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Erläuterungen zum GesichterWissen

Die Erkennung von Gesichtern wird zunehmend von Computerprogrammen automatisiert. Ob in der biometrischen Erkennung von Passfotos oder in Suchalgorithmen von „Google“ oder „Facebook“ – Ähnlichkeit als Ordnungsprinzip nimmt in seiner Bedeutung für die Wahrnehmung öffentlicher und nicht-öffentlicher Bildwelten zu.
Doch einerseits bleibt die menschliche Sicht individuell. Und andererseits stößt die Formalisierbarkeit im Umgang mit Fotografien immer noch an Grenzen: Position, Beleuchtung und andere ‚Ungenauigkeiten‘ lassen die Maschinen dem menschlichen Auge und Gehirn bisher unterlegen sein. Wer zu Ähnlichkeiten und ihrer Bedeutung für visuelle Gestaltung und soziale Verhältnisse argumentieren will, muss sich immer noch ab einem bestimmten Punkt auf die menschliche Urteilskraft berufen.
Die hier versammelten Informationen sollen dem Konzept von GesichterWissen einen methodischen und wahrnehmungspsychologischen Rahmen geben.

 

Zur Vorgehensweise

Die hier rechts aufgeführten Schemata sind weniger zur unmittelbaren Anwendung als zur Illustration eines kognitiven Vorgangs gedacht. Es wäre möglich, mit diesem oder einem detaillierteren Katalog eine Klassifizierung von Porträts vorzunehmen. So wäre zumindest eine Vorsortierung möglich; oder es könnten Ergebnisse von Wahrnehmungstests daraufhin überprüft werden, ob sie relativ groben verallgemeinerbaren Kriterien entsprechen. An dieser Stelle können diese Patterns zunächst nur veranschaulichen, von welchen Grundformen ausgehend in Veröffentlichungen des „GesichterWissens“ in den meisten Fällen Zuordnungen vorgenommen wurden. Darüber hinaus ist noch auf eine weitere formale Bedingung hinzuweisen: Es kommt in einer nennenswerten Zahl von Fällen zu einer Anreihung von Beispielen aufgrund des Binnenschemas eines Gesichtes. Dabei tritt in der äußeren Kopfform eine nennenswerte Abweichung auf, die entsprechend den Kategorien 1/2 nicht zur Beiordnung eines Individuums zu einem anderen geführt hätte.

Auch andere Features von Gesichtern betreffend, finden sich in Reihungen des Projekts Abweichungen von einem hochgradigen Doppelgängertum. Von einem Bild zum nächsten sollte sich jedoch z. B. nicht mehr als ein Feature (hier repräsentiert in den Arten von Patterns) ändern.
Die oben erwähnten Ungenauigkeiten von Abbildungen führen im menschlichen Umgang mit diesen zu einer relativ unwägbaren Varianz: Gesichter werden nach Vorwissen (zu der gezeigten oder einer anderen Person) unbewusst zu einem ‚brauchbaren‘ oder erkennbaren Bild ergänzt. Dementsprechend existieren, verallgemeinert gesagt, ‚innere Bilder‘ oder ‚Vorstellungen‘, die anhand einer sichtbaren Phänomenalität erinnert und empfunden werden. Psychologische Forschungen haben solche Bedingungen von Gesichtswahrnehmung zu definieren und zu differenzieren.

 

Wahrnehmungspsychologie

In der Geschichte der Psychologie folgten mehrere Schulen der Theoriebildung zur visuellen Wahrnehmung aufeinander, die z. T. parallel existierten und gegenwärtig ebenfalls Teil einer ganzen Bandbreite von Methoden sind.
Eine wesentliche Einteilung kann man zwischen physiologisch und visuell-formal orientierten Ansätzen vornehmen. In der zweiten Kategorie ist für die Moderne zunächst wesentlich die Gestalttheorie zu nennen. Mit ihr begann um 1900 die auf ein Phänomen wie Gesichter eingegrenzte experimentelle Forschung, da sie aufgrund von Selbstäußerungen der Probanden vorgenommen werden konnte und keiner weitergehenden Messverfahren bedurfte.
Unter Verwendung der Elektroenzephalografie (1929ff.) konnten im Anschluss daran erste Bestimmungen der Aktivierung bestimmter Gehirnareale durch äußere Sinnesreize vorgenommen werden. Diese Beobachtungsmethode wurde – da sich physisch invasive Technologien zumindest für das menschliche Gehirn von selbst verbieten – von den derzeit avanciertesten Technologien bildgebender Verfahren etwa auf Basis von Magnetresonanztomografie weiterentwickelt. Derzeitiger Kenntnisstand ist, dass es ein zerebrales Zentrum der Gesichtswahrnehmung in der Großhirnrinde des Schläfenlappens gibt („Gyrus fusiformis“), das unter Beteiligung der Amygdala reagiert. Daneben zeigen noch andere Areale relevante Reaktionen.

