimmung“ in diesem Kontext.)

Zwei Tips meinerseits: Allzu ausgiebige Diskussionen über homeschooling würde ich außerhalb von Alaska nicht empfehlen. Und Ihr solltet den Wikipedia-Eintrag über Peter Urbach nicht erst lesen, wenn Ihr an Eurem ersten sicherheitspolitischen Untersuchungsausschuss teilnehmt. Wenn ihr ihn kennt, habe ich nichts gesagt.

Ahoi und auf bald!

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Worte ohne Worte 1 – Zuversicht


Dienstag, 10. Januar 2012, 21:11 Uhr. Von

tagesschau.de, 10.01.2012

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Wir haben nichts anderes vor als Sportgucken


Sonntag, 8. Januar 2012, 19:01 Uhr. Von

Das Tagesprogramm der ARD vom 07.01.2012 hat eine einzige Überschrift – „Sportschau live“:

Dieser Tage war (hier und hier) schon von den Ablenkungsmanövern auf der politischen Szene selbst zu sprechen, mit denen die Aufmerksamkeit von den essenziellen Ereignissen in der Euro-Zone auf ein paar für Deutschland im Ganzen vollkommen unwichtige Kredit-Manöver von Bundespräsident Christian Wulff gelenkt wurden.

Eine der traditionsreichsten Methoden solcher Ablenkung ist die Berichterstattung über Profisport (siehe auch das Zitat hier), die über wenige Jahrzehnte nie gekannte Ausmaße erreicht hat.

Der Inhalt solcher Übertragungen besteht in einer starken Zeitdehnung, für die sich Moderator Matthias Opdenhövel schon reiflich im sportaffinen Show-Format „Schlag den Raab“ (Pro7) vorbereiten konnte, wie meine Video-Montage zum Thema „Organisierter Zeittotschlag“ zeigt:

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Am 06.01.2012 versucht Opdenhövel, die Schwierigkeiten mit der Oberfläche der Absprungrampe bei der Vierschanzentournee zum Psycho-Thriller heraufzuschwatzen: „Ja, das ist natürlich eine Nervenschlacht heute …“ Gezeigt werden immer wieder Einzelheiten der Optimierungsbemühungen an der Eisbahn, dann Interviews mit Sportlern und anderen Beteiligten, die im Kern auch nur sagen können, dass sie halt warten müssen, und zum Ausbau des Gesprächsinhalts etwa gefragt werden, ob sie denn nicht genervt ob der Warterei seien und wie sie sich denn vorbereiten.

Interviewerin Julia (Nachname ist im Internet nachträglich nicht herauszufinden) nimmt im Gespräch mit Ski-Springer Gregor Schlierenzauer dessen ihr bereits bekannte Vorgehensweise bei der Einstimmung auf den Wettbewerb schon vorweg, indem sie seine Gedanken wiedergibt: „Ich muss bei mir bleiben, drumrum alles ausblenden …“ Das scheint auch das Motto einer auf Profisport eingestellten Öffentlichkeit zu sein, die sich in der zweckfreien, aber äußerst langwierigen Betätigung von Profisportlern spiegelt.

Moderator Opdenhövel forciert erwartungsgemäß mit dem Experten Dieter Thoma die Technik des Beredens eines nasskalten Nichts noch einmal:

Ach ja, das wird heute noch ein langer Nachmittag. Aber das Tolle ist ja, Dieter, a) haben wir nichts anderes vor, wir bleiben hier und hadern der Dinge und wir haben ja noch viel anderen Wintersport bei uns im Ersten und schalten jetzt ma rüber nach Altenberg zur Bob-EM und Tom Scheunemann.

Die Sehbeteiligung für diese in Moderationen als „Zirkus“ bezeichnete Veranstaltung reicht vom „Skeleton Weltcup: Damen“ um 9.13 h mit 1,03 Mio. Zuschauer über den „Biathlon-Weltcup 10km Sprint Herren“ um 14.30 h mit 4,47 Mio. zum „Zweierbob-Weltcup: Herren“ um 17.33 h mit 3 Mio.

