Geschichtslügen der „Welt“ zu #Hitler und Zweitem Weltkrieg

An einem Absatz aus Sven Felix Kellerhoffs Artikel „Warum Hitler den USA den Krieg erklärte“ („Die Welt“, 10.12.2016) lassen sich Hauptfehler einer vorherrschenden Geschichtsversion aufzeigen. Es ist schon erschütternd, wie eine renommierte Presse-Institution ihr zahlendes Publikum hinters Licht führt – und man fragt sich, warum Leser sich das bieten lassen. Sie finden doch schon mit ein paar der richtigen Suchbegriffe im Internet, erst recht in unabhängigen Buch-Publikationen, weitaus validere Informationen.

Es sind späte Ausläufer eines Propaganda-Kriegs, der in Deutschland 1945 begonnen und seitdem nicht aufgehört hat. Eine vermeintlich ‚freie‘ und ‚demokratische‘ Presse verbreitet ein bruchstückhaftes bis lügnerisches Bild realer Ereignisse und Personen.

Kellerhoff schreibt:

Ohne Zweifel war der im Prinzip europäische Krieg Deutschlands gegen Großbritannien und die Sowjetunion durch Japans Angriff auf die USA zum Weltkrieg geworden. Damit hatte zwar das „internationale Finanzjudentum“ nichts, aber auch gar nichts zu tun – wie auch, denn so etwas gab es gar nicht. Aber in Hitlers Wahnwelt mochte die Kriegserklärung gegen die USA konsequent erscheinen.

Fast in jedem Satzteil schlummert hier die Irreführung. Natürlich beginnt es mit dem heiklen Begriff eines „internationalen Finanzjudentums“, den der „Welt“-Autor zuvor einer berühmten drohenden Reden-Passage Hitlers entnimmt. Kellerhoff behauptet nun apodiktisch, es habe „so etwas […] gar nicht“ gegeben.

Was ist der Inhalt einer solchen Behauptung? Was wäre ein solches „internationales Finanzjudentum“ überhaupt?

Eine der zentralen Geschichtslügen der letzten Jahrzehnte geht hiervon aus: Über Jahrzehnte hatte in Westeuropa die Rothschild-Familie das Bankengeschäft dominiert und war zur zeitweise offiziell reichsten Familie der Erde avanciert. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts verliert sich diese Spur. Bis heute ist relativ unklar, wo und unter welchen Decknamen ihr Vermögen verblieb (wenngleich ihr Einfluss über Beteiligungen nachweislich und erkennbar andauert). In den USA als um 1900 noch aufstrebender neuer Weltmacht hatten die Rothschilds – aufgrund der vielfachen Anfeindungen und Verschwörungstheorien gegen sie – wesentlich über Strohleute agiert, um selbst nicht mehr im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen.

Jacob Schiff
(1847-1920)

Als der wichtigste Strohmann ist Jacob Schiff zu nennen, dessen Vater Rothschild-Banker gewesen war und dessen Familie sich mit den Rothschilds in der Frankfurter Judengasse das Wohnhaus geteilt hatte. Es wurde nie offiziell bestätigt, dass Schiff im Auftrag der Rothschilds handelte, aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass er es nicht tat. Durch ihn wurde nach seiner Auswanderung das Bankhaus „Kuhn, Loeb & Co.“ an der Wall Street ab 1875 allem Anschein nach zur machtvollen Agentur der Rothschilds.

Wer dies weiß, kann die wesentlichen Entwicklungslinien sehen, die uns verdeutlichen, dass etwa in Schiff als jüdischem Vertreter der Hochfinanz auch ein Förderer politischer Konflikte, Umstürze und letztlich großer Kriege vorstellig wurde.

Und das ist dann der rhetorische Trick, den Kellerhoff – wie alle anderen Mainstream-Autoren – verwendet, um die eigentlichen Ereignisse zu verschleieren: Die Rede von einem „internationalen Finanzjudentum“ lässt sich nach aktuellem deutschem Recht schnell als eine Volksverhetzung einordnen, da die religiöse Gruppierung der Juden pauschal beschuldigt wird. Das ist in der Tat sachlich nicht richtig – aber es ist auch nur teilweise relevant, wenn es um die Identifizierung Verantwortlicher und Mächtiger geht.

