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Alexis Tsipras im Bunde der Aufrührer


Samstag, 16. Juni 2012, 23:53 Uhr. Autor:

Die morgige Wahl in Griechenland wird zeigen, ob die dortigen Wähler die Macht von Alexis Tsipras (r.) stärken. Hier ist er Julian Assange (l.) zu vergleichen. Äußerliche Ähnlichkeit verbindet einen Hacker und Netz-Aktivisten („WikiLeaks“) mit dem Anführer der linken bisherigen Gewinner-Partei der Euro-Krise, „Syriza“.

Julian Assange - Alexis Tsipras

Fotos: Espen Moe / Joanna (CC)

Eine Menge Unwägbarkeiten sind mit der Griechenland-Wahl verbunden. Und in einem hat Tsipras Recht: Die Krise, von der seine Landsleute gebeutelt sind, hat mit Finanzmarkt-Akteuren und Transaktionen im globalen Geldverkehr zu tun. Die härtesten Konsequenzen treffen relativ Unbeteiligte in der ärmsten Bevölkerung. Das Geld von jenen zu holen, die es nahmen, bedürfte es aber prinzipiell internationaler Ermittlungen und Sanktionen – derzeit eine eher absurde Vorstellung.

Es ist ideologisch ganz naheliegend, dass Tsipras in Julian Assange ein Pendant hat. Im gobalen Datennetz – einem anderen Phänomen der Supranationalität wie den Börsengeschäften – ist Assange ein Robin Hood, ein Aufklärer, wenn man der Presse und einem autobiografischen Buch des WikiLeaks-Sprechers trauen darf. Tsipras muss auf reale Auswirkungen virtueller Buchungen reagieren und wendet sich dabei gegen hegemoniale Player. Assange hat prinzipiell dieselben Eliten im Visier, wenn er über das Netz Kriegsbilder oder interne Informationen aus geschützten Bereichen publiziert.

Oppositionelle wie diese beiden Männer bedeuten im Spiel der gesellschaftlichen Kräfte immer auch einen Test: Folgt die Bevölkerung einem Tsipras, der internationale Verträge ignorieren will und mindestens vorübergehend ein noch größeres Sicherheitsrisiko für Währung und sozialen Frieden bedeutet? Wie wirken sich die Enthüllungen von WikiLeaks tatsächlich aus? – Zu Letzterem ist zunächst anzumerken, dass die USA sich aus Kriegen zurückziehen und in Zukunft andere strategische Wege gehen wollen als jene, die zu einem gewissen Teil durch Sichtbarkeit im Internet diskreditiert sind.

Doch während wir noch kaum überblicken, wie solche Bewegungen in Politik und Netzkultur wirklich entstanden, wird eine Geschichte bereits zum Spielfilm: Steven Spielberg hat Rechte an Büchern über Julian Assange erworben.

Presseschau 3: Identifiziert und verwechselt


Freitag, 11. Mai 2012, 14:55 Uhr. Autor:

Gesichtserkennung greift auf die Werbewelt und den Umgang mit Konsumenten über.

  • 24.02.2012 – Werbung nur für Frauen. Ein Videowand-Prototyp an einer Londoner Haltestelle arbeitet mit Gesichtserkennung

Demgegenüber will ein Deutscher sein Gesicht der Produktwerbung preisgeben.

Der physiognomisch basierten Verwechslungen gab es in den vergangenen Wochen mehrere.

So geschah es auch der Piraten-Politikerin Jasmin Maurer aufgrund ihres früheren Internet-Nicknames „Satansbraut89“.

Für die Attraktivitätsforschung liegen Meldungen zu Schönheitschirurgie und Arbeitsmarkt vor.

  • 09.03.2012 – Star-Schnitt – Das perfekte Gesicht gibt es nicht. Oder besser: das perfekte Gesicht GAB es nicht. Bis heute.
  • 04.04.2012 – Risiko Eifersucht? Einer israelischen Studie nach sollten gut aussehende Frauen bei Bewerbungsschreiben besser auf ein Foto verzichten

Der plastischen Chirurgie ist einmal mehr das Kunststück einer Gesichtstransplantation geglückt.