Rechnen wir die 45 Min. des „Biathlon-Weltcup 10km Sprint Herren“ also einmal in wache Lebenszeit von 16 h täglich um, wurden hiermit einmal wieder 574 Lebensjahre verbracht, in denen auch etwas anderes hätte geschehen können. Aber zumindest in puncto Zeit heißt es offensichtlich noch: Wir ham’s ja!

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Desinfo im Perpetuum Wulffile


Freitag, 6. Januar 2012, 0:00 Uhr. Von

Ist es Notwehr? Ist es Verzweiflung? Ach nein, man nennt es wohl die äußeren Umstände, die einen dazu zwingen, die Wulffiaden der letzten Tage bis Wochen mitbuchstabieren zu müssen, obwohl man doch weiß (siehe hier und hier), dass man eigentlich über etwas anderes berichten und diskutieren müsste.

Die Welt der Nachrichten seit der Vorweihnachtszeit ist ein Dokument neuer Qualität dafür, wie Mainstream-Medien die Aufmerksamkeit auf Unwesentliches ablenken. Die Wulff-Affären sind keine Lappalie, aber auch keine Tragödie. Juristisch werden sie wohl keine Konsequenzen haben. Das ist eine andere Kategorie als Barschel oder ein Spion im Kanzleramt. Ein paar Mauscheleien und Luxus-Bonbons am Rande.

Man sollte also die Diskussionen eingrenzen, peripher berichten (vielleicht eine Kurznachricht am Ende der Liste). Abwarten, bis Fragen beantwortet sind. Das Gegenteil ist der Fall: Gefühlt die meisten Hauptnachrichten beginnen in den letzten Wochen mit einer Wulff-Nachricht, und die Rede von der „Salami-Taktik“ der Informationsherausgabe trifft auf eine Berichterstattung, die sich dieser elenden Nicht-Information unterwirft, ebenso zu. (Sonstige Metaphernlehre lassen wir hier mal weg.)

Die „tagesschau“-Website vom 03.01.2012 führt es so vor, dass jedes Satiremagazin kapitulieren muss. 6 von 16 Inhaltskästen variieren das Mantra Wulff in allen formatmöglichen Textsorten:

Am 04.01.2012 dauert die Wulff-Berichterstattung in der „tagesschau“ ganze 7 von 15 Minuten, worauf das 20minütige Interview des Bundespräsidenten mit Ulrich Deppendorf (ARD) und Bettina Schausten (ZDF) folgt. Die Journalisten fragen durchaus direkt und offensiv, doch die Antworten bleiben erwartbar schwammig und rührselig.

Am 03.01.2012 lautet die Top-Meldung der „tagesschau“: Wulff. Erst später in der Sendung geht es um die als Erfolgsmeldung verpackte Arbeitsmarktbilanz für den Dezember: 2,7 Mio. Arbeitslose, 231.000 weniger als im Vorjahr. Dazu wird immerhin der Vorstandsvorsitzende der Arbeitsagentur Frank-Jürgen Weise gehört. Und zwar mit der halsbrecherischen Formulierung:

Man muss an der Stelle sagen, dass die Qualität der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung, die gewachsen ist, nicht immer die ist, die sich die Betroffenen wünschen, nicht immer existenzsichernd …

Die Berichterstattung zu den weiteren Implikationen des Themas ist, sagen wir mal, nicht gerade tumultös. Google „hartz iv aufstocker 2011“ bringt einem v. a. Meldungen von 2009/10. Informationsgesellschaft! Mitte 2011 gab es außerdem vereinzelte Meldungen wie diese im „Focus“:

Im vergangenen Jahr habe die Gesamtzahl der sogenannten Aufstocker im Schnitt bei 1,383 Millionen gelegen, berichtete die „Bild“-Zeitung am Freitag unter Berufung auf Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit. Das seien 4,4 Prozent mehr als im Vorjahr und 13 Prozent mehr als 2007 gewesen.

Aktueller unter den findbaren ist der Artikel des „Instituts der deutschen Wirtschaft Köln“ (iwd, 17.11.2011), der Kritik am Aufstocker-Modell zum „Vorurteil“ erklärt. Für die Aufstockung durch Hartz IV werden ein paar für sich einleuchtende Argumente genannt – am stärksten wohl dies, dass die Integration in den Arbeitsmarkt gefördert werde.