W. Averell Harriman
(1891-1986)

Ein zentraler Propaganda-Trick dürfte es zunächst sein, die noch während des deutschen Nationalsozialismus offen angesprochenen Rothschilds gänzlich aus der Geschichtsschreibung herauszuhalten. Und, wie wir sahen, ist auf ihre Machtstrategie nur über eine sehr wahrscheinliche persönliche Verbindung zu schließen, was Jacob Schiff betrifft. Von ihm sowie Kuhn, Loeb & Co. gehen dann die wesentlichen Allianzen aus, die für die Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus an erster Stelle prägend wurden:

  • Förderung der und Allianz mit den Rockefellers (Übergang vom Ölhandel in die Macht im Bankensektor; anschließende weltweite diplomatische Arbeit, federführend durch David Rockefeller)
  • Begründung der Verbindung mit der Eisenbahn-Dynastie Harriman durch finanzielle Förderung (Einbindung der Familie Walker Bush, aus der später zwei US-Präsidenten hervorgingen; Fusionen im Bankensektor über „Brown Brothers Harriman“ u. a. mit der Rockefeller-Linie; W. Averell Harriman als Diplomat)
  • Prescott Bush
    (1895-1972)

  • Dazu seit dem 19. Jhd. ergänzende Verbindungen der Rothschilds mit dem um 1900 mächtigsten Bankhaus J.P. Morgan (trotz öffentlicher antisemitischer Äußerungen von dessen Namensgeber und mancher vordergründiger Konkurrenzen einzelner genannter Akteure).

Kellerhoff schreibt nun von einem „Krieg Deutschlands gegen Großbritannien und die Sowjetunion“. Das stimmt sozusagen nur zur Hälfte. Die aktuellen Initiativen zum Beginn der Feldzüge, die schließlich als der Zweite Weltkrieg bezeichnet wurden, lassen sich im Hitler-Regime verorten. – Der Propaganda-Trick der Alliierten, den noch Kellerhoff an seinen Lesern zu exerzieren versucht, ist das organisierte Verschweigen historischer Vorentwicklungen sowie in der zweiten bis dritten Reihe Beteiligter. Man ersieht daran, dass es sich schlichtweg um unhistorisches Denken handelt – kein Ruhmesblatt für einen Fachjournalisten und die verfälschten Standards jener Geschichtswissenschaften, mit denen er sich einverstanden erklärt.

John Pierpont Morgan
(1837-1913)

Als wesentliche zu ergänzende Faktoren sind zunächst zu nennen:

  • In Hitlers persönlicher Wahrnehmung verblieb – auch durch Bestätigung aus Großbritannien mit der dortigen faschistischen Bewegung und der Boulevard-Presse des Lord Rothermere – über die längste Zeit die Hoffnung einer möglichen dauerhaften Allianz mit England. Dabei wurde die gemeinsame Frontstellung gegenüber dem bolschewistischen Russland angenommen. (Die Frage ist dabei auch, wie geheim- und psychopolitisch diese Wahrnehmung Hitlers noch begünstigt wurde.)
  • Mit Churchill setzte sich auf der englischen politischen Szene ein Politiker durch, der seit seiner Kindheit den Rothschilds verbunden war, auch sonst offensichtlich Rothschild-Interessen vertrat sowie mit diesen durch Heiraten schließlich verwandtschaftlich verbunden war.
  • Die Finanzierung der späteren Kriegsgegner Deutschland, England und Russland wird von revisionistischen Autoren wohlbegründet mit derselben Banken-Clique um Rothschild, Schiff und J.P. Morgan in Verbindung gebracht (siehe dazu den jüdischen Verschwörungstheoretiker Henry Makow, Tilman Knechtels Erläuterungen zu Thesen von Antony Sutton u. v. m.).

