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Dynastien 1 – einmal von und zu Guttenberg und zurück (bitte)

Am 22.11.2010 findet ein Medientrend der letzten Monate in der ARD seine Fortsetzung: die vorzeitige Verkanzlerung des Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg, derzeit Bundesverteidigungsminister. Nun ist ein yellow-press-Format an der Reihe: „Deutsche Dynastien – Die Guttenbergs“ (Hier in der ARD-Mediathek).

So werden ‚Leitbilder‘ im kollektiven Unbewussten implementiert. Die „Dynastien“-Sendung arbeitet am ideologischen Überbau: die adlige Familie, seit dem 12. Jahrhundert aktenkundig, als sympathische Bagage zwischen politischer Verantwortung und Bodenständigkeit, Musikalität und Gefühlsseligkeit.

Zentrales Ablenkungsmanöver von gesellschaftlicher Relevanz ist die Orientierung der Berichterstattung an des Ministers Vater, dem Dirigenten Enoch zu Guttenberg. Dessen von Kommentar und interviewten Familienmitgliedern als recht radikal geschilderte Ansichten zu Umweltzerstörung und deren Bekämpfung wecken zunächst Sympathie. Der zweite Sohn, Philipp Franz Freiherr von und zu Guttenberg, Präsident der „Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände“, bemerkt dazu etwa: „… ich sehe die Dinge vielleicht ähnlich schwarz, aber ich versuche, sie nach außen nicht zu vermitteln.“ Konkret geht es dann im Off-Kommentar um „Orkan Lothar“, der „große Waldflächen rund ums Schloss zerstört“ habe. Dann des 1973 geborenen Präsidenten Frage: „Wie können wir unsere Wälder dem Klimawandel, also den sich verändernden Klimabedingungen … Wie können wir dem gerecht werden?“ Sein Vater bemerkt ebenfalls sehr allgemein, „dass wir in eine Katastrophe unausdenkbaren Maßes mit Vollgas hineinfahren“.

Dass Umweltschutz eine Sache jedes einzelnen ist, dass unsere Kultur stark umweltschädigende Gewohnheiten pflegt und dass Industrieinteressen (u. a. mit hohen Gewinnen für wenige Einzelne, die dieser Tage eine neue Adelskaste bilden) und ihre Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch Medien hierfür die wichtigsten Ursachen sind – all dies kommt in solchen Reden nicht vor. Was dies weitergehend bedeutet, ist an dieser Stelle nicht diskutierbar. Zurück bleibt – wie so oft – eine diffuse Angst, die einerseits (auch eigenes Engagement) letztendlich lähmt, andererseits eine vor dem Hintergrund der Sachaussagen irrationale Flucht in Optimismen, wie sie – bezeichnenderweise ohne plausible Begründungen – dann ausgerechnet ein Mitstreiter Enoch zu Guttenbergs, Hubert Weinzierl, Präsident des „Deutschen Naturschutzrings“ (DNR), proklamiert: „Die Welt ist viel zu schön, als dass man sie kaputtgehen lässt, und wenn wir nur ein paar Tage noch retten, dann hat sich’s auch gelohnt.“

Zur weiter zurückreichenden Familiengeschichte wird in „Deutsche Dynastien“ nichts Näheres vermittelt. Wer hierzu eine Veröffentlichung zu Rate zieht, die die Bezeichnung „Journalismus“ noch verdient, bemerkt, dass ein solcher Fernsehbericht Zuschauer in einer merkwürdigen Art desinformierter Betäubung zurücklässt. Die Rede ist von dem lieferbaren Buch „Ihr da oben – wir da unten“ (1973) von Bernt Engelmann und Günter Wallraff. Hier gibt es mehrere Kapitel aus der Feder beider Autoren, die es zu lesen lohnt.