Dennoch klingen die harten Zahlen anders – wenn man die Statistiken bis zum Ende liest. Das kommentiert im „Deutschlandfunk“ am 30.12.2011 Wolfram Weltzer, indem er auf die aus der Kategorie „Arbeitslos“ statistisch verbannten Arbeitslosen zusammenrechnet:

Nicht 2,7 Millionen Menschen wären im November arbeitslos gewesen, sondern 3,9 Millionen.
Auch diese Zahl findet sich im Nürnberger Zahlenwerk. Ganz am Ende der dicken Statistik weist die Bundesagentur für Arbeit detailliert die Unterbeschäftigung aus. Wohlweislich aber ganz am Ende – so schafft es die Zahl nicht in die Meldungen der Nachrichtenagenturen, und so müssen die Politiker der jeweiligen Regierung sie auch nicht kommentieren oder sich gar noch dafür rechtfertigen.

Und noch wesentlicher als dieses schon sehr wesentliche Thema sind derzeit die Entwicklungen in der „Europäischen Union“ und ihrer finanziellen Organisation. In der „tagesschau“ vom 03.01.2012 ist auch dies Thema, und zwar durchaus instruktiv mit einer Aussage von Thorsten Polleit (Barclays Capital):

Deutschland hat nun nicht mehr die Vertretung des Chefvolkswirtes und kann dadurch auch nicht mehr wie bisher die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank maßgeblich mitbeeinflussen.

Wäre es wirklich tendenziös, eine solche Aussage als erste Meldung zu platzieren? Diese Meldung kommt hier als zweite nach 4 Min. Wulff. Und wer weiß, wieviele Zuschauer erst einmal ein Kurzgespräch über die Abstrusitäten des Wulffiversums führen, als die nächste Meldung eingeblendet wird, die irgendwie weit weg und dazu noch aus dem trockenen Wirtschaftsressort stammt: „Neuer Chefvolkswirt der EZB“. Der Belgier Peter Praet ist es geworden – statt des ursprünglich vorgesehenen Jörg Asmussen.

Herrn Asmussen kennt kaum jemand. Er läuft in den Hauptnachrichten immer nur im Hintergrund herum:

Screenshot: ARD, 03.01.2012

Asmussens Mitverantwortung für die Verluste des deutschen Staates in der Finanzkrise ab 2008 haben andere (wie hier Guido Kirner) schon ausführlicher besprochen. Aus den dort genannten Gründen müsste eigentlich Asmussen – und nicht nur einmal, und nicht nur für 20 Min. – von Journalisten zur Hauptsendezeit befragt werden.

Derzeit bestätigt sich an solchen Strategien der Desinformation (wir sehen, das geht auch, indem man die Ereignisse als solche gar nicht verschweigt), dass wir uns in einer Transformation befinden, über die man in einer Demokratie eigentlich öffentlich und effektiv sprechen müsste.

Die Kosten für Hartz-IV-Aufstocker (nicht nur, aber auch billige Arbeitskräfte für Unternehmen) betrugen 2005-09 insgesamt 50 Mrd. Euro. Durch die Manöver in der EZB (auch diese hier erwähnt) kommen noch ganz andere Dimensionen von Ausgaben und Risiken auf den deutschen Steuerzahler bzw. unser aller Schuldenkonto zu.

Zur Frage, wie die zunehmende Verschuldung in der Administration gehandhabt wird und wer von ihr profitiert, sei abschließend dieser „Panorama“-Beitrag empfohlen, der „YouTube“-Zuschauer nicht so wirklich zu interessieren scheint (knapp 3000 Abrufe in einem Jahr):

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Weihnachtsansprache 2011 an den Bundespräsidenten


Montag, 26. Dezember 2011, 21:53 Uhr. Von

Fröhliche Weihnachten, lieber Bundespräsident!

An diesem Weihnachtsfest grüße ich Sie: den Gläubigen, der heute der Geburt seines Religionsstifters gedenkt – und auch die abgespaltenen Teile Ihrer Persönlichkeit, die die Worte der „Heiligen Schrift“ nicht immer so genau nehmen.