Die von Kellerhoff & Co. vollkommen ausgeblendete Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs besteht in diesen Netzwerken der Großbanken unter wesentlichem Einfluss der Rothschilds.

Und „Japans Angriff auf die USA“? Hat Kellerhoff wenigstens hier einen historischen Moment korrekt benannt, der nicht beeinflusst von etwas war, das er mit dem unpräzisen Begriff eines „internationalen Finanzjudentums“ als nicht-existent vorgaukelt? – Die Antwort lautet leider eindeutig: Nein.

Eine wesentliche Maßnahme zur Hinführung auf das Szenario „Zweiter Weltkrieg“ dürfte schließlich im Fernen Osten wiederum die Beihilfe Jacob Schiffs gewesen sein. Sicher muss man eine Website wie den „Occidental Observer“ (gleich zitiert vom 12.04.2011) als rechtsorientiert einstufen. Allein – ist seine Wiedergabe der Historie dazu irgendwo sachlich falsch?

Jacob Schiff finanzierte die japanische Seite zu seinen Lebzeiten. Auch das ansonsten ebf. von US-amerikanischer Seite respektive Wall-Street-Clique um Morgan und Rockefeller geförderte kommunistische Russland wurde später von Japan aus weitergehend unter Druck gesetzt. Dazu war das machtpolitische Bewusstsein des Inselstaates – anfänglich eben durch Schiffs Unterstützung – künstlich und letztlich trügerisch verstärkt worden.

Nevertheless there was one important source of money which greatly contributed to the Japanese cause — the loans from the Jewish activist banker from New York: Jacob Schiff. Schiff was the point man in what might be termed the Jewish foreign policy of the period: Hostility toward Russia because of its treatment of Jews. The entire organized Jewish community throughout Europe and America actively opposed Russia. For example, in America in 1911, the American Jewish Committee, led and financed by Schiff, successfully advocated the abrogation of a trade agreement with Russia over the veto of President Taft.

Schiff’s loans effectively tilted the balance in favor of the Japanese, which could literally buy time to sustain the land war and meanwhile defeat the Russian navy at sea. The Russian defeat shook the Empire to its foundations and revolution was in the air. The Japanese on the other hand had a boost of self-confidence, being the first non-White modern nation to defeat a European superpower both on land and at sea. By defeating the Russians in Manchuria the Japanese blocked further Russian expansion in the Far East and opened up perspectives for their own imperial schemes, especially in China. One could say that the Russo-Japanese war unleashed Japanese imperialism which would ultimately lead to the bombing of Pearl Harbor in 1941.

The Japanese were well aware of the contribution of Jacob Schiff to their war effort and bestowed many honors on him.

Im unmittelbaren Vorgang des Zweiten Weltkriegs war Japan wiederum abhängig von Rohstoffen und Technik-Importen des gegnerischen Blocks, an erster Stelle der USA, wie „The Asia-Pacific Journal“ (09.09.2012) es darstellt:

Japan’s primary source of raw materials like petroleum and scrap iron for its war in China, and of high-end technology like machine tools was the United States. In 1938 the United States (57.1 per cent), the United Kingdom and its empire (Malaya, Canada, India, Australia, 20.7 per cent), and the Dutch and Dutch East Indies (8.6 per cent) supplied 86.4 per cent of Japan’s imported war materials.

In den 1930ern setzte sich etwa der Morgan-Mann Thomas Lamont nachhaltig für Japan – wie auch das faschistische Italien – ein (siehe „Executive Intelligence Review“, 11.06.2004). Rockefeller und Morgan unterstützten hier teilweise gegensätzliche Positionen („Mises Institute“, 11.01.2011). Vielleicht kennt jemand noch eine bessere Quelle dafür, dass Morgan den japanischen Eintritt in den Zweiten Weltkrieg förderte, um sich mit den dortigen Dynastien Iwasaki und Dan Kriegsprofite zu teilen („A Nation Beguiled“, 15.03.2016).