So schreibt Engelmann über jene Guttenbergschen, die

jahrhundertelang über die ländliche Bevölkerung Ober- und Mittelfrankens geherrscht haben – natürlich „von Gottes Gnaden“, jedoch unter gleichzeitiger Anwendung jener sehr strengen irdischen Gerechtigkeit, die nun einmal unumgänglich ist, wenn sich Leute, die als einfache Räuberhauptleute angefangen haben, als etablierte Bosse dauerhaften Respekt verschaffen wollen.
(S. 203)

Mehr Raum als der aktuelle Verteidigungsminister erhält in „Deutsche Dynastien“ auch sein namensgleicher Großvater, der aufgrund seiner Tätigkeit als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeskanzleramt für die CSU im Zeitraum von 1967-69 als politischer Heros hingepinselt wird. Seine letzte Bundestagsrede bezeichnet der Off-Kommentar als „ein glühendes Bekenntnis zur Freiheit für alle Deutschen“, durch weitere Interviews als aufopferungsvolle Handlung eines von Krankheit schwer Gezeichneten charakterisiert.

Ein Kapitel von Wallraff zeigt hingegen die Lebenswirklichkeit eines Barons, der über seine zahlreichen Besitztümer zeitweise nicht einmal den Überblick behielt. Die Schilderungen unwürdiger Arbeitsverhältnisse unter seiner Federführung sollte man in „Ihr da oben – wir da unten“ selbst nachlesen. Ein Beispiel zu den Lehrlingen in „Baron“ von und zu Guttenbergs Hotel in Bad Neustadt:

Mit Arbeit wird bei ihnen nicht gegeizt. So durfte z. B. ein 17jähriger Lehrling im vergangenen Jahr innerhalb eines Monats neben seiner täglichen Arbeitszeit von 8 bis 14.00 Uhr und von 17 bis 22.00 Uhr darüber hinaus noch 43 Überstunden ableisten, für die er 43 x 1,50 bekam. Vier Monate lang hatte er keinen freien Samstag. […] Das Gesinde darf es nicht stören, daß die Belüftung, falls man es so nennen kann, aus den danebenliegenden Toiletten erfolgt.
(S. 212)

Verständlich, dass man sich in der nächsten Generation aus solchen Widersprüchen von Sonntagsrede und Schinderei erstmal in die Refugien der schönen Künste zurückzog. Aber auch hier nimmt die Sonntagsrede, nun bei Vater Enoch, kein Ende:

„Wir leben heute in einer Zeit, wo die großen Werke immer mehr zu einem abrufbaren Konsumgut, äh … wenn Sie wollen: sogar herabgestuft werden – und man oft die Inhalte vergisst, warum manche Werke komponiert worden sind.“

Und abermals lässt Fernsehberichterstattung bzw. die Selbstinszenierung einer auf fragwürdige Weise gesegneten Sippe keine Frage zu, was denn der Grund für eine solche ‚Herabstufung‘ sei. Sind es vielleicht Praktiken der Vermarktung, die u. a. die einen reich und die anderen dumm machen? – Eine Frage wohl, die im vom eigenen Düftlein beseelten Schlosse kaum aufkommt. „Deutsche Dynastien“ weiß zur Finanzsituation der Familie nur zu bemerken, dass sie ihr Vermögen in eine Stiftung eingebracht habe, fragt aber nicht etwa nach steuerrechtlichen Implikationen. Vater Enoch erwähnt zudem einen Verzicht Karl Theodors auf das Erbe, um als Politiker „völlig frei“ sein zu können. Bis er dort angekommen war, machte ihn ja sein angeborener Reichtum frei.

Begnadete Rhetorik („die Inhalte […], warum manche Werke komponiert worden sind“) klang schon an. Auf der Website des Bertelsmann/RTL-Nachrichtensenders „n-tv“ kann man bei Till Schwarze nachlesen, was seit dem letzten Bundestagswahlkampf immer wieder die öffentliche Berichterstattung über den Minister zu Guttenberg bestimmt – hier am 31.05.2010 mit Blick auf möglichen Ersatz für den zurückgetretenen Bundespräsidenten Horst Köhler:

Rhetorisch begabt, schneidiges Auftreten, klare Worte – wo sonst sind die Begabungen für das Amt des Präsidenten so zahlreich vorhanden.