Mit Ihnen grüße ich die Frauen und Männer, denen Sie durch Bundesverdienstkreuze und oberflächliche Gespräche Ihre Achtung zum Ausdruck gebracht haben, weil sie „den Zusammenhalt, der unsere Gesellschaft letztlich trägt“, befördern. Ich grüße auch jene, für die diese öffentlich prämierten Personen stellvertretend geehrt wurden – und deren Lohn dafür ungewiss, wenn nicht Undank ist. Auch wenn die allgemeine Form einer solchen Rede es nicht zulassen mag – konkrete Beispiele und Differenzierungen könnten nicht schaden. Sonst bleibt es bei sprachlichen Floskeln, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. Sie haben bestimmt das Kapitel in Alexander Dills Buch „Der große Raubzug“ (2009) gelesen, in dem Ihnen vorgerechnet wird, dass eine Krankenschwester in Köln unter dem Strich nicht mehr verdient als ein Hartz-IV-Empfänger. Und noch komplexer wird es, wenn Sie zwischen Personen, die „Zusammenhalt“ fördern und denen, die dies nicht tun, anhand weiterer Kriterien unterscheiden wollen. Die Erfolgsmodelle in verschiedensten Berufsfeldern und deren Resultate in puncto Einkommensniveau und Absicherung kann nur selten zu der Beurteilung führen: „Sie helfen ihren Mitmenschen“. Durch Ihre persönliche Freundschaft mit Carsten Maschmeyer werden Sie dies wissen. Sein Vermögen wird auf 500-650 Mio. Euro geschätzt, und zu der von ihm gegründeten Firma berichtet „Der Tagesspiegel“ am 21.12.2011, dass allein

der österreichische Verbraucherschutz – der Verein für Konsumenteninformation (VKI) – mit Unterstützung der Regierung 2500 Opfer in einer Sammelklage vertritt. Der Vorwurf laute, der Finanzvertrieb AWD habe gezielt und systematisch riskante Anlagen mit falschen Versprechungen verkauft.

Die Welt, die Sie und andere Politiker mit immerwährenden Wiederholungen wohlklingender Suggestionen vorgaukeln, ist eine andere als jene, die in Deutschland oder anderswo existiert. Sie gehören offensichtlich zu jenen, die helfen, dass es weiter in Richtung Ungleichheit und Ausbeutung geht. Und sei es nur durch Schweigen und diffus-kitschige Beschwichtigungen.

Sie behaupten in Ihrer Weihnachtsansprache 2011 einen „Geist der Gemeinsamkeit […] in Europa und der Welt“ und danken den Deutschen für ihre Spenden und den Soldaten für ihre Einsatzbereitschaft. Doch während Gutgläubige von ihrem nicht immer großen Reichtum abgeben oder sogar für humanitäre Zwecke ihr Leben riskieren, fährt der ganze Zug in eine andere Richtung. Wenn Ihre Worte nicht inhaltsleer sein sollen, müssten Sie deshalb andere Tatsachen erwähnen. Sie wissen, dass die „Deutsche Bank“ oder „Goldman Sachs“ mit Ihren Finanzprodukten Hungerkrisen forcieren. Sie wissen, dass etwa der neue italienische Ministerpräsident Mario Monti und der neue Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) Mario Draghi für Goldman Sachs gearbeitet haben oder noch tätig sind, und Sie wissen, dass der neue Ministerpräsident Griechenlands, Loukas Papadimos, an der Fälschung von Angaben seines Landes zu den Aufnahmekriterien in die Europäische Union ebenso beteiligt war wie Goldman Sachs. Deshalb ist es eine Verhöhnung aller, die die Folgen solcher politischen Fehlentwicklungen mindestens durch ihre Arbeitskraft und Lebenszeit tragen werden, wenn Sie sagen:

Europa ist unsere gemeinsame Heimat und unser kostbares Erbe. Es steht für die großen Werte der Freiheit, der Menschenrechte und der sozialen Sicherheit.