Die projektive Wahrnehmung auf physiognomischer Basis hat zu einem abstrusen Kult um ein vergammelndes Stück Fastfood geführt.

De mortui … „Monkeys“-Sänger Davy Jones ist verstorben. Er ist uns mit neuralgischen Textzeilen im Gedächtnis: „And then I saw her face. Now I’m a believer.“

Dämonologie der Finanzkrise


Sonntag, 18. März 2012, 19:43 Uhr. Autor:

Die These mag erst einmal recht steil klingen – leider ist es notwendig, sie aufzustellen: Das Personal in Finanzwirtschaft und -politik, das die gegenwärtige Szene beherrscht, könnte auf eine besondere Weise ausgewählt worden sein. Die Hintergrundgremien, die seit Jahrzehnten Karrieren fördern und steuern, schließlich die Spitzenpositionen in Banken und Ministerien besetzen, spielen nicht nur mit den Regeln von Ökonomie und Macht oder der Würdigung besonderer Fähigkeiten. Machteliten in Politik und Wirtschaft bedienen sich auch der Ideologien und Symbole, die in jahrhundertealten Traditionen überliefert wurden: in Dämonologie und Apokalypse, schließlich im modernen Satanismus.

Das erste Themenheft zum „GesichterWissen“ beschäftigt sich mit den Vor-Bildern von Prominenten wie Ben Bernanke, Rainer Brüderle, Christine Lagarde, Giorgos Papandreou, Hank Paulson, Philipp Rösler, Herman Van Rompuy, Nicolas Sarkozy, Wolfgang Schäuble, Evangelos Venizelos, Axel Weber u. v. a. zum einen in der Überlieferung der okkultistischen Geheimbünde. Hier wird deutlich, dass die Rollen in diesem Welttheater gezielt besetzt worden sein könnten – nach physiognomischen Ähnlichkeiten mit Dämonenfiguren, denen in zahlreichen Kulturen immer wieder auch Funktionen für die Geldwirtschaft zugeordnet wurde, als Schatzmeister der Hölle oder wundertätiger Geist der zauberischen Wohlstandsvermehrung. So zeigt es – ausführlicher als der Video-Trailer zum Heft – eine satirisch inspirierte Kurz-Dokumentation als „tagesschau 2021“:

Zum anderen werden in dem neu erschienenen Heft auch die physiognomischen Bezüge zur Organisierten Kriminalität aufgezeigt. Die Geschichte von Wirtschaft und Finanzwesen brachte in den letzten Jahrzehnten nicht nur immer wieder selbst Kriminelle hervor, die mit systemischen Absurditäten schnell reich wurden und dann tief abstürzten. Darüber hinaus ist es möglich, dass unsichtbare Hände in elitären Gruppierungen auch vermeintlich unbescholtene Ämter mit Personen besetzten, die durch ihr Äußeres auf das verweisen, was in der Kritik ihrer Handlungen gern als Halb-Metapher verwendet wird: Mafia, Ponzi-Schema, Trickbetrug.

Es steht zu befürchten, dass die Errichtung einer „Neuen Weltordnung“ begleitet wird von einem infamen Spiel der Karriereförderung. Und diese hat sehr reale Konsequenzen für unsere Gesellschaft: die katastrophale Verschuldungsspirale, die mit aktuellen und kommenden Euro-Krisen auch Deutschland existenziell bedroht; die Erosion von Sozialsystemen und die Einschränkung von Arbeitnehmerrechten; die eklatante Verschiebung der Reichtumsverhältnisse zugunsten von Kapitalbesitzern und ihren Finanzdienstleistern.