Hinzu kommt schließlich die Person Hitler. „Hitlers Wahnwelt“ nennt Kellerhoff verkürzt, was als Psychogramm über Jahrzehnte historischer Betrachtung kaum genügend ausgearbeitet wurde – weder im Hinblick auf einen bisher wenig bekannten Okkultismus noch betreffs der daran beteiligten Personen und internationalen Verbindungen. (Dies sind Hauptaspekte meines Buches „Saturn Hitler“.)

Erst durch alle genannten Faktoren – teils über Jahrzehnte durch erkennbare Aktivitäten genannter und noch weiterer Beteiligter herbeigeführt und aufgebaut – konnte schließlich jene explosive Gesamtsituation entstehen, die Kellerhoff lediglich den „im Prinzip europäischen Krieg Deutschlands gegen Großbritannien und die Sowjetunion“ und „Japans Angriff auf die USA“ zu nennen vermag.

Dass dabei auch traditionelle und nicht wesentlich von ‚äußeren Faktoren‘ beeinflusste Umstände eine Rolle spielten, versteht sich von selbst. Nicht alles wird von genannten Verschwörern vollkommen kontrolliert. Doch sehr vieles wird von ihnen beeinflusst – und verläuft eine Entwicklung nicht in ihrem Sinne, sind stets anschließende neue Initiativen erkennbar, doch den eigenen Interessen zum Erfolg zu verhelfen.

Man muss es leider so sagen: Was Kellerhoff & Co. aufführen, ist ebenso beschämend wie starrsinnig. Es erfüllt nicht die Ansprüche an eine differenzierte Betrachtung der Geschichte und die Informationspflichten einer unabhängigen Presse. Es ist, wie hier eindeutig gezeigt, ein weiteres Beispiel abgestandener Propaganda, nach 1945 lediglich im Dienste neuer Herren.

Jeder, der sich dazu berufen fühlt, kann meine Darstellung hier in Kommentaren gerne kritisieren. Bisher lautet die Erfahrung, dass in einer neuerlich faschistoiden und obrigkeitshörigen Art und Weise eine gleichberechtigte Diskussion relevanter Sichtweisen auf die Geschichte in Deutschland systematisch unterdrückt wird. Allen „Lehren aus der Geschichte“, allen Idealen von „Demokratie“, gar einem „herrschaftsfreien Diskurs“ ansonsten ständig abgefeierter abstrakter Theorien etwa eines Jürgen Habermas wird damit Hohn gesprochen. Beschämend ebenso, wenn Vertreter solcher abstrakter Theorien es scheinbar kaum zu erkennen, geschweige denn zu fördern vermögen, wenn ihre abstrakten Forderungen tatsächlich eingelöst werden. Sie sind dadurch lediglich Wiederaufführungen von Bigotterie, die sie an Feudal- oder faschistischem Führerstaat ständig nur aus historischer Distanz und dabei zunehmend ritualisiert bekritteln.

Es macht für mich auch wenig Sinn, hier noch ‚diplomatisch‘ oder zurückhaltend zu formulieren. Die Farce so mancher 68er-Position besteht heutzutage nicht mehr nur in Verweigerung von Kommunikation, sondern sogar offenen Akten der Aggression und Unterdrückung Andersdenkender. (Leider laufen alle größeren Initiativen politischen Protestes sehr schnell Gefahr, infiltriert und demontiert zu werden – dies sei hier nur noch am Rande angemerkt, um dieses Schreckbild einer Scheindemokratie vorläufig abzurunden.)

Ein wachsender Teil jenes Publikums, das dem Dauerfeuer immer gleicher Geschichtsklitterungen durch Kellerhoff u. a. ausgesetzt ist, beginnt zu einem nun späten Zeitpunkt, sich von diesen Institutionen des Betrugs abzuwenden. Hoffen wir, dass die nächsten Kriegs-Szenarien, die mit den hier benannten Entwicklungslinien angelegt sein können, trotz eifriger Beihilfe unserer Presse und Wissenschaft noch abgewendet werden.

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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