Europa wird, wie alles andere, zunehmend zu einem Spielball rücksichtsloser Raffzähne, die Politiker entweder korrumpieren oder instrumentalisieren, weil sie ahnungslos sind. Nehmen wir Letzteres zu Ihrem Vorteil, soweit es geht, noch einmal an. Dies ändert nichts daran, dass wir weiter in eine gefährliche Spirale der allgegenwärtigen Verschuldung geraten, die nur eine kleine Gruppierung nicht betrifft: die der sehr Wohlhabenden, die auf vielfältige Weise von trickreichen Effekten der Verschuldung anderer und der öffentlichen Haushalte profitieren.

Herr Wulff, Sie sagen:

Wir Deutschen haben selber immer wieder europäische Solidarität erfahren, und wir sind auch zukünftig solidarisch gegenüber Europa.

Ein Denkfehler dabei besteht darin, dass ein Wort wie „Europa“ allein den wirtschaftlichen Tatsachen nicht gerecht wird. Es kann eine Völkergemeinschaft bezeichnen, die derzeit erfreulicherweise friedlich zusammenlebt. Doch nur bis dahin ist eine solche Wortverwendung korrekt. „Europa“ ist eben auch ein Verwaltungsapparat, in dem zahlreiche Akteure relativ unbeobachtet am Werk sind. Und selbst da, wo man ihre Aktivitäten konkret benennt, erreicht dies nicht im Detail und in zutreffender Beschreibung alle Bürger, an die Sie sich mit Ihren schönen Worten richten. Wer Ihnen glaubt, ist schlecht informiert.

Die Skandale um Ihre Person aus den letzten Wochen, Herr Wulff, nehmen sich in ihrer Bedeutung für die Gemeinschaft sehr bescheiden aus gegenüber den Folgen der Finanztransaktionen, die derzeit über die Bühne gehen. (Vielleicht werden sie auch als Ablenkungsmanöver für diese verwendet, ob mit Ihrem Wissen oder ohne dieses.) Die eigentliche Hauptnachricht dieser Tage hätten eigentlich die 489 Mrd. Euro sein müssen, die die EZB an 523 Banken zu einem Zinssatz von 1 % auf drei Jahre verliehen hat.

Die Realität „Europa“ beschreibt an diesem Beispiel einmal mehr Alexander Dill in einem aktuellen Beitrag. Das billig geliehene Geld wird voraussichtlich etwa so investiert:

Eine Idee wäre es, italienische Staatsanleihen zu sechs Prozent zu kaufen. Für Staatsanleihen muss nämlich – im Gegensatz zu Krediten an Wirtschaftsunternehmen – kein Eigenkapital nachgewiesen oder gebildet werden. Die Zinsen für diese Anleihen zahlt der italienische Steuerzahler. Er zahlt damit zum dritten Mal: Zunächst muss er die Einlagen in die Europäische Zentralbank finanzieren, zum Zweiten deren Erhöhung und Haftung zur Auszahlung der 489,2 Milliarden Bankenhilfe und zum Dritten dann die Zinsen, von denen fünf Prozent zur Auszahlung eines absolut leistungslosen Einkommens von Banken und Anlegern und zur Finanzierung korrupter Beamter und Politiker dienen.

Auch den deutschen Staatshaushalt werden die Rettungsmaßnahmen für die Euro-Zone in den kommenden Jahrzehnten zusätzlich und erheblich belasten. Sie hingegen sind der Auffassung:

Regierung und Opposition haben in den vergangenen Monaten unter höchstem Druck gemeinsam weitreichende Entscheidungen getroffen. In diesem Geist der Gemeinsamkeit wird es auch mit unseren Freunden in Europa und der Welt gelingen, den Weg aus der Krise zu gehen.

In den Worten des zurückgetretenen EZB-Chefvolkswirtes Jürgen Stark klingt dies hingegen so:

Die Lösung dieser Krise lässt sich in keinem Lehrbuch nachschlagen, und all die klugen Äußerungen aus dem akademischen Bereich widersprechen sich sowohl in der Analyse als auch in den Rezepten. Das bringt die Regierungen immer wieder in fast ausweglose Situationen – dennoch müssen sie Entscheidungen treffen.