Wer die damit verbundenen Machtstrategien und Bedeutungen verstehen will, muss sich auch um das physiognomistische Spiel kümmern, das hierbei die öffentliche Bilderwelt zu einem Spielort der Dämonen macht. Dies zu wissen ist das Recht eines jeden, der den Wohlstand schöpft, der mit herbeigemogelten Gesetzen, Buchungstricks und Bankgeheimnissen an wenige Einzelne umverteilt wird. Zumal christliche Politiker und Pastoren, die Bundespräsident wurden, müssen sich einmal wieder an das Buch erinnern, auf das sie sich berufen: „Sehet euch vor, daß wir nicht verlieren, was wir erarbeitet haben, sondern vollen Lohn empfangen.“ (2. Johannes 1,8)

Frontal 1+1=2


Samstag, 10. März 2012, 22:10 Uhr. Autor:

Die Website des ZDF-Magazins „Frontal 21“ wartet heute mit einer Bildkombination auf, die das Casting-Prinzip des Senders veranschaulicht. Groß als Aufmacher wird die Moderatorin Hilke Petersen gezeigt. Klein am linken Rand wird dann für die relativ neue Krimiserie des Freitagabends geworben, „Die Chefin“, mit Katharina Böhm in der Titelrolle.

Moderatorin Hilke Petersen und Schauspielerin Katharina Böhm

Screenshot: zdf.de, 10.03.2012

Hier sehen wir, wie das große Muttergesicht der Bildschirme im aktuellen Programmsortiment designt ist: Die Krimi-Darstellerin wird zur Wiedergängerin der Polit-Moderatorin. Solche formalen Bedingungen sind vielleicht bedeutsamer, als es zunächst scheinen mag. Inhaltlich sind viele solcher Produktionen ja mittlerweile recht neutralisiert. Orientierungsfunktion bieten auch solche eher unbewussten Effekte, die über Wiedererkennung ein heimeliges Gefühl erzeugen. Denn weder Geschichten können in einer unübersichtlicher werdenden Welt dauerhafte Orientierung bilden, noch können Polit-Magazine glauben machen, sie würden reale Interventionsmöglichkeiten aufzeigen und bieten.

So sehr, wie Sendungen wie „Frontal 21“ immer wieder für sich in Anspruch nehmen, „kritisch“ zu sein, lenken sie auch die Aufmerksamkeit und die Empörung von Bürgern in dafür vorgesehene Bahnen – nicht dahin, wo es einer kleinen Zahl von Personen irgendwie unangenehm werden könnte.

In den vorfindlichen Berichten zur Besetzung von Hilke Petersen wird’s denn auch gleich ganz gruselig: Da wird sie als „Süddeutschen Zeitung“ (20.02.2009) als „attraktive Notlösung“ beschrieben. Ihr Vorgänger, Theo Koll, habe nach acht Jahren Tätigkeit für das Format lieber die Hauptredaktion Aussehnpolitik leiten wollen.

Dies- und jenseits des Regenwaldes


Mittwoch, 1. Februar 2012, 19:01 Uhr. Autor:

Der eine sabotierte Bulldozer, die unsere Lebensgrundlagen vernichten. Der andere stellt seine Schauspielkünste in den Dienst allzu leichter Musen. Die Lebensläufe von Daniel McGowan und Dirk Bach könnten kaum unterschiedlicher sein.

Screenshots: BBC/ITVS et al. / RTL, 13.01.2012

Dafür eint diese beiden Männer ein physiognomisches Schema. Besagt dies noch mehr als den biologischen Zufall?

Ich glaube, ja. McGowan kennt hierzulande wohl kaum jemand. Man findet so schnell keine deutschsprachige Quelle zu seiner Person. Die Wikipedia-Einträge zur Biografie und zur „Operation Backfire“ liegen nur auf Englisch vor. Im Archiv von „Spiegel Online“ herrscht zu beiden Suchbegriffen Schweigen. Das dürfte Programm bzw. Propaganda sein. McGowan war ein Ökoterrorist, dem man keinen Raum geben will. Man steht mit anderen im Bunde.