Da ist ein fehlendes Fragezeichen ausnahmsweise mal ein i-Tüpfelchen. Den endgültigen Beweis für eine Renaissance der politischen Rede liefert der neueste Polit-Baron in „Deutsche Dynastien“ aber zu einer ganz privaten Frage:

„Dass meine Mutter Mutter ist, und das ist etwas, was … mir so ungemein wichtig ist, nachdem wir nicht … im im Haupt… in der Hauptsache bei unsrer Mutter aufgewachsen sind und sind trotzdem diese Rolle mit unglaublich großer Kraft und äh und dem, was man Gott sei Dank ja Liebe nennen darf, eben auch ausgefüllt hat. Und das ist ein größeres Geschenk kann man von seiner Mutter kaum bekommen.“

Presse-Kommentare an anderer Stelle bemerken zu dieser Produktion des Bayerischen Rundfunks etwa, sie sei „blaublütig-schwer und ein bisschen zu bewundernd“ ( „Der Tagesspiegel“, 21.11.2010). Der Autor dieses Artikels, Thomas Gehringer, hat seinen Wallraff wohl gründlich gelesen:

Kritische Stimmen hat [Eckhart] Querner keine gefunden. Wahrscheinlich gibt es sie nicht angesichts dieser Musteradelsfamilie. […]
Der Herr Minister sieht wie immer blendend aus und weiß seine Worte zu wählen. […]
Es sind dennoch allemal interessante, kantige Köpfe, diese Guttenbergs. In der Art, über die Familientradition zu reden, enthüllt sich Stolz, aber auch die Last, die die nachfolgenden Generationen damit zu tragen hatten.

Im „Focus“ verwechselt Autor Joachim Hirzel Fernsehkritik mit einer Nacherzählung plus Anmoderation und wirkt, als müsste er seinen Salär bei Markwort noch durch Hagiografie für die Schlossbewohner aufbessern:

Möglicherweise ist es das, was den Verteidigungsminister so beliebt sein lässt bei den Deutschen. Dass sie spüren, dass er sich nicht anbiedert. In der Politik nicht jeder neuen opportunistischen Volte folgt. Sondern einen eigenen Kompass hat, der ihm eine souveräne Richtung vorgibt.

Subtiler der Artikel von Claudia Tieschky in der „Süddeutschen Zeitung“ (22.11.2010), die nach einem Hinweis auf den Boulevard-Stil zwar auch wesentlich referiert, aber schließlich die verantwortliche BR-Redakteurin Sabine Scharnagl erwähnt, die als Tochter des „früheren Chefredakteur des CSU-Organs Bayernkurier“ selbst eine (süd)deutsche „Dynastie“ verkörpere.

Der Status der Guttenberg-Sippe und ihre primären und sekundären Hofberichterstatter sind also in der Ausblendung von Historie und Kontexten ein gutes Beispiel für einen Neofeudalismus, wie er – ob mit Titel-Lametta vergangener Zeiten oder nicht – immer mehr Platz greift. Dazu gehören auch Tatsachen wie jene, dass ein angeheirateter Onkel des Verteidigungsministers, Franz Ludwig Schenk Graf von Stauffenberg, mit Hilfe seines Schwiegervaters, Karl-Theodor d. Ä., 1969 für die Rüstungsfirma Krauss-Maffei Aufträge zur Herstellung des „Leopard“-Panzers für das dem Baron sympathische spanische Franco-Regime generieren konnte (vgl. Engelmann, S. 208f.).

Auch wenn zur Genealogie des Verteidigungsministers der Widerstandskämpfer Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg zählt, der 1945 von der Gestapo ermordet wurde – in solchen Panzern sterben andere.

Mit Dank an M.B. für das Buch von Engelmann/Wallraff

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Eine Antwort

  1. “Zentrales Ablenkungsmanöver von gesellschaftlicher Relevanz ist die Orientierung der Berichterstattung an des Ministers Vater, dem Dirigenten Enoch zu Guttenberg.” – und er dirigiert noch vom Grabe aus und hilft mit, wo er kann, so hier:
    Uneingeschränkte Solidarität mit Dr. zu Guttenberg!