Ihnen wird vielleicht aufgefallen sein, dass wichtige Entscheider in europäischen Staaten und Gremien aus jenem Stall kommen, der nach recht einhelliger Meinung zu den strategischen Verursachern der Finanzkrise gehört. Ihnen wird auch aufgefallen sein, dass die Geldpolitik der EZB sich, wie beschrieben, mit ihrer Ausschüttung ‚billigen Geldes‘ am Vorbild der US-amerikanischen „Federal Reserve Bank“ seit den 1970er Jahren orientiert. Und Sie wissen vielleicht, dass in den USA mittlerweile 18 % der Privathaushalte wegen ihrer Armut Lebensmittelmarken erhält. Dies ist eine der Folgen, die bei einer Beibehaltung der von Ihnen, Herr Wulff, mitgetragenen Politik, mittelfristig für betroffene Staaten absehbar ist. Zu möglichen „Wegen aus der Krise“ gibt es auch Meinungen wie jene von Yoshi Frey, die corporate media aus einer Reihe von Gründen vollkommen ausblenden:

Die Sparmaßnahmen stürzten Griechenland z.B. nur noch tiefer in die Verschuldung, weil sie die Wirtschaft abwürgen. Mehr Schulden sind aber auch nicht möglich, da sowohl Staat als auch der private Sektor keine Schulden mehr bedienen können. Das Ponzi-Geldsystem ist einfach am Ende eines Zyklus angelangt. Wir brauchen ein Schulden-Reset und eine Reform der Geldordnung damit der Unsinn dann nicht von vorne beginnt.

Sie sollten sich also bewusst darüber sein, dass mit der grundlosen Beförderung von Optimismus vielleicht nur ein für die meisten schädlicher „Unsinn […] von vorne beginnt“. Es mag für Sie eine vage Motivation darin bestehen, dass Sie in diesem Unsinn bisher gut leben konnten. Für andere gilt dies nicht – etwa solche, die nicht einmal soviele Urlaubstage hatten, wie Sie sich von anderen verbilligen ließen.

In der rhetorischen Form einer Weihnachtsrede könnte man die angesprochenen Fakten in Formulierungen verpacken wie: „Für uns Politiker besteht in Zukunft die Verantwortung umso mehr darin, in Ihrem Wohle, liebe Bürger, die ungerechtfertigte Vorteilnahme einzelner zu verhindern. In diesem gemeinschaftlichen Geist, den auch und gerade das Christentum prägt, wollen wir verstärkt handeln.“ Oder: „An der anhaltenden Finanzkrise haben wir auch erkannt, wo unser Finanzsystem seine Grenzen hat. Um Armut und Gewalt zu verhindern, müssen wir alle Anstrengungen unternehmen, Wohlstand gerecht zu verteilen und nicht auf Kosten unserer Nachkommen zu leben.“

Solche Formulierungen zu finden, ist Ihnen, Herr Wulff, leider nicht gelungen. Sie haben sich für den Kitsch entschieden. Dieser Sprachkitsch zeigt uns umso deutlicher, für wen Sie präsidieren.

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Besser die Wulffheit?


Dienstag, 20. Dezember 2011, 23:24 Uhr. Von

Die „heute“-Nachrichten vom 20.12.2011 berichten über die neuen Vorwürfe gegen Bundespräsident Christian Wulff, er habe sich 2007 Anzeigen für eine Buchveröffentlichung von dem Unternehmer Carsten Maschmeyer bezahlen lassen.

An diesem kurzen Nachrichtenstück lässt sich zeigen, wie etwa mit der Wahl von Interviewpartnern auf der kurzen zeitlichen Distanz Politik gemacht wird. Soll heißen, dass es dabei auch um journalistische Objektivität und kritische Distanz geht. Dies lässt sich recht gut im Kontrast zu einem Bericht des „Spiegel“ vom selben Datum ersehen.

Im Textbericht des Nachrichtenmagazins werden Stimmen aus der Buchbranche zitiert, die besagen, dass bei Bezahlung von Anzeigen durch einen Dritten der Autor zu informieren ist. Das entspricht auch schon dem gesunden Menschenverstand, nicht aber den Äußerungen des Geschäftsführers Corporate Publishing beim Verlag Hoffmann und Campe, Manfred Bissinger, oder Wulffs damaligem Interviewer Hugo Müller-Vogg, die sich an der Begrenzung des Image-Schadens versuchen (oder so tun).