Im Rahmen der „Operation Backfire“ wurden McGowan und andere aus den Gruppierungen „Earth Liberation Front“ (ELF) and „Animal Liberation Front“ (ALF) vom FBI verhaftet. Die Anklage lautete u. a. auf Brandstiftung und Verschwörung. Näheres zu den Terrorakten immerhin auch hier auf Deutsch. Personenschaden entstand bisher nach diesen Quellen nicht. Anschlagsziele waren u. a. Ski-Resorts, für die Waldrodungen durchgeführt worden waren, und Autohäuser für Geländewagen. McGowan verbüßt seit 2007 eine siebenjährige Haftstrafe und wurde zur Zahlung von 1,9 Mio. $ verurteilt.

2011 wurde von PBS eine spielfilmlange Dokumentation zu McGowan und seinen Aktivitäten ausgestrahlt: „If a Tree Falls – A Story of the Earth Liberation Front“ (R: Marshall Curry / Sam Cullman), dem die obige Abbildung entnommen ist. International lief er bisher nur auf einigen Festivals. Spenden für McGowan kann man hier.

Nun noch einmal zur deutschen (Medien-)Realität. Im Fall Dirk Bach lassen sich andere Aktivitäten im Kontext Wald beobachten: Die noch besser als „Dschungelcamp“ bekannte Show „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ (RTL), die im australischen Regenwald gedreht wird, erreichte schon etwas mehr Zuschauer als die „Operation Backfire“, wie am 30.01.2012 Carsten Heidböhmer im „stern“ berichtet:

Zwar konnte der Kölner Sender nicht ganz die Rekordquoten des Vorjahres erreichen, als durchschnittlich 7,62 Millionen Zuschauer die Ekelshow sahen. Es blieben aber immer noch über sechs Millionen Menschen abends spät wach. Insgesamt erzielte das Format einen Marktanteil von mehr als 30 Prozent, an einigen Abenden lag RTL sogar über 40 Prozent in der jungen Zielgruppe.

Einen Daniel hatte die RTL-Redaktion auch für Bachs Wald-Abenteuer gewinnen können: den Musiker Daniel Lopes, dessen Erfolge nach der RTL-Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ 2002/03 überschaubar blieben. Auch beim „Dschungelcamp“ reichte es nur für die erste Runde.

Neben diesem ist es ein anderer ‚Zufall‘ des Lebens, dass ein sachbeschädigender Widerstand gegen Naturzerstörung zu langjährigen Gefängnisstrafen führt. Wer, wie Bach, um den halben Globus jettet, um über ein erklärt unwürdiges Reality-Drama tuntenzickige Sottisen zu verbreiten und zwischendurch zugegebenermaßen komisch zu gucken, hat seine Chancen auf ein Loft in der Kölner Südstadt hingegen deutlich erhöht.

Das Thema Regenwald interessiert also nicht nur die jüngere Zielgruppe von RTL in der Größenordnung von 6-7 Mio. Zuschauern. Aber gab es dazu nicht noch eine andere Betrachtungsweise? Fragt man „Google“, erscheinen zu „Regenwald Rodung“ mehrheitlich ältere Zeitungsmeldungen. Neben einzelnen Abmilderungen bleibt die Gesamttendenz kritisch, wie „regenwald.org“ weiß:

Die Regenwälder werden weiter rasant gerodet. Nach Angaben der Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) wird JEDE SEKUNDE weltweit eine Waldfläche vernichtet, die der Größe eines halben Fussballfeldes entspricht.

Die Bäume werden demnächst wohl auch verstärkt für Dirk Bachs Langstreckenflüge gefällt, wenn das Erdöl knapp wird – man braucht Ölpalmen, die die Welt nicht braucht.

So bleibt es einstweilen dem Web 2.0 vorbehalten, das auszusprechen, was eigentlich permanent auf der Tagesordnung steht. Twitterer Cyberdroid vermerkt am 29.01.2012:

Bei Google Earth den brasilianischen Regenwald zu erkunden lässt mein Herz bluten.