 

Geschichte der Gesichtskultur

Physiognomik existiert als Wissensdisziplin in den meisten bekannten Hochkulturen im christlich wie islamisch geprägten Kulturraum. Zu den in Europa bekannten frühen Quellen zählen in der griechischen Antike die Tiervergleiche bei Aristoteles, die aus solchen Ähnlichkeiten auf das Wesen menschlicher Individuen zurückschließen. Diese Idee wurde in der Renaissance von Giambattista della Porta aufgenommen. Zu den Gründungstexten der neuzeitlichen Physiognomik zählen die Veröffentlichungen des evangelischen Pfarrers Johann Caspar Lavater im 18. Jahrhundert, die den Widerspruch Georg Christoph Lichtenbergs hervorriefen. Das Betrachten von Porträts – häufig in Form von Silhouetten, denen eine besondere Aussagekraft nachgesagt wurde – wurde in den wohlhabenden und gebildeten Ständen zu einer Modeerscheinung.
Das 19. Jahrhundert brachte eine Verwissenschaftlichung solcher Betrachtungsweisen mit sich. Die Phrenologie (Schädelkunde) wurde etwa von Franz Joseph Gall formalisiert und erfuhr in Österreich ein staatliches Verbot, das Gall ins Exil trieb. In Italien versuchte Cesare Lombroso, den ‚typischen Verbrecher‘ anhand äußerer Merkmale zu bestimmen. Diese Tendenz fand in Frankreich zur Jahrhundertwende eine Resonanz bei Alphonse Bertillon, der die erste umfangreiche Verbrecherkartei auf Basis von Fotografien und eines eigenen Systems der Anthropometrie anlegte. Dementsprechend ging es hier schwerpunktmäßig um den Erkennungsdienst und erst nachrangig um eine Schulung des polizeilichen Auges für ‚typische‘ Merkmale eines Verbrechers.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist – unter dem Einfluss der seit dem 19. Jahrhundert verstärkten ethnologischen Forschungen – die Entwicklung zur Rassentheorie wesentlich, die im US-amerikanischen Raum mit William Zebina Ripley einsetzte. Im deutschsprachigen Bereich wurde Hans Friedrich Karl Günther am bekanntesten, dessen Werke in der Zeit des Nationalsozialismus hohe Auflagen erreichten. Zeitgleich erlebte der Begriff „Physiognomik“ eine starke Konjunktur in der Kultur- und Gesellschaftstheorie, so etwa bei Georg Simmel, Oswald Spengler oder Ernst Jünger.
Nach den Gewaltexzessen des Zweiten Weltkriegs, die z. T. in Berufung auf rassentheoretische Argumente entstanden, waren physiognomistische Methoden empirischer Wissenschaften und von Kulturtheorien im öffentlichen Diskurs nachhaltig diskreditiert.
Erst seit den 1990er Jahren rückten technische und programmseitige Fortschritte in der automatischen Bildverarbeitung mit elektronischen Systemen das Thema physiognomischer Ähnlichkeit wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein, so in den USA bei Woody Bledsoe, in Deutschland durch Christoph von der Malsburg. Forschungen wie jene des Psychologen Paul Ekman arbeiten darüber hinaus an Kriterien für die Wahrnehmung von Ausdruck, die z. T. auch in eine Formalisierbarkeit durch Computerprogramme überführt werden.
Außerdem legten Psychologen wie Vicki Bruce und Neurophysiologen wie Kalanit Grill-Spector oder Nancy Kanwisher Studien auf Basis von Tests und bildgebenden Verfahren vor, die genaueren Einblick in die Verarbeitung von Gesichtswahrnehmungen durch das menschliche Gehirn erlauben.

 
Links zu Seiten mit zahlreichenden weiterführenden Informationen zu den angesprochenen Themen und Personen versammeln die Web-Ressourcen).

 

Schematische Grundlagen der Gesichtserkennung

 
1 – Grundform des Kopfes

2 – Kieferknochen

3 – Augenform

4 – Augenstellung

5 – Brauenform

6 – Grundform der Nase

7 – Nasenspitze

8 – Mundform