Die von den „Spiegel“-Autoren zusammengetragenen Aussagen wären schon zuviel für die wenigen Minuten des Nachrichtenbeitrags. Deshalb sind zwei inhaltliche Entscheidungen der Autorin des Berichts, Christiane Hoffmann, bzw. der „heute“-Redaktion umso signifikanter: 1) Der Bericht fasst den Anzeigen-Skandal zusammen mit der Entscheidung des Ältestenrates im niedersächsischen Landesparlament, Wulff nicht wegen der Annahme eines Privatkredits von Unternehmer Egon Geerkens’ Ehefrau zur Rechenschaft zu ziehen. Beides hat eigentlich nichts miteinander zu tun und muss v. a. getrennt bewertet werden. Deshalb suggeriert 2) die zwischengeschnittene Reaktion der Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), Wulff werde hier schon generell exkulpiert:

Der Bundespräsident wird aufgeworfene Fragen beantworten und die Sachverhalte aufklären und ich denke, von daher verbietet sich auch jede Spekulation über irgendwelche anderen Aspekte.

Hier springt eine Vertreterin des CDU-Koalitionspartners in die Bresche. Was die Berichterstattung einfängt, ist also eine offiziöse Verlautbarung. Zwar wird innerhalb des Berichts zuvor schon Renate Künast (Die Grünen) mit kritischen Worten zu Gehör gebracht, doch sind diese ebenfalls allgemein gehalten und werfen Wulff generell ein korrumpiertes „System Hannover“ vor.

Man hätte hingegen mit relativ geringem Aufwand eine Expertenstimme einfangen können, die den schlichten Sachverhalt auf den Punkt bringt, dass die Finanzierung von Buch-Anzeigen durch private Investoren kein handelsübliches Verfahren ist. Wulff, der sich als persönlichen Freund Maschmeyers bezeichnet (hier bei 1:00 Min. zu hören), …

YouTube Preview Image

… will also nach eigener Aussage mit diesem Freund über eine Zahlung von 40.000 Euro zu seinen eigenen Gunsten nicht einmal gesprochen haben. Wenn man ihnen zuviel davon gibt, ist es ihnen nichts mehr wert. Und leider ist an solchen Menschen nichts mehr zu erziehen.

Wir halten noch einmal fest, dass Wulffs/Müller-Voggs 2007er Opus „Besser die Wahrheit“ betitelt ist.

Mehr Hintergründe zu dieser medialen Inszenierung eines Skandals im Blog „GesichterWissen“.

Über die Berichterstattung zu Wulffs Skandal-Serie und ihre verschenkten aufklärerischen Potenziale reflektiert informativ auch dieser Beitrag auf „nachdenkseiten.de“.

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Zweifelhaft zitiertes Zutreffendes zur technotronischen Ära


Freitag, 16. Dezember 2011, 18:12 Uhr. Von


In „Between Two Ages“ breitete Brzezinski seine Vision aus, wie die US-Gesellschaft sein sollte. Die USA, so schrieb er, befänden sich nun in der Phase „einer Informationsrevolution, basierend auf Entertainment, Zuschauerspektakeln (z. B. übersättigende Berichterstattung über Sportereignisse durch das Fernsehen), die ein Opiat bieten für eine zunehmend zwecklose Masse“.

So steht es zu lesen auf S. 91 von John Colemans „Das Komitee der 300“ (zuletzt 2006) in der deutschen Übersetzung. Der Autor zitiert angeblich Zbigniew Brzezinskis „Between Two Ages. America’s Role in the Technetronic Era“ (1970). Für die englische Version finden sich als Zitat im Netz über 700 Suchergebnisse per Google. Das englische PDF von Brzezinskis Buch enthält die im Netz so häufig aus Colemans Buch entnommene Passage jedoch nicht. Halten wir dies erst einmal so fest und begegeben wir uns an dieser Stelle nicht in die Untiefen einer Diskussion über versteckte Absichten und Desinfo in dem durchaus interessanten, aber merkwürdig lektorierten Werk Colemans.