Wir wünschen RTL und seinem Star also weiterhin bombigen Erfolg, solange es irgendwie geht. Haben Sie schon gewählt?

Zettls böser Traum


Mittwoch, 18. Januar 2012, 19:26 Uhr. Autor:

Das Bild des gestrandeten Kreuzfahrtschiffs „Costa Concordia“ zeigt in diesen Tagen ein gescheitertes nautisches Manöver mit Todesfolge für bisher elf Passagiere. Der Hergang der Ereignisse ruft bei Beobachtern unbeantwortete Fragen hervor, so bei Fabian Reinbold im „Spiegel“ (18.01.2012):

Das Verhalten des Kapitäns der “Costa Concordia” wird immer rätselhafter. Stand Francesco Schettino in der Unglücksnacht einfach unter Schock – oder unter Drogen?

Der „Focus“ weiß in einem Artikel vom 17.01.2012, der Kapitän habe

eigenmächtig die gefährliche Route viel zu nahe an der Küste gewählt haben, um seinem von der Insel stammenden Oberkellner Antonello Tievoli die Möglichkeit zu geben, Giglio zu grüßen.

Hier ist es also eine deplatzierte heimatverbundene Geste gegenüber der Insel Giglio, die der Auslöser gewesen sein soll. In einem weiteren Artikel vom selben Tag heißt es außerdem:

„Was mich am meisten schockt, ist, dass der Kapitän fast den ganzen Abend mit einer wunderschönen Frau in den Armen an der Bar saß und getrunken hat“, sagte die Passagierin der Zeitung.

Hier deutet sich eine Moral der Geschicht’ an: Sie entspräche einem klassischen Kanon der Frau als Verführerin, die den Helden vom rechten Weg abbringt, eine Art mediterraner Loreley.

Im Blog „Schall und Rauch“ fragt Autor Freeman „Ist die Costa Concordia ein Omen für die EU?“ (18.01.2012) und erinnert an das Datum Freitag, 13. Januar, an dem das Unglück geschah. Dies lässt ihn eine aktive Täterschaft des Kapitäns erwägen, die in symbolischer Kombination mit einem abergläubisch besetzten Datum stünde:

Wusste er Bescheid und war das sein Auftrag?
Fragen über Fragen. Ich glaube ja nicht an diese mystische Interpretation, aber die Parallelen sind schon sehr interessant.

Wir werden sehen, ob diese mysteriöse „wunderschöne Frau“ noch einmal irgendwo in den Berichten auftaucht, ob sie demzufolge vernommen wurde und ob man nachforscht, welche Rolle sie in dieser Tragödie gespielt hat. Ob es vielleicht in ihrem Fall einen „Auftrag“ gegeben haben kann.

Treffend wohl auch für die erotische Eskapade des Kapitäns der „Costa Concordia“ lautet die Überschrift eines Interviews im gedruckten „Spiegel“ (Nr. 3 / 2012): „Macht und Sex, darum geht’s“. Regisseur Helmut Dietl wird zu seinem neuen Film „Zettl“ befragt. Die „Spiegel“-Website warb am 17.01. für die Print-Ausgabe im direkten Umfeld der Unglücksnachricht für das Interview zum Filmstart:

Screenshot: Spiegel, 17.01.2012

So fällt zunächst nicht auf, was bemerkt werden kann, wenn Dietl en face und nicht, wie hier, im Profil, zu sehen ist: eine Schema-Ähnlichkeit zwischen Kapitän und Regisseur. Der eine hat gerade ein Schiff mit mehrfacher Todesfolge versenkt, der andere bringt einen neuen Film in die Kinos.

Ausschnitt/Screenshot: Der Spiegel, 16.01.2011 / Focus, 17.01.2012

In „Zettl“ geht es – so die Überschrift in der Web-Annonce – um „Die Amigo-Republik“. Der Film ist eine Satire auf Machtgier in der deutschen Hauptstadt.

