Quotenschwund vorprogrammiert

Am 30.06.2010 fand sich im Programm der ARD ein gutes Beispiel für unsere kleine Reihe „Falsch gesendet“. Ein Blick auf die Einschaltquoten zeigt, wie exakt ein Thema der Öffentlichkeit weitgehend entzogen werden kann, wenn man es nach einer Zeitgrenze am Spätabend programmiert:


Die Programmangebote bis zum Hauptabend mit einem ausführlichen „Brennpunkt“ und „Hart aber fair“ kreisten wesentlich um die Wahl des Bundespräsidenten. Hier war die Berichterstattung notwendigerweise auf Stimmungslagen und Einzelstimmen angewiesen. Die divergierenden Ansichten waren im vorhinein klar, auch die Möglichkeit, dass sich das Wahlprozedere durch knappen Ausgang hinzog. Statt Zuschauer komprimiert über etwas zu informieren, dessen Verlauf diese zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht mehr verändern konnten, ging auch hier die Tendenz zu einer Zeitdehnung und dem rein situativen Reagieren auf Ereignisse, um irgendwie ‚dabeizusein‘ und ein Endergebnis langwierig abzuwarten – ein allgemeiner Trend, der oft konzise Arten der Reportage verdrängt und sonst v. a. für Nachrichtensender charakteristisch ist.

An den Rand eines solchen Sendeschemas gedrängt folgte in der ARD am 30.06.2010 dann die Dokumentation „Die jüdische Lobby – Spurensuche in Amerika“ von Uri Schneider. Wie auch immer man diese beurteilt – „The American Israel Public Affairs Committee“ (AIPAC), über die im deutschen Fernsehen selten berichtet wird, stand zugunsten einer neu gegründeten, eher linksgerichteten Lobby-Organisation zurück –, sie behandelt ein prinzipiell wichtiges Thema.

Der Absturz der Quote ist hier besonders auffällig: Von 3,17 Mio. Zuschauern der aktuellen Talksendung mit Frank Plasberg blieben nach 23.25 h nur noch 850.000 übrig.

Auf anderen Sendern war man schon früher zu ganz anderen Themen übergegangen. Super RTL erfreute mit Michael Jacksons „Moonwalker“ und „Diana – Ihre letzten Tage“. Ab 23.45 h war man auf Das Vierte schon bei „Heiße Girls“ angekommen.

Für das Weltgeschehen galt deshalb auch an diesem Abend ein Ausspruch der Hauptfigur aus „Hollow Man – Unsichtbare Gefahr“ (kabel eins, 20.15 h): „Who will know?“

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Daniel Hermsdorf

Verleger, Autor, Journalist bei filmdenken.de - Medienkritik, Verschwörungstheorie und Physiognomik

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