Für die „übersättigende Berichterstattung über Sportereignisse“ jedenfalls gibt es dieser Tage neue ökonomische Rahmendaten. Und während im September der um 1,47 Mrd. Euro erhöhte Finanzbedarf der öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF für die Gebührenperiode 2013-16 hohe Wellen schlug, der u. a. zu ca. einer halben Milliarde Euro Ausgaben für Sport-Großereignisse wie Fußball-Weltmeisterschaft und -Europameisterschaft sowie Olympiade beitragen soll, taucht die neueste Meldung in den Medien kaum auf.

Nachdem ich in einer Nachtausgabe von WDR-Radionachrichten davon hörte, hatte ich Mühe, eine entsprechende Meldung wiederzufinden. Das Blog „turi2.de“ schafft jedoch am 16.12.2011 Abhilfe. Der WDR sieht laut Intendantin Monika Piel für 2012 53,9 Mio. Euro Verlust voraus. Ein Grund:

Allein der Fernsehetat steigt 2012 um happige 31 Mio auf insgesamt 435 Mio Euro. Grund sind vor allem die Rechtekosten für die Fußball-EM und die Olympischen Sommerspiele.

Dass man sich mehr mit Poldi, Schweini und Jogi beschäftigen muss als mit Finanzkrise, CO2-Emissionen oder demografischem Wandel, leuchtet kultürlich ein. Aber warum erhöhen wir die Etat-Defizite und Schuldenberge dafür nicht noch ein bisschen mehr?

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Medienkompetenz in Praxis und Theorie


Montag, 12. Dezember 2011, 13:06 Uhr. Von

Im Rückblick auf seine Tätigkeit als Moderator der ZDF-„Hitparade“ gibt Dieter Thomas Heck am 11.12.2011 auf „Spiegel Online“ folgende Einschätzung zu seinem Metier, ausgehend von der Frage, ob Schlager-Musik auch politisch sein könne:

Oder vorhin ist mir die Geier-Sturzflug-Nummer “Besuchen Sie Europa, solange es noch steht” eingefallen, wo es um Neutronenwaffen und so weiter geht, da muss man sagen: Das ist indiskutabel, und das darf schon gar nicht in einer Schlagerparade kommen, wo die Leute auch noch mitklatschen! Weil sie gar nicht zuhören, was da gesungen wird!

Diese Rezeptionshaltung ließe sich wohl an wesentlich mehr Kulturereignissen in Vergangenheit und Gegenwart erörtern. Politisch irrelevanter wird sie dadurch nicht. Hier werden Medienmacher, die mit den Massen umgehen, mit den Grenzen von Kommunikation vertraut. Solche Erfahrungen sind es, die zu Entscheidungen in der Programmgestaltung insgesamt beitragen.

Es bleibt die Frage, inwiefern sich das mit Absichtserklärungen von Medienpädagogik und der Bildung von Medienkompetenz verträgt. Und mit dem bisherigen Prinzip von Demokratie. Nach Aussage des ehemaligen Direktors der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen, Norbert Schneider, kommen auf die Medienkonsumenten in der digitalen Gesellschaft ja noch wesentlich mehr Anforderungen zu:

Vor allem aber musste das Phänomen des Überflusses erkannt und gebändigt werden – ein Phänomen, das durch die nahezu gleichzeitig aufwachsende Netzkommunikation einen gewaltigen zusätzlichen Schub bekam. Die zahlreichen Konvergenzprozesse verlangten eine neue Betrachtung dessen, was Medienkompetenz zu bedeuten und zu leisten hat, und erstmals spielte der Nutzer in diesem Kontext nicht nur als Objekt von mancherlei Beglückungen und unentbehrlicher Aufklärung eine unübersehbare Rolle. Diese Entwicklung hat sich vor allem getrieben durch die Netzentwicklung noch einmal zugespitzt. Mittlerweile kann man ohne großes Risiko prognostizieren, dass die Rolle des Nutzers im medialen Kommunikationsprozess sich als der wesentlich neue Faktor etablieren wird.

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