Dietl und sein Co-Autor Benjamin von Stuckrad-Barre kümmern sich also um genau jene Klientel, die im Zentrum von Verschwörungstheorien steht, und der „Amigo“-Begriff wird ja für eine hemdsärmelige Variante geheimer Netzwerke und von Korruption verwendet.

Das Schiff, das dort vor der italienischen Insel havarierte, trägt den Namen einer Göttin, die die Tugend der Eintracht verkörpert. Diese ist natürlich stark verletzt mit einem Stoff, der in Zeiten des Guttenbergens und der Wulffiaden dem Vertrauen in die Mächtigen unseres Staates noch den letzten Rest geben will, wie auch die Einleitung zum Dietl-Interview bemerkt:

[…] eine hysterische Welt ohne Moral und Skrupel, in der Politik und Medien miteinander mauscheln und in der nichts so uninteressant ist wie die Frage, welche Politik eigentlich die richtige ist.
Der Zeitpunkt für solch einen Film könnte kaum besser sein.

Die etablierten Medienöffentlichkeiten wundern sich also fortgesetzt über das scheinbar Unerklärliche (tödliches Risiko wegen eines Grußes?) oder den aussagekräftigen vermeintlichen Zufall (dieser Film gerade jetzt?). Ob die Verbindung vom Satiriker zum schippernden Unglücksraben wirklich nur rein mystischer Art ist, werden wir vorerst nicht erfahren. Aber sie macht Sinn.

Update 1, 19.01.2012: “Concordia”-Schiffsführer – Mysteriöse Frau beim Kapitän auf der Brücke (Der Spiegel)

Update 2, 19.01.2012: Blondine sollte letzte Ansage an Passagiere machen. Rätsel um die Blondine Domnica Cemortan und Kapitän Schettino: Sie reiste wohl als blinde Passagierin mit. Schettino spricht von einer geheimnisvollen Moldawierin. (Die Welt)

Update 3, 20.01.2012: Unglücksschiff war Filmkulisse für Jean-Luc Godards „Film Socialisme“

Update 4, 01.02.2012: Domnica Cemortan im Interview:

Update 4, 02.02.2012: „Costa Concordia“-Katastrophe – Affäre des Kapitäns: „Ja, ich liebe Schettino“ („Bild“)

Update 5, 07.03.2012: Argumente für eine okkulte Codierung der „Costa Concordia“-Katastrophe durch die Illuminati als Video:

Alles für die Ganovenehre


Sonntag, 15. Januar 2012, 21:55 Uhr. Autor:

Das DVD-Cover zu Wolfgang Staudtes „Ganovenehre“ (D 1966) verwendet zwei Routinen der Gesichter-Rhetorik:

DVD-Cover: Studiocanal

Da sind Helen Vita und Karin Baal als Figuren nebeneinander gestellt. Ihre Gesichter sind schemaähnlich, wobei dasjenige Vitas etwas länglicher ist. Staucht man ihr Bild in der Höhe, kommt sie der Baal noch näher. (Zur damaligen Zeit hat man das bei der Besetzungsplanung vielleicht veranschaulicht, indem man ein Foto aus einem spitzen Winkel ansah. Heute ist dies eine einfach zu bedienende Funktion im Bildbearbeitungsprogramm, „Skalieren“.) Währenddessen zeigt Ilse Pagé mit einer Zigarette auf Curt Bois’ Antlitz, der im Profil zu sehen ist. Kombiniert werden also Gegenüberstellung und Zeigegeste.

Der Film zeigt die Berliner Rotlicht-Szene in boulevardesker Weise. Das kommt nicht so dicht daher wie in anderen Arbeiten Staudtes. Im äußerst trivialen Tag- und Nachbetrieb des Bordells sind die peinlichen Situationen, Bäumchen-wechsel-dich-Spiele, ramdösigen Streitereien und das überkandidelte Chargieren der Selbstparodie (des Genres) schon mehr als nah.

Der historische Werberatschlag der „Atlas Film“ auf der DVD verspricht „[e]ine Geschichte aus ‚gewissen Kreisen‘“ und „eine Schauspielerelite, die sich sehen lassen kann“, ja, einen „Film, der notwendigerweise ein Erfolg werden muß“.

Wulffogramm 2: Autoren-Casting und Soli-Löschung


Donnerstag, 12. Januar 2012, 16:42 Uhr. Autor:

Im medialen Ganzkörperteppich wurde die salbadernde Debatte um Bundespräsident Christian Wulff unlängst um zwei Maschen weitergestrickt: Der vor einiger Zeit vom „Spiegel“ zur „Berliner Zeitung“ des Springer-Verlags gewechselte Reinhard Mohr ist bei seinem neuen Arbeitgeber offensichtlich auf den ihm artverwandten Wulff abonniert (siehe „Die B.Z.-Analyse zur Präsidentenwahl“, 29.06.2010). (Die öfters lesenswerten Texte Mohrs beim „Spiegel“ gehören damit, zugunsten von Gesichterzirkus, der Vergangenheit an – besser so für die Menschen hinter den Gartenmauern mit den Überwachungskameras dran. Ein denkender Kopf weniger, ein Freiwild mehr für das Objektiv.)

In einer Fotomontage wird der neueste Artikel („Lohnt sich aussitzen, oder nicht?“, 09.01.2012) aus dieser physiognomischen Retorte mit Autor und Hauptfigur des Textes garniert:

Eine Zwischenüberschrift in Mohrs Artikel lautet: „Das immer gleiche Muster“.

Ausgerechnet mit der Löschung seines Facebook-Profils will zudem Hape Kerkeling gegen den öffentlichen Umgang mit Wulff protestieren, wie meedia.de berichtet (10.01.2012). Hierin heißt es von Seiten des Managements des Komikers, „das Profil sei ‚rein privat‘“ (Hervorheb. D. H.). Auch das kann man fazial verstehen …

Man sieht, wie über die unfreiwilligen Verwandtschaften auf visueller Ebene ebenso Zuständigkeiten mitbestimmt werden könnten, wie in diesem Fall auch Nachrichten als solche – bewusst oder unbewusst – aus dieser Art von Verwandtschaften entstünden.

Wulffogramm 1: Lobby-Spam à la carte


Dienstag, 10. Januar 2012, 17:11 Uhr. Autor:

Als Nachtrag zu Wulffs zwei großen Gs nimmt uns „Spiegel Online“ vom 10.01.2012 die Illustrationsarbeit ab:

Anschauen und einfach genießen!

Die nun insinuierte Lobby-Arbeit durch Wulffs Freund, den Filmproduzenten David Groenewold, mit der Zahlung von 10.000 Euro an Karl Hugo Pruys für dessen Buch „Christian Wulff – Deutschland kommt voran“ (2006), bestätigt die These einer physiognomistischen Matrix, in die das Staatsoberhaupt unrettbar verstrickt zu sein scheint.

Wie in einem narzisstischen Spiegelkabinett oder wahlweise wie auf dem Weg des Heiligen Antonius, dem die verbotenen Früchte blühen, scheinen um ihn die Geldbündel von Bäumen der Verkennung gewachsen zu sein.

Die Filmografie Groenewolds liest sich in Auswahl auf inhaltlicher Ebene wie das auf Jahre geplante foreshadowing jenes PR-Desasters, dem wir nun beiwohnen – Katastrophen und Buddietum in Serie:
Männer wie wir (2004)
Crazy Partners (2005)
Vollgas – Gebremst wird später (2005)
… More Than 1000 Words (2006) [and perhaps about 10.000 euros, Erg. D. H.]
Die ProSieben Märchenstunde (2006)
Ein Familienschreck kommt selten allein (2006)
Verschleppt – Kein Weg zurück (2006)
Bumm! (2006)
Schwere Jungs (2007)
Das Inferno – Flammen über Berlin (2007)
Kein Bund fürs Leben (2007)
Friendship! (2010)

Was sich hier (wie im Fall der Finanzierung von Buch-Anzeigen für Wulff durch Carsten Maschmeyer) andeutet, würde einmal mehr Marktliberalismus und freien Wettbewerb als Worthülsen bestätigen: Texte, die keiner braucht, werden via konzentrierter Marktmacht im Publikumsinteresse hochgepimpt oder gaukeln Kommentar vor, wo bezahlte Werbung stattfindet.

Glaskugel für die Bundespolitik


Sonntag, 8. Januar 2012, 19:33 Uhr. Autor:

Die Ko-Etablierung von Karl-Theodor zu Guttenbergs Physiognomie durch das massenmwirksame RTL-Programm mit Dieter Bohlen (wie hier bemerkt) bestätigt sich im Layout von „Spiegel Online“ am 08.01.2012: In der rechten Spalte an prominenter Stelle wird zunächst Bohlen wegen seiner neuen Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“, dann zu Guttenberg wegen der rasch auf seine Flucht in die USA folgende neuerliche Andeutung einer bundespolitischen Funktion für die CSU platziert:

Screenshot: Spiegel Online, 08.01.2012

Am selben Datum präsentiert „Welt Online“ als eine der Top-Nachrichten, dass SPD-Chef Sigmar Gabriel der CDU-Bundeskanzlerin Angela Merkel angeboten habe, gemeinsam einen überparteilichen Kandidaten als Nachfolger für den angeschlagenen Budnespräsidenten Christian Wulff zu suchen. Die Bildredaktion der Website wählt dafür ein Foto, das Merkel und Gabriel gemeinsam zeigt:

Screenshot: Welt Online, 08.01.2012

Durch ihre Handgeste verweist die Kanzlerin auf ihren Nebenmann. Und sieht man sich das Binnenschema der beiden genauer an, ahnt man, dass wir hier eventuell die Doppelspitze einer großen Koalition sehen, die spätestens nach der Bundestagswahl 2013 die Regierung übernehmen wird.

Es bestätigt sich an solchen Beispielen, was Oliver Nachtwey in der „taz“ (08.01.2012) zu Slavoj Žižeks Diagnose der politischen Gegenwart referiert:

Vor ein paar Jahren hat er geschrieben, das Paradox des Individuums im liberalen Kapitalismus sei, dass uns suggeriert werde, wir hätten immer und überall die Wahl.
Doch letztendlich stünde nichts Substanzielles zur Entscheidung, wir könnten nur für Cola oder Pepsi votieren. Das gelte auch für die Demokratie, die ihrem Wesen nach heute eine “konstitutionelle Demokratie” sei: Der Bürger habe zwar formell die freie Wahl, aber seine Funktion bestehe nur noch darin, das zu unterzeichnen, was ihm von den politischen Eliten – als Sachzwang – unterbreitet wird. Zizek ist deshalb ein Gegner der liberalen Demokratie, nicht weil sie demokratisch ist, sondern weil Demokratie nur simuliert werde.

Der Grund, warum Žižek in allen Gazetten herauf und herunter, wie leider auch hier, mit immer denselben Beispiele aus seiner Argumentation zum „Elvis der Kulturtheorie“ erklärt wird, dürfte leider auch darin bestehen, dass er sich mit konkreten Ausführung dazu, worin diese Wahl- und Alternativlosigkeit in ihrer ganzen Bandbreite besteht, zurückhält.

Update 02.02.2012: Jakob Augstein schreibt heute im „Spiegel“:

„Die SPD war in Klausur. Sitzungsthema: die Bundestagswahl im kommenden Jahr. Als die Genossen fertig geredet hatten, hat Sigmar Gabriel gesagt: “Es geht nicht um einen Wahlkampf gegen Kanzlerin Merkel.” Nur zur Erinnerung: Der Mann ist Parteichef der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands.

Update 10.03.2012: Laut „abendblatt.de“ (20.01.2012) kehrt zu Guttenberg auch 2013 noch nicht in die Bundespolitik zurück.